INFERNO – Zuviel des Guten, Mr. Brown

INFERNO - Dan Brown - Zuviel des Guten

INFERNO – Dan Brown – Zuviel des Guten

Empfehlung vorab:
Artikel und Buch bis zum Ende lesen… es wird überraschend!

Wir begeben uns mit den Thrillern rund um unseren legendären Symbolologen Robert Langdon ja nun nicht wirklich auf unbekanntes Terrain. Wir wissen um seine Fähigkeiten, haben sein eidetisches Gedächtnis schätzen gelernt und bewundern seit langer Zeit, dass er eigentlich gar keinem Romanfiguren-Klischee entspricht. Das macht ihn sympathisch und hat in den letzten Fällen, die er erleben musste dafür gesorgt, dass wir an seiner Seite blieben. Er war stets Handelnder, hatte für fast jede Frage eine Antwort und für jede versiegelte Tür einen plausiblen Schlüssel.

Bisher haben wir auch unserem genialen Autor Dan Brown vertraut, da er seinen Protagonisten zwar jeweils tief in den mysteriösen Schlamassel hineinschrieb, ihm aber immer wieder ein Schlupfloch ließ, aus dem er plausibel und meist auf der Grundlage seines Wissens entfliehen konnte. Aber nun liegt mit Inferno ein neuer Langdon Thriller vor, der mit allen Traditionen zu brechen scheint und aus den bekannten Mustern der Brown´schen Thrillerschmiede erheblich ausschert.

Das ist nun wirklich zuviel des Guten, was dem Leser hier zugemutet wird.

inferno dan brown_ spacere

Eine sinnlose Häufung purer Zufälle spült den amnesiegeplagten Robert Langdon in den Strudel einer multiplen Verwicklungsgeschichte und beraubt ihn dabei zum Teil der wichtigsten Fähigkeit. Sein Gedächtnis kann nur zwei Tage nicht reproduzieren… der Rest… vorhanden und unbeschadet. Es fällt schwer, einem Professor zu folgen, der sich einerseits nicht erinnern kann, warum er überhaupt in Florenz ist, andererseits aber seinen ausufernden „Ich erinnere mich–Passagen“ zu Geschichte und Geheimnissen der Stadt zu lauschen. Zuviel des Guten… wirklich…

Begleitet wird er von der wohl intelligentesten Frau der Welt. Doktor der Medizin Sienna Brooks. IQ von 212 und herausragendes Sprachtalent. Und doch scheint sie nur das zu wissen, was für die Story gerade wichtig ist. Sie spricht seltsamerweise kaum Latein, erkennt wesentliche medizinische Dinge wie historische Pestmasken oder das geheimnisvolle Biohazard-Symbol nicht (damit sind in jeder Arztpraxis zum Beispiel Behälter für benutzte Kanülen gekennzeichnet) und ist somit immer wieder auf die unmittelbare Hilfe unseres Helden angewiesen. Zuviel des Guten… wirklich…

Das Set wirft Fragen auf. Während der heillosen Flucht aus einer Klinik landen beide in Siennas „winziger“ Wohnung und doch befinden sich beide Akteure zur gleichen Zeit im Bad. Mr. Brown… wie viele Menschen passen in einer winzigen Wohnung gleichzeitig in ein Bad ohne sich zu begegnen…? Zuviel des Guten… aber echt…

INFERNO - Dan Brown - Florenz - Venedig - Istanbul

INFERNO – Dan Brown – Florenz – Venedig – Istanbul

Ein hochintelligenter Mega-Schurke beabsichtigt, ein Drittel der Weltbevölkerung durch einen künstlich erschaffenen Erreger auf natürlichem Wege, also biologisch zu vernichten, um so die Bevölkerungsexplosion und ihre Folgen zu heilen. Er sieht keine andere Wahl und ist getrieben von der Ausweglosigkeit seiner Situation. Kurz vor Vollendung seiner Tat begeht er Selbstmord, hinterlässt jedoch geheime Botschaften und Signale, Videos und Spuren, die es ermöglichen, seine finale Tat vielleicht zu verhindern! Das ist doch höchst unlogisch! Zuviel des Guten… wirklich…

Und es gesellen sich noch mehr Dinge hinzu, die es wirklich (bei aller vorzüglichen Spannung) manchmal schwer machen, alles zu glauben was man so liest. Die entführte Präsidentin der WHO wird von ihren Kidnappern in betäubtem Zustand quer durch die Stadt gefahren, während man Robert Langdon verfolgt… Mensch… die Frau ist prominent und jeder kann sie zusammengesackt im Fahrzeug sehen… wer macht denn so was? Zuviel des Guten… wirklich…

Und mittendrin unser teilzeitvergesslicher Robert, der sich am nicht vorhandenen Schopf aus allen Strudeln zu retten versucht, um seinerseits die Welt zu retten. Dante Alighieri dient mit seinen Schilderungen der Karte der Hölle als symbolisches Leitbild für die Lösung aller Geheimnisse. Je besser man seinen „Dante“ beherrscht, umso besser kommt man mit dem Inferno zurecht, das die Welt zu bedrohen scheint… Umfassend historisch, möchte man meinen.

INFERNO - Dan Brown - Dante Alighieri

INFERNO – Dan Brown – Dante Alighieri

Von Florenz nach Istanbul bis nach Venedig… per Flugzeug, Bahn und meist zu Fuß folgen wir atemlos einer ganzen Schar von Akteuren und die Rollen sind klar verteilt. Die Motive liegen auf der Hand und doch zweifeln wir von Seite zu Seite an unserer Wahrnehmung. Wir haben das doch alles so gelesen und, verflucht… wir sind extrem aufmerksame Leser… Und das hier ist nun wirklich zuviel des Guten, Mr. Brown…

Und über allem schwebt die Drohne eines Spezialisten-Teams, die alles beobachtet, jeden Schritt aufzeichnet und mit brummendem Geräusch über Florenz fliegt und nichts im Verborgenen lässt. Besonders nicht Robert Langdon… da hat er doch keine Chance… Zuviel des Guten….

ZUVIEL DES GUTEN… das sage ich mit bestem Grund… Es ist des Guten so viel!

Denn alle Bilder und Konstellationen, die sich uns Lesern ins Gehirn gebrannt haben… alles, was wir im rauschenden Fluss der Handlung zweifelnd bemerkt haben und jede Handlung der Akteure, die wir als wenig plausibel markiert haben, gehört zu einem großen Plan. Dem Plan eines der sensationellsten Schriftstellers, der jemals seine Hand an einen Thriller gelegt hat.

inferno dan brown_ spacere

ER hat die Drohne gesteuert und ER hat uns beobachtet. An manchen Stellen hat ER mich durch eine kleine Zeile abgelenkt… durch ein Geräusch… durch eine Figur und in einigen Kapiteln hat er mich mit der Nase auf kleine, scheinbar unauffällige Dinge gestoßen, die ich gar nicht hätten sehen sollen… so dachte ich. Er hat mit meiner Leser-Wahrnehmung gespielt… auf höchstem Niveau.

ZUVIEL DES GUTEN…

Im Sinne von „Viel zu gut…!“ Das sage ich mit gutem Grund, da nichts von dem was ich vermute und kritisiere dem entspricht, was der Autor tatsächlich geschrieben hat. Ich war zu aufmerksam und bin voll in seine infernalische Falle getappt. Brillant. Er präsentiert die wahren Zusammenhänge seiner Handlung, die wahren Gründe für alles Verborgene und lüftet jeden Schleier und lässt mich in den letzten Kapiteln des Romans nur noch staunen.

Die geniale Konstruktion macht alles klar, beseitigt jeden Zweifel und fördert einen Schurken zutage, den ich zwar zu kennen glaubte, den ich aber erst richtig erkenne, nachdem ich die Zeitabläufe und Zusammenhänge verstehe… und dies gleichzeitig mit Robert Langdon. Und es ist ein Schurke und eine unfassbare Tat, die so sehr von dem abweichen, was man lesend bisher kannte – glaubt mir einfach.

inferno dan brown_ spacere

Ich saß tief in der Falle des Dan Brown. Inferno.. so dachte ich, ist eine Häufung von kleinen und großen Fehlern und missverständlichen Zufällen. Selbst mich hat Dan Brown erwischt und man konnte gegen Ende des Buches deutlich hören, wie sehr sich die Schleier für mich lüfteten. Bei jedem einzelnen von ihnen klatschte ich mir die Hand vor den Schädel… glaubt mir – es handelte sich um einen anhaltenden und sich wiederholenden Lärm, so klar wurde alles.

Als Opfer dieses Romans verneige ich mich vor dem Autor. Das hat in dieser Tiefe noch niemand geschafft und ich erinnere mich gerne an eine Statue in Florenz, die Dan Brown mehrfach in Inferno erwähnt. Zwei Ringer im intensiven Kampf, wobei einer von beiden den anderen mittels eines festen Penisgriffs in seiner Gewalt hat. Ein tödlicher Griff.

Ich weiß, warum diese Statue im Roman vorkommt. Ich weiß, dass es ein Bild für Dan Brown und seine Leser ist. Und ich weiß wer hier wen bei den Eiern gepackt hat… und bevor Fragen aufkommen… keine Sorgen Mädels… euch geht es nicht anders… Dan Brown findet einen Weg.

LESEN – DURCHHALTEN – STAUNEN – INFERNO

INFERNO - Dan Brown - Fest im Griff

INFERNO – Dan Brown – Fest im Griff – LÜBBE VERLAG

Advertisements