„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ – J. Jonasson fällt aus dem Rahmen

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Ein Buch, mit dem zu rechnen ist

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Ein Buch, das aus dem Rahmen fällt

Das Jahr 2013 neigt sich seinem Ende zu, aber die großen Verlage in Deutschland haben ganz kurz vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts noch ein paar richtige literarische Kracher auf Lager. Carl`s books zum Beispiel schickt sich an, noch kurz vor Jahresschluss nicht nur die Bestsellerlisten, sondern auch die Herzen und den Humor der Leser zu erobern. Und man kann sich mehr als berechtigte Hoffnungen auf einen der begehrten Plätze an der Sonne machen, denn nach dem Sensations- und Überraschungserfolg von Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand legt der begnadete schwedische Autor nach.

Nur lässt er diesmal niemanden verschwinden, um die ganze Welt in Rückblenden zu erobern – nein – diesmal erzählt Jonasson eine Geschichte, die in Südafrika beginnt und sich von dort aus so langsam aber sicher, mit dem ein oder anderen kleinen Umweg, auf die Reise nach Skandinavien macht. Mit dem wundervollen Titel Die Analphabetin, die rechnen konnte werden Fans des subtilen und intelligenten Humors des schwedischen Weltbestseller-Autors für ihre Geduld belohnt, die sie aufbringen mussten, bis ein neuer Jonasson am buchigen Firmament erscheint.

Diesmal fällt oder steigt niemand aus einem Fenster – nein – das ganze Buch fällt, wie sein beliebter Vorgänger erneut aus dem Rahmen. Es fällt eigentlich aus jedem bekannten Rahmen, den sich Leser humorvoller gesellschaftspolitischer und sozial-philosophischer Romane nur vorstellen können. Denn dass es sich bei Jonassons neuem Roman um eine satirisch utopische Auseinandersetzung mit brutaler Armut, Apartheid, diktatorischen Machtgelüsten, revolutionären Strömungen gegen die Monarchie und eine Generalanklage gegen Atomwaffen handelt ist völlig klar… Oder es wird völlig klar, wenn man die Lachkrämpfe überstanden hat, die uns Jonas Jonasson in den Bauch schreibt.

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Jonasson in Beestform

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Jonasson in Bestform

Wenn man sich „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ genauer anschaut, dann könnte das Buch einem Lehrstück für kreatives Schreiben entsprechen. Die Aufgabenstellung an den mutigen Autor mag folgendermaßen gelautet haben: <Verbinden sie folgende Begriffe „Atombombe; Fäkalien; Mossad; Monarchie; Kartoffeln; Michael Ballack; Nelson Mandela; Soweto und Schweden“ so miteinander, dass eine sinnvolle und spannende Handlung entsteht!> Und nun viel Glück…

Wohl jeder Schriftsteller wäre an einer solchen Ausgangssituation gescheitert, doch bei Jonas Jonasson scheint sie sich zufällig und schicksalhaft zu ereignen. Das macht er nicht selbst…. Er schreibt uns Lesern eine moderne Heldin ins Herz, deren Aufstieg in diesem Roman so kometenhaft und doch so zufällig verläuft, dass man nur staunen kann. Er siedelt den Beginn seines großen Romans im südafrikanischen Soweto an. Sehr richtig gelesen – dem großen Zusammenschluss mehrerer Townships der schwarzen südafrikanischen Bevölkerung, die durch das Apartheitsregime von der weißen Bevölkerung getrennt wurde. Rassentrennung!

Nombeko heißt unsere Protagonistin und ihre Vita ist außergewöhnlich. Schon mit fünf muss sie arbeiten gehen, mit zehn wird sie Vollwaise und zeigt zum ersten Mal im Büro der Fäkalienentsorgung Sowetos ihr großes Talent. Dieses schwarze Mädchen kann rechnen wie der Teufel. Eine unfassbare Begabung, der man nur folgen muss, um Fortschritte zu erzielen. Man muss ja niemandem erzählen, wer diese genialen Berechnungen zur Steigerung der Effizienz  angestellt hat. Würde ja eh niemand glauben… Nun wirklich nicht. Und Nombeko gefällt sich in der unauffälligen Rolle der Wissenden im Hintergrund.

Die Analphabetin, die rechnen konnte - Ein prachtvolles Buch

Die Analphabetin, die rechnen konnte – Ein prachtvolles Buch

Die Geschichte wäre wohl im Township geblieben und nie bekannt geworden, wäre da nicht ein Unfall geschehen. Nombeko wird überfahren und als eigentliches Opfer auch noch für den Unfall bestraft. Fortan muss sie beim Verursacher arbeiten. Zwangsarbeit. Alles wäre gut gegangen, wäre es nicht der leitende Ingenieur des südafrikanischen Atombomben-Programms gewesen, der Nombeko mir nichts dir nichts und völlig betrunken über den Haufen gefahren hätte.

Nombeko lernt lesen und ihre unfassbare Begabung, sich alles rasend schnell anzueignen macht sie binnen kurzer Zeit zur eigentlichen Wissenden im Hochsicherheitstrakt der Wissenschaftler. Sie schnappt Dinge auf, hält Augen und Ohren offen und lernt von allen Menschen in ihrer Umgebung. Sogar Chinesisch eignet sie sich an. Ganz bescheiden und sympathisch… sie lernt nur schnell… mehr nicht…

Als es dann allerdings zum Besuch einer wichtigen chinesischen Delegation in Südafrika kommt und der Dolmetscher plötzlich unpässlich wird, tritt das wahre Talent von Nombeko ans Tageslicht. Sie übersetzt die Gespräche hochrangiger Politiker und setzt eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, weil sie eben lieber plaudert, als wörtlich zu übersetzen. Nun reiht Nombeko all die Wortperlen aneinander, die niemals zueinander gefunden hätten. Sie tritt Ereignisse los, die die Welt in Atem zu halten in der Lage sind und eine aberwitzige Jagd beginnt. Denn durch einen schrecklichen Irrtum kommt Nombeko in den Besitz einer Atombombe… sie war halt übrig… und eigentlich gibt es sie nicht. Einziger Ausweg: Die Flucht nach Schweden. 

Die Analphabetin. die rechnen konnte & Der Hundertjährige -Untrennbar verbunden

Die Analphabetin, die rechnen konnte & Der Hundertjährige = Lesespaß pur

Und genau hier führen dann alle Wege zusammen. Alle eingewobenen Handlungsfäden vereinen sich und das Tau wird fester. Damit aber auch der Knoten, der so sinnbildlich auf dem Cover des Romans abgebildet ist. Nombeko trifft auf Revolutionäre, die den schwedischen König stürzen wollen (und käme da ein Bömbchen nicht recht?); begegnet dem Mann ihrer Träume, dessen einziges Problem darin besteht, dass er nicht existiert (zumindest nicht im formalen Sinne); stellt sich einer Verfolgungsjagd mit einen Mossad-Agenten namens Michael Ballack (ja – richtig gelesen) und landet schließlich mit dem schwedischen König auf einer Kartoffelfarm (wo man wenig vegetarisch Hühner schlachtet).

Wird es Nombeko endlich gelingen, ihr kleines Souvenir aus Südafrika an den richtigen Mann zu bringen? Wie wird man nach zwanzig Jahren endlich eine Atombombe los und wie reagiert Schweden darauf, als es endlich kapiert nun auch Atommacht zu sein? Und wie kommt der Mossad-Agent Ballack mit den Symptomen eines Hirnstillstands zurecht? Der Lesespaß ist garantiert – alles wirkt höchst skurril, unfassbar und doch ist alles so völlig plausibel… Jonas Jonasson gelingt ein Bravourstück der satirischen Literatur, das nichts auslässt. Vor allem nicht die perfekt sitzenden Seitenhiebe auf die realen politischen Verhältnisse.

So wird ein gewisser Nelson Mandela erst kurz vor der Verleihung der Friedensnobelpreises von der US-amerikanischen Liste der meist gesuchten Terroristen gestrichen und die Ehefrau des schwedischen Königs sorgt sich in heiklen Situationen nur darum, ob ihr Göttergatte „Wieder mal rumhurt“ – herrliche Nackenschläge in die Realität des Lebens. Der genialste Nackenschlag für die Weltgeschichte ist und bleibt allerdings Nombeko. Dieses Mädchen kennen zu lernen und ihr durch die wundervolle Story folgen zu dürfen ist das wohl kurzweiligste Leseereignis des Jahres.

Wo die Bombe bleibt, fragt ihr? Das Buch ist die Bombe. Niemand wird es je entschärfen können. 

Was für ein Genie - Jonas Jonasson

Was für ein Genie – Jonas Jonasson

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