Spiegelkind trifft Peggy Steike

Wort trifft Bild und wird zum Sinnbild für Spiegelkind

Eine Malerin – Ein Buch – Eine Autorin – Eine magische Begegnung

Kaum haben wir das Jahr 1913 und damit den magischen Sommer des Jahrhunderts verlassen so werden wir auch schon von einer Dimension des Buches eingeholt. Florian Illies hatte uns die Tür zu bedeutenden Malern des beginnenden 20. Jahrhunderts geöffnet und vieles über ihre Beweggründe und Ziel erzählt. Vielen dieser Malern – besonders jedoch den Vertretern der abstrakten Form dieser bildenden Kunst standen wir bis zu diesem Buch sehr skeptisch gegenüber. Dieses Bild hat sich gewandelt. Wir haben begonnen, zu verstehen.

Nun ist dies nicht unser erster Kontakt zur Malerei. Bei unserem Schreiben Gegen das Vergessen von Holocaust und Genozid sind wir der „Politischen Malerin“ Peggy Steike begegnet, die mit ihren unvergleichlichen Bildern das gleiche Ziel verfolgt. Ein gemeinsamer Artikel in Wort und Bild entstand auf diesem Wege:

Peggy Steike - Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

Peggy Steike – Malerin gegen das Vergessen

„Ihre Bilder sind Schreie, die jede Zeit überdauern – Schreie der Einzelnen, die einst im Kollektiv der hilflosen Masse in den sicheren Tod gehen mussten – Kindliche Schreie der Einsamkeit nach der gewaltsamen Trennung von Vater und Mutter – Schreie des Schweigens im Angesicht der menschenverachtenden Macht… 

„Peggy Steike rüttelt an uns… sie greift mit ihren Bildern auf unsere tiefsten Gefühle zu…“ 

Bei einem Besuch in ihrem Atelier wurde aber schnell klar, dass dies nur eine Dimension ihres Schaffens ist. Neben den Bildern verfolgter und gedemütigter Menschen erschafft sie Portraits ihrer Tochter, Gemälde von Tieren und Landschaften und viele weitere bildliche Impressionen – sie weisen den Weg zu einer Künstlerin, die ihr Herz in vielschichtiger Form in die Hand zu nehmen vermag, um Emotionen auszudrücken oder sich einfach selbst ein Bild vom Leben zu machen.

Als wir dann in aller Tiefe Alina Bronskys Jugendbuch Spiegelkind lasen, mussten wir an vielen Stellen an Peggy Steike denken, da die Botschaft dieses Romans eine tragfähige Brücke aus dem Bereich der Fantasy in unser reales Leben schlägt. Was passiert, wenn man einer Tochter sagt, dass ihre Mutter verbotenes getan hat? Was passiert, wenn die Mutter unversehens von der Bildfläche verschwindet und was passiert, wenn man der Tochter die letzten Lebensbeweise der Mutter nimmt? Würde nicht jedes Mädchen zur Furie werden und die Fackel des Protests durch ihr Leben tragen?

So ist es im Roman Spiegelkind. Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch nur Juli selbst nimmt Anstoß daran. Die einzige Erinnerung sind ihre Bilder. Julis Mutter war eine begeisterte Malerin und in jedem Zimmer des Hauses finden sich ihre Werke. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser besonderen Bilder. Es zeigt ein Haus in einem Wald – malerisch, verträumt und beruhigend. Jeder Blick auf das Bild ist eine Flucht aus dem Alltag und regt die Fantasie zum Träumen an. Manchmal scheint sich ein Detail auf dem Bild zu verändern und man könnte denken, den Wind oder Stimmen zu hören. Einbildung – aber eben eine schöne Einbildung für das junge Mädchen.

Und diese Bilder werden nun im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Das ganz normale Leben wird zu einem immer kleiner werdenden Gefängnis. Das normale Spiegelbild ersetzt die Fantasie…. Und Juli begreift immer mehr: Die Werke ihrer Mutter gelten als „verbotene Kunst“. Sie sind zu vernichten und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen.

Ein Bild verbindet Bücher

Ein Bild verbindet Bücher

Sieht man die Gemeinsamkeiten nicht auf einen Blick? Fallen dem Leser da nicht alle Schuppen aus den geneigten Augen? Auch Peggy Steike ist Mutter (und welch Zufall – ihre Tochter trägt den gleichen Vornamen, wie die Autorin von Spiegelkind) und in den meisten Zeitfenstern des vergangenen Jahrhunderts wären ihre Bilder definitiv verboten gewesen – entartet – politisch gefährlich – und damit wäre auch sie selbst vom herrschenden  System beiseite gefegt worden.

Und heute? Ist nicht das Malen gegen „RECHTS“ gefährlich? Ist nicht jedes Ausstellen ihrer Kunstwerke riskant und gleichsam mutig? Und was würde Alina tun, wenn man ihr erklärte, dass die Werke der Mutter vernichtet werden müssten? Was wohl?

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Stellung beziehen ist immer mit Mut verbunden

Spiegelkind ist ein absolut großes Jugendbuch mit einer unfassbar intensiven Botschaft. Uns haben die Bilder bewegt – uns hat der Vergleich bewegt und wir konnten keinen anderen Weg gehen, als Peggy Steike und Spiegelkind zusammenzubringen.

Nicht zum ersten Mal haben wir Kreise geschlossen, die es vorher gar nicht gab. Nicht zum ersten Mal beobachten wir nun Dinge, auf die wir in gewisser Weise mehr als stolz sind. Peggy Steike und Alina Bronsky stehen miteinander in Kontakt und nicht nur das. Peggy Steike würde wohl kein Buch rezensieren – sie würde wohl keinen Artikel schreiben (obwohl sie dies natürlich könnte) – aber sie hat eine andere Art auszudrücken, wie sehr ihr „Spiegelkind“ gefallen hat und was der Roman in ihr ausgelöst hat.

Die Hütte im Wald - Peggy Steike - Inspiriert durch Alina Bronsky - Spiegelkind

Die Hütte im Wald von Peggy Steike – Inspiriert durch Alina Bronsky

Sie hat die Hütte auf dem Bild in Julis Zimmer gemalt. Und zwar in einer solchen Art und Weise, dass jedem Leser Hören und Sehen vergehen muss vor lauter Freude. Es ist die Hütte – mit dem Geschirrtuch und dem Futternapf für die Katze – die Hütte, die sich immer ein wenig verändert, wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen…..

Könnt ihr es sehen? Alina Bronsky schrieb auf Facebook zu diesem Bild: „Peggy Steike hat mir in den Kopf geschaut“. Alina hat diesen Blick durch ihr großes Buch zugelassen und Peggy Steike hat wohl die emotionalste Rezension des Jahres gemalt.

Gemeinsam gehen wir den Weg auch in die Fortsetzung und freuen uns auf „Spiegelriss“. Und was ist mit dem Bild, werdet ihr fragen. Es ist auf dem Weg zur Autorin. Peggy hat es sorgsam verpackt und die blühende Pflanze dorthin geschickt, wo der Samen des ersten Gedankens gesät wurde. Zu Alina Bronsky. Diese Geschichte musste erzählt werden… Wahrhaftig…

Ein Bild geht auf Reisen

Ein Bild geht auf Reisen

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als eine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Was bitte kann Malerei mehr bewirken, als einen solchen Ruf der Zeit zu reflektieren? Wort und Bild im Schulterschluss. Wir danken fürs Lesen….

Und sofort nach Veröffentlichung des zweiten Teils „Spiegelriss“ erschien auch schon unsere Buchvorstellung:

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