Wie alles begann – Klein Railys erstes Bilderbuch

Märchen der Völker - Der erste Bücherschatz

Märchen der Völker – Der erste Bücherschatz

Es waren magische Tage, die ich als kleiner Junge erleben durfte und es waren magische Momente, die mich im zarten Alter von 5 Jahren meinem ersten großen Bucherlebnis näher brachten. Besuche bei meinen Großeltern waren eigentlich eher langweilig. Nichts in ihrem Haushalt war auf einen Kinderbesuch ausgerichtet und so musste der Garten mit seinen Erdbeerbeeten und eine kleine Schaukel ausreichen, um den Enkel ein wenig zu beschäftigen. Besuche in ihrem Haus in Trier kamen mir dunkel vor, was vor allem an der Farbe der Möbel lag.

Doch alles änderte sich mit einem Schlag, als mein Großvater einen schweren Messingschlüssel zur Hand nahm, mich aufforderte, ihn zu einer wuchtigen dunklen Kommode zu begleiten und einfach nur sagte: „Jetzt wirst du Augen machen, mein Ströppchen!“ Mit lautem Knarzen öffnete sich der Schrank, dessen Inneres sich unter der Last von Dokumenten und Kisten zu biegen schien. Ein gezielter Griff meines Großvaters förderte eine ebenso dunkle Holzkiste zutage. Es roch einfach gut. Nach Holz, Öl und einer Spur Zimt.

Und dann hielt er ihn in der Hand. Den ersten Buchschatz meines Lebens. Mehrfach in ein Leinentuch eingewickelt, zeigte sich nach wenigen Handgriffen das Titelbild eines Märchenbuchs. Ich konnte noch nicht lesen, erkannte aber in jenem sympathischen Gesicht des Mannes mit dem Turban, dass mich hier wohl sehr viele lustige Geheimnisse erwarten würden. Die Goldprägung strahlte geheimnisvoll und ich konnte es kaum erwarten, zu blättern und zu forschen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne den alten Herrn gemacht, der nun begann dieses Buch zu zelebrieren.

Mr. Rail und die Bücher - Wie alles begann

Mr. Rail und die Bücher – Wie alles begann – Opa und Mom

Schon der erste Blick ins Innere des großformatigen Bilderbuches zeigte mir, dass es sich deutlich von Kinderbüchern unterschied, die ich bisher gesehen hatte.  Das dicke Papier der Seiten schien vergilbt zu sein, die Schrift war verschnörkelt und kunstvoll geschwungen und die einzelnen Bilder strahlten in einer unheimlichen Farbenfreude aus dem Buch heraus. Und keines dieser Bilder schien abgedruckt zu sein. Sie waren allesamt mühevoll von meinem Opa gesammelt und eingeklebt worden und so erblickte ich mich im Jahr 1967 etwas, das man wohl heute als Märchen-Panini-Album bezeichnen könnte.

Nur war es schon zu dem Zeitpunkt als es sich erstmals für mich öffnete schon 35 Jahre alt. Großvater erklärte mir, dass die Bilder in seinen Zigarettenschachteln zu finden waren und er im Jahr 1932 ganz schön rauchen musste, um dieses Bilderbuch mit allen Illustrationen beleben zu können. Und als er diese Arbeit vollendet hatte, suchte er eine Holzkiste und ein Leinentuch, wickelte das Buch ein, versiegelte die Kiste, nagelte sie zu und versteckte sie im Keller. Nur um sie heute, genau 35 Jahre später für mich zu öffnen. Es war ein Wunder für mich.

Erstmals hörte ich von Don Quijote (den man damals noch „Quixote“ schrieb), dem Mann aus La Mancha und seinem Kampf gegen die Windmühlen. Erstmals reiste ich, getragen von der Stimme meines Opas und mit dem Blick auf die wundervollen Bilder, mit Sindbad und seinen Freunden von Abenteuer zu Abenteuer. Ich entdeckte Städte wie Chicago und fuhr mit knatternden und ratternden Oldtimern durch die Straßen und erlebte die vielfältigen Wunder unzähliger Märchen der Völker. Und nach jeder vorgelesenen Geschichte kam das große Buch gut verpackt an seinen angestammten Platz.

Mit Sindbad am Strand

Mit Sindbad am Strand

Nun kann man sich vorstellen, dass die Besuche bei meinen Großeltern für mich eine ganz eigene und neue Bedeutung bekamen. Die Vorfreude war immer groß und die Dunkelheit begann sich immer weiter aufzuhellen. Jedes Treffen mit Opa war nun mit einem Märchen verbunden und jedes Märchen mit kleinen Geschichten von ihm, wie er dieses Buch durch die Wirren der Zeit gerettet hatte. Ich hatte noch keine Vorstellung von Krieg und Gefahr, aber mir war schnell klar, dass dieses Buch sehr schwere Zeiten völlig unversehrt überstanden hatte.

Wie ein großer Weggefährte begleitete mich dieses gemeinsame Betrachten von Bildern und das gemeinsame Lesen der Märchen aus aller Welt durch die nächsten Jahre und irgendwann war es dann an mir, meinem Opa vorzulesen. Es schien, als folgte dieses Märchenbuch einer alten Bestimmung und einem ganz genauen Plan, denn es wurde zum wichtigsten Band zwischen Großvater und mir. Und selbst als ich ihn dann später alleine besuchte und stolz mit meinem ersten Auto vor dem Haus parkte, war ein Blick in die „Märchen der Völker“ ein festes Ritual zwischen uns.

Ebenso, wie das Einwickeln und Verpacken des Märchenbuchs am Ende jeden Besuchs. Es blieb bis zum Tod meines Großvaters in dieser Kommode. Niemals wagte ich zu fragen, wann ich es mitnehmen dürfte oder ob ich es mir mal ausleihen könnte. Die Magie dieser Momente wollte niemand zerstören. Und so lebten die Bilder und Geschichten auch in jenem heranwachsenden Enkel weiter und ich könnte noch heute die mehr als 15o Bilder den richtigen Seiten zuordnen, wenn sie sich denn plötzlich lösen würden. Aber das haben sie nicht getan… sie sind immer noch an ihren angestammten Plätzen.

Erstmals in Chicago

Erstmals in Chicago

Nun liegt dieses große Märchenbuch also in meinem Sekretär – eingewickelt in ein altes Leinentuch und verpackt in einer dunklen Holzkiste. Noch regelmäßig sitze ich selbst davor und schwelge in Erinnerungen und habe noch heute das Gefühl, dass ich die Märchen und ihre Bilder nicht alleine betrachte. Die Wertschätzung gegenüber Büchern hat mir mein Großvater sozusagen in die Wiege gelegt. Ein Buch über inzwischen 82 Jahre in einem Zustand zu bewahren, der eigentlich als neuwertig zu bezeichnen ist, das ist eine ganz eigene generationsübergreifende Leistung.

Heute kann ich gut ermessen, welchen Weg das Buch auf sich genommen hat, bevor es endgültig bei mir landete. Heute kann ich wertschätzen, wie facettenreich und ohne Vorurteile diese Geschichten 1932 das Licht der Buchwelt erblickten. Araber, die stolz in Allah leben; Indianer in ihren positiven Riten und Bräuchen sowie Afrikaner, die voller Stolz über ihre Geheimnisse erzählen. Das war eigentlich angesichts der Zeit der Publikation so nicht zu erwarten. Kurze Zeit später wurden diese Märchen verboten. Die Kiste hat sie gerettet.

Die „Märchen der Völker“ werden noch lange bei mir bleiben. Gut behütet und ganz vorsichtig betrachtet – und eines Tages werde ich für irgendjemanden dieses Buch ebenso zelebrieren, wie mein Großvater es für mich gemacht hat. Ich werde seine Strahlkraft wiederbeleben und die Goldprägung wird auch bei weiteren Generationen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ist schön, einen solchen Schatz zu besitzen. Es ist schön, dass er wie ein Zeitfenster wirkt und beim Aufblättern heute mehr als nur seine Märchen zeigt. Mit solchen Familienschätzen kann man heute noch beginnen – irgendwann ist immer der Startpunkt und manchmal erübrigt sich dann auch die Frage: „Was bleibt eigentlich von mir?“

Mein Opa hat diese Frage mit Nachdruck beantwortet.

Gemeinsam gegen die Windmühlen

Gemeinsam gegen die Windmühlen

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