Das Lied von Eis und Feuer – Mr. Rail unterwegs nach Winterfell

Das Lied von Eis und Feuer - Eine Lesereise

Das Lied von Eis und Feuer – Eine Lesereise

Das Leben eines begeisterten Lesers folgt manchmal nicht immer den vorbestimmten Pfaden. Die Liebe zum Buch springt an manchen Tagen voller Begeisterung auch auf die Verfilmung der Geschichte über, der man zuvor gebannt geleselauscht hat. Man ist gespannt auf Protagonisten, Landschaften und hofft dabei so sehr, dass man sich ein wenig im eigenen Kopfkino zum Buch wiederfindet. Und doch wird man dabei allzu oft bitterlich enttäuscht und lehnt sich mit folgenden Gedanken im heimischen Ohrensessel zurück: „Das konnte ja nicht gut gehen. Ein Buch ist immer besser als seine Verfilmung. Immer!“

In den letzten Wochen ist mir Seltsames widerfahren. In langen und durchwachten Nächten des Nicht-Lesens habe mir, einer inneren Eingebung folgend, die erste Staffel der HBO-Miniserie „Game of Thrones“ angeschaut. „Ein gelungener Mix aus Fantasy und Mittelalter – ein Kampf um Königreiche mit brillanten Schauspielern bestetzt – Herr der Ringe fürs Fernsehen“ – so hieß es und so konnte man es allerorten lesen. Ich war gespannt und bereit, mich auf zehn Episoden einer episch angelegten Geschichte einzulassen.

Was dann geschah, erlebte ich bisher eigentlich nur lesend… und das bisher kann man jetzt eigentlich streichen! Ich reiste mit gebanntem Blick zum ersten Mal in meinem Leben nach Winterfell, und tauchte tief in die Lawine der jahrhundertelangen Kämpfe um den Thron von Westergard ein. Ich lernte die Hand des Königs kennen, jenen legendären Lord Eddard Stark, dessen Haus das Motto „Der Winter naht“ so trefflich ziert. Ich ritt mit einem Zwerg an den Hof des großen Königs, erlebte verlogene Berater und geheimnisvolle Mächte im Hintergrund. Ich erfuhr von der großen Mauer im Schnee und der Nachtwache, die das Reich vor dem Bösen beschützt.

Das Lied von Eis und Feuer - Literatwo auf Nachtwache

Das Lied von Eis und Feuer – Literatwo auf Nachtwache

Und voller Überzeugung schloss ich mich der Nachtwache an, zog mir das „Schwarz“ über und beschloss, an der Seite von Jon Schnee das Königreich im Norden gegen die unheimlichen Wildlinge und Schattenwölfe zu verteidigen. Ich legte den Eid der Nachtwache ab und wollte mich zuerst an der großen Mauer im ewigen Eis bewähren, bevor ich weiterzog.

„Die Nacht bricht an und meine Wache beginnt. 
Sie wird erst mit meinem Tod enden. 
Ich werde mir keine Frau nehmen,
kein Land, keine Familie.

Ich werde keine Krone tragen
und keinen Ruhm ernten. 

Ich lebe und sterbe auf meinem Posten. 
Ich bin das Schwert in der Dunkelheit. 
Ich bin der Wächter auf den Wällen.
Ich bin das Feuer, das in der Kälte wärmt, 
das Licht das den Morgen bringt, 
das Horn, das die Schlafenden weckt, 
der Schild, der das Reich der Menschen schützt. 
Ich weihe mein Leben und meine Ehre der Nachtwache, 
für diese Nacht und alle Nächte, die kommen werden.“

Bedrohlich war es, wenn ich meinen Blick von der eisigen Mauer ins unbekannte Land schweifen ließ. Von dort drohte der Winter zu kommen. Von dort drohte die Kälte, das Land und seine Menschen zu zermalmen und nicht einmal dem großen König auf dem aus den Schwerten seiner Feinde geschmiedeten Thron würde es glingen, seine Krone oder sein Leben zu retten. Kalt war es auf der Mauer, aber das Gefolge war mutig und stark… doch in den langen Nächten wuchs die Angst.

Das Lied von Eis und Feuer - Unser Lagerfeuer brennt in Westeros

Das Lied von Eis und Feuer – Unser Lagerfeuer brennt in Westeros

Genau für diese Angst hatte man Worte am Hofe von Lord Stark und die Erzählung einer alten Frau ließ dem Zuhörer das Blut in den Adern gefrieren, noch bevor man einen Hauch von Ahnung hatte, wo die Ursache für diese Angst zu suchen war.

„Die Angst gehört dem Winter, wenn der Schnee hundert Fuß hoch liegen bleibt. Die Angst gehört der langen Nacht, wenn sich die Sonne jahrelang versteckt und Kinder geboren werden, leben und sterben in völliger Finsternis. Das ist die Zeit der Furcht, mein kleiner Lord, wenn die weißen Wanderer durch die Wälder streifen. Vor tausenden von Jahren, da kam eine Nacht, die eine Generation lang dauerte. Könige starben vor Kälte auf ihren Burgen, genau wie die Scharfhirten in ihren Hütten und Mütter erstickten ihre Neugeborenen lieber, als sie verhungern zu lassen und sie weinten und spürten, wie die Tränen auf ihren Wangen gefroren.“

Spürt ihr die Angst? Könnt ihr fühlen, wie sich das Geschehen langsam und eisig an den Betrachter schmiegt und den kalten Blick auf immer neue und geheimnisvolle Orte und Details lenken, die aus einer einfachen Geschichte vom Kampf um den Thron ein Epos voller Legenden, Mythen, Untoten, Wolfswesen, Zwergen und starken Menschen macht, die sich mit aller Macht gegen das Schicksal auflehnen? Spürt ihr den Hauch des aufziehenden Winters? Nur ein wenig?

Das Lied von Eis und Feuer - Der Winter naht

Das Lied von Eis und Feuer – Der Winter naht

Es waren abenteuerliche Traumabende in Winterfell. Ich lebte in einer erträumten uneinnehmbaren kleinen Festung, wärmte mich am Kamin und folgte dem Geschehen im gesamten Königreich. Raben besuchten mich mit ihren Botschaften und immer klarer wurde mein Blick auf die alten Konflikte zwischen den Herrscherhäusern in Westeros. „Der Winter naht“ wurde so zum Motto vieler langer Nächte und viele Protagonisten der Serie wuchsen mir ans Herz. Viele ließen mich nicht mehr los und ich brannte darauf, immer mehr zu erfahren.

Und letztlich begann ich, den Blick schweifen zu lassen und endete bei einer Frau, die mich mit ihrer Aura gefangen nahm. Daenerys Targaryen – nur den Machtgelüsten ihres Bruders folgend – zwangsverheiratet mit dem wohl brutalsten Stammesführer – von diesem vergewaltigt und erniedrigt, schwingt sie sich zu einer der wichtigsten Frauen von Westeros empor. Sturmtochter, so ihr bezeichnender Beiname, wächst an sich und über sich hinaus. Bis sie ganz am Boden liegend den Bund mit den ganz alten Mächten erneuert und unbesiegbar wird… Mutter der Drachen… was für eine Frau:

„Daenerys Sturmtochter aus dem Haus Targaryen, Königin der Andalen und der Ersten Menschen, Khaleesi des Dothrakischen Meeres, Brecher der Ketten und Mutter der Drachen.“

Und so setzte ich meine Reise durch die Serie fort und erinnerte mich immer wieder an mein eigenes Mantra: „Ein Film ist nie so gut, wie das Buch. Immer wird man enttäuscht sein von einer Adaption. Das kann nicht gut gehen!“

Das Lied von Eis und Feuer - Der Weg ist lang und gefährlich

Das Lied von Eis und Feuer – Der Weg ist lang und gefährlich

Und genau bei diesem Gedanken keimte der tiefe Wunsch in mir, jene Bücher zu lesen, die der Urquell von „Game of Thrones“ sind. Wenn ein Film so sehr in die Tiefe geht, wenn Charaktere so vielschichtig und greifbar angelegt sind, wie groß muss das geschriebene Wort sein, dem all dies zugrunde liegt? Diese Frage möchte ich mir beantworten. Ich musste nicht lange suchen und stieß auf eine Serie, die mir den Atem raubte. Blanvalet hatte Winterfell und Westeros schon lange eine literarische Heimat gegeben.

Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin umfasst als Fantasy-Saga bereits zehn Bände und inzwischen befinden sich Die Herren von Winterfell“ und Das Erbe von Winterfell“ in der Bibliothek meines Lebens. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht nur der Serie zu folgen. Ich werde der Geschichte lesend folgen und mir selbst ein Bild davon machen, welche literarische Qualität die Romanvorlage hat. Ich muss einfach… es geht nicht anders. Ich muss mich nach Winterfell lesen, auch wenn die DVD-Kollektion der zweiten Staffel von „Game of Thrones“ bereits vor mir liegt.

Als bekennender Fan von J.R.R. Tolkien muss ich einfach in Erfahrung bringen, ob das legendäre „R.R.“ im Vornamen des Winterfell-Autors Zufall oder Bestimmung ist und ob mein Mantra mich diesmal zu einem noch größeren Buch führt, als ich es je zu hoffen wagte. Mein Pferd ist gesattelt. Das Lesezeichenbanner flattert im Wind, meine Leselampe ist ein Lagerfeuer in Westeros und auch für mich gilt es nun: Der Winter naht… Ich werde nicht alleine sein. Ein zweites Pferd trabt neben mir. Gesattelt und reich verziert. Ein nobles Ross – für eine weite Reise gerüstet. Ich bin froh, dass ich die wagemutige Reiterin gut kenne und ihr blind vertraue.

Also, gemeinsam auf nach Winterfell… Der Winter naht… Schön, euch an meiner Seite zu wissen, wenn ich am Lagerfeuer erzählen möchte. Ich kann euch versprechen, dass es nicht langweilig wird und ich bringe euch einen kleinen Schattenwolf mit, wenn ich nach Hause komme. Ich sehe das lodernde Feuer schon… es leitet meinen Weg. Und bereits im Folgeartikel werde ich euch die ganze Welt von „Game of Thrones“ präsentieren… sehend, hörend und lesend…

Aber Vorsicht, ich wechsle oft den Ort, um nicht vom Feind gefunden zu werden. Dann verwische ich meine Spuren, verstreue die Asche des Lagerfeuers im Wind und nur wirklich gute Freunde wissen, wo sie mich finden können. Dieses Lagerfeuer bietet keinen Platz für jeden, der meint, mir blindlings folgen zu wollen…

Hier geht es weiter - Literatwo und ein multimediales Special

Hier geht es weiter – AstroLibrium und ein multimediales Special

„Die mutigen Männer töteten keine Drachen. Die mutigen Männer ritten auf ihnen…“ Und hier geht es zum faszinierenden Prachtband „Game of Thrones – Hinter den Kulissen“ – AstroLibrium – Die literarische Sternwarte ist bereit für neue Abenteuer.

(Eichborn) Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Lesezeit ist Lebenszeit – das zumindest dachten sich auch Manuela Städele und Mathias Siebel, als sie sich auf eine ganze besondere Buch-Recherche begaben. Sie gingen einer Frage auf den Grund, die uns seit ewigen Zeiten beschäftigt und nicht ruhen lässt. Wie viel lesen wir in unserem Leben und was bleibt uns neben Bedienungsanleitungen, Beipackzetteln, Schlagzeilen und Werbung eigentlich an reiner Lesezeit für Bücher übrig?

Die Zahlen sind ernüchternd und das Autorenteam fasste wohl angesichts des Debakels den kreativen Entschluss, auf eine mehr als außergewöhnliche Art und Weise, mehr Lesestoff unters geneigte Volk zu bringen. Allerdings nicht so, wie man sich das im eigentlichen Wortsinn vorstellen kann, sondern eben ganz anders. Und wir finden diese Idee allumfassend genial!

Ausgehend von der Annahme, dass jeder Mensch maximal 22 – ja – richtig gelesen: zweiundzwanzig Bücher in seinem Leben liest und aufbauend auf der Theorie, dass ebenjenes menschliche Auge sehr empfänglich für kurze plakative Inhalte und prägnantes Layout ist, hat man kurzerhand ein völlig neues Buch ins Leben gerufen. Und was für eines!

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt – Mr. Hyde

Genau dieses funkelnagelneue Buch Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt aus dem Hause Eichborn erhöht den Lebens-Lese-Durchschnitt eines Menschen allerdings mitnichten auf 23 (dreiundzwanzig) Bücher, sondern erweitert den literarischen Horizont um sage und schreibe 40 (vierzig) literarische Meilensteine.

Wie das geht? Ganz einfach, wenn man ein kreativ innovatives Autorenteam ist. Die Antwort auf diese Frage ist ebenso brillant wie überraschend. Das Buch präsentiert in höchst abwechslungsreichem Design und in großer Ideenvielfalt die ganz großen Evergreens der Literaturgeschichte in einem mehr als minimalistischen Ansatz. Ein einprägsamer Slogan und ein Bild, das sich mit einer metaphorischen Symbolkraft sofort ins Gedächtnis gräbt, spiegeln jeweils eines der großen Bücher wider, um die es hier geht.

Verknappt, reduziert und mit kreativstem Tunnelblick fokussiert, ergänzt durch lustig satirische Informationen zur Untermalung der Bilder – all dies reicht völlig aus, um den jeweiligen Klassiker vortrefflich zu charakterisieren und eine mehr als deutliche Fährte in seine Richtung auszulegen. Jede einzelne Seite ein schmackhafter Köder – das ganze Buch ein typografischer Angelhaken, der seine Leser aus dem Meer der Sprachlosigkeit rettet. Bräuchte es Piktogramme für einzelne Buchtitel – hier wären sie zu finden!

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt – Don Quijote

40 (vierzig) absolute Volltreffer lassen uns schmunzeln und lauthals lachen und versetzen dem sehnsüchtigen Leserherz ungeahnte Impulse des freudigen Wiedererkennens. Teils, weil man sich selbst auf die bibliophilen Schultern klopft, weil man den Shortcut einem selbst gelesenen Buch zuordnen kann, teils aber auch, weil man auf dieser individuellen Entdeckungsreise Anregungen für neue Lesewelten findet.

DAS perfekte Geschenk für Bücherliebhaber und Leser, die denken, jedes Buch zu kennen, aber auch für Bilbiophobiker, die keines der aufgeführten Bücher freiwillig lesen würden… (sie zappeln schon bald am Haken…). Probiert es aus! Auf jeder Seite bleibt man lächelnd hängen, denkt nach, grübelt, staunt und hört das buchige Herz höher schlagen. Und dann setzt genau das ein, was nur dann einsetzt, wenn eine Idee so richtig zündet.

Man schaut in sein eigenes Lebens-Lese-Regal und überlegt, wie man all die Herzensbücher ähnlich kreativ verkürzen, verknappen, verschlagworten und mit eindeutig zweideutigen Bildern auf den wesentlichen Kern ihres Wesens reduzieren könnte, um den Effekt der Vorlage nachzuahmen. Absicht der Autoren? Ist das die wahre Intention hinter dem Projekt? NÖ… 😉

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt - Sherlock Holmes

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt – Sherlock Holmes

Spaß wollten sie haben.. und geben das ganz unumwunden im Vorwort zu! Spaß haben sie auf ihrem Weg gesät und Lächeln werden sie ernten. Das Feld der tiefen Symbolik ist gut bestellt und wir sehen überall neue Bücherkeime sprießen, sich recken und strecken und ohne Umwege direkt in unsere Herzen streben. Dieses Buch ist ein kreativer Wachstumsmarkt!

Eichborn wird zum ultimativen Urquell einer großen Idee, die noch viele saftige Bücherfrüchte tragen wird. Mit „Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt“ hatten wir Spaß bis auf Äußerste und wissen schon jetzt, dass wir nach dem Genießen dieses Buchs immer wieder versuchen werden, unsere eigenen Bücher kreativ für alle Ewigkeiten auf ihren wahren Kern zu reduzieren.

Macht mit! Es tut überhaupt nicht weh und ihr werdet sehr schnell merken, dass dieses kleine Kunstwerk eine Buch gewordene zündende Idee geworden ist, die zum literarischen Brillantfeuerwerk mutiert. Und ganz nebenbei wirken die Bilder und Texte wie unauslöschliche Eselsbrücken, wenn man vom Buchtitel eines großen Werkes auf seinen Inhalt schließen möchte. Großes Kino…

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt

Werke der Weltliteratur aufs Äußerste gekürzt – Hemingway

Ungekürzt kommt ihr durch einen einzigen kleinen Klick auf die offizielle Buchseite des Eichborn Verlages. Viel Vergnügen – und das kostet euch nicht mal 10 Euro… 😉

Mit einem Klick zum Buch... ungekürzt...

Mit einem Klick zum Buch… ungekürzt…

Natürlich möchten wir unseren Lesern auch das erste Ergebnis der inspirierenden Kraft dieses Buches zeigen. Auch wir haben einen Roman aufs Wesentliche reduziert und aufs Äußerste gekürzt. Kommt ihr auf den Titel dieses historischen Welt-Bestsellers? Einfach, oder?

Auch Literatwo ist auf den Geschmack des Kürzens gekommen

Auch Literatwo ist auf den Geschmack des Kürzens gekommen

„Atlantische Fahrt“ von Ernst Jünger

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

Es ist nicht leicht dahergesagt, dass sich Autoren im Laufe ihres Lebens verändern und entwickeln. Sie reifen an ihren Werken oder eben an den Erlebnissen, die ihnen während des Schreibens an allen Ecken und Enden des kreativen Schaffens auflauern. Romantische Phasen schlagen hier ebenso ihre Wurzeln, wie traumatische Ereignisse. Sie schärfen den Blick und lassen Perspektivwechsel zu, die nicht möglich wären, würde der Schriftsteller im Glaskasten leben.

Ernst Jünger ist gerade in dieser Beziehung für seine Leser von besonderem Interesse. Seine epochalen Werke über den Ersten Weltkrieg gehören zu den meist gelesenen Büchern über jene Zeit. Sie öffnen die Augen für die fehlgeleitete kaiserliche Vaterlandsliebe und die Euphorie, mit der junge Männer mit wehenden Fahnen in den Untergang liefen. Antikriegsliteratur hat Jünger geschaffen. Nichts verherrlicht er. Nichts lässt er aus. Schonungslos geht er mit dem industrialisierten Morden in den Schützengräben um. Gaskrieg und Massensterben für einen Raumgewinn von wenigen Metern – Angst – Tod und Verstümmelung – all diese Themen packt er an und keines seiner Bücher scheint geeignet, Kriegs- oder Mordlust beim Leser reifen zu lassen.

Sein großes „Kriegstagebuch 1914 – 1918“ und die daraus abgeleitete Roman-Adaption „In Stahlgewittern schildern seinen eigenen Weg durch die Gräben, die anfänglich Frankreich und Deutschland trennten. Sie öffnen die Augen für das Abstumpfen des menschlichen Geistes, für die Verrohung des Kriegers und für die Brutalität im Umgang mit sich selbst und dem Feind. Pathos findet man wenig und die Begriffe wie „Ruhm“ oder „Ehre“ werden zu diffusen Trugbildern einer ordensgeschmückten Fantasie. Jünger schreibt seinen Leser in den Schützengraben hinein und überlässt ihm dort seinem Schicksal. Jeder ist sich selbst der Nächste. Überleben als Leseübung… Heftig.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Brasilien 1936

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Brasilien 1936

Wenn man sich die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges vorstellen mag, dann folge man den Erinnerungen Ernst Jüngers und stelle sich einen Acker vor, der wie eine Mondkrater-Landschaft von Geschossen mehrfach umgepflügt wurde. Kein Baum, kein Busch, keine Blumen, keine Tiere… Nur der Mensch – bis zu den Zähnen bewaffnet und der ohrenbetäubende Lärm einer Artillerie, deren einziges Trachten es ist, alles im Flächenbombardement erneut umzupflügen.

Jünger hat diesen Krieg überlebt. Glück muss es gewesen sein, denn dem eigenen Geschick konnte es nicht zu verdanken sein und Heldentum spielte bei der Erhöhung der Überlebenschancen eine eher untergeordnete Rolle. Glück rettete ihn und mit Glück rettete er das Leben seines Bruders Friedrich Georg. Er hat diese menschenunwürdigen Bedingungen überlebt und durch seine Verarbeitung des Erlebten und Erlittenen wohl auch selbst dafür gesorgt, auch mit unbeschadeter Psyche nach Hause zu kommen.

Sehr beeindruckende Werke. Ein intensiver Blickwinkel auf das monströse Geschehen und die Verwunderung, wie man das überstehen kann. Diese Gefühle bleiben nachhaltige Wegbegleiter seiner Leser. Umso interessanter ist es für uns, diesem Veteran des Ersten Weltkrieges knapp 18 Jahre später an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erneut zu begegnen. Diesmal bewaffnet nur mit seinen Sinnen und seinen Notizbüchern, denen er zeitlebens seine Erinnerungen anvertraut hat. Jünger… der große Diarist seiner Epoche! Folgen wir ihm einfach auf die „Monte Rosa“ und begeben wir uns mit ihm gemeinsam auf eine Fahrt, die für ihn wie ein Trugbild eines Traumes gewirkt haben muss.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Kreuzfahrt der Sinne

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Kreuzfahrt der Sinne

Unsere Route führt vom europäischen Kontinent, der noch vernarbt vom Krieg erscheint, in das ferne Brasilien des Jahres 1936. Rio de Janeiro! Was für ein Reiseziel, welche Destination für einen Beobachter wie Ernst Jünger. Aus der Asche Europas in die unerschöpfliche Blüte eines prosperierenden Landes. Von der zerfurchten Kraterlandschaft zum tropischen Regenwald. Folgen wir ihm und blättern in seinen Erinnerungen.

Atlantische Fahrt – Rio – Residenz des Weltgeistes heißt der schmale und doch so überaus inhaltsreiche Band aus dem Hause Klett-Cotta, in dem der Herausgeber Detlev Schöttker nicht nur den Extrakt der memorierten Erlebnisse Jüngers präsentiert, sondern den Lesern einen tiefen Einblick in die Hintergründe dieser Fahrt gewährt. Briefe an seinen Bruder und an Mitreisende, Rezensionen und Postkarten, sowie eine umfassende Betrachtung der Reise aus Sicht des Herausgebers runden das Leseerlebnis ab.

Zwei Monate sind wir mit Ernst Jünger an Bord des Hamburger Dampfers und erleben hierbei einen völlig verwandelten Autor. Ernst Jünger als Reiseschriftsteller? Bis zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbarer Gedanke. Aber man erkennt schnell, dass er genau der richtige Beobachte am richtigen Ort ist. Vor dem Hintergrund seiner apokalyptischen Erlebnisse auf baumlosem Grund übermannt ihn die schiere Vielfalt der Natur am Amazonas. Wer jemals bewegende Zeilen über die Schönheit von Flora und Fauna lesen möchte, der sollte es mit diesem Reisebericht versuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Das dritte Auge - Notizbücher

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Das dritte Auge – Notizbücher

Die folgenden Zeilen aus dem Reisebericht „Atlantische Fahrt“ sind exemplarisch für das wildromantische Hochgefühl, das Jünger Brasilien entgegenbringt. Diese Worte sind von ganz anderer Natur, wie diejenigen aus dem großen Krieg. Er ist verliebt, im Überschwang der Gefühle und folgt seinen Instinkten, die ihm diesmal nicht das Überleben sichern, sondern alle Sinne öffnen, um kein noch so kleines Detail zu vergessen.

„Hier äußert sich gewaltsam die Übermacht des Lebenstriebes, die der Betrachter auch gegen sich gerichtet fühlt.“

„Und damit wächst mächtig die Versuchung, einzustimmen in diesen Wirbel von Dunkelheit und Lichtern, sich mit ihm zu vermählen, ganz in ihm aufzugehen.“

„Hier hatte ich ganz deutlich, greifbar das Bewußtsein der Verzauberung. Im Zauberbanne liegen heißt: gelähmt sein, schlafen, träumen, während die eigentlichen Mächte sich enthüllen, sich wiegen wie Falter über uns.“

Die pure Lebenslust springt dem Leser in seiner Urgewalt entgegen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, selbst mit Ernst Jünger durch den tropischen Regenwald zu wandern, Kolibris zu beobachten und die changierende Farbenpracht eines Chamäleons zu bewundern. Ernst Jünger steckt an und vermag es, all seine Liebe zum Gesehenen mit Worten zu transportieren. Brasilien – es ist leicht, ihm dorthin zu folgen. Es ist ein Vergnügen, nicht nur die Wildnis, sondern auch die im Wachstum befindlichen Metropolen zu besuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Eine Lesereise

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Eine Lesereise

Und doch beschleicht den aufmerksamen Leser, aus welchem Land jener Ernst Jünger kommen muss. Aus welchem Land er stammt und was in diesem Land in den letzten Jahren politisch verändert wurde. Die Begegnungen mit Tieren und Gewächsen fällt ihm sichtbar leichter, als diejenigen mit den Menschen anderer Kulturkreise. Ob in Südamerika oder auf der Rückfahrt bei Landgängen in Casablanca spürt man, wie schwer er sich mit der Beschreibung von Menschen tut, die in Deutschland wohl schon 1936 schon nicht mehr geduldet gewesen wären.

Ein 14-jähriges brasilianisches Mädchen beschreibt er fast zaudernd und erstaunt, als sei es ein Halbwesen aus Mensch und Tier. Man fühlt sich an Jüngers Seite in diesen Momenten wie auf einer Völkerschau und betrachtet die fremden Wesen aus der Perspektive des zahlenden Publikums:

„Es war in ein langes Hemd gekleidet, das die Brüste bis zu den Füßen vom Körper abspreizten. Eine Welle von Behagen und instinktivem Leben strömte von diesem Wesen aus.“

atlantische fahrt ernst juenger spacer

Die politischen Strömungen der Jahre scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Die Erkenntnis wächst jedoch von Tag zu Tag, welche Schönheit und Tiefe in den Menschen anderer Kontinente verborgen ist. Vielleicht der größte Gewinn seiner Reise. Einer Reise zu sich selbst. Jünger endet mit den Worten:

„Das Schiff fährt nun die Elbe hinauf. Ein frostiger Wind weht über das Promenadendeck , auf dem ich in den Nächten am Amazonas die anfliegenden Schwärmer beobachtete…“

Als Schwärmer kehrt Ernst Jünger nach Hause zurück. Nur wir wissen heute, dass es keine Reise nach dem großen Krieg war. Es war eine Reise zwischen den Kriegen und schon in wenigen Jahren sollte er wohl noch an so manchem Tag sehnsüchtig an den Amazonas denken… Und an die Lebenslust, die ihn wohl für immer prägte. Lesenswert – auch wenn dieser Reisebericht nicht zu Jüngers Hauptwerken zählt.

Ernst Jünger - Eine Werkschau bei Literatwo

Ernst Jünger – Eine Werkschau bei AstroLibrium- Ein Klick genügt

„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ – J. Jonasson fällt aus dem Rahmen

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Ein Buch, mit dem zu rechnen ist

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Ein Buch, das aus dem Rahmen fällt

Das Jahr 2013 neigt sich seinem Ende zu, aber die großen Verlage in Deutschland haben ganz kurz vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts noch ein paar richtige literarische Kracher auf Lager. Carl`s books zum Beispiel schickt sich an, noch kurz vor Jahresschluss nicht nur die Bestsellerlisten, sondern auch die Herzen und den Humor der Leser zu erobern. Und man kann sich mehr als berechtigte Hoffnungen auf einen der begehrten Plätze an der Sonne machen, denn nach dem Sensations- und Überraschungserfolg von Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand legt der begnadete schwedische Autor nach.

Nur lässt er diesmal niemanden verschwinden, um die ganze Welt in Rückblenden zu erobern – nein – diesmal erzählt Jonasson eine Geschichte, die in Südafrika beginnt und sich von dort aus so langsam aber sicher, mit dem ein oder anderen kleinen Umweg, auf die Reise nach Skandinavien macht. Mit dem wundervollen Titel Die Analphabetin, die rechnen konnte werden Fans des subtilen und intelligenten Humors des schwedischen Weltbestseller-Autors für ihre Geduld belohnt, die sie aufbringen mussten, bis ein neuer Jonasson am buchigen Firmament erscheint.

Diesmal fällt oder steigt niemand aus einem Fenster – nein – das ganze Buch fällt, wie sein beliebter Vorgänger erneut aus dem Rahmen. Es fällt eigentlich aus jedem bekannten Rahmen, den sich Leser humorvoller gesellschaftspolitischer und sozial-philosophischer Romane nur vorstellen können. Denn dass es sich bei Jonassons neuem Roman um eine satirisch utopische Auseinandersetzung mit brutaler Armut, Apartheid, diktatorischen Machtgelüsten, revolutionären Strömungen gegen die Monarchie und eine Generalanklage gegen Atomwaffen handelt ist völlig klar… Oder es wird völlig klar, wenn man die Lachkrämpfe überstanden hat, die uns Jonas Jonasson in den Bauch schreibt.

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Jonasson in Beestform

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Jonasson in Bestform

Wenn man sich „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ genauer anschaut, dann könnte das Buch einem Lehrstück für kreatives Schreiben entsprechen. Die Aufgabenstellung an den mutigen Autor mag folgendermaßen gelautet haben: <Verbinden sie folgende Begriffe „Atombombe; Fäkalien; Mossad; Monarchie; Kartoffeln; Michael Ballack; Nelson Mandela; Soweto und Schweden“ so miteinander, dass eine sinnvolle und spannende Handlung entsteht!> Und nun viel Glück…

Wohl jeder Schriftsteller wäre an einer solchen Ausgangssituation gescheitert, doch bei Jonas Jonasson scheint sie sich zufällig und schicksalhaft zu ereignen. Das macht er nicht selbst…. Er schreibt uns Lesern eine moderne Heldin ins Herz, deren Aufstieg in diesem Roman so kometenhaft und doch so zufällig verläuft, dass man nur staunen kann. Er siedelt den Beginn seines großen Romans im südafrikanischen Soweto an. Sehr richtig gelesen – dem großen Zusammenschluss mehrerer Townships der schwarzen südafrikanischen Bevölkerung, die durch das Apartheitsregime von der weißen Bevölkerung getrennt wurde. Rassentrennung!

Nombeko heißt unsere Protagonistin und ihre Vita ist außergewöhnlich. Schon mit fünf muss sie arbeiten gehen, mit zehn wird sie Vollwaise und zeigt zum ersten Mal im Büro der Fäkalienentsorgung Sowetos ihr großes Talent. Dieses schwarze Mädchen kann rechnen wie der Teufel. Eine unfassbare Begabung, der man nur folgen muss, um Fortschritte zu erzielen. Man muss ja niemandem erzählen, wer diese genialen Berechnungen zur Steigerung der Effizienz  angestellt hat. Würde ja eh niemand glauben… Nun wirklich nicht. Und Nombeko gefällt sich in der unauffälligen Rolle der Wissenden im Hintergrund.

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Ein prachtvolles Buch

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Ein prachtvolles Buch

Die Geschichte wäre wohl im Township geblieben und nie bekannt geworden, wäre da nicht ein Unfall geschehen. Nombeko wird überfahren und als eigentliches Opfer auch noch für den Unfall bestraft. Fortan muss sie beim Verursacher arbeiten. Zwangsarbeit. Alles wäre gut gegangen, wäre es nicht der leitende Ingenieur des südafrikanischen Atombomben-Programms gewesen, der Nombeko mir nichts dir nichts und völlig betrunken über den Haufen gefahren hätte.

Nombeko lernt lesen und ihre unfassbare Begabung, sich alles rasend schnell anzueignen macht sie binnen kurzer Zeit zur eigentlichen Wissenden im Hochsicherheitstrakt der Wissenschaftler. Sie schnappt Dinge auf, hält Augen und Ohren offen und lernt von allen Menschen in ihrer Umgebung. Sogar Chinesisch eignet sie sich an. Ganz bescheiden und sympathisch… sie lernt nur schnell… mehr nicht…

Als es dann allerdings zum Besuch einer wichtigen chinesischen Delegation in Südafrika kommt und der Dolmetscher plötzlich unpässlich wird, tritt das wahre Talent von Nombeko ans Tageslicht. Sie übersetzt die Gespräche hochrangiger Politiker und setzt eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, weil sie eben lieber plaudert, als wörtlich zu übersetzen. Nun reiht Nombeko all die Wortperlen aneinander, die niemals zueinander gefunden hätten. Sie tritt Ereignisse los, die die Welt in Atem zu halten in der Lage sind und eine aberwitzige Jagd beginnt. Denn durch einen schrecklichen Irrtum kommt Nombeko in den Besitz einer Atombombe… sie war halt übrig… und eigentlich gibt es sie nicht. Einziger Ausweg: Die Flucht nach Schweden. 

Die Analphabetin. die rechnen konnte & Der Hundertjährige -Untrennbar verbunden

Die Analphabetin, die rechnen konnte & Der Hundertjährige = Lesespaß pur

Und genau hier führen dann alle Wege zusammen. Alle eingewobenen Handlungsfäden vereinen sich und das Tau wird fester. Damit aber auch der Knoten, der so sinnbildlich auf dem Cover des Romans abgebildet ist. Nombeko trifft auf Revolutionäre, die den schwedischen König stürzen wollen (und käme da ein Bömbchen nicht recht?); begegnet dem Mann ihrer Träume, dessen einziges Problem darin besteht, dass er nicht existiert (zumindest nicht im formalen Sinne); stellt sich einer Verfolgungsjagd mit einen Mossad-Agenten namens Michael Ballack (ja – richtig gelesen) und landet schließlich mit dem schwedischen König auf einer Kartoffelfarm (wo man wenig vegetarisch Hühner schlachtet).

Wird es Nombeko endlich gelingen, ihr kleines Souvenir aus Südafrika an den richtigen Mann zu bringen? Wie wird man nach zwanzig Jahren endlich eine Atombombe los und wie reagiert Schweden darauf, als es endlich kapiert nun auch Atommacht zu sein? Und wie kommt der Mossad-Agent Ballack mit den Symptomen eines Hirnstillstands zurecht? Der Lesespaß ist garantiert – alles wirkt höchst skurril, unfassbar und doch ist alles so völlig plausibel… Jonas Jonasson gelingt ein Bravourstück der satirischen Literatur, das nichts auslässt. Vor allem nicht die perfekt sitzenden Seitenhiebe auf die realen politischen Verhältnisse.

So wird ein gewisser Nelson Mandela erst kurz vor der Verleihung der Friedensnobelpreises von der US-amerikanischen Liste der meist gesuchten Terroristen gestrichen und die Ehefrau des schwedischen Königs sorgt sich in heiklen Situationen nur darum, ob ihr Göttergatte „Wieder mal rumhurt“ – herrliche Nackenschläge in die Realität des Lebens. Der genialste Nackenschlag für die Weltgeschichte ist und bleibt allerdings Nombeko. Dieses Mädchen kennen zu lernen und ihr durch die wundervolle Story folgen zu dürfen ist das wohl kurzweiligste Leseereignis des Jahres.

Wo die Bombe bleibt, fragt ihr? Das Buch ist die Bombe. Niemand wird es je entschärfen können. 

Was für ein Genie - Jonas Jonasson

Was für ein Genie – Jonas Jonasson

Die große Wörterfabrik – APP(etit) auf mehr

Die große Wörterfabrik - Vom Buch zur App

Die große Wörterfabrik – Vom Buch zur App

Manchmal passiert es einfach. Man schlendert durch eine Buchhandlung und wird von einem jener kleinen Werke magisch angezogen, die dort so harmlos auf uns bibliophile Menschen warten. 2010 ereilte uns das buchige Schicksal in Form eines Buches, das eigentlich den Eindruck machte, es sei ein Kinderbuch. In wärmsten Farbnuancen illustriert und eigentlich mit sehr wenig Text versehen. Einfach nur schön, dachten wir und wollten Die große Wörterfabrik eigentlich nach einem freundlichen Blick nicht mit nach Hause nehmen. Eigentlich…

Aber der erste ganz vorsichtige Blick in dieses literarische All-Age-Kleinod ließ uns keine andere Wahl und wir verbrachten wundervolle Jahre mit dem kleinen Meisterwerk. In Wirklichkeit ist es in einer guten halben Stunde gelesen, oder in etwas mehr als einer halben Stunde vorgelesen und in aller Schönheit betrachtet. Aber aus der Hand legen kann man es niemals wieder. Und aus der eigenen Fantasie verschwindet es auch nicht mehr. Ein Lebensbuch… im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine Geschichte vom wahren Wert der Wörter – so haben wir unseren kleinen Artikel damals genannt. Eine Geschichte, in der es eigentlich darum geht zu ermessen, wie wertvoll das gesprochene und geschrieben Wort sein kann und wie belanglos wir manchmal mit der unfassbaren Reinheit dieser Wörter umgehen. Wir verschwenden sie oder wissen sie nicht richtig einzusetzen. Ihre Wirkung verhallt oftmals ungehört und hier kommt die Botschaft der großen Wörterfabrik gerade zur rechten Zeit!

Und seit wenigen Tagen nicht mehr „nur“ noch in gebundener Form, sondern in einer fantasievollen Umsetzung als „App“ für Tablet Computer oder Smartphones. Werfen wir zuerst noch einen Blick auf die Buchvorlage und starten dann die App Gespannt?

Die große Wörterfabrik - Ob groß oder klein... wundervoll!

Die große Wörterfabrik – Ob groß oder klein… wundervoll!

Was wäre, wenn man für Wörter bezahlen müsste? Gäb es es dann wortreich und wortarm wirklich? Und wie könnte man jemanden von seiner Liebe überzeugen, wenn man zu arm wäre, die richtigen Worte aussprechen zu dürfen? Wäre der Preis für die Wörter zu hoch, gäbe es dann gar keine Liebe mehr? Wir stellten uns damals folgende Fragen, die uns bis heute nicht losgelassen haben und deren Beantwortung für den kleinen Paul doch lebenswichtig ist.

Denn Paul ist arm und verliebt. Doch wie will er dies seiner Marie nur verständlich machen…? Unter den dunklen Prämissen der wundervollen Parabel und nur mit unbrauchbaren billigen Wörtern im Gepäck:

Stell` Dir vor, es gibt:

Ein Land, in dem die Menschen kaum reden.
Ein Land, in dem die Menschen ihre Wörter erst kaufen müssen, um zu sprechen.
Ein Land in dem man die gekauften Wörter zu sich nehmen muss, um sie in Sprache zu verwandeln.

Ein Land, in dem besonders schöne Wörter schier unbezahlbar teuer sind.
Ein Land, in dem nur die Reichen über die wirklich wichtigen Wörter verfügen.

Stell` Dir vor:

Man lebt in diesem Land und ist arm.
Man lebt dort und kann nichts Schönes oder Wichtiges sagen.
Man lebt dort und muss mit preiswerten und belanglosen Wörtern zurechtkommen oder gar in sprachloser Armut schweigen.
Man lebt dort und kann sich seine Sprache nicht leisten, während die Reichen unbedacht die schönsten Wörter zu Floskeln machen.

Stell` Dir vor:

Man kann es sich nicht leisten, die schönsten Gedanken in die Welt zu rufen, weil man zu arm zum Sprechen ist.

Stell` Dir das mal vor.

Die große Wörterfrabrik - Mit einem Klick zur Vorschau

Die große Wörterfabrik – Mit einem Klick zur Vorschau

Agnès de Lestrade ist es gelungen, uns diese Vorstellung zu vermitteln. Mit nur wenigen Worten (wertvollen Worten – unbezahlbaren Worten). Valeria Docampo ist es gelungen, uns diese Vorstellung unauslöschlich in unsere so sehr verwöhnten Herzen zu brennen. Mit ihren Illustrationen (wertvollen Illustrationen – unbezahlbaren Illustrationen).

Kann es Mixtvision Digital gelingen, mit der ungewöhlichen Adaption der Buchvorlage noch mehr von uns zu erobern? Ist eine „App“ in der Lage, die Gefühlswelten der „Großen Wörterfabrik“ zu vermitteln, oder wird unserer Fantasie durch zusätzliche Bild-, Lern- und Spielwelten schlichtweg zuviel zugemutet? Oder haben wir es mit einem der ganz seltenen Fälle zu tun, in denen es tatsächlich gelingt, ein Lebensbuch um eine ungeahnte Dimension zu erweitern?

Wir waren gespannt und blickten gebannt auf Smartphone und Tablet PC, was uns nun als absolute Fans des Buches ereilen würde… Atemlose Spannung machte sich breit…, gefolgt von einem überraschten Lächeln…

Die große Wörterfabrik - App... spielen, lesen & lernen

Die große Wörterfabrik – App… spielen, lesen & lernen

Schon zu Beginn der wundervoll animierten App überzeugte uns das Auswahlmenü. Denn man kann selbst entscheiden, ob man sich Die große Wörterfabrik entweder als Film anschauen, oder die App mit allem multimedialen Komfort genießen möchte. Dabei wird sie einem Kinderbuch mehr als gerecht, da man die Texte selbst vorlesen oder einfach einen Sprecher aktivieren kann. Und dieser Komfort macht einfach Spaß, denn er bewahrt den ursprünglichen Charme des Buches und bringt Geräusche und viel Interaktion mit sich. Liebevoll…

In wundervoller Balance aus warmer Animation und Touchscreen-Funktionen blättert man sich selbst und seine Mitleser (oder sagt man Mit“Apper“) durch die Magie dieser Geschichte. Auf jeder Seite gibt es etwas zu entdecken und der Mix aus Hören, Sehen, Berühren, Sortieren und Wörterfangen veranschaulicht auch für die kleinsten Leser den wahren Wert der Wörter und schließlich auch die große Not, in der sich Paul befindet. Die Botschaft über den wahren Wert des Wortes wohnt auch tief in dieser App. Nichts ist von der Faszination des Buches verloren gegangen. Viele Dimensionen und Nuancen gewinnt man hinzu. Meisterlich…

Und auch das Finale der Geschichte berührt ebenso sehr wie im Buch. Wir können euch die kleine App wirklich nur empfehlen, auch wenn wir uns niemals von unserer Buchausgabe trennen würden. Für uns ergeben beide Medien eine wundervolle Einheit der Fantasie und im Idealfall sollten Buch und App bei euch zu finden sein. Denn am Ende steht immer das gleiche Wort… jenes magische Wort, mit dem nichts endet und so vieles beginnt:

„……..“ – aber das verraten wir natürlich nicht…! Na, habt ihr jetzt APPetit? 😉

die grosse wörterfabrik interaktiv

Die große Wörterfabrik – Interaktiv romantisch

Editorischer Nachtrag:

„Die große Wörterfabrik“ gehört zu unseren zeitlosen Empfehlungen für den weihnachtlichen Gabentisch. Das perfekte Geschenk für Büchermenschen und alle Leser, deren Herz am rechten Fleck sitzt. Es befindet sich hierbei in bester und gediegener Gesellschaft: unsere Allzeit-Empfehlungen

Literatwo empfiehlt - Die große Wörterfabrik...

Literatwo empfiehlt – Die große Wörterfabrik…

empfehlungen spacer

Ein Abend für Oda Schaefer – München im Oktober 2013

Oda Schaefer ist zurück - Eine Lesung im Lyrik Kabinett

Oda Schaefer ist zurück – Eine Lesung im Lyrik Kabinett

Am 27. Oktober 2013 lautete unsere Schlagzeile „Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich und voller Vorfreude schrieben wir über die anstehende Lesung aus Odas Werken im Münchener Lyrik Kabinett. Vielen Menschen aus Kultur und Gesellschaft ist es zu verdanken, dass wir am heutigen Tag voller Stolz auf neu publizierte Bücher der großen deutschen Lyrikerin blicken dürfen. Fast schon vergessen – nicht mehr verlegt und dann, ausgelöst durch den epischen Film „Poll“, geriet die Welt des Vergessens ins Wanken.

Wir Literatwos hatten uns seit jenem Film mit unseren Mitteln gegen das Vergessen gewehrt und mit vielen treuen Lesern an unserer Seite ist es uns gelungen, ein kleines Mosaiksteinchen in das komplexe Wandbild des Erinnerns einzufügen. Unser Blog war und ist unsere Waffe – Teamwork und Leidenschaft sind unsere Maxime und wir haben uns gerne in den Dienst einer Schriftstellerin gestellt, die wir so gerne kennengelernt hätten. Heute können wir sagen:

Oda ist wieder daund vielleicht sogar strahlender denn je, denn auf Einladung ihres Erben und „Vize-Enkels“ Titus Horst fanden sich weitere Wegbegleiter dieser literarischen Renaissance im gediegenen Ambiente und auf der Bühne des Lyrik Kabinetts ein, um mit einer stimmungsvollen Lesung das Motto der „Unvergessenen“ wahr werden zu lassen:

„Immer war ich – immer werde ich sein! Immer!“

Ein Abend für Oda Schaefer - Die Mitwirkenden

Ein Abend für Oda Schaefer – Die Mitwirkenden

Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt an jenem Montag, den 28. Oktober und 25 Jahre nach dem Tod Oda Schaefers spürten alle Anwesenden sofort, dass ihre lyrische Aura nichts von ihrem ursprünglichen und zeitlosen Zauber eingebüßt hat. Titus Horst präsentierte ein unfassbar tief angelegtes Kaleidoskop ihres Lebens – einen mehr als gelungenen und in sich geschlossenen Zyklus aus Lebenserinnerungen, flankiert durch ausgewählte Gedichte aus dem Lebenswerk der großen Autorin.

Titus Horst hatte sich an diesem Abend in die Rolle des lesenden Chronisten begeben und führte das aufmerksam lauschende Publikum mit unnachahmlicher Erzählstimme (mal Berliner Polizist; mal Oda selbst in all ihrem Hoffen und Bangen; aber dabei immer Titus selbst) in ein schillerndes Kaleidoskop eines Dichterlebens.

Er öffnete eine bisher verborgene Tür zu Oda Schaefer und ließ ihr höflich den Vortritt, wenn es darum ging, das Wort an uns zu richten. Oda war plötzlich mitten unter uns. Oda erzählte selbst, als sei Titus Horst eher Medium, denn Erzähler. Er berlinerte sich durch Haussuchungen im Dritten Reich; kindbettete sich ängstlich durch die unfassbaren Qualen einer werdenden Mutter und wurde ganz leise, als er von den letzten Monaten einer Frau berichtete, die ihm sehr am großen Herzen liegt.

Und mehr als bewegend stand er erschüttert in Horst Langes Worten am Rand einer frisch ausgehobenen Grube unter dem Zeichen des Hakenkreuzes und erschoss kaltblütig jüdische Opfer… bis sich ein zum Tode Verurteilter unerwartet umdrehte und dem Nazi-Täter in die Augen schaute, der dann sein Leben lang nur noch einen Satz zu denken vermochte: „Und da sah ich, dass das ein Mensch war“. Titus Horst hat seinen Bogen weit gespannt, Oda und ihren Ehemann Horst Lange umarmt und ihnen Raum gegeben, uns zu erklären, wie sie dachten. Tiefer geht es nicht…..

Von li. nach re.: Die Schauspieler Evelyn Plan &Titus Horst und Biographin Dr. Monika Bächer

Die Schauspieler Evelyn Plank & Titus Horst und Biographin Dr. Monika Bächer

Den wichtigen Episoden ihres Lebens – den Stationen eines langen und oftmals brutalen, aber nie hoffnungslosen Weges, stellte die Schauspielerin Evelyn Plank die Gedichte von Oda Schaefer zur Seite. Die Auswahl dieser Zeilen war so treffend, dass sie sich oftmals genau in die Momente einfügten, die Titus eben noch als Lebenserinnerungen Oda Schaefers rezitierte. Viele Kreise schlossen sich an diesem Abend – auch derjenige der Einordnung mancher Zeilen aus Odas Feder.

Ich weiß nicht, wie Oda selbst gelesen hätte. Ich weiß nicht, in welchem Rhythmus sie schrieb. Ich weiß nicht, in welcher Melodie sie dachte. Ich weiß nur eines: Evelyn Plank hat mit Ausstrahlung und Stimme gezaubert, denn nur so kann – nur so muss – und sicherlich hat Oda Schafer nur so geschrieben und gefühlt. Kokett; nachdenklich; tief traurig; aufrüttelnd; vehement; laut; leise; zart; verträumt; verliebt; leidend; trauernd… All das hat man im Vortag von Evelyn Plank erfühlen können.

Evelyn Plank hat unserem Gefühl von Oda Schaefer eine Dimension verliehen, die wir bisher nicht kannten. Eine große Persönlichkeit, die in der Eindringlichkeit der eigenen Texte durch die Nuancierung des gesprochenen Wortes eine Ebene erreicht, die man erlebt haben muss. Frau Plank… sie haben ihre Zuhörer und uns an diesem Abend berührt… im wahrsten Sinne des Wortes.

Oda Schaefer - Immer war ich - immer werde ich sein...

Oda Schaefer – Immer war ich – immer werde ich sein…

Als dann die Biographin Oda Schaefers das Wort ergriff, begann der schon einzigartige Abend erneut eine sehr bedeutende Wendung zu bekommen. Dr. Monika Bächer verfasste bereits im Jahr 2005 ihre Dissertation Oda Schaefer (1900 – 1988) – Leben und Werk, die 2006 im Aisthesis Verlag veröffentlicht wurde. Eine Biographie, die man mit Fug und Recht als DAS Standardwerk zur Lyrikerin Oda Schaefer bezeichnen muss.

Wir haben uns bisher noch nicht mit den wissenschaftlichen Hintergründen eines Lebens beschäftigt. Wir haben keine Ahnung von der Analyse prosaischer Texte, ihrer Einordnung oder Kategorisierung und heute wissen wir, dass wir es hätten tun sollen. Unfassbar lebendig erzählte Dr. Monika Bächer aus dem Leben Oda Schaefers und ließ ihre Erkenntnisse aus umfangreichen Recherchen derart zart in diese Betrachtung einfließen, dass man niemals geglaubt hätte, dass es hier um eine Dissertation geht. So lebendig und so spannend kann Wissenschaft sein… wir haben viel gelernt.

Dr. Monika Bächer zitierte aus Odas Briefen und zeigte eine völlig neue Seite der Autorin. Sie war im direkten Kontakt unglaublich humorvoll und kokett. Sie liebte die Natur, die sich in einer großen Schaffensphase zum zentralen Element ihres Werkes entwickelte und war eine bedeutende Vertreterin der sogenannten Trostliteratur. Und zu trösten hatte Oda in Anbetracht ihrer eigenen Vita immer wieder. Nicht zuletzt sich selbst. Ein Zitat blieb mir besonders in Erinnerung. Auf die Bitte eines Verehrers, ihm doch ein Bild von sich zu überlassen, antwortete sie:

„Ein Photo schicke ich nicht.
Ich bin zu hübsch – das irritiert sie nur!“

Literatwo & Oda Schaefer - Mehr als Worte

Arndt Stroscher & Gastgeber Titus Horst – Mehr als Worte für Oda

Und natürlich waren auch wir geladen. Einfache Blogger, die in diesem erlesenen Kreis von eloquenten Lyrikern und Dichtern, Prosaliebhabern und Wissenschaftlern über unsere Annäherung an Oda Schaefer berichten sollten. Wir auf der Bühne des Lyrik Kabinetts, na wer hätte das gedacht. Diesmal war es an mir, Literatwo zu repräsentieren, aber Bianca war schon zu Beginn der Lesung telefonisch mit Titus Horst verbunden und so schloss sich auch dieser Kreis an einem besonderen Abend.

WIR haben von unserem Weg mit Oda berichtet, den man in einer eigens verfassten Chronologie sehr gut nachlesen kann. Wir haben von unseren Weggefährten berichtet, von vielen Zufällen und auch ein wenig vom Schicksal und wir haben von unseren Lesern erzählt, ohne deren Interesse eine solche Artikelserie nicht entstanden wäre. Voller Dankbarkeit haben wir über unsere Freude berichtet, wie schön es mit Oda Schaefer auf der Dresdner Schriftgut 2012 war und wir haben über unsere Gefühle erzählt, die uns durchfluten, wenn wir Odas Zeilen lesen.

Und letztlich haben wir darüber berichtet, was für uns die Relevanz von Lyrik in der heutigen Zeit ausmacht. Oda Schaefer war eine zutiefst pazifistische Autorin, die sich selbst in ihrem Leben treu geblieben ist. Die Kontinuität ihres Schaffens steht heute für ihr Lebenswerk. Und wenn wir heute im Angesicht einer Frau, die zeitlebens immer wieder schwer krank war, ihren einzigen Sohn im Krieg verlor und als Ehefrau eines schwer traumatisierten Weltkriegsopfers ihr Schicksal meisterte, die eigenen Probleme im lyrischen Licht betrachten, dann geben uns folgende Zeilen immer wieder Halt, weil Oda gezeigt hat, dass sie mit Leben gefüllt, das Leben retten können:

Immer war ich –
Immer werde ich sein
IMMER

Oda Schaefer- DAS FINALE

Oda Schaefer- DAS FINALE

Asterix bei den Pikten – Mr. Rail(ix) und das gallische Abenteuer

Asterix bein den Pikten - Band 35 (XXXV) ist da...

Asterix bein den Pikten – Band 35 (XXXV) ist da…

Asterix und Obelix – ein kleines, von dummen Römern umzingeltes gallisches Dorf – die Angst, mir könne der Himmel auf den Kopf fallen – ein kleiner Hund namens Idefix – Majestix und Gutemine – ein magischer Zaubertrank – ein gefesselter Barde – stets sinkende Piraten – geizige Schmiede und niemals frische Fische – verprügelte Römer und ein ratloser Cäsar…

So lassen sich meine Jugenderinnerungen in Worte fassen. Asterix-Erinnerungen, die bei mir 1968 im Alter von sechs Jahren beginnen, als ich zum ersten Mal in meinem Leben von meinem Vater ein Asterix-Heft geschenkt bekam. Niemals hätte ich an diesem Tag gedacht, dass mich der kleine Gallier so viele Jahre durch mein Leben begleiten würde. Und niemals hätte ich vermutet, dass ich auch heute noch – 45 Jahre später – wieder zum Kind werde, wenn ein neuer Asterix-Band erscheint.

Und doch ist diesmal alles anders. Einschneidend, wie der Tod des legendären Texters René Goscinny im Jahr 1977, ist die Veränderung. Damals begann der Zeichner der legendären Comics, Albert Uderzo, den Erzählstil des verstorbenen Partners fortzusetzen. Die riesige Fangemeinde blieb Asterix treu und tolerierte sogar die oftmals wenig durchdachten Geschichten. Asterix war zum Kult geworden und diesen Status hat die Serie bis zum heutigen Tag bewahrt. Doch nun erscheint mit Asterix bei den Pikten der erste Asterix-Band unter der Regie eines völlig neuen Teams. Kann das gut gehen?

Asterix bei den Pikten - Neuer Zeichner - Neuer Texter - geht das gut?

Asterix bei den Pikten – Ein neues Team – geht das gut? (© Marc S.)

Diesen Kultstatus gilt es zu verteidigen, vor allem, weil die bisherigen Bände jeweils in einer Millionenauflage erschienen sind. Die Fans freut es, dass die Reise der unsterblichen Gallier weitergeht. Der Ehapa Verlag jedoch hat viel zu verlieren, wenn der erste Hinkelstein-Wurf des neuen Duos – Texter Jean-Yves Ferri und Zeichner Didier Conrad – das wichtigste Ziel nicht erreicht: Die Herzen der Fans…

Und frei nach dem Motto: „warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah“, verschlägt es unsere gallischen Helden diesmal nicht nach Ägypten oder in die neue Welt, sondern in ein zur damaligen Zeit weitgehend unbekanntes und von Legenden überzogenes Land: auf nach Kaledonien… auf ins alte Schottland zu den sagenumwobenen Clans der Pikten.

Der Anlass für diese Reise wird den Galliern quasi vor die Füße gespült. Und das im allerbesten Augenblick, den es für eine schicksalhafte Wendung geben kann. Es herrscht Langeweile im kleinen gallischen Dorf, da die römischen Besatzer alle Hände voll zu tun haben, andere Länder zu erobern und sich in Aremorica fast nichts mehr tut. Obelix befindet sich in der großen Sinnkrise seines Lebens. Die Helme werden rar und Prügeleien mit Römern fallen aus wegen „ist nicht.“

Asterix bei den Pikten - Ein ganzes Leben in Gallien

Asterix bei den Pikten – Ein ganzes Leben in Gallien

Da kommt ein angeschwemmter Pikte, tätowiert und im schottischen Kilt, gerade recht. Aus dem Eisblock aufgetaut vermag er zwar nicht zu sprechen, aber mit Händen und Füßen gelingt es ihm, die faszinierten Gallier davon zu überzeugen, das er dringend Hilfe braucht. Nicht nur den möglichen Thron haben ihm die verfeindeten Clans geraubt, auch die Verlobte wurde ihm unter dem karierten Rock weggezogen. Das ruft nach einer kleinen gemeinsamen Reise.

Ausgestattet mit der handelsüblichen Portion Zaubertrank, einer großen Portion Abenteuerlust, einem ganz speziellen Sprachelixier für den verstummten Pikten und einem kleinen aber feinen gallischen Ruderboot machen sich Asterix und Obelix gemeinsam mit ihrem neuen Freund auf den Weg in ungeahnte Abenteuer, versenken im Vorbeifahren noch geschwind das traditionell zu versenkende Piratenschiff – guter Brauch muss gepflegt werden – und finden in Kaledonien alles vor, was das einsame Gallierherz deutlich höher schlagen lässt.

Römische Eroberer; zerstrittene kleinkarierte Clan-Häuptlinge; beste Dudelsack-Musik; Bäume werfende Pikten; ungeheure Ungeheuer in den Tiefen eines Lochs und völlig unbekannte alkoholische Getränke, die der ohnehin guten gallischen Reiselaune den entscheidenden Kick geben. Es ist angerichtet. Kaledonien hat so etwas noch nicht erlebt und die tätowierten Pikten klammern sich schon bald gegenseitig an die kriegerischen Rockschöße, als sie erkennen, mit wem sie es zu tun haben.

Asterix bei den Pikten - Mehr als ein Piktogramm

Asterix bei den Pikten – Mehr als ein Piktogramm (© Marc S.)

Das neue Autoren- und Zeichnerteam lässt keine Klischees der gallisch schottischen Begegnung aus. Wäre auch schade gewesen, denn die kulturellen Unterschiede beinhalten viel Potenzial für eine der gut erzählten, eher traditionellen Geschichten über unsere gallischen Helden. Und schon neigt der erfahrene Asterix-Fan dazu, begeistert zu jubeln, da nach langer Zeit die Zutaten für den miraculösen Zaubertrank mal wieder ein gutes Rezept zu ergeben scheinen.

Die Zeichnungen erreichen im Niveau eine Qualität, die man in den 1980er und 1990er Jahren weitgehend vermisst hatte. Zu modern wirkte alles und oft viel zu angepasst an die technischen Möglichkeiten vergleichbarer Produktionen. Asterix bei den Pikten erinnert in seiner Aufmachung erfreulich an die besten Bände aus der Zeichenfeder von Albert Uderzo. Man fühlt sich wieder in die eigene Jugend zurückversetzt und allein diese Rückbesinnung auf die handwerkliche Präzision von einst zeichnet den neuen Asterix-Band 35 mehr als aus und hebt ihn von den zuletzt erschienenen Werken ab.

Die Handlung hingegen wirkt auch beim zweiten Lesen so, als habe das neue Team mit ganz vorsichtig angezogener Handbremse noch nicht zuviel des Guten wagen wollen. Die gehörige Portion archetypisch gallischen Humors ist im Zaubertrank die wichtigste Ingredienz, aber man darf sich freuen, wenn Asterix in der Zukunft „ungebremst und mutiger“ daher kommt. Der rein inhaltliche rote Faden bringt Leser jeden Alters ans lang erwartete Ziel. Ein großes Bankett – Wildschwein ohne Ende – ein gefesselter Barde und viele gute Geschichten von unterwegs…

Wer jedoch diesmal auf dem Baum sitzt und nicht an der großen gallischen Tafel… nun, das müsst ihr selbst erlesen. Troubadix ist es jedenfalls nicht… Nicht diesmal…

Asterix bei den Pikten - Ein Fazit

Asterix bei den Pikten – Ein Fazit

Unser Fazit ist ganz einfach und dabei so wundervoll zugleich: Asterix bleibt Asterix. Der Kultstatus wird bleiben und keinem Leser fällt bei „Asterix bei den Pikten“ der Himmel auf den Kopf. Die Faszination für Jung und Alt ist ungebrochen. Egal in welchem Alter man Asterix liest, man entdeckt seine eigenen verständlichen Botschaften und die lustigen Geschichten wachsen mit der eigenen Entwicklung. Kaum eine andere Comicserie kann da auch nur in Ansatz und Dimension mithalten.

Die Botschaft ist klar: Wir sind alle anders… und anders sein ist völlig ok, solange man sich gegenseitig respektiert. Und wer dazu nicht in der Lage ist, bekommt eben auf die Mütze, oder eben den Helm… Herrlich einfach. Herrlich unkompliziert und dabei doch so typisch gallisch. Lest, lacht, lest gemeinsam mit Kindern, freut euch auf Asterix, Obelix & Idefix und vergesst die beiden sympathischen Gallier nicht… Es wird weitergehen.

Ich würde mir persönlich etwas wünschen vom Verlag. Nach dem XXX. (sprich 30.) Band „Obelix auf Kreuzfahrt“ wurden die Nummern der nachfolgenden Hefte nicht mehr in römischen Zahlen angegeben. Das ist schade. Denn wenn man als junger Mensch seine Asterix-Sammlung in die richtige Reihenfolge bringen wollte, so musste man des römischen Zählens mächtig sein. Kein Lateinlehrer konnte mir dieses System näher bringen, als dies Asterix gelungen ist. Diese Tradition fehlt mir sehr und es besteht die Gefahr, dass junge Menschen bald nicht mehr wissen, was die XXVIII bedeutet… Schade eigentlich…

Die rollende Bibliothek der Kinderklinik Dritter Orden

Die rollende Bibliothek der Kinderklinik Dritter Orden – Ein Maßstab…

Ein perfekter Gradmesser für die Beliebtheit von Asterix und Obelix ist die absolut perfekt ausgestattete rollende Bibliothek der Kinderklinik „DritterOrden“ in München. „Asterix bei den Pikten“ ist sogar mit zwei Exemplaren  auf dem liebevoll zusammengestellten Wagen vertreten und man muss schon ein wenig Glück haben, oder ihn bei den freundlichen Bibliothekarinnen vorbestellen, wenn man ihn auf Station lesen möchte. „Asterix wird immer gelesen, auch wenn unsere Bücher im Klinikalltag oftmals von Smartphone-Spielen verdrängt werden“, so eine der Damen, die Kinder- und Jugendbücher persönlich ans Bett bringen.

Dies ist übrigens die einzige Bibliothek, in der Bücher nach dem Lesen desinfiziert werden. Literatwo ist ja eher dafür bekannt, dass wir euch mit unseren Leseviren völlig absichtlich anstecken wollen. Da hilft auch keine Quarantäne…

Bleibt gesund und passt auf, dass euch der Himmel nicht auf den Kopf fällt… beim Teutates. 

Wenn sich ein Kulturmagazin an Asterix verhebt...

Wenn sich ein Kulturmagazin an Asterix verhebt…

Kleiner editorischer Nachtrag: Wenn sich das 3sat-Magazin Kulturzeit mit Asterix und Obelix beschäftigt, dann kann man sich bereits in der Anmoderation des Beitrages heftig verheben. Wie das geht? Einfach hier klicken... es lohnt sich 😉