Das Mädchen am Rande der Stadt – Im Reich der Mitte

das mädchen am rande der stadt titelbild

Auf der Buchmesse in Leipzig ist uns dieser buchige Schatz über den Weg gelaufen. Wir lesen nicht nur Bestseller, nicht nur Mainstream, wie ihr wisst, sondern sind immer auf der Suche nach echten Schätzen in den Weiten des Buchuniversums. Für euch und natürlich auch für uns.

Anna Xiulan Zeeck, die in China aufgewachsene Autorin des mehr als bewegenden Jugendbuchs Das Mädchen am Rande der Stadt, aus dem Hause Desina Verlag, konnten wir persönlich auf der Messe treffen. Das Cover mit dem chinesischen Mädchen stach uns immer wieder in die Augen und letztendlich haben wir danach greifen müssen. Es ist ein Blickfang, ein echter Hingucker und Anna Xiulan Zeeck erzählte uns kurz, was uns erwarten würde. Ein Stück aus ihrem Leben in China, ein Stück Erfahrung.

Wir freuten uns auf die Reise ins Reich der Mitte und trafen in einem kleinen Dorf, weit außerhalb der Stadt Peking, die 12 jährige Song Hanli. Das Mädchen, das 7 Jahre lang von ihren Großeltern betreut wurde, möchte nun endlich nach Peking zu ihren Eltern reisen. Diese sind Wanderarbeiter und Hanli konnte sie des Geldes wegen nicht oft treffen.

Gemeinsam mit ihrem Freund Wen Dong erreichte sie Peking, doch ihre Vorstellungen von der großen funkelnden Stadt  musste sie korrigieren. Ihre Eltern wohnen nicht in der Stadt Peking, sondern eher in einem Dorf in der funkelnden Stadt. Die Gegend ist von Armut gezeichnet und ihren Traum, ein städtisches Mädchen zu werden und eine gute Schule zu besuchen, scheint nicht in Erfüllung zu gehen.

Hanli erlebt den harten Arbeitsalltag ihrer Eltern und besucht derweil eine Schule in der nur Kinder von Wanderarbeitern unterrichtet werden. In dieser wird sie allerdings liebevoll aufgenommen und der Nachbarsjunge Tang Ming steht hinter ihr und passt auf sie auf. Für die richtige städtische gehobene Schule fehlt Hanli die Erlaubnisbescheinigung und selbst wenn sie diese Schule besuchen könnte, müsste sie nach der 9. Jahrgangsstufe in ihre Heimat zurück.

Dann kommt der Tag, der alles ändert. Bagger walzen die Schule der Wanderarbeiter-Kinder platt und zerstört den größten Wunsch der Kinder – etwas zu lernen, um die Armut zu überwinden. Und letztlich macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Wäre da nicht Hanlis Vater, der alles für seine geliebte Tochter tun möchte. Wirklich alles…

Er schafft es tatsächlich, dass Hanli die normale Schule besuchen darf, doch seine Tochter ist unglücklich und fühlt sich von den reichen Kindern abgegrenzt. Sie kommt aus einem Dorf, lebt in einem Dorf und dieser aufgedrückte Stempel ist nicht leicht zu entfernen. Doch Hanli hält an ihren Träumen fest!

Wir haben uns auf die Reise nach Peking gefreut und haben Hanli gern auf ihrem Weg durch einen schwierigen Abschnitt ihres Lebens begleitet. Die Autorin schreibt mehr als behutsam, regelrecht liebevoll und mit viel Fingerspitzengefühl. Wir sind sofort angekommen und haben uns an Hanlis Seite gestellt.

Die Geschichte des kleinen Mädchens hat uns bewegt. Ihre innere Größe, ihr Mut und das unerschütterliche Festhalten an ihren Träumen haben uns gerührt. Durch das Mädchen auf dem Cover hatten wir Hanli die ganze Zeit vor Augen und sind stellenweise in diesen tief versunken.

Mit Hanli führt die Autorin ganz langsam und sachte ihre Leser an die Geschichte der Volksrepublik China heran und lässt bewusste Blicke in die Kulturrevolution zu. Hanli erfährt am eigenen Leib was es bedeutet, vom Land in die Stadt zu kommen und erlebt die Ausgrenzung von Volksgruppen mit. Und doch lässt sie sich nicht in den Sog aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ziehen, sondern lebt ihren Traum.

Hanli erkennt den Wert der Bildung und sieht hierin die einzige Chance, dem vorprogrammierten Schicksal der politischen Ausgrenzung der Kinder vom Land zu entfliehen. Da wo andere liegen bleiben, steht sie auf – da wo andere aufgeben, sieht sie neue Chancen. Ihr zerkratzter blauer Stuhl und der alte gelbe Tisch in der Schule für Wanderarbeiter ziehen sie nicht in ein Loch. Sie weisen ihr einen ganz eigenen Weg. Dieser Weg ist kein egoistischer, sondern ein Weg für uns alle und ganz besonders ein Zeichen für benachteiligte Menschen in totalitär regierten Ländern.

Wir schreiben oft gegen das Vergessen und im Hinterkopf sahen wir immer wieder leichte Parallelen, speziell zur Verfolgung und Stigmatisierung der jüdischen Bevölkerung, die speziell in der Zeit des Nationalsozialismus abgegrenzt, interniert und systematisch vernichtet wurde.  Diese Gedanken blieben einfach nicht aus.

„Das Mädchen am Rande der Stadt“ ist eine hoffnungsvolle Geschichte einer Jugend inmitten eines ideologisch geprägten Landes. Hanli überwindet Grenzen und wie ein kleines Manifest für die Gleichberechtigung aller Menschen steht sie in ihrer Schule zu ihrer Meinung. „Wanderarbeiter“ – immer noch ausgegrenzt und vertrieben, weitgehend entrechtet und wie Sklaven gehalten – ihnen setzt dieses Buch ein kleines Denkmal. Kein in Stein gemeißeltes – nein – eins mit den tiefsten und ehrlichsten Augen, in die wir bisher blicken durften. Wir danken der Autorin für diesen AUGENblick.

HANLI…

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