Hannahs Briefe – Ronaldo Wrobels Roman für literarische Feinschmecker

Hannahs Briefe - Aus Briefen werden Träume - Aus Träumen wird Realität

Hannahs Briefe – Aus Briefen werden Träume – Aus Träumen wird Realität

Viel haben wir über die Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens in der Zeit des Nationalsozialismus gelesen. Viel haben wir über Bücher geschrieben, die sich diesem Thema widmen und als Fingerzeig in die heutige Zeit reichen, um ihren Beitrag zu leisten, gegen das Vergessen anzukämpfen.

Doch nicht nur in Deutschland war das Leben gefährlich, wenn man der „falschen“ Religion angehörte, einer „falschen“ politischen Idee folgte oder eben einfach anders war, als es die jeweiligen totalitären Herrscher verlangten und zur Norm erhoben. Das Argentinien der 1950er Jahre haben wir in unserer Rezension zu Das Paradies der Täter als wahres Schlupfloch für NAZI-Größen nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt.

Die politischen Umwälzungen und die ausufernden Verfolgungen des jüdischen Volkes im Vorkriegs-Europa waren für einen wahren Völkerstrom verantwortlich. Man versuchte durch Emigration sowohl den Kommunisten, als auch den NAZIS zu entkommen und so war Südamerika bereits Mitte der 1930er Jahre auch ein hoffnungsvolles Fluchtziel jüdischer Auswanderer. Auch Brasilien sah sich mit einer solchen Flüchtlingswelle konfrontiert und Diktator Vargas befürchtete, dass diese Invasion der Verfolgten, der Unzufriedenen und der Andersdenkenden die Ordnung seines Regimes stören würde.

Er sah seine schöne Regierungszeit in Gefahr und beauftragte seinen Geheimdienst, eine gescheiterte kommunistische Revolte zum Anlass nehmend, zu einer wahren Hexenjagd auf alle Exilanten unter der Sonne seines Reiches. Brasilien versank in einem Sumpf geheimdienstlicher Bespitzelungen und politisch motivierter Verhaftungen und Morde. Ein Automatismus, der allen totalitären Systemen gemeinsam ist. Machterhalt durch Überwachung, Zensur und Repressalien.

Hannahs Briefe - Brasilien - Ziel einer Emigrantenwelle

Hannahs Briefe – Brasilien – Ziel einer Emigrantenwelle

Herzlich willkommen also in Rio de Janeiro. Wir schreiben das Jahr 1935 und befinden uns auf dem Höhepunkt jener landesweiten Hetzjagd gegen Andersdenkende, Andersgläubige und Anderswollende. Besonders im Fokus der Geheimpolizei: wieder einmal Menschen jüdischen Glaubens. Das schien Mitte der 1930er Jahre weltweit unter den Diktatoren unterschiedlicher politischer Couleur en vogue zu sein – und eben einfach, hatte man doch den Sündenbock für kollektive Missstände schnell ausgemacht und ohne öffentliche Proteste beseitigt.

Man musste ihrer eben nur habhaft werden. Verräter gesucht… Spitzel dringend benötigt… Irgendwie musste man in die Nähe von Menschen kommen, die man dann instrumentalisieren und in das Überwachungssystem pressen konnte. In diesem speziellen Falle brauchte man dringend jemanden, der des „jiddischen Dialekts“ mächtig war und in der geheimen Zensurbehörde die abgefangenen Briefe seiner Exilgenossen übersetzen konnte…. Man brauchte diesen Briefspion dringend.

Max Kutner passt ins geheimdienstliche Beuteschema und erfüllt alle Voraussetzungen. Er beherrscht den so dringend gesuchten Dialekt, ist emigrierter polnischer Jude und – besonders wichtig – er ist willig. Er hat auch keine andere Wahl, da seine brasilianische Weste alles andere als weiß ist und er sich erhofft, durch ein wenig Mitarbeit für die Regierung nicht selbst unter die Räder selbiger zu geraten.

Hannahs Briefe - Liebes- und Lebensbriefe

Hannahs Briefe – Liebes- und Lebensbriefe

Seine Vita ist falsch, sein Name ist falsch und die Umstände seiner Übersiedlung aus Polen entsprechen ganz und gar nicht dem Kenntnisstand der hiesigen Polizei. Er hat also keine Wahl und beginnt mit der Übersetzung von Briefen, die seine jüdischen Mitbürger schreiben und jenen, die sie erhalten. Emotionen und Schuldgefühle versucht er auszuschalten.

Wort für Wort, Satz für Satz übersetzt er Geschäfts-; Lebens- und Liebesbriefe; Familienbriefe; gute, amüsante und schlechte Nachrichten sowie geheimnisvolle Botschaften in die Sprache der Machthaber.

Max Kutner wird aus Angst vor Repressalien zum Opportunisten – eine Rolle, die er annimmt und lebt. Und eine Rolle, die er durchzuhalten versucht… bis ihm „Hannahs Briefe“ in die Hände fallen. Jedes Wort, jede Zeile, jeder Schwung ihrer Feder entfacht ein Gefühl in Max, das er so lange vermisst hatte. Sehnsucht.

Hannahs Briefwechsel mit ihrer Schwester Guita lässt ihn in eine fremde Welt eintauchen. Er teilt ihre Geheimnisse und Sorgen, er beginnt sich vorzustellen, wie jene Hannah wohl aussehen mag und die Idealisierung dieses Phantasiebildes bringt seine Welt gehörig durcheinander.

hannahs briefe ronaldo wrobel spacer1A

Es ist Liebe auf das erste Wort….“ Es ist leicht, zu urteilen, ohne zu verstehen. Guita. Schwer ist es, zu verstehen, ohne zu urteilen. Hannah“

Und dann geschieht das Unfassbare…

In einem unverhofften Moment steht ebenjene Hannah leibhaftig vor ihm. Als Kundin in seinem Schusterladen erkennt er sie an ihrer Unterschrift und ihm bleibt nichts anderes übrig, als der Liebe seines Lebens zu folgen. Die Enttäuschung ist gewaltig und erschütternd. Hannah ist nicht die erhoffte Traumfrau – sie führt ein Leben voller Geheimnisse und arbeitet anscheinend als Edelprostituierte. Und was noch schlimmer ist – Hannah ist selbst Spionin.

Max Kutner wird von einer Szenerie aus Lug und Trug verschluckt – er bricht mit allen Vorsätzen, überschreitet jede Grenze und stolpert blind vor Liebe seiner Traumfrau hinterher. Ohne dabei die wahre Liebe zu sehen – die Menschen zu erkennen, die wirklich wichtig sind und so rast er ständig auf der gefährlichen Talfahrt am eigenen Leben vorbei.

Max Kutner beginnt sich zu verlieren… bis er einen geheimnisvollen Auftrag erhält… gemeinsam mit Hannah. Und ein Brief an ihn trägt die Aufschrift „Wahrheiten“… Kann er sie verkraften?

Hannahs Briefe - Ein Werk der großen Worte

Hannahs Briefe – Ein Werk der großen Worte

Ein Roman für Feinschmecker. Eine Geschichte in mehreren Haupt- und Nebengängen. Gediegene Vorspeisen, mit brillanten Zitaten gewürzt, emotionale Beigaben erlesenster Qualität, ein Hauptgang, der auch den hungrigsten Leser für lange Zeit genussvoll zu sättigen vermag und schließlich ein „Dessert á la Surprise“, das es in sich hat. Ein fesselndes Feuerwerk für die literarischen Geschmacksnerven, das zu einer wahren Sinnesexplosion führen kann.

Nichts ist wie es scheint, kein Geschmack kann eindeutig zugeordnet werden und manches mundet, als hätte man so etwas noch niemals zuvor genießen dürfen. Und doch ist die Gesamtkomposition des Buchmenüs so ausgewogen wie ein in Blätterteig gehülltes  Filet.

Ronaldo Wrobel heißt der geniale Meisterkoch aus Brasilien. Er ist Rechtsanwalt und Schriftsteller und sollte mit diesem fulminanten Roman zwingend im Guide Michelin aufgenommen werden. Schwere Kost war gestern – Hannahs Briefe sind heute. Wir jedenfalls fühlen uns gesättigt, mehr als wohl und nun ein ganz klein wenig müde… Wir machen jetzt mal kurz die Augen zu und träumen von einem Fünf-Sterne-Roman mit brasilianischem Flair. Und vielleicht schreiben wir uns bald Briefe. So wie Hannah… hoffentlich liest niemand mit.

hannahs briefe ronaldo wrobel spacer2A

Advertisements