„Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wenn ich den Begriff „Lustkauf“ bezogen auf literarische Werke definieren müsste, dann bliebe mir nichts anderes übrig, als all die Faktoren zu nennen, die mich angesichts eines mir bisher unbekannten Werkes in ihren Bann ziehen könnten:

  • die einzigartige Aufmachung
  • der verlockende Titel
  • der neugierig machende Klappentext und
  • die magische Ausstrahlung, die ein Buch besitzen kann.

All dies verleitete mich dazu, mich tief in einen solchen Lustkauf zu stürzen und in die tiefen Abgründe der Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ einzutreten.

Haruki Murakami ist wohl als Hauptschuldiger zu bezeichnen. Die Illustrationen des genialen Künstlers Kat Menschik tragen erhebliche Mitschuld und die optische und haptische Gestaltung der kleinen aber feinen Erzählung durch den DuMont Buchverlag setzen dem Ganzen das literarische Sahnehäubchen auf.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Eigentlich ein ganz kleines Büchlein, das in nicht mal einer halben Stunde gelesen sein kann und wohl auch soll…. Eigentlich nur 63 Seiten umfassend und dann auch noch so reichhaltig bebildert, dass nicht mehr als 30 Seiten Text zu verinnerlichen sind… Eigentlich recht wenig für den stolzen Preis von knapp 15 Euro.

Und doch sticht das Buch aus der Masse heraus. Als Kleinod in dunklem Gewand fällt es dem Betrachter sofort ins geneigte Auge. Der magisch anmutende Blick eines Jungen zieht den potentiellen Käufer in seinen Bann, der klangvolle Autorenname Haruki Murakami lässt aufhorchen und der Titel Die unheimliche Bibliothek rundet den brillanten ersten Eindruck als Buchkunstwerk nur allzu deutlich ab.

Murakami-Kenner fühlen sich sofort erinnert an „Kafka am Strand“, in dessen fantastisch anmutendem Mittelpunkt eine alte Bibliothek steht. Das erste flüchtige Durchblättern entwickelt seine eigene Wirkung… ein Schafsmensch blickt uns traurig an und auch hier schwingen die murakamischen Erinnerungen auf und lassen an seinen „Tanz mit dem Schafsmann“ denken… Der Klappentext ergänzt den aufkommenden Sog und erzählt in kurzen Worten von einem stummen Mädchen, mit dem man sich anscheinend blendend unterhalten kann.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Bilder beginnen sich zu verselbständigen und man hat das beharrliche Gefühl, ein Gesamtkunstwerk aus der Feder des wohl derzeit bekanntesten japanischen Kultautors in den Händen halten zu dürfen. Der Weg zur Kasse fällt leicht und der Sturz in die Tiefe der Handlung beginnt bereits mit dem Lesen der ersten Zeilen.

Eigentlich möchte unser namenloser junger Protagonist nur zwei Bücher abgeben. Und eigentlich ist er nur auf der Suche nach neuen Werken, als er die Bibliothek betritt. Doch unvermittelt befindet er sich in den tiefen Gängen eines Labyrinths unterhalb des sichtbaren Büchergebäudes wieder und führt fortan das Leben eines Gefangenen. Und der alte Bibliothekar fungiert als dunkler Kerkermeister.

Eingekerkert bei Wasser und Brot scheint es keinen Ausweg zu geben, fänden sich nicht zwei surreal anmutende Gestalten, ein geheimnisvoller Schafsmann und ein ebenso mysteriöses wie stummes, hübsches Mädchen, die ihm helfen wollen. Doch der dunkle Bibliothekar scheint immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein.

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Und doch ist es gerade das stumme Mädchen, das in den dunkelsten Stunden im dunklen Verlies die Hoffnung auf Rettung am Leben hält. Sie allein scheint Anker und Schlüssel zu sein… in ihr liegt, beginnt und endet alles für den jungen Gefangenen. In ihr endet sogar die Angst.

„Ihr Kuss hatte mich völlig verwirrt und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zugleich hatte sich meine Angst in eine Angst verwandelt, die eigentlich gar keine Angst mehr war. Jedenfalls war diese angstlose Angst letztendlich gar keine große Sache mehr.“

Aber würde dies ausreichen, um den Weg zurück ins Leben und die Freiheit wiederzufinden? Und wie hoch wäre der Preis für die Flucht… wenn sie denn wirklich gelänge, und nicht in der untergehenden Hoffnung, der sich immer weiter verzweigenden Irrwege unter der unheimlichen Bibliothek, zu scheitern drohte?

Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wenn man Murakami schätzt und liebt, dann weiß man, worauf man sich einlässt. Reale Ebenen vermischen sich mit surrealen Bildern zu metaphorisch kafkaesken Welten, in denen man seine eigenen Bilder finden muss. Die Deutungshoheit liegt beim Autor allein. Wer eine gerade und klar erzählte Geschichte erwartet, der wird sich im Labyrinth verlaufen. Rettungslos, daran ändern auch die atmosphärisch meisterhaften Illustrationen nichts.

Liebevoll Suchende mit Hang zur eigenen Interpretationsfreiheit werden eine Welt entdecken, die sich langsam erschließt und doch wird man den Eindruck nicht los, dass hier die Vorstellung von einem „Kunstwerk“ zumindest einen Teil des Kompositums deutlich in den Hintergrund drängt. Die Kunst steht über dem Werk, da der reine Text des großen Japaners an vielen Stellen zusammenhanglos und flach erscheint.

Fans vom Murakami werden seine Anspielungen auf ältere Werke genießen und die kleine Erzählung vehement gegen jegliche Kritik verteidigen. Erstleser von Murakami werden sich anschließend sehr gut überlegen, ob sie sich dem Autor auch für eine umfangreiche Geschichte anvertrauen würden.

Haruki Murakami – Die unheimliche Bibliothek – Illustration © Kat Menschik

Wertvoll auf vielen Ebenen – Illustration © Kat Menschik

Ich persönlich habe mich im Labyrinth des Textes verlaufen und konnte mich nicht so gut mit dem stummen Mädchen unterhalten. Sie hatte mir nicht immer viel zu sagen, war mir zu abstrakt und ich gehöre zweifellos zu den Lesern, die eher das Greifbare suchen. Murakami neigt dazu, seine Leser in Verwirrung zu versetzen und seine unvermuteten Wendungen sind verstörend und betörend zugleich.

Dies ist kein Stab, den ich über diesem Buch breche – es ist vielmehr eine aufrichtig gebrochene Lanze, die ein wenig helfen soll, sich zu verlieben und sein Gefangener zu werden, oder eben vor einer unglücklichen Liebe zu fliehen.

Ein kleines wertvolles Buch… nichts für jeden Geschmack; für Liebhaber Murakamis jedoch wohl ein absolutes „MUSS“. Der Junge im Buch hütet seine Bücher wie Schafe und „Die unheimliche Bibliothek“ passt in sehr viele gediegene Bücherherden hinein…

In meinem Lebensbuchregal ist das Schäfchen allerdings ebenso schwarz, wie das Buch selbst.

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