Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry bewegend und wortgewaltig

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

In meinem Leserherzen bin ich schon immer ein Ire gewesen. Ich fühle mich zu Hause auf der ewig grünen Insel und bin fasziniert von der abwechslungsreichen Geschichte des gespaltenen Landes. Melancholisch ist mir zumute, wenn ich irischen Autorenfedern folge. In ihrer Sprache schwingt eine Sehnsucht mit, die ihnen von Generationen irischer Vorfahren in die Wiege gelegt wurde. Mit William Butler Yeats lasse ich mich gerne auf sentimentale Gedichtabende ein, mit Roddy Doyle begegnete ich vier wichtigen Frauen, John Boyne verlieh meinem Lesen grenzenlose Flügel und nun lädt mich Sebastian Barry ein, ihm zu folgen.

Ein langer, langer Weg aus dem Steidl Verlag ist eine ganz besondere Lese-Herausforderung für mich, erwarte ich doch bestimmt nach Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich einen Roman über den Ersten Weltkrieg, der heute in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Doch schon die Erzählperspektive und der Protagonist des mehr als episch anmutenden Schlachtengemäldes reizten meinen Lesedurst. Erstmals folge ich also – das grüne Kleeblatt im Herzen – einem jungen Iren auf die Schlachtfelder ins belgische Flandern der Jahre 1914 bis 1918.

Willie Dunne zieht in den Krieg – und er hat einen guten Grund, dies zu tun. Er wächst nicht mehr. Nun ist Willie Dunne kein Zwerg mit seinen 1,68 Metern, aber er wird wohl nie das erforderliche Gardemaß erreichen, das man benötigt, um Angehöriger der Polizei von Dublin zu werden. Er würde nie so werden, wie sein Vater. Doch nun bietet sich die große Chance auf Uniform und Ruhm… Willie Dunne zieht in den Krieg… frisch verliebt in seine Gretta und voller Illusionen im Gepäck.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Und nicht nur das. Er trägt die ganze Last der Geschichte Irlands im Tornister, denn für einen Iren ist dieser Krieg ein mehrschneidiges Schwert voller verborgener Feinde und Risiken. Für einen Iren ist eigentlich jeder Krieg ein Gefecht gegen seine eigenen Sehnsüchte. Denn Irland schickt seine Soldaten nicht als Söhne eines geeinten Landes auf die blutigen Schlachtfelder. Unter den königlich britischen Uniformen verbergen sich Soldaten, die zum Instrument innenpolitischer Bestrebungen gemacht werden.

Denn in den Reihen der britischen Streitkräfte sind irische Unionisten und Nationalisten zu finden. Die Einen voller Stolz und königstreu, ergeben mit dem Versprechen von ein wenig Selbstverwaltung im Gepäck und die Anderen, nach völliger Unabhängigkeit strebend und die historische Chance nutzend. Ihr Motto „Englands Probleme sind Irlands Chancen“. Beide Seiten Teil einer großen britischen Armee – beide Seiten in der Hoffnung, ihre Ziele mögen durch Loyalität im Krieg im anschließenden Frieden erfüllt werden. So trügerisch….

Willie Dunne ahnt nichts von alledem. Er wirft sich jugendlich naiv in die Schlacht und erlebt die Schrecken des Ersten Weltkrieges in voller Wucht. Menschenleben haben keinen Wert. Die Vernichtung vollzieht sich industriell und das Überleben wird zum reinen Glücksspiel. Als Willie Dunne zum ersten Mal den geheimnisvollen gelben Nebel auf sich zuströmen sieht, ahnt er zwar, dass die deutschen Gegner teuflisches im Sinn haben. Die unmenschliche Dimension des Gaskrieges verändert sein Denken jedoch für immer.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Da wo andere erblinden und ersticken, scheint sich sein Gesichtsfeld zu erweitern und aus Willie Dunne wird ein Mann der schlagartig erwacht. Dass dem gelben Gas des Feindes ein noch viel tödlicheres folgt, erkennt er zum ersten Mal auf einem kurzen Fronturlaub. Plötzlich sieht er sich in seiner Heimatstadt Dublin den Rebellen des Osteraufstandes gegenüber. Landsleuten. Iren.

Abseits vom Grabenkrieg in Flandern zwingt man ihn in der königlich britischen Uniform Flagge zu zeigen. Nach dem Gaskrieg das zweite Erwachen des Willie Dunne. Ein nachhaltiges erneut und völlig verändert kehrt er an die Front in Belgien zurück. Die Begriffe Freund und Feind verlieren ihre Kontur. Das ewige Warten auf die Briefe seiner Geliebten bringt ihn fast um, und sein Verständnis für die Aufständischen führt zu einem tiefen Zerwürfnis mit seinem Vater und entwurzelt ihn vollends. Ein entwurzelter Mensch hat keinen Halt – ein entwurzelter Soldat wird Treibgut.

Und wenn dazu noch der endlose Regen des Kriegsjahres 1917 die Schlachtfelder Belgiens ins Wasserflächen verwandelt, in denen Straßen und Wege nur noch zur Erinnerung werden, dann sind das Abgleiten, das Versinken und das Untergehen vorprogrammiert. Willie Dunne zog in den Krieg. Doch was er fand, war nicht das wonach er suchte. Kein Ruhm, keine Ehre und keine Menschlichkeit. Er fand viel mehr Feinde, als ein einzelner Mensch verkraften kann.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Sebastian Barry eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes. Als würde ein Krieg allein nicht reichen, wirft er den jungen Willie Dunne in ein Gefecht, das vielschichtiger und hinterhältiger nicht sein kann. Sebastian Barry hier „nur“ einen Schriftsteller zu nennen, würde in diesem inneren Zusammenhang seinem Roman nicht gerecht. Er malt seine Worte, er meißelt seine Sätze, er formt seine Kapitel zu sprachgewaltigen Wortkunstwerken, die der Dimension des Schreckens eine Ebene verleihen, die ihresgleichen sucht.

Wer Leid und Sehnsucht in der eigenen irischen Melodie voller Melancholie hören, fühlen und schmecken möchte, der kann an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer mit Willie Dunne jemanden kennenlernen möchte, mit dem man leiden, weinen, hoffen und verzweifeln möchte, der darf an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer eine neue Dimension des Schreibens „Gegen den Krieg“ nicht versäumen möchte, der muss sich auf den Weg machen.

„Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry ist ein wichtiger und bewegender Weg, den man gehen sollte. Die Sprachgewalt des irischen Autors macht sprachlos und doch erkennt man am Schicksal eines jungen Soldaten aus Dublin warum Irland auch heute noch alles andere als ein geeintes Land ist. Das grüne Kleeblatt ist gespalten – voller dunkler Lasten aus der Vergangenheit. Möge es Sebastian Barry gelingen, Verständnis zu wecken und Gefühl zum Bindeglied eines großen Traumes werden zu lassen.

Irland…. Ewig grün…

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