Ausreißversuch – Tour de France – DIE EPOchale Dopingbeichte

Ausreißversuch - Eine Dopingbeichte - Ähnlichkeiten beabsichtigt

Ausreißversuch – Eine Dopingbeichte – Ähnlichkeiten beabsichtigt

Es ist ein gewagtes Unterfangen, als Schriftsteller eine Geschichte zu erzählen, die von der geneigten Leserschar zumindest in weiten Teilen sozusagen live und in Farbe erlebt wurde. Es ist ein gewagtes Unterfangen, diese Geschichte mit einen scheinbar fiktiven Protagonisten zu garnieren, bei dem sich allerdings schnell herausstellt, dass bis auf den Namen Max Witt nur geringe und kaum spürbare Abweichungen vom lebenden Vorbild bestehen.

Es ist ein gewagtes Unterfangen, die Geschichte von Jan Ullrich zu erzählen – seine sportlichen Erfolge im Roman einzubauen und dann schließlich, quasi in seinem Namen eine Lebensbeichte zum Thema Doping abzulegen, auf die man  bisher vergeblich warten musste. Dieser Ausreißversuch, um (ebenso wie der Titel des Romans von Johannes Schweikle) im Fachjargon des Radsports zu bleiben, kann brutal scheitern. Ambitioniert und mutig kann er sein und doch werden solche Versuche oftmals vom gesamten Leser-Feld kurz vor der Ziellinie eingeholt und der eben noch Sprintende mutiert zur Roten Laterne.

So wäre es dann lediglich beim Versuch geblieben…! Bei Johannes Schweikle ist dies nicht der Fall. Er verfügt über die seltene Begabung, journalistisches Schreiben mit bester Unterhaltungsliteratur zu kombinieren und dem Leser einen bekannten Stoff so zu vermitteln, als wäre man selbst Teil des Pelotons bei der weltberühmten Tour de France. Schweikle legt mit irrem Tempo vor und doch behält man ihn immer im Auge. Tief über den Autoren-Lenker gebeugt entführt er uns in die erste Erfolgssaison des Radrennprofis Max Witt.

Ausreißversuch von Johannes Schweikle - Klöpfer & Meyer Verlag

Ausreißversuch von Johannes Schweikle – Klöpfer & Meyer Verlag

Seinen ersten Tour de France–Sieg hat Max Witt dem plötzlichen Einbruch seines Team-Kapitäns zu verdanken – als Wasserträger sprintet er am Mont Ventoux dem Feld davon und erreicht mit uneinholbarem Vorsprung das Ziel der letzten Etappe… Paris. Gelb… das Maillot Jaune… Ruhm und Ehre… von einem Tag zum nächsten Radsportlegende. So werden Karrieren gemacht.

Das brutale Erwachen kommt bereits im folgenden Jahr. Der Medienrummel fordert schnell seinen Tribut und der persönliche Erfolgs-Sättigungsgrad hat zur Folge, dass der großen deutsche Hoffnung Witt in der Vorbereitung auf die Verteidigung seines Gelben Trikots die Zeit davonläuft. Er kommt nicht in Form. Und gleichzeitig reibt er sich verwundert die Augen, mit welch absurdem Tempo ehemals schlechtere Rennfahrer ihn bei leichten Rennen abschütteln können.

Das Zauberwort heißt Doping und langsam führen ihn das eigene Team und sein Ehrgeiz zum nächsten Level. Ganz ohne Epo… ohne Manipulation ist er nicht konkurrenzfähig. Und das kann sich der Stern am Radsporthimmel Max Witt nicht leisten. Und doch reicht alle Trickserei nicht aus, um gegen den unwiderstehlichen Nähmaschinen-Rhythmus eines texanischen Profis zu bestehen, der Max zermürbt und besiegt. Ein neuer Stern ist aufgegangen… aber auch er ist nicht sauber. Erst nach der Hodenkrebsdiagnose explodiert die Leistung des Texaners. Erst nach der Diagnose fährt er als wandelndes Lazarett über die Alpen… legale Medikamente… auch ein Weg.

Ausreißversuch - Hoch dosiertes Lesedoping

Ausreißversuch – Hoch dosiertes Lesedoping

Max greift zur letzten Chance… und geht den Weg zu einem spanischen Arzt. Das Versprechen, mit Eigenblut-Doping risikolos in einer ganz anderen Liga fahren zu können… all dies lässt Max Witt der Versuchung erliegen, ganz im Sumpf zu versinken. Bis die erste Dopingprobe ein positives Ergebnis zeigt und die einstige Legende auf einen Schlag von einem ganzen Land vom Thron gestürzt wird. Während der Texaner von Sieg zu Sieg fliegt.

„Ausreißversuch“ ist die Lebens- und Dopingbeichte des ersten deutschen Tour-Siegers Max Witt. Schonungslos geht er mit sich selbst, dem Sport im Besonderen, der Gesellschaft im Allgemeinen und Medien sowie Politikern ins Gericht. Von allen Seiten instrumentalisiert – mit Leistungsdruck konfrontiert und dann zu Boden gegangen, wie eine heiße Kartoffel, die man kollektiv fallen lässt. Max Witt – eine eindrucksvolle Abrechnung – mehr als ein Versuch.

Aber kommt uns das alles nicht bekannt vor? Sind nicht sogar die Beschreibungen des Profis Witt so nah am ehemals leuchtenden Vorbild, dass man nur Jan Ullrich vor Augen hat?

Und tauchen da nicht plötzlich all unsere ArmstrongsPantanis und Winokurows der Vergangenheit wieder auf, um in einer vermeintlich erfundenen Geschichte die größte Tour ihres Lebens für uns zu fahren? Genauso ist es. Schweikle hebt uns in den Sattel und schiebt uns an. Bekanntes verknüpft sich mit Fiktion. Da wir das Bekannte allerdings so lebendig vor Augen haben, gewinnt auch die Fiktion zunehmend an Authentizität.

Ausreißversuch - Blutzufuhr und Leistungsexplosion

Ausreißversuch – EPOchale Leistungsexplosion

So muss es gewesen sein… nur so kann es gewesen sein… Endlich blicken wir hinter die Kulissen eines großen Sportlers, der heute vor einem Scherbenhaufen seiner Vergangenheit steht. Max Witt ist Jan Ullrich… und umgekehrt. „Ausreißversuch“ ist die Beichte eines in die Enge getriebenen Vorbilds, das nur einen Weg sah… den nach vorne… koste es was es wolle.

Es sind Worte, die man gerne aus dem Munde von Jan Ullrich gehört hätte. Es ist ein Geständnis und eine Abrechnung mit einem Sportsystem innerhalb einer Leistungsgesellschaft. Jan Ullrich hat diese Worte nie gesagt und er wird sie nie sagen. Ebenso wenig wie der große Texaner oder der schnelle Kasache. Sie schweigen oder lügen gestehend weiter. Scheibchenweise klären sie auf ohne für Aufklärung zu sorgen. Niemals wird man einen Ausreißversuch einer solchen Größe erleben.

Johannes Schweikle kann diesen Roman nur aus Liebe zu diesem Sport geschrieben haben. Jede Etappe der Tour de France und jeder Radklassiker werden mit Tempo und Leidenschaft erzählt, als wäre er selbst im Pulk an der Spitze des Feldes. Schweikles Perspektivwechsel in das Innenleben von Max Witt hinein verschafft ihm die nötige Distanz, über alle Schattenseiten dieses Sports zu berichten. Und aus ebenjener Sicht heraus kann sich Johannes Schweikle etwas erlauben, was man den betrügenden Profis von damals garantiert lebenslang verwehren würde.

Lesedoping auf Rädern - Literatwo fährt im Hauptfeld

Lesedoping auf Rädern

Schweikle greift an. Kurz vor dem Ziel erhebt er sich aus dem Sattel, geht in einen mörderischen Wiegeschritt über und zieht mit fulminantem Spurt am Feld vorbei. Doch auf dem Zielstrich bleibt er stehen, steigt vom Rad und zeigt in die jubelnde Menge. Schweikles Attacke auf eine Gesellschaft, die vor Selbstbetrug und Doppelmoral nur so strotzt bleibt nicht ohne Spuren. Statt den strahlenden Sieger zu geben hält er uns den Spiegel unserer Erwartungshaltung vor. Und ganz nebenbei zeigt er Jan Ullrich, was die Wahrheit bewirken kann. Man muss nur den richtigen Weg finden, sich zu erklären.

Der zweite Platz ist Niederlage. Wir haben nur zugeschaut, weil Ullrich gewinnen sollte. So haben wir jedes Sportlerschicksal zum Phänomen erhoben. Ob Tennis, Schwimmen oder Biathlon. Die Quote hängt am Erfolg… den Hype machen die Medien und wir schließen uns an. Und wenn wir uns enttäuscht oder betrogen fühlen, dann fällt die heiße Kartoffel auf der größten möglichen Fallhöhe in die tiefen Abgründe einer Fremdschäm-Society.

Einer Doppelmoral-Gesellschaft, die aufgeputscht durch Koffein und moderne Drogen, gestylt von Schönheitschirurgen mit aufgespritzten Lippen, ein Bierchen im Glas und die Zigarette in der Hand, die Schlankmacher im Giftschrank und die Schlafmittel in der Tasche nach Betrug schreit, wenn jemand nur sich selbst betrügt. Ein Jan Ullrich hat keine Banken an die Wand gefahren. Sein Doping hatte keine Konsequenzen für uns. Sein Totalschaden ist sein eigener. Er hat sich nur selbst geschadet und muss sich selbst verantworten. Mir gegenüber ist er keine Rechenschaft schuldig.

Mit einem Klick zu Buchseite bei Klöpfer & Meyer

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Ich sehe ihn noch heute auf Lance Armstrong warten. Nach dessen Sturz. Fairness kommt nicht vom Doping. Doch diese Worte würde man ihm selbst nicht abkaufen. Sie würden ihn dafür in der Luft zerreißen. Johannes Schweikle bricht das Schweigen eines großen Sportlers, er bricht eine Lanze für Jan Ullrich und er bricht nicht ein… nicht kurz vor dem Ziel.

Da teilt er aus. Gebt diesem Autor das Gelbe Trikot für das beste Buch zur Tour de France. Es kann den Sport verändern.

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