„Erzähl es niemandem“ – Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Erzähl es niemandem - Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Erzähl es niemandem – Eine unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges

Es gibt Geschichten, die sind eigentlich sehr schnell erzählt. Es sind Geschichten, von denen man meint, sie schon so oft gehört oder gelesen zu haben, dass sie den geneigten Leser nicht mehr überraschen können. Es gibt aber auch Geschichten, die unter der Oberfläche des ersten trügerischen Scheins eine Tiefe entwickeln, die sprachlos macht.

Norwegen 1940. Das Dritte Reich tritt erneut über seine Ufer und überschwemmt seine Nachbarn mit einer Welle der Gewalt. Was mit Österreich nahezu friedlich begann, setzt sich gewaltsam wie ein Flächenbrand fort. Und nach einem Jahr intensiven Krieges wendet sich der Blick des Führers bis hinauf ins ferne Skandinavien. Es steht schnell fest, dass man das friedliebende Norwegen auf keinen Fall den Alliierten überlassen kann und so wird auch dieses Land fast im Handstreich eingenommen und besetzt.

Man ist geübt im Besetzen. Es ist NAZI-Routine in diesen Zeiten und die Bewohner der besetzten Gebiete wissen, was sie zu erwarten haben. Sie wissen es nach einem Weltkriegsjahr nur allzu gut. Angst geht um in einem kleinen Land, das nun unter der Wehrmacht aufstöhnt und in dem riesige Adolf-Kanonen weitreichenden Geschosshagel anzudrohen beginnen. Das Dritte Reich ist angekommen mit all seinem Schrecken und mit all seiner Wucht gegen die Menschen, die sich nicht unterwerfen oder die schon in Deutschland aufgrund ihres Glaubens seit Jahren verfolgt werden.

Erzähl es niemandem - Eine Spurensuche von Randi Crott

Erzähl es niemandem – Eine Spurensuche von Randi Crott

Unter diesen Rahmenbedingungen kommt es auch zu Begegnungen zwischen Besatzern und Besetzten. Und manchmal ist es mehr als nur ein Gefühl, dass man in seinem uniformierten Gegenüber mehr als nur den Feind zu sehen hat. 1942 beginnt die 19jährige Norwegerin Lillian sich für den 29jährigen deutschen Wehrmachtssoldaten Helmut Crott zu interessieren. Er war oft bei ihren Eltern zu Gast und scheint so ganz anders zu sein, als man dies zu erwarten hatte. Lillians aufkommende Gefühle werden intensiv erwidert.

Aber sie kämpft gegen ihre Gefühle an. Die Unmöglichkeit einer Liebe zu einem Besatzer lässt keine weitere Hoffnung zu und doch kommen beide nicht voneinander los. Denn es ist ein Geheimnis, das die Welt von Helmut für seine Lillian öffnet und ihn von einer Sekunde auf die andere zu einem anderen Menschen macht. Denn er ist ein anderer Mensch, besonders in den Augen der NAZIS, wenn auch sie sein Geheimnis kennen würden. Helmut Crott ist Halbjude und hat sich hinter und unter der Uniform der Wehrmacht versteckt, um den aufkommenden Repressalien in seinem Vaterland zu entgehen.

Jahrelange Entrechtung und Einschränkungen liegen hinter ihm und seiner Familie. Seine Tante Tetta ist bereits nach Theresienstadt deportiert und nur die Tatsache, dass Helmuts jüdische Mutter mit einem Nichtjuden verheiratet ist, schützt sie im Moment vor dem KZ. Helmut selbst musste sein Studium beenden und ohne Perspektive wurde er in die Wehrmacht eingezogen. Glück und Zufall haben ihm dabei geholfen, nicht als Halbjude erkannt zu werden und nun hofft er, den Weltkrieg und die NAZI-Herrschaft als Soldat überleben zu können.

Erzähl es niemandem - Unglaubliche Anweisungen

Erzähl es niemandem – Unglaubliche Anweisungen

Dass er dabei eine Rolle zu spielen hat, um nicht enttarnt zu werden – das nimmt Helmut in Kauf. Dass seine Beziehung zu Lillian immer weitere Kreise zieht, das kann er nicht verhindern. Ihre Eltern wenden sich von der jungen Fau ab, während sie immer weiter in die Welt der Crotts eintaucht. Eine Welt der Bombennächte – eine Welt der zunehmenden Verbote für Juden und eine Welt der existenziellen Angst vor der Deportation. Beide leben in ihrer eigenen Welt – einer liebevollen Insel im Taumel des Weltgeschehens.

Als Helmuts Mutter deportiert wird brechen die Dämme der Sorge und Lillians Bekenntnis zu ihrem Lebensmann wird zur Nagelprobe für die eigene Sicherheit. Mit der einsetzenden deutschen Niederlage beginnt die Hofnung auf das Überleben zu keimen. Helmut und Lillian – untrennbar miteinander verbunden – rasen nun gemeinsam in den Wirbelsturm des Kriegsendes. Getrennt und ohne Kontakt zueinander gilt es jetzt der Liebe die Chance zu geben, die sie sich in wirren Kriegszeiten erkämpft hat. Und es stellt sich für beide die Frage, wie es weitergehen kann… und wer überlebt hat.

Randi Crott, die Tochter der Beiden, rekonstruiert in ihrem Buch Erzähl es niemandem (Dumont Buchverlag) gemeinsam mit ihrer Mutter Lillian die Liebesgeschichte ihrer Eltern. Ihr gelingt dabei ein unglaubliches journalistisch biografisches Meisterwerk voller Tiefe, Dialogfrische und Glaubwürdigkeit. Sie zeichnet einen Weg nach, der ihr als Kind weitgehend verborgen blieb und als nun auch sie erkennen muss, dass sie jüdische Wurzeln hat verändert sich auch ihr eigenes Leben. Sie kann sich plötzlich in die Rolle der Opfer hinein versetzen. Ihrem verstorbenen Vater Helmut setzt sie unbewusst ein Denkmal. Den Opfern des Nationalsozialismus setzt sie dieses sehr bewusst.

Erzähl es niemandem - Begegnungen werden Wendepunkte

Erzähl es niemandem – Begegnungen werden Wendepunkte

In „Weihnachten 1944 – Ein Ring der alles veränderte schrieb ich viel zu meiner Motivation „Gegen das Vergessen“ zu lesen, zu schreiben und zu handeln. Ich schrieb allerdings auch von meinen ambivalenten Gefühlen gegenüber den gefallenen Brüdern meines Vaters. Ich bin meinem Ring in Erzähl es niemandem mehrmals begegnet. Ich habe ihn immer dort getroffen, wo die beginnende Niederlage der NAZIS den Opfern der Verfolgung Hoffnung gegeben hat. Es sind schmerzhafte Begegnungen, da ich erkenne, wie wichtig manchmal der Tod Einzelner sein kann, wenn sie auf der nachweislich falschen Seite stehen.

Diese wahre Geschichte ist Aufruf und Bekenntnis zugleich. Seinen eigenen Weg zu gehen, sich auf seine Gefühle zu verlassen und für die Liebe seines Lebens einzustehen – diese Botschaft ist zeitlos und schlägt eine Brücke bis in unsere heile Welt. Im Anderen mehr zu sehen, als es der äußere Schein erwarten lässt und Geheimnisse zu bewahren, auch wenn sie mit persönlichen Risiken und Nachteilen verbunden sind – das ist eine Lehre, die man aus diesem bewegenden Buch ziehen kann.

Man kann sich diesem Buch nicht entziehen. Man kann sich der Sprache nicht entziehen und in den Momenten, in denen der Vater seinem Sohn Helmut über die Deportation der Mutter schreibt, fühlt man die gemeinsame hilflose Verzweiflung dieser Zeit. In einem ganz eigenen Familiencode sprechen beide nur von der „halben Portion“ und die Sätze „Die halbe Portion ist nicht mehr in Zeitz. Die halbe Portion hat nicht einen Schritt gehen können. Zwei Mädels haben sie zum Bahnhof getragen“ machen wütend. Das Ziel von Carola Crott war Theresienstadt…

Viele Gemeinsamkeiten - Victor Klemperer

Viele Gemeinsamkeiten – Victor Klemperer

Manche Bücher scheinen miteinander im Dialog zu stehen. Die Tagebücher des Victor Klemperer haben viel mit „Erzähl es niemandem“ gemeinsam. Auch Klemperer wurde für eine gewisse Zeit durch seine Ehe mit einer Nichtjüdin geschützt und seine Rettung ist verbunden mit dem Untergang vieler. Sein Leben wurde in der Bombennacht von Dresden gerettet… Ohne weitere Worte.

Literatwo schreibt weiter… „Gegen das Vergessen“

Der Name ist nicht alles, was bleibt...

Der Name ist nicht alles, was bleibt…

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