Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich

Oda Schaefer - Ein Kreis schließt sich

Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich

Es ist ein ganz besonderer Moment im Leben, wenn aus einem kleinen Artikel ein Herzensprojekt wird, das dann im Laufe der Zeit eine Dimension erreicht, die auch in der Rückschau einfach unfassbar erscheint. Am 11.  Februar 2011 schrieben wir unsere ersten Zeilen zu Oda Schaefer nieder. Nachdem wir den Film Poll im Kino gesehen hatten, versuchten wir verzweifelt eines der Bücher jener Deutschen Lyrikerin zu finden, deren Lebenserinnerungen als Grundlage für das epische Meisterwerk  dienten.

Unser Entsetzen war groß, als wir feststellen mussten, dass weder Oda Schaefers Auch wenn Du träumst, gehen die Uhrennoch irgendein anderes ihrer lyrischen Werke in der weiten Welt des Buchmarktes erhältlich waren. Völlig vergessen. Nicht mehr publiziert. Verlegt… im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren tief getroffen. Nach einem solch bewegten Leben aus dem Fokus des verlegerischen Interesses zu geraten, das hatte sie nicht verdient. Wirklich nicht.

Und so schrieben wir schon im Februar 2011 im Aufruhr unserer Emotionen einen Satz, an dessen Realisierung wir niemals glauben wollten. Aufgegeben haben wir jedoch nicht:

„Habent sua fata libelli – Bücher haben Schicksale – wir werden diesem Schicksal auf der Spur bleiben und so lange träumen, wie unsere Uhren gehen und wieder Bücher von Oda Schaefer publiziert werden. Das könnt ihr uns glauben!“

Oda Schaefer - Eine magische Lesung in München

Oda Schaefer – Eine magische Lesung in München

Was dann geschah ist ein Teil unserer Geschichte. Der Artikel erfreute sich großer Resonanz und wir blieben beharrlich am literarischen Ball. Viele Zufälle (oder nennen wir es einfach „Das Schicksal“) halfen uns immer weiter – von Artikel zu Artikel und von Zeile zu Zeile. Oda Schafer wurde im Internet beachtet, man las bei uns über sie und befreundete Antiquare berichteten uns über die steigende Nachfrage an ihren Werken. Ihre Bücher jedoch blieben Mangelware.

Unverhoffte Wegbegleiter schlossen sich uns an. Menschen, die Oda Schaefer persönlich kannten, teilten ihre Erinnerungen mit uns und die Aufmerksamkeit unserer Leser wuchs ständig. Clara Luisa Demar, eine Schweizer Künstlerin die Oda viel zu verdanken hat, schrieb emotionale Beiträge für Literatwo. Unter der Überschrift „Wörterkränze für Oda“ verfassten unsere Leser Gedichte des Erinnerns an Oda und letztlich öffnete sogar Odas Erbe Titus Horst die Tür zu ihrem Nachlass.

Und ebenjener Erbe Titus Horst wagte 2012 gemeinsam mit dem Avicenna Verlag den großen Schritt, zwei Bücher von Oda Schaefer neu zu verlegen. Wir wollten es kaum glauben, bis wir die Werke in Händen halten konnten. “Immer war ich. Immer werde ich sein“ und “Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren” erblickten das Licht der Welt und wir waren wohl nicht ganz unschuldig daran.

Oda Schaefer - Lesen geht nur, wenn es Bücher gibt

Oda Schaefer – Das offizielle Programm für den Abend

Getreu dem Motto „Wenn nicht jetzt – wann denn dann…“ wurde auf der Grundlage der steigenden medialen Aufmerksamkeit gewagt, was sich jahrelang niemand getraut hatte. Oda war wieder da. Und auf der Buchmesse „Schriftgut“ in Dresden trafen sich alle Protagonisten dieses Projektes und brachten Oda Schaefer einem breiten Publikum nahe. Was für ein Erfolg.

Der Kreis schließt sich nun in voller Schönheit. Am 28. Oktober 2013 zieht Oda Schaefer im Lyrik Kabinett München ein und 25 Jahre nach ihrem Tod wird ihrer in einer groß angelegten Lesung gedacht. Und lesen kann man nur, wenn es auch Bücher gibt! Habent sua fata libelli… Bücher haben Schicksale.  Der Beweis für diese These liegt nun auf der Hand und wir werden immer im Gefühl leben, diesem Schicksal ein wenig auf die Sprünge geholfen zu haben.

Oda würde sich sehr über den Besuch vieler Lyrik-Liebhaber bei ihrer Lesung freuen. Das Programm für diesen Abend ist gediegen und man wird viel über ihr Leben und ihr dichterisches Werk erfahren. Auch Literatwo ist eingeladen und wir werden über unsere Annäherung an Oda berichten. Eine besondere Ehre für uns – zweifellos – denn es ist schon außergewöhnlich, dass wir uns vor einem lyrischen Auditorium präsentieren dürfen und auf diesem Wege verdeutlichen können, welch breit gefächertes literarisches Spektrum wir zu bieten haben. Herzensspektren eben…

Oda Schaefer und Literatwo - Eine Wegbeschreibung

Oda Schaefer und Literatwo – Eine Wegbeschreibung

Im Folgenden ist unser langer Weg mit Oda Schaefer in seiner Chronologie zusammengefasst. Wir legen dem geneigten Leser unsere Artikel und ihre Bücher ans Herz. Oda Schaefer und Literatwo – eine mehr als schicksalhafte Begegnung! Der Kreis ist geschlossen!

„Ein Leben mit Oda – Wie alles begann“

Oda Schaefer – Mit Poll zurück aus dem Vergessen

Oda Schaefer – Was Vergessen wirklich bedeutet

Oda Schaefer – Unvergessen – Poll und mehr

Oda Schaefer - Plötzlich so nah

Oda Schaefer – Plötzlich so nah

„Der Weg zurück ans Licht“

Oda Schaefer – Eine Tür öffnet sich bei Titus Horst

Oda Schaefer – Ein Irdisches Geleit – Zuhause bei Oda Schaefer

Neuerscheinung... was für ein tolles Wort für Oda Schaefer 2012

Neuerscheinung… was für ein tolles Wort für Oda Schaefer 2012

„Das Finale“

Eilmeldung – Oda Schaefer wird wieder verlegt

Der Kreis schließt sich in München

Oda Schaefer- DAS FINALE

Oda Schaefer- DAS FINALE

Kenny und der Drache – Tony DiTerlizzi über wahre Freundschaft

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi

Wie kommt man nur dazu, unmittelbar nach Buchvorstellungen zu Ernst Jüngers In Stahlgewittern und Der bleiche König von David Foster Wallace sein schreibendes und lesendes Herz an ein Kinderbuch zu verlieren? Wie kommt es, dass man plötzlich ergriffen vor einem Werk steht, das einen in einer Dimension gefangen nimmt, die man dieser Geschichte nicht zugetraut hätte? Ja, wie kommt es, dass man sich in Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi aus dem Hause CBJ verliebt… und das mit Bloggerhaut und Bloggerhaaren?

Eigentlich ist das schnell erklärt. Wenn man für einen Vorleseabend im Kinderheim St. Alban die geeignete Kinderbuch-Lektüre (6 bis 10 Jahre) sucht und der Empfehlung von Dr. Renate Grubert, der Pressechefin von CBJ folgt, dann kann es passieren, dass man einem völlig unfassbaren Lebensbuch in die weit geöffneten Seiten läuft. Also, es ist eigentlich ganz einfach.

Und wenn dann noch der Name des selbst illustrierenden Autors mit Wucht ins literarische Kontor schlägt, dann ist es um den geneigten Blogger geschehen. Tony DiTerlizzi ist alles andere als ein Unbekannter. Er lebt als freier Autor, Illustrator und Filmemacher in Massachusetts. Seine fantastischen Bilder zieren unter anderem die Werke J. R. R. Tolkiens und Peter S. Beagles. Zum Kinderbuchbestseller-Autor wurde er durch seine zusammen mit Holly Black verfasste Kinderbuchserie „Die Spiderwick-Geheimnisse“. Und nun erzählt er einem alten Fantasyhasen eine Kaninchengeschichte… und illustriert sie auch noch selbst in seinem unnachahmlichen Stil!

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi - Ein belesener Hase

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi – Ein belesenes Kaninchen

„Kenny und der Drache“ – so heißt das kleine Meisterwerk aus der großen Schreib- und Zeichenfeder von Tony DiTerlizzi und es ist fürwahr ein Buch für Menschen jeden Alters, aber eben doch ganz besonders eines für die kleinen und jungen Leser unter uns. Selbst lesen und vorgelesen bekommen, beides führt uns sehr schnell nach Rundbach, jenem kleinen kreisförmig angelegten Städtchen durch dessen Mitte ein kleiner Bach fließt. Idyllisch eben…

Stell dir nun einfach mal vor, du bist ein Kaninchen… Ein sehr junges und belesenes Kaninchen namens Kenny, das sein Leben noch gänzlich vor sich hat. Du wohnst bei deinen Eltern, die dir ein sorgloses und behütetes Heim schenken und dir Spielraum lassen, die eigene Freiheit und das Abenteuer deines Lebens ganz aktiv erleben zu dürfen. Eine gute Mischung… kaninchenmäßig genial, einfach… tolle Eltern!

Aber dann ändert sich alles, als Kenny`s Vater kreidebleich nach Hause kommt und von einem Drachen berichtet, der sich auf den Weiden der kleinen Kaninchen-Familie herumtreibt und das Leben aller in Gefahr bringt. Kenny jedoch, in gebannter Spannung zwischen Angst und Neugierde, macht sich bewaffnet mit Helm-Topf, Brustharnisch-Pfanne und einem wertvollen Tierlexikon auf den Weg zum geheimnisvollen Fabelwesen.

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi - Ein Drache, der liest...

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi – Ein Drache, der liest…

Die Überraschung jedoch könnte größer nicht sein. Anstatt eines typischen „Wyrms aus der alten Zeit“ findet Kenny einen Drachen vor, der interessanter, freundlicher, belesener und friedlicher nicht sein könnte. Grahame ist selbst eine Lesedrachenratte, spielt gerne Schach, liebt die gute Küche und schreibt Gedichte und obwohl er Feuer spucken kann und eigentlich auch genauso aussieht, wie man sich einen Drachen vorstellt, entwickelt sich zwischen beiden sehr schnell eine gute Freundschaft. Man vertraut einander und auch Kenny`s Eltern schließen den neuen Freund ins Herz.

Es kommt jedoch, wie es kommen muss. Die Nachricht vom Drachen macht die Runde im kleinen Rundbach. Und ebenso schnell verbreiten sich Gerüchte über seine angeblichen Gräueltaten. Der Ruf nach Drachenblut wird immer lauter und der König des großen Tierreiches sieht sich zum Handeln gezwungen und entsendet den edelsten aller Ritter, den größten Drachenjäger aller Zeiten und damit auch seine gefährlichste Waffe, um dem Lindwurm den Garaus zu machen. Es wird eng für Grahame.

In seiner größten Not wendet sich Kenny an seinen besten Freund. Georg der Buchhändler hat das Herz am rechten Fleck unter seinem Dachsfell und er wird wohl wissen, wie man dem Drachen helfen kann. Die Drachenjagd muss verhindert werden. Es geht um Leben und Tod. Was Kenny dann jedoch herausfindet, bringt sein Weltbild ins Wanken. Ausgerechnet Georg ist der vom König erwählte Drachentöter. Als pensionierter Ritter seiner Majestät gilt er noch heute als Legende im Kampf gegen die wilden  Bestien.

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi - Ein ritterlicher Freund...

Kenny und der Drache von Tony DiTerlizzi – Ein ritterlicher Freund…

Kenny wäre jedoch nicht unser Kenny, wenn er sich jetzt als Hasenfuß seinem Kaninchenschicksal ergeben würde. Er kann es nicht zulassen, dass seine beiden besten Freunde in ein tödliches Duell gegeneinander getrieben werden. Kenny denkt sich einen brillanten Plan aus und hofft darauf, dass die große Gemeinsamkeit – das große Band, das sie alle miteinander verbindet – die Liebe zu Büchern und guten Geschichten in der Lage ist das Leben seiner Freunde zu retten. Der große Schwindel beginnt!

Tony DiTerlizzi schreibt über die Magie und den Wert der wahren Freundschaft. Sie beweist sich nicht nur im Alltag, sondern ganz besonders in Zeiten der Not. Und oft sind es die Kleinsten, die zu Großem geboren sind, da ihre Herzen mutiger sind, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Liebevoll illustriert und ebenso bildgewaltig erzählt entführt uns der Autor in ein kleines Fantasiereich und die Lehren, die Groß und Klein aus „Kenny und der Drache“ ziehen können, sind tragfähig und wertvoll.

Verurteile niemanden wegen seiner Herkunft, seines Aussehens oder seiner Ansichten. Vertraue nur dir selbst und höre nicht auf die Gerüchte der Anderen. Verschließe dich nicht, sondern öffne dich den Menschen, deren Hilfe du brauchst. Und sei kreativ und erfindungsreich, wenn es darum geht für deine besten Freunde einzustehen. Botschaften, sympathisch in die Handlung eingewoben, die „Kenny und der Drache“ zu einem besonders wertvollen und liebenswerten Buch machen.

Vorlese - Puzzeln in St. Alban - Kenny und der Drache

Vorlese – Puzzeln in St. Alban – Kenny und der Drache

Anlässlich unserer Vorlesenacht im Kinderheim St. Alban konnte ich die ungefilterte Wirkung dieser magischen Geschichte auf Kinder beobachten. Unter der Überschrift Ein Buch ist wie ein Puzzle habe ich nach einigen vorgelesenen Seiten jeweils ein  Puzzle-Steinchen auf den Tisch gelegt und die Kinder zu „Kenny und der Drache“ befragt. Steinchen für Steinchen erst setzte sich ein Bild zusammen und viele der Steinchen passten zu Beginn nicht zusammen. Man muss gut aufpassen, um zu erkennen, wie sich alles fügt und welche Schlüsse man ziehen kann.

Bestechend war, wie schnell die Kinder zu Kenny und dem Drachen Grahame Vertrauen fassten und beide in ihr Herz schlossen. Zu keinem Zeitpunkt spürte ich die Befürchtung, die Geschichte könnte schlecht ausgehen. Zu groß war das Vertrauen zu Kenny und zu klar sind die Charaktere gezeichnet, als dass Missverständnisse aufkommen könnten. Spannung und ungläubiges Staunen begleiteten die Geschichte – völlig gebannt vom Geschehen folgten Groß und Klein den verschlungenen Wegen durch das Reich der Fantasie.

Dieses Buch ist wahrhaft grandios. Es selbst zu entdecken ist auch für den älteren Fantasy-Liebhaber ein Genuss. Es aber gemeinsam mit jungen Lesern zu erleben ist ein wahres Privileg. „Kenny und der Drache“ ist das perfekte Geschenk für Kinder, die als Leser und Zuhörer ernst genommen werden wollen, spannend erzählte Texte lieben und grandiose Illustrationen nicht nur als Beiwerk verstehen. Sie öffnen eine ganz eigene Tür in die Welt der Fantasie! Lesen und Vorlesen! Unbedingt!

Bücher helfen Lachen machen - Lachen Helfen Bären ebenso

Bücher helfen Lachen machen – „Lachen Helfen e.V.“-Bären ebenso

„Der bleiche König“ von David Foster Wallace hält Hof in Deutschland

David Foster Wallace - Der bleiche König

David Foster Wallace – Der bleiche König

ENDLICH IST ES SOWEIT! Die deutsche Fassung des letzten Romans aus der Feder von David Foster Wallace „The Pale King ist ab dem 7. November 2013 in Deutschland verfügbar. Unendliche Stunden hat der geniale Übersetzer und Foster Wallace-Kenner Ulrich Blumenbach damit verbracht, das Romanfragment aus dem Nachlass des legendären Schriftstellers für uns lesbar zu machen und als Der bleiche König“ erscheint der Roman im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Und nun hält „Der bleiche König“ Hof in Deutschland. Sein Erscheinen wird vom Verlags-Hofstaat und dem königlichen Übersetzer weithin in die Lande getragen und die Botschaft dringt sehr vernehmlich durch den Blätterwald. Benötigte man früher Herolde, um die Ankunft eines Königs zu verkünden, so bedient sich die bleiche Monarchie völlig neuer dynastischer Methoden.

Eine eigens erstellte Facebook-Seite wartet auf die treuen Vasallen und ab dem 20. Oktober beginnt ein Social Reading-Event der besonderen Art im Internet. Es handelt sich hierbei um eine kollektive, öffentliche Lektüre von »Der bleiche König«, mit Autoren und David Foster Wallace-Kennern wie Rabea Edel, Elmar Krekeler, Clemens Setz, Stefan Mesch, Hilmar Schmundt, Guido Graf und Ulrich Blumenbach.

David Foszer Wallace - Der bleiche König - Hier geht es zum großen Lesen

David Foster Wallace – Der bleiche König – Hier geht es zum großen Lesen

Auch unsere individuelle Annäherung könnt ihr in einzelnen Lese-Impressionen, die wir in regelmäßigen Abständen unter einem Beitrag zu David Foster Wallace auf unserer Literatwo-Facebook-Seite bündeln, selbst nachempfinden. Von der Geschwindigkeit des Lesens über einen verschwitzten Protagonisten bis hin zu einer Reflexion über die fiktionalen Aspekte eines Vorwortes, das erst nach dem achten Kapitel im Roman auftaucht.

Mit einem Klick zur Lesereise

Mit einem Klick zu unseren Lesereise-Impressionen

„Der bleiche König“ (orig. The Pale King) – der literarische Gegenentwurf zu Der unendliche Spaß steht nun kurz davor, die weit tragende Botschaft des großen amerikanischen Gegenwartsautors auch bei uns von Haus zu Haus zu tragen. Es ist jener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom depressiven Leidensdruck seiner Krankheit und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand. XENOS

Es ist jener David Foster Wallace, der Literatwo durch ein kleines Kapitel über den Diebstahl eines künstlichen Außenherzens zu ewigem „Unendlichen Spaß“ miteinander verband. Er war ein Schriftsteller, der es vermochte in den unscheinbarsten Momenten eines Romans Wortgewalten zu entwickeln, die in ihrer Dimension und Bildkraft einzigartig waren und sind.

Ein fragmentarischer Roman und eine bewegende Frage... The Pale King

Ein fragmentarischer Roman und ein verwehrter Preis… The Pale King

Es ist jener David Foster Wallace, dem man im Jahr 2012 den Pulitzer-Preis verwehrte, was uns zu einer emotionalen Kolumne veranlasste. Damit diese Jury-Ignoranz nicht so ganz ins Gewicht fiel, hat man den Preis in besagtem Jahr in der Kategorie „Fiction“ einfach nicht vergeben. Eine vertane Chance und ein ewig dunkler Fleck auf der weißen Weste dieses Preises.

Es ist jener David Foster Wallace, der bei Auftragsarbeiten immer wieder eigene Wege ging und sowohl in Fragen des Hummerverzehrs, als auch des Spaßfaktors bei Kreuzfahrten völlig von der gewerblichen Vorstellung der zahlungskräftigen Auftraggeber abwich. Sich selbst blieb er dabei immer treu – das haben ihm seine Leser nie vergessen. Und es ist jener Schriftsteller, dessen Romane und Kurzgeschichten uns seit Jahren begleiten. Über die Artikelbilder kommt man sofort zur entsprechenden Buchvorstellung von Literatwo. Ein ganzer Foster Wallace-Kosmos ist so entstanden.

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat... Zwei Leben

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat… Zwei Leben

Nun folgt dem „Unendlichen Spaß“ mit dem „Bleichen König“ die unendliche Langeweile. Wo vormals Unterhaltungspatronen den Atem raubten und Tennisspieler an ihrer spannenden Laufbahn feilten, da stellt nun die schleichende Sachbearbeitung in einer Steuerbehörde das ultimative Stilmittel zur Entschleunigung des Leserwillens dar. Und das ist bei David Foster Wallace alles andere als langweilig.

Er hinterließ seine Frau, zwei Hunde und eine Garage voller Manuskript-Fragmente, die erst nach umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine letzten Worte als Schriftsteller – es sind gewaltige Worte und stellen ein großes literarisches Vermächtnis dar. In Amerika avancierte „The Pale King“ zum viel bejubelten Bestseller und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker streckten reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace - The Viking Poem - Ein Wikingergedicht

David Foster Wallace – The Viking Poem – Ein Wikingergedicht

Öffnen nun auch wir unsere Herzen und unseren Verstand für das letzte Buch von David Foster Wallace und erinnern wir uns immer wieder daran, mit welch kleinem Viking Poem die bestechende Karriere eines großen Autors im Alter von sechs Jahren begann.

Erinnern wir uns immer wieder daran, mit welchen Worten er bei seiner Abschlussrede Das hier ist Wasser den anwesenden Studenten des Kenyon Colleges durch einen fulminanten Perspektivwechsel ins Gewissen und ins Leben redete. Erinnern wir uns einfach…

Und im Erinnern dürfen wir seinem Ratschlag aus Good Old Neon gerne folgen. Er hat sich auch nie dafür geschämt:

 „Weinen sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken - David Foster Wallace

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – David Foster Wallace

Das letzte Kapitel seines Schaffens ist wahrhaft königlich und verdient alle Aufmerksamkeit. Der bleiche König wird mit Sicherheit polarisieren und spalten, zu Diskussionen anregen und für Kopfschütteln oder Begeisterung sorgen… Was will man mehr erwarten von einem Roman? Folgt seinem Hofstaat bei der Live-Lesung ab dem 20. Oktober und macht euch wenige Tage vor dem Verkaufsstart des Romans selbst ein Bild von dessen Inhalt. Diese Chance sollte man David Foster Wallace auch heute noch geben.

„Der bleiche König“ strahlt heller als je zuvor. Er ist nicht so bleich, wie man es vermuten könnte. Wir bekennen uns zu dieser Monarchie des Geistes und tragen die königlichen Fahnen vor uns her. Und auch wir werden uns zuschalten, wenn aus seinem neuen Buch gelesen wird. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen.

David Foster Wallace - Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

Oft fragen wir uns in diesen Tagen, was David wohl selbst von dem ganzen „Rummel“ gehalten hätte. Vielleicht wäre er ja auch gar nicht mit der Veröffentlichung seines fragmentarischen Manuskriptes als Buch einverstanden gewesen, weil er „The Pale King“ für unvollendet hielt.

Vielleicht hätte ihn der Zweifel am Erfolg seines Romans und an der Tragfähigkeit seiner Worte sogar wieder tiefer in die bestehenden Depressionen getrieben. Vielleicht hätte er sich tief in seiner Garage vergraben und bis zum letzten Moment im Feinschliff, markiert durch Smileys und Haftnotizen, seinem Werk die letzten Falten geglättet.

Vielleicht… wir werden es nie erfahren!

foster wallace header final4

Alles ist grün… faszinierende Kurzgeschichten aus der Feder von DFW

Im eigentlichen Sinne jedoch sind wir fest davon überzeugt, dass er sich riesig darüber gefreut hätte, auch fünf Jahre nach seinem Selbstmord nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Denn nur, wer keine Zeichen hinterlässt, läuft Gefahr aus der kollektiven Erinnerung zu verschwinden.

Genau an dieser Stelle gilt unser Wort: Immer im Herzen – immer im Sinn – unendlicher Spaß – unendliches Lesen… und sehr weit darüber hinaus. Danke David!

foster wallace hummer4

Das hatte man sich anders vorgestellt… Am Beispiel des Hummers

Nun aber raus mit uns auf den medialen Roten Teppich und verneigt euch, um seiner bleichen Majestät zu huldigen. Verfolgt die öffentliche Lektüre. Diskutiert mit, kommentiert und lasst euch einfach überraschen, was Kiepenheuer & Witsch für den „Bleichen König“ in der literarischen Schatzkammer hat.

foster wallace spacer bleicher könig

Editorischer Nachtrag:

Der wohl magischste Moment im Leben eines Bloggers ist dann gekommen, wenn aus der Druckfahne eines Romans ein Buch wird und wenn sich alles zusammenfügt, was vorher aus losen Blättern bestand. Der bleiche König ist eine Augenweide…. Da hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch unserem David auch in Sachen Buchqualität ein Denkmal gesetzt. Es ist da und es ist ein Gesamtkunstwerk. Zur Rezension.

Ein Denkmal... und mehr als das...

Ein Denkmal… und mehr als das… Zur Rezension mit einem Klick

„In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger – Ein historisch kritischer Doppelschuber

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Buchmesse-Highlight 2013

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Buchmesse-Highlight 2013

Bald schon schreiben wir das Jahr 2014 und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegt dann genau 100 Jahre zurück. Mit ihm begann das Zeitalter der großen Kriege, die in ihrer Dimension nicht nur Europa zermalmten. Zeitzeugen leben nicht mehr und so müssen wir uns heute auf schriftliche Überlieferungen verlassen, die von der Kriegseuphorie und den unmittelbaren Folgen des ersten industriell geführten Zermürbungskrieges berichten. Materialschlachten fanden in den weit verzweigten Schützengräben statt. Der einzelne Mensch war zum Kanonenfutter verkommen.

Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, dann sprechen wir im historischen Sinne nicht mehr von Zeitgeschichte. Der Erste Weltkrieg ist also endgültig ins Reich der Geschichte gerückt und doch bewegt er noch heute. Wie konnte man nur für Kaiser und Vaterland in einen solchen Krieg ziehen? Und vor allem, wie konnte man dies nur wenige Jahre später – nun für Führer und Vaterland – ebenso enthusiastisch wiederholen?

Wer dies annährend verstehen will, der muss lesen. Zum Beispiel im „Kriegstagebuch“ des großen deutschen Schriftstellers Ernst Jünger, der seine eigenen Kriegserlebnisse an der französischen Front akribisch festgehalten hat. Jünger war hier der große Diarist eines Krieges.

Dieses Tagebuch liegt bis heute in unveränderter Fassung vor – sein Roman „In Stahlgewittern“ jedoch, für den das Tagebuch die Urmutter der Ideen war, wurde von Ernst Jünger persönlich bis in das Jahr 1978 immer wieder überarbeitet. Zeichen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen aus den Jahren 1914 – 1918… Erinnerungen, die nie verblassten.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Die Erstausgabe

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Die Erstausgabe

Vom Kriegstagebuch zum Roman:

In seinem Kriegstagebuch beschreibt Jünger seine Tage in den Schützengräben im umkämpften Frankreich des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918. Sachlich und nahezu emotionslos. Soldatenalltag und die Banalitäten des Kriegslebens bilden den Rahmen der Beschreibungen. Auch das Töten selbst gerät zur Banalität. Sein schneller Aufstieg zum Offizier ist den hohen Verlustraten des Gefechts geschuldet. Der Krieg tobt vier Jahre lang.

Und Jünger schreibt und schreibt und schreibt. Seine Sichtweise auf den allgegenwärtigen Tod, auf Verlust und Angst lassen klar werden, was die jahrelange Zermürbung aus einem jungen Menschen machen kann. Abstumpfung und Verlust von Ethik und Gefühl können klare Folgen des Kampfes sein – eines Kampfes der um des Kampfes Willen gefochten wird.

Und doch finden wir hier erstaunlicherweise nichts anderes als den Rohstoff für Jüngers spätere Werke.

Den Extrakt der Erlebnisse bildet das Kriegstagebuch und bereits zwei Jahre später kämpft Jünger mit allen Mitteln dafür, dem Sterben und den unzähligen Toten doch noch einen Sinn zu geben. Ein verlorener Krieg war unerträglich genug – verlorene Schicksale und ein verlorenes Leben wollte und konnte Jünger nicht riskieren. “In Stahlgewittern” (erschienen 1920) kann man dies nachlesen, aufspüren und fühlen. Jüngers Blick zurück war mit den frischen Erlebnissen aus seinen Lebensprotokollen unglaublich geschärft und für Außenstehende mehr als greifbar.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Bücherdialog

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Bücherdialog

Jüngers „Kriegstagebuch“ und sein Roman „In Stahlgewittern“ zählen heute zu den großen Werken der Anti-Kriegsliteratur. Jünger verherrlicht nicht, er schildert. Schonungslos und auch im Abstand einiger Jahre zum Krieg findet sich kaum Pathos in seinem Gesamtwerk. Weitgehend unpolitisch kommen seine Bücher daher und ganz besonders sein Roman könnte auf jedem Schlachtfeld der Welt angesiedelt sein. Der Mensch im Krieg… die erzeugten Bilder schrecken ab und zeigen die brutale und unkalkulierbare Gewalt der Schlachten… des Schlachtens.

Jünger ist Publizist aber kein Bellizist. Das zeigt sich ganz besonders daran, dass ihm seine Erlebnisse als Soldat niemals ruhen ließen.  In mehreren Fassungen hat er „In Stahlgewittern“ seit der Erstausgabe überarbeitet und mit immer neuen Vorworten versehen. Er hat immer wieder versucht, seinen Roman in die veränderten sozio-politischen Rahmenbedingungen einzubetten und reagierte auf alle erdenklichen Einflüsse der unterschiedlichen Epochen: den Nationalsozialismus, den verlorenen Zweiten Weltkrieg, die Deutsche Teilung, die Friedensbewegung und aufziehenden Pazifismus sowie den Kalten Krieg.

„In Stahlgewittern“ ist ein in jeder Hinsicht dynamischer Roman, der in seinen Veränderungen die fast schon verzweifelte Bemühung Jüngers wiedergibt, nicht falsch verstanden werden zu wollen. Jüngers Werk ruft nicht zu den Waffen. Ganz im Gegenteil, egal was ihm Kritiker oder Machthaber unterstellen wollten. Er ließ sich nicht instrumentalisieren, sondern entfernte nationalistische Zeilen genau in der Zeit, in der diese Gesinnung am Lautesten um sich Griff. Jünger kämpfte für die Botschaft seines Romans: Nie wieder Krieg!

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Zur Methodik der „Stahlgewitter“ Schuber-Ausgabe

Dieser dynamischen Anpassung Jüngers widmet sich die „Historisch kritische Ausgabe“ in zwei gebundenen Büchern aus dem Hause Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel. So findet man im ersten Buch die Erstausgabe des Romans aus dem Jahr 1920 auf der linken Buchseite, der dann die Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1978 auf der rechten Buchseite gegenüber gestellt wird.

Diese präzise Methodik ermöglicht schon auf den ersten Blick das Herausstellen der Unterschiede beider Ausgaben. In unterschiedlichen Textfarben werden dann sogar die Jahre der Veränderungen deutlich erkennbar und schnell erschließen sich dem Leser die Zusammenhänge mit der Veröffentlichung des Romans nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zusätzlich sind die Seitenzahlen von einzelnen Textpassagen angegeben, die im Kriegstagebuch fast wörtlich auftauchen und so kommen Roman und Tagebuch in einen intensiven und spannenden Dialog.

Der zweite Band der Prachtausgabe beinhaltet editorische Hinweise, das Variantenverzeichnis des Romans, Erläuterungen und Karten, Skizzen und Bilder der handschriftlichen Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die als Recherche-Grundlage für den Herausgeber dienten. Ein derart komplexes Epochengemälde der Veränderung eines Romans, der auf einem Tagebuch basiert, hatte ich zuvor noch nie in Händen. Ein in seiner Komplexität mehr als beeindruckendes Werk.

in stahlgewittern ernst jünger spacer

Die Lektüre dieser ausführlichen Ausgabe zeigt ein völlig neues Bild des bis zu seinem Tod im Jahre 1998 eher abgeklärt wirkenden Schriftstellers Ernst Jünger. Er war selbst hitziges und kaltblütiges Opfer des Krieges. Er versank selbst in den tiefen Abgründen der hoffnungslosen Kriegswirren und empfand das eigene Überleben lediglich als Zufall. Mit zunehmendem Alter schleichen sich Landschaftsbeschreibungen und atmosphärische Details in die Schlussfassung. Eine Versöhnung mit dem Krieg ist das nicht – eher der Versuch, dem Stakkato der Waffen einen zumeist persönlichen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

Literatwo hat sich in besonderer Weise mit Ernst Jünger beschäftigt und einen Vergleich zwischen seinem Kriegstagebuch und den Berichten Deutscher Soldaten, die über den Afghanistan-Einsatz geschrieben haben, gezogen. Hier geht es direkt zum Doublefeature: Eine Jugend im Krieg. Ein Blick auf unsere unterschiedlichen Perspektiven lohnt sich.

Die Unkalkulierbarkeit des Krieges bringt Ernst Jünger eindrucksvoll durch die kleine Erweiterung eines Satzes aus dem Lehrgedicht des Terentianus Maurus auf den Punkt: Bücher haben Schicksale… Kugeln ebenso! 

Habent sua fata libelli et balli

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Zuletzt noch zwei wichtige Leseempfehlungen von Literatwo. Diese Herzensbücher aus unserer mehr als reichhaltigen Bibliothek beschäftigen sich einfühlsam und emotional mit dem großen Thema „Liebe in Zeiten des Krieges“ und spielen in den Wirren des Ersten Weltkrieges.

John Boyne mit Das späte Geständnis des Tristan Sadlerund Louisa Young mit Eins wollt ich dir noch sagen„.

Im nächsten Jahr freuen wir uns bereits jetzt schon darauf, euch Elisabeth Büchles Trilogie zum Ersten Weltkrieg komplett vorstellen zu dürfen. Die Romane „Himmel über fremdem Land“ und „Sturmwolken am Horizont“ sind bereits in diesem Jahr erschienen. Wir können es kaum erwarten, bis auch Teil 3 in unserer Villa Einzug gehalten hat!

Vorfreude auf das Jahr 2014... Eine Trilogie wird vollendet

Vorfreude auf das Jahr 2014… Eine Trilogie wird vollendet

Wer gerne erleben möchte, wie Ernst Jünger 18 Jahre nach diesem monströsen Krieg eine Kreuzfahrt nach Brasilien verarbeitet hat, dem sei Atlantische Fahrt ans Herz gelegt. Literatwo war mit an Bord und hat den Schriftsteller von einer ganz anderen Seite erlebt.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

„Ich war ein Glückskind“ – Marion Charles auf der Flucht vor den Nazis

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – was für ein schöner und glücklich anmutender Buchtitel aus dem Hause CBJ! Wer kann schon von sich behaupten, in der Rückschau auf das eigenen Leben genau bei diesem Begriff zu enden, der alles erklärt, alles bezeichnet und keine Frage offen lässt? Und doch wird der Kontext des Titels schnell klar – das Cover spricht eine deutliche Sprache.

Dunkle Gleise ins Nirgendwo, ein unbeschwert dreinblickendes junges Mädchen und dann der grausame Hammerschlag eines dunklen Untertitels „Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport“. Glück definiert sich für Marion Charles anders. Das war Bianca und mir schon klar, als wir uns das Buch gemeinsam aussuchten.

Gegen das Vergessen des Holocaust lesen wir – gegen dieses Vergessen schreiben wir und so denken wir auch in unsere Tage hinein, wenn wir erkennen, dass sich Vergangenes zu wiederholen scheint. Glück war damals relativ. Es bedeutete manchmal nur das nackte Überleben. Das wissen wir seit Eva Mozes Kors Buch Ich habe den Todesengel überlebt – in den Zeiten der Nazi-Herrschaft schrieb man Glück sehr klein und mit einer gehörigen Portion negativem Beigeschmack. Denn Glück ging Hand in Hand mit Verlust.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Spurensuche

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Spurensuche

Marion Charles war gerade einmal 11 Jahre alt, als sie ihre Eltern und ihre geliebte Heimatstadt Berlin verlassen musste. Ein Spielzeug durfte sie mitnehmen und nur die allernotwendigste Kleidung. Nicht viel für ein junges Leben. Sie durfte sich nicht verabschieden auf dem Bahnhof. Unauffällig hatte die Abreise erfolgen. Aufsehen sollte man keinesfalls erregen. Nur der Vater durfte seine Tochter zum Abschied begleiten. Ein Abschied für wie lange? Diese Frage schwebte wie ein Damoklesschwert über der kleinen Familie.

Am 4. Juli 1939 verließ die Jüdin Marion Charles Berlin in einem Kindertransport. Unter den aus Nazi-Sicht „normalen“ Fahrgästen befanden sich viele jüdische Kinder und Jugendliche, die im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion einflussreicher britischer Kreise aus Deutschland evakuiert wurden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und vor dem unfassbaren Höhepunkt der Judenverfolgung eine der letzten offenen Türen ins Ausland. Marion gehörte zu diesen Glückskindern.

Allerdings, der Preis für dieses Glück war unsäglich hoch. In ihrem Lebenszeugnis beschreibt Marion Charles anhand ihres Tagebuches und ihrer sehr persönlichen Kommentare aus heutiger Sicht ihre Ängste, Sorgen, das Gefühl der Verlorenheit und die ständige Angst um die geliebten Eltern, die in einem Land zurückbleiben mussten, das sich zum tödlichen Amboss für die jüdische Bevölkerung entwickeln sollte.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Ein Denkmal

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Ein Denkmal

Unvergessen sind die Kindertransporte im Britischen Königreich. Ganze Dörfer hatten gesammelt, um die Kost und Logis für die Flüchtlingskinder aufzubringen. Mehr als 10000 jüdische Mädchen und Jungen fanden eine neue Heimat. Die Nazis hatten einen perfiden Plan. Sie wollten zunächst den Osten (Polen) erobern und streuten den Westmächten durch das Zugeständnis zu diesen Transporten Sand in die ach so blinden Augen!

Glückskinder… sollte man meinen. Und doch kamen sie aus einem Land, in dem sie sich verfolgt fühlten, in dem die täglichen Übergriffe auf Juden dramatischer wurden, in dem jüdische Blinde bald schon keine Blindenbinde mehr tragen durften (wie perfide… wie niederträchtig… wie sollte man auf Blinde aufpassen? Man stelle sich das alleine mal vor!) – aus einem Land, in dem die Vernichtung jüdischen Lebens bald an der Tagesordnung war.

Ebendiese geretteten Kinder kamen in ein Land an der Schwelle zum Krieg. Hier waren sie Deutsche… primär Feinde und erst beim tiefen Blick hinter die Kulissen ihres Lebens erschloss sich der Grund ihrer Anwesenheit. Marion Charles beschreibt dieses England – ihre neue Heimat – ihre neuen Gastfamilien – sehr differenziert. Viele handelten selbstlos und wurden zu Helden der Menschlichkeit, andere versuchten sich der jüdischen Kinder zu bedienen.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles  - Hoffen und Bangen

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Hoffen und Bangen

Dieses Buch ist mehr als lesenswert. Es ist auf jeder Seite bewegend und wirft Fragen auf, die wir heute nicht beantworten können. Emotional arbeitet und wühlt man sich durch die Lebensaufzeichnungen eines Mädchens, das sich zwar in Sicherheit wähnt, aber vor Sorge um die eigenen Eltern fast stirbt.

Das Buch bringt Erinnerungen zutage, die auch bei uns noch sehr präsent sind. „The King`s Speech, vielen durch einen grandiosen Film ein Begriff, in der jener stotternde König von England den Krieg gegen Deutschland ausruft, seine Untertanen zusammenschweißt und ihnen den Sieg verspricht. Auf Marion wirkte diese Rede wie ein Desaster. Ihre Eltern waren jetzt nicht nur von den Nazis bedroht, sondern auch mitten im Krieg.

Wir erinnern uns an die Rede der jungen Prinzessin Elisabeth, die allen Kindern, die ihr Heim und ihre Familie verloren haben, eine neue Heimat verspricht. Eine Rede, die sie bereits in jungen Jahren zur Legende werden ließ. Eine unvergessene Rede, die für Marion Charles neue Hoffnung transportierte. Beide Zeitzeugen von einst leben noch. Marion schreibt, Elisabeth regiert.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Wir haben dieses Buch gemeinsam gelesen. Wir Literatwos haben uns mit Tan Ja und Petra zwei Leser ins Boot geholt, die den schweren Weg mit uns gehen wollten. Uns ist vieles gemeinsam widerfahren beim Lesen. Wir wurden wütend auf die Unterdrücker, wir litten mit der jungen Marion und wir verfolgten ihren schweren Weg von Familie zu Familie. Hier kommt ihr mit nur einem Klick zu den Statements unserer Weggefährten dieser Lesereise.

Wir hielten es für unmöglich, mit nur 25 Worten mit unseren Eltern schreiben zu dürfen – das war die Regel, die das Rote Kreuz mit den Machthabern ausgehandelt hatte. Lange vor Twitter galt es sich hier auf das Lebenswichtige zu beschränken. Wir haben geflucht, geheult und gehofft. Bis zuletzt. Für uns war und ist Marion Charles ein Glückskind, das einen hohen Preis für dieses kleine individuelle Glück gezahlt hat. Sie hat viel verloren in diesem Krieg… fast alles und trotzdem ist ihr Buch ein großes Werk der Hoffnung und Größe.

Wer diese Größe hat, sich selbst nach diesem schweren Weg als Glückskind zu bezeichnen, der hat dem Bösen ins Auge geschaut und ist wie Phoenix aus der Asche in unsere moderne Zeit aufgestanden. Wir sollten uns erheben, um Marion Charles in die Augen zu schauen. Ihre Größe ist nicht nur literarischer Natur. Sie macht uns zu Glückskindern, wenn wir ihre Zeilen lesen dürfen… und wir sind die Lernenden von heute.

Ich war ein Glückskind - Mit einem Klick zu den Meinungen

Ich war ein Glückskind – Mit einem Klick zu den Meinungen

„Ich war ein Glückskind“ erschließt sich in seiner erzählerischen Wucht jedem Menschen, dessen Herz ohne Vorurteile und freiheitsliebend schlägt. Ganz besonderes jedoch bewegt es den Leser, wenn er sich auf einen Perspektivwechsel einlässt. Wir haben dies gewagt und in der Betrachtung unserer eigenen Situation losgelöst von jeglicher geschichtlicher Einordnung viel nachgedacht.

Ich als Vater einer jungen Tochter kann mir wohl vorstellen, dass ihr Überleben in solchen Zeiten das höchste aller Ziele darstellen würde. Diese Trennung jedoch ist in ihrer Dimension nicht zu überbieten. Ohne Abschied und ohne die grundlegende Hoffnung eines schnellen Wiedersehens glaube ich nicht, dass ich die Kraft zum Loslassen hätte. Das Bild eines Mädchens am Bahnhof auf dem Weg ins Ungewisse würde eine lebenslange Wunde schlagen… und diese hat Marions Vater auch nicht verkraftet.

Bianca in ihrer besonderen Beziehung zu ihren Eltern würde sich auch nicht abreisend am Bahnsteig sehen. Sie würde um ihr Bleiben kämpfen und dem Schicksal die Stirn bieten. Das Bild des zurückbleibenden Vaters würde eine lebenslange Wunde in ihr hinterlassen, die zum unheilbaren Wegbegleiter aufwachsen würde.  Zu gewaltig und schmerzhaft wäre dieser Einschnitt – zu endgültig diese Trennung.

Wir hoffen bei Gott, niemals eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Keine Ahnung, ob wir stark genug wären…

glückskind finalbild