„Atlantische Fahrt“ von Ernst Jünger

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

Es ist nicht leicht dahergesagt, dass sich Autoren im Laufe ihres Lebens verändern und entwickeln. Sie reifen an ihren Werken oder eben an den Erlebnissen, die ihnen während des Schreibens an allen Ecken und Enden des kreativen Schaffens auflauern. Romantische Phasen schlagen hier ebenso ihre Wurzeln, wie traumatische Ereignisse. Sie schärfen den Blick und lassen Perspektivwechsel zu, die nicht möglich wären, würde der Schriftsteller im Glaskasten leben.

Ernst Jünger ist gerade in dieser Beziehung für seine Leser von besonderem Interesse. Seine epochalen Werke über den Ersten Weltkrieg gehören zu den meist gelesenen Büchern über jene Zeit. Sie öffnen die Augen für die fehlgeleitete kaiserliche Vaterlandsliebe und die Euphorie, mit der junge Männer mit wehenden Fahnen in den Untergang liefen. Antikriegsliteratur hat Jünger geschaffen. Nichts verherrlicht er. Nichts lässt er aus. Schonungslos geht er mit dem industrialisierten Morden in den Schützengräben um. Gaskrieg und Massensterben für einen Raumgewinn von wenigen Metern – Angst – Tod und Verstümmelung – all diese Themen packt er an und keines seiner Bücher scheint geeignet, Kriegs- oder Mordlust beim Leser reifen zu lassen.

Sein großes „Kriegstagebuch 1914 – 1918“ und die daraus abgeleitete Roman-Adaption „In Stahlgewittern schildern seinen eigenen Weg durch die Gräben, die anfänglich Frankreich und Deutschland trennten. Sie öffnen die Augen für das Abstumpfen des menschlichen Geistes, für die Verrohung des Kriegers und für die Brutalität im Umgang mit sich selbst und dem Feind. Pathos findet man wenig und die Begriffe wie „Ruhm“ oder „Ehre“ werden zu diffusen Trugbildern einer ordensgeschmückten Fantasie. Jünger schreibt seinen Leser in den Schützengraben hinein und überlässt ihm dort seinem Schicksal. Jeder ist sich selbst der Nächste. Überleben als Leseübung… Heftig.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Brasilien 1936

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Brasilien 1936

Wenn man sich die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges vorstellen mag, dann folge man den Erinnerungen Ernst Jüngers und stelle sich einen Acker vor, der wie eine Mondkrater-Landschaft von Geschossen mehrfach umgepflügt wurde. Kein Baum, kein Busch, keine Blumen, keine Tiere… Nur der Mensch – bis zu den Zähnen bewaffnet und der ohrenbetäubende Lärm einer Artillerie, deren einziges Trachten es ist, alles im Flächenbombardement erneut umzupflügen.

Jünger hat diesen Krieg überlebt. Glück muss es gewesen sein, denn dem eigenen Geschick konnte es nicht zu verdanken sein und Heldentum spielte bei der Erhöhung der Überlebenschancen eine eher untergeordnete Rolle. Glück rettete ihn und mit Glück rettete er das Leben seines Bruders Friedrich Georg. Er hat diese menschenunwürdigen Bedingungen überlebt und durch seine Verarbeitung des Erlebten und Erlittenen wohl auch selbst dafür gesorgt, auch mit unbeschadeter Psyche nach Hause zu kommen.

Sehr beeindruckende Werke. Ein intensiver Blickwinkel auf das monströse Geschehen und die Verwunderung, wie man das überstehen kann. Diese Gefühle bleiben nachhaltige Wegbegleiter seiner Leser. Umso interessanter ist es für uns, diesem Veteran des Ersten Weltkrieges knapp 18 Jahre später an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erneut zu begegnen. Diesmal bewaffnet nur mit seinen Sinnen und seinen Notizbüchern, denen er zeitlebens seine Erinnerungen anvertraut hat. Jünger… der große Diarist seiner Epoche! Folgen wir ihm einfach auf die „Monte Rosa“ und begeben wir uns mit ihm gemeinsam auf eine Fahrt, die für ihn wie ein Trugbild eines Traumes gewirkt haben muss.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Kreuzfahrt der Sinne

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Kreuzfahrt der Sinne

Unsere Route führt vom europäischen Kontinent, der noch vernarbt vom Krieg erscheint, in das ferne Brasilien des Jahres 1936. Rio de Janeiro! Was für ein Reiseziel, welche Destination für einen Beobachter wie Ernst Jünger. Aus der Asche Europas in die unerschöpfliche Blüte eines prosperierenden Landes. Von der zerfurchten Kraterlandschaft zum tropischen Regenwald. Folgen wir ihm und blättern in seinen Erinnerungen.

Atlantische Fahrt – Rio – Residenz des Weltgeistes heißt der schmale und doch so überaus inhaltsreiche Band aus dem Hause Klett-Cotta, in dem der Herausgeber Detlev Schöttker nicht nur den Extrakt der memorierten Erlebnisse Jüngers präsentiert, sondern den Lesern einen tiefen Einblick in die Hintergründe dieser Fahrt gewährt. Briefe an seinen Bruder und an Mitreisende, Rezensionen und Postkarten, sowie eine umfassende Betrachtung der Reise aus Sicht des Herausgebers runden das Leseerlebnis ab.

Zwei Monate sind wir mit Ernst Jünger an Bord des Hamburger Dampfers und erleben hierbei einen völlig verwandelten Autor. Ernst Jünger als Reiseschriftsteller? Bis zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbarer Gedanke. Aber man erkennt schnell, dass er genau der richtige Beobachte am richtigen Ort ist. Vor dem Hintergrund seiner apokalyptischen Erlebnisse auf baumlosem Grund übermannt ihn die schiere Vielfalt der Natur am Amazonas. Wer jemals bewegende Zeilen über die Schönheit von Flora und Fauna lesen möchte, der sollte es mit diesem Reisebericht versuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Das dritte Auge - Notizbücher

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Das dritte Auge – Notizbücher

Die folgenden Zeilen aus dem Reisebericht „Atlantische Fahrt“ sind exemplarisch für das wildromantische Hochgefühl, das Jünger Brasilien entgegenbringt. Diese Worte sind von ganz anderer Natur, wie diejenigen aus dem großen Krieg. Er ist verliebt, im Überschwang der Gefühle und folgt seinen Instinkten, die ihm diesmal nicht das Überleben sichern, sondern alle Sinne öffnen, um kein noch so kleines Detail zu vergessen.

„Hier äußert sich gewaltsam die Übermacht des Lebenstriebes, die der Betrachter auch gegen sich gerichtet fühlt.“

„Und damit wächst mächtig die Versuchung, einzustimmen in diesen Wirbel von Dunkelheit und Lichtern, sich mit ihm zu vermählen, ganz in ihm aufzugehen.“

„Hier hatte ich ganz deutlich, greifbar das Bewußtsein der Verzauberung. Im Zauberbanne liegen heißt: gelähmt sein, schlafen, träumen, während die eigentlichen Mächte sich enthüllen, sich wiegen wie Falter über uns.“

Die pure Lebenslust springt dem Leser in seiner Urgewalt entgegen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, selbst mit Ernst Jünger durch den tropischen Regenwald zu wandern, Kolibris zu beobachten und die changierende Farbenpracht eines Chamäleons zu bewundern. Ernst Jünger steckt an und vermag es, all seine Liebe zum Gesehenen mit Worten zu transportieren. Brasilien – es ist leicht, ihm dorthin zu folgen. Es ist ein Vergnügen, nicht nur die Wildnis, sondern auch die im Wachstum befindlichen Metropolen zu besuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Eine Lesereise

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Eine Lesereise

Und doch beschleicht den aufmerksamen Leser, aus welchem Land jener Ernst Jünger kommen muss. Aus welchem Land er stammt und was in diesem Land in den letzten Jahren politisch verändert wurde. Die Begegnungen mit Tieren und Gewächsen fällt ihm sichtbar leichter, als diejenigen mit den Menschen anderer Kulturkreise. Ob in Südamerika oder auf der Rückfahrt bei Landgängen in Casablanca spürt man, wie schwer er sich mit der Beschreibung von Menschen tut, die in Deutschland wohl schon 1936 schon nicht mehr geduldet gewesen wären.

Ein 14-jähriges brasilianisches Mädchen beschreibt er fast zaudernd und erstaunt, als sei es ein Halbwesen aus Mensch und Tier. Man fühlt sich an Jüngers Seite in diesen Momenten wie auf einer Völkerschau und betrachtet die fremden Wesen aus der Perspektive des zahlenden Publikums:

„Es war in ein langes Hemd gekleidet, das die Brüste bis zu den Füßen vom Körper abspreizten. Eine Welle von Behagen und instinktivem Leben strömte von diesem Wesen aus.“

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Die politischen Strömungen der Jahre scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Die Erkenntnis wächst jedoch von Tag zu Tag, welche Schönheit und Tiefe in den Menschen anderer Kontinente verborgen ist. Vielleicht der größte Gewinn seiner Reise. Einer Reise zu sich selbst. Jünger endet mit den Worten:

„Das Schiff fährt nun die Elbe hinauf. Ein frostiger Wind weht über das Promenadendeck , auf dem ich in den Nächten am Amazonas die anfliegenden Schwärmer beobachtete…“

Als Schwärmer kehrt Ernst Jünger nach Hause zurück. Nur wir wissen heute, dass es keine Reise nach dem großen Krieg war. Es war eine Reise zwischen den Kriegen und schon in wenigen Jahren sollte er wohl noch an so manchem Tag sehnsüchtig an den Amazonas denken… Und an die Lebenslust, die ihn wohl für immer prägte. Lesenswert – auch wenn dieser Reisebericht nicht zu Jüngers Hauptwerken zählt.

Ernst Jünger - Eine Werkschau bei Literatwo

Ernst Jünger – Eine Werkschau bei AstroLibrium- Ein Klick genügt

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