„Wölfe der Nacht“ – Mr. Rail zurück in Oregon mit Benjamin Percy

Wölfe der Nacht - Benjamin Percy - Oregon

Wölfe der Nacht – Benjamin Percy – Oregon

Auf nach Oregon… Wieder einmal hinein in dieses Paradies der Canyons, Wälder und Flüsse… Mitten hinein mit uns in die weitgehend ursprüngliche Landschaft im Westen der Vereinigten Staaten. Literatwo ist gut vorbereitet. Diesmal! Hatte ich mir noch vor wenigen Wochen bei Cheryl Strayds Der große Trip Leseblasen gelaufen und zumindest in der Gegend um den Crater Lake das Gefühl in Lese-Lebensgefahr zu schweben, so sollte ich das beim gemeinsamen Les-ausflug mit Bianca verhindern.

Der Roman „Wölfe der Nacht“ von Benjamin Percy (Luchterhand Verlag) brachte uns nämlich genau an diesen Ort zurück. Bücher sind oftmals durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Ich erzählte Bianca von der Wildnis Oregons, von den drohenden Gefahren durch Bären und auch ein wenig von dem Menschenschlag, den wir im alten Indianerland antreffen würden. Gut gerüstet waren wir diesmal… dachten wir…

Die Erwartungen an diesen spannenden Roman waren hoch, wird doch Benjamin Percy nicht nur unter der Hand mit dem irischen Autor Gerard Donovan verglichen, der uns in einigen Büchern tief in seinen Bann ziehen konnte. Denken wir nur an Bitterkalter Nachmittag. Nun also auf nach Oregon… tief hinein in die Wildnis… altes Land…

Wölfe der Nacht - Benjamin Percy - Natur pur

Wölfe der Nacht – Benjamin Percy – Natur pur

Ich fand mich sofort zurecht und fühlte mich gleich wieder heimisch. Die Wälder mit ihren Gefahren waren mit ebenso wenig fremd, wie die Menschen, die dort ihr ganz eigenes Leben führen. Im Einklang mit der Natur, aber doch auf dem Sprung, das ökologische Gleichgewicht aus der Balance zu bringen, wenn wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen.

Man lebt mit dem Land und man lebt von ihm. Man lebt mit den Tieren und von ihnen. Koste es was es wolle. Schnell tauchen wir im Kleinstädtchen Bend in das Privatleben von Justin und Karen ein. Ihre Ehe ist vom Schicksal gebeutelt – das zweite Kind kurz nach der Geburt verstorben und der gemeinsame elfjährige Sohn Graham wird seitdem unter der elterlichen Käseglocke aus Schutz und Angst verborgen. Noch ein Kind zu verlieren – unmöglich, allein der Gedanke. Graham ist kein Kind des Landes oder des Waldes. Weich… könnte man sagen… zu behütet… muss man sagen.

Ein schwelender Konflikt zwischen Grahams Vater Justin und dessen Vater Paul. Die Naturburschen von einst verwässern von Generation zu Genration und so kommt Paul auf die Idee, mit Sohn und Enkel das wahre Oregon zu erleben. Noch einmal durch die Canyons zu streifen.

Wölfe der Nacht - Benjamin Percy - Die Zeit eilt

Wölfe der Nacht – Benjamin Percy – Die Zeit eilt

Noch einmal die Natur fühlen. Eine Männerwelt – gleichsam eine Initiation für den jungen Graham. Schießen, zelten, grillen und Jungs-Gespräche. Gegen den Willen der Mutter, aber Justin schwört alle Eide, auf seinen Sohn aufzupassen…

Und dies, kurz bevor das ökologische Gleichgewicht des Echo Canyons endgültig von Menschenhand zerstört wird. Abholzung. Rodung. Golfplatz statt Indianerland. Ressort statt Reservat. Die Moderne kämpft dem Land den Rang ab. Nicht jedoch den Naturgewalten.

Drei Männer im Wald, der schon in wenigen Tagen keiner mehr sein wird und eine Frau allein in einem Haus, das sie schon lange nicht mehr als Heim empfindet. Das Gleichgewicht des Lebens gerät erheblich ins Wanken, denn die bisher abstrakt existierenden Gefahren schlagen unerbittlich zu.

Die Männer geraten an einen monströsen Bären, der gleichsam für die gesamte Wildnis ein letztes Gefecht zu kämpfen scheint. Das Überleben der Drei wird zu einem Ritt auf einer Rasierklinge aus Fell und gefletschten Zähnen. Und mittendrin ein hilfloser Junge, der in dieser Wildnis nichts zu suchen hat. Kann Justin sein Versprechen halten?

Und während die Männer um ihr Leben kämpfen, gerät auch Karens Welt ins Wanken. Der Grund dafür: Der Irak-Veteran Brian, der endlich seine Chance gekommen sieht. Die Männer sind außer Haus und Karens Hausschlüssel durch einen Wink des Schicksals in seinem Besitz.

Wölfe der Nacht - Benjamin Percy - Die Tür ist offen

Wölfe der Nacht – Benjamin Percy – Die Tür ist offen

Zwei Lebens-Gefahren, die eine Familie an getrennten Schauplätzen existenziell bedrohen. Ein wildes Tier in Gestalt eines Bären und ein wildes Tier in Gestalt eines fast normal wirkenden, vom Krieg gezeichneten, Mannes. Es war eine Bombe, die Brian zu dem machte, was er heute ist.

„Wut war ein Wort mit zu viel Oktan darin. Er spürte einfach nur den Impuls zuzuschlagen. Das war die bessere Art, über sein Hirn und seine Neuverdrahtung nachzudenken, es als etwas zu betrachten, das auf Impulse reagierte.“

Auch er wird zur Bedrohung – auch er, wie ein großes Gleichnis für den immerwährenden Kampf in Fell gekleidet. Seiner Obsession folgend verwandelt er sich in ein Raubtier… und ihm stehen die Türen zu Karen offen… im wahrsten Sinne des Wortes.

„Seine Haut, die so lange in Fell eingehüllt war, fühlt sich klebrig und wund an… Er atmet einmal tief durch und wartet, bis der schmerz nachlässt, bevor er seine Augen an einen Schlitz zwischen zwei Türlamellen presst und ins Zimmer späht.“

Wölfe der Nacht - Benjamin Percy - In Fell gekleidet

Wölfe der Nacht – Benjamin Percy – In Fell gekleidet

Benjamin Percy entwirft ein Szenario das mit den menschlichen Urängsten Katz und Maus spielt. Dort wo es an Balance fehlt ist der Mensch seinen Ängsten hilflos ausgeliefert, so scheint es. Und doch scheinen seine Protagonisten von Seite zu Seite zu wachsen. Keine einfache Schwarz-Weiß-Zeichnung. Kein simples Gut und Böse. An vielen Schlüsselstellen im Roman finden wir uns auf der Seite derjenigen wieder, die unter dem Schutz ihres Fells einen Kampf gegen sich und die Umwelt führen.

Und doch sind wir nach atemlosem Lesen bis zur letzten Seite ein wenig zwiegespalten in unserer Sichtweise zum Roman. Da wo ich die Beschreibung der Natur aufgrund meiner Lesereise mit Cheryl Strayed als absolut faszinierend empfand, war es aus Sicht von Bianca oftmals ein wenig zu grün, zu waldig, zu steinig mit zu vielen Wiederholungen. Ihren Argumenten musste ich zustimmen, denn wer hat schon vorher ein Buch mit Schauplatz Oregon gelesen?

Letztlich waren wir gemeinsam fasziniert davon, dass Benjamin Percy seine literarische Flinte von Seite zu Seite mit mehr Zündstoff großkalibrig aufmunitionierte. Eine explosive Mischung in zwei Welten hielten wir mit dieser buchigen doppelläufigen Präzisionswaffe in Händen. Als der Moment des Abdrückens kam waren wir auf das Schlimmste gefasst. Mit zweifach lautem Knall – mit großem Finale und mit dem Geruch nach Schwarzpulver sollte er unser Leserherz treffen.

Wir haben jedoch nur einen Schuss gehört. Der Lauf, in dem die Geschichte von Brian zur Zündung gebracht werden sollte… zündete nicht für uns. An Stelle des Knalls erschien ein kleines Fähnchen mit der Aufschrift PENG. Die Wirkung verpuffte schon ein wenig im Kontext des Ganzen.

Lesenswert war unser Ausflug nach Oregon auf jeden Fall. Der eine Schuss hatte es ganz schön in sich und wenn ihr mögt, dann packt doch eure Zelte und die Outdoor-Lesesachen ein und folgt uns in die Wildnis… Auf nach Oregon… es ist spannend…

Wölfe Der Nacht - Luchterhand - 19,99 €

Wölfe Der Nacht – Luchterhand – 19,99 €

Ein letzter Tipp sei noch gestattet. Wer sich nicht selbst nach Oregon lesen möchte, der kann der interessanten Stimme von Bernd Hölscher in der ungekürzten Hörbuchfassung von Radioropa folgen und schauen, ob er sich in der Wildnis sicherer fühlt. Nachdem wir die Hörprobe genossen haben, müssen wir jedoch auch hier vor zunehmender Gänsehaut-Gefahr dringend warnen. Über 10 spannende Stunden in der Tiefe der Natur sind garantiert!

Mit einem Klick zu Radioropa und der stimmungsvollen Hörprobe aus der Wildnis

Mit einem Klick zu Radioropa und der stimmungsvollen Hörprobe aus der Wildnis

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