Raquel J. Palacio – „WUNDER“ – Ein Buch, das seinen Namen verdient

Raquel Palacio - WUNDER - Dieses Buch ist ein Wunder

Raquel Palacio – WUNDER – Dieses Buch ist ein Wunder

Ich sehe einen Jungen – gerade mal zehn Jahre alt. Ich sehe einen Jungen, der nur einmal im Jahr wirklich befreit durchs Leben gehen kann. Ohne Angst ausgelacht zu werden und ohne die Befürchtung, dass Menschen die Straßenseite wechseln, nachdem sie seiner ansichtig werden.

Halloween – der Tag, an dem sich alle Kinder verkleiden, hinter gruseligen Masken versteckt nach „Süßem oder Saurem“ verlangen und sich diebisch freuen, wenn man entsetzt die Augen verdreht. Dieser Tag ist der schönste Tag des Jahres für August, weil er ohne Verkleidung den gleichen Effekt erzielt.

Ich lese die Worte eines Jungen – gerade mal zehn Jahre alt. Sie sind an mich gerichtet und er versucht mir meine Berührungsangst zu nehmen. Er spricht zu mir und ich lausche ihm gebannt, da ich ahne, dass seine Worte mich tief bewegen werden. Über sich selbst sagt er nur: „Ich heiße übrigens August. Ich werde nicht beschreiben, wie ich aussehe. Was immer ihr euch vorstellt – es ist schlimmer!“

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Ich folge einem Jungen – gerade mal zehn Jahre alt. Seine Eltern haben für ihn beschlossen, dass er trotz seiner genetisch verursachten Gesichtsdeformationen nun endlich eine richtige Schule besuchen muss. Den nächsten Schritt in ein Leben innerhalb der Normalität – dies ist ihr Ziel und auch August möchte diesen Schritt gehen. Denn hinter der verunstalteten Fassade ist er intelligent, liebenswürdig und hilfsbereit.

Ich erlebe ein Umfeld, das unnachgiebig nach Außenseitern sucht und einen solchen in August findet. Ein Opfer, das man gerne ausgrenzt – zumal man selbst unsicher ist, wie man einem Jungen begegnen soll, dem man nicht in die asymmetrisch angeordneten Augen schauen kann. Jemand, den man herumschubsen und quälen kann – weil man es nicht besser weiß.

Raquel J. Palacio - Wunder - Ausgegrenzt und retuschiert

Raquel J. Palacio – Wunder – Ausgegrenzt und retuschiert

Ich fühle „Auggies“ Schmerzen, Verletzungen und Zweifel an der Richtigkeit seines Weges – ich ziehe mich heulend mit ihm zurück. Spätestens an dem Tag, als jene die es besser wissen müssten (die Eltern seiner Mitschüler) sein Gesicht auf dem offiziellen Klassenfoto per Photoshop wegretuschieren, bricht in mir die schiere Wut aus. Spätestens an diesem Tag bricht die Welt meines neuen Freundes „Auggie“ haltlos in sich zusammen, da er realisieren muss, dass sein Traum vom normalen Leben wie eine Seifenblase platzt.

Man lästert nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihn. Man schließt von seinem Äußeren auf sein Inneres und erklärt ihn zum hässlichen Menschen – zu einem Wesen, das in einer schönen Gemeinschaft wie ein Fremdkörper wirkt. Selbst jene, denen er vertraut, verraten ihn bitterlich.

Ich weine oft in dieser Zeit – ich weine um „Auggie“ und fühle seinen eigenen Schmerz. Bis jemand in sein Leben tritt, der ich gerne in der Realität wäre. Jemand, der ihn so annimmt, wie er wirklich ist. Jemand für den falsches Mitleid ein Fremdwort ist. Jemand der nicht aus geheuchelter Anteilnahme Interesse heuchelt, sondern ein Mensch, der zeigt was es heißt, sein Gegenüber ohne jedes Vorurteil wahrzunehmen.

Raquel J. Palacio - Wunder - Alleine zu wachsen ist so schwer...

Raquel J. Palacio – Wunder – Alleine zu wachsen ist so schwer…

„Ich heiße übrigens Summer. Wie heißt Du? Summer? August? Hey, unsere Namen passen gut zusammen. Wir können das hier zum exklusiven Sommer-Tisch erklären. Nur Leute mit Sommer-Namen dürfen hier sitzen… Gibt`s hier irgendwen, der June oder July heißt?“

Und dann hört das Weinen auf – dann enden die Zweifel, denn es ist „Auggie“ selbst, der mir auf die Schulter klopft und meint, es wäre nun aber wirklich mal an der Zeit mit erhobenem Kopf der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wie kann ein nicht mal zehnjähriger Junge nur so stark sein? Wie kann er das nur?

Raquel J. Palacio gelingt mit „Wunder“ ein wahres Wunder. Sie stellt nicht nur August in den Mittelpunkt des Romans, sondern erzielt mit den wechselnden Erzählperspektiven eine beeindruckende Wirkung. Nicht nur von innen lernen wir „Auggie“ kennen, nein – auch das Außen entzieht sich nicht. Seine ältere Schwester kommt zu Wort, die einerseits wie eine Löwin für ihn kämpft, sich andererseits lebenslang zurückgesetzt fühlt, da sich alle Planeten der Familie nur um diesen einen Fixstern drehen. All jene, die „Auggie“ bewusst oder unbewusst verletzen werden eingeblendet und als gänzlich außenstehender Leser wird man in einen literarisch hochklassigen Strudel aus Missverständnissen, Hilflosigkeit, purer Falschheit und selbstloser Empathie verwickelt.

Raquel J. Palacio - Wunder - Das Sonnensystem "AUGGIE"

Raquel J. Palacio – Wunder – Das Sonnensystem „AUGGIE“

Raquel J. Palacio gibt den Planeten des Sonnensystems „Auggie“ eine Stimme und allein dadurch erzählt sie keine von romantisierendem Mitleid geprägte Geschichte, sondern nimmt uns Leser an die Hand und fragt nach jedem Kapitel ganz leise „Und Du? Was hättest Du getan?“ Und diese Frage stellt sie ohne jeden Vorwurf – sie erhebt nicht einmal den Anspruch es selbst besser gemacht zu haben.

„Wunder“ ist ein Wunder von einem Buch. Eine Gesellschaft inmitten einer tiefen Debatte um gleiche Rechte für Menschen mit Handicap kann durch einen solchen Roman verändert werden. Familien können verändert werden, wenn man für sich selbst überlegt, was die Erkrankung eines Kindes dessen Bruder oder seine Schwester kosten kann. Dieser Roman kann Leben verändern, da er die Schwächen der Menschen im Umgang mit solch außergewöhnlichen Erkrankungen nicht verurteilt, sondern lediglich zeigt, welche Folgen unbewusst und bewusst durch Verhalten und Fehlverhalten entstehen können.

Dies ist mit Sicherheit kein trauriges Buch für Leser von 10 bis 99 Jahren. Dies ist keine wehleidige Geschichte. „Wunder“ ist ein Roman, bei dem man sein Wunder erlebt – in jeder Beziehung des Lesens. Unverkitscht – ungeschönt und doch so sehr strahlend wegen der riesigen Portion Hoffnung, die „Auggie“ durchs Leben trägt.

Ihr müsst diesen besonderen Jungen kennen lernen. Gebt ihm die Chance, euch von seinem Leben zu erzählen und hört dabei seinen Verwandten und Freunden zu. Und begeht nicht den Fehler, auch die falschesten Freunde zu verurteilen. „Auggie“ würde das auch nicht tun – niemals.

Raquel J. Palacio - Wunder - Ein integratives Buch

Raquel J. Palacio – Wunder – Ein integratives Buch

Am Ende dieses großen Romans solltet ihr bereit sein, „Auggie“ in sein eigenes Leben zu entlassen. Große Autoren lassen ihre Protagonisten an dem Punkt ziehen, an dem sie davon überzeugt sind, dass sie es von da an selbst schaffen können. Diesen Satz von Jennifer Benkau (Dark Canopy und Dark Destiny) werde ich so schnell nicht vergessen. Er ist so wahr und zeugt von wahrer Größe.

Aber glaubt mir, bevor ihr „Auggie“ alleine lassen müsst, werdet ihr Zeuge eines Finales, das diesem kleinen besonderen Jungen mehr als würdig ist.

“You are beautiful – no matter what they say…” – nur eine kleine unbedeutende Zeile eines weltbekannten Songs, könnte man meinen. Die eigentliche Wahrheit dieser melodischen Botschaft geht tiefer – viel tiefer. „Du bist schön – egal was andere sagen“. Kein Song passt besser zu diesem Buch – kein Song passt besser zu „Auggie“ und kein Song ist ehrlicher als dieser.

Entdeckt die Schönheit dieses Buches – ihr werdet vielleicht sogar euch selbst finden!

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