Abgründig – Arno Strobels Höllentrip für Jugendliche

Abgründig von Arno Strobel

Abgründig von Arno Strobel

Kinderkram… echt jetzt. Da darf man endlich mal weg von der Familie und raus in die freie Natur, endlich nicht bevormundet werden und das richtige Abenteuer genießen… und dann DAS!

Das coole Bergcamp Grainau entpuppt sich für ein zusammengewürfeltes Grüppchen Jugendlicher schon schnell als Lager für „betreutes Klettern“ und genau das hatte man eigentlich nicht vor. Hey.. in dem Alter will man was erleben und nicht auch noch in seiner Freizeit auf Kleinkinder aufpassen. Da hat man die mächtige Zugspitze vor Augen und soll im Camp schön brav ein wenig rumkraxeln. Geht nicht… geht gar nicht! Und als sie auch noch ihre Handys abgeben müssen ist das Maß der Bevormundung übergelaufen.

Abenteuerlust und der Wunsch, endlich etwas Richtiges zu erleben bringen zehn Jugendliche auf die Idee, endlich mal aus dem Alltag auszubrechen und das Weite zu suchen. Ralf kennt sich immerhin blind in der Gegend aus, ist schon volljährig, hat den ersten Abend im Camp mit Alkohol aufgelockert und hat einen guten Plan. Warum eigentlich nicht, fragen sich die Anderen und so setzt sich das Grüppchen klammheimlich aus der behüteten Umgebung ab.

Abgründig von Arno Strobel - Kontratsreich

Abgründig von Arno Strobel – Kontrastreich

Ihr Ziel: eine einsame Berghütte oberhalb der geheimnisvollen Höllentalklamm, einer dunklen und feuchten Gebirgsschlucht am Fuße des höchsten Berges Deutschlands… Unwichtige Ausrüstung schleppt man nicht mit. Wenn man Ralf Glauben schenkt, dann ist es ein Kinderspiel, die Hütte zu erreichen. Aber eben eines ohne Aufsicht durch besserwissende Erwachsene.

Und so geht es los in ein unglaubliches Abenteuer, das sie wohl nie vergessen werden.

  • 10 Jugendliche
  • 1 Ziel
  • 1 falsche Fährte
  • Keine Handys
  • Keine Bergausrüstung
  • 1 Schweizer Taschenmesser
  • 1 Taschenlampe
  • 3 Flaschen Wodka

Wäre doch gelacht, wenn das nicht rocken würde, und wenn man dann nicht was zu erzählen hätte vom stinklangweiligen Camp. Und das Wetter spielt auch noch mit. Was will man mehr… Und die Gruppe passt zusammen. Das merkt man doch schnell.

Wie sehr man sich täuschen kann – in jeder Beziehung.

Abgründig - Arno Strobel - Extreme Fallhöhe

Abgründig – Arno Strobel – Extreme Fallhöhe

Das Unglück scheint bereits vorprogrammiert, als das Wetter kippt. Die Höllentalklamm liegt hinter ihnen. Sie sind durchnässt und nun gibt es nur noch einen Weg, sich vor dem aufziehenden Sturm zu schützen… weiter nach oben… das ist kürzer und ungefährlicher als jetzt noch umzukehren. Und Ralf kennt sich aus… blind sogar.

Wie sehr man sich irren kann…

Und so findet sich die Gruppe am Ende ihrer Kräfte fernab ihres eigentlichen Weges in einer einsamen Berghütte wieder, während der Sturm unvermindert an Kraft zunimmt und an eine Flucht ins Tal nicht mehr zu denken ist. Es rächt sich, dass man diese Tour unterschätzt hat. Es rächt sich, dass man bis auf ein paar Flaschen Wodka und ein paar Erdnüsse nichts in den Rucksäcken hat. Es rächt sich, dass man dem Ältesten in der Gruppe vertraut hat.

Letztendlich kippt mit dem Wetter auch die Stimmung in der Gruppe. Angst macht sich breit und Schuldzuweisungen schießen aus dem Boden. Stress bahnt sich seinen Weg, wird zu Gewalt und schon bald beginnen die ersten Handgreiflichkeiten.

Abgründig - Arno Strobel - Naturgewaltig

Abgründig – Arno Strobel – Naturgewaltig

Am Morgen nach der ersten grauenvollen Nacht in der Einsamkeit fehlt ausgerechnet der selbst ernannte Anführer. Keine Spur mehr von ihm, bis auf eine Blutlache in der Hütte und Blutspuren in der nahen Umgebung. Keine Spur von ihm, bis auf die blutverschmierte Hand von Tim, dem Einzigen unter ihnen, der ein dunkles Geheimnis in sich trägt…

Kann es sein, dass er nachts…? Ist es möglich, dass Ralf ermordet wurde? Die Gruppe dreht hohl und es entsteht ein brutales Katz- und Mausspiel um die Suche nach dem Täter. Es wird eng für Tim und der Sturm hält sie fest umklammert in dieser Hütte des Grauens.

Bestseller-Autor Arno Strobel schreibt mit „ABGRÜNDIG“ (Loewe Verlag) zum ersten Mal einen Thriller für Jugendliche. Wer Strobel kennt, der weiß, dass er seine Leser ernst nimmt. Er gestaltet einen Plot, der tragfähig ist und fordert seine Leser zum aktiven Lesen auf. Die Spurensuche an seiner Seite wird von Seite zu Seite spannender und seine Protagonisten lassen ihre Masken im Angesicht drohender Gefahr immer mehr fallen.

Die Ruhigen ziehen sich zurück, die Aufbrausenden agieren mit Gewalt und die Unauffälligen beginnen an Kontur zu gewinnen. Erste zarte Gefühle der Mädchen für einige der Jungs verschärfen die Situation zusätzlich, denn Eifersucht, Todesangst und stürmische Isolation sind wirklich keine guten Rahmenbedingungen für das gemeinsame Überleben.

Abgründig - Literatwo vor Ort in im Höllental

Abgründig – Literatwo vor Ort in im Höllental

Arno Strobel gelingt es mit „Abgründig“ nicht nur jugendliche Leser zu fesseln, auch die Fans seiner Psychothriller kommen auf ihre Kosten. Der Bestseller-Autor überzeugt, weil er sich nicht verbiegt. Er biedert sich der neuen Zielgruppe nicht an, er setzt ihr etwas vor, an dem sie zu knabbern hat. Eine komplexe Gruppenstruktur, die sich in ihrer Dynamik mehrfach über den Haufen wirft; Konflikte die ungezielt aufbrechen und Gefühle, die sich ungefiltert Raum verschaffen. Nichts Neues für Heranwachsende – alles schon selbst erlebt… nur nicht in dieser Dimension und so findet wohl jeder Leser „seine“ Helden im Roman, mit denen er leidet, hungert und die Decke teilt.

Man wird schnell zum Außenseiter im wahren Leben… man wird es schnell in Abgründig… man wird schnell zum Sündenbock, aber eben auch genauso schnell zur Zielscheibe gezielter Beeinflussung durch selbst ernannte Anführer.

Uns hat Arno Strobel erreicht. Wir kennen die Region, in der er seinen Jugend-Thriller angesiedelt hat und wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, wie verloren man sich dort fühlen kann, wenn man sich selbst überschätzt. Die Handlung selbst kann überall spielen. Denn das Spiel mit der Angst in Verbindung mit der selbstzerstörerischen Dynamik einer Gruppe in akuter Lebensgefahr beschleunigt das reale Leben zu einem wahrhaftigen Höllentrip.

Abgründig ist tiefgründig… Strobel vom Feinsten.

Arno Strobel und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg

Arno Strobel – Ein langer gemeinsamer Weg – Ein Klick genügt…

Ach ja, bevor wir es vergessen… Der ABGRÜNDIGe Weg ist damit noch nicht am Ende angelangt.

Die Outdoor-Blogger von erlebnisabenteuerundmehr haben schon oft gemeinsam mit uns alpine Romane auf ihre Plausibilität geprüft und im Gegenzug für die in der Rezension verwendeten Höllental-Bilder ist natürlich eine Ausgabe des Romans in die Hände der Alpenspezialisten geraten.

Mal gespannt, was dabei rauskommt. Bei Marc Ritters neuem Zugspitz-Polit-Thriller „Kreuzzug“ kamen wir auf diese Art und Weise zu überraschenden Übereinstimmungen. Bleibt gespannt 😉

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry bewegend und wortgewaltig

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

In meinem Leserherzen bin ich schon immer ein Ire gewesen. Ich fühle mich zu Hause auf der ewig grünen Insel und bin fasziniert von der abwechslungsreichen Geschichte des gespaltenen Landes. Melancholisch ist mir zumute, wenn ich irischen Autorenfedern folge. In ihrer Sprache schwingt eine Sehnsucht mit, die ihnen von Generationen irischer Vorfahren in die Wiege gelegt wurde. Mit William Butler Yeats lasse ich mich gerne auf sentimentale Gedichtabende ein, mit Roddy Doyle begegnete ich vier wichtigen Frauen, John Boyne verlieh meinem Lesen grenzenlose Flügel und nun lädt mich Sebastian Barry ein, ihm zu folgen.

Ein langer, langer Weg aus dem Steidl Verlag ist eine ganz besondere Lese-Herausforderung für mich, erwarte ich doch bestimmt nach Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich einen Roman über den Ersten Weltkrieg, der heute in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Doch schon die Erzählperspektive und der Protagonist des mehr als episch anmutenden Schlachtengemäldes reizten meinen Lesedurst. Erstmals folge ich also – das grüne Kleeblatt im Herzen – einem jungen Iren auf die Schlachtfelder ins belgische Flandern der Jahre 1914 bis 1918.

Willie Dunne zieht in den Krieg – und er hat einen guten Grund, dies zu tun. Er wächst nicht mehr. Nun ist Willie Dunne kein Zwerg mit seinen 1,68 Metern, aber er wird wohl nie das erforderliche Gardemaß erreichen, das man benötigt, um Angehöriger der Polizei von Dublin zu werden. Er würde nie so werden, wie sein Vater. Doch nun bietet sich die große Chance auf Uniform und Ruhm… Willie Dunne zieht in den Krieg… frisch verliebt in seine Gretta und voller Illusionen im Gepäck.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Und nicht nur das. Er trägt die ganze Last der Geschichte Irlands im Tornister, denn für einen Iren ist dieser Krieg ein mehrschneidiges Schwert voller verborgener Feinde und Risiken. Für einen Iren ist eigentlich jeder Krieg ein Gefecht gegen seine eigenen Sehnsüchte. Denn Irland schickt seine Soldaten nicht als Söhne eines geeinten Landes auf die blutigen Schlachtfelder. Unter den königlich britischen Uniformen verbergen sich Soldaten, die zum Instrument innenpolitischer Bestrebungen gemacht werden.

Denn in den Reihen der britischen Streitkräfte sind irische Unionisten und Nationalisten zu finden. Die Einen voller Stolz und königstreu, ergeben mit dem Versprechen von ein wenig Selbstverwaltung im Gepäck und die Anderen, nach völliger Unabhängigkeit strebend und die historische Chance nutzend. Ihr Motto „Englands Probleme sind Irlands Chancen“. Beide Seiten Teil einer großen britischen Armee – beide Seiten in der Hoffnung, ihre Ziele mögen durch Loyalität im Krieg im anschließenden Frieden erfüllt werden. So trügerisch….

Willie Dunne ahnt nichts von alledem. Er wirft sich jugendlich naiv in die Schlacht und erlebt die Schrecken des Ersten Weltkrieges in voller Wucht. Menschenleben haben keinen Wert. Die Vernichtung vollzieht sich industriell und das Überleben wird zum reinen Glücksspiel. Als Willie Dunne zum ersten Mal den geheimnisvollen gelben Nebel auf sich zuströmen sieht, ahnt er zwar, dass die deutschen Gegner teuflisches im Sinn haben. Die unmenschliche Dimension des Gaskrieges verändert sein Denken jedoch für immer.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Da wo andere erblinden und ersticken, scheint sich sein Gesichtsfeld zu erweitern und aus Willie Dunne wird ein Mann der schlagartig erwacht. Dass dem gelben Gas des Feindes ein noch viel tödlicheres folgt, erkennt er zum ersten Mal auf einem kurzen Fronturlaub. Plötzlich sieht er sich in seiner Heimatstadt Dublin den Rebellen des Osteraufstandes gegenüber. Landsleuten. Iren.

Abseits vom Grabenkrieg in Flandern zwingt man ihn in der königlich britischen Uniform Flagge zu zeigen. Nach dem Gaskrieg das zweite Erwachen des Willie Dunne. Ein nachhaltiges erneut und völlig verändert kehrt er an die Front in Belgien zurück. Die Begriffe Freund und Feind verlieren ihre Kontur. Das ewige Warten auf die Briefe seiner Geliebten bringt ihn fast um, und sein Verständnis für die Aufständischen führt zu einem tiefen Zerwürfnis mit seinem Vater und entwurzelt ihn vollends. Ein entwurzelter Mensch hat keinen Halt – ein entwurzelter Soldat wird Treibgut.

Und wenn dazu noch der endlose Regen des Kriegsjahres 1917 die Schlachtfelder Belgiens ins Wasserflächen verwandelt, in denen Straßen und Wege nur noch zur Erinnerung werden, dann sind das Abgleiten, das Versinken und das Untergehen vorprogrammiert. Willie Dunne zog in den Krieg. Doch was er fand, war nicht das wonach er suchte. Kein Ruhm, keine Ehre und keine Menschlichkeit. Er fand viel mehr Feinde, als ein einzelner Mensch verkraften kann.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Sebastian Barry eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes. Als würde ein Krieg allein nicht reichen, wirft er den jungen Willie Dunne in ein Gefecht, das vielschichtiger und hinterhältiger nicht sein kann. Sebastian Barry hier „nur“ einen Schriftsteller zu nennen, würde in diesem inneren Zusammenhang seinem Roman nicht gerecht. Er malt seine Worte, er meißelt seine Sätze, er formt seine Kapitel zu sprachgewaltigen Wortkunstwerken, die der Dimension des Schreckens eine Ebene verleihen, die ihresgleichen sucht.

Wer Leid und Sehnsucht in der eigenen irischen Melodie voller Melancholie hören, fühlen und schmecken möchte, der kann an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer mit Willie Dunne jemanden kennenlernen möchte, mit dem man leiden, weinen, hoffen und verzweifeln möchte, der darf an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer eine neue Dimension des Schreibens „Gegen den Krieg“ nicht versäumen möchte, der muss sich auf den Weg machen.

„Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry ist ein wichtiger und bewegender Weg, den man gehen sollte. Die Sprachgewalt des irischen Autors macht sprachlos und doch erkennt man am Schicksal eines jungen Soldaten aus Dublin warum Irland auch heute noch alles andere als ein geeintes Land ist. Das grüne Kleeblatt ist gespalten – voller dunkler Lasten aus der Vergangenheit. Möge es Sebastian Barry gelingen, Verständnis zu wecken und Gefühl zum Bindeglied eines großen Traumes werden zu lassen.

Irland…. Ewig grün…

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt - ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt – ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Fokus von AstroLibrium: „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger, „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne, „Eins wollt ich dir noch sagen“ von Louisa Young und bald schon Jürgen Seidels „Der Krieg und das Mädchen“, sowie erneut John Boyne mit einem Jugendbuch „So nah wie fern“ . Ein Schwerpunktjahr hat gerade erst begonnen.

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta verwirrt uns…

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Apokalyptisch

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Apokalyptisch

Die Apokalypse – Der Weltuntergang. Immer wieder ist dieses Szenario ein beliebtes Romanthema, das den geneigten Leser tief in seinen Bann zieht. Was tun, wenn sich von jetzt auf gleich alles ändert? Wie handeln, wenn man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird und hat man ausreichend vorgesorgt für den Fall der Fälle? Ein reizvolles Sujet, dem sich Schriftsteller aus aller Welt mal mehr, mal weniger meisterhaft widmen.

Am Anfang war das Ende von Stefan Casta aus dem Hause Sauerländer zeigt schon im Titel, worauf wir uns in diesem Jugendroman einzustellen haben. Alles beginnt da, wo unsere Vorstellung endet – genau an der Schnittstelle zum normalen Leben – dort wo wir unseren Halt verlieren und ins Bodenlose zu stürzen drohen.

Eine idyllische Welt erwartet uns augenscheinlich nicht, denn schon die Einleitung des Romans ist ein rätselhafter Wegweiser zur Geschichte von vier Jugendlichen, die hier rekonstruiert wird. Halbdokumentarisch anhand von Tagebüchern und gefundenen Videofilmen möchte uns der Bewohner des Seniorenheimes Vogelnest die Ereignisse der Vergangenheit näher bringen. Und schon beginnt der so genannte „Hänfling“ seine Erkenntnisse mit uns zu teilen… Er fühlt sich selbst noch in der Geschichte gefangen:

„Und obwohl dies alles vor langer Zeit geschehen ist, kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Oder: als geschähe es jetzt. Es ist, als bewegte sich die Zeit immer im Kreis, immer im Kreis.“

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Zeitrelativität

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Zeitrelativität

Eine intensivere Sogwirkung kann man kaum besser konstruieren, denn der Spannungsbogen ist schon bis zum Anschlag gedehnt, bevor wir die Protagonisten des Romans so richtig kennen lernen. Und noch bevor sie auftreten, wissen wir, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Geschichte zu erzählen. Nur indirekt ist dies möglich. Nur durch jenen Hänfling, der uns Einblick gewährt in Worte und Bilder, über die er verfügt.

Vier ganz besondere Jugendliche, die gemeinsam die Kulturschule Vogelnest besuchen, entführen uns in ein verstörendes Szenario. Als Mitglieder eines Geheimbundes namens „Der grüne Zirkel“ sind ihre Sinne für alles Außergewöhnliche geschärft, aber was nun geschieht übersteigt selbst ihre Vorstellungskraft. Die Tage verändern sich und steigende Temperaturen beginnen dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Gewächshausatmosphäre dominiert das tägliche Leben. Erinnerungen an die normalen Tage vor der Hitzeperiode beginnen zu verschwimmen und die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben wächst ins Überdimensionale.

Judit beschreibt diese seltsamen Tage in ihren Aufzeichnungen als ein Wechselbad der Gefühle. Die von ihr besonders geliebten Wochentage, wie Samstag oder Sonntag, haben ihre Bedeutung verloren. Alles verschwimmt im Einheitsbrei der Hochtemperatur und nur der Schutz vor der Hitze steht im Vordergrund. Ein Leben innerhalb des Hauses oder in der Schule ist die Folge und hat so gar nichts mehr mit einer befreiten Jugend zu tun.

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Sehnsuchtstage

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Sehnsuchtstage

Doch das war nur der zarte Anfang, der gleichzeitig das Ende symbolisiert, denn die Hitze wird nach unsäglich langem Warten endlich vom Regen abgelöst. Endlich… ein gar nicht passendes Wort, denn genau das geschieht nicht. Der Regen endet nicht und weitet sich zu einer Sintflut aus, die alles mit sich reißt. Auch die vier Freunde Judit, David, Dinah und Gabriel, die sich auf der Veranda ihrer Schule befinden, als diese zur Arche Noah für sie mutiert, sich vom Gebäude losreißt und ungesteuert ins Nirgendwo abdriftet.

Und genau so driften diese vier Jugendlichen ihrem persönlichen Weltuntergang entgegen. Völlig unvorbereitet und nur mit scheinbar unnützen Gegenständen gewappnet. Unter anderem mit einer Videokamera, die Zeugnis ablegen kann über das Ende, das dem Anfang folgt. Endlich erreichen sie Land und doch ist es nicht das Land der Rettung, das sie freudig erwartet. Zerstört ist alles, vernichtet alles Leben und schier im Stillstand befindlich. Utopische Bilder begegnen ihnen in den unbewohnten teilweise zerstörten Häusern von einst.

Das Drama beginnt sein Tempo ins Unermessliche zu steigern, als sie bemerken, dass sie nicht alleine sind. Sie sind in Gefahr und wissen doch so wenig… aber sie sind einfallsreich, jung und voller Überlebensmut.. Ob sie dies retten kann?

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Allein ist man nie

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Allein ist man nie

Ein durchaus viel versprechender Apokalypse-Auftakt, der den Leser mit unvermindertem Tempo durch die Handlung treibt. Immer auf der Suche nach den Ursachen und Konsequenzen, folgt man atemlos den ausgelegten Spuren des Autors. Wie lose Enden einer diffusen Idee präsentiert er immer wieder Ansätze, die mit der Verschiebung von Zeitebenen oder der Zeitgleichheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht werden können. Aber jedes Mal, wenn eine Idee zu tragen beginnt, verliert sie sich in widersprüchlichen Geschehnissen im Roman. Irgendwann verlieren sich in traumgleichen Sequenzen selbst die leisesten Spuren und schließlich ist es selbst dem geneigtesten Leser recht egal, warum hier gerade was passiert.

Am Ende steht man mit ratlosem Unverständnis der Schlüsselsituation des Romans gegenüber, die an fehlender Plausibilität kaum zu überbieten ist. Auch in Gesprächen mit anderen Lesern des Romans hat sich der Eindruck verfestigt, dass jeder am Ende dieses Jugendromans die Anzahl der Fragezeichen über dem Leserhirn kaum zählen konnte. Gerade Jugendlich ab 12 (!) dürften neben den reinen Verlustangstgedanken, die vom Roman transportiert werden, hier an den Rand des Vorstellungsvermögens gelangen.

Eine Story voller Potential und wundervoller Gedankengänge – ein Roman mit tief angelegten Charakteren und gespickt mit spannungsgeladenen Bildern verpufft in der schieren Unverständlichkeit... Es findet sich im Buch kein Hinweis auf eine Fortsetzung, die es aber nach kurzer Recherche im Internet doch (zumindest in Schweden) geben soll…

Ich habe Bianca zum ersten Mal gebeten, ein Buch nicht zu lesen. Und ich bereue diesen Ratschlag nicht.

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse – ein Klick genügt

Zum Thema Weltuntergang und Jugend bietet sich der Roman „Ein Jahr voller Wunder“ von Karen Thompson Walker zum direkten Vergleich an… Diese Bücher haben vieles gemeinsam und unterscheiden sich doch wesentlich… Ich habe eines von beiden verstanden 😉

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Elisabeth Zöller vergisst nicht

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

„Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens “ von Elisabeth Zöller
Eine Jugendbuchvorstellung nicht nur für Erwachsene.

anton oder die zeit des unwerten lebens spacer

Das Deutschland des Jahres 1938 war aus heutiger Sicht ein dunkles Land voller menschenverachtender Gedanken. Bürger, die nicht ins System der Machthaber passten, wurden durch sogenannte „Rassegesetze“ einfach zu „Nicht- oder Untermenschen“ erklärt, schrittweise ihrer Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Massenmobbing würde man das heute nennen. Es traf zuerst die Deutschen mit jüdischem Glauben. Die Nationalsozialisten stellten all jene an den Rand der Gemeinschaft, die nicht ins ideologische Bild passten.

Die Verbote griffen immer weiter um sich. Juden durften nicht mehr in Kinos gehen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, bestimmte Straßen nicht mehr betreten, mussten ihre Wohnungen verlassen und durften nur noch in Gegenden wohnen, in denen andere Juden angesiedelt wurden. Die Signalwirkung auf andere Bewohner des Landes war enorm. Man wusste, dass ein einziger Fehler ausreichen würde, um auch alle Rechte zu verlieren. Und wer wollte das schon riskieren?

Also befolgte man die Verbote. Man kaufte nicht in Geschäften jüdischer Kaufleute ein, bediente keine jüdischen Kunden, behandelte keine jüdischen Kranken und wunderte sich nicht, wenn jüdische Mitbürger verschwanden. Man entwickelte sich zu einem Volk der Zuschauer und war doch aktiv an all den Schritten beteiligt, die man für richtig hielt, um das eigene Volk stärker zu machen, als es jemals war. Die Angst ging um und als die Machthaber bemerkten, wie gut ihre Terrorherrschaft funktionierte, nahm man auch andere Menschen ins Visier, die nicht ins Bild vom „starken Deutschen“ – vom „Arier“ – passten.

Man begann, alle behinderten Menschen zu „unwertem Leben“ zu erklären!

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens - Unfassbare Pläne

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Unfassbare Pläne

1938 ist Anton gerade einmal sechs Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Münster. Eine „gute deutsche Familie“, wie man es damals so sagen würde. Der Vater ist Beamter und eigentlich hat man nichts zu fürchten. Wäre da nicht ein Unfall gewesen, der Antons Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hatte. Der Kopf war verletzt worden und nun ist Anton anders als vorher. Der rechte Arm ist gelähmt und mit seiner Sprache ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Anton stottert und hat jegliches Gefühl für sich und seinen Körper verloren.

„Anton kannte sein Ich nicht mehr!“

Eine typische deutsche Mitläuferfamilie. Keine Nazis, aber auch nicht bereit, etwas gegen das schreiende Unrecht im Land zu tun. Brav lernt Antons Schwester für die Schule die „Rassenlehre“ und so bekommt man sehenden Auges mit, was den Juden geschieht. Und doch wächst die Angst um die eigene Zukunft, da Antons Eltern zu realisieren beginnen, dass nach den Juden nun die Menschen auf die Liste kommen, die durch Krankheiten anders sind. Behinderte werden zunehmend als „Schädlinge für die Volksgemeinschaft“ und „unnütze Esser“ angesehen.

Dabei ist Anton alles andere als unnütz. Mathematisch hochbegabt und als kleines Zeichentalent freut er sich darauf, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Auch wenn das mit dem Schreiben noch nicht gut funktioniert und das Stottern bestimmt Probleme machen würde. Da sein Onkel Lehrer ist, wird das schon alles gut gehen – so denkt man sich die Zukunft schön. Wie sehr man sich in dieser dunklen Zeit täuschen konnte!

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Demütigend

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Demütigende Spiele

Für Anton beginnt schon am allerersten Schultag der Kampf ums Überleben, denn seine Schultüte ist prall gefüllt mit dem Hass von Lehrern und Mitschülern, die schon so tief im Glauben an ihren Führer Adolf Hitler gefangen sind, dass es ihnen als Pflicht erscheint, Anton zu quälen und ihm zu zeigen, dass er nicht dazugehört! Er ist es nicht wert – er ist unwertes Leben!

So wird Anton zum Spielball all jener, die nicht den Mumm haben sich zu wehren und auch zur Zielscheibe derer, die den Vorgaben der Diktatur blind folgen. Anton wird von Lehrern geprügelt, auf dem Schulhof von Mitschülern misshandelt und erlebt, was in den Familien seiner Schulkameraden vor sich geht. Dort sitzt man abends in gemütlicher Runde beisammen und spielt ein Brettspiel, das aus heutiger Sicht mehr als unglaublich ist. „Juden raus“ heißt es und kommt es nur darauf auf, die kleinen jüdischen Spielfiguren aus der Stadt zu vertreiben.

Über allem steht die ganz klar ausgesprochene Drohung, dass wenn man mit den Juden fertig sei, auch die Behinderten an die Reihe kommen. Der Zweite Weltkrieg fordert auch in Münster seinen Tribut. Essen wird rationiert und für Anton bleibt statt der geliebten Buchstabensuppe oft nur ein Teller mit warmer Wasserbrühe. Immer wieder muss er an den Begriff vom „unnützen Esser“ denken und begreift, dass er in Gefahr ist. Endlich beschließen seine Eltern zu handeln… Spät, aber sie lehnen sich auf.

1943 starten sie die Geheimsache Anton….

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Hunger

Anton – Copyright der beiden Bilder im Rahmen – Frau Bianca Raum

Nach „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ ist dies bereits das zweite Jugendbuch „Gegen das Vergessen“ aus der Feder von Elisabeth Zöller, das uns mehr als betroffen macht. Biancas Artikel zu diesem Buch spricht eine sehr deutliche Sprache!  „Wutlesen“ – anders kann man es nicht nennen, wenn man in die wahre Geschichte von Anton eintaucht und sich vor Augen hält, was im nationalsozialistischen Deutschland möglich und selbstverständlich war.

Der blinde Glaube an eine wahnsinnige Ideologie und die Angst, selbst ins Visier genommen zu werden, sorgten dafür, dass gegenüber dem „unwerten Leben“ jegliches Mitgefühl ausgeschaltet wurde und niemand mehr gewillt war, sich in die Gefühle der Betroffenen hinein zu versetzen. Mitgefühl, Mitleid oder Hilfsbereitschaft wurden systematisch ausgeschaltet und jeder war sich selbst der Nächste. Und für viele muss es einfach toll gewesen sein, sich an den „Sündenböcken“ der Gemeinschaft austoben zu dürfen!

Empathie wurde zum großen Fremdwort dieser Zeit!

Elisabeth Zöllers Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, um einer Wiederholung solcher menschenverachtender Ereignisse vorzubeugen. Sie öffnet ihren Lesern die Augen und appelliert mit jedem Wort, jedem Satz und jedem Kapitel, nicht blind zu sein und sich aufzulehnen, wenn es darum geht für andere Menschen einzustehen. Was damals im Großen geschah, kann sich heute im Kleinen vollziehen. In der Klassengemeinschaft, in Gruppen und im Freundeskreis. Lasst dies nicht zu, denn dort wo das kleine Unrecht blüht, kann das große Unrecht Wurzeln schlagen. Haltet die Augen auf… lest… und handelt, dort wo ihr es könnt.

Die bewusste Blindheit von einst führte zum wohl unglaublichsten Massenmord der Weltgeschichte.

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Lessons learned

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens – Lessons learned

Das Lesen von „Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens(Fischer Schatzinsel) war schwer, es war erhellend, es hat wütend gemacht, Hoffnung vermittelt und die Augen geöffnet. Es ist ein wichtiges Buch für mich. Wenn man lesend seine Tochter im Rollstuhl durch die Weltgeschichte schiebt und realisiert, wie Freunde, Schule und Vereine im Umfeld heute reagieren, dann ist es nicht zuletzt Autoren wie Elisabeth Zöller zu verdanken, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir haben heute viel gelernt und vieles ist nicht mehr vorstellbar.

Der Begriff „unwertes Leben“ gehört nicht mehr zu unserem Sprachgebrauch – er darf auch nie wieder einen Platz in unseren Köpfen und Herzen einnehmen.