„Das Paradies der Täter“ von Jürgen Seidel

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Wenn sich ideologisches Gift in die Seele schleicht, dann zerfrisst es den Geist des Menschen. Dies ist ein schleichender Prozess in dem die Dosierung der Vergiftung täglich ein wenig gesteigert wird und an dessen Ende eine völlig manipulierte Persönlichkeit zu Handlungen in der Lage ist, die man niemals für menschenmöglich halten würde. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes – weder für menschlich, noch für möglich.

Jürgen Seidel schreibt über die Vergiftung Jugendlicher im Dritten Reich. In seinen Jugendbüchern beschreibt er diesen schleichenden Prozess beginnend bei seinen Ursprüngen und pulverisiert damit tradierte Opfer- und Täterbilder. Aus einfacher Schwarz-Weißzeichnung – aus schlichtem Gut und Böse – entsteht eine schillernde Farbskala von Schuld und Verantwortung.

Seidel blickt in die Seelen von Jugendlichen, die im Dritten Reich der täglichen Manipulation ausgesetzt waren. Jugendliche für die es schließlich normal war, in Rassebildern zu denken und die Verteidigung des eingeimpften Gedankenguts als völlig normal zu betrachten.

Jürgen Seidel - Eine offene Trilogie

Jürgen Seidel – Eine offene Trilogie

Seidels offene Trilogie über die Jugend unter dem Hakenkreuz ist somit eine Seelenwanderung vom Ursprung bis in eine Zeit, in der das Grauen eigentlich längst von der Bildfläche verschwunden war. In seinem Roman „Blumen für den Führer“ hat das NAZI-Gift sich bereits Raum verschafft und die junge Reni Anstorm ist schon nicht mehr in der Lage zu erkennen, welche Realität sich hinter dem medialen Pomp der Olympischen Spiele 1936 verbirgt. Verehrung und Verblendung bereiten die Bahn für den Aufmarsch der Manipulierten. Nicht mehr aufzuhalten.

Der Roman „Die Unschuldigen“ zeigt ebendiese Seelen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Verloren und geschlagen steht die deutsche Jugend vor den Trümmern der Idealbilder, die sich in ihren Seelen festgebrannt haben. 1000 Jahre können sich doch so schnell nicht in Luft auflösen. Den Blick zurück gewandt, die Zukunft unter neuen Vorzeichen undenkbar, versucht die 19jährige Heidrun als Angehörige eines SS-Kommandos durch die Beteiligung an einem Attentat, den Lauf der Geschichte zu stoppen.

Vergiftet bis in die allerletzte Faser des Körpers sieht man, wie tief das Gedankengut bis zu diesem Zeitpunkt Besitz ergriffen hatte und wie schwer, wenn nicht gar unmöglich es werden würde, Geist, Seele und Herz im Nachkriegsdeutschland von diesen Schatten zu befreien. Nichts anderes als Propaganda und nationalsozialistische Prägung hatten diese jungen Menschen bis zu diesem Tage erfahren, an dem ihre Welt in Trümmer zerbrach.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

In seinem letzten Band dieser offenen Trilogie entführt uns Jürgen Seidel in „Das Paradies der Täter“ (CBJ-Verlag). Wir befinden uns in den 1950er Jahren und der Zweite Weltkrieg scheint überwunden. Europa konstituiert sich neu und aus dem ehemaligen Dritten Reich wird unter Aufsicht der Siegermächte Schritt für Schritt eine moderne Demokratie. Der Nationalsozialismus existiert nicht mehr – alte Machtstrukturen sind beseitigt und in zahlreichen Prozessen wurden die Täter zur Verantwortung gezogen.

Aber war dies wirklich so? Hatte man die Strukturen der Nazis so nachhaltig zerschlagen? War das System vernichtet und der Weg in die Zukunft ein rosiger? Hatte man alle Täter gestellt oder gab es Wege und Netzwerke, die ihnen die rechtzeitige Flucht ermöglichten?

Rattenwege ins Paradies…

Südamerika hieß das Zauberwort für Nazi-Größen, die den Sprung vor der Niederlage geschafft hatten. Südamerikanische Diktaturen und lange gepflegte Netzwerke ermöglichten es denjenigen, vor denen die halbe Welt geflohen war, nun selbst zu fliehen. Aus den Verfolgern von einst wurden die Flüchtlinge der Nachkriegsjahre.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Argentinien mutierte zum wahren „Paradies der Täter“. Geschützt durch die dortigen Machthaber entwickelte sich das Land zum Sammelbecken ehemaliger Nazi-Größen, die finanziell bestens ausgestattet und in alten Seilschaften verstrickt, nicht nur sich selbst retten konnten, sondern auch ihre Ideologie, ihre Menschenverachtung und ihre Grundhaltung. Ein wahres Paradies, in dem auch die Kinder dieser Täter ein neues Leben beginnen konnten. Meist musste nur der Nachname geändert werden, ansonsten konnte man auf Unterstützung staatlicher Organe und alter Freunde bauen. Ein Rattenweg ins Paradies.

Genau hier setzt Jürgen Seidel in aller Tiefe an und beschreibt in sprachlich meisterlicher Art und Weise die Perversion dieser gefühlten Realität. Denn genau in diesem Paradies treffen die Kinder der Täter in ganz normalen Schulen auf die Kinder der Opfer, die vor ihnen geflohen waren. Jüdische Emigranten, dem Tod von der Schippe gesprungen, mit langen Opferlisten in Händen, entwurzelt und mit durch Nazi-Häscher gefällten Stammbäumen sitzen sie nun in gemeinsamen Schulklassen und werden auf die Zukunft vorbereitet. Täterkinder und Opferkinder – und jeder ahnt vom Gegenüber mehr als zu beweisen ist.

Ein unerträglicher Gedanke, sich eine solche Schulklasse auch nur vorzustellen. Kinder, deren Familien in Konzentrationslagern ermordet wurden sitzen den Söhnen und Töchtern der ehemaligen Machthaber gegenüber und stellen fest, dass diese ein völlig unbescholtenes Leben führen dürfen.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Tom, der 17jährige Sohn eines untergetauchten Nazis begegnet an seinem ersten Tag in der neuen Schule dem jüdischen Mädchen Walli. Es ist Liebe auf den ersten Blick und auch auf den zweiten Blick muss klar sein, dass diese Liebe eine unmögliche ist. Zu tief sind die Gräben, die andere gezogen haben – zu groß der Schmerz. Tom verstrickt sich, innerlich schon seit langem auf tiefstem Konfrontationskurs zum Vater und aufgewühlt von der Schuld seiner Familie, in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen gibt. Scham und Rebellion bringen ihn dazu, zu behaupten, er sei Jude.

Tom positioniert sich klar und gerät damit zwischen alle Fronten. Die innere Abkehr von der eigenen Vergangenheit muss zum Bruch mit seinen eigenen Wurzeln führen und die Widersprüche in die er sich aus Liebe immer mehr verstrickt führen dazu, dass er auf Seiten seiner jüdischen Freunde mehr Misstrauen als Anerkennung findet. Als Walli zum Opfer von antisemitischen Übergriffen ihrer Mitschüler wird beginnt in Tom das eigentliche Leben zu erwachen. Er sucht seinen Weg – und der kann nur an der Seite von Walli sein. Doch lassen die komplexen Machtstrukturen, die großen und kleinen Verwicklungen und die Familien der beiden Jugendlichen einen solchen Weg zu oder endet alles, wie es schon vor Jahren endete?

Jürgen Seidels „größter Wurf“! Ein Szenario, das perfider und packender nicht sein kann. Charaktere, die greifbar und fühlbar sind. Eine Konstruktion, die mehr als sprachlos macht und zwei Protagonisten, die uns verstehen lassen, wie tief das Gift der Vergangenheit noch immer in den Seelen sitzt.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Eine Seelenwanderung der besonderen Art hat Jürgen Seidel in diesen drei Jugendromanen vorgelegt. Inhaltlich völlig unabhängig – nicht durch Personen oder Handlung miteinander verbunden – aber unter der Klammer der Ideologie und der Zeit ergeben alle drei Romane in ihrer Gesamtheit eine Grundlage zur Versöhnung, da Seidel nicht klagt, sondern erklärt; nicht verurteilt, sondern versteht; nicht fordert sondern hofft.

Lest dies in Schulen – lest es gemeinsam – versteht die Ursachen und die Wirkung und haltet euch dann vor Augen, an welch kleinen Problemen heutzutage das Verständnis füreinander scheitert. Verdrängt nicht, welche Wirkungen entstehen können, wenn ihr euch heute selbst zur Ursache machen lasst. Geht euren eigenen Weg.

Führt ein buntes Leben – kein einfarbiges….

Jürgen Seidel bei Literatwo

Jürgen Seidel – eine offene Trilogie gegen das Vergessen

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„Mary, Tansey und die Reise in die Nacht“ von Roddy Doyle

Roddy Doyle - Mary, Tansey und die Reise in die Nacht ("A Greyhound of  a Girl")

Roddy Doyle – Mary, Tansey und die Reise in die Nacht („A Greyhound of a Girl“)

Es gibt Träume im Leben von Menschen, die so unrealistisch wirken, dass man sich schneller von ihnen verabschieden sollte, als noch länger darüber nachzudenken. Es werden Träume geträumt, die trösten und Halt geben. Es gibt Traumbilder, denen man sich niemals entziehen kann, besonders wenn es um gelebte und gefühlte Verantwortung geht. Und wenn es um Liebe geht.

Ich träume oft davon, in ferner Zukunft, wenn ich schon gar nicht mehr existiere, genau dann bei meiner kleinen Tochter aufzutauchen, wenn sie im Begriff ist, diese Erde zu verlassen. Ich würde sie gerne halten in diesem Moment. Würde ihr gerne sagen, wie lieb ich sie habe und dann würde ich bis zu dem Moment in dem sich ihre Augen schließen das tun, was ich zeitlebens für das kleine Mädchen getan habe, wenn es ihm nicht besonders gut ging.

Ich würde ihre Füße massieren – ich würde damit den Schmerz besiegen, der vielleicht genau in dem Moment von ihr Besitz ergreift, der für dieses vitale Wesen der schlimmste ihres Lebens ist. Es lastet auf mir, dies nicht tun zu können und doch ist dieser Wunsch so groß, dieser Traum so präsent, dass ich ihn sehr oft träume. Und sorry für diese Gefühle – er hält mich und ich sehe mich oft am Bett einer vielleicht 90jährigen Frau stehen, ihre zarten Fußgelenke in Händen und höre mich sagen: „Jetzt sieh´ mal einer an, wie alt mein Mädchen geworden ist…!“

Ich würde dies so gerne für sie tun… und bei Gott, es würde mir so viel bedeuten, wenn sie dann einfach nur so lächeln würde, wie in jenen magischen Momenten, wenn der Schmerz ihren kleinen Körper über die massierten Füße verlässt. Einfach da zu sein in diesen Minuten – mehr wünsche ich mir manchmal nicht vom Leben.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Lebenslange Liebe

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Lebenslange Liebe

Was das mit diesem Buch zu tun hat, wird man sich jetzt fragen? Mary, Tansey und die Reise in die Nacht (CBJ-Verlag) ist für mich persönlich, als hätte Roddy Doyle meinen Träumen gelauscht und mich am Bett jener alten Frau beobachtet. Als hätte jemand in mein Herz geschaut und begriffen, wie viel Halt ein solcher Gedanke geben kann. Als hätte jemand gespürt, wie schön dieser Traumgedanke ist.

Dieser Roman beinhaltet eines der denkbar schönsten Bilder die jemals zuvor über den Umgang mit Verlust, über das Loslassen-Können und verantwortungsvolle Liebe geschrieben wurden. Dieses Buch ist ein Traum, der uns beschäftigen… der uns halten kann… und der uns in den schwersten Zeiten Hoffnung und Flügel verleiht.

Mehr als drei Generationen einer Familie werden sich in den seltensten Fällen persönlich begegnen. Soviel steht fest. Und so sind es immer Großmütter, Mütter und Enkelinnen auf der weiblichen Seite eines Stammbaums, die Hand in Hand durchs Leben gehen und sich gegenseitig Halt geben. Urgroßmütter kennt man aus Erzählungen und vielleicht von alten Fotos. Drei Generationen leben, trauern, freuen, lachen und leiden gemeinsam.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Ein magisches Band - Der Stammbaum

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Ein magisches Band – Der Stammbaum

Mary O`Hara trägt mit ihren 12 Jahren schwer an der Situation, dass ihre Großmutter Emer im Sterben liegt. Einerseits fürchtet sie sich vor dem Verlust der geliebten Oma, andererseits fühlt sie sehr intensiv, wie schwer es für ihre eigene Mutter Scarlett wäre, ihre Mutter zu verlieren. Die Wurzel der Familie – den Ursprung des Stammbaums und die Basis eines eigenen Lebens. All dies verkörpert Emer… bettlägerig… voller Schmerz und Angst vor der letzten Reise ihres Lebens.

Emer – Mutter, Großmutter und selbst Tochter und Enkelin – ist die Summe aller generationsübergreifenden Leben dieser Familie. Emer steht in deren Zentrum und bereitet sich darauf vor, ihren Platz an ihre Tochter zu übergeben. Abschied… so kann man  überschreiben, was sich bei Besuchen im Krankenhaus ereignet. Die lähmende Trauer vor dem Tod… die Angst vor dem nächsten Besuch, der ein letzter sein kann… Angst vor Unausgesprochenem und dem unklaren Danach.

Genau in diesem Moment begegnet Mary einer merkwürdigen Frau. Sie wirkt durchscheinend und nicht sehr konturiert, als würde sie schimmern und außerdem sieht sie Scarlett ein wenig ähnlich und ihre Ausdrucksweise erinnert an Emer. Seltsam – sehr seltsam. Vertrautheit stellt sich ein und die Frau stellt sich Mary als Tansey vor, eigentlich Anastasia, aber so hätte man sie nie genannt. Und dann eröffnet sie dem jungen Mädchen das Unfassbare.

Vier Generationen - Die Summe vieler Leben

Vier Generationen – Die Summe vieler Leben

Tansey ist ein Geist – aber immerhin ein sehr nah verwandter Geist. Sie ist die Urgroßmutter von Mary und konnte nach ihrem Tod im Jahr 1928 die Erde nicht verlassen, da sie so sehr in Sorge um ihre dreijährige Tochter Emer war, dass sie den letzten Schritt nicht gehen konnte. Tansey verkörpert die vierte Generation – viel zu früh verstorben und immer geblieben, um ihrer Tochter die Angst zu nehmen, wenn diese einmal im Sterben liegen würde. Diese Zeit scheint gekommen.

Mary bringt Tansey und Scarlett zusammen, die es kaum fassen kann, ihrer eigenen Großmutter zu begegnen, die sie nie kennen lernen durfte. Gemeinsam fassen sie einen geheimnisvollen Plan. Tansey will ihre Tochter Emer im Krankenhaus besuchen und ihr die Angst vor dem Sterben nehmen. Eine letzte Begegnung und vielleicht ein letzter Wunsch – das hat sie sich selbst versprochen und so begeben sich drei Frauen auf ihre bedeutende Mission zu einer vierten.

Eine von ihnen schon tot.
Eine steht mitten im Leben.
Eine an der Schwelle zur Jugend.
Eine stirbt.

Vier Generationen vereint durch ein ewig währendes magisches Band. Es ist der Beginn einer besonderen Reise in die Nacht und dabei lernen sie einander intensiver kennen, als dies jemals möglich gewesen wäre.

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Roddy Doyle erzählt eine hoffnungsvolle Geschichte von ewiger Liebe und immer währender Verantwortung. Leuchtend und froh sind die Bilder, die er inmitten der Reise in die Nacht in den Herzen der Leser erzeugt.  Er thematisiert nicht die ursprüngliche Angst, jemanden zu verlieren und trauernd zurückzubleiben. Er schreibt nicht über Trauer im eigentlichen Sinn. Er stellt einen Gedanken in den Mittelpunkt,  der so sehr nachzuempfinden ist:  Die Sorge was passiert wenn man selbst gehen muss und sich selbst nicht mehr kümmern kann – die Sorge davor, der eigenen Verantwortung nicht gerecht zu werden – eine Sorge, die Tansey schließlich bleiben lässt. Mehr als ein Leben lang.

Roddy Doyle lässt uns davon träumen, bleiben zu dürfen und in einem letzten emotionalen Moment dasein zu können, wenn wir wirklich gebraucht werden. In seinem Buch für Jugendliche und Erwachsene vermittelt er nicht nur Trost – er weckt auch das eigene Interesse für die Vergangenheit der Familie – er weckt Interesse am eigenen Stammbaum. „A Greyhound of a Girl“ heißt der Roman in der Originalfassung. Ein Windhund von einem Mädchen.

Vieles haben die vier Frauen im Roman gemeinsam – vieles davon unbewusst. Aussehen, Ausdrucksweise und Vorlieben. Eine lebt in der Anderen weiter. Und manchmal ist die Jüngste ein eben solcher Windhund wie ein ehedem junges Mädchen, das heute seine letzte Reise antritt.

Jeder Einzelne ist ein wundervolles Blatt im Stammbaum der Familie und beim Blick in einen Baum erkennt man die Summe aller Generationen in ihren schillerndsten Farben und ihrer vollsten Vitalität. Ein starkes Buch!

Roddy Doyle - Eine Geschichte voller Magie - "A Greyhound of a Girl"

Roddy Doyle – Eine Geschichte voller Magie – „A Greyhound of a Girl“

„Spiegelriss“ von Alina Bronsky

Alina Bronsky - Spiegelriss folgt Spiegelkind

Alina Bronsky – Spiegelriss folgt Spiegelkind

„Es wird eine Trilogie“ – mit diesen magischen Worten, oftmals vom Verlag ausgesprochen, fangen sie meist an: Die wahren Probleme des Autorenlebens. Existierte bis zu diesem Zeitpunkt die ausformulierte Grundidee für einen Roman, so gilt es nun zu strukturieren und einen gedanklichen Ablauf zu entwickeln, an welchen Stellen man den geneigten Leser im frisch geknüpften Spannungsbogen alleine lässt, wo man ihn wieder abholt und wie darüber hinaus der Wunsch gesät werden kann, sich auf die Fortsetzung zu freuen – ihr entgegen zu fiebern – es nicht mehr erwarten zu können. Vor Neugier zu platzen…

Ein Cliffhanger ist nach wie vor das probateste aller Mittel, die Spannung bis zu einem bestimmten Punkt zu treiben und dann auf dem siedend heißen Höhepunkt die magischen Worte folgen zu lassen: „Fortsetzung folgt!“ Film und Buch gehen da strategisch oft Hand in Hand.

Spiegelkind“ von Alina Bronsky bildete den Auftakt der „Spiegel-Trilogie und Literatwo hat diesem viel beachteten Auftaktband bereits zwei Artikel gewidmet. Nicht nur uns hat Spiegelkind berührt und bewegt, auch die Malerin Peggy Steike hat ihrer grenzenlosen Fantasie freien Lauf gelassen und ein magisches Bild entstehen lassen, das inzwischen seinen Weg zu Alina Bronsky gefunden hat.

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als seine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Eine Botschaft eines jungen Mädchens: Juliane Rettemi

Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch für niemanden scheint dies ungewöhnlich zu sein. Die einzigen Erinnerungen sind die niemals richtig heilenden Narben auf Julis Rücken und die Bilder ihrer vermissten Mutter. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser magischen Gemälde, auf dem sich Details wie von Geisterhand zu verändern scheinen – eine Hütte im Wald.

Und genau diese Bilder werden nach dem Verschwinden der Mutter im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Juli begreift immer mehr: Diese Werke gelten als „verbotene Kunst“. Sie werden vernichtet und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen. Und diesen Kampf führt sie nicht nur gegen die Verteidiger der „Normalität“ sondern auch gegen ihren eigenen Vater… Kann es sein, dass er für das Verschwinden der Mutter verantwortlich ist?

Alina Bronsky definiert den Begriff Cliffhanger in vielerlei Hinsicht völlig neu. Am Ende von Spiegelkind bleiben viele Fragen offen, die uns in die Fortsetzung „Spiegelriss“ tragen. Die wichtigste aller Fragen ist die nach der wahren Herkunft von Juli Rettemi. Wenn ihre Mutter eine „Phee“ ist, dann muss auch sie selbst über außergewöhnliche Gaben verfügen. Es gilt nur ihre Mutter zu finden und dann könnte sich alles auflösen… irgendwie… denkt Juli…! Spiegelkind endet an einem Punkt der uns sprachlos gemacht hat… nachdenklich und emotional.

Juliane Rettemi - Gesucht - Gefährlich - PHEE

Juliane Rettemi – Gesucht – Gefährlich – PHEE

Es war ein magischer Moment, mit Juliane gemeinsam den Weg zu ihrer Mutter zu finden. Die Quadren waren nicht nur normale Bilder, sondern gleichsam die Pforten zur ihre Zufluchtsstätte. Der Weg zur Mutter führt im wahrsten Wortsinn durch die Bilder.  Die Begegnung mit ihrer Mutter öffnet allerdings eine Tür zu weit größeren Geheimnissen, die Juli niemals für möglich gehalten hätte. „Dein Vater ist nicht dein Vater!“

Recht atemlos vor Spannung schlugen wir die ersten Seiten von „Spiegelriss“ auf, um uns auf die Spur der wahren familiären Herkunft Julis zu begeben und plötzlich verstanden wir, warum das Buch seinen bezeichnenden Titel trägt. Wer der Meinung war, das „Vater“-Geständnis sei ein Cliffhanger, der wird schon zu Beginn von Spiegelriss davon überzeugt, dass Alina Bronsky es noch sehr gut mit ihren Lesern gemeint hat. Denn das Buch beginnt mit einem wahren Paukenschlag.

Juliane Rettemi ist vor ihrer Mutter geflohen – erbost, weil ihr die Wahrheit über das eigene Leben verschwiegen wurde und nun befindet sie sich in der Gesellschaft von zwielichtigen Gestalten relativ behütet inmitten des geheimnisvollen Waldes. Ein Rudel hat sich ihrer angenommen – und dies obwohl Juli inzwischen gesucht wird – landesweit.

Als Mörderin ihres Vaters…!

Das Pheen - Gefängnis - Dementio

Das Pheen – Gefängnis – Dementio

Aus einer jungen Frau wird die meistgesuchte „Nicht-Normale“ des Landes. Gehetzt und im ständigen Kampf ums Überleben stehen ihr nur wenige wahre Freunde bei und selbst diese scheinen geheimnisumwitterter zu sein, als Juli es für möglich hält. Kojote zum Beispiel, ein junge aus dem Rudel, wird zu ihrem Weggefährten und Beschützer, scheint allerdings dabei seine eigenen Ziele zu verfolgen und Julis bester Freundin Ksü geht es von Tag zu Tag schlechter. Sie scheint zu verschwinden.

Durch grenzenlosen Verrat gerät Juli in die Fänge der Häscher und findet sich im berüchtigten Pheen-Gefängnis „Dementio“ wieder. Verhöre, psychischer Druck und die drohende Todesstrafe lassen in Juliane Rettemi Kräfte erwachsen, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Eine wahre Phee erwacht…

Alina Bronsky erzählt nicht – sie schreibt nicht – sie schleicht sich mit ihren Ideen in unsere Köpfe und Herzen. Wir wissen immer ein wenig mehr, als Juliane und wir versuchen insgeheim zu erahnen, in welche Richtung der Weg führen könnte.

Alina Bronsky - Spiegelriss - Ein Scheiterhaufen

Alina Bronsky – Spiegelriss – Ein Scheiterhaufen

Wir realisieren, welche Fähigkeiten in Juli zum Vorschein kommen – für sie selbst ist dies ein schleichender und eher unbewusster Vorgang. Ihre Sinne scheinen sich zu schärfen – ihre Wahrnehmung lässt sie Dinge erkennen, die sich dem „normalen“ Menschen entziehen. Und ihre Sinne bewegen sich nicht mehr linear, sondern auf unterschiedlichen Zeitebenen. Und dies ist nur der Anfang!

Doch gerade diese Wahrnehmungen sind präziser als die Trugbilder hinter denen man sie ein Leben lang versteckt hat. Zeit, den Weg zu gehen – Zeit ihre eigene Geschichte zu entdecken – Zeit die Spiegel einer Zerreißprobe zu unterziehen, wie nur eine wahre „Phee“ dies kann – Zeit nicht nur sich zu helfen, sondern ihren Freunden und vielleicht dem mächtigsten Verbündeten: dem Wald, der immer dichter wird, näher rückt  und  für die Normalität zur ultimativen Bedrohung wird.

Genau jenem Wald, in dem eine einsame Hütte steht… Der Wald, in dem Julis Mutter lebt und der Wald, der versucht, in Frieden mit den Menschen zu leben. Kann Juliane Rettemi mehr als nur sich selbst vor der Normalität bewahren?

Eine mehr als grandiose Fortsetzung – ein meisterlich konstruierter Spannungsbogen und ein Hauch einer Ahnung, an welcher Stelle uns Alina Bronsky zum dritten Teil abholen wird. Wir werden da sein.

Versprochen….

Und zum guten Ende haben wir noch eine Überraschung für alle Leser, in deren Bücherregal „Spiegelkind“ noch ganz alleine steht. Ein funkelnagelneues Exemplar von „Spiegelriss“ würde sich gerne auf die Reise zu seinem Vorgänger machen, weil einfach nicht getrennt sein darf, was zusammengehört. Kommentiert doch einfach diesen Artikel und teilt uns mit, warum das Buch ausgerechnet zu euch reisen muss… Wir werden uns die Entscheidung nicht leicht machen 😉

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson

Das ist nicht wahr, oder?  Jenny Lawson - Ein buchiger Cocktail

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson – Ein buchiger Cocktail

„Das ist nicht wahr, oder?“

Dieser Gedanke ging uns in den letzten Tagen mehrfach durch den Kopf. Nicht angesichts des gleichnamigen Buches, sondern eher in Bezug auf den gezielten marktorientierten Etikettenschwindel, der landauf – landab damit betrieben wird.

Um Neugier zu wecken wird vor dem Roman gewarnt; er wird als „politically incorrect“ abgestempelt und eingängige Werbeslogans wie „Wir distanzieren uns vom Inhalt dieses Buches“ machen die Runde. Darüber wird die Autorin auch noch in branchenüblichen Magazinen mit dem Schlagwort „Psycho“ belegt. Eine Werbestrategie, der wir uns entziehen möchten, da wir schlicht und ergreifend von „Das ist nicht wahr, oder?“ überzeugt sind.

Solche und ähnliche Schlagzeilen würden inhaltlich eher zu Romanen wie Er ist wieder da passen – und der ist nur wirklich politisch unkorrekt… Mehr als das und vom Inhalt sollte man sich tunlichst auch distanzieren. Und nun hebt man die sogenannte „Lebensbeichte“ (ebenfalls irreführend, da einer Beichte ja das Bereuen zugrunde liegt) auf die Ebene eines sozial-politischen Ereignisses? Na – nicht wirklich… wir haben es hier mit Unterhaltung zu tun – und zwar mit BESTER!

Das ist nicht wahr, oder?  Jenny Lawson - Abgestempelt...

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson – Abgestempelt…

Dies alles schreiben wir ohne werbewirksame Strategieausrichtung nieder, da wir zum ersten Mal ein Buch vor uns liegen haben, das uns zuschreit „Das Leben ist nur ein Blog!“ Literatur, die einem WebLog entspringt und so erfrischend wirkt, wie ein gepfefferter literarischer Longdrink on Ice (es prickelt, schmeckt innovativ, hält lange an und man wird unendlich berauscht von purer Lesefreude) muss etwas Besonderes sein… Gehen wir dem Phänomen doch einfach auf die Spur.

Da schreibt eine junge Frau in Texas Tag für Tag ihre alltäglichen Erlebnisse in einem Blog nieder und trifft dabei wohl in solch außerordentlicher Weise den Ton der Zeit, dass sie unter dem Namen „The Bloggess“ mehr als drei Millionen Leser pro Monat mit ihren Texten fasziniert. Von diesem Erfolg mehr als überwältigt, geht Jenny Lawson den nächsten Schritt und veröffentlicht ein Buch. Und welch Überraschung – es landet bereits nach wenigen Tagen auf den etablierten Bestsellerlisten der Vereinigten Staaten.

Und dabei hat sie nichts anderes gemacht, als den Stil ihres Blogs in Wort und Bild in einem flotten autobiografischen Zeitgeist-Lifestyle-Roman zu bündeln. Jenny Lawson kokettiert in äußerst sympathischer Art und Weise mit dem Titel ihres Buches und verleitet den aufmerksamen Leser mehrmals dazu, ungläubig staunend zu überlegen, was nun wahr und was einfach nur frei erfunden ist.

Jenny Lawson möchte alles – nur nicht ernster genommen werden, als sie sich selbst nimmt. Und hier sind wir schon bei den Wesensmerkmalen dieses Buches. Jenny beweist erfrischend unbekümmert wie sehr ein Mensch über sich selbst und sein Leben lachen kann. Sie stellt sich selbst in den Mittelpunkt allen Interesses. Sie weiß, wie sehr man an ihren Lippen klebt, wenn sie von ihrer eigenen Kindheit und Jugend erzählt und das skurrile Leben im Herzen von Texas beschreibt.

Das ist nicht wahr, oder?  Jenny Lawson - Das Leben ist ein Blog

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson – Das Leben ist ein Blog

Der Erzählstil ist so modern, frisch und lebendig, als würde man einer wilden Abfolge von Youtube-Videos folgen, die nur eines zeigen. Pleiten, Pech und Pannen eines ganz besonderen Lebensweges und mittendrin in dieser Bilderflut, eine Frau, die über eines am besten lachen kann: Über sich selbst.

Wer wissen möchte, wie es ist als Tochter eine Tierpräparators groß zu werden, der nichts besseres im Sinn hat, als seine Familie mit immer neuen Variationen seiner Fantasie zu erschrecken – wer nachempfinden möchte, warum eine Badewanne voller lebendiger Waschbär-Babies einer Invasion zwangsgestörter Wesen aus dem All gleich kommt – wer zuhören möchte, wenn ein ausgestopftes Eichhörnchen Gute-Nacht-Geschichten erzählt und dabei ein kleines Mädchen von einem bleibenden Schaden in den nächsten jagt, der sollte dieses Buch lesen.

Wer der heranwachsenden Jenny auf ihrem aberwitzigen Weg folgen möchte – wer Zeuge eines mehrstündigen Heiratsantrages werden möchte und dabeisein mag, wenn diese Frau feststellt, wie ihr Körper nach der Geburt der eigenen Tochter zu einem Monster mutiert – wer den Ehealltag einer Turbo-Bloggerin mit Haushaltsdefiziten und Berührungsängsten mit realen Menschen erlesen möchte – und wer das Spannungsfeld zwischen heimarbeitenden Eheleuten (Sie als Pornofilm-Rezensentin und Er als telefonierender Software-Verkäufer) nachempfinden möchte,  dem bleibt keine Wahl. Der sollte lesen.

Das ist nicht wahr, oder?  Jenny Lawson - Waschbären und mehr

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson – Waschbären und mehr

Tief verborgen unter den Zeilen findet man dann einen Menschen, der einerseits unterhalten möchte, uns aber unverhohlen von Sehnsüchten nach Geborgenheit und Schutz berichtet, ihre Abhängigkeit von modernen Medien thematisiert und kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn sie tumultartige Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann bis ins letzte Detail auskostet. Jenny Lawson ist grandios und lügt wie gedruckt. Sie schockiert und provoziert und an den Stellen, an denen man glaubt, sie überführt zu haben, findet man Bilder aus ihrem Leben, die den Leser vom genauen Gegenteil überzeugen.

„Das ist nicht wahr, oder?“ Genau diesen Satz hört man sich selbst sehr oft flüstern, wenn man auf der Spur der „Bloggess“ bleibt. Dieses Buch sprüht nur so vor oberflächlichem, tiefgründigem Humor und zeichnet dabei doch ein so klares Bild von einer perfekten Autorin des 21. Jahrhunderts. Von der ersten bis zur letzten Seite unterhaltsam und packend – von der ersten bis zur letzten Seite ein großes Experiment für Schriftsteller und Leser.

Dabei überzeichnet sie sich selbst und nimmt doch all diejenigen in Schutz, über die sie uns so herzhaft lachen lässt. Den Rest muss der Leser mit sich selbst ausmachen. Dieses Buch endet nicht – es setzt sich mit dem täglichen Blick auf ihren Blog fort. Sie droht gar mit einem zweiten Teil und Stoff genug hat diese Frau.

Das ist nicht wahr, oder?  Jenny Lawson - Blog goes Book

Das ist nicht wahr, oder? Jenny Lawson – Blog goes Book

Gerade Blogger werden sich wiederfinden – Menschen mit großen und kleinen menschlichen und zwischenmenschlichen Problemen werden sich wiederfinden und beim herzhaften Lachen das Fünkchen Wahrheit erfühlen, das uns Jenny Lawson mit auf den Weg gibt.

Macht das Buch nicht wichtiger als es ist. Verrückt es nicht aus dem Kontext der eigentlichen Intention. Lasst es nicht zur Beichte verkommen – denn Jenny Lawson bedarf keiner Absolution und stellt sie nicht ungeprüft in die Psycho-Ecke. Nehmt dieses Buch wie einen Blog – betrachtet es als Angebot in einer unüberschaubaren Welt moderner Medien. Verweilt, lacht, brüllt, flucht und leidet mit – aber vergesst eines nie: „Das ist nicht wahr, oder?“

Mit einem Klick zur "Bloggess" Jenny Lawson

Mit einem Klick zur „Bloggess“ Jenny Lawson

„Das ist nicht wahr, oder?“ erscheint am 16.2.2013 beim neuen Metrolit-Verlag (unter dem Dach des Aufbau Verlages).

PS: Zur Preisangabe der Autorin, das Buch würde 45 Dollar kosten…

Werbestrategie nach Lawson: „Meine Lektorin sagt, das Buch würde keine 45 Dollar kosten. Ich weiß das, aber wenn die Leute lesen, das Buch würde 45 Dollar kosten, nachdem sie 35 Dollar dafür bezahlt haben, haben sie ein gutes Gefühl, weil sie so ein tolles Schnäppchen gemacht haben, obwohl sie ja eigentlich den vollen Preis bezahlt haben. So funktioniert Marketing!“

PPS: Das Buch kostet in Deutschland 40 Euro…! (Naja… eigentlich 19,99 €) 😉

Lagen Sie schon mal mit Arno Strobel im „SARG“?

Text

Arno Strobel – Der Sarg – Lebendig begraben

Lagen Sie überhaupt schon einmal in einem Sarg?

Nein? Gut – dann sind Sie hier genau richtig… Diejenigen, die unsere Eingangsfrage mit „JA“ beantwortet haben, sollten auch die Artikelüberschrift lesen: „Lagen Sie schon mal mit Arno Strobel im Sarg?“ Sie denken, das macht keinen Unterschied, weil ja Sarg schließlich gleich Sarg ist …?

Das denken Sie nur! Vergessen Sie alles, was Sie bisher gedacht haben. Steigen Sie einfach ein – erst dann wissen Sie wovon wir hier reden.

Ja – richtig gelesen… STEIGEN SIE RUHIG EIN…..! Deckel zu und… DUNKEL…

Text

Arno Strobel – Der Sarg – Taphephobie zum Anfassen

Liegen Sie gut? Fein…! So soll das sein. Sie stoßen nirgendwo an, und haben ausreichend Luft? Klasse. Nun gut, dass es dunkel ist, na das musste Ihnen aber doch klar sein. Also keine Überraschung. Und die Geräusche von draußen klingen ein wenig dumpf? Auch das muss so sein… ist ja schließlich eine Qualitätskiste. Absolut. Und das seidige Kissen unter ihrem Kopf fühlt sich gut an? Fein. Ist doch gar nicht so schlimm… Na sehen Sie.

Haben Sie schon mal versucht, die Augen zu öffnen?

Klebeband – sagen Sie… hm – das kann sein. Aber Sie könnten es doch mit ihren Händen ganz einfach entfernen? Oder? Gefesselt – sagen Sie… hm… das tut uns jetzt leid. Nein – nein – jetzt aber kein Grund zur Panik. Die Luft wird knapp – sagen Sie? Ach, das war doch nur eine Frage der Zeit – jetzt werden Sie hier bloß nicht unruhig! Nicht zappeln – nicht die Fingernägel ins Holz des Sargdeckels graben. Bloß nicht. Und langsam atmen – nicht so hektisch. Und wenn Sie schon zappeln müssen, dann passen Sie doch auf ihren Kopf auf. Aua… das hat bestimmt weh getan. Sorry – ehrlich jetzt…

Das ist kein normaler Sarg – sagen Sie… Richtig! Sehr richtig… wir sagten es schon!Es ist DER SARG von Arno Strobel!

Text

Arno Strobel – Der Sarg – Ein Thriller mit subtiler Sogwirkung

Wir wollen mal nicht übertreiben! Also schnippen wir kurz mit den Fingern und Sie erwachen aus einem schlimmen Traum. Der Sarg ist weg und Sie sitzen hier ganz entspannt. Uff – oder – da atmet man auf. War doch nicht so schlimm… Oder?

Ihre Fingernägel sind abgebrochen – sagen Sie? Und überall blaue Flecken an den Knien und den Ellenbogen – sagen Sie? Also wirklich, das müssen Sie sich jetzt aber irgendwie einbilden. Obwohl Sie ganz schön bluten, wenn wir ehrlich sein sollen. Sie haben sich das nicht eingebildet – sagen Sie… Also bitte, jetzt drehen Sie mal nicht durch hier. Wir wissen doch alle ganz genau, dass Sie hier nur in ihrer Fantasie… obwohl – nunja… das Blutnunja die blauen Flecken… und die Reste von Klebeband da, gehören die Ihnen?

Wissen Sie was uns hier gerade passiert?

Arno Strobel passiert hier – der deutsche Bestseller Thriller-Autor passiert hier… ganz ruhig. Wir versuchen es zu erklären.

Text

Arno Strobel – Der Sarg – Fesselnd geschrieben

Eva Rossbach ist siebenunddreißig Jahre alt, recht vermögend und alleinstehend. Sie durchlebt genau das schreckliche Szenario, das wir gerade dem geneigten Leser dieses Artikels veranschaulicht haben. Sie erwacht in völliger Dunkelheit, den Kopf auf einem Seidenkissen gebettet und umgeben von einer engen, ebenfalls mit Seide ausgekleideten Kiste. All das kann sie ertasten und schnell reift die schreckliche Erkenntnis, lebendig begraben zu sein. Ein Sarg ist ihr Gefängnis.

Eva durchlebt alle Anzeichen aufkommender Panik und bevor sie völlig den Verstand verliert, richtet sie sich auf und befindet sich in ihrem Schlafzimmer – auf ihrem Bett. Alles nur ein Traum

Wären da nicht die Blutergüsse am ganzen Körper und würden ihr nicht ganz besonders die Hände schmerzen, mit denen sie sich wohl einen Weg aus dem Gefängnis bahnen wollte. Ein Traum? Könnte sein… Wäre da nicht eine Leiche, die von der Kölner Polizei in einem Sarg aufgefunden wird – in schrecklichem Zustand. Gefesselt und mit verbundenen Augen musste sie einen langen Todeskampf geführt haben.

Glaubt man immer noch an einen Traum? Vielleicht…. Wäre die Tote nicht zufällig die Halbschwester Evas und wäre da nicht eine Zeitung mit ebenjener Eilmeldung, die Eva in ihrem Briefkasten findet – versehen mit einer handschriftlichen Nachricht an sie: „Wach endlich auf!“

Ein schwerer Fall für die Kölner Kripo und wohl der schwerste Fall für Hauptkommissar Bernd Menkhoff. Ein tödliches Katz- und Mausspiel mit dem Täter beginnt, denn mit ersten Hinweisen lockt er die Polizei selbst auf seine Spur. Doch immer zu spät… man findet nur Tote! Ist Eva der Schlüssel zur Mordserie – oder ist sie das eigentliche Ziel? Menkhoff – übernehmen sie!

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Arno Strobel – Der Sarg – Der beste Strobel ever

Der beste Arno Strobel, den es jemals gab! Soviel sei verraten. Ein subtiler Psychothriller der absoluten Extraklasse, der seinem Leser die Nackenhaare in ungeahnte Höhen treibt.

Es muss an Strobel liegen, wenn man früh morgens im Dunkeln erwacht und sich nicht traut, die Augen zu öffnen; mit den Händen nach oben greift; die Beine in alle Richtungen bewegt und glücklich seufzt, keinen Widerstand aus Holz zu fühlen.

Und dann im Moment des ersten zarten Öffnens der Augen – das unbeschreibliche Gefühl zu erleben, der LED-Anzeige des Weckers um den Hals fallen zu wollen. Man dies aber nicht wagt, sondern erst im Badezimmer bei Licht den ganzen Körper nach blauen Flecken und die Fingernägel nach offenen Stellen untersucht.

Das kann Strobel, wie kein Zweiter. Unblutig bis ins Mark treffen. Dabei konstruieren, wie der Teufel – Sog aufbauen, der nicht mehr locker lässt – und bis zum Ende des Thrillers Fährten und Finten auslegen, die allzu verlockend sind – nur um dann am Ende furios und plausibel ein Finale zu präsentieren, das es in sich hat. Dem Buch sollten Schweißtücher beigelegt werden – keine Lesezeichen.

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Arno Strobel fesselt Literatwo

Und wenn wir sagen: Der beste Strobel, den es je gab, dann in allem Respekt vor seinen bisherigen Thrillern. Wir haben sie alle – er hat uns nämlich gefesselt:

Der TraktDas WesenDas Skript und nun Der Sarg. Und wenn ihr für ein ganz besonderes Highlight Zeit habt, dann lest doch ein sehr spezielles Interview, das wir mit Arno Strobel führen durften. Eigentlich kein InterviewWir haben ihn vernommen – und der Ermittlungsbeamte, der Arno in die Mangel nehmen durfte, war niemand anderes als jener Hauptkommissar Bernd Menkhoff, den wir alle schon aus „Das Wesen“ kennen…! Hier geht es mit einem Klick zum VERHÖR!

„Die Unschuldigen“ – Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Es ist ein mutiges Unterfangen, in der heutigen Zeit und in einer eher auf Ablenkung fixierten Gesellschaft Romane zu schreiben und zu publizieren, die in ihrer Tragweite und Botschaft offensichtliche Brücken zu Ereignissen im Dritten Reich schlagen. Es ist ein mutiges Unterfangen daran zu glauben, dass diese Bücher besonders von Jugendlichen gelesen und im tiefsten Wortsinn beherzigt werden. Es ist ein sehr mutiges Unterfangen, sich nicht dem Mainstream zu unterwerfen, sondern mit historisch basierten Jugendromanen auf indirekte Weise mehr zu vermitteln, als es im Geschichtsunterricht oftmals möglich ist.

Jürgen Seidel hat sich dies auf die eigene Fahne geschrieben und sein Verlag CBJ hält diese seit der Veröffentlichung des Romans „Blumen für den Führer“ hoch. Wir Literatwos schreiben seit nunmehr genau drei Jahren kontinuierlich Gegen das Vergessen von Holocaust und ideologischer Manipulation und sind froh, nun auch den zweiten Seidel-Band aus seiner thematisch in sich geschlossenen Reihe über die Jugend im Nationalsozialismus und der Zeit nach dem Krieg vorstellen zu können.

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

„Die Unschuldigen“ – allein der Titel ist Botschaft und Freispruch zugleich. Spricht man über Jugendliche, die von Kindesbeinen an der gezielten Propaganda eines totalitären Regimes unterzogen wurden, dann muss dieser Begriff erlaubt sein – selbst wenn diese Jugendlichen im tiefen Glauben an das „System“ selbst zu Tätern wurden.

Wir befinden uns im Jahr 1945 in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Das „Deutsche Reich“ steht am Rande der Niederlage – die Fronten brechen zusammen und Teile des Landes sind bereits von alliierten Truppen besetzt. Das NAZI-Regime greift zu den letzten Waffen – der Volkssturm wird mobilisiert, aus Angehörigen der Hitlerjugend werden über Nacht richtige Kindersoldaten und die geheime Organisation „Werwolf“ wird aus der Taufe gehoben. Partisanen aus den Reihen der SS sollen die Besatzer durch Attentate verunsichern und die Wende herbeiführen.

Jürgen Seidel lässt uns in seinem, auf historisch Fakten basierenden, Roman Teil eines solchen Kommando-Unternehmens werden. Die „Operation Karneval“ hat ein klares Ziel. Mit dem Fallschirm über dem amerikanisch besetzten Aachen abspringen und den von den Alliierten eingesetzten deutschen Oberbürgermeister Franz Corneli ermorden. Kollaboration mit dem Feind ist sein Vergehen und der Arm des Führers soll so weit reichen, den Verräter auch in der amerikanischen Zone zu bestrafen.

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Zu diesem SS-Kommando gehört die erst 19-jährige Heidrun, die über den BDM (Bund Deutscher Mädchen) in diese Werwolf-Aktion eingesteuert wird, da sie als Ortskundige den Attentätern einerseits helfen und andererseits dem Unternehmen den Anschein eines harmlosen Ausflugs verleihen soll. Wer würde schon auf weibliche Werwölfe tippen.

Die Ideologie hat aus Heidrun in den letzten Jahren ein willfähriges Mitglied einer totalitären Zwangsgesellschaft gemacht, deren Grundprinzipien aus Opportunismus und ideologischer Manipulation bestehen. Eigene Opfer müssen gebracht werden, um das große Ganze zu retten – davon ist auch sie überzeugt. Beim Ansprung des Kommandos in der Gegend von Aachen wird sie vom Rest des wild entschlossenen Trupps getrennt und muss auf eigene Faust versuchen, wieder Anschluss zu finden und den Aufenthaltsort von Franz Corneli auszukundschaften.

Heidruns Weg durch die vom Krieg gezeichnete Region, ihre Kontakte zur „befreiten“ Bevölkerung und letztlich der erste Kontakt mit der Familie des Opfers beginnen der jungen Frau die Augen zu öffnen. Und dann passiert das, was in dieser Situation gar nicht passieren dürfte. Heidrun verliebt sich in den Sohn des Oberbürgermeisters. Kann sie den Wahnsinn stoppen, kann sie rechtzeitig aus dem 1000-jährigen Schlaf erwachen und nicht nur ihrem Leben eine neue Richtung geben? Und dies, während sich der „Werwolf“ mit gefletschten Zähnen zum letzten Gefecht erhebt…

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Jürgen Seidel versetzt seine Leser in die düstere und unsichere Atmosphäre eines Landstriches in Deutschland, der erst seit wenigen Wochen vom Schatten der Diktatur befreit wurde. Das letzte Aufgebot hat überall Spuren hinterlassen. Kirchenglocken wurden auf Marktplätzen gesammelt, um für Wunderwaffen eingeschmolzen zu werden, Kriegsnarben teilen Land und Bevölkerung und angesichts der Werwolf-Attentate und der augenscheinlichen Verbrechen der NAZIS trauen die Befreier niemandem so richtig über den Weg. Seidel skizziert den Weg in ein neues Land und lässt dabei Protagonisten zu Wort kommen, die authentisch und greifbar sind. Hierbei gelingt es durchaus aufzuzeigen, wie brutal das individuelle Erwachen aus einem kollektiven Albtraum verlaufen kann.

Aus Tätern werden nicht einfach so und per Federstrich Opfer. So leicht lässt Jürgen Seidel die deutsche Vergangenheit nicht davonkommen. Aber er beschreibt den Weg von Unschuldigen. Von Jugendlichen, deren gesamtes Leben aus purer Indoktrination und Manipulation bestand. Verblendet und ferngesteuert rasten sie nicht nur ihrem eigenen Untergang entgegen und nur wer sich vom Schleier des Erlebten lösen konnte, der war in der Lage in eine neue Zukunft zu starten. 

Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes -

Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes –

Der dritte Band der offenen Trilogie über Jugendliche im und nach dem Dritten Reich erscheint schon bald. Das Paradies der Täter ist durch die rein inhaltliche Klammer des Lebens Jugendlicher unter dem Symbol des Hakenkreuzes mit „Blumen für den Führer“ und „Die Unschuldigen“ verbunden. Es sind in sich geschlossene Momentaufnahmen, die haften bleiben. Screenshots einer Vergangenheit, die heute weit entfernt scheint, deren Botschaft jedoch ewig trägt.

Es ist mutig, solche Bücher zu schreiben – es ist mutig, sie zu verlegen – aber es bedarf keines Mutes, sie zu lesen! Man muss sich nur trauen, den Worten eines historischen Jugendromans aufmerksam zu lauschen und bereit sein, einen kleinen Teil der Botschaft ins „Jetzt und Heute“ zu übertragen.

Sei individuell – Lass dich von niemandem zum Instrument machen – Hinterfrage das Leben – Bilde dir keine Vorurteile – Lass andere anders sein – Zeige Toleranz – Suche keine Sündenböcke für eigenes Unvermögen – Geh aufrecht…. Jugendbücher können so vieles…. Man muss sie nur lassen!

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

(Editorial: Franz Oppenhoff diente als reale Vorlage für den Roman-Bürgermeister Franz Corneli. Oppenhoff wurde am 25. März 1945 vor seinem Haus ermordet. Eine am Anschlag beteiligte 16-jährige Angehörige des BDM wurde später von einem deutschen Gericht freigesprochen.)

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