„Mary, Tansey und die Reise in die Nacht“ von Roddy Doyle

Roddy Doyle - Mary, Tansey und die Reise in die Nacht ("A Greyhound of  a Girl")

Roddy Doyle – Mary, Tansey und die Reise in die Nacht („A Greyhound of a Girl“)

Es gibt Träume im Leben von Menschen, die so unrealistisch wirken, dass man sich schneller von ihnen verabschieden sollte, als noch länger darüber nachzudenken. Es werden Träume geträumt, die trösten und Halt geben. Es gibt Traumbilder, denen man sich niemals entziehen kann, besonders wenn es um gelebte und gefühlte Verantwortung geht. Und wenn es um Liebe geht.

Ich träume oft davon, in ferner Zukunft, wenn ich schon gar nicht mehr existiere, genau dann bei meiner kleinen Tochter aufzutauchen, wenn sie im Begriff ist, diese Erde zu verlassen. Ich würde sie gerne halten in diesem Moment. Würde ihr gerne sagen, wie lieb ich sie habe und dann würde ich bis zu dem Moment in dem sich ihre Augen schließen das tun, was ich zeitlebens für das kleine Mädchen getan habe, wenn es ihm nicht besonders gut ging.

Ich würde ihre Füße massieren – ich würde damit den Schmerz besiegen, der vielleicht genau in dem Moment von ihr Besitz ergreift, der für dieses vitale Wesen der schlimmste ihres Lebens ist. Es lastet auf mir, dies nicht tun zu können und doch ist dieser Wunsch so groß, dieser Traum so präsent, dass ich ihn sehr oft träume. Und sorry für diese Gefühle – er hält mich und ich sehe mich oft am Bett einer vielleicht 90jährigen Frau stehen, ihre zarten Fußgelenke in Händen und höre mich sagen: „Jetzt sieh´ mal einer an, wie alt mein Mädchen geworden ist…!“

Ich würde dies so gerne für sie tun… und bei Gott, es würde mir so viel bedeuten, wenn sie dann einfach nur so lächeln würde, wie in jenen magischen Momenten, wenn der Schmerz ihren kleinen Körper über die massierten Füße verlässt. Einfach da zu sein in diesen Minuten – mehr wünsche ich mir manchmal nicht vom Leben.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Lebenslange Liebe

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Lebenslange Liebe

Was das mit diesem Buch zu tun hat, wird man sich jetzt fragen? Mary, Tansey und die Reise in die Nacht (CBJ-Verlag) ist für mich persönlich, als hätte Roddy Doyle meinen Träumen gelauscht und mich am Bett jener alten Frau beobachtet. Als hätte jemand in mein Herz geschaut und begriffen, wie viel Halt ein solcher Gedanke geben kann. Als hätte jemand gespürt, wie schön dieser Traumgedanke ist.

Dieser Roman beinhaltet eines der denkbar schönsten Bilder die jemals zuvor über den Umgang mit Verlust, über das Loslassen-Können und verantwortungsvolle Liebe geschrieben wurden. Dieses Buch ist ein Traum, der uns beschäftigen… der uns halten kann… und der uns in den schwersten Zeiten Hoffnung und Flügel verleiht.

Mehr als drei Generationen einer Familie werden sich in den seltensten Fällen persönlich begegnen. Soviel steht fest. Und so sind es immer Großmütter, Mütter und Enkelinnen auf der weiblichen Seite eines Stammbaums, die Hand in Hand durchs Leben gehen und sich gegenseitig Halt geben. Urgroßmütter kennt man aus Erzählungen und vielleicht von alten Fotos. Drei Generationen leben, trauern, freuen, lachen und leiden gemeinsam.

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht - Ein magisches Band - Der Stammbaum

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht – Ein magisches Band – Der Stammbaum

Mary O`Hara trägt mit ihren 12 Jahren schwer an der Situation, dass ihre Großmutter Emer im Sterben liegt. Einerseits fürchtet sie sich vor dem Verlust der geliebten Oma, andererseits fühlt sie sehr intensiv, wie schwer es für ihre eigene Mutter Scarlett wäre, ihre Mutter zu verlieren. Die Wurzel der Familie – den Ursprung des Stammbaums und die Basis eines eigenen Lebens. All dies verkörpert Emer… bettlägerig… voller Schmerz und Angst vor der letzten Reise ihres Lebens.

Emer – Mutter, Großmutter und selbst Tochter und Enkelin – ist die Summe aller generationsübergreifenden Leben dieser Familie. Emer steht in deren Zentrum und bereitet sich darauf vor, ihren Platz an ihre Tochter zu übergeben. Abschied… so kann man  überschreiben, was sich bei Besuchen im Krankenhaus ereignet. Die lähmende Trauer vor dem Tod… die Angst vor dem nächsten Besuch, der ein letzter sein kann… Angst vor Unausgesprochenem und dem unklaren Danach.

Genau in diesem Moment begegnet Mary einer merkwürdigen Frau. Sie wirkt durchscheinend und nicht sehr konturiert, als würde sie schimmern und außerdem sieht sie Scarlett ein wenig ähnlich und ihre Ausdrucksweise erinnert an Emer. Seltsam – sehr seltsam. Vertrautheit stellt sich ein und die Frau stellt sich Mary als Tansey vor, eigentlich Anastasia, aber so hätte man sie nie genannt. Und dann eröffnet sie dem jungen Mädchen das Unfassbare.

Vier Generationen - Die Summe vieler Leben

Vier Generationen – Die Summe vieler Leben

Tansey ist ein Geist – aber immerhin ein sehr nah verwandter Geist. Sie ist die Urgroßmutter von Mary und konnte nach ihrem Tod im Jahr 1928 die Erde nicht verlassen, da sie so sehr in Sorge um ihre dreijährige Tochter Emer war, dass sie den letzten Schritt nicht gehen konnte. Tansey verkörpert die vierte Generation – viel zu früh verstorben und immer geblieben, um ihrer Tochter die Angst zu nehmen, wenn diese einmal im Sterben liegen würde. Diese Zeit scheint gekommen.

Mary bringt Tansey und Scarlett zusammen, die es kaum fassen kann, ihrer eigenen Großmutter zu begegnen, die sie nie kennen lernen durfte. Gemeinsam fassen sie einen geheimnisvollen Plan. Tansey will ihre Tochter Emer im Krankenhaus besuchen und ihr die Angst vor dem Sterben nehmen. Eine letzte Begegnung und vielleicht ein letzter Wunsch – das hat sie sich selbst versprochen und so begeben sich drei Frauen auf ihre bedeutende Mission zu einer vierten.

Eine von ihnen schon tot.
Eine steht mitten im Leben.
Eine an der Schwelle zur Jugend.
Eine stirbt.

Vier Generationen vereint durch ein ewig währendes magisches Band. Es ist der Beginn einer besonderen Reise in die Nacht und dabei lernen sie einander intensiver kennen, als dies jemals möglich gewesen wäre.

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Roddy Doyle erzählt eine hoffnungsvolle Geschichte von ewiger Liebe und immer währender Verantwortung. Leuchtend und froh sind die Bilder, die er inmitten der Reise in die Nacht in den Herzen der Leser erzeugt.  Er thematisiert nicht die ursprüngliche Angst, jemanden zu verlieren und trauernd zurückzubleiben. Er schreibt nicht über Trauer im eigentlichen Sinn. Er stellt einen Gedanken in den Mittelpunkt,  der so sehr nachzuempfinden ist:  Die Sorge was passiert wenn man selbst gehen muss und sich selbst nicht mehr kümmern kann – die Sorge davor, der eigenen Verantwortung nicht gerecht zu werden – eine Sorge, die Tansey schließlich bleiben lässt. Mehr als ein Leben lang.

Roddy Doyle lässt uns davon träumen, bleiben zu dürfen und in einem letzten emotionalen Moment dasein zu können, wenn wir wirklich gebraucht werden. In seinem Buch für Jugendliche und Erwachsene vermittelt er nicht nur Trost – er weckt auch das eigene Interesse für die Vergangenheit der Familie – er weckt Interesse am eigenen Stammbaum. „A Greyhound of a Girl“ heißt der Roman in der Originalfassung. Ein Windhund von einem Mädchen.

Vieles haben die vier Frauen im Roman gemeinsam – vieles davon unbewusst. Aussehen, Ausdrucksweise und Vorlieben. Eine lebt in der Anderen weiter. Und manchmal ist die Jüngste ein eben solcher Windhund wie ein ehedem junges Mädchen, das heute seine letzte Reise antritt.

Jeder Einzelne ist ein wundervolles Blatt im Stammbaum der Familie und beim Blick in einen Baum erkennt man die Summe aller Generationen in ihren schillerndsten Farben und ihrer vollsten Vitalität. Ein starkes Buch!

Roddy Doyle - Eine Geschichte voller Magie - "A Greyhound of a Girl"

Roddy Doyle – Eine Geschichte voller Magie – „A Greyhound of a Girl“

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