Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Elisabeth Zöller vergisst nicht

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

„Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens “ von Elisabeth Zöller
Eine Jugendbuchvorstellung nicht nur für Erwachsene.

anton oder die zeit des unwerten lebens spacer

Das Deutschland des Jahres 1938 war aus heutiger Sicht ein dunkles Land voller menschenverachtender Gedanken. Bürger, die nicht ins System der Machthaber passten, wurden durch sogenannte „Rassegesetze“ einfach zu „Nicht- oder Untermenschen“ erklärt, schrittweise ihrer Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Massenmobbing würde man das heute nennen. Es traf zuerst die Deutschen mit jüdischem Glauben. Die Nationalsozialisten stellten all jene an den Rand der Gemeinschaft, die nicht ins ideologische Bild passten.

Die Verbote griffen immer weiter um sich. Juden durften nicht mehr in Kinos gehen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, bestimmte Straßen nicht mehr betreten, mussten ihre Wohnungen verlassen und durften nur noch in Gegenden wohnen, in denen andere Juden angesiedelt wurden. Die Signalwirkung auf andere Bewohner des Landes war enorm. Man wusste, dass ein einziger Fehler ausreichen würde, um auch alle Rechte zu verlieren. Und wer wollte das schon riskieren?

Also befolgte man die Verbote. Man kaufte nicht in Geschäften jüdischer Kaufleute ein, bediente keine jüdischen Kunden, behandelte keine jüdischen Kranken und wunderte sich nicht, wenn jüdische Mitbürger verschwanden. Man entwickelte sich zu einem Volk der Zuschauer und war doch aktiv an all den Schritten beteiligt, die man für richtig hielt, um das eigene Volk stärker zu machen, als es jemals war. Die Angst ging um und als die Machthaber bemerkten, wie gut ihre Terrorherrschaft funktionierte, nahm man auch andere Menschen ins Visier, die nicht ins Bild vom „starken Deutschen“ – vom „Arier“ – passten.

Man begann, alle behinderten Menschen zu „unwertem Leben“ zu erklären!

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens - Unfassbare Pläne

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Unfassbare Pläne

1938 ist Anton gerade einmal sechs Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Münster. Eine „gute deutsche Familie“, wie man es damals so sagen würde. Der Vater ist Beamter und eigentlich hat man nichts zu fürchten. Wäre da nicht ein Unfall gewesen, der Antons Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hatte. Der Kopf war verletzt worden und nun ist Anton anders als vorher. Der rechte Arm ist gelähmt und mit seiner Sprache ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Anton stottert und hat jegliches Gefühl für sich und seinen Körper verloren.

„Anton kannte sein Ich nicht mehr!“

Eine typische deutsche Mitläuferfamilie. Keine Nazis, aber auch nicht bereit, etwas gegen das schreiende Unrecht im Land zu tun. Brav lernt Antons Schwester für die Schule die „Rassenlehre“ und so bekommt man sehenden Auges mit, was den Juden geschieht. Und doch wächst die Angst um die eigene Zukunft, da Antons Eltern zu realisieren beginnen, dass nach den Juden nun die Menschen auf die Liste kommen, die durch Krankheiten anders sind. Behinderte werden zunehmend als „Schädlinge für die Volksgemeinschaft“ und „unnütze Esser“ angesehen.

Dabei ist Anton alles andere als unnütz. Mathematisch hochbegabt und als kleines Zeichentalent freut er sich darauf, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Auch wenn das mit dem Schreiben noch nicht gut funktioniert und das Stottern bestimmt Probleme machen würde. Da sein Onkel Lehrer ist, wird das schon alles gut gehen – so denkt man sich die Zukunft schön. Wie sehr man sich in dieser dunklen Zeit täuschen konnte!

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Demütigend

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Demütigende Spiele

Für Anton beginnt schon am allerersten Schultag der Kampf ums Überleben, denn seine Schultüte ist prall gefüllt mit dem Hass von Lehrern und Mitschülern, die schon so tief im Glauben an ihren Führer Adolf Hitler gefangen sind, dass es ihnen als Pflicht erscheint, Anton zu quälen und ihm zu zeigen, dass er nicht dazugehört! Er ist es nicht wert – er ist unwertes Leben!

So wird Anton zum Spielball all jener, die nicht den Mumm haben sich zu wehren und auch zur Zielscheibe derer, die den Vorgaben der Diktatur blind folgen. Anton wird von Lehrern geprügelt, auf dem Schulhof von Mitschülern misshandelt und erlebt, was in den Familien seiner Schulkameraden vor sich geht. Dort sitzt man abends in gemütlicher Runde beisammen und spielt ein Brettspiel, das aus heutiger Sicht mehr als unglaublich ist. „Juden raus“ heißt es und kommt es nur darauf auf, die kleinen jüdischen Spielfiguren aus der Stadt zu vertreiben.

Über allem steht die ganz klar ausgesprochene Drohung, dass wenn man mit den Juden fertig sei, auch die Behinderten an die Reihe kommen. Der Zweite Weltkrieg fordert auch in Münster seinen Tribut. Essen wird rationiert und für Anton bleibt statt der geliebten Buchstabensuppe oft nur ein Teller mit warmer Wasserbrühe. Immer wieder muss er an den Begriff vom „unnützen Esser“ denken und begreift, dass er in Gefahr ist. Endlich beschließen seine Eltern zu handeln… Spät, aber sie lehnen sich auf.

1943 starten sie die Geheimsache Anton….

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Hunger

Anton – Copyright der beiden Bilder im Rahmen – Frau Bianca Raum

Nach „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ ist dies bereits das zweite Jugendbuch „Gegen das Vergessen“ aus der Feder von Elisabeth Zöller, das uns mehr als betroffen macht. Biancas Artikel zu diesem Buch spricht eine sehr deutliche Sprache!  „Wutlesen“ – anders kann man es nicht nennen, wenn man in die wahre Geschichte von Anton eintaucht und sich vor Augen hält, was im nationalsozialistischen Deutschland möglich und selbstverständlich war.

Der blinde Glaube an eine wahnsinnige Ideologie und die Angst, selbst ins Visier genommen zu werden, sorgten dafür, dass gegenüber dem „unwerten Leben“ jegliches Mitgefühl ausgeschaltet wurde und niemand mehr gewillt war, sich in die Gefühle der Betroffenen hinein zu versetzen. Mitgefühl, Mitleid oder Hilfsbereitschaft wurden systematisch ausgeschaltet und jeder war sich selbst der Nächste. Und für viele muss es einfach toll gewesen sein, sich an den „Sündenböcken“ der Gemeinschaft austoben zu dürfen!

Empathie wurde zum großen Fremdwort dieser Zeit!

Elisabeth Zöllers Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, um einer Wiederholung solcher menschenverachtender Ereignisse vorzubeugen. Sie öffnet ihren Lesern die Augen und appelliert mit jedem Wort, jedem Satz und jedem Kapitel, nicht blind zu sein und sich aufzulehnen, wenn es darum geht für andere Menschen einzustehen. Was damals im Großen geschah, kann sich heute im Kleinen vollziehen. In der Klassengemeinschaft, in Gruppen und im Freundeskreis. Lasst dies nicht zu, denn dort wo das kleine Unrecht blüht, kann das große Unrecht Wurzeln schlagen. Haltet die Augen auf… lest… und handelt, dort wo ihr es könnt.

Die bewusste Blindheit von einst führte zum wohl unglaublichsten Massenmord der Weltgeschichte.

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Lessons learned

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens – Lessons learned

Das Lesen von „Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens(Fischer Schatzinsel) war schwer, es war erhellend, es hat wütend gemacht, Hoffnung vermittelt und die Augen geöffnet. Es ist ein wichtiges Buch für mich. Wenn man lesend seine Tochter im Rollstuhl durch die Weltgeschichte schiebt und realisiert, wie Freunde, Schule und Vereine im Umfeld heute reagieren, dann ist es nicht zuletzt Autoren wie Elisabeth Zöller zu verdanken, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir haben heute viel gelernt und vieles ist nicht mehr vorstellbar.

Der Begriff „unwertes Leben“ gehört nicht mehr zu unserem Sprachgebrauch – er darf auch nie wieder einen Platz in unseren Köpfen und Herzen einnehmen.

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