Die Geburt eines Protagonisten – Simon von Starkenburg

Eine Geburtsstunde - Was zu beachten ist...

Eine Geburtsstunde – Was zu beachten ist…

Ein bekannter Schriftsteller hat einmal gesagt, dass er seine Charaktere als ganz normales Personal betrachtet, um das er sich während des Schreibens so intensiv zu kümmern habe, wie ein Firmen-Inhaber um seine Angestellten. Zu verdienten Mitarbeitern habe er gutmütig zu sein und manchmal müsse er auch einfach hart durchgreifen. Seinen Protagonisten hat er dabei kein einseitiges Kündigungsrecht eingeräumt – so schien es mir, denn ansonsten wären die Bücher dieses Autors wohl menschenleer. Es ist wirklich hart, was einem erfundenen Charakter so alles zugemutet wird im Laufe eines kurzen Roman-Lebens, gleich welcher Stilrichtung.

Man schreibt ihn von einem Riesen-Schlamassel in den nächsten, lässt ihn unliebsame Dinge erledigen und stößt ihn in ein Leben voller Klischees, denen er zu entsprechen hat. Und dabei benötigt man genau diese Figur vielleicht nur für eine kleine Momentaufnahme in seinem Buch. Dabei erschafft man doch eigentlich wesentlich mehr. Es ist ein schöpferischer Akt voller Verantwortung und Kreativität. Ist man da nicht ein wenig wie ein Gott in seinem eigenen Universum? Dieser Frage möchte ich mich widmen.

Stellen wir uns nur vor, wir benötigten für einen historischen Roman zur Zeit der Kreuzzüge einen mürrischen, stets angetrunkenen Schergen im Habit der legendären Tempelritter, der unserer eigentlichen Hauptfigur – sagen wir, einem tapferen Königssohn aus Pisa – an einer bestimmten Stelle des Romans in einer dunklen Spelunke in Askalon einen hinterhältig geführten Schwertstreich verpasst und dieses kleine Gefecht nicht überlebt, damit der Roman einfach weiter erzählt werden kann. Stellen wir uns weiter vor, dies würde am Abend des 23. Septembers im Jahre 1278 geschehen und lassen wir der Einfachheit halber den eigentlichen Hauptdarsteller außer Acht.

Simon von Starkenburg betritt die Lesebühne

Simon von Starkenburg betritt die Lesebühne

Um jenen Schergen, nennen wir ihn Simon von Starkenburg, nun auftreten zu lassen, benötigen wir nicht nur reine Äußerlichkeiten, sondern eine ebenso komplexe individuelle Vita, die in ihrer Plausibilität den Roman nicht zum Stocken bringt. Und über jene Lebenslinie hinaus legen wir uns nun auch noch einen greifbaren Grund für seine grobschlächtige Abtrünnigkeit zurecht. Schon wird es kompliziert. Haben wir ihm nämlich einmal einen Templer-Harnisch übergestreift und verwickeln ihn dann in einen Überfall auf unseren christlichen Helden, dann – ja dann ist mächtig etwas schief gelaufen in Simons Leben.

Um dies zu konstruieren, lassen wir in unseren Gedanken jenen Simon am 12. April anno domini 1215 in einem kleinen Dorf im Badischen als Sohn eines ehrenwerten, aber sinnlos verschuldeten Ritters und seiner stolzen, aber mittellosen Gemahlin das Licht der Welt erblicken. Über seine eisenharte Kindheit mit den traumatischen Erlebnissen eines kleinen Jungen, der in jeder freien Sekunde zum Kampf mit Holzschwert und Lanze gezwungen wird, decken wir den alles umhüllenden Mantel des Schweigens. Auch seine erste und vergebliche Liebe denken wir in uns hinein, da sie seinen Weg zwar beeinflusst, aber in einem Kreuzzugs-Epos eher zu vernachlässigen ist.

Simons Vater bleibt in Ermangelung eigener Geldmittel keine andere Möglichkeit, als seinen Sohn einem ritterlichen Orden anheim zu stellen und schon trägt unser junger Ritter das mystische Gewand der Tempelritter, die nichts besseres im Sinn haben, als ihn im Jahre 1275 ins Heilige Land zu entsenden. Bereits im ersten Gefecht Seite an Seite mit dem oben genannten Prinzen von Pisa, der nichts – aber auch gar nichts – vom Templer-Orden hält, wird Simon von seinen Kameraden getrennt und sieht sich gezwungen zu fliehen. Dabei zu beobachten, wie sich der Prinz nach dem Gefecht einträchtig und unverletzt mit dem Feind berät, verwirrt ihn mehr als die Niederlage.

Das literarische Schicksal ist unbarmherzig...

Das literarische Schicksal ist unbarmherzig…

Feigheit wirft man Simon vor und spricht ihm die Ritterwürde ab. Ankläger und Richter zugleich ist jener Prinz aus dem fernen Italien, den Simon alsbald abgrundtief zu hassen beginnt. Als Eseltreiber und einfacher Handlanger darf er sich fortan in der Festung der Templer im frisch eroberten Askalon verdingen. Sein Leben ist gescheitert und seiner Würde beraubt schleppt er sich in seinem einfachen Templermantel in den Abendstunden von Schänke zu Schänke, wo er nun im Jahr des Herrn 1278 des Prinzen ansichtig wird. Und dieser hat nur einen Satz für Simon übrig: „Zum Trinken reicht der Mut allemal – nur fällt das Weglaufen ziemlich schwer!“

Rache. Nur dieser Gedanke treibt ihn um, als er sich – angetrunken und tobsüchtig – dem Thronfolger in heimtückischer Absicht nähert und ihn von hinten attackiert. Ein Prinz wäre allerdings kein Prinz, wenn er diesen Angriff nicht geahnt hätte. Er pariert ihn mit einer tödlichen Finte und so endet Simons Weg durch die Welt der Kreuzzüge mit dem einzigen Wort, das ihm im Roman gestattet wird: „Verräter…!“ Ein Ruf der nicht ohne Zeugen bleibt.

Dies alles muss der geneigte Leser des Romans natürlich nur in Ansätzen wissen, dient der ruchlose Angriff doch lediglich der Ausgestaltung eines Cliffhangers zwischen zwei etwas träge dahinfließenden Kapiteln. Dafür all der geistige Aufwand und dafür all die Mühen mit Simon von Starkenburg und seinem kurzen Leben sowie dem sinnlosen Sterben in der Hitze des Heiligen Landes. Einzig für das legendäre Wort „Verräter…“ und das Aufklatschen eines Körpers auf dem staubigen Boden einer Spelunke in Askalon wurde er benötigt.

Damit hätte man dann zumindest einen kleinen Charakter auf die Welt gebracht und ihn mit einer ganz eigenen Geschichte ausgestattet, die sich dem Leser des Romans nur in ganz kleinen Teilen erschließt. Und wir stellen sehr schnell fest, dass allein dieser kleine Ritter schon die kreative Energie eines halben Romans verschlingt, um ihn zur richtigen Zeit am richtigen Ort das Richtige tun zu lassen. Zumindest aus Autorensicht.

Was der Leser jedoch niemals erfahren wird ist die Kette der Ereignisse, die sich im sogenannten „off“ vollziehen und im eigentlichen historischen Roman keine wirkliche Rolle mehr spielen. Sie gehören aber zweifelsfrei in den Verantwortungsbereich eines Schriftstellers, der weiterdenken muss, als sein Buch.

Es ist der einsame Reiter, der am Markttag durch die Tore einer badischen Burg reitet. Im Gepäck einen weißen Mantel der Tempelritter und einen fast unversehrten Helm. Es ist ein alter Mann vor dem wärmenden Kamin seines Gemachs, der die geschnürte Schriftrolle des Templers aus dem fernen Askalon entgegennimmt und verharrt. Es ist der Text einer Nachricht, der vom Verrat eines Prinzen berichtet und von einem aufrechten jungen Templer, dessen Mut es zu verdanken ist, dass sich Askalon noch in der Hand der Kreuzfahrer befindet. Es ist der entsetzte Schrei einer Mutter, die den Mantel des gefallenen Sohnes in dessen kleine Kammer bringt.

Es sind die alten Holzschwerter und Spielzeuglanzen einer Jugend, die nun im Einklang mit dem Waffenrock eines gewissen Simon von Starkenburg von einem Leben zeugen, das nur zur Randnotiz in einer großen Geschichte taugte.

Und es ist eine einsam liebende, nie erwähnte junge Maid, die sich für ebenjenen Simon und sich selbst eine eigene Geschichte gewünscht hätte, die nun allerdings niemals erzählt wird… Literarisches Schicksal…

Alles was bleibt

Alles was bleibt

Autoren sollten sich der Verantwortung stets bewusst sein, die mit der Schöpfung eines Charakters verbunden ist. Leser sollten es zu schätzen wissen, wenn sie genau dies fühlen. Und Simon von Starkenburg sollte mir dieses Gedankenspiel verzeihen.

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