„Himmelsfern“ von Jennifer Benkau – Eine Lesereise-Reportage (Teil 1)

Himmelsfern - Jennifer Benkau - Eine Reportage

Himmelsfern – Jennifer Benkau – Eine Reportage

Es gibt Geschichten, die eigentlich sehr schnell erzählt sind. Es gibt Erzählungen in der großen Tradition mündlicher Überlieferungen, die man in entspannter Atmosphäre am Lagerfeuer weitergeben möchte. Diese Geschichten zeichnen sich durch eine faszinierende Grundidee und eine Handlungsstruktur aus, die sich im Gedächtnis des Lesers einnistet und ihn auf allen Ebenen fesselt. Es sind dies die wahrhaft großen Geschichten – nicht viele sind dazu geeignet.

Dabei sind sie nicht leicht erzählt. Nicht leichten Herzens verfasst, aber umso mehr spürt man bei jedem Wort die unsichtbare Energie, die einen geschlossenen Kokon um das Erzählte webt, ein Vakuum erzeugt und eine Idee transportiert. In diesem alltagsfreien Raum lässt es sich leben, leiden, fliegen und fühlen… Herzensnah sind uns solche großen Bücher – und selten.

Himmelsfern“ ist uns mehr als herzensnah! Näher als es uns manchmal lieb sein konnte, denn dieser gerade erst erschienene Roman der deutschen Erfolgsautorin Jennifer Benkau bringt alle Saiten zum Schwingen, berührt alle Ebenen und lässt uns alle tief tauchen, atemlos verweilen und gebannt mitfiebern… und lässt uns weinen – vor Schmerz, vor Freude und vor lauter überschäumender emotionaler Spannung.

Himmelsfern - Jennifer Benkau - Ein herzensnahes Buch

Himmelsfern – Jennifer Benkau – Ein herzensnahes Buch

Himmelsfern ist für uns DER große Roman über Hoffnungslosigkeit unmöglich scheinender Liebe. Ein Thema, an dem sich viele Schriftsteller versucht haben. Einige haben sich verhoben, einige sind nie in die wahre Tiefe vorgedrungen. Jennifer Benkau jedoch erweist sich als große Romantikerin, die es versteht ein Buch für jedes Alter und Geschlecht zu schreiben, weil sie diesen Leitgedanken so plausibel transportiert, als wäre ihr das alles selbst geschehen.

Noa`s geregeltes Leben verändert sich schlagartig. Von einer Sekunde auf die andere. Ein schlechtes Gefühl beim Betreten einer S-Bahn, eine seltsam warnende Stimme „Steig nicht ein“ und ein schrecklicher Unfall bringen die Welt des jungen Mädchens aus dem Gleichgewicht. Sie überlebt, aber es scheint ihr nicht auf puren Zufällen zu beruhen. Schicksal? Fügung? Fragen, die sie nicht alleine beantworten kann.

Sie begibt sich auf die Suche ihres Lebens. Jagt dem Mann hinterher, der sich schützend über sie warf, als der Zug entgleiste und hört in sich hinein, wessen Stimme sie vor dem Unfall gewarnt haben könnte. Schritt für Schritt wird sie fündig und Zug um Zug begibt sie sich tiefer hinein in den Strudel von Ereignissen, deren Ursachen für sie eigentlich ins Reich der Fantasie gehören.

Himmelsfern - Jennifer Benkau - Fixsterne im Lebensuniversum

Himmelsfern – Jennifer Benkau – Fixsterne im Lebensuniversum

Als sie ihrem Retter gegenüber steht, beginnt ihre eigentliche Geschichte. Denn bevor sie sich bedanken kann wird sie entführt und in einen Konflikt hineingezogen, der so alt zu sein scheint wie die Menschheit selbst. Marlon heißt ihr Entführer und obwohl Noa sich in der Opferrolle wähnt, empfindet sie doch bald mehr als bloße Sympathie für den mysteriösen jungen Mann, den ein tiefes Geheimnis zu umgeben scheint. Und doch wird er zum Fixstern in ihrem Universum.

Noa und Marlon finden ihren Weg zueinander, indem sie sich öffnen… ihre Ängste und Hoffnungen offenbaren und einander am Leben des anderen teilhaben lassen. Und doch bleiben Zweifel. Kann Marlons Geschichte stimmen? Ist es wahr, was er Noa erzählt? Die Unmöglichkeit der Liebe steht wie eine unsichtbare Wand zwischen ihnen, denn Marlon bleibt nicht mehr viel Zeit.

Tage, vielleicht wenige Wochen trennen ihn von einem Schritt, der eigentlich nur in den alten Legenden möglich scheint. Marlon ist ein Mensch auf Zeit und er wird sich verwandeln. Seine Tage auf Erden sind abgelaufen und es gibt nur eine Möglichkeit für ihn, jemals an eine Rückkehr zu denken. Die wahre Liebe, die ihm etwas schenkt, über das er nach seiner Metamorphose nicht mehr verfügt: Erinnerung.

Himmelsfern - Jennifer Benkau - Träume

Himmelsfern – Jennifer Benkau – Träume

Mystisches und Reales vermischen sich zu einer unfassbar dichten Geschichte, in der Noa zum Rettungsanker selbstloser Gefühle wird und gegen alle Zweifel aus ihrem Umfeld das Bekenntnis für ihre wahre und einzige Liebe abgeben muss. Sie will Marlon nicht verlieren – sie kann sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen… zu nah sind sie sich gekommen… zu groß ist all ihr Gefühl. Sie sind füreinander bestimmt und große Worte verbinden sie gegen jede Vernunft.

Und doch ist Marlons drohende Verwandlung in eine Harpyie, jenes uralte vogelähnliche Fabelwesen, nicht das einzige Hindernis auf ihrem Weg. Jäger sind auf der Suche nach ihm und seinen Freunden. Jäger, die seit jeher diese Verwandlung unterbinden wollen. Jedes Mittel ist ihnen dabei recht – eine generationsübergreifende Verfolgungsjagd setzt sich fort. Ihr Ausgang scheint klar. Die Verlierer stehen von vornherein fest. Denkt man… so war es schon so oft…

Und selbst wenn Marlon nicht gefasst werden sollte, steht ihm eine Metamorphose bevor, die ihm jegliches menschliche Gefühl und Erinnern raubt. Wird es Noa gelingen, ihn vor den Jägern zu retten, um ihn dann zu verlieren und dann, am Ende aller Tage, auf den Ebenen von Liebe, Vertrauen und Erinnerung zurückzugewinnen? Die Chance ist gering. Die Hoffnung allerdings gewaltig!

Himmelsfern - Jennifer Benkau - Wir waren unterwegs

Himmelsfern – Jennifer Benkau – Wir waren unterwegs

Jennifer Benkau fühlt und leidet vor. Sie sprintet uns mit ihren Worten in einen atemlosen Lesezustand und erlöst uns mit den romantischsten Momenten der ungestörten hoffnungsvollen Zweisamkeit. Und doch hütet sie den Zweifel am Ausgang ihrer Erzählung wie ein großes Geheimnis. Sie hütet ihn bis zuletzt… bis an jenem Strand… und unserem Bild von einer wartenden Frau… Es ist ein Bild, das uns noch heute sprachlos macht.

Wir sind Himmelsfern gefolgt, wie ihr den Bildern entnehmen könnt. Wir sind mit mulmigem Gefühl in die S-Bahn gestiegen und haben die letzten Zeilen an einem Strand gelesen. Keine unserer Reisen war derart emotional… kein Weg war zu weit und kein Gefühl zu groß für uns. Jennifer Benkau hat mit „Himmelsfern“ eine schwarze Feder an den literarischen Himmel gezeichnet, die uns für alle Zeiten an eine romantische Geschichte erinnern wird.

Und da wir uns erinnern, trotzdem uns die Geschichte verwandelt hat, sind wir heute wieder hier. Jennifer selbst hat uns aus dem Strudel ihres Romans befreit. Sie war Verheißung und Erfüllung zugleich. An dieses Buch wird man sich lange erinnern. Ein würdiger Nachfolger von Dark Canopy und Dark Destiny… ein Buch der ganz großen Gefühle.

Himmelsfern - Unsere Reise ging in St. Alban weiter

Himmelsfern – Unsere Reise ging in St. Alban weiter

An dieser Stelle darf es nicht überraschen, dass unsere Reise zu „Himmelsfern“ noch lange nicht zu Ende ist. Im zweiten Teil unserer Reportage entführen wir euch zu einem magischen Leseabend vor Jugendlichen des Kinderheims St. Alban am Ammersee, die sich über die live via Telefon zugeschaltete Himmelsfern-Autorin mehr als gefreut haben.

Von dort führt unser Weg fast direkt zur Buchmesse nach Frankfurt und unserem Exklusivinterview mit Jennifer Benkau und wir lüften das Geheimnis, warum man das EBook-Shorty Himmelsnah unbedingt gelesen haben muss. Wenn uns etwas am Herzen liegt, dann dauern unsere Reisen lebenslang… und sie sind federleicht!

Kommt ihr mit?

Himmelsfern und Himmelsnah... hier geht die Reise bald weiter

Himmelsfern und Himmelsnah… hier geht die Reise bald weiter

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„Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wenn ich den Begriff „Lustkauf“ bezogen auf literarische Werke definieren müsste, dann bliebe mir nichts anderes übrig, als all die Faktoren zu nennen, die mich angesichts eines mir bisher unbekannten Werkes in ihren Bann ziehen könnten:

  • die einzigartige Aufmachung
  • der verlockende Titel
  • der neugierig machende Klappentext und
  • die magische Ausstrahlung, die ein Buch besitzen kann.

All dies verleitete mich dazu, mich tief in einen solchen Lustkauf zu stürzen und in die tiefen Abgründe der Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ einzutreten.

Haruki Murakami ist wohl als Hauptschuldiger zu bezeichnen. Die Illustrationen des genialen Künstlers Kat Menschik tragen erhebliche Mitschuld und die optische und haptische Gestaltung der kleinen aber feinen Erzählung durch den DuMont Buchverlag setzen dem Ganzen das literarische Sahnehäubchen auf.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Eigentlich ein ganz kleines Büchlein, das in nicht mal einer halben Stunde gelesen sein kann und wohl auch soll…. Eigentlich nur 63 Seiten umfassend und dann auch noch so reichhaltig bebildert, dass nicht mehr als 30 Seiten Text zu verinnerlichen sind… Eigentlich recht wenig für den stolzen Preis von knapp 15 Euro.

Und doch sticht das Buch aus der Masse heraus. Als Kleinod in dunklem Gewand fällt es dem Betrachter sofort ins geneigte Auge. Der magisch anmutende Blick eines Jungen zieht den potentiellen Käufer in seinen Bann, der klangvolle Autorenname Haruki Murakami lässt aufhorchen und der Titel Die unheimliche Bibliothek rundet den brillanten ersten Eindruck als Buchkunstwerk nur allzu deutlich ab.

Murakami-Kenner fühlen sich sofort erinnert an „Kafka am Strand“, in dessen fantastisch anmutendem Mittelpunkt eine alte Bibliothek steht. Das erste flüchtige Durchblättern entwickelt seine eigene Wirkung… ein Schafsmensch blickt uns traurig an und auch hier schwingen die murakamischen Erinnerungen auf und lassen an seinen „Tanz mit dem Schafsmann“ denken… Der Klappentext ergänzt den aufkommenden Sog und erzählt in kurzen Worten von einem stummen Mädchen, mit dem man sich anscheinend blendend unterhalten kann.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Bilder beginnen sich zu verselbständigen und man hat das beharrliche Gefühl, ein Gesamtkunstwerk aus der Feder des wohl derzeit bekanntesten japanischen Kultautors in den Händen halten zu dürfen. Der Weg zur Kasse fällt leicht und der Sturz in die Tiefe der Handlung beginnt bereits mit dem Lesen der ersten Zeilen.

Eigentlich möchte unser namenloser junger Protagonist nur zwei Bücher abgeben. Und eigentlich ist er nur auf der Suche nach neuen Werken, als er die Bibliothek betritt. Doch unvermittelt befindet er sich in den tiefen Gängen eines Labyrinths unterhalb des sichtbaren Büchergebäudes wieder und führt fortan das Leben eines Gefangenen. Und der alte Bibliothekar fungiert als dunkler Kerkermeister.

Eingekerkert bei Wasser und Brot scheint es keinen Ausweg zu geben, fänden sich nicht zwei surreal anmutende Gestalten, ein geheimnisvoller Schafsmann und ein ebenso mysteriöses wie stummes, hübsches Mädchen, die ihm helfen wollen. Doch der dunkle Bibliothekar scheint immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Und doch ist es gerade das stumme Mädchen, das in den dunkelsten Stunden im dunklen Verlies die Hoffnung auf Rettung am Leben hält. Sie allein scheint Anker und Schlüssel zu sein… in ihr liegt, beginnt und endet alles für den jungen Gefangenen. In ihr endet sogar die Angst.

„Ihr Kuss hatte mich völlig verwirrt und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zugleich hatte sich meine Angst in eine Angst verwandelt, die eigentlich gar keine Angst mehr war. Jedenfalls war diese angstlose Angst letztendlich gar keine große Sache mehr.“

Aber würde dies ausreichen, um den Weg zurück ins Leben und die Freiheit wiederzufinden? Und wie hoch wäre der Preis für die Flucht… wenn sie denn wirklich gelänge, und nicht in der untergehenden Hoffnung, der sich immer weiter verzweigenden Irrwege unter der unheimlichen Bibliothek, zu scheitern drohte?

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wenn man Murakami schätzt und liebt, dann weiß man, worauf man sich einlässt. Reale Ebenen vermischen sich mit surrealen Bildern zu metaphorisch kafkaesken Welten, in denen man seine eigenen Bilder finden muss. Die Deutungshoheit liegt beim Autor allein. Wer eine gerade und klar erzählte Geschichte erwartet, der wird sich im Labyrinth verlaufen. Rettungslos, daran ändern auch die atmosphärisch meisterhaften Illustrationen nichts.

Liebevoll Suchende mit Hang zur eigenen Interpretationsfreiheit werden eine Welt entdecken, die sich langsam erschließt und doch wird man den Eindruck nicht los, dass hier die Vorstellung von einem „Kunstwerk“ zumindest einen Teil des Kompositums deutlich in den Hintergrund drängt. Die Kunst steht über dem Werk, da der reine Text des großen Japaners an vielen Stellen zusammenhanglos und flach erscheint.

Fans vom Murakami werden seine Anspielungen auf ältere Werke genießen und die kleine Erzählung vehement gegen jegliche Kritik verteidigen. Erstleser von Murakami werden sich anschließend sehr gut überlegen, ob sie sich dem Autor auch für eine umfangreiche Geschichte anvertrauen würden.

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wertvoll auf vielen Ebenen – Illustration © Kat Menschik

Ich persönlich habe mich im Labyrinth des Textes verlaufen und konnte mich nicht so gut mit dem stummen Mädchen unterhalten. Sie hatte mir nicht immer viel zu sagen, war mir zu abstrakt und ich gehöre zweifellos zu den Lesern, die eher das Greifbare suchen. Murakami neigt dazu, seine Leser in Verwirrung zu versetzen und seine unvermuteten Wendungen sind verstörend und betörend zugleich.

Dies ist kein Stab, den ich über diesem Buch breche – es ist vielmehr eine aufrichtig gebrochene Lanze, die ein wenig helfen soll, sich zu verlieben und sein Gefangener zu werden, oder eben vor einer unglücklichen Liebe zu fliehen.

Ein kleines wertvolles Buch… nichts für jeden Geschmack; für Liebhaber Murakamis jedoch wohl ein absolutes „MUSS“. Der Junge im Buch hütet seine Bücher wie Schafe und „Die unheimliche Bibliothek“ passt in sehr viele gediegene Bücherherden hinein…

In meinem Lebensbuchregal ist das Schäfchen allerdings ebenso schwarz, wie das Buch selbst.

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„St. Alban & Mr. Rail“ – Eine Lesenacht im Kinderheim…

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Kinderheim St. Alban – Ein Leseabend mit Literatwo

Friedlich legt sich der Tag zur Ruhe über dem idyllisch gelegenen Ammersee. Tief im Herzen Bayerns suchen bunte Segelschiffe und freundliche Menschen ihre Liegeplätze auf, freuen sich auf ein ruhiges und entspanntes Wochenende und genießen das Gefühl, im stillen Hafen zu liegen. Seelen baumeln lassen… ein friedliches Bild.

Und doch ist es irgendwo am Ufer des Ammersees ein wenig anders heute Abend. Hier wird nicht gebaumelt, hier wird nicht im ruhigen Wasser des Sees gedümpelt… hier findet sie tatsächlich statt. Die erste Literatwo-Lesenacht im Kinderheim der Benediktinerinnen von St. Alban. Und glaubt uns, eine solche Lesenacht hat mehr mit Drachen, wilden Kämpfen, glorreichen Helden, geheimnisvollen Geistern und schwarzen Raben zu tun, als euch lieb sein kann.

Es wird mehr als spannend und gefühlvoll… es wird gruselig und romantisch… es wird genauso, wie unsere Herzensbücher eben sind. Großes Kopfkino für Jung und Alt – ein Abend im Kreise toller Menschen umgeben von ebenso tollen Büchern. Wenn ihr in Richtung Süden schaut, dann könnt ihr ganz bestimmt die Fantasie-Ideen-Wolken erkennen, die sich über dem See zu einem leuchtenden kleinen Zeichen einer Gemeinschaft formen, die nur eins im Sinn hat…:

Den Geist in das Land der Fantasie entführen zu lassen… Könnt ihr uns sehen?

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Literatwo und die Benediktiner… eine schöne Verbindung…

Das Kinderheim St. Alban ist eine sozialpädagogische Einrichtung in Trägerschaft der in Dießen ansässigen Benediktinerinnen. (Ganz nebenbei… unsere Leser wissen, dass unsere Medaillons ebenfalls von jenem Orden stammen und uns sehr viel bedeuten). In mehreren Wohneinheiten leben dort Kinder unterschiedlichen Alters und Geschlechts zusammen, deren soziales Umfeld eine vorübergehende oder dauerhafte Heimerziehung erforderlich macht.

Ich habe die Kids bei einem ersten „Anschnuppern“ kennenlernen dürfen und ich kann nur immer wieder betonen, wie fasziniert ich von dieser literarischen „Heuschreckenplage“ am Ammersee war und bin. Hier wird gelesen, was das Zeug hält und wir Literatwos haben uns schnell dazu entschlossen, eine Vielzahl unserer Leseexemplare aus dem Kinder- und Jugendbuchbereich dort anzusiedeln. Glaubt uns… sie fühlen sich dort wohl… mehr als das.

Peggy Steike, die mit uns befreundete Kunstmalerin (ihr kennt sie von mehreren gemeinsamen Projekten: Spiegelkind und Malerin gegen das Vergessen) hat uns inspiriert und die Tür ins Kinderheim geöffnet. Auch sie engagiert sich dort und nun haben ihre Bilder mit „unseren“ Büchern tiefe Freundschaft geschlossen. Und das Bindeglied ist eine Frau von Herz, Humor und großer Krimileidenschaft. Schwester Anna betreut, erzieht, spielt und ist da – und das mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt. Davor ziehen wir unseren Hut.

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Lachen helfen – kein Problem mit diesen Bären an Bord

So entstand sehr schnell die Idee zu einer kleinen Lesenacht am Seeufer. Heute ist die Premiere und wir denken, dass wir hier mit etwas Zukunftsfähigem beginnen. Es ist ein Anfang… ein erster Tag des Buches… gemeinsam in St. Alban.

Wir haben sehr herzlich zu danken. Denn seitdem wir zaghaft von diesem Kinderheim erzählen erreicht uns eine Welle der Unterstützung, die uns sprachlos macht. Isabell Lehmann von Lachen helfen (auch sie kennt ihr vom Welttag des Buches) ist immer noch der Meinung, dass da wo Drachen sind auch Bären leben müssen und so freuen sich heute Abend einige der Kleinsten über ein Herzensgeschenk, das vor Vergnügen nur so brummen wird 😉 Wir danken aufrichtig!

Das Gleiche gilt für „unsere“ Verlage, die allein für den ersten Leseabend eine so schöne Auswahl an geeigneter Literatur zur Verfügung gestellt haben, dass es wirklich ein Vergnügen sein wird, den Kindern und Jugendlichen diese besonderen Werke vorzustellen und gemeinsam zu lesen.

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Unser Dank an so viele Verlage….

Wie läuft das ab am heutigen Abend? Diese Frage erreicht uns oft in den letzten Tagen. Wir beginnen mit den „Kleinen“ im Lesealter ab sechs Jahren und sie werden Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi in ihr Herz schließen. Ein unheimlich schönes Märchen über den Wert der Freundschaft, das Finden des eigenen Weges und die Tatsache, dass die Kleinsten oftmals auch die Schlausten sind.

Vorlesen ist angesagt und meine Stimme ist bereits gut geölt… drachentauglich und hasenschnell… Wird das ein Spaß…

Die „Großen“ ab zwölf Jahren werden danach das Vergnügen haben, mit Jonathan Strouds Agentur „Lockwood & Co.“ auf Geisterjagd zu gehen und in die Hintergründe zu unserem Interview einzusteigen. Fragen rund ums Buch werden aufgeworfen und wir haben da natürlich einiges zu erzählen. Zum Vorlesen und Diskutieren haben wir uns „Himmelsfern“ von Jennifer Benkau ausgewählt.

Spannend und emotional soll es sein. Gefühlig, romantisch und mit Action. Glaubt uns… dieses Buch bietet alles, was hier auf der Liste steht. Und wir werden Sterne dabeihaben. Sterne, die im Buch die Frage aufwerfen, ob alles vom Schicksal bestimmt ist, oder ob Lebenswege auch anders aussehen können. Sind die Wege von einem Fixstern zum nächsten gerade oder verworren… und haben wir sie selbst im Griff…?

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Lockwood & Co. und Himmelsfern – Eine Lesenacht

Darüber wollen wir reden… uns austauschen und auch unsere Lebenswege in den Raum werfen. Ach ja… apropos Raum werfen! Eine Liveschaltung zu Bianca nach Dresden ist fester Bestandteil des Himmelsfern Themas, denn wenn es um Fixsterne geht, dann darf sie nicht fehlen.

Gemeinsam wollen wir erzählen, wie schön es ist, gleichzeitig im gleichen Buch zu versinken und wahnsinnig tiefe Gespräche darüber führen zu können. Himmelsnah wird Dresden heute an den Ammersee heranrücken. Das Raum-Zeit-Kontinuum bleibt gewahrt und gemeinsam geht es auch in diesen Leseabend.

Und – unfassbar toll für uns – auch Jennifer Benkau hat eine große Überraschung für uns… Sie wird auch dabei sein… live zugeschaltet und im Dialog mit ihren Lesern erleben, wie es so zugehen wird in St. Alban.  Kann das Bücherleben schöner sein?

Jetzt geht es bald los. Wir melden uns aus St. Alban und werden berichten. Aber vorher danken wir auch unseren Lesern. Unzählige Fragen haben uns erreicht und viel Unterstützung wurde uns selbstlos angeboten… Es ist warm bei uns. Wir kennen viele von euch persönlich – einige jedoch nur vom Schreiben, aber das was wir gerade fühlen und zu spüren bekommen ist eine Wärme, die wir im Internet nicht für möglich gehalten hätten.

Und nun los ihr Drachen, Harpyien und ihr wundervollen Mädchen, strahlenden Helden, Hasen und Bären, Geister und Agenten… Vorhang auf… es „literatwot“ in den Hallen von St. Alban.

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Der eiserne Wald – eine ökologische Dystopie von Chris Howard

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Stellt euch eine Zukunft ohne Bäume vor. Ganz einfach… schließt die Augen und stellt euch vor, sie seien nicht mehr da. Und nicht nur die Bäume… auch die meisten Gewächse und Tiere fehlen in dem Bild, das sich für euch entwickelt.

Stellt euch vor, ihr würdet in einer solchen Welt leben. Am Ende einer ökologischen Katastrophe, nach der großen Dunkelheit und ihr könntet euch an Wälder kaum noch erinnern. Nichts wächst mehr auf Erden. Nichts spendet Schatten – nirgendwo hört man das Rascheln von Blättern. Vergangen. Stellt euch vor, dass mit den Bäumen auch die Bücher verschwanden. Kein Papier mehr. Nichts mehr woraus man lernen könnte… nur noch Legenden und Erzählungen.

Nur noch Mais gibt es… fast grenzenlos, aber im Besitz eines einzigen Unternehmens, das ihn genetisch manipuliert hat und nun zum Monopolisten der Welternährung geworden ist. Und Heuschrecken gibt es, für die der Mais jedoch ungenießbar ist. Stellt euch vor, wovon die riesigen Schwärme sich inzwischen ernähren… Oder stellt es euch besser nicht vor…

In dieser Welt lebt Banyan und seine Begabung hilft ihm, die Erinnerung an die Vergangenheit am Leben zu halten. Sein Vater hatte ihm einst alles beigebracht – damals, bevor er spurlos verschwand. Nun zieht Banyan als „Baummeister“ durch die Lande und lässt „Eiserne Wälder“ entstehen. Bäume aus Schrott, Waldboden aus Gummi und Gewächse aller Art aus Abfall.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Seine Kunst spendet Schatten und Trost… zumindest denjenigen, die sich ein solches Kunstwerk leisten können. Nur Banyan selbst empfindet keinen Trost. Er kämpft mit seinen Mitteln gegen die Sehnsucht nach dem Verlorenen an und versucht in der Trostlosigkeit der Welt, seine kleinen Spuren zu hinterlassen. Sein Vater wäre stolz auf ihn.

Der Baummeister ist der Schöpfer der künstlichen Wälder und doch würde er so gerne nur einmal in seinem Leben einen richtigen Baum sehen… aber das ist Illusion, dessen ist er sich sicher. Gerade hat er damit begonnen für seinen Auftraggeber einen Wald entstehen zu lassen. Einen eisernen Wald, der sogar den Wechsel der Jahreszeiten sichtbar macht – einen Wald der in seiner Künstlichkeit wundervoll und erschreckend zugleich ist.

Seine Träume hat Banyan schon lange verloren – an Trugbildern findet er keinen Halt. Die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Also hämmert und schmiedet er bis tief in die Nacht, um das entstehen zu lassen, was verloren ist. Die Welt ist trist geworden. Wäre da nicht sein Auftraggeber Frost mit einem seltsamen Wunsch. Einen Baum soll Banyan nach einer Vorlage konstruieren – einer mehr als ungewöhnlichen Skizze.

Das Bild dieses Baumes ist Frosts Frau auf den Körper tätowiert. In allen Einzelheiten, Blatt für Blatt, Ast für Ast. Ein Wunder von einem Baum so detailliert, dass Banyan nur verwundert staunt.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

„So etwas hatte ich noch nie gesehen. Sie war so hübsch, dass ich zweifellos allein damit schon überfordert war. Aber es war der Baum, der mir den Atem raubte. Aus ihrer rechten Hüfte sprossen die Wurzeln, über den Bauch zog sich ein weißer Stamm und die Äste verzweigten sich bis ganz nach oben.“

Dieser Moment teilt sein Denken in ein Davor und das Danach, denn nicht nur die geheimnisvolle Frau mit dem eintätowierten Baum tritt in sein Leben. Ihre Tochter Zee freundet sich mit Banyan an, bewundert sein Talent und verrät ein Geheimnis, das ihn fast aus der Bahn wirft. Es gibt richtige Bäume – es gibt ein Vorbild für das Tattoo – es gibt einen geheimen Platz auf Erden, an dem der größte Traum des Baummeister die Blätter in den Wind wachsen lässt.

Seinem Unglauben begegnet sie mit einem unfassbaren Beweis, der Banyan die Tränen der Sehnsucht in die Augen treibt. Zee schenkt ihm ein Foto dieser Bäume. Kein altes Bild… nein es muss aktuell sein, denn auf dem Bild erkennt man einen Mann, der an einen der Bäume gefesselt auf dem Boden sitzt. Das Foto kann nicht alt sein… Banyan erkennt seinen Vater… gefangen an seinem größten Traum.

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Hier beginnt Banynas Reise und wir folgen ihm auf seiner wilden Suche nach der Wahrheit und dem Ursprung allen Lebens. Wir sind nicht allein. Die kleine Zee und ihre Mutter begleiten uns. Und es schließen sich ihnen weitere Suchende an. Der Weg führt durch ein verstörtes Land voller Gefahren. Heuschrecken werfen sich ihnen entgegen, Agenten des Mais-Konzerns folgen ihrer Spur und alles scheint verloren, als sie von rebellierenden Piraten gefasst werden.

Wird es Banyan gelingen, den Ort zu erreichen, der für ihn so viel bedeutet? Kann er seinen Vater retten und dabei das große Geheimnis um die wirklichen Wälder lösen. Was steckt wohl dahinter? Was, wenn die Wahrheit schrecklicher ist als jede Vermutung? Uns bleibt keine Wahl. Lesend ziehen wir unsere Staubbrillen an und folgen der kleinen Gruppe auf ihrem gefährlichen Streifzug. Überall lauern Fallen, doch im größten Risiko scheint die Wende zum Guten zu liegen…

Alpha ist ihr Name… Piratin ist sie aus Berufung und der gefangene Baummeister weckt mehr als ihr Interesse… Und dies beruht auf völliger Gegenseitigkeit:

„Der ganze Sinn meines Lebens schien darin zu bestehen, dieses Mädchen zu küssen.“

Der eiserne Wald - Chris Howard

Der eiserne Wald – Chris Howard

Chris Howard gelingt mit seinem Trilogie-Auftakt „Der eiserne Wald (Knaur) der fulminante Einstieg in eine ökologische Dystopie der Extraklasse. Das Szenario allein ist schon erschreckend genug, die Erkenntnisse des Lesers passen sich diesem Bild von Seite zu Seite an. Als würde man sich durch die Jahresringe echter Bäume nagen, kommt man langsam zum Kern des Geheimnisses und kann vor Verwunderung kaum eine Pause einlegen.

Der Mensch wird von seinen durchaus plausiblen Schattenseiten gezeigt und es gilt der alte Grundsatz: Wer Mais manipuliert, der vergreift sich auch an anderem Gen-Material. Der Sündenfall der Menschheit hat einen absoluten Tiefpunkt erreicht und am Ende des ersten Teils stellt sich die Frage, ob es Meister Banyan tatsächlich gelingen kann, den gordischen Knoten aller Umweltsünden mit einem Streich zu durchschlagen.

Wir werden zu seinen Gefolgsleuten, verlieren in der Mitte des Romans gänzlich das Vertrauen in fast alle handelnden Akteure und lassen uns von plötzlichen Wendungen und unerwarteten Fügungen hinreißen. Dieser eiserne Wald ist so natürlich in seiner Konstruktion, dass es ängstigt. Lasst uns für die Bäume kämpfen… denn in diesem Roman ist der Kampf um jeden Baum im wahrsten Sinne auch ein Kampf um jedes Menschenleben.

Ihr werdet es sehen…

Hier geht es bald weiter zum zweiten Tel: Der eiserne Wald

Hier geht es bald weiter zum zweiten Teil: Der eiserne Wald

„Das Gewicht des Himmels“ von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Ich wache früher auf, jetzt wo die Vögel wieder da sind
und in den unverwüstlichen Bäumen singen.

Auf meinem Feldbett am offenen Fenster liege ich
wie verbrauchtes Land, wenn der Frühling naht.

Mit diesen Gedichtzeilen von Mary Oliver (Ich bleibe – 1963) beginnt der Debütroman der amerikanischen Autorin Tracy Guzeman: Das Gewicht des Himmels (Diana Verlag). Zeilen, die sofort zum Verweilen einladen und den Leser in eine Position bringen, die er während des gesamten Buches nicht mehr aufgeben möchte. So legen auch wir uns auf ein Feldbett am offenen Fenster und blicken auf die Vögel, die wieder da sind, auf das verbrauchte Land, wenn der Frühling naht.

Wir blicken zurück auf eine Geschichte über die Magie der Liebe, die schwere Last lebenslanger Schuld, Momente aufrichtiger leidenschaftlicher Hoffnung und die unermesslichen Folgen einer Lebenslüge. Ein Roman über Kunst und Malerei – für uns ganz einfach ein Bild von einem Buch. Wir werden zum Teil eines Gemäldes, finden uns in den Farben und Schattierungen wieder und lassen unserem Lesepinsel freien Lauf…

Aus vormals weißen Flächen entstehen Leseskizzen und von Seite zu Seite konturiert sich eine Geschichte, die uns in Sprache, Charakterzeichnung und Komplexität an ein epochales Wandgemälde erinnert.

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Thomas Bayber gilt als einer der wohl bekanntesten Maler seiner Zeit. Unermesslich wertvoll sind seine Gemälde und Museen, Sammler und Galerien können sich glücklich schätzen, wenn sie einen echten Baybers in ihrem Besitz haben. All seine Bilder sind katalogisiert und erforscht… lückenlos. Und doch wartet auf den engen Vertrauten, Förderer und Kenner des großen Malers eine riesige Überraschung.

Am Ende seines Lebens angekommen bittet Bayber seinen Freund Dennis Finch darum, ein bis zu diesem Zeitpunkt völlig unbekanntes Gemälde zu verkaufen. Schnell erkennt Dennis, dass es keineswegs um den Verkauf des Gemäldes gehen kann. Er kennt alle Werke des Künstlers und das Auftauchen dieses Bildes ist mehr als eine Sensation in der Kunstszene. Gemeinsam mit einem unabhängigen Kunstexperten (auch dies ein Wunsch Baybers) beginnt er sich dem Geheimnis des Bildes zu nähern.

Das Gemälde zeigt den Maler auf einem Sofa sitzend, flankiert von zwei unbekannten Frauen. Junge Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und denen er nach eigenen Aussagen im Jahr 1963 zum ersten Mal begegnete. Eine Begegnung, die für niemanden auf dem Bild ohne Folgen bleiben würde. Während eine der Frauen besitzergreifend wirkt, erinnert die jüngere Frau in ihrer naiven Schüchternheit jeder Vorstellung unschuldiger Liebe.

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Wir folgen den Blicken der Experten gebannt, erleben, wie es ihnen gelingt, den Zeitpunkt der Entstehung des Bildes zu bestimmen und folgen ihnen auf der Suche nach einem unermesslich größeren Geheimnis.

„Da war etwas Ungewöhnliches an den Armen der Mädchen…“

Es handelt sich nicht nur um ein Bild. Ein Triptychon ist damals aus der Hand des Malers entstanden und erzählt eine große und bisher verborgene Geschichte. Doch er selbst kann dazu nichts mehr sagen. Ein Schlaganfall lässt ihn verstummen und in der Suche nach den beiden jungen Frauen von einst liegt für die beiden Experten der einzige Schlüssel zur Lösung. Schwestern sind es. Alice und Natalie Kessler sind dem jungen Maler nicht nur 1963 begegnet. Mehrmals kreuzten sich ihre Wege und eine tragische Lüge verbindet das Schicksal dieser drei Menschen für immer miteinander.

Je mehr sich unser Bild von diesem Roman mit Farbe füllt, umso tiefer tauchen wir in die Vergangenheit ein. Wir sehen Barber einem jungen und sehr kranken Mädchen die Hand führen; erleben, wie er sie, durch einen Schal miteinander verbunden, malend schwerelos macht. Wir erleben wilde Romantik, sinnlose Enttäuschung und die purste Form des Schmerzes, den nur unglücklich Verliebte und Belogene empfinden können. Von Pinselstrich zu Pinselstrich erkennen wir mehr Details und doch ist die Lösung des Rätsels ein solch gewaltiger Schlag für den Leser, dass er fassungslos und mit Tränen in den Augen vor einem gänzlich neuen Gemälde steht.

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Die Schattierungen mehrerer Leben haben ihre Spuren hinterlassen und ein Bild gezeichnet, das eine ganze Lebensgalerie zu füllen vermag. Für uns war dieses Buch wie der Besuch in einer literarischen Vernissage und gleichzeitig auch eine offene Tür in das Atelier der Vergangenheit eines großen Künstlers.

Tracy Guzeman ist es gelungen, auch unsere Hände mit dem Schal ihrer liebevoll tragischen Erzählung miteinander zu verbinden. Schwerelos gelang es uns, die gleichen Farben zu erkennen, an den gleichen Stellen vergleichbare Tränen zu vergießen und die besonderen Charaktere in unsere Herzen zu schließen. Und immer, wenn einer von uns beiden den Halt zu verlieren drohte, war immer die Hand des Anderen da, um ihn aufzufangen und Halt zu geben.

Diese Rezension ist ein eigenes Bild geworden. Sie verrät nicht zu viel vom großen Lebensgemälde des Thomas Bayber… aber wenn ihr ganz genau hinschaut, dann seht ihr auffällige Anzeichen davon, dass unter der sichtbaren Schicht an Worten eine Tiefe verborgen ist, die es durch das Lesen dieses Romans für sich selbst zu erschließen gilt.

Macht euch doch selbst ein Bild von diesem Buch… (selten haben wir das so wörtlich gemeint)….

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Das Gewicht des Himmels von Tracy Guzeman

Ach, ich sehe die großen Schiffe auslaufen,
meine Wunden zucken vor Ungeduld.
Und doch kehre ich um,
ordne die weinenden Trümmer meines Hauses.
Hier oder nirgends
Mache ich meinen Frieden mit der Welt.

Nine Eleven – 12 Jahre danach…

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Es gibt Tage von solch historischer Relevanz, dass sie die Geschichte der Welt und das eigene Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es gibt Tage, die sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit einbrennen und der individuellen Erinnerung kaum eigenen Spielraum lassen. Es gibt Tage, von denen man auch noch Jahre später genau weiß, wo und wie man sie verbracht hat.

Ein solcher Tag war ein kühler Dienstag vor genau zwölf Jahren. Der 11. September 2001. Ein Tag, der unter dem Namen “Nine Eleven” niemanden unberührt gelassen hat. Dieser tieftraurige Tag muss nicht erklärt werden, die Ereignisse bedürfen keiner Zusammenfassung, Erläuterung oder Interpretation in diesem Artikel, sind doch die in sich zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers in New York noch immer allgegenwärtig.

Der grausame Tod von mindestens 2970 Menschen, deren Schicksal auf grausame Art und Weise miteinander verschmolzen wurde, steht heute für einen Wandel der Weltgeschichte, als Auslöser für Krieg und unbeschreibliche Verunsicherung.

Die Literatur hat sich den Anschlägen des 11.9. nur sehr zaghaft genähert. Ersten Ansätzen, die Ereignisse journalistisch zu dokumentieren folgten erst Jahre später vereinzelte Romane, die ein fiktives Einzelschicksal aus der kollektiven Erinnerung herauszulösen versuchten.

Ich weiß genau, was ich an jenem Tag getan habe – ich weiß noch genau, was ich fühlte und ich kann mich genau daran erinnern, mit welchen beiden Büchern ich mich dem Thema genähert habe. Im ersten Teil dieses Artikels möchte ich diese beiden Werke vorstellen und dann an drei Beispielen beleuchten, welche lesenswerten Bücher im Zusammenhang mit den Anschlägen auf das World Trade Center erschienen sind.

Meine wichtigsten Bücher zum Thema “Nine Eleven”:

Here is New York

HERE IS NEW YORK: a democracy of photographs (gelesen 2002)

Bilder sind absolut unbestechlich – Bilder lassen uns in der Erinnerung zurückgehen und verharren. Sie erzählen eine unmissverständliche Sprache und lassen doch so viel offen, dass der Betrachter oftmals mehr sieht, als das Bild objektiv zeigt. Emotionale Überlagerung durch bekannte Ereignisse und die Verknüpfung mit selbst Gesehenem lassen Photos zu Geschichtenerzählern werden. Besonders diese.

Als in unmittelbarer Folge der Anschläge vom 11.09. ein New Yorker Photograph ein erstes Bild im Schaufenster eines leerstehenden Ladens im Stadtteil Soho befestigte, ahnte er nicht, was er damit auslösen sollte. Hunderte Augenzeugen dieses Dramas folgten seinem Beispiel und innerhalb nur weniger Tage waren die Wände des Ladens voller Bilder.

Bilder von Menschen, Bilder unterschiedlicher Perspektiven, aufgenommen mit den unterschiedlichsten Kameras und doch haben sie eines gemeinsam. Sie bieten den kollektiven unverfälschten Blick auf die unmittelbare Betroffenheit der New Yorker an diesem Tag.

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Mehr als Bilder

Am 25.09. eröffnete man in diesem Laden eine Ausstellung und wählte ungefähr 1000 Photos aus, die in einem Bildband veröffentlicht wurden. Die Demokratie der Photos – ein treffender Name für diese einzigartige Publikation. Keine vorgegebenen Meinungen, keine Kommentare, kein Text, keine Interpretationen “belasten” die Bilder. Alles bleibt dem Betrachter überlassen. Er ist allein im Angesicht des kollektiven Bildermeeres.

Hier wurde nicht zensiertgezielt ausgewählt oder weggelassen. Die Augenzeugen des “Nine Eleven” haben die Chance genutzt, uns mit ihren Augen sehen zu lassen. Unmittelbar und ohne Filter. Nicht professionell, aber schmerzhaft authentisch.

Gewaltige Ereignisse erzeugten gewaltige Bilddokumente.

Wohl eines meiner wertvollsten Bücher. Ein Blick auf ein Bild reicht aus, um weitere Bilder zu erzeugen und man bleibt gefangen und gefesselt in der Tiefe der Augenblicke.

Photos “fallender Menschen” brachten mich auf das nächste Buch:

Falling Man

Falling Man

Falling Man (gelesen 2008)

Die Bilder des 11.09.2001 sind omnipräsent. Einschlagende Flugzeuge, einstürzende Türme, panische Menschen, Feuerwehren in Schutt und Asche und fallende Menschen – kopfüber – die einzige Alternative zum Verbrennungs- oder Erstickungstod suchend – eingebrannt in das Gedächtnis der Welt.

Schon beim Lesen der ersten Zeilen von Don DeLillo wird man als Leser mit persönlichen Erinnerungen und Bildern überflutet und fühlt sich als unmittelbar betroffener Beobachter. Man steht am Ground Zero, ob man will oder nicht…

Keith Neudecker überlebt den Kollaps der Türme des World Trade Centers. Körperlich nur leicht verletzt, innerlich jedoch traumatisierter als vermutet stellt er fest, dass sich nichts mehr an seinem Platz befindet. Alles ist aus den Fugen geraten und nach dem Scheitern der Türme bewegt er sich zielstrebig auf das eigene Scheitern zu. Seine Ex-Frau Lianne – Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Alzheimer–Patienten – ist scheinbar eher in der Lage, die Probleme ihrer “Patienten” wahrzunehmen, als die ihres Mannes und verliert Schritt für Schritt den Kontakt zu ihm.

Fast könnte man denken, dass die tödliche Demenzerkrankung zum erstrebenswerten Fluchtpunkt des Vergessens wird.

Vergessen? Unmöglich! Kämpft doch auch ein Aktionskünstler namens “Falling Man” mit seinen Projekten gegen eben diese Verdrängungsprozesse. Kaum gesichert stürzt er sich von Fassaden und Brücken und hängt als lebendiges Kopfübermahnmal vor den entsetzten Augen der New Yorker Bürger.

Starke Charakterzeichnungen, nachvollziehbare Denkprozesse und Gefühlsfluchten. Die Stimmung des Lesers  bleibt konsterniert und er sitzt – wie ein ganzes Land – als hilfloser Betrachter vor der Flut unbegreiflicher Ereignisse.

Aktuelle Bücher zum Thema

Aktuelle Bücher zum Thema Nine Eleven

Aktuelle Literatur – eine kleine Auswahl:

here is new york spacer_junge

Der Nine-Eleven-Junge

Catherine Bruton thematisiert die Folgen der tragischen Ereignisse des 11. September 2001 in einem Jugendbuch. Betroffen waren damals in besonderem Ausmaß Kinder. Sie verloren Väter oder Mütter, sie blieben zurück – oft zu jung, um die Tragweite der Anschläge zu ermessen. Irgendwann jedoch beginnt das “Dämmern”, das “Begreifen” und das “Verarbeiten”.

Der Roman beschreibt dieses kindliche Erwachen am Beispiel des jungen Ben, der seinen Vater im Alter von zwei Jahren in den Türmen verlor. Das Einzige was ihm bleibt ist sein Sonderstatus als “Nine-Eleven-Junge”. Mit 12 Jahren beginnen die Bilder sich zu vermischen, als er für kurze Zeit bei seinen Großeltern wohnt. Trauer, Verlust, die Zerstörung der Familie, alle unnormalen Verhaltensweisen des Umfelds gipfeln in dem gemeinsamen Spiel unter Kindern: “Wir können Helden sein.”

Die Schilderung einer besonderen Freundschaft, die Beschreibung der Folgen falscher Verdächtigungen, die Erklärung der Entstehung von Vorurteilen und die mehr als nachvollziehbare Befreiung vom emotionalen Rucksack der Vergangenheit machen dieses Buch besonders lesenswert.

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Und die Luft war voller Asche. 9/11 – Der Tag, der mein Leben veränderte

Jenseits des Romans stellen uns die persönlichen Zeugnisse jener Tage vor die literarische Herausforderung, als Leser distanziert genug zu sein, es jedoch an keiner Stelle an der nötigen Empathie fehlen zu lassen, die nötig ist um nachzuempfinden – so schwer dies auch manchmal sein mag.

Herbert Bauernebels Augenzeugenbericht ist viel mehr als nur ein anonymisierter Pressebericht, mehr als ein entferntes Fernsehbild. Er spürt am eigenen Leib, was die Betroffenheit zur Beklemmung werden lässt – und er transportiert dieses Gefühl Seite für Seite.

Als das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center einschlägt, sitzt der »News«-Korrespondent Bauernebel wenige hundert Meter entfernt vom Schauplatz an seinem Schreibtisch – und eilt sofort dorthin. Er begibt sich in tödliche Gefahr. Dies wird ihm allerdings erst bewusst, als er sich unter einem Lieferwagen wiederfindet. Alles andere findet er nicht wieder. Die Welt hatte sich in ein Trümmerfeld verwandelt.

Einzelzeugnisse wie dieses verdichten das kollektive Gedächtnis und sind von unschätzbarem Wert.

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11.9. – Zehn Jahre danach

Und nun noch ein Buch zum Thema “Verschwörungstheorien”? Nein – ganz weit davon entfernt. Ein journalistisches Bravourstück, das sich der Methode verschreibt, Quellen mehr als genau zu untersuchen, Widersprüche aufzudecken und scheinbar eindeutige Beweise ebenso in Rauch aufgehen zu lassen, wie die Terroristen es mit dem World Trade Center getan haben.

Mathias Bröckers und Christian C. Walther nehmen den Abschlussbericht der Regierungskommission zur Klärung der Ereignisse unter die Lupe. Dieser entspricht weder in Methodik noch im Inhalt einem gerichtsverwertbaren Dokument. Der Bericht ist eine Anhäufung von Spekulationen, Ungereimtheiten und Widersprüchen. Kurios wird es erst so richtig, als sich einige Angehörige der Kommission von ihrem eigenen Werk distanzieren.

Wir stellen uns gemeinsam den Fragen, wie sehr wir uns von einseitigen Nachrichten beeinflussen lassen, wie oft wir tatsächlich glauben, dass eins und eins immer drei ist und wie lange wir gewillt sind zu denken, dass die Lüge von Kampfstoff-Fabriken im Irak nur ein kleiner Ausrutscher war…?

Die beiden Autoren analysieren und belegen, unterscheiden Fakten und Fiktion, Realität, Lüge und Wunschdenken und finalisieren ihr Buch bereits im Untertitel: “Der Einsturz eines Lügengebäudes”.

“Dann war da noch etwas Anderes, außerhalb all dessen, was nicht dazugehörte, hoch oben. Er sah zu, wie es herunterkam. Ein Hemd kam herunter aus dem hohen Qualm, ein Hemd, emporgeweht und im spärlichen Licht treibend und dann wieder abwärtsstürzend, auf den Fluss zu.”

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[Thriller] „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ – Gillian Flynn

gone girl das perfekte opfer gillian flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Herzlich willkommen in Carthage, Missouri. Herzlich willkommen in der 50er-Jahre Atmosphäre eines typisch amerikanischen Kleinstädtchens am Ufer des träge dahinfließenden Mississippi. Mark-Twain-Land – nur wenige Meilen von Hannibal entfernt, dem idyllischen Örtchen, an dem der berühmte Schriftsteller lebte und zu Tom Sawyer inspiriert wurde.

Klingt beschaulich – fühlt sich auch so an…! Träge und in eigener klangloser Melodie fließt das Leben durch die Straßen. Es könnte so schön sein, würde da nicht das mysteriöse Verschwinden einer jungen Frau das ganze Land in Aufruhr versetzen. Gone Girl… eine treusorgende Ehefrau, die scheinbar grundlos von jetzt auf gleich von der Bildfläche verschwindet und einen mehr als ratlosen und verzweifelten Ehemann zurücklässt.

Es hätte so idyllisch sein können…

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Wäre da nicht… ein Anruf in der kleinen Bar von Nick Dunne, die er nach seinem Umzug aus New York in diesem kleinen Nest gemeinsam mit seiner Schwester betreibt. „Eure Haustür steht offen… und das soll wahrscheinlich nicht so sein, oder?“

Wäre da nicht… ein kurzer Sprint nach Hause, um festzustellen, dass hier wirklich nichts mehr so ist, wie es sein sollte. Tür offen, lähmende Stille, das Wohnzimmer verwüstet, Glasscherben und ein zerstörter Tisch, auf dem Boden verstreute Bücher und von seiner Ehefrau Amy keine Spur… absolut keine Spur mehr… wie vom Erdboden verschluckt…

Wären da nicht… fleißige Polizisten, die (wie dies so üblich ist) im Zuge ihrer Suche nach Vermissten zuerst das direkte Umfeld ausschließen müssen, bevor sie sich in entferntere Regionen vorwagen… und hier beginnen sie mit dem verzweifelten ahnungslosen Ehemann.

Wären da nicht… Unstimmigkeiten, die genau diesen armen Mann nun in ein Licht rücken, das ihn in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Geldsorgen, eine beseitigte Blutlache in der Küche (natürlich Amy`s Blutgruppe), ein mitgehörter heftiger Streit der Eheleute am Vorabend des Verschwindens und ein fehlendes Alibi. Die Schlinge beginnt sich immer weiter um den Hals des Ehemannes zu schließen.

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Aus seiner Sicht muss Amy Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein. Aus seiner Sicht ist alles ganz klar. Aus seiner Sicht hat er sich nichts zuschulden kommen lassen. Ein klein wenig Streit, eine verkorkste Ehe, Arbeitslosigkeit und die üblichen Beziehungskrisen… nun gut, aber mehr auch nicht… definitiv nicht… und doch verstrickt sich Nick Dunne in Widersprüche. Kleinigkeiten zwar, aber die Zweifel an ihm werden größer. Eigentlich könnte man ihm fast glauben.

Wäre da nicht… das Tagebuch von Amy Elliot Dunne, das uns Leser von der ersten Seite der Geschichte an begleitet. Es setzt viele Jahre vor ihrem Verschwinden an und zeichnet ein deutliches Bild von einer Beziehung, die immer mehr den Mississippi runtergeht. Angst zieht auf im gemeinsamen Leben und Amy beginnt sich zunehmend unwohl zu fühlen. Unsicher im eigenen Haus… bedroht vom eigenen Mann.

Fast hätten wir dem guten Nick geglaubt, aber jede Zeile im Tagebuch der Vermissten zeichnet ein immer deutlicheres Bild von einem Mann, für den Gewalt in der Ehe kein Tabu zu sein schien. Die öffentliche Meinung schließt sich diesem Bild an und Nick gerät als Hauptverdächtiger ins Kreuzfeuer der Medien. Nur seine Schwester hält zu ihm und anfangs können sich auch Amy`s Eltern nicht vorstellen, dass ausgerechnet ihr Schwiegersohn… ausgerechnet am fünften Hochzeitstag… sie glauben ihm… anfänglich.

Gone Girl - Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn – INDIZIEN

Und doch wird man das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas gar nicht stimmt. Die Amy des Tagebuches ist so perfekt, so liebevoll und so chronisch missverstanden, dass man bald nicht mehr weiß, wie weit man ihren Zeilen glauben darf, da sie sich von der Wahrnehmung ihres eigenen Mannes so sehr unterscheiden.

Und dann beginnt der richtige Sturm mit voller Fahrt über Nick Dunne hereinzubrechen. Gleichzeitig mit dem Tagebuch seiner Frau taucht zu allem Überfluss auch noch seine junge Freundin auf. Ehebruch… eine verschwundene Frau, Blut und tausend Indizien. Das passt. Wir haben sie am Arsch, Mr. Dunne.

Wäre da nicht… in der Mitte des Buches eine Eintragung im Tagebuch der Ehefrau, die so gar nicht mehr in unser fertiges Vorurteilsbild passt. Wäre da nicht eine plötzliche Erkenntnis, die alles zum Wanken bringt. Auch uns Leser. Unser einfaches und wundervolles Schwarz-Weiß-Bild beginnt sich einzufärben und unsere schlauen Spekulationen erhalten erste tiefe Risse. Plötzlich ist nichts mehr wie es scheint. Es ist so gar nichts mehr so, wie es jemals den Anschein hatte.

Gone Girl - Das perfekte Opfer - mit einem Klick zum Buch

Gone Girl – Das perfekte Opfer – mit einem Klick zum Buch

Gillian Flynn macht uns lesend sprachlos. Sie raubt uns die Luft und den Verstand. Sie hat einen Thriller konstruiert, der so greifbar ist, dass es erschreckt und aufrüttelt. Alles war so klar. Sympathie und Antipathie waren perfekt verteilt und dann sitzt man plötzlich vor den Trümmern der eigenen vorschnellen Schlussfolgerungen. Das Problem dabei: Wir Leser wissen mehr als die Polizei und wir wissen viel mehr als der scheinbar verzweifelte Ehemann.

Aber wir können niemandem helfen. Nur lesen und staunen. Unsere Schnappatmung kontrollieren und beginnen zu hassen. Dieses Buch weckt Gefühle, die beim Lesen eigentlich nur selten entstehen. Man sollte sich wappnen dagegen – man sollte darauf gefasst sein, dass man in die Abgründe der Seele von Menschen blickt und dabei der eigenen atemlosen Verachtung ins Auge schaut.

Hilfloser Hass… ein solches Gefühl hat mir ein Buch noch nie vermittelt – bis zur letzten Seite. Oh könnte man doch nur… oh hätte man doch… und wenn man die Möglichkeit bekäme, man würde wohl die Kontrolle über sich verlieren, wenn man einer der Romanpersonen Auge in Auge gegenüber stünde. Gone Girl wühlt auf und beschäftigt nachhaltig. Glaubt mir das.

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Gone Girl – Das perfekte Opfer von Gillian Flynn

Ach ja… kommen wir doch kurz auf den Schauplatz zurück und schauen uns die von der brillanten Autorin auf der Landkarte ihres Thrillers versteckten Metaphern einmal genauer an. Hatte nicht Hannibal damals seine Heimat Karthago verlassen, mit einer bis zu den Zähnen bewaffneten Armee und einigen furchterregenden Elefanten die Alpen überquert um seinen Feind unmittelbar vor dessen eigener Haustür in Rom von der Landkarte zu tilgen?

Hoch war der Blutzoll der Römer und scheinbar unbesiegbar zog Hannibal von Stadt zu Stadt. Hilflos mussten die Römer erkennen, dass er in der offenen Feldschlacht nicht zu besiegen war, also drehte man den Spieß um und vertraute auf den psychologischen Effekt eines Krieges. Rom verschiffte seine Truppen vor die Tore des ungeschützten Carthagos und machte es dem Erdboden gleich. Hannibal verlor seine Heimat und damit den eigentlichen Grund, gegen Rom zu kämpfen.

Was das mit „Gone Girl“ zu tun hat? Augenscheinlich nichts, aber die metaphorische Bedeutung des Schauplatzes ist einfach zu genial, um sie außer Acht zu lassen. Ihr müsst nur selbst herausfinden, wer hier Hannibal ist und wessen Heim mit tiefenpsychologischen Kriegsmitteln zerstört wird. Viel Spaß dabei… und passt einfach genau auf, aus welcher Mücke in Carthage bei Hannibal, Missouri, wahre Kriegselefanten werden.

Blick in den Spiegel gefällig? Täter oder Opfer?

Blick in den Spiegel gefällig? Täter oder Opfer?

In „Gone Girl“ ist der Leser „Das perfekte Opfer… mehr wird nicht verraten 😉 Ein Muss für Freunde psychologischer Hochspannung bis zum letzten Atemzug. Dieser wahnsinnige Thriller wird nächstes Jahr die Kinos erobern. Die Dreharbeiten haben bereits begonnen und mit Ben Affleck und Rosamund Pike stehen bereits die hochkarätigen Schauspieler fest, die uns auf der rasanten Reise in die Abgründe der menschlichen Seele begleiten werden.

Ihr wollt wirklich wissen, ob ihr für dieses Buch bereit seid? Dann stellt euch einfach dem offiziellen Gone Girl – Psychotest und lasst euch überraschen, was dort zutage gefördert wird…. Vorsicht… Vielleicht wollt ihr das Ergebnis gar nicht wissen 😉

Traut euch ruhig... es ist beängstigend...

Traut euch ruhig… es ist beängstigend…

Wenn man nun der feuilletonistischen Presse glauben darf, dann lohnt sich ein Vergleich zweier Werke. “Wer <Gone Girl> gelesen hat, der muss auch <Die Amerikanische Nacht> lesen”, so heißt es landauf, landab. Wir haben beide Romane intensiv eingesaugt und am Ende aller Seiten wagen auch wir den Vergleich: hier…

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Ein Vergleich

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Ein Vergleich

„Mein Herz schlägt für uns beide“ von Suzi Moore aus Sicht von Zwillingen

Mein Herz schlägt für uns beide - Ein besonderer Blick auf ein besonderes Buch

Mein Herz schlägt für uns beide – Ein besonderer Blick auf ein besonderes Buch

“Meine Schwester starb am 1. März, und das war richtig blöd. Immerhin war das mein Geburtstag. Es war unser Geburtstag. Laura war mein eineiiger Zwilling.”

“Es passierte ganz schnell…”

Diese ersten Zeilen aus dem Kinderroman „Mein Herz schlägt für uns beide von Suzi Moore (CBJ) haben wir bis heute nicht vergessen. Zu sehr hat uns dieses Buch nachhaltig beschäftigt und zu intensiv war der Meinungsaustausch mit der Autorin vor und nach dem Schreiben unseres Artikels. Die einzigartige Erzählperspektive aus Sicht der neunjährigen Emma, deren Zwillingsschwester am gemeinsamen Geburtstag stirbt, hält uns bis heute gefangen und hat in der Buchvorstellung von Literatwo für tiefe und aufrichtige Worte gesorgt.

Zwillinge bei Literatwo....

Zwillinge bei Literatwo….

Und doch fehlte uns ein ganz besonderer Blick auf das emotionale Geschehen. Wie würden Zwillinge auf den Roman reagieren? Wie plausibel und greifbar würde das Erzählte für Menschen sein, die durch ein ganz besonderes Band miteinander verbunden sind? Wir mussten nicht lange suchen, denn dies ist nicht der erste Roman, bei dem wir uns diese Frage stellten.

Bereits bei Eva Mozes Kors Erlebnisbericht aus dem KZ Auschwitz „Ich habe den Todesengel überlebt drehte sich das gesamte Erlebte um ein Zwillingspaar und deren gemeinsames Leid, ihr Überleben und das einhellige Verzeihen. In Österreich fanden wir mit Elisabeth (Lisi) und ihrer Schwester Chrissie ein Zwillingspaar und so wie damals nimmt auch diesmal Lisi auf ihre ganz eigene und sehr bewegende Art und Weise Stellung zu einem Buch, das für „Twins“ etwas ganz besonderes sein muss:

Mein Herz schlägt für uns beide - Lisi`s erste Reaktion

Mein Herz schlägt für uns beide – Lisi`s erste Reaktion

Neugierde war meine erste Reaktion, als ich von Bianca gefragt wurde, ob es mich interessieren könnte, dieses Buch zu lesen. Neugierig, wie ich war, habe ich dann sofort auch nachgeschaut, ob das Buch bereits erhältlich ist und meine Ungeduld wurde mit jedem Tag, den die Post benötigte, etwas größer.

Und als ich das Buch schließlich aufschlug und den ersten Satz gelesen hatte, blieb mir erst einmal die Luft weg, weil ich sofort daran dachte, wie es mir wohl gehen würde, wenn das mir passieren würde. Vor allem, wenn ich daran denke, dass es mir oder meiner Schwester mit der jeweils anderen so gehen hätte können. Was für ein großes Glück wir haben, dass dies im Endeffekt nicht passiert ist.

Emma verkraftet den Tod ihrer Zwillingsschwester nicht und will deswegen als erstes ihren Geburtstag auf einen anderen Tag und auf einen anderen Monat verlegen. Das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen, weil ihr Geburtstag ja nicht nur ihr Geburtstag ist, sondern weil man automatisch an die Schwester denkt. Mein Geburtstag ist auch der meiner Schwester Chrissie und ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich tun würde, wenn sie plötzlich sterben würde. Vermutlich meinen Geburtstag nicht mehr feiern, ohne an ihren Tod zu denken. Emmas Handlungsweise empfinde ich also bisher als sehr logisch und klug. Sie hat auch ein photographisches Gedächtnis, was mich ein bisschen neidisch macht, weil man dann vermutlich weniger für die Klausuren lernen müsste. 😉

Mein Herz schlägt für uns beide - Emma hält sich gut...

Mein Herz schlägt für uns beide – Emma hält sich gut…

Ich persönlich finde, dass Emma sich eigentlich gut hält, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie während sie versucht mit allem fertig zu werden, nicht nur dem Alltagsleben, sondern auch noch weniger erfreulichen Aspekten, wie Mobbing in der Schule, Einsamkeit, und zuhause den Streitereien der Eltern ausgesetzt ist, die ja auch nicht wirklich wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Und wenn sie dann endlich am Abend im Bett Zeit findet, um über den Tag zu reflektieren und sich an Laura zu erinnern, wird sie entweder von den Eltern oder vom kleinen Bruder Rory gestört.

Hinzu kommt auch noch, dass sie lange Zeit über die genauen Ursachen im Unklaren gelassen wird. Dieses Verhalten finde ich unverzeihlich von den Eltern. Meine Eltern haben der jeweiligen anderen immer erklärt, wenn einer von uns ins Krankenhaus musste, und warum. Teilweise durften wir auch bei den Untersuchungen der jeweils anderen mit und wurden deswegen nie im Unklaren über die Geschehnisse gelassen. Mein einziger längerer Krankenhausaufenthalt wegen meiner Blinddarmentzündung trennte mich auch nicht lange von meiner Schwester, da sie mich zu Beginn besuchen kam und kurz darauf selber mit Verdacht auf Blinddarmentzündung eingeliefert wurde und mit mir im selben Zimmer gelandet ist.

Man hört ja öfter, dass eineiige Zwillinge eine ganz besondere Bindung haben, wie es sich daher anfühlen muss seine andere Hälfte zu verlieren, kann und will ich mir gar nicht vorstellen. Ich denke, es war ein großer Glücksfall für Emma, dass sie sich mit Lexi angefreundet hat. Diese Freundschaft gibt ihr nicht nur Halt, sondern zeigt ihr auch, dass das Leben weitergehen kann und durchaus, trotz des Schicksalsschlages, der ihre Familie ereilt hat, lebenswert ist.

Mein Herz schlägt für uns beide - Große Nähe...

Mein Herz schlägt für uns beide – Große Nähe…

Mein Herz schlägt für uns beide“ hat in mir eine Saite zum Klingen gebracht und mehrmals habe ich mir gewünscht einfach in das Buch hineingreifen zu können, um Emma eine Umarmung zukommen zu lassen. Suzi Moore beschreibt alles sehr anschaulich, ich habe als Leserin sehr stark mit Emma mitgelitten, und musste das Buch teilweise anfangs zur Seite legen, weil mir beim Lesen wirklich die Tränen in die Augen gestiegen sind.

Ein Buch über Zwillinge, welches mich zum Lachen, zum Weinen und zum Innehalten und Nachdenken gebracht hat. Es hat mir erneut gezeigt, wie privilegiert ich bin, dass ich eine Zwillingsschwester habe, mit der ich jederzeit reden und lachen kann, die mir den Kopf geraderückt, wenn ich es brauche und die mich bedingungslos unterstützt.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Arndt und Bianca, die es mir ermöglicht haben, dieses Buch zu lesen. Es war ein echtes Erlebnis und ich wünsche mir, dass ich meine Empfindungen besser in Worte fassen könnte. Lest dieses Buch und lasst euch von Emma und Lexi, von ihrer Familie und dem tollen Schreibstil von Suzi Moore verzaubern.

Mein Herz schlägt für uns beide - Mit einem Klick zum Artikel

Mein Herz schlägt für uns beide – Mit einem Klick zum Artikel

Dem ist bis auf unsere aufrichtige literatwoische Gänsehaut nichts hinzuzufügen. Danke nach Österreich!