Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Zeit! Wie wichtig ist diese Lebensdimension für uns und wie sehr sind wir in ihrem Rhythmus gefangen? Das wird uns immer dann besonders deutlich vor Augen geführt, wenn wir beginnen, mit der Zeit zu spielen. Allein die Umstellung von Winter- auf Sommerzeit zeigt uns in ihrer unnatürlichen Willkür, wie unser Körper auf den veränderten Ablauf reagiert. Doch dies ist nur ein Spiel… und es geht nur um eine Stunde… und wir spielen es nur mit unseren Uhren. Was wäre, wenn unsere Erde den Spieß umdrehen und damit beginnen würde, mit unserer Zeit zu spielen? Mit der Zeit, wie wir sie kennen.

Stellt euch vor, die Tage werden immer länger. Und dies nicht langsam, sondern innerhalb einer Nacht um genau 56 Minuten… Tendenz deutlich steigend. Berechnete Sonnenauf- und Untergangszeiten gehen weit an der erlebten Wirklichkeit vorbei. Und stellt euch dann vor, was in euren Köpfen vorgeht, wenn internationale Experten an die Öffentlichkeit gehen und statt einer Ursache nur die Symptomatik beschreiben können. Verlangsamung der Erdrotation heißt das Zauberwort jener Tage. Eine Katastrophe für die gesamte Menschheit zeigt sich am heller werdenden Nachthimmel und den dunklen Stunden des Tages… Jedenfalls wenn man wie gewohnt daran festhält, sich am 24-Stunden-Rhythmus zu orientieren.

Gefühlte Zeit stimmt nicht mehr mit angezeigter Zeit überein. Der Lebensrhythmus geht verloren – die Balance gerät in eine deutliche Schieflage und der Mensch reagiert, wie er in solchen Situationen zu reagieren pflegt. Die EINEN reden den Weltuntergang herbei – die ANDEREN halten sklavisch an ihrer „Uhrenzeit“ fest und versuchen die Realität zu verdrängen und wieder ANDERE wollen sich den geänderten Bedingungen anpassen: Uhren weg und leben nach dem Stand der Sonne. Die Menschen beginnen sich voneinander zu entfernen, ungeachtet der Bemühungen einzelner Regierungen, die 24-Stunden-Uhrenzeit weiterhin als Standard festzulegen, nach der sich das öffentliche Leben in Geschäften, Behörden und Schulen zu richten hat.

Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

„Es war wie ein Spuk: zwei Zeitdimensionen, die ein und denselben Raum einnahmen.“

Die Tage wachsen stetig an… sie dauern nach altem Maßstab 30 Stunden, bald 40 und erreichen Dimensionen, die ein Leben nach Sonnenlicht unmöglich machen. So lange kann niemand wach bleiben… Der Mensch kommt an seine existenziellen Grenzen… in aller Komplexität. Die Erde selbst steht vor dem ultimativen Kollaps. Die Schwerkraft verändert sich und da alles spürbar intensiver der Erdanziehung unterliegt, erkranken die Menschen in immer größerer Zahl. Die Schwerkraftkrankheit gesellt sich zur Angst und wird Wegbegleiter der Verzweiflung.

Julia ist 12 Jahre als alles beginnt. Ein ziemlich beschauliches junges Leben im sonnigen Kalifornien. Und doch zeigen sich erste Risse in der jungen Familie. Die Eltern scheinen sich voneinander zu entfernen… Schritt für Schritt und auch für Julia wird es täglich schwieriger, im Strudel sich verändernder Freundschaften so richtig Fuß zu fassen. Und dann verlangsamt sich alles… schlagartig! Und mit der Verlangsamung der Erdrotation beschleunigt sich die Entwicklung des jungen Mädchens. Paradox…

Alle Probleme schreien gleichzeitig nach Bewältigung – das Umfeld zeigt deutliche Auflösungserscheinungen und ihre Freundinnen sortieren sich ebenfalls in das EINE oder ANDERE Lager. Und wie soll man jemanden treffen, der in einer anderen Zeitzone, aber nur auf der anderen Straßenseite lebt? Und was soll sie davon halten, dass ihr ach so vielbeschäftigter Vater ständig bei einer jungen Nachbarin ein- und ausgeht während er eigentlich arbeiten sollte?

Ein Jahr voller Wunder

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Was geschieht mit einer Familie, wenn die Welt um sie herum zu kollabieren beginnt? Wer kann wen auffangen, wenn die Balance verloren geht und wie soll ein Kind Sicherheit empfinden, wenn neben dem irdischen auch das familiäre Gefüge langsam zerbricht? Und was, wenn ein junges Mädchen sich zum ersten Mal verliebt – in genau jenen Zeiten, die so zeitlos sind, dass diese Gefühle zur absoluten Unzeit in ihr zu wachsen beginnen…?

Kann sich eine Familie der Verlangsamung der Erde widersetzen indem sie ihren eigenen Zusammenhalt beschleunigt? Oder gerät man selbst in den Sog und teilt sich auf… in den EINEN oder ANDEREN Teil der Familie? Über 60 Stunden dauern die natürlichen Tage inzwischen: fast zwei Tage Dunkelheit, gefolgt von zwei Tagen Licht, als Julia zum ersten Mal in ihrem jungen Leben loslassen muss… Es wird nicht der letzte Verlust sein!

Karen Thompson Walker gelingt mit ihrem Endzeit-Roman „Ein Jahr voller Wunder“ (btb) die brillante Schilderung einer sich täglich beschleunigenden Naturkatastrophe, die selbst Wissenschaftlern unerklärlich bleibt. Die Beschreibung der direkten Folgen dieses Szenarios ist so packend, nachvollziehbar und anschaulich, dass man unweigerlich an die fundierte wissenschaftliche Seite der großen Romane von Frank Schätzing denken muss. Als Leser wird man sensibel für jede ruhige Minute, die geregelt verläuft und man freut sich an jedem Morgen, wenn zur vorhergesagten Zeit die Sonnenstrahlen das Firmament erhellen.

Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Julias Geschichte gewährt den tiefen individuellen Blick auf ein Einzelschicksal in diesen extrem verlangsamten Zeiten. Der sich verändernde Tagesablauf, die Unsicherheit angesichts der konfusen Umweltsituation und die Auswirkungen des Geschehens auf Familie, Freunde und ihre erste große Liebe bleiben im Gedächtnis haften. Allerdings bremst die Autorin auch durch die gewählte Erzählperspektive die unmittelbar aufkommende Spannung ein wenig aus.

Julia erzählt ihre Geschichte mit einem zeitlichen Abstand von 10 Jahren zum Beginn der Katastrophe. Sätze wie „Später sollten wir erfahren, dass dies erst der Anfang war“ oder „Erst später sollte ich diese Veränderung als etwas anderes begreifen“, machen jedem Leser klar, dass Julia und mit ihr die Erde nicht unmittelbar vom Untergangsszenario bedroht ist und trotz der geschilderten Ausweglosigkeit scheinbar noch viel natürliche Zeit bleibt. Diese Sätze wirkten oftmals wie eine Bremse an den Punkten, an denen die Story so richtig an Fahrt aufnehmen wollte.

Wenn man am Ende des Romans angelangt ist, erschließt dich die Plausibilität dieser Perspektive und doch hätte man sich an mancher Stelle eher den ungefilterten Eindruck der jungen Julia gewünscht, als die durch Weitsicht und Wissen deutlich gereifte Sichtweise einer Frau, die nun in einer Rückschau ihre Kindertage rekapituliert. Aber dies ist nur unser Gefühl… ein gemeinsames wohl, aber das kann von Leser zu Leser unterschiedlich sein und die Perspektive mag als Stilmittel völlig unterschiedlich aufgefasst werden.

Ein Jahr voller Wunder - Karen Thompson Walker

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

Worüber wir aber gerne reden würden ist die Frage des Buchtitels. Die Verlangsamung entfernt die Menschheit Schritt für Schritt von allen bisher vollbrachten Wundern. So steht es auch im Text geschrieben. Wissenschaftliche und soziale Leistungen der Menschheit verblassen im Angesicht des drohenden Untergangs. Gemeinschaften zerfallen und Rettungsschirme sind nicht in Sicht. Der Mensch hat sich seinem Schicksal zu ergeben. Bedingungslos.

Wir haben kein Wunder entdeckt, auf das sich der Titel beziehen könnte. Kein einziges. Allzu romantisch und irreführend ist diese Titel-Wahl für einen Roman, der ein apokalyptisches Endzeitszenario in wissenschaftlicher Präzision brillant erzählt. „Verlangsamung“… diesen Roman-Titel hätten wir verstanden. Aber „Ein Jahr voller Wunder“ war für uns ein Jahr voller Katastrophen, voller Schicksalsschläge, voller Zusammenbrüche – ein Jahr der Endzeitstimmung und der menschlichen Unzulänglichkeiten. Ein Jahr ohne Lichtblick – gänzlich ohne! Aber bitte kein Jahr, das mit diesem positiv geprägten Begriff in Verbindung zu bringen ist.

Wir sind trotzdem sehr froh, diesen Roman gelesen zu haben. Unvergessliche Bilder haben sich tief verankert und wir gehen bewusster mit dem Selbstverständlichen um. Der tiefe ökologische Aspekt macht diesen Roman zu einem interessanten und wichtigen Buch. Lernt zu schätzen, was wir haben und bewahrt es… die Erde dreht sich nicht wegen uns… und wenn sie sich aus welchen Gründen auch immer verlangsamen sollte, dann nur um gegen die Beschleunigung ihrer Zerstörung durch den Menschen anzukämpfen!

Ein Jahr voller Wunder

Ein Jahr voller Wunder – Karen Thompson Walker

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