„Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ – Peter Heller lässt uns fliegen

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

„Mein Name ist Hig,
nur ein Wort.
Big Hig,
wenn Sie zwei brauchen!“

Ich habe immer beide Worte gebraucht. Für mich war und ist er immer Big Hig gewesen, seit er in mein Bücherleben trat. Groß… wahrlich, das ist er wie kein Zweiter und ich kann jedem zukünftigen Leser des apokalyptisch, philosophisch-emotionalen Endzeitromans Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte nur empfehlen, Big Hig niemals nur als Hig zu betrachten… vergesst niemals den Zusatz Big. Es wäre ein Fehler.

Big Hig hat überlebt. Die große Grippe-Epidemie vor gut neun Jahren und auch die anschließend auftretende fatale Blutkrankheit. Er hat es überstanden, was man von einem Großteil der Menschheit nicht gerade behaupten kann. Big Hig allerdings hat es geschafft. Was ihm blieb ist nur sein treuer Hund Jasper, eine kleine einmotorige 1956er Cessna 182 und die trügerische Sicherheit eines kleinen Flugplatzes, der nun eher einer Festung gleicht.

Big Hig - Eine Cessna

Big Hig – Eine Cessna

Was er verlor? Alles…! Seine geliebte Frau und das ungeborene Kind… beide Opfer der Grippewelle. Mehr muss man nicht sagen. Man muss Big Hig nur in die Augen schauen und ihm gut zuhören, um zu verstehen, welche Narben dieser Verlust hinterlassen hat.

„Die Liebe ist das Flussbett,
das sich jeden Tag mit Schmerz füllt.
Es füllt sich jeden Tag aufs Neue mit Tränen.“

An Aufgeben jedoch hat Big Hig niemals gedacht. Erst Recht nicht jetzt mit vierzig Jahren, nach neunjährigem Kampf ums nackte Überleben. Das hätte nicht zu ihm gepasst – das macht ihn zu Big Hig.

In der Orientierungslosigkeit des „DANACH“ hat er seinen eigenen Weg gefunden, sich als einer der letzten Überlebenden seinem Schicksal zu stellen. Und genau diesen Weg muss er nicht alleine gehen, denn er teilt seine neue Welt mit Bangley, einer waffenstrotzenden Ein-Mann-Elite-Armee, die beiden das Überleben in der feindlichen Umgebung garantiert.

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte - Eine Festung

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte – Eine Festung

Gemeinsam haben sie den Flugplatz zu ihrer Festung verwandelt und verteidigen sie gegen die letzten Eindringlinge, Plünderer, vagabundierende Horden und die Ansteckungsgefahr. Abgekapselt vom Rest der nicht mehr existierenden Welt ist ihre ganz eigene Welt entstanden. Bangley und Big Hig – ein Team das unterschiedlicher nicht sein kann.

„Es ist sein Job, meinen Arsch zu retten.
Ich habe ein Flugzeug und bin das Auge,
er hat die Waffen und ist der Muskel…

Er kann nicht fliegen,
ich kann kein Blut sehen.
Wäre es anders,
würde hier nur ein Mann leben.
Oder keiner.“

Bangleys Mantra: „Im Zweifel dagegen und niemals verhandeln…“ hat sich als lebensrettend erwiesen und Big Hig`s Patrouillenflüge sind das beste Frühwarnsystem gegen überraschende Angriffe. Sie bedeuten aber auch für Big Hig, dass er seinen letzten Lebenstraum noch leben darf. Fliegen… und dies mit seinem Hund Jasper als Copilot. Der einzige Fluchtpunkt, der geblieben ist.

Big Hig - Freiheit über den Wolken

Big Hig – Freiheit über den Wolken

„Ich bin derjenige, der alles überfliegt.
Nichts kann mich berühren.“

Bangley scheint dieses Leben auszureichen. Alle Vorräte gehören nur ihnen; kein Gegner ist in der Lage sie zu überwältigen, solange sie ein Team bilden und die Waffen garantieren den Rest. Big Hig wird diese Welt nach neun Jahren zu klein. Schritt für Schritt wagt er sich weiter hinaus. Er beginnt mit der Versorgung einer kleinen Gruppe Mennoniten, in deren Achtung er von Landung zu Landung immer mehr steigt. Er sucht dort Nähe, wo keine existieren kann oder wo sie zur absoluten Lebensgefahr mutiert.

Und dann eines Tages empfängt er einen Funkspruch… aus dem Nichts… und die Fragen nach dem „Woher“ und „Von Wem“ und „Warum“ werden so übermächtig, dass er seine Maschine belädt und fliegt. Über den Point of no Return hinaus… nur begleitet von Jasper und orientiert am GPS und den Sternbildern, die sich Big Hig selbst ausgedacht hat. Er fliegt ans Ende der Sterne so wie er sie kannte. Ein wahrer Emotionskunstflug erster Klasse…

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte - Kunstflug

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte – Kunstflug

Ein Roman, dessen „Verpackung“ ein allzu romantisches Verhältnis zum Innenleben assoziiert, kommt wesentlich vielschichtiger daher, als man es für möglich hält. Die apokalyptisch-dunkle Stimmung erinnert in Tempo und hochgradiger Spannung an Filme wie Mad Max“ und Waterworld“. Die emotionale Seite des Romans muss den Vergleich zu den großen Romanzen unserer Zeit nicht scheuen und die philosophische Weltsicht von Big Hig stellt ihn in seiner liebevollen Naivität auf eine Stufe mit „Forrest Gump“

Big Hig nimmt uns mit auf einen Flug durch seine Welt. Sie ist bedroht, umkämpft, brutal und von Verlusten geprägt. Aber nur dieser Mann ist in der Lage, uns zu retten.

Er wächst mit jedem Verlust, wird nach jedem Schuss neu geboren und kommt nach jeder Flucht wieder nach Hause. Das Ergebnis seiner Suche gehört für mich zu den emotionalsten Momenten meiner persönlichen Lese-Geschichte. Das Erleben seiner Verluste gehört zu den traurigsten Momenten und ein Angriff auf sein Leben, bei dem Bangley ihn am Funkgerät fernsteuert, gehört zu den temporeichsten und spannendsten Momenten meines Lesens. Am Ende bleibt nur eine einzige Frage, als er am Ziel seiner Reise eine Frau entdeckt.

Ihr Name: Cimarron – die Frage, ganz einfach:

Big Hig - Am Ende der Sterne bleibt nur diese Frage...

Big Hig – Am Ende der Sterne bleibt nur diese Frage…

„Kann man sich durch ein Zielfernrohr verlieben?“

Steigt ein… nehmt Platz… es gibt ausreichend viele Flugtickets für die kleine Cessna. Schnallt euch an, es wird turbulent. Schaut während des Fluges mal nach unten. Ein abwechslungsreicheres Feuerwerk werdet ihr nie wieder erleben. Es leuchtet in allen Farben und bringt euch den Sternen, wie Big Hig sie kannte, immer näher.

Packt Taschentücher ein, es wird traurig und vergesst den kleinen Taschenspiegel nicht. Ihr solltet euch selbst in die Augen schauen, wenn ihr die letzten Sätze gelesen habt. Diesen Anblick werdet ihr nicht vergessen… probiert es aus…

Guten Flug…

Willkommen an Bord

Willkommen an Bord – Eichborn Verlag – Hardcover – 320 Seiten – 19,99 €

Ganz persönlicher Nachtrag:

Nach eigenen Angaben ist Unendlicher Spaß von David Foster Wallace das Lieblingsbuch von Big Hig… (Treue Leser von Literatwo wissen, was dies für uns bedeutet)…

Advertisements

[Argentinien] Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Patricio Pron

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Es regnet bei Literatwo

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Es regnet bei Literatwo

Es regnet bei Literatwo. Ein Vorhang aus unerschöpflichen Regentropfen verschleiert den Blick des Betrachters und konturlos verschwimmt der Hintergrund zu einem weich gezeichneten Muster. Strukturen vermag man kaum noch wahrzunehmen, Zusammenhänge offenbaren sich nur zufällig und Spuren verschwinden mit zunehmender Dauer im tiefer werdenden Matsch der Vergangenheit.

Der Versuch, diesen Schleier zu durchdringen hat zur Folge, dass man selbst sehr schnell im Regen steht und dessen Undurchdringlichkeit viel zu spät bemerkt. Trugbilder vermischen sich mit der Realität und die Wahrnehmung wird auf eine harte Probe gestellt. Besonders dann, wenn man versucht, in diesem Schleier nach den Spuren des eigenen Lebens zu suchen.

So ähnlich mag sich auch der Erzähler unserer Geschichte „Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf (Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 18,95 €) gefühlt haben, als er am Ende einer Flucht vor sich selbst in sein Heimatland Argentinien zurückkehrt. Ans Sterbebett seines Vaters wird er gerufen. An die vorletzte Ruhestätte eines Mannes von dem er eigentlich so gut wie gar nichts weiß. Die Vergangenheit seiner Eltern liegt hinter dem Schleier aus Regen. Sie ist tief verborgen und eng verknüpft mit dem Schicksal seines Vaterlandes.

Das Argentinien unserer Zeit wirkt auf den ersten Blick wie ein modernes Land. Demokratisch und weltoffen… Wenn nur nicht die Wunden der Vergangenheit unheilbare Narben ins Gewebe der Gesellschaft gerissen hätten. Die Diktatur der Jahre 1976 – 1983 hatte nach einem erfolgreichen Militärputsch gegen die Regierung Perón alle Spuren und Sympathisanten dieses prägenden Politikers aus dem öffentlichen Leben eines ganzen Landes getilgt.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Mehr als nur EIN Fall

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Mehr als nur EIN Fall

Unzählige Menschen wurden verschleppt, Kinder zur Zwangsadoption freigegeben und Risse innerhalb von Familien prägen das Leben bis in die heutige Zeit. Wie konnte man damals überleben? Wie konnte man eine Familie bleiben? Wie sehr hatte man mit den damaligen Machthabern kooperiert, um unbeschadet davonzukommen? Welche Schuld hatte man auf sich geladen und welche Schuld trug man nun selbst als Erbe dieser Zeit?

Diese Fragen lassen unseren Erzähler an seinem Vater zweifeln. Diese Zweifel haben ihn von seiner Familie entfernt und nun soll er am Sterbebett eines Schweigenden seinen Frieden mit ihm machen? Wie soll das gehen? Und doch besteht die wohl letzte Chance, durch eine viel zu späte Spurensuche die eigene Identität zu finden und die Flucht vor sich selbst zu beenden.

Da sein Vater nicht mehr selbst erzählen kann, lässt unser Erzähler das Arbeitszimmer dieses Mannes reden, der genau zur Zeit der Militärdiktatur Journalist war. Er lässt Indizien sprechen und gibt uns Lesern die Möglichkeit, durch einen tiefen Blick in das Lebensarchiv seines Vaters dem Geheimnis eines Mannes auf die Spur zu kommen. Einem überraschenden Geheimnis, das unseren Erzähler in den Grundfesten seiner persönlichen Sicht erschüttert.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Detektive eines Lebens

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Detektive eines Lebens

„Kinder sind die Detektive ihrer Eltern, die sie in die Welt entlassen, damit sie eines Tages zu ihnen zurückkehren und ihnen ihre Geschichte erzählen, die ihnen selbst erst so verständlich wird.“

Wer hinter dem prosaisch anmutenden Titel „Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf“ ein ebenso prosaisches Werk vermutet, der wird sich darüber wundern, dass mit dem Betreten des väterlichen Arbeitszimmers eine rein bürokratische Sprache den Roman dominiert.

Zeitungsartikel finden sich neben akribisch archivierten privaten Aufzeichnungen, Fotos, Dokumenten und Pressemitteilungen aus dem Jahr 2008. Warum nur hatte sein Vater Unterlagen in Hülle und Fülle angehäuft und gesammelt, die sich mit dem plötzlichen Verschwinden eines 60jährigen Mannes namens Alberto José Burdisso beschäftigten? Wieso hatte er ein derart großes Interesse daran und war er selbst der Journalist, der sich die Finger blutig schrieb, um die Hintergründe des Falles Burdisso ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren?

Als Leser wird man von Seite zu Seite selbst zum Detektiv und zum Verteidiger des Vaters vor seinem Sohn. Eine neue Perspektive erschließt sich indirekt von Zeitungsartikel zu Zeitungsartikel. Das Verschwinden Burdissos ist mit einem unsichtbaren Band mit der Zeit der Verschleppungen in den Jahren 1976 – 1983 verbunden und genau diese Spur führt zu einem Mädchen… Einem verschwundenen Mädchen ohne Geschichte. Einem Mädchen, dem nicht nur das Leben, sondern die Identität gestohlen wurde. Zu Burdissos ermordeter Schwester.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Verschleppt - Alicia Burdisso

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Verschleppt – Alicia Burdisso

Nur um diese Spur geht es in den Akten seines Vaters. Gegen das Vergessen wurde er zum Archivar und Chronisten eines Falles, der in die Vergangenheit führt und die eigentliche Geschichte seines Lebens erzählt. Eine bewegende Geschichte, die seine Verbindung zu jenem Mädchen offen legt, das er damals nicht retten konnte.

Am Ende aller Berichte steht das Erkennen. Am Ende der Bürokratie macht der sachliche Text eines realen Falles der Prosa eines Sohnes Platz, der in der Geschichte seines Vaters die Grundlage des eigenen Lebens erkennt. Alle Geheimnisse, alle Alleingänge des Vaters bekommen eine Bedeutung und im ultimativen Erkennen liegt der wahre Glanz dieser Erzählung. Alle Opfer wurden gebracht, um die eigene Familie zu retten. Alle Opfer wurden gebracht, um den Sohn zu retten – und bei keinem einzigen Opfer hatte der Vater sich von den Machthabern verbiegen lassen. Er stand nicht auf ihrer Seite… ebenso wie jenes verschleppte Mädchen… Alicia Raquel Burdisso.

Patricio Pron gelingt Großes mit seinem Roman. Vielleicht ist es die eigene Geschichte, die er hier autobiographisch erzählt – vielleicht ist es das Erkennen der eigenen Identität durch den Regenschleier der Vergangenheit, den sein Vater angelegt hat, um den Rest der Familie zu schützen. Es ist aber mit Sicherheit die wahre Geschichte von Alberto und Raquel Burdisso, deren Leben zu unterschiedlichen Zeitpunkten von der Geschichte ihres Landes zertreten wurden.

der geist meiner väterspacer u

Wir sollten in diesen Spuren wandern und uns nicht scheuen zu den Detektiven unserer Eltern zu werden. Solche Geschichten sind nicht selten und sie gehen tief unter die Haut. Sie verbinden Menschen über Jahre miteinander und lassen die Ursachen für ihr Verhalten erst in der Rückschau zu. Und manchmal ist alles eben anders, als man es jemals befürchtet hat.

Mit einem unsichtbaren Band sind die Generationen Argentiniens miteinander verbunden. Die Narben der Vergangenheit reichen bis in unsere Zeit. So ist es mit der Geschichte. Man kann sich nicht von ihr trennen oder sie leugnen und manchmal lohnt es sich wirklich, den Schleier zu lüften… Wie ein unsichtbares Band so heißt auch ein Roman von Inés Garland, der ebenfalls die späten 1970er Jahre Argentiniens thematisiert.

Bianca hat sich auf eine besondere Insel begeben, die in dieser Zeit zum überlebenswichtigen Biotop einer Jugend wurde. Unsere Artikel sind mit einem sichtbaren Band miteinander verbunden. Beide Romane zeigen die Geschichte eines Landes, seiner Menschen und ihrer Hoffnungen. Sie lassen uns verstehen, was es Argentinien heute bedeutet diese Vergangenheit zu verstehen und ihre Wiederholung zu verhindern. Unser Band ist so sichtbar, wie jede unserer literarischen Reisen nach Südamerika!

Literatwo und Südamerika

Literatwo und Südamerika

„Das Blaue Pferd“ von Franz Marc… mit anderen Augen…

Das Blaue Pferd - mit anderen Augen

Das Blaue Pferd – mit anderen Augen

Keine Sorge…. Ich schreibe heute bestimmt nicht über Gemälde, Expressionismus, moderne Kunst im weitesten Sinne oder liefere gar neue Interpretationsansätze zum großen Lebenswerk von Wassily Kandinsky oder Franz Marc. Echt keine Sorge.

Ich schreibe nach wie vor über Literatur – ich schreibe über Bücher und was sie manchmal mit ihren Lesern anstellen, was sie verursachen und wie sehr man oftmals an seine Grenzen stoßen kann – besonders, wenn man es sich zur Angewohnheit gemacht hat, vieles nur noch gemeinsam zu lesen. Es dann auch gemeinsam zu fühlen, zu denken, zu träumen und zu erleben.

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies hat sehr viel Wärme in unsere kleine Villa gebracht. Eine (auch für unsere Verhältnisse) große Artikelwelle hat das gemeinsame Leseerlebnis in uns losgetreten und wir haben euch Postkarten aus einer längst vergangenen Zeit geschickt. Wir waren auf dieser Zeitreise sehr froh, dass ihr bei uns wart.

Verwunschene Bilder haben wir euch gezeigt und auch von den kleinen und großen Begegnungen berichtet, die wir diesem Buch zu verdanken haben. Stundenlang haben wir uns darüber unterhalten und geträumt, was wir in diesem Jahr getan hätten, wo man uns hätte suchen müssen und ob wir uns überhaupt gefunden hätten. Gedankenspiele….

Kein anderes Bild sitzt so tief...

Kein anderes Bild sitzt so tief…

Kein anderes Bild aus diesem Buch hat sich so tief in uns verankert, wie jene Blauen Pferde von Franz Marc, die schon fast zur Metapher für dieses Jahr wurden… zumindest für uns. Seiner lieben Freundin Else Lasker-Schüler malte er den „Turm der blauen Pferde“ auf eine Postkarte… eine mehr als persönliche Widmung. Konnte er da ahnen, dass sein originales Gemälde einst in den Kellern von Hermann Göring hängen würde…? Gestohlen von einer Nazi-Größe – und dies unter dem Vorwand, es sei „entartete“ Kunst. Verschollen und nie wieder aufgetaucht nach dem Krieg und das einzige Zeugnis, das geblieben ist… jene Postkarte… Konnte Franz Marc dies ahnen?

Konnten wir ahnen, dass uns diese kleinen Geschichten zu „Blauen Reitern“ machen würden, da uns ein Bildersturm erreichte, der vom Blättern der Buchseiten entfacht wurde? Wir lernten die Menschen kennen und dadurch lernten wir ihre Bilder lesen. Sie waren offen wie ein Buch. Doch wir kannten sie nur aus Büchern…. Die Originale, soweit nicht verschollen, hatten wir zuvor noch nie gesehen. Wozu auch… blind, wie wir waren!

An einer Litfaßsäule führt mich mein Morgenweg vorbei, wenn ich in München zur Arbeit fahre. Ungelogene 20 Minuten verharrte ich vor ihr, da ich etwas sah, was ich nicht erwartet hatte. Ein Blaues Pferd schaute mich an und der Text auf dem Plakat verwies auf die Neueröffnung des Lenbachhauses. Nach Jahren wieder zugänglich und im Neubau, so hieß es, erstrahlte jenes legendäre Blaue Pferd von Franz Marc im einzigartigen natürlichen Licht der lichtdurchlässigen Dachkonstruktion.

Ungeduld macht sich breit - ich muss dorthin...

Ungeduld macht sich breit – ich muss dorthin…

Ungeduld machte sich breit und Unruhe verschaffte sich Raum… ich musste dorthin… so schnell wie möglich. Als schien dieses Pferd auf mich zu warten blieb mir keine andere Wahl, und am zweiten Tag nach Neueröffnung des Kunsthauses reihte ich mich in eine hunderte Meter lange Schlange ein, um im strömenden Regen auf Einlass zu hoffen.

Und obwohl ich unter vielen Menschen war, so war ich doch allein. Diejenige, mit der ich zum Blauen Reiter wurde und mit der ich das Blaue Pferd lesen lernte, war nicht da. Und doch war genau dieser Mensch in diesen Stunden tief bei mir. Ein ganz eigenartiges RAUM-Zeit-Kontinuum, in dem ich mich bewegte.

Nicht mit meinen Augen wollte ich die Galerie betrachten. Nicht gänzlich alleine wollte ich mich dem Augenblick stellen, dem ich so sehr entgegenfieberte. Nicht allein für mich durchschritt ich die Pforten der alten Künstlervilla. Ich fühlte mich im Dialog mit Bianca vertieft, nach unserem Weg suchend – so wie immer.

Bildersturm - Bilderfluten

Bildersturm – Bilderfluten

Eine von der Decke tropfende magische Lichtkonstruktion hielt uns bereits im Eingangsbereich gefangen und während ich schnell weiter strebte vernahm ich nur ihr „Langsam Arndt… lass es uns genießen…“ – und ich genoss. Und doch – und auch mit anderen Augen gesehen, und gerade weil mit anderen Augen sehend – musste ich weiter.

Eine Treppe nach oben… ein Schriftzug „Der Blaue Reiter“ und ein ganz besonderes Licht – all dies zog mich (zog uns) magisch an.

Bildersturm – Farbenpracht – Formenwahn – all dies rauschte an mir vorüber… im ersten Moment wie ein Film wahrgenommen – Zeitraffer… ich musste weiter… ich war verabredet. Im Gehen versprach ich den Klees, Mackes, von Stucks und Kandinskys meine Rückkehr. Hoch und heilig versprach ich dies… aber mein Weg war programmiert.

Eine Tür noch… eine einzige…

Hallo.... es wurde auch langsam Zeit...

Hallo…. ich habe mehr als hundert Jahre gewartet…

Ich schritt hindurch… ein tageslichtheller Raum… ein schwarzer Holzrahmen… und ein majestätisch wirkendes, in den schillerndsten Blautönen strahlendes, futuristisch verformt gemaltes Blaues Pferd erhob sich mir gegenüber. Den Blick zur Seite gewandt, mich mit einem Auge fixierend schien es zu sagen: „Wird aber auch Zeit – ich habe mehr als hundert Jahre darauf gewartet.“

Ganz nah stand ich ihm gegenüber. Auge in Auge und unfassbar berührt von der Magie des AugenBlicks – im wahrsten Sinne des Wortes. Am Ziel… endlich. In der Nähe… eine Sitzgelegenheit… mit feinem dunklen Leder bezogen… verweilen um zu schauen – genau dafür schien sie wie geschaffen. Ich nahm Platz, öffnete meine Tasche, griff hinein und hielt ein Buch.

„1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ hatte mich begleitet, hatte uns begleitet und ich begann tief versunken zu lesen. Von Franz Marc und Else Lasker-Schüler – von Reisen und Gemälden – von der Stimmung dieses Jahres – von seinen Menschen. Und immer wieder schaute ich auf und wusste, dass mir jenes Blaue Pferd auf seine eigene Art und Weise erzählte… liebevoll und zart legte es in diesem Moment Zeugnis einer Epoche ab. Und es sprach von Franz Marc, der es in zartem Pinselstrich erschaffen hatte.

Lies bitte weiter...

Lies bitte weiter…

Und immer, wenn ich ins Stocken kam, schien mich eine unsichtbare Hand zu berühren und ich hörte nur die Worte „Lies bitte weiter“… und ich las. Ich genoss und las… und ich bewunderte, betrachtete, saugte auf. Ein Moment für die Ewigkeit, den ich im Angesicht eines Gemäldes niemals erwartet hätte.

Ein letzter Blick und ein noch einzulösendes Versprechen… Ich musste irgendwann weiter. An erstaunten Menschen vorbei, die sich wunderten, warum man ausgerechnet in diesem Bilder-Raum lesen musste. Belächelt… angelächelt… und doch unverstanden fühlte ich mich ein wenig… vielleicht so unverstanden, wie einst Franz Marc.

Mit anderen Augen verließ ich den Saal. Ich hatte gesehen – wir hatten gesehen, gefühlt, gelesen, erlebt – gemeinsam – so wie immer. Ich habe mein Versprechen gehalten. Ich begegnete anschließend Kandinsky, Klee, Macke und vielen mehr. Lange verfiel ich der Erotik von Stucks Salome. Selbst Joseph Beuys habe ich einen Besuch abgestattet (aber glaubt mir, das ist eine andere Geschichte)…

Ein letzter magischer Blick zurück... Bilderwucht

Ein letzter magischer Blick zurück… Bilderwucht

Warum ich dies heute schreibe? Ganz einfach… ich wollte es nicht erzählen. Die Eindrücke mussten sich tief verinnerlichen und dann erst kamen die Worte. Mit anderen Augen wollte ich aus meiner Sicht nur für Deine Augen schreiben… und Dir mit diesem gemeinsamen Besuch auch im Namen des Blauen Pferdes alles Liebe zum Geburtstag wünschen. Blaue Reiter – literarische Kavallerie!

Für Bianca… 160513 (und das Pferd müsste inzwischen bei Dir sein)!

Eine besondere und letzte Begegnung mit Franz Marc... Ein Klick reicht...

Eine besondere und letzte Begegnung mit Franz Marc… Ein Klick reicht…

Der große Trip – unterWEGs mit Cheryl Strayed

Der große Trip - Cheryl Strayed - Geh deinen Weg

Der große Trip – Cheryl Strayed – Geh deinen Weg

„Die Frau mit dem Loch im Herzen, das war ich.“

Die Amerikanerin Cheryl Strayed steht im Alter von 26 Jahren vor den Trümmern eines von Verzweiflung geprägten Lebens, als sie im Jahr 1995 eine spontane Entscheidung trifft, die sie aus der Ausweglosigkeit des Seins herausführen soll.

Cheryl Strayed fühlt sich wie Strandgut am Ufer der Normalität… Den Tod ihrer Mutter vor vier Jahren hat sie nie verkraftet und der Strudel aus Trauer und Verzweiflung zog sie bis zu diesem Tag fast ins Bodenlose. Ganz unten – Scheidung, Affären, Drogen, Abtreibung, Verluste, Zusammenbruch der Familie, Ziellosigkeit und fehlender Lebenswille… ganz unten eben. Was blieb war eine Frau mit dem Loch im Herzen.

Ein purer Zufall will es, dass ihr ein schlichter Reiseführer in die Hände fällt. Nur ein Buch sollte man meinen, aber in Wirklichkeit ist „The Pacific Crest Trail, Volume 1, California“ ein echter Wegweiser aus der verfahrenen Situation. Spontan entscheidet sich Cheryl Strayed dazu, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben, indem sie ein Ziel formuliert.

Der große Trip - Cheryl Strayed - Routenplanung

Der große Trip – Cheryl Strayed – Routenplanung

Sich auf den Weg machen, so lautet ihr Entschluss und die „Brücke der Götter“ in Oregon erreichen, so sieht das Ziel aus. Was ihr nicht bewusst ist, wird zum eigentlichen Problem der nächsten Monate. Sie ist sich nicht im Klaren darüber, welchen Weg sie sich da ausgesucht hat, um ihr Leben wieder mit Inhalt zu füllen.

Der Pacific Crest Trail… Einer der wohl härtesten Fernwanderwege der Welt ohne touristisch erschlossene Infrastruktur, ohne Ketten von Herbergen und tief in der unberührten Natur angelegt. Tausende Kilometer lang und jeder einzelne davon schien Cheryl Strayed mit einer ganz besonderen Hoffnung zu erfüllen:

„Eine Welt, von der ich hoffte, sie würde mich zu der Frau machen, die ich werden wollte, und zugleich in das Mädchen zurück verwandeln, das ich einmal gewesen war. Eine Welt, die einen halben Meter breit und 4284 Kilometer lang war.“

Und mehr als 1700 Kilometer dieses unwegsamen Weges möchte sie erwandern. Von Kalifornien aus durch die Sierra Nevada bis hinauf nach Oregon durch Trockenheit, Schnee, Hitze und begleitet von den großen Fragezeichen eines solchen Weges. Bären, Kojoten, Schlangen und schließlich fremde Menschen können tödlicher sein, als die reine physische Erschöpfung.

Der große Trip - Cheryl Strayed - WEGmarken

Der große Trip – Cheryl Strayed – WEGmarken

Cheryl Strayed verkauft die wenigen Habseligkeiten ihres Lebens und bereitet sich auf den Extrem-Wanderweg vor, wie man es von ihr erwarten kann: wie ein blutiger Anfänger und doch voller Hoffnungen. Sie packt unzählige Versorgungspakete mit Nahrungsmitteln und Bekleidung, die eine Freundin in regelmäßigen Abständen zu den jeweiligen Etappenzielen schicken soll und sie packt ihren Rucksack.

Als dieser schließlich gepackt vor ihr steht hat er eine Dimension angenommen, die dem extremen Weg mehr als entspricht. Er ist zum absolut untragbaren und unerträglichen Monster mutiert, der Cheryl Strayed vor die erste fast unlösbare Aufgabe stellt. Sie schleppt zu viel Leben mit sich herum.

Und dann begibt sie sich doch auf den Weg – untrainiert, weitgehend orientierungslos und mit Hilfsmitteln, die zwar toll aussehen, aber in ihrer Zweckmäßigkeit mehr als fragwürdig sind. Und mit Schuhen, die eine Nummer zu klein sind. Cheryl Strayed begibt sich ins größte Abenteuer ihres Lebens und schon zu Beginn scheint ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt zu sein. Zu viel hat sie sich da aufgelastet – zu viel zugemutet.

Sie hat sich so viel vom Weg versprochen, aber genau dieser Weg hatte keinerlei Veranlassung, ihr in irgendeiner Art und Weise entgegen zu kommen oder gar zu helfen. Ein Weg gegen die Ausweglosigkeit… Das konnte doch nicht gut gehen…

Der große Trip - Cheryl Strayed - Pacific Crest TRail

Der große Trip – Cheryl Strayed – Pacific Crest TRail

Womit der Pacific Crest Trail allerdings nicht rechnen konnte, war die Zähigkeit und die Verzweiflung der jungen Frau, die es da mit ihm aufnehmen wollte. Cheryl Strayed kämpft sich Schritt für Schritt durch aberwitzige und extreme Situationen, begegnet Menschen, die mehr als Meilensteine für ihr Leben werden und stellt sich jeder Gefahr.

Leser, die Cheryl Strayed auf den Pacific Crest Trail folgen, werden diese Entscheidung auf keiner Seite ihres Erlebnisberichts Der große Trip bereuen. Sie schreibt kein emotionales Rührstück, betreibt keine Glorifizierung ihrer Leistung und bedient sich nicht der einfachen Mechanismen eines Selbstfindungsbuches. Sie schreibt ungeschminkt und völlig frei – sie betrachtet sich selbst aus unterschiedlichen Blickwinkeln und entwickelt dabei eine Dynamik in ihrer Wortwahl, die der ihrer Schrittlänge das Wasser reichen kann.

Wer Bücher über den Jakobsweg liebt, der wird schnell feststellen, dass der Crest Trail hiermit nicht vergleichbar ist. Einsamkeit ist weitgehend Programm und die wenigen Begegnungen mit anderen Wanderern erlangen allein dadurch eine völlig andere Dimension. Sich in erster Linie mit sich selbst auseinandersetzen und dabei ein klares Ziel vor Augen haben – allein das zählt in dieser tief angelegten und aufrichtigen Destinationserzählung. Wir lachen und weinen mit Cheryl – wir lernen sie intensiv kennen und verstehen und genießen trotz aller Zweifel und Schmerzen die traumhafte Natur, die es auf dem Weg zu bestaunen gibt.

Der große Trip - Cheryl Strayed - Angekommen

Der große Trip – Cheryl Strayed – Angekommen

Der große Trip“ hat mein Lesen bereichert und er hat mein Leben bereichert. Ich konnte lesend mit Cheryl Strayed lachen, weinen sowie Begeisterung und Erschöpfung empfinden. Sie macht ihre Leser zu echten Weggefährten und vermittelt das tiefe Bewusstsein, dass am Ende der Erschöpfung die Schöpfung stehen kann. Dies ist zweifellos die lesenswerteste Geschichte all meiner bisher erlesenen „Ich bin dann mal weg – Bücher“.

Cheryl Strayed berührt jede emotionale Ebene in der tiefen Reflektion ihrer Vergangenheit und der Schilderung des Weges, den sie gefunden hat. Es ist ihr Weg – es könnte unser Weg sein.

Auf der Brücke der Götter angekommen erlaubt Cheryl sich und uns den Rückblick auf die inzwischen gemeinsamen Erlebnisse. In diesem Moment möchte man nur tief ein- und ausatmen, um diesen Moment nie wieder zu vergessen. Viele Bücher hat sie unterwegs verbrannt, um Gepäck zu sparen. Aus allen Zeilen, die Opfer der Lagerfeuer wurden, entstand ein einzigartiges Buch, das man gelesen haben sollte. Aus all den Wunden, die Cheryl vor und auf dem Weg erlitt, entstand ein neuer Mensch über den man sich aufrichtig wundern darf.

Der große Trip - Kailash Verlag 2013 - 448 Seiten - 19,99 €

Der große Trip – Kailash Verlag / 2013 – 448 Seiten – 19,99 €

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts – Verwunschene Bilder

1913 - Der Sommer des Jahrhunderts - Zeitlose Schönheit

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts – Zeitlose Schönheit

Bücher kommen und gehen. Einige werden zu ständigen Wegbegleitern eines langen Leselebens, während andere lediglich wie Sternschnuppen am literarischen Firmament aufleuchten (bei ihnen kann man sich zumindest etwas wünschen – und wenn es bessere Bücher sind). Die besondere Nachhaltigkeit eines Buches zeigt sich dann, wenn man als Leser immer wieder an seinen Inhalt oder seine Leitidee erinnert wird.

In diesem Jahr hat sich wohl kein anderes Buch so sehr in unseren Gedankenwelten verankert, wie 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts von Florian Illies. Die Bestsellerlisten hat das farbige Kaleidoskop einer längst vergangenen Zeit schon lange erobert und sich dort beharrlich auf dem ersten Platz behauptet. Eine Entwicklung, die wir bereits im Januar erkannten. Dieses Buch ist etwa ganz besonderes – es hat diesen Platz mehr als verdient.

Wir haben keine normale Rezension zu 1913 verfasst. Wir haben uns auf eine Zeitreise eingelassen und unseren Lesern Ansichtskarten von den Orten geschickt, die wir im Buch besuchen durften. Wir haben Grüße hinterlassen und von den Menschen geschrieben, die wir ohne Florian Illies wohl niemals kennen gelernt hätten. Vom „Blauen Reiter“ über Gustav Klimt bis hin zu Rainer Maria Rilke… viele Legenden kreuzten unseren Weg, nicht ohne neue und bisher unbekannte Eindrücke zu hinterlassen.

1913 - Der Sommer des Jahrhunderts - Mehr als eine Rezension

1913 – Der Sommer des Jahrhunderts – Mehr als eine Rezension

Unsere Reise war nach dem Lesen nicht beendet. In memoriam Else Lasker Schüler haben wir auch Wochen später noch Postkarten geschrieben, als uns an bestimmten Tagen das Lesen einholte und wir an den Jahrestagen ihrer Geburt oder ihres Todes erneut und sehr lebhaft an diese Menschen erinnert wurden. Unsere Reise mit Florian Illies scheint auch heute noch nicht beendet.

Neben den Prominenten jenes Sommers kurz vor Ausbruch der Jahrzehnte der Kriege hat er uns mit den kleinen und scheinbar unbedeutenden Menschen bekannt gemacht, die diesem Jahr so sehr ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben. Wir mussten recherchieren und lesen, Fachbücher konsultieren und in Archiven versinken, weil Illies uns neugierig gemacht hat auf die Randbemerkungen seines faszinierenden Buches.

Eine unserer ersten Postkarten handelte von jenen „verwunschenen Bildern“ aus den Anfangstagen der Fabfotografie. Florian Illies machte uns zu Zeugen der kleinsten Banalitäten dieses Jahres und verdeutlichte damit, dass es nicht wirklich Banalitäten waren – sondern vielmehr Pionierleistungen, deren Wert erst heute geschätzt werden kann.

1913 - Christina - Es bleiben mehr als Bilder

1913 – Christina – Verwunschene Bilder

Die Fotografien eines britischen Colonels, der seine Tochter in zeitlos schönen Bildern am Strand für die Ewigkeit festhielt, wurden nur in einem Nebensatz erwähnt… Aber genau dieser ließ uns zu einer Suche nach ebenjenen Bildern aufbrechen und wir waren mehr als erstaunt, als wir das Ergebnis unserer Recherche vor Augen hatten. Ein Soldat, der wenig später die von ihm mitentwickelten Flugzeuge in die Schlachten des Ersten Weltkrieges warf, gönnte sich in jenem Sommer des Jahrhunderts ruhige Mußestunden am Strand und experimentierte mit seiner Idealvorstellung von Fotografie.

Die Bilder von Christina am Strand strahlen nicht nur eine geradezu majestätische Zeitlosigkeit aus, sie machen dieses junge Mädchen für alle Epochen dieser Welt unsterblich. Die Wahl ihrer Bekleidung allein ist in den frühen Jahren der Farbfotografie Grundlage für diesen emotionalen Meilenstein. Rot… erst seit kurzer Zeit war man in der Lage, diese Farbe zu reproduzieren, aber genau bis zu diesem Zeitpunkt war es niemandem gelungen, dies auf solch beeindruckende Art und Weise zu realisieren.

Christina am Strand… unfassbar schön… unfassbar selten ein solcher Moment unvorstellbarer Ruhe im Einklang mit sich und seinem Leben. Man fühlt diese Bilder – man glaubt, die anbrandenen Wellen an der Küste von Dorset hören zu können und man spürt förmlich den Stolz des Vaters, der seiner Tochter ein visuelles Denkmal setzt. Es sind zugleich Traumbilder eines friedlichen Europas, das niemals zu Ende gehen mag. Diese Fotografien sind ein Traum und man findet sie immer wieder, wenn man über die schönsten Fotos in der Geschichte dieser Kunstrichtung spricht.

1913 - Bilder von unglaublicher Schönheit

1913 – Bilder von unglaublicher Schönheit

Im Jahr 2002 hat Christina sogar den Sprung auf ein Buchcover geschafft und damit der Zeitlosigkeit der Bilder das literarische ewige Leben als zusätzliche Dimension hinzugefügt. Zweifach unsterblich – und alles begann an einem schönen Tag des Jahres 1913 in Dorset.

Und doch umgibt diese Bilder und auch die späteren Portraits jenes Mädchens ein großes Geheimnis. Egal wo man sie findet, sie werden als Bilder der Tochter des Lieutenant Colonels Mervyn O’Gorman, jenes begnadeten Fotografen, gekennzeichnet. Auf den zweiten Blick jedoch kommen Zweifel auf, da weder Familienstammbaum noch offizielle Dokumente belegen, dass jener Flug- und Fotopionier überhaupt Kinder hatte. Alle Nachforschungen enden bei ihm und seiner Frau. Von einer Christina ist nirgendwo die Rede. Zumindest nicht als leibliche Tochter.

Wem also hat Mervyn O’Gorman hier wirklich ein Denkmal gesetzt – wer schaut ihn so erfüllt voller Zuneigung und Zärtlichkeit an – wer ist dieses Wesen, das nicht von dieser Welt zu sein scheint? Wir werden dies niemals ergründen können… es bleiben nur die Bilder… es bleibt nur der endlos tiefe Blick in die endlosen Weiten des Firmaments. Es ist eine Hommage an die Schönheit und die Unbeschwertheit der Jugend… es ist Wehklagen in der Vorahnung der aufziehenden Konflikte, in denen die Zukunft dieser Jugend nachhaltig vernichtet wurde.

Christina - Wie ein Bild zum Cover wird...

Christina – Wie ein Bild zum Cover wird…

Wir setzen uns an den Strand von Lulworth Cove und beobachten die Menschen in unserer Nähe beim gemütlichen Picknick, auch wenn wir nicht hören, worüber sie sprechen. Wir wollen auch nicht indiskret sein und alles wissen. Und plötzlich sehen wir den Mann mit dem Mädchen zum Wasser gehen. Sie flüstern einander Geheimnisvolles zu und er hebt die Kamera.

Die Erde bleibt stehen… sie dreht sich nicht mehr… Christina hat sie für einen Moment angehalten und blickt uns an, als wüsste sie, aus welchem Grund wir ihren Spuren gefolgt sind. Liebe Grüße aus dem Sommer des Jahrhunderts. Passt auf euch auf. Wir schreiben euch mal wieder aus dem Jahr 1913, aber jetzt bleiben wir noch ein wenig hier. Dieser Moment will genossen werden… in aller Tiefe.

Eure Literatwos
Dorset 1913

PS: Wenn ihr weitere Postkarten aus dem Jahr 1913 lesen möchtet, dann klickt einfach das letzte Bild an. Es ist voller Erinnerungen.

Eine besondere und letzte Begegnung mit Franz Marc... Ein Klick reicht...

Eine besondere und letzte Begegnung mit Franz Marc… Ein Klick reicht…