Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon überlebt die Nazi-Diktatur in Berlin

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Eine Überlebensgeschichte

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Eine Überlebensgeschichte

Wenn es mir gestattet ist, möchte ich dieser Buchpräsentation eine völlig neue Einleitung voranstellen. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich Zitate der verfolgten Halbjüdin Marie Jalowicz Simon im Berlin der Nazi-Diktatur direkt mit meiner persönlichen Erkenntnis des Tages verknüpfen. Ich habe lesend viele Notizen verfasst und meine eigenen Gedanken sind eine starke Verbindung zu dieser wahren Lebensgeschichte eingegangen. Ich möchte diese Verknüpfung nicht mehr trennen… wenn es mir gestattet ist

Untergetaucht von Marie Jalowicz Simon (Fischer Verlag) ist ein in vielfacher Hinsicht mehr als außergewöhnliches Buch voller Stärke, Ironie und verzweifelter Hoffnung. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich den Faden dieser Lebensgeschichte genau dort aufnehmen, wo er mir in die Hände gelegt wurde. Und ich möchte damit eine Verbindung zu der Frau herstellen, die ihn unter Lebensgefahr für uns alle geknüpft hat.

Wenn es mir gestattet ist, dann würde ich sehr gerne unmittelbare Lehren ziehen, damit ich noch besser fühlen und verstehen kann. Damit ich gezielter verhindern kann. Damit ich besser erinnern kann. Ich tauche mit unter… anders geht es nicht… Folgt ihr mir?

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - In Gefahr

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – In Gefahr

„Und dann lernte ich etwas für mein späteres Leben: In einer abnormen Situation darf man sich nicht normal benehmen. Man muss sich anpassen.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn man dich schon als „Unverschämtes Judengesindel“ beschimpft, während du dich „freiwillig“ zur Zwangsarbeit anmelden musst, verhalte dich nicht auch noch freundlich und zuvorkommend. Sei anders! Zeige Stärke.

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„Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? In ihrer scheuen und einfältigen Art hatte sie eine so rührende Anmut, dass sie später für viele Jahre zu meiner persönlichen Toten wurde.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn du dir unter der unvorstellbaren Zahl verfolgter und ermordeter Juden nichts vorstellen kannst, dann klammere dich an ein einziges Gesicht. Niemand kann sich unter abstrakten Zahlen individuelle Schicksale vorstellen und nur „persönliche Tote“ helfen dir, am Leben zu bleiben.

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„Dann ging die Tür auf, sie war draußen, und ich dachte: Unvergesslich! Da haben zweihundert Frauen in unermesslicher Sehnsucht nur ein Wort gedacht: FREIHEIT. Es war ein Chor, der absolut geräuschlos lauter dröhnte als die lärmendste Nazi-Propaganda.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn es gilt Solidarität zu zeigen, muss dies nicht laut geschehen. Gemeinsam stark sein bedeutet nicht zu schreien. Wenn eine von euch aus dem Kreislauf der Vernichtung fliehen kann und ausreisen darf, dann zeigt ein vielstimmiges Schweigen. Missgönne nicht – wachse an der Sehnsucht und überlebe.

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„Für mich war dieses Spiel sehr wichtig, denn ich lernte selbstbewusst aufzutreten, auch denen gegenüber, vor denen wir eigentlich in ständiger Angst lebten. Und das sollte mir auf meinem ganzen Weg durch die Nazi-Zeit noch helfen.“

Berlin 1942. Erkenntnis des Tages: Verstecke dich auf keinen Fall hinter deinem Judenstern. Konfrontiere die Machthaber mit ihren Gesetzen und stell dich hilflos. Frage einen Polizisten nach dem Weg durch Berlin und schüttle dann nur noch beharrlich den Kopf und weise darauf hin, dass du die empfohlenen Straßen nicht betreten darfst und dir öffentliche Verkehrsmittel verboten sind. Wenn der Polizist dann entnervt sagt: „ Macht doch diesen Scheißstern ab, steigt in die U-Bahn und fertig ist die Laube“, dann hast du gewonnen. Es ist mehr als ein Sieg. Du hast Zweifel gesät…

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„Und so wurde ich aus der Kartei des Arbeitsamtes gelöscht, weil ich die Frechheit hatte, den Behörden mitzuteilen, dass ich bereits deportiert sei.“

Berlin 1941. Erkenntnis des Tages: Jedes System lässt sich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf der althergebrachten deutschen Bürokratie. Kannst du diese auch nur einmal überlisten, wirst du für immer verschwunden sein. Frei….UNTERGETAUCHT – mitten in Berlin… auch wenn damit deine Probleme erst richtig beginnen.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Dunkle Jahre

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Dunkle Jahre

Wisst ihr nun, was ich damit meinte, einen Faden dort aufzunehmen, wo das Schicksal eines Menschen ihn im kollektiven Wissen um die Geschichte vieler Menschen versteckt hat? Wisst ihr nun, warum ich direkt folgern möchte? Die aufgeführten Zitate  aus ihrem Buch charakterisieren Marie Jalowicz Simon in besonderer Weise. Sie charakterisieren ihren Überlebenswillen, ihren Mut und ihren weiteren Lebensweg.

Das Untertauchen am 22. Juni 1942 war der bewusste Schritt in die Illegalität. Mit gerade einmal 20 Jahren entzieht sich Marie der Verhaftung durch die GESTAPO, der die unmittelbare Deportation gefolgt wäre. Illegal… welch abstruses Wort für die Halbjüdin Marie angesichts einer Diktatur, in der millionenfacher Völkermord legalisiert wurde – einer brutalen Diktatur, die den Holocaust offen propagierte und  vollzog.

„Untergetaucht“ erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte, der ich hier nicht vorgreifen möchte. Maries Weg ist auf eine besondere Art und Weise einzigartig, da am 22. Juni 1942 eine Odyssee durch ihre Heimatstadt begann. Versteckt, verborgen, obdachlos, auf Unterstützung angewiesen, ständig in Lebensgefahr, mitten im Krieg, rationierte Nahrungsmittel nur für registrierte Nicht-Illegale – so sehen sie aus die Rahmenbedingungen einer Flucht durch eine Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Lebensmut

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Lebensmut

Dass Marie Jalowicz Simon nicht zu „meiner persönlichen Toten“ des Holocaust wurde, ist nicht nur ihr eigener Verdienst. Opferbereitschaft und Mut, intellektuelles Abstraktionsvermögen in hoffnungslosen Situationen und die Fähigkeit zur zielgerichteten Selbstaufgabe haben Marie ihr persönliches Überleben geschenkt. Sie erlebte ihr Berlin schließlich als „Umschlagplatz“, jenen Ort, an dem Hoffung in Zuversicht umschlägt! Der Preis, den sie zahlte, war hoch. Der Preis einiger Menschen, die ihr mutig zur Seite standen war höher.

Taucht mit Marie unter und nehmt ihren Faden auf. Er kann Leben retten und Augen öffnen. Folgt Literatwo erneut nach Berlin. Vielleicht begegnet ihr auf den Straßen jener „illegalen“ jungen Frau oder vielleicht einem kleindeutschen Ehepaar, das in lautem Protest für den sinnlos gefallenen Sohn Postkarten des Widerstandes verteilt. Vielleicht sind sie sich persönlich begegnet… damals in ihrer Stadt… die Eine „Untergetaucht“, die Anderen mit dem Ausspruch „Jeder stirbt für sich allein“ auf den zum Tode verurteilten Lippen. Sie lebten im gleichen Viertel einer dunklen Stadt…

Was am Ende bleibt von diesem Buch? Die magische und zeitlose Erkenntnis einer jungen Frau, die am Tag ihres Auftauchens im Angesicht sowjetischer Truppen voller Stolz für sich behaupten konnte: „Ich hatte mich nicht zu ergeben!“ Allein dieser Satz sollte Mut machen und Ansporn sein, das eigene Leben voller Standhaftigkeit und gegen alle Widerstände der Zeit leben zu wollen. Dieser Wille hat Marie Jalowicz Simon gerettet.

Wieder Berlin mit Falladas "Jeder stirbt für sich allein"

Wieder Berlin mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

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