[Argentinien] Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Patricio Pron

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Es regnet bei Literatwo

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Es regnet bei Literatwo

Es regnet bei Literatwo. Ein Vorhang aus unerschöpflichen Regentropfen verschleiert den Blick des Betrachters und konturlos verschwimmt der Hintergrund zu einem weich gezeichneten Muster. Strukturen vermag man kaum noch wahrzunehmen, Zusammenhänge offenbaren sich nur zufällig und Spuren verschwinden mit zunehmender Dauer im tiefer werdenden Matsch der Vergangenheit.

Der Versuch, diesen Schleier zu durchdringen hat zur Folge, dass man selbst sehr schnell im Regen steht und dessen Undurchdringlichkeit viel zu spät bemerkt. Trugbilder vermischen sich mit der Realität und die Wahrnehmung wird auf eine harte Probe gestellt. Besonders dann, wenn man versucht, in diesem Schleier nach den Spuren des eigenen Lebens zu suchen.

So ähnlich mag sich auch der Erzähler unserer Geschichte „Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf (Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 18,95 €) gefühlt haben, als er am Ende einer Flucht vor sich selbst in sein Heimatland Argentinien zurückkehrt. Ans Sterbebett seines Vaters wird er gerufen. An die vorletzte Ruhestätte eines Mannes von dem er eigentlich so gut wie gar nichts weiß. Die Vergangenheit seiner Eltern liegt hinter dem Schleier aus Regen. Sie ist tief verborgen und eng verknüpft mit dem Schicksal seines Vaterlandes.

Das Argentinien unserer Zeit wirkt auf den ersten Blick wie ein modernes Land. Demokratisch und weltoffen… Wenn nur nicht die Wunden der Vergangenheit unheilbare Narben ins Gewebe der Gesellschaft gerissen hätten. Die Diktatur der Jahre 1976 – 1983 hatte nach einem erfolgreichen Militärputsch gegen die Regierung Perón alle Spuren und Sympathisanten dieses prägenden Politikers aus dem öffentlichen Leben eines ganzen Landes getilgt.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Mehr als nur EIN Fall

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Mehr als nur EIN Fall

Unzählige Menschen wurden verschleppt, Kinder zur Zwangsadoption freigegeben und Risse innerhalb von Familien prägen das Leben bis in die heutige Zeit. Wie konnte man damals überleben? Wie konnte man eine Familie bleiben? Wie sehr hatte man mit den damaligen Machthabern kooperiert, um unbeschadet davonzukommen? Welche Schuld hatte man auf sich geladen und welche Schuld trug man nun selbst als Erbe dieser Zeit?

Diese Fragen lassen unseren Erzähler an seinem Vater zweifeln. Diese Zweifel haben ihn von seiner Familie entfernt und nun soll er am Sterbebett eines Schweigenden seinen Frieden mit ihm machen? Wie soll das gehen? Und doch besteht die wohl letzte Chance, durch eine viel zu späte Spurensuche die eigene Identität zu finden und die Flucht vor sich selbst zu beenden.

Da sein Vater nicht mehr selbst erzählen kann, lässt unser Erzähler das Arbeitszimmer dieses Mannes reden, der genau zur Zeit der Militärdiktatur Journalist war. Er lässt Indizien sprechen und gibt uns Lesern die Möglichkeit, durch einen tiefen Blick in das Lebensarchiv seines Vaters dem Geheimnis eines Mannes auf die Spur zu kommen. Einem überraschenden Geheimnis, das unseren Erzähler in den Grundfesten seiner persönlichen Sicht erschüttert.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Detektive eines Lebens

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Detektive eines Lebens

„Kinder sind die Detektive ihrer Eltern, die sie in die Welt entlassen, damit sie eines Tages zu ihnen zurückkehren und ihnen ihre Geschichte erzählen, die ihnen selbst erst so verständlich wird.“

Wer hinter dem prosaisch anmutenden Titel „Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf“ ein ebenso prosaisches Werk vermutet, der wird sich darüber wundern, dass mit dem Betreten des väterlichen Arbeitszimmers eine rein bürokratische Sprache den Roman dominiert.

Zeitungsartikel finden sich neben akribisch archivierten privaten Aufzeichnungen, Fotos, Dokumenten und Pressemitteilungen aus dem Jahr 2008. Warum nur hatte sein Vater Unterlagen in Hülle und Fülle angehäuft und gesammelt, die sich mit dem plötzlichen Verschwinden eines 60jährigen Mannes namens Alberto José Burdisso beschäftigten? Wieso hatte er ein derart großes Interesse daran und war er selbst der Journalist, der sich die Finger blutig schrieb, um die Hintergründe des Falles Burdisso ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren?

Als Leser wird man von Seite zu Seite selbst zum Detektiv und zum Verteidiger des Vaters vor seinem Sohn. Eine neue Perspektive erschließt sich indirekt von Zeitungsartikel zu Zeitungsartikel. Das Verschwinden Burdissos ist mit einem unsichtbaren Band mit der Zeit der Verschleppungen in den Jahren 1976 – 1983 verbunden und genau diese Spur führt zu einem Mädchen… Einem verschwundenen Mädchen ohne Geschichte. Einem Mädchen, dem nicht nur das Leben, sondern die Identität gestohlen wurde. Zu Burdissos ermordeter Schwester.

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf - Verschleppt - Alicia Burdisso

Der Geist meiner Väter steigt im Regen auf – Verschleppt – Alicia Burdisso

Nur um diese Spur geht es in den Akten seines Vaters. Gegen das Vergessen wurde er zum Archivar und Chronisten eines Falles, der in die Vergangenheit führt und die eigentliche Geschichte seines Lebens erzählt. Eine bewegende Geschichte, die seine Verbindung zu jenem Mädchen offen legt, das er damals nicht retten konnte.

Am Ende aller Berichte steht das Erkennen. Am Ende der Bürokratie macht der sachliche Text eines realen Falles der Prosa eines Sohnes Platz, der in der Geschichte seines Vaters die Grundlage des eigenen Lebens erkennt. Alle Geheimnisse, alle Alleingänge des Vaters bekommen eine Bedeutung und im ultimativen Erkennen liegt der wahre Glanz dieser Erzählung. Alle Opfer wurden gebracht, um die eigene Familie zu retten. Alle Opfer wurden gebracht, um den Sohn zu retten – und bei keinem einzigen Opfer hatte der Vater sich von den Machthabern verbiegen lassen. Er stand nicht auf ihrer Seite… ebenso wie jenes verschleppte Mädchen… Alicia Raquel Burdisso.

Patricio Pron gelingt Großes mit seinem Roman. Vielleicht ist es die eigene Geschichte, die er hier autobiographisch erzählt – vielleicht ist es das Erkennen der eigenen Identität durch den Regenschleier der Vergangenheit, den sein Vater angelegt hat, um den Rest der Familie zu schützen. Es ist aber mit Sicherheit die wahre Geschichte von Alberto und Raquel Burdisso, deren Leben zu unterschiedlichen Zeitpunkten von der Geschichte ihres Landes zertreten wurden.

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Wir sollten in diesen Spuren wandern und uns nicht scheuen zu den Detektiven unserer Eltern zu werden. Solche Geschichten sind nicht selten und sie gehen tief unter die Haut. Sie verbinden Menschen über Jahre miteinander und lassen die Ursachen für ihr Verhalten erst in der Rückschau zu. Und manchmal ist alles eben anders, als man es jemals befürchtet hat.

Mit einem unsichtbaren Band sind die Generationen Argentiniens miteinander verbunden. Die Narben der Vergangenheit reichen bis in unsere Zeit. So ist es mit der Geschichte. Man kann sich nicht von ihr trennen oder sie leugnen und manchmal lohnt es sich wirklich, den Schleier zu lüften… Wie ein unsichtbares Band so heißt auch ein Roman von Inés Garland, der ebenfalls die späten 1970er Jahre Argentiniens thematisiert.

Bianca hat sich auf eine besondere Insel begeben, die in dieser Zeit zum überlebenswichtigen Biotop einer Jugend wurde. Unsere Artikel sind mit einem sichtbaren Band miteinander verbunden. Beide Romane zeigen die Geschichte eines Landes, seiner Menschen und ihrer Hoffnungen. Sie lassen uns verstehen, was es Argentinien heute bedeutet diese Vergangenheit zu verstehen und ihre Wiederholung zu verhindern. Unser Band ist so sichtbar, wie jede unserer literarischen Reisen nach Südamerika!

Literatwo und Südamerika

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