Gleis 4 – Franz Hohler – Die Suche nach vergangener Wahrheit

Gleis 4 - Franz Hohler

Gleis 4 – Franz Hohler

Sie musste einfach mal raus. Eine kleine Reise würde ihr gut tun. Eine Operation lag hinter ihr, das Gewicht des Rollkoffers lastete schwer in ihrer Hand. Mit der S-Bahn zum Züricher Flughafen und von dort nach Stromboli. Es würde ihr einfach gut tun.

Gleis 4 - Franz Hohler

Gleis 4 – Franz Hohler

Gleis 4 – Bahnhof Oerlikon. Das würde kein Problem sein, wären da nur nicht die Treppen, die sie beschäftigten. Keine Rolltreppen und sie war in Eile. Da kam ihr das freundliche Angebot des fremden Mannes sehr gelegen. Warum nicht einfach dankend annehmen?

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Gleis 4 – Franz Hohler

Es war nett von dem gut gekleideten graumelierten Herrn mit dem gepflegten Bärtchen. Seine spontane Freundlichkeit war unwiderstehlich. Wie selbstverständlich nahm er den Koffer und wuchtete ihn die steile Treppe zu Gleis 4.

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Gleis 4 – Franz Hohler

Dankbar folgte sie ihm. Isabelle würde den Zug rechtzeitig erreichen und war dem fremden Mann sehr verbunden für seine selbstlose Hilfe. „Danke“ war das Letzte, was sie sagen konnte, bevor…

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… der Kopf des Mannes leicht nach vorne sank, der Körper in sich zusammenbrach, die Hände ihren Koffer und die eigene Ledermappe entgleiten ließen und der Fremde leblos neben ihr zu Boden ging. Den Mund weit geöffnet, die Augen geschlossen.

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Gleis 4 – Franz Hohler

Ein gehauchtes „Bitte…“ sein letztes Wort. Dann war es vorbei… ein Leben. Polizei, Sanitäter, Durcheinander, Verzweiflung, ein verpasster Zug und Schuldgefühle – der schwere Koffer, wenn sie nicht gewesen wäre. Isabelle erkannte vieles und konnte es kaum glauben. In all dem Chaos, dem Unfassbaren, spielt das Schicksal Isabelle das Vermächtnis des Fremden zu.

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Gleis 4 – Franz Hohler

Seine Mappe liegt auf ihrem Koffer… vergessen von der Polizei nimmt sie alles mit zu sich nach Hause… man kann es ja auch später noch abgeben. Als plötzlich ein Handy klingelt ahnt sie sofort, dass es ein Anruf für einen Toten ist. Ihr Griff in seine Mappe ist zaghaft und die Nachricht die sie vernimmt unglaublich. „Sagen sie Marcel, wir wollen ihn Morgen nicht sehen!“

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Gleis 4 – Franz Hohler

Als sie dann noch in einer Außentasche ihres Koffers einen Zettel findet, beginnt der Aufruhr in ihr. War sein letztes Wort vielleicht mehr als die Antwort auf ihr „Danke“? Brauchte er ihre Hilfe? Konnte sie dies achtlos verdrängen, war er doch wegen ihr gestorben. So dachte sie. Wer war der Mann? Was bedeuteten die Nachrichten? Hatte er Feinde? Konnte sie helfen? Oder musste sie es einfach?

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Gleis 4 – Franz Hohler

Marcel war sein Name… dachte sie… Die Polizei ist anderer Meinung. Sie hat im Hotel sein Handy und Dokumente gefunden. Martin Blancpain. Kanadier. Eindeutig. Seine Frau sei bereits unterwegs. Zwei Handys? Ein Anruf für Marcel? Ein Kanadier der deutsch mit schweizer Dialekt sprach? Nichts passte zusammen.

Isabell beschließt zu handeln. Auf eigene Faust – das ist sie Marcel oder Martin schuldig und gemeinsam mit dessen Frau versucht sie etwas schier Unmögliches. Sie möchte jemandem, der zeitlebens ein großes Geheimnis in sich trug helfen seine Würde zu bewahren. Wird es ihr gelingen? Und was erwartet die Frauen auf ihrer Reise in die Vergangenheit eines Toten.

Franz Hohler gelingt mit seinem neuen Roman „Gleis 4“ eine belletristische Meisterleistung. Aus einer schlichten Alltagssituation, die jedem seiner Leser an jedem Ort der Welt passieren kann entwickelt er eine Geschichte, die in ihrer tiefen Individualität überzeugt. Jeder Mensch ist Träger seiner eigenen Geschichte und nicht alles gibt man Preis. Oftmals aus gutem Grund.

Wenn der Kampf um die Unbescholtenheit der eigenen Identität verloren geht, dann geht die Vergangenheit verloren. Und doch ruft sie in stillen Nächten beharrlich und fordert Bewältigung. Der Ruf in Franz Hohlers Roman „Gleis 4“ aus dem Hause Luchterhand ist erst leise, dann schließlich unüberhörbar. Nur gut dass uns der Autor zu Hörenden seiner Botschaft macht.

Gleis 4 - Franz Hohler

Gleis 4 – Franz Hohler

Jeder von uns trägt bei schlechtem Wetter einen Regenschirm mit sich. Alltag – selbstverständlich. Doch wenn wir ihn öffnen wundern wir uns oft, wie groß seine Spannweite ist und wie häufig wir dann die Schirme anderer Menschen berühren, die vorher unnahbar waren. Franz Hohler reicht uns einen unscheinbaren Taschenschirm, doch als er ihn aufspannt erkennen wir ein Zelt, das von uns allen getragen wird.

Wir stehen niemals alleine im Regen… 

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