Das Echo der Geschichte. Das Echolot (Walter Kempowski)

Das Echolot von Walter Kempowski sendet Signale

Das Echolot von Walter Kempowski sendet Signale

„Wenn die Welt noch Augen hat, zu sehen, wird sie, um es in einem Wort zu sagen, in ‚Echolot‘ eine der größten Leistungen der Literatur unseres Jahrhunderts erblicken.“ (Frank Schirrmacher)

Ein Echolot sendet konstante Schallwellen aus, um am entstehenden Echo Wassertiefen zu bestimmen. Gemessen wird hierbei die Zeit, die zwischen der Aussendung des Impulses und der Ankunft der vom Gewässerboden reflektierten Schallwellen verstreicht. Walter Kempowski gab seinem epochalen Projekt eines kollektiven Tagebuches bezeichnenderweise den gleichen Namen. Die Jahre 1941 bis 1945 wollte er für die künftigen Generationen in einer gigantischen Kollektion von Tagebucheinträgen, Briefen und offiziellen Dokumenten von Zeitzeugen aller Länder und sozialen Schichten zum Klingen bringen.

Kempowski wollte ein Echo erzeugen, auch wenn die Zeit zwischen ausgehendem Signal und reflektierter Welle immer länger zu werden scheint. Auch wenn der Impuls immer undeutlicher zu uns zurückgeworfen wird. Kempowski ist mit seiner Kollektion ein einzigartiges Meisterwerk gelungen. Tageweise lesen wir uns durch das dunkelste Kapitel der Weltgeschichte und erleben unkommentiert die Tagebuchaufzeichnungen von Künstlern, Soldaten beider Seiten, sich sorgenden Müttern, verzweifelten Vätern, abgestumpften Politikern und verzweifelten Insassen von Konzentrationslagern.

Das Echolot von Walter Kempowski erzeugt ein zeitloses Echo

Das Echolot von Walter Kempowski erzeugt ein zeitloses Echo

Kempowskis Mosaik erstreckt sich über die entscheidenden Jahre des Zweiten Weltkrieges und ist allein schon in seiner Dimension eines der reichhaltigsten Archive der damaligen Zeit.

Das Echolot. Januar und Februar 1943. 4 Bände
Das Echolot. Fuga furiosa. Winter 1945. 4 Bände
Das Echolot. Barbarossa ’41.
Das Echolot. Abgesang ’45.

WIR dürfen uns ein Bild machen. Kempowski selbst enthält sich jeglicher subjektiven Wertung – er beschränkt sich auf die Auswahl der Textstellen und erzeugt dadurch mehrere Handlungslinien innerhalb seiner Kollektion. Das hierdurch gezeichnete Bild zeigt uns erstmals, wie der deutsche Soldat vor Leningrad dachte und was die belagerte russische Hausfrau am gleichen Tag zitternd vor Kälte und Hunger auf der Gegenseite notierte. Ursache und Wirkung vereinen sich zu einem Mosaik des Grauens und lassen uns umso spürbarer den Schrecken des Krieges empfinden.

Diese Signale reichen durch die Zeit und Kempowski ist mehr als nur ein kollektives Tagebuch gelungen. Er hat ein Echolot geschaffen, das die Jahrhunderte überdauern wird und in seiner Einzigartigkeit Täter und Opfer gleichermaßen zu Wort kommen lässt. Wir müssen nur lauschen – wir müssen uns nur ein wenig zurücklehnen und warten – die Signale von einst erreichen uns und wir stehen in der Verantwortung, sie nicht ungehört verhallen zu lassen.

Das Lesen dieser Tagebucheinträge macht nachdenklich und die Wirkung bleibt nicht aus. Das darf sich nicht wiederholen – dieser Satz steht über allem. Und dieses Echo habe ich für mich persönlich aufgenommen und einzelne Textstellen gesammelt, weiter recherchiert und meine Gedanken und Bilder in ein kleines ledergebundenes Notizbuch eingetragen.

Die Lehren von einst und Hoffnungen von heute

Die Lehren von einst und Hoffnungen von heute

Die Lehren aus der Vergangenheit haben Bestand und der Vergleich mit unserem Leben sorgt dafür, dass sich bestimmte Botschaften und Rufe für immer verfestigen.

Ich wollte mir diese Unterschiede bewusst machen. Ich wollte bewusste Vergleiche ziehen, um mir selbst zu verdeutlichen, dass wir täglich ein Signal mehr verstanden haben, ohne zu vergessen, wer für die Reflektion verantwortlich war.

Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Diese Tagebucheinträge befinden sich im kleinen braunen Notizbuch:

Das Tagebuch der Tanya Sawitschewa

Das Tagebuch der Tanya Sawitschewa

Tanya Sawitschewa war 11 Jahre alt, als sie begann im von der deutschen Wehrmacht belagerten Leningrad Tagebuch zu führen. 11 Jahre alt. Neun Seiten hat sie geschrieben – neun Seiten, die uns nichts anderes vermitteln als unsägliches Mitleid mit diesem Kind.

Shenja starb am 28.12. um 12 Uhr vormittags 1941.
Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942.
Leka starb am 17.3. um 5 Uhr vormittags 1942.
Onkel Wasja starb am 13.4. um 2 Uhr nach Mitternacht 1942.
Onkel Ljosha am 10.5. um 4 Uhr nachmittags 1942.
Mama am 13.5. um 7.30 vormittags 1942.
Alle sind gestorben.
Nur Tanya ist übrig geblieben.

Tanya starb am 1.7.1944 in Krasni Bor an Erschöpfung. Ihr Tagebuch ist ein in Stein gemeißeltes Mahnmal und ein ewig schallender Ruf in unsere Zeit, Kindern ein anderes Leben zu ermöglichen.

Tanya nicht vergessen und bewusst anders leben

Tanya nicht vergessen und bewusst anders leben – Lena

In dem kleinen Buch für meine Tochter Lena ist eine ihrer eigenen Tagebuchseiten aus dem Jahr 2008 eingeklebt.  Einerseits, um niemals zu vergessen was jener kleinen Tanya damals passierte und andererseits um uns stets vor Augen zu halten, was das Leben heute bedeutet. Heute – keine 70 Jahre danach. Ich möchte lernen und nicht vergessen. Und dieses Wissen möchte ich weitergeben.

Jugendbücher von heute tragen diesen Ruf ebenfalls in die Welt. Romane mit realem Hintergrund wie Moya Simons „Ein Flüstern in der Nacht“ oder Jürgen Seidels „Blumen für den Führer“ oder auch andere Bücher, die uns in aller Tiefe erreicht haben. Lienekes Hefte oder der Überlebensbericht von Eva Mozes Kor. Über all diese Bücher schreiben wir beharrlich. Die Wurzel allen Schreibens reicht bei mir zurück bis zu jenem großen deutschen Autor Walter Kempowski, dessen Echo noch heute zu hören ist. Deutlich und klar. Man muss nur hören wollen.

Das sind wir unseren Kindern schuldig! Gegen das Vergessen – Eine Sammlung.

Bücher im Dialog - Echolot und Lenas Tagebuch... hier zum Artikel

Bücher im Dialog – Echolot und Lenas Tagebuch… hier gehts zum Artikel

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