„Das Paradies der Täter“ von Jürgen Seidel

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Wenn sich ideologisches Gift in die Seele schleicht, dann zerfrisst es den Geist des Menschen. Dies ist ein schleichender Prozess in dem die Dosierung der Vergiftung täglich ein wenig gesteigert wird und an dessen Ende eine völlig manipulierte Persönlichkeit zu Handlungen in der Lage ist, die man niemals für menschenmöglich halten würde. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes – weder für menschlich, noch für möglich.

Jürgen Seidel schreibt über die Vergiftung Jugendlicher im Dritten Reich. In seinen Jugendbüchern beschreibt er diesen schleichenden Prozess beginnend bei seinen Ursprüngen und pulverisiert damit tradierte Opfer- und Täterbilder. Aus einfacher Schwarz-Weißzeichnung – aus schlichtem Gut und Böse – entsteht eine schillernde Farbskala von Schuld und Verantwortung.

Seidel blickt in die Seelen von Jugendlichen, die im Dritten Reich der täglichen Manipulation ausgesetzt waren. Jugendliche für die es schließlich normal war, in Rassebildern zu denken und die Verteidigung des eingeimpften Gedankenguts als völlig normal zu betrachten.

Jürgen Seidel - Eine offene Trilogie

Jürgen Seidel – Eine offene Trilogie

Seidels offene Trilogie über die Jugend unter dem Hakenkreuz ist somit eine Seelenwanderung vom Ursprung bis in eine Zeit, in der das Grauen eigentlich längst von der Bildfläche verschwunden war. In seinem Roman „Blumen für den Führer“ hat das NAZI-Gift sich bereits Raum verschafft und die junge Reni Anstorm ist schon nicht mehr in der Lage zu erkennen, welche Realität sich hinter dem medialen Pomp der Olympischen Spiele 1936 verbirgt. Verehrung und Verblendung bereiten die Bahn für den Aufmarsch der Manipulierten. Nicht mehr aufzuhalten.

Der Roman „Die Unschuldigen“ zeigt ebendiese Seelen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Verloren und geschlagen steht die deutsche Jugend vor den Trümmern der Idealbilder, die sich in ihren Seelen festgebrannt haben. 1000 Jahre können sich doch so schnell nicht in Luft auflösen. Den Blick zurück gewandt, die Zukunft unter neuen Vorzeichen undenkbar, versucht die 19jährige Heidrun als Angehörige eines SS-Kommandos durch die Beteiligung an einem Attentat, den Lauf der Geschichte zu stoppen.

Vergiftet bis in die allerletzte Faser des Körpers sieht man, wie tief das Gedankengut bis zu diesem Zeitpunkt Besitz ergriffen hatte und wie schwer, wenn nicht gar unmöglich es werden würde, Geist, Seele und Herz im Nachkriegsdeutschland von diesen Schatten zu befreien. Nichts anderes als Propaganda und nationalsozialistische Prägung hatten diese jungen Menschen bis zu diesem Tage erfahren, an dem ihre Welt in Trümmer zerbrach.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

In seinem letzten Band dieser offenen Trilogie entführt uns Jürgen Seidel in „Das Paradies der Täter“ (CBJ-Verlag). Wir befinden uns in den 1950er Jahren und der Zweite Weltkrieg scheint überwunden. Europa konstituiert sich neu und aus dem ehemaligen Dritten Reich wird unter Aufsicht der Siegermächte Schritt für Schritt eine moderne Demokratie. Der Nationalsozialismus existiert nicht mehr – alte Machtstrukturen sind beseitigt und in zahlreichen Prozessen wurden die Täter zur Verantwortung gezogen.

Aber war dies wirklich so? Hatte man die Strukturen der Nazis so nachhaltig zerschlagen? War das System vernichtet und der Weg in die Zukunft ein rosiger? Hatte man alle Täter gestellt oder gab es Wege und Netzwerke, die ihnen die rechtzeitige Flucht ermöglichten?

Rattenwege ins Paradies…

Südamerika hieß das Zauberwort für Nazi-Größen, die den Sprung vor der Niederlage geschafft hatten. Südamerikanische Diktaturen und lange gepflegte Netzwerke ermöglichten es denjenigen, vor denen die halbe Welt geflohen war, nun selbst zu fliehen. Aus den Verfolgern von einst wurden die Flüchtlinge der Nachkriegsjahre.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Argentinien mutierte zum wahren „Paradies der Täter“. Geschützt durch die dortigen Machthaber entwickelte sich das Land zum Sammelbecken ehemaliger Nazi-Größen, die finanziell bestens ausgestattet und in alten Seilschaften verstrickt, nicht nur sich selbst retten konnten, sondern auch ihre Ideologie, ihre Menschenverachtung und ihre Grundhaltung. Ein wahres Paradies, in dem auch die Kinder dieser Täter ein neues Leben beginnen konnten. Meist musste nur der Nachname geändert werden, ansonsten konnte man auf Unterstützung staatlicher Organe und alter Freunde bauen. Ein Rattenweg ins Paradies.

Genau hier setzt Jürgen Seidel in aller Tiefe an und beschreibt in sprachlich meisterlicher Art und Weise die Perversion dieser gefühlten Realität. Denn genau in diesem Paradies treffen die Kinder der Täter in ganz normalen Schulen auf die Kinder der Opfer, die vor ihnen geflohen waren. Jüdische Emigranten, dem Tod von der Schippe gesprungen, mit langen Opferlisten in Händen, entwurzelt und mit durch Nazi-Häscher gefällten Stammbäumen sitzen sie nun in gemeinsamen Schulklassen und werden auf die Zukunft vorbereitet. Täterkinder und Opferkinder – und jeder ahnt vom Gegenüber mehr als zu beweisen ist.

Ein unerträglicher Gedanke, sich eine solche Schulklasse auch nur vorzustellen. Kinder, deren Familien in Konzentrationslagern ermordet wurden sitzen den Söhnen und Töchtern der ehemaligen Machthaber gegenüber und stellen fest, dass diese ein völlig unbescholtenes Leben führen dürfen.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Tom, der 17jährige Sohn eines untergetauchten Nazis begegnet an seinem ersten Tag in der neuen Schule dem jüdischen Mädchen Walli. Es ist Liebe auf den ersten Blick und auch auf den zweiten Blick muss klar sein, dass diese Liebe eine unmögliche ist. Zu tief sind die Gräben, die andere gezogen haben – zu groß der Schmerz. Tom verstrickt sich, innerlich schon seit langem auf tiefstem Konfrontationskurs zum Vater und aufgewühlt von der Schuld seiner Familie, in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen gibt. Scham und Rebellion bringen ihn dazu, zu behaupten, er sei Jude.

Tom positioniert sich klar und gerät damit zwischen alle Fronten. Die innere Abkehr von der eigenen Vergangenheit muss zum Bruch mit seinen eigenen Wurzeln führen und die Widersprüche in die er sich aus Liebe immer mehr verstrickt führen dazu, dass er auf Seiten seiner jüdischen Freunde mehr Misstrauen als Anerkennung findet. Als Walli zum Opfer von antisemitischen Übergriffen ihrer Mitschüler wird beginnt in Tom das eigentliche Leben zu erwachen. Er sucht seinen Weg – und der kann nur an der Seite von Walli sein. Doch lassen die komplexen Machtstrukturen, die großen und kleinen Verwicklungen und die Familien der beiden Jugendlichen einen solchen Weg zu oder endet alles, wie es schon vor Jahren endete?

Jürgen Seidels „größter Wurf“! Ein Szenario, das perfider und packender nicht sein kann. Charaktere, die greifbar und fühlbar sind. Eine Konstruktion, die mehr als sprachlos macht und zwei Protagonisten, die uns verstehen lassen, wie tief das Gift der Vergangenheit noch immer in den Seelen sitzt.

Jürgen Seidel - Das Paradies der Täter

Jürgen Seidel – Das Paradies der Täter

Eine Seelenwanderung der besonderen Art hat Jürgen Seidel in diesen drei Jugendromanen vorgelegt. Inhaltlich völlig unabhängig – nicht durch Personen oder Handlung miteinander verbunden – aber unter der Klammer der Ideologie und der Zeit ergeben alle drei Romane in ihrer Gesamtheit eine Grundlage zur Versöhnung, da Seidel nicht klagt, sondern erklärt; nicht verurteilt, sondern versteht; nicht fordert sondern hofft.

Lest dies in Schulen – lest es gemeinsam – versteht die Ursachen und die Wirkung und haltet euch dann vor Augen, an welch kleinen Problemen heutzutage das Verständnis füreinander scheitert. Verdrängt nicht, welche Wirkungen entstehen können, wenn ihr euch heute selbst zur Ursache machen lasst. Geht euren eigenen Weg.

Führt ein buntes Leben – kein einfarbiges….

Jürgen Seidel bei Literatwo

Jürgen Seidel – eine offene Trilogie gegen das Vergessen

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