„Spiegelriss“ von Alina Bronsky

Alina Bronsky - Spiegelriss folgt Spiegelkind

Alina Bronsky – Spiegelriss folgt Spiegelkind

„Es wird eine Trilogie“ – mit diesen magischen Worten, oftmals vom Verlag ausgesprochen, fangen sie meist an: Die wahren Probleme des Autorenlebens. Existierte bis zu diesem Zeitpunkt die ausformulierte Grundidee für einen Roman, so gilt es nun zu strukturieren und einen gedanklichen Ablauf zu entwickeln, an welchen Stellen man den geneigten Leser im frisch geknüpften Spannungsbogen alleine lässt, wo man ihn wieder abholt und wie darüber hinaus der Wunsch gesät werden kann, sich auf die Fortsetzung zu freuen – ihr entgegen zu fiebern – es nicht mehr erwarten zu können. Vor Neugier zu platzen…

Ein Cliffhanger ist nach wie vor das probateste aller Mittel, die Spannung bis zu einem bestimmten Punkt zu treiben und dann auf dem siedend heißen Höhepunkt die magischen Worte folgen zu lassen: „Fortsetzung folgt!“ Film und Buch gehen da strategisch oft Hand in Hand.

Spiegelkind“ von Alina Bronsky bildete den Auftakt der „Spiegel-Trilogie und Literatwo hat diesem viel beachteten Auftaktband bereits zwei Artikel gewidmet. Nicht nur uns hat Spiegelkind berührt und bewegt, auch die Malerin Peggy Steike hat ihrer grenzenlosen Fantasie freien Lauf gelassen und ein magisches Bild entstehen lassen, das inzwischen seinen Weg zu Alina Bronsky gefunden hat.

Was kann ein Jugendbuch mehr bewirken in unserer Zeit, als seine Botschaft so laut durch den Blätterwald zu rufen? Eine Botschaft eines jungen Mädchens: Juliane Rettemi

Julis Mutter verschwindet plötzlich, doch für niemanden scheint dies ungewöhnlich zu sein. Die einzigen Erinnerungen sind die niemals richtig heilenden Narben auf Julis Rücken und die Bilder ihrer vermissten Mutter. Auch in Julis Zimmer steht eines dieser magischen Gemälde, auf dem sich Details wie von Geisterhand zu verändern scheinen – eine Hütte im Wald.

Und genau diese Bilder werden nach dem Verschwinden der Mutter im ganzen Haus durch Spiegel ersetzt. Juli begreift immer mehr: Diese Werke gelten als „verbotene Kunst“. Sie werden vernichtet und ihre Mutter wird als gefährlich eingestuft. Nur weil sie anders ist – nur weil sie eine „Phee“ ist. Juli beginnt für ihre Mutter und letztlich auch für sich zu kämpfen. Und diesen Kampf führt sie nicht nur gegen die Verteidiger der „Normalität“ sondern auch gegen ihren eigenen Vater… Kann es sein, dass er für das Verschwinden der Mutter verantwortlich ist?

Alina Bronsky definiert den Begriff Cliffhanger in vielerlei Hinsicht völlig neu. Am Ende von Spiegelkind bleiben viele Fragen offen, die uns in die Fortsetzung „Spiegelriss“ tragen. Die wichtigste aller Fragen ist die nach der wahren Herkunft von Juli Rettemi. Wenn ihre Mutter eine „Phee“ ist, dann muss auch sie selbst über außergewöhnliche Gaben verfügen. Es gilt nur ihre Mutter zu finden und dann könnte sich alles auflösen… irgendwie… denkt Juli…! Spiegelkind endet an einem Punkt der uns sprachlos gemacht hat… nachdenklich und emotional.

Juliane Rettemi - Gesucht - Gefährlich - PHEE

Juliane Rettemi – Gesucht – Gefährlich – PHEE

Es war ein magischer Moment, mit Juliane gemeinsam den Weg zu ihrer Mutter zu finden. Die Quadren waren nicht nur normale Bilder, sondern gleichsam die Pforten zur ihre Zufluchtsstätte. Der Weg zur Mutter führt im wahrsten Wortsinn durch die Bilder.  Die Begegnung mit ihrer Mutter öffnet allerdings eine Tür zu weit größeren Geheimnissen, die Juli niemals für möglich gehalten hätte. „Dein Vater ist nicht dein Vater!“

Recht atemlos vor Spannung schlugen wir die ersten Seiten von „Spiegelriss“ auf, um uns auf die Spur der wahren familiären Herkunft Julis zu begeben und plötzlich verstanden wir, warum das Buch seinen bezeichnenden Titel trägt. Wer der Meinung war, das „Vater“-Geständnis sei ein Cliffhanger, der wird schon zu Beginn von Spiegelriss davon überzeugt, dass Alina Bronsky es noch sehr gut mit ihren Lesern gemeint hat. Denn das Buch beginnt mit einem wahren Paukenschlag.

Juliane Rettemi ist vor ihrer Mutter geflohen – erbost, weil ihr die Wahrheit über das eigene Leben verschwiegen wurde und nun befindet sie sich in der Gesellschaft von zwielichtigen Gestalten relativ behütet inmitten des geheimnisvollen Waldes. Ein Rudel hat sich ihrer angenommen – und dies obwohl Juli inzwischen gesucht wird – landesweit.

Als Mörderin ihres Vaters…!

Das Pheen - Gefängnis - Dementio

Das Pheen – Gefängnis – Dementio

Aus einer jungen Frau wird die meistgesuchte „Nicht-Normale“ des Landes. Gehetzt und im ständigen Kampf ums Überleben stehen ihr nur wenige wahre Freunde bei und selbst diese scheinen geheimnisumwitterter zu sein, als Juli es für möglich hält. Kojote zum Beispiel, ein junge aus dem Rudel, wird zu ihrem Weggefährten und Beschützer, scheint allerdings dabei seine eigenen Ziele zu verfolgen und Julis bester Freundin Ksü geht es von Tag zu Tag schlechter. Sie scheint zu verschwinden.

Durch grenzenlosen Verrat gerät Juli in die Fänge der Häscher und findet sich im berüchtigten Pheen-Gefängnis „Dementio“ wieder. Verhöre, psychischer Druck und die drohende Todesstrafe lassen in Juliane Rettemi Kräfte erwachsen, von denen sie nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Eine wahre Phee erwacht…

Alina Bronsky erzählt nicht – sie schreibt nicht – sie schleicht sich mit ihren Ideen in unsere Köpfe und Herzen. Wir wissen immer ein wenig mehr, als Juliane und wir versuchen insgeheim zu erahnen, in welche Richtung der Weg führen könnte.

Alina Bronsky - Spiegelriss - Ein Scheiterhaufen

Alina Bronsky – Spiegelriss – Ein Scheiterhaufen

Wir realisieren, welche Fähigkeiten in Juli zum Vorschein kommen – für sie selbst ist dies ein schleichender und eher unbewusster Vorgang. Ihre Sinne scheinen sich zu schärfen – ihre Wahrnehmung lässt sie Dinge erkennen, die sich dem „normalen“ Menschen entziehen. Und ihre Sinne bewegen sich nicht mehr linear, sondern auf unterschiedlichen Zeitebenen. Und dies ist nur der Anfang!

Doch gerade diese Wahrnehmungen sind präziser als die Trugbilder hinter denen man sie ein Leben lang versteckt hat. Zeit, den Weg zu gehen – Zeit ihre eigene Geschichte zu entdecken – Zeit die Spiegel einer Zerreißprobe zu unterziehen, wie nur eine wahre „Phee“ dies kann – Zeit nicht nur sich zu helfen, sondern ihren Freunden und vielleicht dem mächtigsten Verbündeten: dem Wald, der immer dichter wird, näher rückt  und  für die Normalität zur ultimativen Bedrohung wird.

Genau jenem Wald, in dem eine einsame Hütte steht… Der Wald, in dem Julis Mutter lebt und der Wald, der versucht, in Frieden mit den Menschen zu leben. Kann Juliane Rettemi mehr als nur sich selbst vor der Normalität bewahren?

Eine mehr als grandiose Fortsetzung – ein meisterlich konstruierter Spannungsbogen und ein Hauch einer Ahnung, an welcher Stelle uns Alina Bronsky zum dritten Teil abholen wird. Wir werden da sein.

Versprochen….

Und zum guten Ende haben wir noch eine Überraschung für alle Leser, in deren Bücherregal „Spiegelkind“ noch ganz alleine steht. Ein funkelnagelneues Exemplar von „Spiegelriss“ würde sich gerne auf die Reise zu seinem Vorgänger machen, weil einfach nicht getrennt sein darf, was zusammengehört. Kommentiert doch einfach diesen Artikel und teilt uns mit, warum das Buch ausgerechnet zu euch reisen muss… Wir werden uns die Entscheidung nicht leicht machen 😉

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