„Weil wir zusammen gedacht haben…“ – Ein Abschied in Briefen

Helmuth James und Freya von Moltke - Brief um Brief dem Tode näher

Helmuth James und Freya von Moltke – Brief um Brief dem Tode näher

„Außer dem Leben können sie dir ja nichts nehmen…“ – wie kein zweiter Satz kennzeichnen diese Worte die besondere Beziehung zweier Menschen, die tief im christlichen Glauben verhaftet, aufrecht und standhaft gegen die Ungerechtigkeit des NAZI-Regimes in Deutschland ankämpften.

Helmuth James Graf von Moltke, deutscher Jurist und Mitbegründer der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“ und seine Ehefrau, die Schriftstellerin und Juristin Freya von Moltke stehen heute noch wie kaum ein anderes Paar für den gemeinsamen Widerstand im „Dritten Reich“. Sich der Folgen ihrer regimefeindlichen Aktivitäten stets bewusst, wagten sie gemeinsam mit Freunden aus vielen Bereichen der Gesellschaft darüber zu diskutieren, wie ein Deutschland nach dem verlorenen Krieg neu organisiert werden könnte.

Diese Aktivitäten blieben der Geheimen Staatspolizei nicht verborgen und die GeStaPo schlug erbarmungslos zu. In einer gezielten Verhaftungswelle wurden die Männer des „Kreisauer Kreises“ im Januar 1944 inhaftiert. Konzentrationslager und Gefängnisse stellten die Etappen der Verschwörer dar, bis sie letztendlich in der Berliner Haftanstalt Tegel auf den Prozess vor dem Volksgerichtshof vorbereitet wurden.

Ein Abschied in Briefen - Sterben für den Widerstand

Ein Abschied in Briefen – Sterben für den Widerstand

Freya von Moltke folgt ihrem Ehemann nach Berlin und kommt dort bei dem Seelsorger unter, der Helmuth James von Moltke in Tegel betreut. Und ebenjener unerschrockene Pfarrer Harald Poelchau ermöglicht es den Eheleuten Moltke einen fast täglichen Briefwechsel zu führen. Beide betrachten diese Form der Kommunikation als Privileg und genießen die gemeinsame Zeit, die ihnen schreibend bleibt. Und sie nutzen diese Zeit.

In dem Buch Abschiedsbriefe – Gefängnis Tegel – September 1944 bis Januar 1945 (C.H. Beck) werden diese bewegenden Briefe erstmals vollständig veröffentlich. Ein Briefwechsel, den es niemals hätte geben dürfen – ein Zeitzeugnis aus einer der dunkelsten Perioden der deutschen Geschichte und ein deutliches Zeichen für die instrumentalisierte Justiz des Dritten Reichs.

Das Warten auf den Prozess vor dem berüchtigten Volksgerichtshof – das Warten auf den schlimmsten Schergen der Justizgeschichte Roland Freisler – die Ungewissheit über den Verhandlungstermin und die schiere nackte Angst vor qualvollen Verhören und dem täglich drohenden Tod kennzeichnen die Rahmenbedingungen der Haft von Helmuth James von Moltke.

Mut im Angesicht des Todes

Mut im Angesicht des Todes – Moltke weht sich…

Man muss als Leser stabil sein, wenn man sich diesen Briefen nähert. Man muss sich darauf gefasst machen mitgerissen zu werden, wenn zwei sich unendlich tief liebende Menschen mit jedem geschrieben Wort ein wenig mehr voneinander Abschied nehmen und man muss sich seiner eigenen Gefühle sicher sein, wenn man das Wagnis der Empathie eingeht. Ansonsten geht man unter.

Freya nennt ihren Helmuth nur zärtlich „Mein Jäm“ und er nennt sie bei ihrem männlichen Spitznamen „Mein lieber Pim“. Ein näckisches Wortspiel, das sich durch alle Briefe zieht wie der rote Faden eines gemeinsamen Lebens. Jeder einzelne Brief zeugt von Hoffnung, Verzweiflung, Aufrichtigkeit, Vertrauen, Angst und allen in dieser Situation erdenklichen Gefühlslagen, die zwei Menschen miteinander teilen können. Das starke Band ihrer Liebe und die Sorge um die gemeinsamen Kinder und die Zukunft von Freya, die wohl alleine zurückbleiben würde, waren die Determinanten im Denken Helmuth James von Moltkes.

Und Freya wollte ihrem „Jäm“ den Weg erleichtern. Sie versorgt ihn mit Informationen, hilft die Verteidigung vorzubereiten und bemüht Hölle, Tod und Teufel um die Chancen für Gnadengesuche auszuloten. Chancenlos, wie die Geschichte zu berichten weiß. Das Todesurteil und die Hinrichtung Moltkes am 23. Januar 1945 waren vor diesem Gericht unabwendbar. Freilser hörte der Verteidigung nicht zu und diffamierte den Angeklagten, so wie er es mit jedem „Verräter“ zu tun pflegte.

Doch zu aller Überraschung traf Freisler auf einen ungebrochenen und kampfbereiten Grafen von Moltke! Am Urteil änderte dies nichts. Nicht zu dieser Zeit und nicht vor diesem Gericht. Aber der Ausruf Moltkes “ Macht eine Legende aus uns“ hat die Zeit und Freisler überdauert. Moltke behielt Recht.

Helmuth James von Moltke - Das Urteil stand schon fest...

Helmuth James von Moltke – Das Urteil stand schon fest…

Diese Briefe sind so wunderschön grausam – so hoffnungsvoll traurig – so zärtlich sachlich, dass man sich ihrer Magie nicht zu entziehen vermag. Sie sind einerseits tiefe Liebeserklärung an- und wehmütiger Abschied voneinander, andererseits aber auch das aufrichtige Vermächtnis eines Widerstandskämpfers an die folgenden Generationen. Und sie stellen eine Richtlinie für Freya dar, wie sie ihr Leben alleine weiterführen kann, wie die Vermögensverhältnisse zu ordnen sind und welche gemeinsame Leitlinie bei der Erziehung der Kinder zu verfolgen ist.

Freya und Helmuth James haben in diesen Briefen ihr Leben bis zum letzten Tag gemeinsam vorgelebt und geplant, strukturiert und ein Zeugnis der Stärke hinterlassen, das Hoffnung macht. Der tiefe Glaube hat sie bestärkt, dass sie sich in einem Leben nach dem Tode wiedersehen werden. Die Kraft, die beide aus diesen Briefen schöpften ließ sie den größten nur vorstellbaren Schrecken überleben.

Und so lebte auch „Jäm“ nach der Hinrichtung für Freya weiter, wie man der mehr als beeindruckenden Biografie Freya von Moltke – Ein Jahrhundertleben (C.H. Beck) entnehmen kann. Beider Liebe hat den Tod überwunden – beider Liebe hat überdauert und kann uns heute Vorbild sein.

Literatwo schreibt gegen das Vergessen - mit einem Klick zur Serie

Literatwo schreibt gegen das Vergessen – mit einem Klick zur Serie

Erinnern bedeutet nicht zu vergessen. Nicht zu vergessen bedeutet Halt zu haben. Gehalten zu werden lässt den Menschen in den dunkelsten Stunden das Licht der Hoffnung erblicken. Danke „Jäm“ und „Pim“ für dieses ewig gültige Zeichen gegenseitiger Liebe und unendlichen Vertrauens in Zeiten ohne jegliches Licht.

Ein Blick zurück voller Liebe und Respekt... Freya von Moltke

Ein Blick zurück voller Liebe und Respekt… Freya von Moltke

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