„In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger – Ein historisch kritischer Doppelschuber

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Buchmesse-Highlight 2013

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Buchmesse-Highlight 2013

Bald schon schreiben wir das Jahr 2014 und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegt dann genau 100 Jahre zurück. Mit ihm begann das Zeitalter der großen Kriege, die in ihrer Dimension nicht nur Europa zermalmten. Zeitzeugen leben nicht mehr und so müssen wir uns heute auf schriftliche Überlieferungen verlassen, die von der Kriegseuphorie und den unmittelbaren Folgen des ersten industriell geführten Zermürbungskrieges berichten. Materialschlachten fanden in den weit verzweigten Schützengräben statt. Der einzelne Mensch war zum Kanonenfutter verkommen.

Wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, dann sprechen wir im historischen Sinne nicht mehr von Zeitgeschichte. Der Erste Weltkrieg ist also endgültig ins Reich der Geschichte gerückt und doch bewegt er noch heute. Wie konnte man nur für Kaiser und Vaterland in einen solchen Krieg ziehen? Und vor allem, wie konnte man dies nur wenige Jahre später – nun für Führer und Vaterland – ebenso enthusiastisch wiederholen?

Wer dies annährend verstehen will, der muss lesen. Zum Beispiel im „Kriegstagebuch“ des großen deutschen Schriftstellers Ernst Jünger, der seine eigenen Kriegserlebnisse an der französischen Front akribisch festgehalten hat. Jünger war hier der große Diarist eines Krieges.

Dieses Tagebuch liegt bis heute in unveränderter Fassung vor – sein Roman „In Stahlgewittern“ jedoch, für den das Tagebuch die Urmutter der Ideen war, wurde von Ernst Jünger persönlich bis in das Jahr 1978 immer wieder überarbeitet. Zeichen einer lebenslangen Auseinandersetzung mit seinen Erinnerungen aus den Jahren 1914 – 1918… Erinnerungen, die nie verblassten.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Die Erstausgabe

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Die Erstausgabe

Vom Kriegstagebuch zum Roman:

In seinem Kriegstagebuch beschreibt Jünger seine Tage in den Schützengräben im umkämpften Frankreich des Ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918. Sachlich und nahezu emotionslos. Soldatenalltag und die Banalitäten des Kriegslebens bilden den Rahmen der Beschreibungen. Auch das Töten selbst gerät zur Banalität. Sein schneller Aufstieg zum Offizier ist den hohen Verlustraten des Gefechts geschuldet. Der Krieg tobt vier Jahre lang.

Und Jünger schreibt und schreibt und schreibt. Seine Sichtweise auf den allgegenwärtigen Tod, auf Verlust und Angst lassen klar werden, was die jahrelange Zermürbung aus einem jungen Menschen machen kann. Abstumpfung und Verlust von Ethik und Gefühl können klare Folgen des Kampfes sein – eines Kampfes der um des Kampfes Willen gefochten wird.

Und doch finden wir hier erstaunlicherweise nichts anderes als den Rohstoff für Jüngers spätere Werke.

Den Extrakt der Erlebnisse bildet das Kriegstagebuch und bereits zwei Jahre später kämpft Jünger mit allen Mitteln dafür, dem Sterben und den unzähligen Toten doch noch einen Sinn zu geben. Ein verlorener Krieg war unerträglich genug – verlorene Schicksale und ein verlorenes Leben wollte und konnte Jünger nicht riskieren. “In Stahlgewittern” (erschienen 1920) kann man dies nachlesen, aufspüren und fühlen. Jüngers Blick zurück war mit den frischen Erlebnissen aus seinen Lebensprotokollen unglaublich geschärft und für Außenstehende mehr als greifbar.

In Stahlgewittern - Ernst Jünger - Bücherdialog

In Stahlgewittern – Ernst Jünger – Bücherdialog

Jüngers „Kriegstagebuch“ und sein Roman „In Stahlgewittern“ zählen heute zu den großen Werken der Anti-Kriegsliteratur. Jünger verherrlicht nicht, er schildert. Schonungslos und auch im Abstand einiger Jahre zum Krieg findet sich kaum Pathos in seinem Gesamtwerk. Weitgehend unpolitisch kommen seine Bücher daher und ganz besonders sein Roman könnte auf jedem Schlachtfeld der Welt angesiedelt sein. Der Mensch im Krieg… die erzeugten Bilder schrecken ab und zeigen die brutale und unkalkulierbare Gewalt der Schlachten… des Schlachtens.

Jünger ist Publizist aber kein Bellizist. Das zeigt sich ganz besonders daran, dass ihm seine Erlebnisse als Soldat niemals ruhen ließen.  In mehreren Fassungen hat er „In Stahlgewittern“ seit der Erstausgabe überarbeitet und mit immer neuen Vorworten versehen. Er hat immer wieder versucht, seinen Roman in die veränderten sozio-politischen Rahmenbedingungen einzubetten und reagierte auf alle erdenklichen Einflüsse der unterschiedlichen Epochen: den Nationalsozialismus, den verlorenen Zweiten Weltkrieg, die Deutsche Teilung, die Friedensbewegung und aufziehenden Pazifismus sowie den Kalten Krieg.

„In Stahlgewittern“ ist ein in jeder Hinsicht dynamischer Roman, der in seinen Veränderungen die fast schon verzweifelte Bemühung Jüngers wiedergibt, nicht falsch verstanden werden zu wollen. Jüngers Werk ruft nicht zu den Waffen. Ganz im Gegenteil, egal was ihm Kritiker oder Machthaber unterstellen wollten. Er ließ sich nicht instrumentalisieren, sondern entfernte nationalistische Zeilen genau in der Zeit, in der diese Gesinnung am Lautesten um sich Griff. Jünger kämpfte für die Botschaft seines Romans: Nie wieder Krieg!

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Von Zeitzeugen und Zeitgeschichte zu Geschichte

Zur Methodik der „Stahlgewitter“ Schuber-Ausgabe

Dieser dynamischen Anpassung Jüngers widmet sich die „Historisch kritische Ausgabe“ in zwei gebundenen Büchern aus dem Hause Klett-Cotta, herausgegeben von Helmuth Kiesel. So findet man im ersten Buch die Erstausgabe des Romans aus dem Jahr 1920 auf der linken Buchseite, der dann die Fassung letzter Hand aus dem Jahr 1978 auf der rechten Buchseite gegenüber gestellt wird.

Diese präzise Methodik ermöglicht schon auf den ersten Blick das Herausstellen der Unterschiede beider Ausgaben. In unterschiedlichen Textfarben werden dann sogar die Jahre der Veränderungen deutlich erkennbar und schnell erschließen sich dem Leser die Zusammenhänge mit der Veröffentlichung des Romans nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Zusätzlich sind die Seitenzahlen von einzelnen Textpassagen angegeben, die im Kriegstagebuch fast wörtlich auftauchen und so kommen Roman und Tagebuch in einen intensiven und spannenden Dialog.

Der zweite Band der Prachtausgabe beinhaltet editorische Hinweise, das Variantenverzeichnis des Romans, Erläuterungen und Karten, Skizzen und Bilder der handschriftlichen Aufzeichnungen Ernst Jüngers, die als Recherche-Grundlage für den Herausgeber dienten. Ein derart komplexes Epochengemälde der Veränderung eines Romans, der auf einem Tagebuch basiert, hatte ich zuvor noch nie in Händen. Ein in seiner Komplexität mehr als beeindruckendes Werk.

in stahlgewittern ernst jünger spacer

Die Lektüre dieser ausführlichen Ausgabe zeigt ein völlig neues Bild des bis zu seinem Tod im Jahre 1998 eher abgeklärt wirkenden Schriftstellers Ernst Jünger. Er war selbst hitziges und kaltblütiges Opfer des Krieges. Er versank selbst in den tiefen Abgründen der hoffnungslosen Kriegswirren und empfand das eigene Überleben lediglich als Zufall. Mit zunehmendem Alter schleichen sich Landschaftsbeschreibungen und atmosphärische Details in die Schlussfassung. Eine Versöhnung mit dem Krieg ist das nicht – eher der Versuch, dem Stakkato der Waffen einen zumeist persönlichen Kontrapunkt entgegenzusetzen.

Literatwo hat sich in besonderer Weise mit Ernst Jünger beschäftigt und einen Vergleich zwischen seinem Kriegstagebuch und den Berichten Deutscher Soldaten, die über den Afghanistan-Einsatz geschrieben haben, gezogen. Hier geht es direkt zum Doublefeature: Eine Jugend im Krieg. Ein Blick auf unsere unterschiedlichen Perspektiven lohnt sich.

Die Unkalkulierbarkeit des Krieges bringt Ernst Jünger eindrucksvoll durch die kleine Erweiterung eines Satzes aus dem Lehrgedicht des Terentianus Maurus auf den Punkt: Bücher haben Schicksale… Kugeln ebenso! 

Habent sua fata libelli et balli

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Unsere Leseempfehlungen zum Thema Liebe und Krieg

Zuletzt noch zwei wichtige Leseempfehlungen von Literatwo. Diese Herzensbücher aus unserer mehr als reichhaltigen Bibliothek beschäftigen sich einfühlsam und emotional mit dem großen Thema „Liebe in Zeiten des Krieges“ und spielen in den Wirren des Ersten Weltkrieges.

John Boyne mit Das späte Geständnis des Tristan Sadlerund Louisa Young mit Eins wollt ich dir noch sagen„.

Im nächsten Jahr freuen wir uns bereits jetzt schon darauf, euch Elisabeth Büchles Trilogie zum Ersten Weltkrieg komplett vorstellen zu dürfen. Die Romane „Himmel über fremdem Land“ und „Sturmwolken am Horizont“ sind bereits in diesem Jahr erschienen. Wir können es kaum erwarten, bis auch Teil 3 in unserer Villa Einzug gehalten hat!

Vorfreude auf das Jahr 2014... Eine Trilogie wird vollendet

Vorfreude auf das Jahr 2014… Eine Trilogie wird vollendet

Wer gerne erleben möchte, wie Ernst Jünger 18 Jahre nach diesem monströsen Krieg eine Kreuzfahrt nach Brasilien verarbeitet hat, dem sei Atlantische Fahrt ans Herz gelegt. Literatwo war mit an Bord und hat den Schriftsteller von einer ganz anderen Seite erlebt.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

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