Daniel Friedman – Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

„Im Nachhinein wäre es besser gewesen, meine Frau hätte mich zu Hause <Meet The Press> sehen lassen, anstatt darauf zu bestehen, dass ich mich durch die ganze Stadt schleppte, nur um Jim Wallace beim Sterben zuzusehen.“

„Davy Crockett hatte die Schlacht von Alamo. Wyatt Earp hatte die Schießerei am O.K. Corral. John F. Kennedy hatte das Zweite-Weltkriegs-Torpedoboot PT 109. John McCain hatte die grausame Kriegsgefangenschaft im Hanoi Hilton. Ich hatte den SHOWDOWN in der geriatrischen Intensivstation. Und YOUTUBE.“

Buck Schatz

der alte dem kugeln nichts anhaben konnten friedmann spacer

Zwischen diesen beiden Zitaten aus Daniel Friedmans Debüt-Krimi „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten (Aufbau Verlag) liegt ein ganzes Buch. Zwischen diesen Zitaten liegt vielleicht sogar ein ganzes Leben voller nicht bewältigter Erinnerungen, aber was definitiv zwischen diesen Zitaten liegt ist die Begegnung mit dem wohl erstaunlichsten Ermittler, dem wir in den letzten Jahren begegnen durften: BUCK SCHATZ.

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

Kettenraucher (Lucky Strikes stangenweise), ehemaliger Detective im Morddezernat und Legende in der Stadt, die er vom organisierten Verbrechen befreit hat. Etwas nörglerisch, ein wenig zynisch und ein wahrer Held im Polizeidienst von Memphis. Nur… ähm… das ist nun vierzig Jahre her und Buck Schatz ist inzwischen 87 Jahre alt und die einzige Angst, die ihn umtreibt lautet:

„Wie viel Zeit bleibt mir noch, bis ich einer dieser Zombies werde, die unten ohne durchs Pflegeheim tapern?“

Galt er früher als das lebende Vorbild für Clint Eastwood als „Dirty Harry“, so wird er in seinen Verfolgungsjagden heute nur noch von der Angst vor Alzheimer und Parkinson gejagt. Buck Schatz hat sich zur Ruhe gesetzt… endgültig (aber nicht gänzlich unbewaffnet – das war er nie) und genießt den Lebensabend an der Seite seiner Frau. Ob seine Frau das auch so sieht könnte man angesichts seiner liebevollen Umgangsformen schon ein wenig bezweifeln:

„Missmutig war ich eher zum Spaß, nicht notgedrungen.“

„Wenn du wüsstest, Darling, was ich alles missachte. Missachtung hat bei mir nämlich Tradition.“

„Ich mag meine Mitmenschen. Ich kann sie nur nicht ausstehen.“

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

Allerbeste Voraussetzungen also, um zum einleitenden Zitat dieses Artikels zurückzukehren. Fragt sich nur, für wen es besser gewesen wäre, Jim Wallace nicht beim Sterben zuzusehen. Denn am Sterbebett („unverständlich dass man hier nicht rauchen darf, wo es doch sowieso bald…“) seines Kameraden aus dem Zweiten Weltkrieg wird Buck Schatz mit einer Wahrheit konfrontiert, die sein Rentnerdasein über den Haufen wirft.

Kriegsgefangenschaft in einem Deutschen Todeslager. Misshandlung. Folter. Qualen. Grauen und Entsetzen als die Bewacher realisierten dass der Vorname Buck von Baruch abgeleitet ist. Er ist Jude. Buck überlebt die Misshandlungen durch den SS-Offizier Heinrich Ziegler nur durch Zufall. Unvergessen und auf ewig eingebrannt in seinem „MERKBUCH“ unter der Überschrift WAS ICH NICHT VERGESSEN WILL.

Und nun eröffnet ihm sein sterbender Kamerad von einst, dass Ziegler lebt. Heute noch – fast 60 Jahre danach und nicht nur das… er muss steinreich sein, da er mit einer ganzen Wagenladung NAZI-Gold geflüchtet ist. In Buck beginnt ein innerer Kampf, den er seit Jahren der erfolglosen Suche nach seinem Peiniger eigentlich für ausgefochten hielt. Eigentlich wollte er seinem Mantra folgen:

„Nichts werde ich unternehmen. Wenn man die Chance hat, nichts zu tun, sollte man sie ergreifen.“

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

Aber auf der anderen Seite waren da eine offene Lebensrechnung, nicht verwundene Erniedrigungen, ein Jura studierender Enkel namens Tequila der seinen Großvater wachrüttelt und ein weiteres Mantra, das dem ersten ein klein wenig widersprach:

„Nichtstun kann langweilig werden, wenn du es zu lange machst.“

Buck reitet wieder… So könnte man es nennen. Die schlecht sehende und noch schlechter hörende Kavallerie zieht wieder in den Krieg – nicht im Galopp… dafür ist das Schlachtpferd zu betagt. Buck Schatz erhebt sich unter Aufbietung aller Kräfte und beginnt seine Suche nach Heinrich Ziegler. Und wie es nicht anders zu erwarten ist, sticht er damit in ein Wespennest aus Goldgier und Habsucht.

Jetzt bekommt er seine Schlacht von Alamo… (siehe Zitat Nummer 2 zu Beginn des Artikels) Er nähert sich dem Showdown seines Lebens. Und dabei verlässt er sich auf seinen detektivischen Spürsinn und seine Intuition. Einen Cop, der in Zeiten ohne DNA-Untersuchung und Computer dem Verbrechen den Garaus machte, sollte man heute nicht unterschätzen. Die Verfolgungsjagd, zu der er nun (begleitet von seinem Enkel) ansetzt, führt ihn auf vielen Umwegen zum explosiven Showdown.

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

Der Handlung soll nicht vorgegriffen werden, aber Bucks Worte sind auf ewig mit seinen Taten verbunden:

„Um liquide zu werden liquidiert man am besten eine Menge Menschen.“

„Künstliche Wiederbelebung funktioniert nur, wenn sich die Lungen noch im Brustkorb befinden.“

„Er hatte Jesus bei sich, als der Tod zu ihm kam. Ich hatte Smith & Wesson!“

„Das Beste am Sterben, meine Süße, ist, dass man nur noch zu einem einzigen Begräbnis auftauchen muss.“

Wenn ihr den Showdown in der geriatrischen Intensivstation selbst erleben möchtet, dann freundet euch mit Buck Schatz an. Er ist “Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ und ihr werdet diese Begegnung nicht vergessen. Nicht nur der alte Mann, auch die Story ist absolut hieb- und stichfest… kugelsicher eben!

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Ein Mann getrieben von seinen Alpträumen, gepeinigt von der nicht bewältigten Vergangenheit und bewaffnet mit der Raffinesse eines explosiven Lebens kokettiert nun mit seinen Ausfallerscheinungen, öffnet Schließfächer nicht mit Sprengstoff sondern mit der Androhung einer Parkinsonattacke und weiß in jeder Lage zu überraschen.

Wie der Showdown endet? Wir wollen ja nicht spoilern… aber auch hier hören wir unserem Buck gerne zu… mehr muss man nicht sagen. Ich glaube, ich habe hier eine Schweinerei angerichtet!“

Daniel Friedman legt mit „Don`t ever Get Old“Der alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ ein überraschendes Debüt in unsere Hände. Sollte man den Eindruck gewinnen, hier ginge es nur um einen etwas schrulligen Klugscheißer, der in hohem Alter noch mal so richtig durchstartet, dann liegt man falsch.

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten - Daniel Friedman

Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten – Daniel Friedman

Friedmans Krimi ist gespickt mit tiefen Hintergründen, die viel über die lebenslange Traumatisierung eines Mannes aussagen. Der Krieg hat Menschen zu dem gemacht, was sie heute sind… das könnte auch für Buck gelten, aber es ist vielmehr der Verlust der Selbstbestimmung, der hier seinen langen Lebensweg brandmarkt. Er arrangiert sich nicht mit dem Älter werden – das Leben selbst hat sich mit Buck Schatz zu arrangieren und unter der rauen Schale entdecken wir von Seite zu Seite einen tiefgründigen Grantler, der ans Leserherz wachsen muss.

Dirty Harry ist tot und Chuck Norris ist langweilig… Buck Schatz ist der Alterspräsident aller Ermittler. Klatscht schön laut, wenn euch das Buch gefallen hat, der Knabe hört nicht mehr so gut! Ein Held übrigens mag er gar nicht sein… das wird schnell klar. Auch hier sollten wir ihm einfach zuhören und dem Dialog mit seinem Enkel aufmerksam folgen. Buck ist Buck:

„Ich hatte geglaubt, ich sei hier der Held“, sagte Tequila.
„Ja, den Fehler machen viele.“

Gönnt euch das fulminante Romanende und die Pointen, die ihr so schnell nicht vergessen werdet. Wir sagen nur Youtube und Chuck Norris. Wer „Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten“ nicht mag, der hat den Schuss nicht gehört!

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PS: In den USA gab es inzwischen ein rauschendes Comeback mit 87… Es bleibt zu hoffen, dass die Lizenzabteilung des Aufbau Verlags schnell zugegriffen hat. Es bleibt spannend…. Zurück zur Zentrale!

Update: Es wurde zugegriffen: Der Alte, der die Rache liebte – Meine Rezension

Ich bleibe am Ball...

Mit einem Klick zur Rache….

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