Am Anfang war das Ende – Stefan Casta verwirrt uns…

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Apokalyptisch

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Apokalyptisch

Die Apokalypse – Der Weltuntergang. Immer wieder ist dieses Szenario ein beliebtes Romanthema, das den geneigten Leser tief in seinen Bann zieht. Was tun, wenn sich von jetzt auf gleich alles ändert? Wie handeln, wenn man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird und hat man ausreichend vorgesorgt für den Fall der Fälle? Ein reizvolles Sujet, dem sich Schriftsteller aus aller Welt mal mehr, mal weniger meisterhaft widmen.

Am Anfang war das Ende von Stefan Casta aus dem Hause Sauerländer zeigt schon im Titel, worauf wir uns in diesem Jugendroman einzustellen haben. Alles beginnt da, wo unsere Vorstellung endet – genau an der Schnittstelle zum normalen Leben – dort wo wir unseren Halt verlieren und ins Bodenlose zu stürzen drohen.

Eine idyllische Welt erwartet uns augenscheinlich nicht, denn schon die Einleitung des Romans ist ein rätselhafter Wegweiser zur Geschichte von vier Jugendlichen, die hier rekonstruiert wird. Halbdokumentarisch anhand von Tagebüchern und gefundenen Videofilmen möchte uns der Bewohner des Seniorenheimes Vogelnest die Ereignisse der Vergangenheit näher bringen. Und schon beginnt der so genannte „Hänfling“ seine Erkenntnisse mit uns zu teilen… Er fühlt sich selbst noch in der Geschichte gefangen:

„Und obwohl dies alles vor langer Zeit geschehen ist, kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Oder: als geschähe es jetzt. Es ist, als bewegte sich die Zeit immer im Kreis, immer im Kreis.“

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Zeitrelativität

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Zeitrelativität

Eine intensivere Sogwirkung kann man kaum besser konstruieren, denn der Spannungsbogen ist schon bis zum Anschlag gedehnt, bevor wir die Protagonisten des Romans so richtig kennen lernen. Und noch bevor sie auftreten, wissen wir, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Geschichte zu erzählen. Nur indirekt ist dies möglich. Nur durch jenen Hänfling, der uns Einblick gewährt in Worte und Bilder, über die er verfügt.

Vier ganz besondere Jugendliche, die gemeinsam die Kulturschule Vogelnest besuchen, entführen uns in ein verstörendes Szenario. Als Mitglieder eines Geheimbundes namens „Der grüne Zirkel“ sind ihre Sinne für alles Außergewöhnliche geschärft, aber was nun geschieht übersteigt selbst ihre Vorstellungskraft. Die Tage verändern sich und steigende Temperaturen beginnen dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Gewächshausatmosphäre dominiert das tägliche Leben. Erinnerungen an die normalen Tage vor der Hitzeperiode beginnen zu verschwimmen und die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben wächst ins Überdimensionale.

Judit beschreibt diese seltsamen Tage in ihren Aufzeichnungen als ein Wechselbad der Gefühle. Die von ihr besonders geliebten Wochentage, wie Samstag oder Sonntag, haben ihre Bedeutung verloren. Alles verschwimmt im Einheitsbrei der Hochtemperatur und nur der Schutz vor der Hitze steht im Vordergrund. Ein Leben innerhalb des Hauses oder in der Schule ist die Folge und hat so gar nichts mehr mit einer befreiten Jugend zu tun.

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Sehnsuchtstage

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Sehnsuchtstage

Doch das war nur der zarte Anfang, der gleichzeitig das Ende symbolisiert, denn die Hitze wird nach unsäglich langem Warten endlich vom Regen abgelöst. Endlich… ein gar nicht passendes Wort, denn genau das geschieht nicht. Der Regen endet nicht und weitet sich zu einer Sintflut aus, die alles mit sich reißt. Auch die vier Freunde Judit, David, Dinah und Gabriel, die sich auf der Veranda ihrer Schule befinden, als diese zur Arche Noah für sie mutiert, sich vom Gebäude losreißt und ungesteuert ins Nirgendwo abdriftet.

Und genau so driften diese vier Jugendlichen ihrem persönlichen Weltuntergang entgegen. Völlig unvorbereitet und nur mit scheinbar unnützen Gegenständen gewappnet. Unter anderem mit einer Videokamera, die Zeugnis ablegen kann über das Ende, das dem Anfang folgt. Endlich erreichen sie Land und doch ist es nicht das Land der Rettung, das sie freudig erwartet. Zerstört ist alles, vernichtet alles Leben und schier im Stillstand befindlich. Utopische Bilder begegnen ihnen in den unbewohnten teilweise zerstörten Häusern von einst.

Das Drama beginnt sein Tempo ins Unermessliche zu steigern, als sie bemerken, dass sie nicht alleine sind. Sie sind in Gefahr und wissen doch so wenig… aber sie sind einfallsreich, jung und voller Überlebensmut.. Ob sie dies retten kann?

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Allein ist man nie

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Allein ist man nie

Ein durchaus viel versprechender Apokalypse-Auftakt, der den Leser mit unvermindertem Tempo durch die Handlung treibt. Immer auf der Suche nach den Ursachen und Konsequenzen, folgt man atemlos den ausgelegten Spuren des Autors. Wie lose Enden einer diffusen Idee präsentiert er immer wieder Ansätze, die mit der Verschiebung von Zeitebenen oder der Zeitgleichheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht werden können. Aber jedes Mal, wenn eine Idee zu tragen beginnt, verliert sie sich in widersprüchlichen Geschehnissen im Roman. Irgendwann verlieren sich in traumgleichen Sequenzen selbst die leisesten Spuren und schließlich ist es selbst dem geneigtesten Leser recht egal, warum hier gerade was passiert.

Am Ende steht man mit ratlosem Unverständnis der Schlüsselsituation des Romans gegenüber, die an fehlender Plausibilität kaum zu überbieten ist. Auch in Gesprächen mit anderen Lesern des Romans hat sich der Eindruck verfestigt, dass jeder am Ende dieses Jugendromans die Anzahl der Fragezeichen über dem Leserhirn kaum zählen konnte. Gerade Jugendlich ab 12 (!) dürften neben den reinen Verlustangstgedanken, die vom Roman transportiert werden, hier an den Rand des Vorstellungsvermögens gelangen.

Eine Story voller Potential und wundervoller Gedankengänge – ein Roman mit tief angelegten Charakteren und gespickt mit spannungsgeladenen Bildern verpufft in der schieren Unverständlichkeit... Es findet sich im Buch kein Hinweis auf eine Fortsetzung, die es aber nach kurzer Recherche im Internet doch (zumindest in Schweden) geben soll…

Ich habe Bianca zum ersten Mal gebeten, ein Buch nicht zu lesen. Und ich bereue diesen Ratschlag nicht.

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse – ein Klick genügt

Zum Thema Weltuntergang und Jugend bietet sich der Roman „Ein Jahr voller Wunder“ von Karen Thompson Walker zum direkten Vergleich an… Diese Bücher haben vieles gemeinsam und unterscheiden sich doch wesentlich… Ich habe eines von beiden verstanden 😉

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