„Die Unschuldigen“ – Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Es ist ein mutiges Unterfangen, in der heutigen Zeit und in einer eher auf Ablenkung fixierten Gesellschaft Romane zu schreiben und zu publizieren, die in ihrer Tragweite und Botschaft offensichtliche Brücken zu Ereignissen im Dritten Reich schlagen. Es ist ein mutiges Unterfangen daran zu glauben, dass diese Bücher besonders von Jugendlichen gelesen und im tiefsten Wortsinn beherzigt werden. Es ist ein sehr mutiges Unterfangen, sich nicht dem Mainstream zu unterwerfen, sondern mit historisch basierten Jugendromanen auf indirekte Weise mehr zu vermitteln, als es im Geschichtsunterricht oftmals möglich ist.

Jürgen Seidel hat sich dies auf die eigene Fahne geschrieben und sein Verlag CBJ hält diese seit der Veröffentlichung des Romans „Blumen für den Führer“ hoch. Wir Literatwos schreiben seit nunmehr genau drei Jahren kontinuierlich Gegen das Vergessen von Holocaust und ideologischer Manipulation und sind froh, nun auch den zweiten Seidel-Band aus seiner thematisch in sich geschlossenen Reihe über die Jugend im Nationalsozialismus und der Zeit nach dem Krieg vorstellen zu können.

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

„Die Unschuldigen“ – allein der Titel ist Botschaft und Freispruch zugleich. Spricht man über Jugendliche, die von Kindesbeinen an der gezielten Propaganda eines totalitären Regimes unterzogen wurden, dann muss dieser Begriff erlaubt sein – selbst wenn diese Jugendlichen im tiefen Glauben an das „System“ selbst zu Tätern wurden.

Wir befinden uns im Jahr 1945 in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges. Das „Deutsche Reich“ steht am Rande der Niederlage – die Fronten brechen zusammen und Teile des Landes sind bereits von alliierten Truppen besetzt. Das NAZI-Regime greift zu den letzten Waffen – der Volkssturm wird mobilisiert, aus Angehörigen der Hitlerjugend werden über Nacht richtige Kindersoldaten und die geheime Organisation „Werwolf“ wird aus der Taufe gehoben. Partisanen aus den Reihen der SS sollen die Besatzer durch Attentate verunsichern und die Wende herbeiführen.

Jürgen Seidel lässt uns in seinem, auf historisch Fakten basierenden, Roman Teil eines solchen Kommando-Unternehmens werden. Die „Operation Karneval“ hat ein klares Ziel. Mit dem Fallschirm über dem amerikanisch besetzten Aachen abspringen und den von den Alliierten eingesetzten deutschen Oberbürgermeister Franz Corneli ermorden. Kollaboration mit dem Feind ist sein Vergehen und der Arm des Führers soll so weit reichen, den Verräter auch in der amerikanischen Zone zu bestrafen.

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Zu diesem SS-Kommando gehört die erst 19-jährige Heidrun, die über den BDM (Bund Deutscher Mädchen) in diese Werwolf-Aktion eingesteuert wird, da sie als Ortskundige den Attentätern einerseits helfen und andererseits dem Unternehmen den Anschein eines harmlosen Ausflugs verleihen soll. Wer würde schon auf weibliche Werwölfe tippen.

Die Ideologie hat aus Heidrun in den letzten Jahren ein willfähriges Mitglied einer totalitären Zwangsgesellschaft gemacht, deren Grundprinzipien aus Opportunismus und ideologischer Manipulation bestehen. Eigene Opfer müssen gebracht werden, um das große Ganze zu retten – davon ist auch sie überzeugt. Beim Ansprung des Kommandos in der Gegend von Aachen wird sie vom Rest des wild entschlossenen Trupps getrennt und muss auf eigene Faust versuchen, wieder Anschluss zu finden und den Aufenthaltsort von Franz Corneli auszukundschaften.

Heidruns Weg durch die vom Krieg gezeichnete Region, ihre Kontakte zur „befreiten“ Bevölkerung und letztlich der erste Kontakt mit der Familie des Opfers beginnen der jungen Frau die Augen zu öffnen. Und dann passiert das, was in dieser Situation gar nicht passieren dürfte. Heidrun verliebt sich in den Sohn des Oberbürgermeisters. Kann sie den Wahnsinn stoppen, kann sie rechtzeitig aus dem 1000-jährigen Schlaf erwachen und nicht nur ihrem Leben eine neue Richtung geben? Und dies, während sich der „Werwolf“ mit gefletschten Zähnen zum letzten Gefecht erhebt…

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Jürgen Seidel versetzt seine Leser in die düstere und unsichere Atmosphäre eines Landstriches in Deutschland, der erst seit wenigen Wochen vom Schatten der Diktatur befreit wurde. Das letzte Aufgebot hat überall Spuren hinterlassen. Kirchenglocken wurden auf Marktplätzen gesammelt, um für Wunderwaffen eingeschmolzen zu werden, Kriegsnarben teilen Land und Bevölkerung und angesichts der Werwolf-Attentate und der augenscheinlichen Verbrechen der NAZIS trauen die Befreier niemandem so richtig über den Weg. Seidel skizziert den Weg in ein neues Land und lässt dabei Protagonisten zu Wort kommen, die authentisch und greifbar sind. Hierbei gelingt es durchaus aufzuzeigen, wie brutal das individuelle Erwachen aus einem kollektiven Albtraum verlaufen kann.

Aus Tätern werden nicht einfach so und per Federstrich Opfer. So leicht lässt Jürgen Seidel die deutsche Vergangenheit nicht davonkommen. Aber er beschreibt den Weg von Unschuldigen. Von Jugendlichen, deren gesamtes Leben aus purer Indoktrination und Manipulation bestand. Verblendet und ferngesteuert rasten sie nicht nur ihrem eigenen Untergang entgegen und nur wer sich vom Schleier des Erlebten lösen konnte, der war in der Lage in eine neue Zukunft zu starten. 

Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes -

Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes –

Der dritte Band der offenen Trilogie über Jugendliche im und nach dem Dritten Reich erscheint schon bald. Das Paradies der Täter ist durch die rein inhaltliche Klammer des Lebens Jugendlicher unter dem Symbol des Hakenkreuzes mit „Blumen für den Führer“ und „Die Unschuldigen“ verbunden. Es sind in sich geschlossene Momentaufnahmen, die haften bleiben. Screenshots einer Vergangenheit, die heute weit entfernt scheint, deren Botschaft jedoch ewig trägt.

Es ist mutig, solche Bücher zu schreiben – es ist mutig, sie zu verlegen – aber es bedarf keines Mutes, sie zu lesen! Man muss sich nur trauen, den Worten eines historischen Jugendromans aufmerksam zu lauschen und bereit sein, einen kleinen Teil der Botschaft ins „Jetzt und Heute“ zu übertragen.

Sei individuell – Lass dich von niemandem zum Instrument machen – Hinterfrage das Leben – Bilde dir keine Vorurteile – Lass andere anders sein – Zeige Toleranz – Suche keine Sündenböcke für eigenes Unvermögen – Geh aufrecht…. Jugendbücher können so vieles…. Man muss sie nur lassen!

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

Die Unschuldigen von Jürgen Seidel

(Editorial: Franz Oppenhoff diente als reale Vorlage für den Roman-Bürgermeister Franz Corneli. Oppenhoff wurde am 25. März 1945 vor seinem Haus ermordet. Eine am Anschlag beteiligte 16-jährige Angehörige des BDM wurde später von einem deutschen Gericht freigesprochen.)

Mit einem Klick zum Paradies der Täter

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