Nine Eleven – 12 Jahre danach…

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Es gibt Tage von solch historischer Relevanz, dass sie die Geschichte der Welt und das eigene Leben in ein DAVOR und DANACH aufteilen. Es gibt Tage, die sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit einbrennen und der individuellen Erinnerung kaum eigenen Spielraum lassen. Es gibt Tage, von denen man auch noch Jahre später genau weiß, wo und wie man sie verbracht hat.

Ein solcher Tag war ein kühler Dienstag vor genau zwölf Jahren. Der 11. September 2001. Ein Tag, der unter dem Namen “Nine Eleven” niemanden unberührt gelassen hat. Dieser tieftraurige Tag muss nicht erklärt werden, die Ereignisse bedürfen keiner Zusammenfassung, Erläuterung oder Interpretation in diesem Artikel, sind doch die in sich zusammenstürzenden Türme des World Trade Centers in New York noch immer allgegenwärtig.

Der grausame Tod von mindestens 2970 Menschen, deren Schicksal auf grausame Art und Weise miteinander verschmolzen wurde, steht heute für einen Wandel der Weltgeschichte, als Auslöser für Krieg und unbeschreibliche Verunsicherung.

Die Literatur hat sich den Anschlägen des 11.9. nur sehr zaghaft genähert. Ersten Ansätzen, die Ereignisse journalistisch zu dokumentieren folgten erst Jahre später vereinzelte Romane, die ein fiktives Einzelschicksal aus der kollektiven Erinnerung herauszulösen versuchten.

Ich weiß genau, was ich an jenem Tag getan habe – ich weiß noch genau, was ich fühlte und ich kann mich genau daran erinnern, mit welchen beiden Büchern ich mich dem Thema genähert habe. Im ersten Teil dieses Artikels möchte ich diese beiden Werke vorstellen und dann an drei Beispielen beleuchten, welche lesenswerten Bücher im Zusammenhang mit den Anschlägen auf das World Trade Center erschienen sind.

Meine wichtigsten Bücher zum Thema “Nine Eleven”:

Here is New York

HERE IS NEW YORK: a democracy of photographs (gelesen 2002)

Bilder sind absolut unbestechlich – Bilder lassen uns in der Erinnerung zurückgehen und verharren. Sie erzählen eine unmissverständliche Sprache und lassen doch so viel offen, dass der Betrachter oftmals mehr sieht, als das Bild objektiv zeigt. Emotionale Überlagerung durch bekannte Ereignisse und die Verknüpfung mit selbst Gesehenem lassen Photos zu Geschichtenerzählern werden. Besonders diese.

Als in unmittelbarer Folge der Anschläge vom 11.09. ein New Yorker Photograph ein erstes Bild im Schaufenster eines leerstehenden Ladens im Stadtteil Soho befestigte, ahnte er nicht, was er damit auslösen sollte. Hunderte Augenzeugen dieses Dramas folgten seinem Beispiel und innerhalb nur weniger Tage waren die Wände des Ladens voller Bilder.

Bilder von Menschen, Bilder unterschiedlicher Perspektiven, aufgenommen mit den unterschiedlichsten Kameras und doch haben sie eines gemeinsam. Sie bieten den kollektiven unverfälschten Blick auf die unmittelbare Betroffenheit der New Yorker an diesem Tag.

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Mehr als Bilder

Am 25.09. eröffnete man in diesem Laden eine Ausstellung und wählte ungefähr 1000 Photos aus, die in einem Bildband veröffentlicht wurden. Die Demokratie der Photos – ein treffender Name für diese einzigartige Publikation. Keine vorgegebenen Meinungen, keine Kommentare, kein Text, keine Interpretationen “belasten” die Bilder. Alles bleibt dem Betrachter überlassen. Er ist allein im Angesicht des kollektiven Bildermeeres.

Hier wurde nicht zensiertgezielt ausgewählt oder weggelassen. Die Augenzeugen des “Nine Eleven” haben die Chance genutzt, uns mit ihren Augen sehen zu lassen. Unmittelbar und ohne Filter. Nicht professionell, aber schmerzhaft authentisch.

Gewaltige Ereignisse erzeugten gewaltige Bilddokumente.

Wohl eines meiner wertvollsten Bücher. Ein Blick auf ein Bild reicht aus, um weitere Bilder zu erzeugen und man bleibt gefangen und gefesselt in der Tiefe der Augenblicke.

Photos “fallender Menschen” brachten mich auf das nächste Buch:

Falling Man

Falling Man

Falling Man (gelesen 2008)

Die Bilder des 11.09.2001 sind omnipräsent. Einschlagende Flugzeuge, einstürzende Türme, panische Menschen, Feuerwehren in Schutt und Asche und fallende Menschen – kopfüber – die einzige Alternative zum Verbrennungs- oder Erstickungstod suchend – eingebrannt in das Gedächtnis der Welt.

Schon beim Lesen der ersten Zeilen von Don DeLillo wird man als Leser mit persönlichen Erinnerungen und Bildern überflutet und fühlt sich als unmittelbar betroffener Beobachter. Man steht am Ground Zero, ob man will oder nicht…

Keith Neudecker überlebt den Kollaps der Türme des World Trade Centers. Körperlich nur leicht verletzt, innerlich jedoch traumatisierter als vermutet stellt er fest, dass sich nichts mehr an seinem Platz befindet. Alles ist aus den Fugen geraten und nach dem Scheitern der Türme bewegt er sich zielstrebig auf das eigene Scheitern zu. Seine Ex-Frau Lianne – Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Alzheimer–Patienten – ist scheinbar eher in der Lage, die Probleme ihrer “Patienten” wahrzunehmen, als die ihres Mannes und verliert Schritt für Schritt den Kontakt zu ihm.

Fast könnte man denken, dass die tödliche Demenzerkrankung zum erstrebenswerten Fluchtpunkt des Vergessens wird.

Vergessen? Unmöglich! Kämpft doch auch ein Aktionskünstler namens “Falling Man” mit seinen Projekten gegen eben diese Verdrängungsprozesse. Kaum gesichert stürzt er sich von Fassaden und Brücken und hängt als lebendiges Kopfübermahnmal vor den entsetzten Augen der New Yorker Bürger.

Starke Charakterzeichnungen, nachvollziehbare Denkprozesse und Gefühlsfluchten. Die Stimmung des Lesers  bleibt konsterniert und er sitzt – wie ein ganzes Land – als hilfloser Betrachter vor der Flut unbegreiflicher Ereignisse.

Aktuelle Bücher zum Thema

Aktuelle Bücher zum Thema Nine Eleven

Aktuelle Literatur – eine kleine Auswahl:

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Der Nine-Eleven-Junge

Catherine Bruton thematisiert die Folgen der tragischen Ereignisse des 11. September 2001 in einem Jugendbuch. Betroffen waren damals in besonderem Ausmaß Kinder. Sie verloren Väter oder Mütter, sie blieben zurück – oft zu jung, um die Tragweite der Anschläge zu ermessen. Irgendwann jedoch beginnt das “Dämmern”, das “Begreifen” und das “Verarbeiten”.

Der Roman beschreibt dieses kindliche Erwachen am Beispiel des jungen Ben, der seinen Vater im Alter von zwei Jahren in den Türmen verlor. Das Einzige was ihm bleibt ist sein Sonderstatus als “Nine-Eleven-Junge”. Mit 12 Jahren beginnen die Bilder sich zu vermischen, als er für kurze Zeit bei seinen Großeltern wohnt. Trauer, Verlust, die Zerstörung der Familie, alle unnormalen Verhaltensweisen des Umfelds gipfeln in dem gemeinsamen Spiel unter Kindern: “Wir können Helden sein.”

Die Schilderung einer besonderen Freundschaft, die Beschreibung der Folgen falscher Verdächtigungen, die Erklärung der Entstehung von Vorurteilen und die mehr als nachvollziehbare Befreiung vom emotionalen Rucksack der Vergangenheit machen dieses Buch besonders lesenswert.

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Und die Luft war voller Asche. 9/11 – Der Tag, der mein Leben veränderte

Jenseits des Romans stellen uns die persönlichen Zeugnisse jener Tage vor die literarische Herausforderung, als Leser distanziert genug zu sein, es jedoch an keiner Stelle an der nötigen Empathie fehlen zu lassen, die nötig ist um nachzuempfinden – so schwer dies auch manchmal sein mag.

Herbert Bauernebels Augenzeugenbericht ist viel mehr als nur ein anonymisierter Pressebericht, mehr als ein entferntes Fernsehbild. Er spürt am eigenen Leib, was die Betroffenheit zur Beklemmung werden lässt – und er transportiert dieses Gefühl Seite für Seite.

Als das erste Flugzeug in den Nordturm des World Trade Center einschlägt, sitzt der »News«-Korrespondent Bauernebel wenige hundert Meter entfernt vom Schauplatz an seinem Schreibtisch – und eilt sofort dorthin. Er begibt sich in tödliche Gefahr. Dies wird ihm allerdings erst bewusst, als er sich unter einem Lieferwagen wiederfindet. Alles andere findet er nicht wieder. Die Welt hatte sich in ein Trümmerfeld verwandelt.

Einzelzeugnisse wie dieses verdichten das kollektive Gedächtnis und sind von unschätzbarem Wert.

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11.9. – Zehn Jahre danach

Und nun noch ein Buch zum Thema “Verschwörungstheorien”? Nein – ganz weit davon entfernt. Ein journalistisches Bravourstück, das sich der Methode verschreibt, Quellen mehr als genau zu untersuchen, Widersprüche aufzudecken und scheinbar eindeutige Beweise ebenso in Rauch aufgehen zu lassen, wie die Terroristen es mit dem World Trade Center getan haben.

Mathias Bröckers und Christian C. Walther nehmen den Abschlussbericht der Regierungskommission zur Klärung der Ereignisse unter die Lupe. Dieser entspricht weder in Methodik noch im Inhalt einem gerichtsverwertbaren Dokument. Der Bericht ist eine Anhäufung von Spekulationen, Ungereimtheiten und Widersprüchen. Kurios wird es erst so richtig, als sich einige Angehörige der Kommission von ihrem eigenen Werk distanzieren.

Wir stellen uns gemeinsam den Fragen, wie sehr wir uns von einseitigen Nachrichten beeinflussen lassen, wie oft wir tatsächlich glauben, dass eins und eins immer drei ist und wie lange wir gewillt sind zu denken, dass die Lüge von Kampfstoff-Fabriken im Irak nur ein kleiner Ausrutscher war…?

Die beiden Autoren analysieren und belegen, unterscheiden Fakten und Fiktion, Realität, Lüge und Wunschdenken und finalisieren ihr Buch bereits im Untertitel: “Der Einsturz eines Lügengebäudes”.

“Dann war da noch etwas Anderes, außerhalb all dessen, was nicht dazugehörte, hoch oben. Er sah zu, wie es herunterkam. Ein Hemd kam herunter aus dem hohen Qualm, ein Hemd, emporgeweht und im spärlichen Licht treibend und dann wieder abwärtsstürzend, auf den Fluss zu.”

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