„Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte“ – Peter Heller lässt uns fliegen

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte

„Mein Name ist Hig,
nur ein Wort.
Big Hig,
wenn Sie zwei brauchen!“

Ich habe immer beide Worte gebraucht. Für mich war und ist er immer Big Hig gewesen, seit er in mein Bücherleben trat. Groß… wahrlich, das ist er wie kein Zweiter und ich kann jedem zukünftigen Leser des apokalyptisch, philosophisch-emotionalen Endzeitromans Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte nur empfehlen, Big Hig niemals nur als Hig zu betrachten… vergesst niemals den Zusatz Big. Es wäre ein Fehler.

Big Hig hat überlebt. Die große Grippe-Epidemie vor gut neun Jahren und auch die anschließend auftretende fatale Blutkrankheit. Er hat es überstanden, was man von einem Großteil der Menschheit nicht gerade behaupten kann. Big Hig allerdings hat es geschafft. Was ihm blieb ist nur sein treuer Hund Jasper, eine kleine einmotorige 1956er Cessna 182 und die trügerische Sicherheit eines kleinen Flugplatzes, der nun eher einer Festung gleicht.

Big Hig - Eine Cessna

Big Hig – Eine Cessna

Was er verlor? Alles…! Seine geliebte Frau und das ungeborene Kind… beide Opfer der Grippewelle. Mehr muss man nicht sagen. Man muss Big Hig nur in die Augen schauen und ihm gut zuhören, um zu verstehen, welche Narben dieser Verlust hinterlassen hat.

„Die Liebe ist das Flussbett,
das sich jeden Tag mit Schmerz füllt.
Es füllt sich jeden Tag aufs Neue mit Tränen.“

An Aufgeben jedoch hat Big Hig niemals gedacht. Erst Recht nicht jetzt mit vierzig Jahren, nach neunjährigem Kampf ums nackte Überleben. Das hätte nicht zu ihm gepasst – das macht ihn zu Big Hig.

In der Orientierungslosigkeit des „DANACH“ hat er seinen eigenen Weg gefunden, sich als einer der letzten Überlebenden seinem Schicksal zu stellen. Und genau diesen Weg muss er nicht alleine gehen, denn er teilt seine neue Welt mit Bangley, einer waffenstrotzenden Ein-Mann-Elite-Armee, die beiden das Überleben in der feindlichen Umgebung garantiert.

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte - Eine Festung

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte – Eine Festung

Gemeinsam haben sie den Flugplatz zu ihrer Festung verwandelt und verteidigen sie gegen die letzten Eindringlinge, Plünderer, vagabundierende Horden und die Ansteckungsgefahr. Abgekapselt vom Rest der nicht mehr existierenden Welt ist ihre ganz eigene Welt entstanden. Bangley und Big Hig – ein Team das unterschiedlicher nicht sein kann.

„Es ist sein Job, meinen Arsch zu retten.
Ich habe ein Flugzeug und bin das Auge,
er hat die Waffen und ist der Muskel…

Er kann nicht fliegen,
ich kann kein Blut sehen.
Wäre es anders,
würde hier nur ein Mann leben.
Oder keiner.“

Bangleys Mantra: „Im Zweifel dagegen und niemals verhandeln…“ hat sich als lebensrettend erwiesen und Big Hig`s Patrouillenflüge sind das beste Frühwarnsystem gegen überraschende Angriffe. Sie bedeuten aber auch für Big Hig, dass er seinen letzten Lebenstraum noch leben darf. Fliegen… und dies mit seinem Hund Jasper als Copilot. Der einzige Fluchtpunkt, der geblieben ist.

Big Hig - Freiheit über den Wolken

Big Hig – Freiheit über den Wolken

„Ich bin derjenige, der alles überfliegt.
Nichts kann mich berühren.“

Bangley scheint dieses Leben auszureichen. Alle Vorräte gehören nur ihnen; kein Gegner ist in der Lage sie zu überwältigen, solange sie ein Team bilden und die Waffen garantieren den Rest. Big Hig wird diese Welt nach neun Jahren zu klein. Schritt für Schritt wagt er sich weiter hinaus. Er beginnt mit der Versorgung einer kleinen Gruppe Mennoniten, in deren Achtung er von Landung zu Landung immer mehr steigt. Er sucht dort Nähe, wo keine existieren kann oder wo sie zur absoluten Lebensgefahr mutiert.

Und dann eines Tages empfängt er einen Funkspruch… aus dem Nichts… und die Fragen nach dem „Woher“ und „Von Wem“ und „Warum“ werden so übermächtig, dass er seine Maschine belädt und fliegt. Über den Point of no Return hinaus… nur begleitet von Jasper und orientiert am GPS und den Sternbildern, die sich Big Hig selbst ausgedacht hat. Er fliegt ans Ende der Sterne so wie er sie kannte. Ein wahrer Emotionskunstflug erster Klasse…

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte - Kunstflug

Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte – Kunstflug

Ein Roman, dessen „Verpackung“ ein allzu romantisches Verhältnis zum Innenleben assoziiert, kommt wesentlich vielschichtiger daher, als man es für möglich hält. Die apokalyptisch-dunkle Stimmung erinnert in Tempo und hochgradiger Spannung an Filme wie Mad Max“ und Waterworld“. Die emotionale Seite des Romans muss den Vergleich zu den großen Romanzen unserer Zeit nicht scheuen und die philosophische Weltsicht von Big Hig stellt ihn in seiner liebevollen Naivität auf eine Stufe mit „Forrest Gump“

Big Hig nimmt uns mit auf einen Flug durch seine Welt. Sie ist bedroht, umkämpft, brutal und von Verlusten geprägt. Aber nur dieser Mann ist in der Lage, uns zu retten.

Er wächst mit jedem Verlust, wird nach jedem Schuss neu geboren und kommt nach jeder Flucht wieder nach Hause. Das Ergebnis seiner Suche gehört für mich zu den emotionalsten Momenten meiner persönlichen Lese-Geschichte. Das Erleben seiner Verluste gehört zu den traurigsten Momenten und ein Angriff auf sein Leben, bei dem Bangley ihn am Funkgerät fernsteuert, gehört zu den temporeichsten und spannendsten Momenten meines Lesens. Am Ende bleibt nur eine einzige Frage, als er am Ziel seiner Reise eine Frau entdeckt.

Ihr Name: Cimarron – die Frage, ganz einfach:

Big Hig - Am Ende der Sterne bleibt nur diese Frage...

Big Hig – Am Ende der Sterne bleibt nur diese Frage…

„Kann man sich durch ein Zielfernrohr verlieben?“

Steigt ein… nehmt Platz… es gibt ausreichend viele Flugtickets für die kleine Cessna. Schnallt euch an, es wird turbulent. Schaut während des Fluges mal nach unten. Ein abwechslungsreicheres Feuerwerk werdet ihr nie wieder erleben. Es leuchtet in allen Farben und bringt euch den Sternen, wie Big Hig sie kannte, immer näher.

Packt Taschentücher ein, es wird traurig und vergesst den kleinen Taschenspiegel nicht. Ihr solltet euch selbst in die Augen schauen, wenn ihr die letzten Sätze gelesen habt. Diesen Anblick werdet ihr nicht vergessen… probiert es aus…

Guten Flug…

Willkommen an Bord

Willkommen an Bord – Eichborn Verlag – Hardcover – 320 Seiten – 19,99 €

Ganz persönlicher Nachtrag:

Nach eigenen Angaben ist Unendlicher Spaß von David Foster Wallace das Lieblingsbuch von Big Hig… (Treue Leser von Literatwo wissen, was dies für uns bedeutet)…

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