Lenas Tagebuch… 1941/42 – Leben im belagerten Leningrad

Lenas Tagebuch - Lena Muchina im belagerten Leningrad

Lenas Tagebuch – Lena Muchina im belagerten Leningrad

22. April 1942

„Ich bin ja systematisch unterernährt, es ist jeden Tag zu wenig, was für eine Quälerei. Herrgott…

Mein lieber unschätzbarer Freund, mein Tagebuch. Niemanden habe ich außer dir, du bist mein einziger Ratgeber. Dir vertraue ich alle meine Leiden, Sorgen und Nöte an. Und von dir erbitte ich nur eines:

Bewahre meine traurige Geschichte auf deinen Seiten gut auf, und später erzähl alles, wenn nötig meinen Verwandten, damit sie alles erfahren, natürlich nur, wenn sie dies wünschen.

Ich brauche Hilfe, um bis zum 1. Mai zu überleben. Aber dabei wird mir niemand helfen.“

Lena Muchina (17) im belagerten Leningrad…

Lenas Tagebuch - Erinnerungen, die nicht verblassen dürfen...

Lenas Tagebuch – Erinnerungen, die nicht verblassen dürfen…

Am 8. September 1941 hatte die Wehrmacht des Dritten Reichs eines der wichtigsten Kriegsziele erreicht. Deutsche Truppen hatten einen tödlichen Belagerungsring um die von drei Millionen Menschen bewohnte russische Stadt Leningrad gezogen und die Metropole von der Außenwelt abgeschlossen.

Es war eine Belagerung, wie sie die Weltgeschichte noch nie erlebt hatte. Nicht die Kapitulation Leningrads, nicht die Übernahme der Stadt durch die Wehrmacht waren das Ziel dieser Blockade. Das wollte die Armeeführung auf keinen Fall, denn für die Versorgung von mehreren Millionen Gefangenen hatte man keinerlei Ressourcen eingeplant. Der Blitzkrieg der Nazis bedeutete, dass sich die Armee aus dem eroberten Land selbst ernähren mussten. Nachschubwege waren durch die große Geschwindigkeit der vorrückenden Verbände nicht aufrecht zu halten.

Was also tun mit der Zivilbevölkerung einer Großstadt? Das perfide strategische Vorgehen kannte nur einen Begriff: Aushungern. Verhungern lassen – dies war das einzige Ziel dieser Belagerung. Hunger als Waffe – Hunger als Mittel zum Völkermord. Noch niemals zuvor hatte es dies in der Geschichte gegeben. Eine Kapitulation Leningrads hätte die Armeeführung nicht angenommen… russische „Untermenschen“ galt es zu vernichten. Die NAZI-Ideologie bediente sich eines grausamen Verbündeten: HUNGER…

Lenas Tagebuch - Völkermord

Lenas Tagebuch – Völkermord durch Hunger

872 Tage lang hielt die Wehrmacht den Hunger-Ring um Leningrad aufrecht und mehr als eine Million Bewohner starben an den Folgen von Unterernährung. Leningrad war nicht vorbereitet. In Leningrad hatte man keinerlei Vorsorge getroffen. Leningrad wurde vom Vorstoß der Deutschen ebenso überrascht, wie ganz Russland. Die Menschen in Leningrad wurden überrascht und von einem Tag auf den anderen waren sie das Ziel einer gnadenlosen Mordstrategie.

Die Schülerin Lena Muchina war 17 Jahre alt, als die Wehrmacht ihre Heimatstadt einkesselte. Lena Muchina, ein lebenslustiges Mädchen voller Energie und Tatendrang, das ihre Geheimnisse und Hoffnungen ihrem allerbesten Freund anvertraute: einem Tagebuch. Sie schreibt uneitel und frei heraus – sie schreibt über Freundschaften und das Leben in ihrer Schule – sie schreibt von Hoffnungen und Erwartungen und sie vertraut ihrem Tagebuch alle Gefühlslagen wie Sehnsucht nach Jungs und Träume für die Zukunft an. Ein normales Leben in einer normalen Stadt… bis zum September 1941.

Voller Vertrauen auf die Propaganda der eigenen Regierung sind zu Beginn der Belagerung ihre Sorgen um das eigene Leben und ihre Stadt relativ gering. Aber dieses Vertrauen bröckelt von Tag zu Tag, von Bombe zu Bombe und von Schuss zu Schuss. Von Zeile zu Zeile sehen wir, wie dramatisch sich das Leben in Leningrad verändert. Stundenlange Aufenthalte in Luftschutzkellern beginnen die Menschen zu zermürben und die ständige Angst vor dem Beschuss durch die deutschen Truppen hinterlässt deutliche Spuren in der Psyche der Bevölkerung.

Lenas Tagebuch - Rationen - Der Hunger wird zur Waffe

Lenas Tagebuch – Rationen – Der Hunger wird zur Waffe

Als dann klar wird, wie es um die Versorgungslage innerhalb der Stadt steht, beginnt ein unaufhörlicher Kampf um das tägliche Brot. Lena lebt nach dem Tod ihrer leiblichen Mutter mit ihrer Tante und Aka, einer Freundin der Familie, in einer kleinen Wohnung. Ihre Tante hat schon lange die Rolle der Mutter eingenommen und wird von Lena nur liebevoll „Mama Lena“ genannt. Die drei Frauen nehmen den harten Kampf um die Verteilung der Brotrationen gemeinsam auf. Es ist ein brutaler Kampf, bei dem man nie weiß, wie der morgige Tag aussehen wird.

150 Gramm Brot am Tag… ein wenig Tee… eine leere Suppe in der Schule… mehr sehen die täglichen Rationen nicht vor. Nicht mehr als 600 Kalorien pro Tag – und auch die nur, wenn man stark genug ist, sie irgendwo zu ergattern. Überlebenskampf gegen den Hunger. Lenas Zeilen lassen den Leser das Grauen nachempfinden. Schlaflose Hungernächte; hoffnungsloses Anstehen in endlos scheinenden Schlangen; Kampf gegen den inneren Schweinehund, wenn etwas Essbares aufgespart werden sollte und die zunehmende Lähmung, die von den Menschen Besitz ergreift.

Der Tod wird zum ständigen Begleiter und auch Lena Muchina ist bald alleine und nur noch auf sich gestellt. Ein 17jähriges Mädchen in einer Umgebung, die nichts anderes als ihren Tod zu planen scheint. Völlig entkräftet und schon fast am Rande der Verzweiflung öffnet sich für Lena die Tür zur Hoffnung. Nach dem ersten unvorstellbar kalten Blockadewinter, in dem alleine von Januar bis zum April 1942 mehr als 300000 Menschen starben (135 pro Stunde), winkt die Chance auf EvakuierungSie muss es nur schaffen, bis zum Mai… oder zum Juni… nur überleben muss sie – und das ist wohl das Schwerste überhaupt. Ganz alleine.

Lenas Tagebuch - Hungerfolgen

Lenas Tagebuch – Hungerfolgen in einer hungernden Stadt

Lenas Tagebuch(2013 erschienen im Graf Verlag, 384 Seiten, 18 Euro) ist eines der bedeutendsten Zeitdokumente, die uns noch heute dabei helfen können, eine Wiederholung der Geschichte mehr als aktiv zu verhindern. Es steht hiermit auf einer Stufe mit dem „Tagebuch der Anne Frank“ und der Vergleich ist historisch legitim, da auch Lena Muchina aufgrund ihrer Herkunft einem gezielten Völkermord unterzogen werden sollte. Der Blick in diese Tagebücher bringt uns die Opfer nah und aus ihrer Perspektive gilt es die Geschichte zu betrachten. Und zu lernen.

Ich habe Hunger empfunden beim Lesen jeder Zeile. Ich habe vom Wert einer Scheibe Brot gelesen und bin mitten in der Nacht aufgestanden, um nach Essbarem zu suchen. Ich habe ihre Hoffnungslosigkeit gespürt und auch ihre langsam wachsende Zuversicht, als die Evakuierung wie ein Lichtstreif am Horizont auftauchte. Ich habe gelernt sie zu verstehen, wenn sie in den Tiefen der psychischen Abgründe versank und Mitmenschen um ihr Brot beneidete und begann, heimlich zu essen.

All das habe ich verstanden und tief verinnerlicht.

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Ich habe parallel gelesen – in Walter Kempowskis Collage Echolot – Unternehmen Barbarossa. Dort finden sich Tagebucheinträge deutscher Soldaten, die Leningrad belagerten… Dort finden die Wehrmachtsbefehle und auch weitere bedrückende Zeilen aus dem Inneren der Stadt. Ich habe mich mit dem Tagebuch von Tanya Sawitschewa auseinandergesetzt. Sie starb in Leningrad. Ihre Zeilen sind unvergessen.

Lenas Tagebuch bildet in einer Menschenkette längst verstorbener Zeitzeugen eines der wichtigsten Glieder im Verständnis für die Folgen der Ideologie des Dritten Reichs. Jedes einzelne Glied dieser Kette macht die Verfasser unsterblich und trägt ihre Botschaften bis in unsere heutige Zeit. Eine unüberhörbare Botschaft über schreiende Ungerechtigkeit!

Wir sollten uns einreihen und diesen Opfern die Hand reichen – und niemals wieder loslassen! Gegen das Vergessen… Hier zu meiner Artikelsammlung.

Lenas Tagebuch im Dialog mit Kempowskis Echolot

Lenas Tagebuch im Dialog mit Kempowskis Echolot

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