„Ich war ein Glückskind“ – Marion Charles auf der Flucht vor den Nazis

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – was für ein schöner und glücklich anmutender Buchtitel aus dem Hause CBJ! Wer kann schon von sich behaupten, in der Rückschau auf das eigenen Leben genau bei diesem Begriff zu enden, der alles erklärt, alles bezeichnet und keine Frage offen lässt? Und doch wird der Kontext des Titels schnell klar – das Cover spricht eine deutliche Sprache.

Dunkle Gleise ins Nirgendwo, ein unbeschwert dreinblickendes junges Mädchen und dann der grausame Hammerschlag eines dunklen Untertitels „Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport“. Glück definiert sich für Marion Charles anders. Das war Bianca und mir schon klar, als wir uns das Buch gemeinsam aussuchten.

Gegen das Vergessen des Holocaust lesen wir – gegen dieses Vergessen schreiben wir und so denken wir auch in unsere Tage hinein, wenn wir erkennen, dass sich Vergangenes zu wiederholen scheint. Glück war damals relativ. Es bedeutete manchmal nur das nackte Überleben. Das wissen wir seit Eva Mozes Kors Buch Ich habe den Todesengel überlebt – in den Zeiten der Nazi-Herrschaft schrieb man Glück sehr klein und mit einer gehörigen Portion negativem Beigeschmack. Denn Glück ging Hand in Hand mit Verlust.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Spurensuche

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Spurensuche

Marion Charles war gerade einmal 11 Jahre alt, als sie ihre Eltern und ihre geliebte Heimatstadt Berlin verlassen musste. Ein Spielzeug durfte sie mitnehmen und nur die allernotwendigste Kleidung. Nicht viel für ein junges Leben. Sie durfte sich nicht verabschieden auf dem Bahnhof. Unauffällig hatte die Abreise erfolgen. Aufsehen sollte man keinesfalls erregen. Nur der Vater durfte seine Tochter zum Abschied begleiten. Ein Abschied für wie lange? Diese Frage schwebte wie ein Damoklesschwert über der kleinen Familie.

Am 4. Juli 1939 verließ die Jüdin Marion Charles Berlin in einem Kindertransport. Unter den aus Nazi-Sicht „normalen“ Fahrgästen befanden sich viele jüdische Kinder und Jugendliche, die im Rahmen einer beispiellosen Rettungsaktion einflussreicher britischer Kreise aus Deutschland evakuiert wurden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und vor dem unfassbaren Höhepunkt der Judenverfolgung eine der letzten offenen Türen ins Ausland. Marion gehörte zu diesen Glückskindern.

Allerdings, der Preis für dieses Glück war unsäglich hoch. In ihrem Lebenszeugnis beschreibt Marion Charles anhand ihres Tagebuches und ihrer sehr persönlichen Kommentare aus heutiger Sicht ihre Ängste, Sorgen, das Gefühl der Verlorenheit und die ständige Angst um die geliebten Eltern, die in einem Land zurückbleiben mussten, das sich zum tödlichen Amboss für die jüdische Bevölkerung entwickeln sollte.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Ein Denkmal

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Ein Denkmal

Unvergessen sind die Kindertransporte im Britischen Königreich. Ganze Dörfer hatten gesammelt, um die Kost und Logis für die Flüchtlingskinder aufzubringen. Mehr als 10000 jüdische Mädchen und Jungen fanden eine neue Heimat. Die Nazis hatten einen perfiden Plan. Sie wollten zunächst den Osten (Polen) erobern und streuten den Westmächten durch das Zugeständnis zu diesen Transporten Sand in die ach so blinden Augen!

Glückskinder… sollte man meinen. Und doch kamen sie aus einem Land, in dem sie sich verfolgt fühlten, in dem die täglichen Übergriffe auf Juden dramatischer wurden, in dem jüdische Blinde bald schon keine Blindenbinde mehr tragen durften (wie perfide… wie niederträchtig… wie sollte man auf Blinde aufpassen? Man stelle sich das alleine mal vor!) – aus einem Land, in dem die Vernichtung jüdischen Lebens bald an der Tagesordnung war.

Ebendiese geretteten Kinder kamen in ein Land an der Schwelle zum Krieg. Hier waren sie Deutsche… primär Feinde und erst beim tiefen Blick hinter die Kulissen ihres Lebens erschloss sich der Grund ihrer Anwesenheit. Marion Charles beschreibt dieses England – ihre neue Heimat – ihre neuen Gastfamilien – sehr differenziert. Viele handelten selbstlos und wurden zu Helden der Menschlichkeit, andere versuchten sich der jüdischen Kinder zu bedienen.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles  - Hoffen und Bangen

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Hoffen und Bangen

Dieses Buch ist mehr als lesenswert. Es ist auf jeder Seite bewegend und wirft Fragen auf, die wir heute nicht beantworten können. Emotional arbeitet und wühlt man sich durch die Lebensaufzeichnungen eines Mädchens, das sich zwar in Sicherheit wähnt, aber vor Sorge um die eigenen Eltern fast stirbt.

Das Buch bringt Erinnerungen zutage, die auch bei uns noch sehr präsent sind. „The King`s Speech, vielen durch einen grandiosen Film ein Begriff, in der jener stotternde König von England den Krieg gegen Deutschland ausruft, seine Untertanen zusammenschweißt und ihnen den Sieg verspricht. Auf Marion wirkte diese Rede wie ein Desaster. Ihre Eltern waren jetzt nicht nur von den Nazis bedroht, sondern auch mitten im Krieg.

Wir erinnern uns an die Rede der jungen Prinzessin Elisabeth, die allen Kindern, die ihr Heim und ihre Familie verloren haben, eine neue Heimat verspricht. Eine Rede, die sie bereits in jungen Jahren zur Legende werden ließ. Eine unvergessene Rede, die für Marion Charles neue Hoffnung transportierte. Beide Zeitzeugen von einst leben noch. Marion schreibt, Elisabeth regiert.

Ich war ein Glückskind - Marion Charles - Flucht vor dem Holocaust

Ich war ein Glückskind – Marion Charles – Flucht vor dem Holocaust

Wir haben dieses Buch gemeinsam gelesen. Wir Literatwos haben uns mit Tan Ja und Petra zwei Leser ins Boot geholt, die den schweren Weg mit uns gehen wollten. Uns ist vieles gemeinsam widerfahren beim Lesen. Wir wurden wütend auf die Unterdrücker, wir litten mit der jungen Marion und wir verfolgten ihren schweren Weg von Familie zu Familie. Hier kommt ihr mit nur einem Klick zu den Statements unserer Weggefährten dieser Lesereise.

Wir hielten es für unmöglich, mit nur 25 Worten mit unseren Eltern schreiben zu dürfen – das war die Regel, die das Rote Kreuz mit den Machthabern ausgehandelt hatte. Lange vor Twitter galt es sich hier auf das Lebenswichtige zu beschränken. Wir haben geflucht, geheult und gehofft. Bis zuletzt. Für uns war und ist Marion Charles ein Glückskind, das einen hohen Preis für dieses kleine individuelle Glück gezahlt hat. Sie hat viel verloren in diesem Krieg… fast alles und trotzdem ist ihr Buch ein großes Werk der Hoffnung und Größe.

Wer diese Größe hat, sich selbst nach diesem schweren Weg als Glückskind zu bezeichnen, der hat dem Bösen ins Auge geschaut und ist wie Phoenix aus der Asche in unsere moderne Zeit aufgestanden. Wir sollten uns erheben, um Marion Charles in die Augen zu schauen. Ihre Größe ist nicht nur literarischer Natur. Sie macht uns zu Glückskindern, wenn wir ihre Zeilen lesen dürfen… und wir sind die Lernenden von heute.

Ich war ein Glückskind - Mit einem Klick zu den Meinungen

Ich war ein Glückskind – Mit einem Klick zu den Meinungen

„Ich war ein Glückskind“ erschließt sich in seiner erzählerischen Wucht jedem Menschen, dessen Herz ohne Vorurteile und freiheitsliebend schlägt. Ganz besonderes jedoch bewegt es den Leser, wenn er sich auf einen Perspektivwechsel einlässt. Wir haben dies gewagt und in der Betrachtung unserer eigenen Situation losgelöst von jeglicher geschichtlicher Einordnung viel nachgedacht.

Ich als Vater einer jungen Tochter kann mir wohl vorstellen, dass ihr Überleben in solchen Zeiten das höchste aller Ziele darstellen würde. Diese Trennung jedoch ist in ihrer Dimension nicht zu überbieten. Ohne Abschied und ohne die grundlegende Hoffnung eines schnellen Wiedersehens glaube ich nicht, dass ich die Kraft zum Loslassen hätte. Das Bild eines Mädchens am Bahnhof auf dem Weg ins Ungewisse würde eine lebenslange Wunde schlagen… und diese hat Marions Vater auch nicht verkraftet.

Bianca in ihrer besonderen Beziehung zu ihren Eltern würde sich auch nicht abreisend am Bahnsteig sehen. Sie würde um ihr Bleiben kämpfen und dem Schicksal die Stirn bieten. Das Bild des zurückbleibenden Vaters würde eine lebenslange Wunde in ihr hinterlassen, die zum unheilbaren Wegbegleiter aufwachsen würde.  Zu gewaltig und schmerzhaft wäre dieser Einschnitt – zu endgültig diese Trennung.

Wir hoffen bei Gott, niemals eine solche Entscheidung treffen zu müssen. Keine Ahnung, ob wir stark genug wären…

glückskind finalbild

Advertisements