Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Eigentlich können wir in diesen Tagen nicht von friedlichen Zeiten sprechen. Eigentlich dreht sich dem geneigten Leser angesichts der Ereignisse in der Ukraine der friedliebende Magen um, wenn man sich vor Augen hält, dass bewaffnete Konflikte erneut an die europäische Haustür klopfen. Und dabei hatte man gedacht, gerade dieses Haus hätte eine ausgeprägte Alarmanlage. Besonders vor dem Hintergrund der Ereignisse von einst.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges liegt gerade einmal 75 Jahre hinter uns und die Narben des großen Weltenbrandes sind noch lange nicht verheilt. Wenn ich in meiner kleinen Redaktion in aller Lautstärke Gegen das Vergessen schreibe, dann nicht ohne meinen Blick in die Gegenwart zu werfen und aufmerksam zu beobachten, wie sehr man gegenseitig anerkanntes internationales Völkerrecht auch heute wieder beugen kann, um eigene Großmachtinteressen zu verfolgen… oder (Strickmuster sehr bekannt) von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Diese Bilder im Sinn, werfen wir erneut einen Blick zurück in das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit. Ein bis zwei Generationen liegen zwischen uns und der Besetzung europäischer Länder durch die deutsche Wehrmacht und die SS. Nicht viel, angesichts der Zeitspanne, die Zeitgeschichte umfasst. Gar nicht viel. Peter Hakenjos versetzt uns in seinem aktuellen Roman in die letzten beiden Kriegsjahre und wir folgen seinem Protagonisten Ulf Lahner auf seinem Weg durch die Wirren dieser Zeit.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst, so lautet der Titel des Weltkriegs-Romans von Peter Hakenjos, in dem historische genau recherchierte Fakten an fiktiven Charakteren gespiegelt werden. Doch hat sich der Autor hier keine einfache Romanfigur erdacht, die uns die Schrecken der Zeit erleben lässt.

Ulf Lahner meldet sich im Alter von 17 Jahren, völlig verblendet und von der Überzeugung einer ehrenhaften Mission beseelt, im Januar 1944 freiwillig zur Waffen-SS. Und dabei wusste er, was auf ihn zukam. Die übliche Karriere eines Hitlerjungen lag hinter ihm und wenn schon in den Krieg, dann wenigstens zur Elite, so seine Sicht der Dinge. Verwunderung und Erstaunen ruft diese Entscheidung in seinem Umfeld hervor. Absolute Besorgnis bei der Mutter, die nun alleine in Pforzheim zurückbleiben musste und sogar Erstaunen im Rekrutierungsbüro schlugen ihm entgegen.

Der Zweite Weltkrieg sollte für den SS-Kämpfer Ulf Lahner gerade einmal sieben Monate dauern und wir begegnen ihm zu ersten Mal in dem Moment, als alles in sich zusammenbricht. So, wie er selbst zusammenbricht. Verwundet nach der Invasion der Alliierten in der Normandie. Verwundet, dann im Lazarett und später sogar in Gefangenschaft. Acht Monate – zumeist Drill und Ausbildung und dann ab Juni die ersten Gefechte in Frankreich. Rückblenden zeigen seinen Weg. Doch sie sparen ein Ereignis aus. So wie sein Bewusstsein ein Ereignis ausspart. Nur nachts… statt des Schlafes… da kommen die Bilder.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Wir erfahren wenig über die Ausbildung in der Kaderschmiede der SS, wir erfahren kaum etwas über die fatale ideologische Ausrichtung der „Führergotteskrieger“, wir erfahren eigentlich erstaunlich wenig auf dem direkten Erzählstrang. Peter Hakenjos geht als Schriftsteller subtiler vor. Er lässt uns ahnen, vermuten, schlussfolgern und erfühlen. Wir werden zu Wegbegleitern von Ulf Lahner und beobachten mit seinen Augen die letzten Kriegsminuten vor seiner Verwundung, seine Genesungszeit im Lazarett in seiner Heimatstadt Pforzheim und viel mehr.

Aus seiner Perspektive erleben wir die Bombardierung der Stadt im Februar 1945, die verzweifelte und hoffnungslose Suche nach seiner Mutter und schließlich, kurz bevor er wieder an der Front kämpfen will, die Gefangenschaft durch britische Truppen. Wir erleben endlos scheinende Vernehmungen und auch hier zeigt sich der noch immer verblendete SS-Mann ungebeugt. Er rechnet auf. Er bezeichnet die brutale Bombardierung deutscher Städte als ebensolche Kriegsverbrechen wie jene, an denen die SS beteiligt war. Und genau dadurch versucht er zu rechtfertigen, was nie zu rechtfertigen ist.

Und doch findet er keine Ruhe, denn nachts kommen die Bilder. Verhöre zeigen langsam aber deutlich, dass er verwickelt gewesen sein muss. Er war da… ohne dass es im Klartext zu Wort kommt. Oradour-sur-Glane. Ein Massaker seiner Einheit an französischer Zivilbevölkerung. Peter Hakenjos lässt es uns ahnen, welche Schuld Ulf Lahner auf sich geladen hat.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Dann beginnt die Flucht aus dem Lager der Kriegsgefangenen. Von langer Hand geplant und von immer noch aktiven Strukturen der SS bestens organisiert. Ulf Lahner wird nicht um seiner selbst Willen befreit. Nein – er soll während und nach der Flucht ehemaligen NAZI-Größen als treuer Leibwächter zur Verfügung stehen.

Ich persönlich hätte gerne mehr über die Prägung Ulf Lahners erfahren, mehr über den direkten Weg in die schwarze Uniform mit dem Totenkopf. Es ist mir schwergefallen, seinem Aufrechnen von Schuld zu folgen, weil es nur zum Ziel hat, die eigene Beteiligung an Massakern zu entschuldigen. Die Flucht nach Argentinien wird zum zentralen Element des Romans und auch hier agiert Peter Hakenjos geschickt, indem er die Verstrickungen der SS und die Zukunftsvisionen im Vorbeigehen erfahrbar macht.

Das Paradies der Täter“ (Jürgen Seidel) kennen wir und so lautet das Ziel der fliehenden Elite mit ihren Schutzbefohlenen, die ihnen früher zu befehlen hatten. „Der Siebzehnjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“ oder „Beliebte Wanderwege der SS“… diese Gedanken begleiteten mich bei der Schilderung des Fluchtweges. Er hat für mich zu viel Raum eingenommen im Buch. Auch wenn am Ende der Flucht ein neuer Mensch am Ziel ankommt, so wird seine Wandlung für mich nicht nur durch die Fluchterlebnisse nachvollziehbar.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Am Ende stehe ich einem zeitlosen Täter gegenüber, dessen Schuld ihn so unsympathisch und hassenswert macht, dass sein eigenes dramatisches Erleben dagegen verblasst. Ein spätes Geständnis, das es in sich hat, öffnet ihm zwar den Weg in sein neues Leben, aber es öffnet auch ihm die Augen, wie weit er gegangen ist, bevor er es erkannte. Viel zu weit. Unentschuldbar weit.

Peter Hakenjos hat mit „Nur der Tod vergisst (G. Braun Verlag) einen Roman geschrieben, der sich sehr flüssig liest, aber die Perspektive eines ideologischen Täters nicht völlig ausreizt. Hier hätte mich mehr Tiefe in der psychologischen Betrachtung, statt Fluchtbericht interessiert. Die psychische Traumatisierung des SS-Soldaten erscheint in wenigen, jedoch eindrucksvollen, ständig wiederkehrenden Bildern, während er sich ansonsten erstaunlich gut in der Realität zurechtfindet.

Bemerkenswert an diesem Roman ist, dass es der Autor schafft, den Leser selbst zur moralischen Instanz der Handlung zu machen. Wir lassen das Aufrechnen von Schuld nicht zu, wir folgen dem Weg von Ulf Lahner, aber wir folgen nicht auf Augenhöhe, sondern distanziert. Wir übernehmen gerne die Rolle des britischen Offiziers mit deutsch-jüdischer Vergangenheit, der in Vernehmungen mit Ulf Lahner konfrontiert wird. Der Briefwechsel zwischen beiden bildet den Höhepunkt des Romans.

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

Und doch verstehen wir wieder einen kleinen Schritt mehr, wie man in der Tiefe des Geistes einer ideologische Prägung gefangen sein kann, und dadurch das eigene Denken und Handeln unter einem Pseudo-Deckmantel aus Treue und falsch verstandener Kameradschaft zu schützen versucht. Diese Automatismen beschreibt Hakenjos nachvollziehbar und deutlich. Mögen sie nicht mehr greifen…

Den Zweiten Weltkrieg aus Sicht eines SS-Täters zu beschreiben ist ein mehr als mutiger und gelungener Versuch und weckt die Erinnerung an Jonathan Littells Die Wohlgesinnten„, einen Roman, der nicht nur wütend und sprachlos macht, sondern in der direkten Auseinandersetzung mit dem Thema Gedanken freisetzt, die nicht gedacht werden könnten, wenn man nur die Opfersicht bemüht. Den Autoren dieser Werke muss klar gewesen sein, dass man keine Nähe zu ihren Protagonisten aufbauen kann, aber durch die große Distanz entsteht eine unfassbare Nähe zur Zeitgeschichte.

Hakenjos schlägt in seinem Buch eine Brücke in eine längst vergangene, aber immer noch sehr lebendige Zeit. Keine Wunde ist verheilt. Nicht diejenigen der Opfer von Massakern – nicht diejenigen der Opfer von Bombardements – nicht diejenigen der Verfolgten und Gejagten. Und doch bleibt der historische Fakt: Die Bombardierung deutscher Städte war die Antwort auf die Verbrechen, die Nationalsozialisten in die Welt trugen. Ein wichtiges Buch „Gegen das Vergessen.“

Nur der Tod vergisst - Peter Hakenjos

Nur der Tod vergisst – Peter Hakenjos

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