Vor dem Fest – Saša Stanišić

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Ein perfektes Lesefest

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Ein perfektes Lesefest

Nachdenklich stehe ich vor dem Ortsschild eines kleinen Dorfes im Herzen der Uckermark. „Fürstenfelde“ – liest sich gut, fühlt sich auch gut an, doch schon beim ersten vorsichtigen Schritt in Begleitung des Schriftstellers Saša Stanišić bemerke ich, wie mich die Stimmung der kleinen Gemeinde Zug um Zug mehr gefangen nimmt. Vor dem Fest (Luchterhand Literaturverlag), so heißt sein Roman über jenes fiktive Dorf und schon mit dem Titel trennt er die Geschehnisse in ein Davor, Danach und Jetzt fein säuberlich auf.

Fürstenfelde (Einwohnerzahl – ungerade):

  • gefangen im „Früher“
  • eingegrenzt durch ein klares „Unter UNS“
  • charakterisiert durch Traditionen, die nicht mehr der Zeit entsprechen
  • niemals befreit von den uralten Geschichten und Legenden
  • verfangen im „Jetzt“
  • ungläubig gegenüber dem „Morgen“

Begeben wir uns gemeinsam mit ihm nach Fürstenfelde – ins Jetzt und saugen ein klein wenig von der eigentümlichen Atmosphäre der ländlichen Abgeschiedenheit in uns auf. Lassen wir uns auf den Ort und die Menschen ein, um verstehen zu können… und später mitfeiern zu dürfen… beim Fest. Vielleicht sind wir als Leser dazu eingeladen… Vielleicht.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Zeit der Legenden

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Zeit der Legenden

Die tiefe Melancholie des Kleinbürgertums ist ständig greifbar. „Ewig Gestrige“, die niemals richtig in der Gegenwart angekommen sind, Perspektivlose, so könnte man die Bewohner von Fürstenfelde vielleicht treffend beschreiben. Wozu auch ankommen? Die Zukunft stirbt seit der Wende beharrlich aus – das Morgen hat keinen Zuwachs.

Demoskopisch klaustrophobisch wird das gesamte Leben durch das „Wir werden immer weniger“ bestimmt. Der Kreis der Dorfgemeinschaft wird kleiner, überschaubarer und die wenigen zugezogenen „Neuen“ gehören nicht dazu… Zu hermetisch hat sich die Glocke über dem Dorf geschlossen.

Die Menschen, denen wir hier begegnen sind einzigartige Charaktere, gezeichnet von der Geschichte des Ortes und gleichzeitig sind sie selbst auch diejenigen, die das Bild selbst unverfälscht gestalten.

Die Kunstmalerin, Frau Kranz, die in den 70 Jahren ihres Schaffens eine Chronik des Dorfes in Öl entstehen ließ. Der tiefe Einblick, den sie gewährt liegt in der Magie ihrer Philosophie begründet. „Sie sieht ihr Dorf nicht, sie weiß es“, so schreibt man über sie. Sie erschafft Gemälde, weil Bilder nichts vergessen und nun, kurz vor dem großen Fest möchte sie, so nachtblind sie auch ist, ein weiteres „Gemälde des Zeitergehens“ erschaffen. Mit Staffelei und Pinsel bewaffnet watet sie nachts in den See, um etwas zu vollenden, das sie als unvollendet betrachtet.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Der Fährmann ist tot

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Der Fährmann ist tot

Herr Schramm, der ehemalige Oberstleutnant der NVA, der Ex-Offizier der vor der Wende nur über die Haltung zu definieren war und heute an einem „Haltungsschaden“ leidet. Hin- und hergerissen zwischen erfolgloser Partnervermittlung, Selbstmord sofort oder auf Raten, interessiert er sich im Schwerpunkt nur noch für die Form seines finalen Abgangs. Mit dem Auto gegen einen Baum oder doch lieber den verzweifelten Versuch unternehmen, Zigaretten aufzutreiben? Seine Bemühungen kurz vor dem Fest sind ebenso skurril, wie erfolgreich. Seine Brautwerbung ist einzigartig: „Es ist schön hier bei uns, aber nicht so schön, wie woanders!“

Johann, der junge Glöckner-Lehrling, der versucht die drei Glocken des Dorfes in Harmonie zu versetzen. Glocken, die so viel mit der langen Geschichte von Fürstenfelde gemeinsam haben. Jene alte Glocke, die seit Urzeiten läutet und die beiden neuen, die nicht so recht mit ihr in Einklang zu bringen sind. Die Glocken versinnbildlichen den Zustand des Dorfes so sehr. War der Glockenturm früher in der unbeleuchteten Nacht „ein Leuchtturm aus Klang“, so wird sein Geläut heute nur noch sehr unregelmäßig wahrgenommen. Johann kämpft dagegen an und staunt nicht schlecht, als die Glocken am Morgen vor dem Fest nicht mehr dort sind, wo sie sein sollten.

Viele dieser Menschen sind Archetypen ihres Schlages und doch sind sie so typisch, wie wir sie als Besucher von Fürstenfelde gerne erleben wollen. Es sind nicht die einzigen Exemplare dieser einzigartigen Art. Wir lernen einige von ihnen kennen und werden wohl niemanden mehr vergessen. Den Briefträger, der zu DDR-Zeiten die Post noch lesen konnte bevor er sie verteilte; den Besitzer einer Garage, die heute zum informellen Treff und einzigen Lokal des Ortes mutiert ist; die Läuferin, die kurz vor dem Fest zum Abschied noch einmal ihr Dorf umlaufen möchte, was ihr fast gelingt… und den Fährmann, dessen Tod jeder offen betrauert, weil er der Gemeinschaft Halt und Richtung gab. Der Steuermann scheint von Bord zu sein…

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Wortgewaltige Bilder

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Wortgewaltige Bilder

Doch über all diesen Menschen steht die Geschichte dieses Dorfes, die sich in Zeitscheiben in Richtung des großen Festes bewegt. Die Zeitlosigkeit erhält eine neue Dimension und verwoben mit den alten Legenden und Urahnen der heutigen Bewohner, bekommt manche Handlung einen neuen Sinn. Das Dorf weiß alles. Das Dorf vergisst nicht und wie das kollektive Gedächtnis über alle Generationen hinweg lebt das Dorf sein eigenes Leben.

Stanišić schrieb definitiv keinen Wenderoman… Er schrieb eine zutiefst deutsche Dorfgeschichte, die sich sanft in das Wellental der eigenen Vergangenheit einbettet. Er konfrontiert uns mit schrullig sympathischen Menschen und ihrer Geschichte, die sie selbst nicht mehr kennen. Wir gehören von Seite zu Seite mehr zu ihnen und versuchen Zusammenhänge zu finden, die uns Verständnis vermitteln.

Die geschickte Konstruktion des Romans, Legenden mit heutigen Bildern im Wechsel auftauchen zu lassen, vermittelt dem Besucher von Fürstenfelde das Gefühl, den Bewohnern immer einen Schritt voraus zu sein. Ob wir sie vor dem großen Fest, das einem Schließen des ewigen Kreises gleichzusetzen ist, einholen werden bleibt fraglich. Ob wir sie einholen wollen, liegt an uns.

Sich auf Anderes und Andere einlassen, verstehen wollen, die Sinne öffnen und unter der Oberfläche nach dem großen Ganzen suchen… diese Fähigkeiten setzt Stanišić in uns frei. Wir verknüpfen seine Bilder zu einem großen Wandteppich, der mehr zeigt, als wir anfänglich gedacht hätten. Bilder in einer Sprachkunst, die in einem deutschen Roman nicht häufig auftaucht.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Buchdetails mit einem Klick

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Buchdetails mit einem Klick

Stanišić ist mit seinem Roman „Vor dem Fest“ für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und jedes Wort, jede Zeile und jeder Absatz rechtfertigen diese Nominierung. Vielleicht wird „Vor dem Fest“ auf dem großen Fest der Literatur ja zum Fest für den genialen Wortschöpfer. Wir würden es diesem Buch wünschen.

Kommt auch ihr zum Fest. Ihr werdet es sicher nicht bereuen und habt die einmalige Chance, euch ein wenig selbst finden. Vielleicht seid ihr dann auch Teil des letzten Gemäldes der Malerin, die sich – knietief im Wasser stehend – „auserinnert“ fühlt, als sie den letzten Pinselstrich auf die Leinwand haucht. Vor dem Fest ist nach dem Fest. Auch für die Fähe auf dem Buchcover. Aber das ist eine Geschichte in der Geschichte für ganz besondere Lesefüchse 😉

Ich erzählte von Saša Stanišić – Lena (14) malte seine Menschen „Vor dem Fest“

Seit Leipzig feiere ich dieses Fest, denn „Vor dem Fest“ ist tatsächlich mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichnet worden. Ich gratuliere von ganzem Herzen 😉

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