[Filmstart] DER MEDICUS von Noah Gordon

26 Jahre nach dem Buch - Der Medicus wird zum Film

26 Jahre nach dem Buch – Der Medicus wird zum Film

Wenn man seine Lebensbibliothek nicht nach Autoren, Genres oder anderen Kriterien ordnet, sondern die Bücher eines langen Leseweges nach dem Zeitpunkt des Lesens chronologisch in die eigene Geschichte einsortiert, dann fällt es leicht, sich genau an die Zeit zu erinnern, in der man ein bestimmtes Buch zu seinem Wegbegleiter erkoren hat. Vor genau 26 Jahren (und damit Urzeiten, bevor ich auch nur daran dachte, jemals eine Rezension über ein Buch zu verfassen) fesselte ein außergewöhnlich schönes Cover meinen Blick und ich konnte einfach nicht widerstehen.

Der Medicus“ von Noah Gordon feierte 1987 im Verlagshaus Droemer Knaur seine viel beachtete Premiere in Deutschland, nachdem das Buch in seiner Originalfassung unter dem Titel „The Physician“ bereits für Furore gesorgt hatte. Als bekennender Liebhaber guter historischer Romane fesselte mich bereits der Klappentext und ich war bereit, tief ins Mittelalter einzusteigen und mich von Noah Gordon auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa bis tief hinein in die islamische Welt entführen zu lassen.

Was dann folgte, habe ich bis heute nicht vergessen und genau diese Erinnerung macht den Medicus für mich zu einem absoluten Lebensbuch – einem Meilenstein meines Lesens und damit auch zum Gradmesser zukünftiger Bücher, von denen sich viele ihre buchigen Zähne am Meister seines Fachs ausgebissen haben. Ich erinnere mich an durchlesene Nächte, sehe mich in tiefer Dunkelheit am Kühlschrank stehen, da ich unbedingt… und genau jetzt… tief in der Nacht unstillbare Lust auf geräucherten Speck und Käse bekam, um den Protagonisten des Romans am Lagerfeuer essend zuhören zu können.

Noah Gordon - Der Medicus - Wenn Bücher an Speck erinnern...

Noah Gordon – Der Medicus – Wenn Bücher an Speck erinnern…

Ich erinnere gut mich an Bücher, die meinen Weg erst kreuzten nachdem ich den Medicus gelesen habe. Ich sehe den Namen einer islamischen Stadt noch heute vor meinen Augen, wenn ich daran denke, wohin ich gerne reisen würde, wenn ich im tiefen Mittelalter unterwegs wäre. ISFAHAN. Ich habe bildhafte Erinnerungen an die Entstehungsgeschichte der modernen Medizin, die sich fernab aller moralischen Wertvorstellung eines dunklen Zeitalters zu größtem Licht erhob und ich habe klare Bilder eines jungen Mannes vor Augen, den sein Schicksal entwurzelte und von London bis hinein ins tiefste Persien trieb. Eine Reise durch die Kulturen und Religionen. Ein Weg der weiter, faszinierender, gefährlicher und letztlich auch romantischer nicht sein konnte.

Ich erinnere mich sehr lebhaft an den neunjährigen Robert Jeremy Cole, für den sich im Jahr 1021 nach dem plötzlichen Tod beider Eltern alles ändert. Nur dem Glück ist es zu verdanken, dass er von einem umherziehenden Bader in die Lehre genommen und in der Kunst der Quacksalberei unterwiesen wird. Zähne ziehend, Kräutertinkturen verordnend und allerlei Schabernack verbreitend, zieht man von London aus durch das gesamte Königreich. Rob spürt schon früh, dass er über eine Gabe verfügt, die in der mittelalterlichen Medizin zwischen Hexerei und Kunst sehr hilfreich sein kann. Er fühlt den nahenden Tod in den Händen der Patienten. 

Aus seiner Bestimmung wird mehr. Es erwächst in ihm der Wunsch dort Medizin zu studieren, wo sie sich bis zu diesem Zeitpunkt am Weitesten entwickelt hat. Seine Reise führt in ins ferne Persien. Isfahan heißt seine Stadt der Vorsehung und Ibn Sina Avicenna, der berühmteste Arztes seiner Zeit, wird zum Ziel der Reise. Auch als sich herausstellt, dass Rob als Christ niemals in die Geheimnisse der Medizin eigeweiht würde, verzweifelt er nicht. Moslems und Juden leben einträchtig zusammen und so reift sein Plan, sich in Riten und Gebräuchen der jüdischen Religion unterweisen zu lassen, um dem Wissen näher zu kommen

Der Medicus - Noah Gordon - Kopfkino wird realer Film

Mit einem Klick zur Sonderausgabe zum Film vom Heyne Verlag

Das große Wagnis gelingt und Avicenna nimmt sich des falschen Juden an und ist erstaunt über die unfassbare Gabe Roberts. Wissen, Wahrheit, Tiefe, Wissenschaft und Tugend – in all diesen Disziplinen lernt er für sein Leben und vermag es immer mehr, sein „Todesgespür“ zum Wohle seiner Patienten einzusetzen. Er trifft die Liebe seines Lebens und kehrt nach dem Tode Ibn Sinas als großer Gelehrter in seine Heimat zurück. Aber kehrt er als Christ oder Jude zurück? Wie sehr hat ihn die Scharade verändert?

Noah Gordon schrieb vor mehr als 26 Jahren mit seinem Millionen-Bestseller einen zutiefst wissenschaftlich fundierten, historisch korrekten und empathischen Roman. Medizin mag zwar im Mittelpunkt der Betrachtung liegen, aber die eigentliche Botschaft des Buchs ist tiefer angelegt. Das Verständnis für andere Religionen, die Öffnung der eigenen Seele über die Restriktionen der Zeit hinaus und die Erkenntnis, welch große Wahrheit auch im Fremden verborgen liegt – dies sind die wahren Säulen dieses Werks. Respekt und Toleranz wehen uns auf ehrenvollen Bannern entgegen und scheinen immer noch die Frage zu stellen, warum uns dies heute nicht mehr gelingt. Der Medicus ist ein zutiefst integrativ religiöser Roman, der am 25. Dezember das Licht der Kinoleinwand erblickt. 

Ich werde mir den Film anschauen. Ben Kingsley als Ibn Sina Avicenna allein ist Grund genug, das Kino voller Vorfreude zu betreten. Daüber hinaus liegt das Gelesene fast drei Jahrzehnte zurück, und so kann es dem Film durchaus gelingen zu überzeugen, auch wenn er dann und wann von der Romanvorlage abweichen sollte. Ich freue mich auf Robert, auf die Reise nach Isfahan, die Farben dieser Stadt, die Gesänge und Lieder, die Irrungen auf seinen Wegen und ich kann es kaum erwarten, endlich Rebecca kennenzulernen, in der Robert mehr als die wahre Liebe seines Lebens findet.

Der Medicus - Noah Gordon - Die Gabe überdauert Generationen

Der Medicus – Noah Gordon – Die Gabe überdauert Generationen

Die Gabe Roberts sollte Generationen überdauern. Die Triloge Gordons wird von dieser Todesahnung gegenüber den Patienten der Cole´schen Nachfahren geklammert. „Der Schamane“ entführt uns ins Amerika des Bürgerkrieges und tief in die Indianerstämme mit ihren Wunderheilern hinein. „Die Erben des Medicus“ ist in unserer Zeit angesiedelt und zeigt die Gabe im Widerstreit mit der modernen Schulmedizin. Hightech und Pharma-Riesen regieren die Wissenschaft und machen die Gesundheit zum Geschäft. Da verkommt die natürliche Gabe schon fast zum abergläubigen Relikt einer alten Zeit.

Keiner der beiden Medicus-Nachfolger hat den ersten Band in Tiefe und Plausibilität erreicht. Die Gabe wurde zwar vererbt, aber die Dimension ihres Wirkens reichte nicht mehr aus, um die Leser so nahtlos zu begeistern, wie es dem Medicus einst gelang. Vieles ist in der Tiefe verloren gegangen und augenscheinlich war nur das Mittelalter das geeignete Setting für diesen Plot. Ein später erschienener Band „Der Medicus von Saragossa“ sollte wohl mit seinem Titel an die erfolgreichen Vorgänger anknüpfen, gehörte aber nicht zum Handlungskonstrukt um die Familie Cole. Empfehlenswert ist, auch in der Rückschau über viele Jahre, lediglich „Der Medicus“, aber genau dieses Buch hat sich in meinem Herzen den Status eines Jahrhundertbuchs erkämpft.

In den letzten Wochen sehe ich viele Menschen mit dem „Medicus“ in der S-Bahn. Es sind keine neuen Bücher, die ich sehe und immer stelle ich die gleiche Frage: „Noch mal das alte Buch lesen, bevor es ins Kino geht?“ Und immer erhalte ich die gleiche Antwort: „Ja – es ist so lange her und ich liebe diese Geschichte!“

Ich werde nicht lesen, bevor ich schaue. Ich gebe dem Film eine Chance und der erste Trailer, den ich im Kino sah, hat mich fast vom buchigen Hocker gehauen, so sehr haben die Bilder gewirkt. Ich freue mich auf den Bildersturm und ich denke, ich sollte Schinken und Käse mitnehmen… Ich habe da so ein Gefühl, dass ich Lust darauf bekomme… so wie vor 26 Jahren… damals im Jahr 1987…

Eine Trilogie, in der nur "Der Medicus" überzeugte...

Eine Trilogie, in der nur „Der Medicus“ überzeugte…

Advertisements