[Filmstart] DER MEDICUS von Noah Gordon

26 Jahre nach dem Buch - Der Medicus wird zum Film

26 Jahre nach dem Buch – Der Medicus wird zum Film

Wenn man seine Lebensbibliothek nicht nach Autoren, Genres oder anderen Kriterien ordnet, sondern die Bücher eines langen Leseweges nach dem Zeitpunkt des Lesens chronologisch in die eigene Geschichte einsortiert, dann fällt es leicht, sich genau an die Zeit zu erinnern, in der man ein bestimmtes Buch zu seinem Wegbegleiter erkoren hat. Vor genau 26 Jahren (und damit Urzeiten, bevor ich auch nur daran dachte, jemals eine Rezension über ein Buch zu verfassen) fesselte ein außergewöhnlich schönes Cover meinen Blick und ich konnte einfach nicht widerstehen.

Der Medicus“ von Noah Gordon feierte 1987 im Verlagshaus Droemer Knaur seine viel beachtete Premiere in Deutschland, nachdem das Buch in seiner Originalfassung unter dem Titel „The Physician“ bereits für Furore gesorgt hatte. Als bekennender Liebhaber guter historischer Romane fesselte mich bereits der Klappentext und ich war bereit, tief ins Mittelalter einzusteigen und mich von Noah Gordon auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa bis tief hinein in die islamische Welt entführen zu lassen.

Was dann folgte, habe ich bis heute nicht vergessen und genau diese Erinnerung macht den Medicus für mich zu einem absoluten Lebensbuch – einem Meilenstein meines Lesens und damit auch zum Gradmesser zukünftiger Bücher, von denen sich viele ihre buchigen Zähne am Meister seines Fachs ausgebissen haben. Ich erinnere mich an durchlesene Nächte, sehe mich in tiefer Dunkelheit am Kühlschrank stehen, da ich unbedingt… und genau jetzt… tief in der Nacht unstillbare Lust auf geräucherten Speck und Käse bekam, um den Protagonisten des Romans am Lagerfeuer essend zuhören zu können.

Noah Gordon - Der Medicus - Wenn Bücher an Speck erinnern...

Noah Gordon – Der Medicus – Wenn Bücher an Speck erinnern…

Ich erinnere gut mich an Bücher, die meinen Weg erst kreuzten nachdem ich den Medicus gelesen habe. Ich sehe den Namen einer islamischen Stadt noch heute vor meinen Augen, wenn ich daran denke, wohin ich gerne reisen würde, wenn ich im tiefen Mittelalter unterwegs wäre. ISFAHAN. Ich habe bildhafte Erinnerungen an die Entstehungsgeschichte der modernen Medizin, die sich fernab aller moralischen Wertvorstellung eines dunklen Zeitalters zu größtem Licht erhob und ich habe klare Bilder eines jungen Mannes vor Augen, den sein Schicksal entwurzelte und von London bis hinein ins tiefste Persien trieb. Eine Reise durch die Kulturen und Religionen. Ein Weg der weiter, faszinierender, gefährlicher und letztlich auch romantischer nicht sein konnte.

Ich erinnere mich sehr lebhaft an den neunjährigen Robert Jeremy Cole, für den sich im Jahr 1021 nach dem plötzlichen Tod beider Eltern alles ändert. Nur dem Glück ist es zu verdanken, dass er von einem umherziehenden Bader in die Lehre genommen und in der Kunst der Quacksalberei unterwiesen wird. Zähne ziehend, Kräutertinkturen verordnend und allerlei Schabernack verbreitend, zieht man von London aus durch das gesamte Königreich. Rob spürt schon früh, dass er über eine Gabe verfügt, die in der mittelalterlichen Medizin zwischen Hexerei und Kunst sehr hilfreich sein kann. Er fühlt den nahenden Tod in den Händen der Patienten. 

Aus seiner Bestimmung wird mehr. Es erwächst in ihm der Wunsch dort Medizin zu studieren, wo sie sich bis zu diesem Zeitpunkt am Weitesten entwickelt hat. Seine Reise führt in ins ferne Persien. Isfahan heißt seine Stadt der Vorsehung und Ibn Sina Avicenna, der berühmteste Arztes seiner Zeit, wird zum Ziel der Reise. Auch als sich herausstellt, dass Rob als Christ niemals in die Geheimnisse der Medizin eigeweiht würde, verzweifelt er nicht. Moslems und Juden leben einträchtig zusammen und so reift sein Plan, sich in Riten und Gebräuchen der jüdischen Religion unterweisen zu lassen, um dem Wissen näher zu kommen

Der Medicus - Noah Gordon - Kopfkino wird realer Film

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Das große Wagnis gelingt und Avicenna nimmt sich des falschen Juden an und ist erstaunt über die unfassbare Gabe Roberts. Wissen, Wahrheit, Tiefe, Wissenschaft und Tugend – in all diesen Disziplinen lernt er für sein Leben und vermag es immer mehr, sein „Todesgespür“ zum Wohle seiner Patienten einzusetzen. Er trifft die Liebe seines Lebens und kehrt nach dem Tode Ibn Sinas als großer Gelehrter in seine Heimat zurück. Aber kehrt er als Christ oder Jude zurück? Wie sehr hat ihn die Scharade verändert?

Noah Gordon schrieb vor mehr als 26 Jahren mit seinem Millionen-Bestseller einen zutiefst wissenschaftlich fundierten, historisch korrekten und empathischen Roman. Medizin mag zwar im Mittelpunkt der Betrachtung liegen, aber die eigentliche Botschaft des Buchs ist tiefer angelegt. Das Verständnis für andere Religionen, die Öffnung der eigenen Seele über die Restriktionen der Zeit hinaus und die Erkenntnis, welch große Wahrheit auch im Fremden verborgen liegt – dies sind die wahren Säulen dieses Werks. Respekt und Toleranz wehen uns auf ehrenvollen Bannern entgegen und scheinen immer noch die Frage zu stellen, warum uns dies heute nicht mehr gelingt. Der Medicus ist ein zutiefst integrativ religiöser Roman, der am 25. Dezember das Licht der Kinoleinwand erblickt. 

Ich werde mir den Film anschauen. Ben Kingsley als Ibn Sina Avicenna allein ist Grund genug, das Kino voller Vorfreude zu betreten. Daüber hinaus liegt das Gelesene fast drei Jahrzehnte zurück, und so kann es dem Film durchaus gelingen zu überzeugen, auch wenn er dann und wann von der Romanvorlage abweichen sollte. Ich freue mich auf Robert, auf die Reise nach Isfahan, die Farben dieser Stadt, die Gesänge und Lieder, die Irrungen auf seinen Wegen und ich kann es kaum erwarten, endlich Rebecca kennenzulernen, in der Robert mehr als die wahre Liebe seines Lebens findet.

Der Medicus - Noah Gordon - Die Gabe überdauert Generationen

Der Medicus – Noah Gordon – Die Gabe überdauert Generationen

Die Gabe Roberts sollte Generationen überdauern. Die Triloge Gordons wird von dieser Todesahnung gegenüber den Patienten der Cole´schen Nachfahren geklammert. „Der Schamane“ entführt uns ins Amerika des Bürgerkrieges und tief in die Indianerstämme mit ihren Wunderheilern hinein. „Die Erben des Medicus“ ist in unserer Zeit angesiedelt und zeigt die Gabe im Widerstreit mit der modernen Schulmedizin. Hightech und Pharma-Riesen regieren die Wissenschaft und machen die Gesundheit zum Geschäft. Da verkommt die natürliche Gabe schon fast zum abergläubigen Relikt einer alten Zeit.

Keiner der beiden Medicus-Nachfolger hat den ersten Band in Tiefe und Plausibilität erreicht. Die Gabe wurde zwar vererbt, aber die Dimension ihres Wirkens reichte nicht mehr aus, um die Leser so nahtlos zu begeistern, wie es dem Medicus einst gelang. Vieles ist in der Tiefe verloren gegangen und augenscheinlich war nur das Mittelalter das geeignete Setting für diesen Plot. Ein später erschienener Band „Der Medicus von Saragossa“ sollte wohl mit seinem Titel an die erfolgreichen Vorgänger anknüpfen, gehörte aber nicht zum Handlungskonstrukt um die Familie Cole. Empfehlenswert ist, auch in der Rückschau über viele Jahre, lediglich „Der Medicus“, aber genau dieses Buch hat sich in meinem Herzen den Status eines Jahrhundertbuchs erkämpft.

In den letzten Wochen sehe ich viele Menschen mit dem „Medicus“ in der S-Bahn. Es sind keine neuen Bücher, die ich sehe und immer stelle ich die gleiche Frage: „Noch mal das alte Buch lesen, bevor es ins Kino geht?“ Und immer erhalte ich die gleiche Antwort: „Ja – es ist so lange her und ich liebe diese Geschichte!“

Ich werde nicht lesen, bevor ich schaue. Ich gebe dem Film eine Chance und der erste Trailer, den ich im Kino sah, hat mich fast vom buchigen Hocker gehauen, so sehr haben die Bilder gewirkt. Ich freue mich auf den Bildersturm und ich denke, ich sollte Schinken und Käse mitnehmen… Ich habe da so ein Gefühl, dass ich Lust darauf bekomme… so wie vor 26 Jahren… damals im Jahr 1987…

Eine Trilogie, in der nur "Der Medicus" überzeugte...

Eine Trilogie, in der nur „Der Medicus“ überzeugte…

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Weihnachten 1944 – Ein Ring der alles veränderte…

Die Geschichte eines Rings... Weihnachten 1944

Die Geschichte eines Rings… Weihnachten 1944

Weihnachten 1944. Der Zweite Weltkrieg liegt in den letzten Zügen, will das allerdings nicht wahr haben. Unvermindert erntet der Tod auf den Schlachtfeldern der Welt die aufgegangene Saat des Grauens. Unvermindert sterben Soldaten aller Seiten in den abgelegensten Regionen, die sie vor dem Krieg nicht mal auf dem Atlas gefunden hätten. Gar nicht unvermindert, sondern auf dem absoluten Höhepunkt befindet sich die Dimension des Holocaust, der in den Konzentrationslagern der Nazis den Begriff Massenmord zu sprengen beginnt. Völkermord trifft es viel eher.

Deutschland befindet sich bereits flächendeckend unter einem Bombenteppich. Das gewählte Mittel der Alliierten, um das Dritte Reich dort zu schlagen, wo die Unterstützung für die Diktatur zu suchen ist. In der Zivilbevölkerung. Massensterben auch hier. Und wo noch nicht gestorben wird, da zittert man um die Angehörigen, um die Söhne im Krieg und vor der herannahenden Katastrophe. Man beginnt, sich vor dem Sturm zu ängstigen, den man selbst gesät hat. Dresden bleibt nur dieses Weihnachten, bevor es im Februar 1945 untergeht. Victor Klemperer hat uns alles darüber in seinen Tagebüchern erzählt. Vieles brennt. Noch viel mehr wird brennen.

Auch in meiner Heimatstadt Trier wartet man in diesen Tagen auf das Weihnachtsfest. Meine Großeltern harren in ihrer Bäckerei aus und versuchen, das Angebot an Brot durch Improvisation und Geschick aufrecht zu halten. Und sie warten auf Post von der Front. Zwei Söhne dienen dem Reich. Eingezogen und verpflichtet – beide nun knapp 20 Jahre alt. Im Osten unterwegs… seit zwei Jahren. Warten auf Neuigkeiten ist in diesen Tagen ein Graus. Zeitungen veröffentlichen Todeslisten der Armeen und die Nachrichten sprechen von der großen Flucht aus Ostpreußen… Weihnachten 1944…

Die Tagebücher des Victor Klemperer - Dresden - Das letzte Weihnachtsfest

Die Tagebücher des Victor Klemperer – Dresden – Das letzte Weihnachtsfest

Nachrichten und Briefe von Karl-Heinz und Franz-Josef bleiben aus. Brüder und Angehörige der Wehrmacht, Mosaiksteine des Vernichtunsgkrieges im Osten. Mannschaftsdientsgrade beide und in eisiger Kälte winzige Teile einer untergehenden Armee. Tausende Kilometer von der Heimat Trier entfernt. Da erreicht ganz kurz vor Weihnachten ein Telegramm meine Großeltern. Der Inhalt niederschmetternd: Franz-Josef, der ältere der beiden Brüder, sei am 2. August 1944 in der Gegend von Yassi gefallen und ein Paket mit seinem persönlichen Nachlass folge per Feldpost nach Trier.

Ein Sohn tot. Die Nachricht lastet schwer auf der Familie und voller Furcht wartet man auf weitere Post. Den Briefträger nur zu sehen… ein Grauen. Die Tage zu überstehen – für Vater und Mutter eine Seelenfolter. Und nun kommt Weihnachten. Das Fest der Liebe und ein Fest für die Familie. Und mit diesem Fest kommt das Paket von der Front. Unscheinbar und klein. Nicht viel bleibt von einem Soldaten in diesen Tagen. Es wird geöffnet – man findet unter Tränen Bilder von sich selbst, eine verkohlte Brieftasche, das unkenntliche Soldbuch, eine halbe Erkennungsmarke und einen Ring. Einen Siegelring der zum Zusammenbruch der Eltern führt.

Diesen Ring gab es nur ein einziges Mal in der Familie. Nur ein Sohn trug ihn. Und es war der Jüngere. Das Paket war nicht das erwartete. Der Siegelring von Karl-Heinz war schneller als das Telegramm, dass auch seinen Tod am 19. Oktober 1944 in Ostpreußen verkündete. Mit diesem Inhalt konnte man nicht rechnen. Auf einen Schlag war alles verloren. Beide Jungs gefallen… nur noch ein Sohn übrig. Und der war zu jung für den Krieg – mein Vater. Bruderlos nun. Weihnachten 1944. Kein Fest mehr und die Weihnachtspost hatte für die Überlebenden der Familie bis zu ihrem Tod etwas Bedrohliches – die Traumatisierung jener Tage wurde zum unheilbaren Teil ihres Wesens.

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet - Lenas Tagebuch

Das Weihnachtsfest der Belagerung ist nie verkraftet – Lenas Tagebuch

Weihnachten 2013 – knapp 70 Jahr später ist durch ein sichtbares Band mit jenen Tagen verbunden. Ich kenne kaum Bilder der Brüder meines Vaters. Ich habe lange recherchiert, wie sie lebten und fielen. Was sie taten und an welchen Operationen sie beteiligt waren im Krieg. Wenig ist zu erfahren. Zu unbedeutend war ihr Beitrag als Miniatur im riesigen Räderwerk der Geschichte. Und doch verbindet uns ein sichtbares Symbol. Jener Ring von einst liegt heute neben mir.

Ausgerechnet neben mir, möchte ich rufen. Denn seit Jahren schreibe ich nun schon mit Bianca „Gegen das Vergessen, gemeinsam versuchen wir den Opfern des NS-Regimes ein Gesicht zu geben und ihre Geschichten und die Bücher darüber unvergessen zu machen. Gemeinsam ziehen wir durch die Lande und tragen diese Botschaft vor uns her und auf der Basis unserer Bücherliebe verbindet uns dies ebenfalls mit einem unzerreißbaren Band.

Und genau dieser Ring lässt mich nicht los. Er war an der Hand meines Onkels, als er in Ostpreußen fiel. Das Landgut Klein Trakehnen wurde in diesen Oktobertagen des Jahres 1944 evakuiert und ein langer Flüchtlingsstrom zog sich, auf der Flucht vor der Roten Armee, in Richtung Westen. Dieser Ring war sein Wegbegleiter und manchmal wünschte ich, er könnte erzählen. Einfach nur reden und mitteilen, was er sah, was er mit anschauen musste, wie sehr die Hand vor Kälte zitterte, die ihn trug. Wie sehr sie vor Angst zitterte und wie oft sie sich zum Kampf erhob – und gegen wen…

Evakuiert heißt nicht gerettet - Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Evakuiert heißt nicht gerettet – Ich war ein Glückskind von Marion Charles

Er schweigt. Und manchmal denke ich, dass es gut ist, dass er seine Geheimnisse behält. Er hat es nicht geschafft, bei meinem Onkel zu bleiben. Selbst im größten Chaos muss es jemanden gegeben haben, der ihn von der sterbenden Hand entfernte und mit wenigem anderen Hab und Gut in einen versiegelten Umschlag steckte und ihn mit dem Flüchtlingstreck nach Hause schickte. Wenige haben diesen Marsch überlebt. Der Ring hat es geschafft. Weihnachten 1944 erreichte er Trier. Und Jahre später erreichte er mich. Ein Erbe mit Symbolkraft.

Seit ich „Gegen das Vergessen“ schreibe, begleitet er mich. Ich stelle mir oft die Frage, ob die kleine Lena Muchina vor diesem Ring zittern musste, da er vielleicht an der Belagerung Leningrads beteiligt war. Lenas Tagebuch wurde lesend für mich erneut zu einer Suche nach den Soldaten auf der anderen Seite… von ihr aus betrachtet. Der Ring schwieg dazu sein schweigendes Lied.

Ich war ein Glückskind von Marion Charles warf für mich auf jeder Seite die Frage auf, ob sie auch vor Menschen, wie jenen in meiner Familie geflohen ist und nach England evakuiert wurde. Sie wirft die Frage auf, ab wann Juden in der Bäckerei meiner Großeltern nicht mehr bedient wurden, werden durften… oder wie auch immer man das nennt. Sie wirft die Frage auf, ob sie etwas unternommen haben… Aber sie wirft nicht die Frage auf, ob man etwas gewusst hat. Das setze ich voraus. Diese Sichtweise kann mir niemand nehmen. Jeder wusste, und jeder hat funktioniert. Jeder in seiner eigenen Dimension in einem Land, das öffentlich dem jüdischen Leben ein Ende bereitete.

Das Ecjholot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Das Echolot von Walter Kempowski empfängt noch heute Signale von einst

Der Ring schweigt beharrlich. Er erzählt nichts. Auch im Echolot“ von Walter Kempowski wurde ich lesend nicht fündig… er sammelte wenig über die letzten Kriegsmonate und die Tagebuchaufzeichnungen von Soldaten im Russlandfeldzug zeigten mir, wie sie gefühlt haben, aber sie zeigten mir keine Spur zu jenem Ring. Ich las und schrieb. Und wenn ich nicht las oder schrieb, dann sprach ich mit Bianca über diese Gefühle und auch über ihre Erlebenswelt zu dieser Zeit, die unfassbar tiefe Sichtweise ihrer Oma und auch über die Opfer in Dresden.

Ich fühle mich auf einer Mission, die mich vor wenigen Tagen an der Seite der politischen Malerin Peggy Steike in zwei 9. Klassen einer Hauptschule trieb. Über den Holocaust reden. Verhindern, dass sich ähnlicher Terror auch in kleinem Maßstab wiederholt, das Vergessen zu verhindern und dies ohne Schuldgefühl oder Angst vor erhobenem Zeigefinger – dieser Mission stelle ich mich leidenschaftlich – und gottlob nicht allein. Und auch an diesem Tag war der Ring bei mir. Ganz heimlich. Er schwieg.

Ich möchte niemanden verurteilen, ich möchte niemanden von seiner Schuld freisprechen, ich neige nicht zu wilden Spekulationen, aber nach Jahren des Schreibens „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust und angesichts der Vielzahl der Artikel über wichtige Bücher zu diesem Thema erlaube ich mir, den Menschen zu Gedenken, die in einem besonderen Moment ihres Lebens nur Söhne waren, die ein verlorenes Leben erneut und endgültig verloren. Menschen, die auf eine unfassbare Art und Weise ebenfalls zu Opfern wurden und doch dafür mitverantwortlich waren, dass wieder andere Menschen bis heute Opfer sind.

Bücher - Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Bücher – Ein vielseitiger Weg des Erinnerns

Ich wünsche mir oft, dieser Ring wäre an der Hand meines Onkels nach Hause gekommen. Beide Brüder wären heute fast 90 Jahre alt. Ich hätte gerne mit ihnen gesprochen. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Der Träger des Rings, Karl-Heinz, hat kein Grab gefunden – nur ein Eintrag in einem Gedenkbuch an die Toten der Kriege legt Zeugnis über sein Leben ab. Sein Bruder Franz-Josef liegt in Rumänien – in fremder Erde. Vielleicht besuche ich sein Grab und bringe ihm den Ring seines Bruders. Ich sollte das tun, denke ich…

Und nun schließe ich meine Hand um jenen Ring und erlaube mir, um beide zu weinen… sorry…

Literatwo und Peggy Steike - Eine Allianz des Erinnerns

Raily und Peggy Steike – Eine Allianz des Erinnerns

BLUTEIS – Marc Ritter setzt seinen Kreuzzug fort

Bluteis - Marc Ritter on the Rocks

Bluteis – Marc Ritter on the Rocks

Er hat es schon wieder getan. Kaum haben wir uns von den Kreuzzug“-Strapazen des letzten Jahres halbwegs erholt und die Geiselnahme von 5000 Touristen auf dem Gipfel der Zugspitze überlebt, da lässt es der etablierte Thrillerautor mit feinem Heimatbezug und politischem Scharfsinn schon wieder so richtig krachen. Er bricht das ewige Eis zwischen ihm und dem Liebhaber fulminanter Hochspannung, indem er es einfach zum Schmelzen bringt. Wie das geht? Ganz einfach mit einem terroristischen Szenario vom Allerfeinsten.

Das idyllisch-mondäne St. Moritz der Schönen und Reichen mit seiner winterlichen Schneelandschaft ist der Schauplatz von „Bluteis“, dem neuesten Thriller aus der literarischen Denkkammer des bayerischen Autors. Jährlich trifft man sich beim Stelldichein der Haute-Volée zum beliebten Sehen und Gesehen-werden. Das gehört zum guten Ton und nebenbei lassen sich prima Geschäfte abwickeln. Doch in diesem Jahr kommt es so anders, als man es erwarten könnte. Denn nicht nur VIPs sind im Ort, auch Staatschefs aus vielen Ländern, findet doch ausgerechnet der diesjährige Weltwirtschaftstgipfel in unmittelbarer Nachbarschaft statt.

Während über 1000 Politiker, Wirtschaftsgrößen und Promis aus aller Welt auf dem fest zugefrorenen St. Moritzsee das ebenso traditionelle wie legendäre Pferderennen beobachten, geschieht das Unfassbare. Eine Serie gezielter Explosionen lässt die Eisdecke des Schauplatzes zerbersten und in sich zusammenbrechen. Schlagartig versinken Sportler, Pferde, Zuschauer und Medienvertreter im eiskalten Wasser unter der vormals stabilen Eisdecke. Der Tod greift blitzschnell um sich. Erste Rettungshubschrauber treffen ein und versuchen zu retten, was zu retten ist.

Bluteis von Marc Ritter - Wirklichn eine Rettung für die VIPs?

Bluteis von Marc Ritter – Wirklich eine Rettung für die VIPs?

Einer der Hubschrauber konzentriert sich nur auf die Rettung der absoluten Mega-Vips, doch statt des erwarteten Fluges in nahe gelegene Kliniken, verschwindet die Maschine spurlos hinter den Gipfeln der Schweizer Berge. Ein terroristischer Akt der besonderen Güte, der sich eigentlich abgezeichnet hat. Wenn man die seltsamen Unfälle und Todesfälle kurz vor dem Pferderennen in anderem Licht besehen hätte, dann… Ja dann hätte man es vielleicht rechtzeitig erkennen können. Hat man aber nicht.

Nicht mal der terrorgestählte Sport- und Profifotograf Thien Hung Baumgartner, der urbayerische Prototyp eines vietnamesichen Garmisch-Partenkirchners, der durch seine wichtige Rolle im „Kreuzzug“-Anschlag auf den Zugspitz-Gipfel fast schon weltbekannt wurde, sieht einen Zusammenhang. Zu fokussiert ist er auf seinen aktuellen Auftrag. Die Schönen und Reichen in St. Moritz professionell abzulichten, um dem Flair der Veranstaltung die besondere Note der Unvergänglichkeit zu geben – das scheint sein einziges Ziel zu sein. Wäre da nicht seine eigenwillige Freundin Sandra…

Mittendrin statt nur dabei. Das scheint die Devise von Sandra Thaler zu sein, die ihren Freund aus mehreren Gründen nicht mehr gerne alleine lassen möchte. Erstens hat sie das Zugspitz-Inferno vor einem Jahr im Kopf, zweitens ist sie schwanger und drittens hat sie ihrem Freund niemals die Wahrheit darüber berichtet, welche Rolle sie damals wirklich am höchsten Berg Deutschands spielte. Und nun beginnt die Vergangenheit, sie beide gnadenlos einzuholen. Der Kreuzzug ist nicht beendet.

Bluteis von Marc Ritter - Tiefgang garantiert

Bluteis von Marc Ritter – Tiefgang garantiert

Und so kommt es, wie es kommen muss. Während sich das Eis des St. Moritzsees explosionsartig von der Oberfläche verabschiedet und der Plan der Terroristen zu greifen beginnt, werden in der gezielten „Rettungsaktion“ der Mega-VIPs nicht nur die anvisierten Opfer entführt. Auch Sandra Thaler ist an Bord der Maschine und der verzweifelte Thien Hung Baumgartner begibt sich, erneut nur mit seiner Kamera bewaffnet, auf die Suche nach der Frau seines Lebens.

Wo aber liegen die Ursachen für den Terroranschlag verborgen? Was veranlasst Extremisten dazu, einen ganzen See vom Eis freizusprengen, nur um die Mächtigsten der Welt in ihre Gewalt zu bekommen? Welche Interessen verfolgen sie und wie lauten ihre Forderungen? Sind es wirtschaftliche Interessen und wer kann sie nach dem Drama auf dem See noch stoppen?

Hier liegt die unfassbare Stärke des Autors Marc Ritter. Hier liegt der Unterschied zu einer Vielzahl von Thrillern, die dem geneigten Leser im Laufe seines Lebens über den Gänsehaut-Weg laufen. Marc Ritter springt in den Handlungsfäden zurück und legt uns mit Ghana ein Land zu Füßen, das von Armut und Ausbeutung gekennzeichnet ist. Ein Land, in dem das Leben der schwarzen Bevölkerung wertlos ist und zum Spielball westlicher Investoren und Spekulanten wird. Ein vergewaltigtes Land – vergewaltigte Menschen und ein junges Mädchen, dem die Wertlosigkeit ihres Lebens schonungslos vor Augen geführt wird.

Bluteis und Kreuzzug - Zwei aus einem Guss

Bluteis und Kreuzzug – Zwei aus einem Guss

Marc Ritter gelingt es, uns in einem Thriller die junge KISI ins Herz zu schreiben. Vor 30 Jahren von Weißen um alles gebracht – Ehre, Familie und Hoffnung – kehrt ebenjene Kisi nun wieder zurück. 30 Jahre später ist sie wieder da. Und sie kommt nicht allein an das Eis eines Sees in der Idylle der Schweizer Berge. Kisi hat gelernt. Ihre Lektion wird zu unserer.

Marc Ritter macht betroffen, wütend und sehr emotional. Er schreibt Thriller, aber wie er sie schreibt, das ist einerseits knallhart und andererseits mehr als subtil. Wir lesen Nachrichten über Flüchtlinge auf Lampedusa, über die Armut in der Dritten Welt und lassen die Fluten der Meldungen oftmals an uns vorbeirauschen. Marc Ritter springt in seinem Plot von einem zugefrorenen europäischen See in die tiefste Einöde Ghanas. Von der Welt der Reichen in die Welt der grenzenlosen Ausbeutung. Und so, wie er uns dorthin schreibt, spürt man seinen tiefen und aufrichtigen Protestschrei gegen die Ungerechtigkeit der Welt.

Er zeigt uns die wahren Opfer des Wohlstands und zwingt uns genau hinzuschauen. Keine Ahnung, was bei Marc Ritter packender ist. Der Thriller oder die schonungslose Suche nach den Ursachen des Bösen. Wir haben das Blut gesät. Marc Ritter zeigt uns, wie es auf grausame Weise auf dem Eis eines Sees geerntet wird. Er zeigt uns die Folgen der Saat – die Ernte scheint verdient. Er erzeugt keine Sympathie mit dem Terror – er gibt den Opfern eine Identität und veranschaulicht deren Motivation. Sie ist manchmal ehrenvoll. So wie der Roman dieses Schriftstellers.

Bluteis von Marc Ritter - Ein perfektes Weihnachtsgeschenk

Bluteis von Marc Ritter – Ein perfektes Weihnachtsgeschenk

Man kann „Bluteis“ lesen, ohne zuvor „Kreuzzug“ gelesen zu haben. Es ist ein eigenständiges und fesselndes Werk und aus unserer Sicht das perfekte Weihnachtsgeschenk für Liebhaber spannungsgeladener Literatur mit Tiefgang. Marc Ritter überzeugt auf der ganzen Linie und präsentiert erneut einen Thriller, den man als Ausnahmeerscheinung bezeichnen muss. Und doch setzt sich der Kreuzzug für Fans dieses Buches noch fort.

Einen kleinen Widerhaken hat Marc Ritter in das Ende des Zugspitz-Dramas eingebaut und wir hätten nie geglaubt, dass er nun, genau ein Jahr später, genau an diesem Haken zieht. Er sitzt unbewusst in unserer Leserseele und erst als wir den Zug spüren, wissen wir, wie fest uns der Schriftsteller an der Angel hat. Unfassbar, wie schön dieser Schmerz sein kann. Danke für dieses Erlebnis und danke für Kisi. Das muss gesagt werden. Glaubt uns!

BLUTEIS – Der RITTERschlag des Jahres für Thrillerfreunde!

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Hundejahre – Günter Grass im „Land des Hechelns“

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Es ist nicht nur der gemeinsame Lebensleseweg, der mich mit dem deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass verbindet – es ist nicht nur eine differenzierte Hassliebe, die uns aneinander kettet – es ist auch das immerwährende Gefühl, in jeder seiner Zeilen sowohl tiefste Inspiration, als auch bodenlose Provokation aufspüren zu können. Es sind Gefühle, wie Achtung, Ehrfurcht und Respekt gepaart mit dem sanften Kopfschütteln vor der Selbstleugnung und dem Verschleiern der eigenen Vergangenheit im Dritten Reich. Es sind Gefühle, wie unermessliche Freude, ihn zu lesen und tiefe Traurigkeit vor dem Moment, ihn nicht mehr lesen zu können.

Vehement habe ich ihn gegen seine Kritiker verteidigt und auch selbst erfahren müssen, was es bedeuten kann, für einen polarisierenden und nicht unumstrittenen Schriftsteller in den Ring zu steigen. Muss man erst sterben in diesem Land – diese Frage stellte ich mir öffentlich, als Günter Grass wegen seines Buches „Grimms Wörter“ ins Kreuzfeuer der Kritik gezogen wurde. Ausgerechnet wegen eines Buches, das für seine Leser und ihn selbst zu den harmlosesten zählt.

Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen – mit dieser Überschrift machte ich meinem Ärger über das jüngste Gedicht des großen Schriftstellers Luft, in dem er unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ allzu politisch einseitig wurde und sich in Ziel und Formulierung deutlich vergriff.  Einige Worte machten mich wütend, andere sprachlos und ein Satz trieb mir Tränen in die Augen:

Günter Grass - DANZIGER TRILOGIE

Günter Grass – DANZIGER TRILOGIE

Die Zeile: “Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte” macht mich traurig, weil ich ahne, dass der Stift bald versiegt sein wird. Ehrfurcht darf Triebfeder von Kritik sein… manchmal muss es so sein, wenn man liebt!

Umso größer ist die Freude, Zeuge einer wahren Grass-Rennaissance zu werden. Erleben zu dürfen, wie sich auch die kritischsten Zungen immer ausgewogener mit seinem Lebenswerk auseinandersetzen und dabei den jeweiligen situativen Kontext der Entstehung des jeweiligen Buches mit in ihre Betrachtung einfließen lassen. Grass ist zeitlos, aber die Dimension seines Schreibens darf nicht von der Ebene des realen gesellschaftlich-historischen Hintergrundes losgelöst werden.

Wie bei einem Tattoo fällt immer nur das augenfällige Muster ins Auge. Man begutachtet die Qualität und lässt sich die Aussage der Tätowierung erklären. Aber nur ganz selten betrachtet man die Haut, die darunter liegt. Selten sieht man, in welchem Alter die Hautzeichnung entstand und noch weniger interessieren die Lebensumstände, die zu dieser Entscheidung führten. Günter Grass ist gezeichnet und voller literarischer Narben. Jede in der Tiefe eines Romans. Ohne seine zerfurchte Haut anzusehen, werdet ihr die Aussagekraft der künstlerischen Muster seiner Bücher nie verstehen.

Hundejahre - Günter Grass im Land des Hechelns

Hundejahre – Günter Grass im Land des Hechelns

Für mich persönlich ist es ein ganz besonderes Jubiläum, auf den fünfzigsten Jahrestag der Veröffentlichung seines Romans „Hundejahre“ zurückblicken zu können. Dieses Buch findet seine literarische Einordnung in der so genannten „Danziger Trilogie“, die sich von der „Blechtrommel“ über die „Hundejahre“ bis zu „Katz und Maus“ erstreckt. Eine offene Trilogie, die durch den zeitlich linearen Verlauf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geklammert ist und deren zentraler Schauplatz der Geburtsort des Autors, Danzig, ist.

Genau zu diesem Jubiläum präsentiert der Hausverlag des deutschen Nobelpreisträgers, Steidl, nun einen prachtvollen Schuber, der diesen wichtigen Roman über das Deutschland unter dem dunklen Stern des Nationalsozialismus in drei Bänden beinhaltet. Drei Bücher – Eine Geschichte. Eine ganz normale Männerfreundschaft, die von der Mitte der 1920er bis in die 1950er Jahre reicht, zeigt die Auswirkungen der politischen Umwälzungen, die Eduard Amsel und Walter Matern tief in ihren Sog bannen. Die Protagonisten sind Spiegel ihrer Zeit und durch diesen literarischen Kunstgriff werden die Lebensumstände der Menschen in dieser Epoche umso greifbarer.

Hundejahre in drei Büchern“ – welch ein edles Grass-bibliophiles Sammelstück, das nicht nur bei Grass-Jüngern einen gediegenen Platz im Bücherregal finden wird, vereint nicht nur die ursprüngliche und gewaltige Erzählung von Günter Grass, es ist auch angereichert mit den einzigartigen Illustrationen des Autors. Vielfältig talentiert überzeugt er auch immer wieder mit seinen bildlichen Interpretationen seiner eigenen großen Worte. „Die Hundejahre in einer neuen Dimension“ – anders kann man es nicht sagen. Und selbst für den gewachsenen Grass-Sammler ist es ein absolutes MUST HAVE (Anglizismus hin oder her).

Günter Grass und Mr. Rail - Eine Lebenssammlung

Günter Grass und Mr. Rail – Eine Lebenssammlung

Ich möchte mich nicht auf den Rezensentenirrweg begeben, Bücher der großen Danziger Trilogie in irgendeiner Art und Weise inhaltlich vorzustellen oder in ihrer Substanz zusammenzufassen, da sie aus meiner Sicht zum Allgemeingut der deutschen Literatur gehören und vielfach in geeigneter Form besprochen wurden. Was ich jedoch versuchen möchte, ist es, meinen Leseweg mit den Hundejahren zu skizzieren um zu verdeutlichen, wie nachhaltig dieser Roman im Gedächtnis haften bleibt.

Egal ob zur Schulzeit, oder nach intensivem Lesen in den letzten Tagen, die wichtigste Erkenntnis, die mich immer begleiten wird, ist meine Sicht auf den Titel des Romans. Hundejahre sind es, über die geschrieben wird. Hundejahre für ein ganzes Land, das den Rest der Welt in den Krieg zieht und NAZI-Deutschland war damals ein Land der Hunde. Austauschbar sind die Protagonisten – ersetzbar durch Hunde… Alle Protagonisten schlüpfen in das Fell der Tiere, die so sinnbildlich sein können für diese Zeit.

Ein Land des Hechelns… wild und unersättlich… Arm nach oben zum pawlowschen Sabberreflex.

Bluthunde, Spürhunde, Schweißhunde, Kampfhunde, kleine Kläffer, große gutmütige Hütehunde und letztlich die große Masse der Rudelhunde, die alles in der geduldeten Unterordnung ertragen, um ihren niedrigen Platz in der Nahrungskette zu bewahren. Rassehunde gegen den Rest der Meute, welches Bild könnte es besser treffen als dieses. Ein Stammbaum wird zum Lebensretter oder zum Todesurteil und das Rudel schaut zu. Tatenlos niemals, denn an der Jagd ist jeder Hund direkt beteiligt und man ernährt sich gemeinsam von der Beute. Hundejahre.

günter grass hundejahre in drei büchern spacers

Die beiden Hauptfiguren des Romans verkörpern dieses Bild auf beeindruckende Weise. Eduard Amsel der Halbjude ist Prügelknabe und „Underdog“ im wahrsten Sinne des Wortes, während Walter Matern die Rolle des Rassehundes spielt. Gewaltbereit und doch in seiner eigenen Empfindung nur Mitläufer, der die großen Zusammenhänge nicht erkennt. Und doch verändert das Dritte Reich die Freundschaft auf dramatische Art und Weise. Bis es in der Kanalisation zu einer folgenschweren Auseinandersetzung kommt und der Underdog wie eine Ratte behandelt wird.

Grass gelingt in „Hundejahre“ ein sehr faszinierendes Wechselspiel aus großer Erzählung und Spiegelbild auf die dunkelste Epoche dieses Landes. Alle Interpretationen zu seiner eigenen Vergangenheit im Dritten Reich werden mit den Schilderungen in den Hundejahren in Verbindung gebracht. Vielleicht hat er sich wirklich im Rudel versteckt und später lieber geschwiegen. Vielleicht hat er es sich zu leicht mit sich selbst gemacht. Mit diesem Roman hat es es sich nicht leicht gemacht. Nicht sich – nicht seiner Heimat – nicht dem Leser.

Der Steidl Verlag macht es uns pünktlich zum Weihnachtsfest des Jahres 2013 leicht, dieses epochale Meisterwerk in einer ganz besonderen Jubiläumsausgabe neu zu entdecken. Es ist ein großes Vergnügen in diese drei Bände einzutauchen und den Illustrationen des Autors zu folgen. Es ist ein großes Vergnügen, in der heutigen Zeit ein solches Gesamtkunstwerk der grass`schen Lebensbibliothek hinzufügen zu dürfen. Es ist ein Vergnügen, am Ende allen Lesens erneut festzustellen, wie groß die Verehrung ist. Oder ist es doch eine besondere Liebe?

Ja… ich gestehe… es ist Liebe…!

Günter Grass - Eine Begegnung

Günter Grass – Eine Begegnung

Am 20. November 2014 ist es soweit… wir sehen uns in München, Herr Grass!

Ein Wiedersehen in München - AstroLibrium und Günter Grass

Ein Wiedersehen in München – AstroLibrium und Günter Grass

Und nun geht es weiter mit den „Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass von einer ganz anderen Seite. Es lohnt sich nicht nur für Fans des großen Schriftstellers:

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar...

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar…

 

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl

Die amerikanische Nacht“ von Marisha Pessl war eine der großen Herbst-Überraschungen unter all den Rezensionsexemplaren, die in unserer kleinen Thriller-Villa Einzug gehalten haben. Der Fischer Verlag hat uns eines schönen Tages mit einer wahren „Blauen Mauritius“ unter den Büchern ausgestattet, da wir plötzlich ein gebundenes Werk in Händen hielten, von dem wir wussten, dass es in dieser Form niemals das Licht des Buchmarktes erblicken würde. Satte 786 Seiten öffneten sich für uns und wiesen eine große bibliophile Besonderheit auf.

Die gesamte Story war von Tobias Schnettler auf sehr präzise und nachhaltige Weise übersetzt, aber die vielen im Buch integrierten Seiten voller Zeitungsausschnitte, Tagebucheinträge, Memos, Vernehmungsprotokolle und beschrifteter Fotos aus Ermittlungsakten fanden wir im amerikanischen Ursprungszustand vor. Diese qualitativ hoch anspruchsvollen Abbildungsseiten konnten aus technischen Gründen, wegen der zeitgleichen Veröffentlichung des Romans in den USA, noch nicht für deutsche Blogger sprachkompatibel gemacht werden.

Was für ein Vergnügen, welch ein Genuss, denn während man sich in die Story einfuchste und Schritt für Schritt versuchte, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, stieß man auf diesen Seiten immer wieder auf erfreuliche Lesebremsen, die der ganzen Handlung ein sehr hohes Maß an Authentizität verliehen, dass man tatsächlich oftmals meinte, wirklich in den geheimen alten Unterlagen zu wühlen. Ein unbeschreibliches Gefühl und wie schon oben erwähnt, ein mehr als einzigartiges Leseexemplar. Ein Ehrenplatz war ihm schnell sicher!

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Ermittlungsunterlagen

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Ermittlungsunterlagen

Aber werfen wir einen kriminalistischen Blick auf die Handlung des Romans und schauen uns an, was er mit dem geneigten Leser so alles anzustellen vermag. Nehmen wir uns einen abgehalfterten investigativen Journalisten, namens Scott McGrath, der nur einmal in seiner Karriere einen kapitalen Fehler gemacht hat. Seine Enthüllungsstory über den ungekrönten König des amerikanischen Films, den Regisseur Stanislas Cordova, basierte nicht auf eindeutig gesicherten Fakten und der aufstrebende Reporter stürzte vom hohen Olymp in die Untiefen der regionalen Tagespresse ab. Randnotizen.., mehr blieb ihm nicht… und der lebenslange Verdacht, damals doch richtig gelegen zu haben.

Wie sagt man so schön? Man trifft sich immer zweimal im Leben…! So auch hier – nur die Umstände sind anders. Scott McGrath wird quasi zum Zeugen des Todes einer jungen Frau. Ob Selbstmord oder Unfall, das bleibt die Frage aller Fragen. Ein Fall wie jeder andere, wäre die junge Frau nicht die Tochter ebenjenes Regisseurs. Ashley Cordova ist tot und endlich bietet sich die zweite Chance auf dem Weg nach Oben. Und anders als vor fünf Jahren hat Scott jetzt eine greifbare Spur. Eine mulitpel begabte und vielschichtig verstörte 24jährige Frau im roten Mantel, die nun in ihrem eigenen Blut liegt.

Diese Chance kann er sich nicht entgehen lassen und so greift er auf sein Privatarchiv zurück. Eine wahre Obsession, dem Filmemacher endlich das Handwerk zu legen. Denn die Gerüchte über Cordova lassen vermuten, dass er nicht nur ein besessener Regisseur ist, der aus seinen Schauspielern das absolute Maximum herauszuholen vermag. Weit mehr flüstert man sich zu. Die Filme Cordovas sind von solch unaussprechlicher Tiefe und Gewalt, dass er schon lange in den Untergrund gegangen ist. Seinen Sohn hat er nach einem Unfall zuerst blutend in den Film eingebaut (wann hat man die Chance schon mal, eine Hand mit amputierten Fingern zu filmen), bevor die Ärzte gerufen wurden. Und immer wieder schwelt der Verdacht, es geschehe Schreckliches mit Kindern in diesen Filmen.

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Terulya

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Terulya

Der Leser wird freiwilliger Zeuge dieser Verfolgungsjagd der Fakten und Vermutungen und entdeckt in den Ermittlungen zu Ashley immer mehr, was für eine faszinierende Frau sich hier gegebenenfalls selbst das Leben genommen hat. Ein musikalisches Wunderkind, die in ihre Interpretation klassischer Werke die Verletzungen eines ganzen Lebens hineinlegt. Eine junge Frau, die an der Prominenz des Vaters und vielleicht auch an dessen Werk selbst zu scheitern droht. Drogen, Erziehungsheim, das volle Programm zieht sich durch ihr Leben und alles endet in einem leeren Aufzugsschacht einer Lagerhalle.

Ashley, deren Familie eine eigene Sprache erfand, mit der man sich unter Ausschluss der ungeliebten Öffentlichkeit zu unterhalten vermochte; Ashley, die Gefühle wecken und stillen konnte, wie keine zweite junge Frau; Ashley, ein Widerspruch mit rotem Mantel. Unvergessen bleibt ihr Wort „Terulya“. Die Bedeutung hat sich tief in uns eingebrannt:

„Tief tauchende Liebe. Eine Liebe, die einen ausgräbt. Etwas, das man erlebt haben muss, bevor man stirbt, sonst hat man nicht gelebt!“

Hier findet sich auch die wahre Stärke von Marisha Pessl, die in einem solchen Thriller magische Worte und Sätze einbaut, die es wahrlich in sich haben. Gänsehautlesen in seiner reinsten Form. Hoch dosiert und abhängig machend. Zu ihren Worten sollte ein Beipackzettel beigefügt werden: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Buchhändler oder den Verleger!“

Ich habe lesend in München ein Notizbuch mit mir getragen. Bin selbst auf die frische Spur gegangen und liebe es eigentlich auch, komplexe Handlungsfäden in der Hand zu halten und habe mich daran gewöhnt, Haupt- und Nebenfiguren aufzuschreiben und mit Hinweisen zu versehen, welche Rolle sie spielen könnten. In der zweiten Hälfte des Buches allerdings musste ich dann einsehen, dass selbst das beste kleine „Memo-an-mich-selbst-Büchlein“ mich hier kaum auf der Fährte halten konnte.

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Große Worte

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Große Worte

Ebenso bodenlos, wie die Filme von Stanislas Cordova beginnt die Handlung in Dimensionen abzudriften, die sich kaum auseinanderhalten lassen. Fantasie, Einbildung, Fakt, Mutmaßung? Nichts ist, wie es scheint. Nichts ist von Bestand. Cordova führt nicht nur Scott McGrath an der journalistischen Nase herum, auch der Leser wird von diesem unsichtbaren Genie in den Bann gezogen und dann verbannt. Dieses Buch ist wie ein großer Film, den man mehrmals geschaut haben muss, um ihn vollständig zu erschließen. Dieses Buch wartet nicht mit einer einfachen Wahheit auf. Es gibt viele Wahrheiten, die es zu entdecken gilt.

„Die amerikanische Nacht“ ist kein Thriller für zwischendurch – kein Buch, das man einfach so atemlos einatmen kann. Wer sich auf diesen Roman einlässt, sollte sich Zeit nehmen und sich tief fallen lassen. Es ist nicht einfach zu lesen, es ist nicht einfach, der turbulenten und in sich verspiegelten Handlung zu folgen. Es strengt an. Aber das ist eben auch das Besondere an diesem Werk. Lange Winterabende im roten Mantel, vertieft in die Abbildungen auf den illustrierten Seiten, alte Polizeiakten lesen und immer wieder in den aktuellen Plot eintauchen… das sind die Dimensionen, auf die man sich einlassen muss.

Die Amerikanische Nacht von Marisha Pessl - Ein Vergleich

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl – Ein Vergleich

Wenn man nun der feuilletonistischen Presse glauben darf, dann lohnt sich ein Vergleich zweier Werke. „Wer <Gone Girl> gelesen hat, der muss auch <Die Amerikanische Nacht> lesen“, so heißt es landauf, landab. Wir haben beide Romane intensiv eingesaugt und am Ende aller Seiten wagen auch wir den Vergleich, der aus unserer Sicht nicht statthaft ist. Zu unterschiedlich sind beide Bücher, zu verschieden ist der Ansatz und zu differenziert sind die eigenen Ansprüche der Autoren an ihre Geschöpfe.

„Gone Girl – Das perfekte Opfer“ von Gillian Flynn ist knapper und griffiger geschrieben, verleitet zu einer schlaflosen Thriller-Nacht, die sich tief ins Gedächtnis brennt. Ein Roman, wie ein Bourbon on the Rocks. Man weiß, dass es sich um einen Whisky handelt, trinkt ihn, genießt und beeilt sich, da die Gefahr besteht, dass das Eis zu schmelzen beginnt. Man kann sich lange an den Geschmack erinnern und ihn gut beschreiben. Eine Geschichte, die am Lagerfeuer erzählt werden kann.

Die amerikanische Nacht von Marisha Pessl ist dagegen wie ein Cocktail aus verschiedensten frischen Zutaten. Hochprozentig und gut gemixt. Nichts für eine Happy Hour… Ein langfristiges Vergnügen, bei dem nur der Barmixer das Rezept kennt und dieses nie und nimmer verraten würde. Es dauert lange, bis man die einzelnen Nuancen der Rezeptur auseinanderhalten kann. Lange Zeit hat man den Geschmack frischer Limonen im Mund, der sich dann plötzlich völlig verändert. Kein Roman fürs Lagerfeuer…

Wir haben beide Romane im Gepäck, wenn wir auf Thrillerreise gehen. Ein Buch für jeden Anlass. Unterschiedlicher können Romane nicht sein, die das Etikett „Thriller“ tragen. Und doch haben sie eines gemeinsam: Jeder Leser benötigt anschließend ein individuelles Zeugenschutzprogramm!

Die amerikanische Nacht und Gone Girl - Meine Entscheidung...

Die amerikanische Nacht und Gone Girl – Meine Entscheidung…