Dank meiner Mutter – Im Ghetto Wilna mit Schoschana Rabinovici (10 J.)

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici

Ich würde mir gerne erlauben, euch eine Geschichte vorzustellen. Nicht weil sie einfach so dramatisch ist, oder unfassbar gut erzählt. Nicht weil sie zu Tränen rührt oder Wutausbrüche während des Lesens verursacht. Nicht weil sie mithungern, mitfiebern, mitleiden, mitweinen oder mitleiden lässt. Nicht weil sie unendlich brutal oder psychisch extrem herausfordernd ist. Nicht weil sie herzergreifend ist oder schlafloses Lesen bereitet. Das wären sicherlich gute Gründe, die auch alle auf diese Geschichte zutreffen – aber ich möchte sie euch aus einem anderen Grund vorstellen: Weil sie WAHR ist.

So wahr, dass man – auch wenn man schon seit Jahren “Gegen das Vergessen” schreibt und alles Grauen des Holocaust denkt erfühlt, erfahren und erlesen zu haben – während des Lesens nicht mehr genau weiß, wie tief Mitgefühl und Mitleid reichen können. So weit, dass man nicht mehr sagen kann, wie tief man in die Abgründe des kindlichen Schmerzes eintauchen kann, um nur ansatzweise zu verstehen, was dieses kleine litauische Mädchen im seiner Kindheit erlebt hat. Eine Kindheit, die im Alter zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr der Hölle auf Erden glich… wenn das nicht eine Verharmlosung ist, da die Hölle nur in unserer Vorstellung besteht.

Nehmt Platz und schaut, dass ihr jemanden habt, an dem ihr euch festhalten könnt, wenn ihr dieses kleine Mädchen kennen lernt. Atmet noch einmal tief ein und aus, bevor ich euch ihre Mutter vorstelle. Eine Frau, der jenes Mädchen mit dem Buch Dank meiner Mutter ein zeitlos bleibendes Denkmal gesetzt hat. Ich möchte euch Schoschana Rabinovici vorstellen. Sie ist Physiotherapeutin und lebt in Wien. Und sie ist litauische Jüdin. Ohne ihre Mutter Raja würde dieses Buch nicht in unseren Händen liegen, da Schoschana hundert Tode gestorben wäre ohne sie.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Kein Leben für Kinder

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Kein Leben für Kinder

In einer Zeit als das junge Mädchen noch Susie Weksler hieß. In einer Zeit, in der ihre ganze Familie im litauischen Wilna lebte. In einer Zeit, in der sie sich behütet und beschützt fühlte. 1941. Susie wird gerade einmal zehn Jahre alt. Wilna – 1941. Die Wehrmacht marschiert ein. Litauen – Wilna – 1941. Ein Leidensweg beginnt. Nicht nur für Susie und ihre Mutter Raja. Abertausende litauische Juden geraten in die Mühlen dessen, was man heute als Holocaust oder Shoa bezeichnet.

Die völlige Auslöschung – das völlige Verbrennen millionenfachen Lebens – den systematischen Mord an einem ganzen Volk.

Mit dem unerwarteten Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Vertreibung russischer Truppen aus ganz Litauen vollzieht sich der Beginn des Todesdramas litauischer Bürger, die sich nur in ihrem Glauben von ihren Landsleuten unterscheiden, und auch in der Zivilbevölkerung bricht der nackte Antisemitismus aus. Die Wehrmacht muss anfangs nicht selbst Hand anlegen. Nur wegschauen und zustimmen. Das reicht aus, um die Erschießung von mehreren tausend jüdischen Männern in der Nähe von Wilna in die Tat umzusetzen.

Eines der ersten Opfer ist Susies Vater und von diesem Moment an lebt die Familie in ständiger Alarmbereitschaft. Doch es gibt keine Möglichkeit zur Flucht. Die deutschen Truppen haben neben dem Sieg gegen Russland einen weiteren ideologisch geprägten Hauptauftrag. Die Vernichtung allen jüdischen Lebens in den besetzten Gebieten. Und sie gehen dabei systematisch vor. So systematisch, dass man den Glauben an die Menschlichkeit verliert, wenn man betrachtet, mit welch barbarischem Kalkül die Auslöschung eines ganzen Volkes vorangetrieben wird.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Widerstand im Ghetto

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Widerstand im Ghetto

Was dann folgt lässt sich kaum beschreiben. Schoschana Rabinovici versetzt sich in ihren Erinnerungen in ihre eigene Perspektive eines kleinen Mädchens zurück und erzählt, wie dramatisch sich das Leben ihrer Familie von Minute zu Minute änderte. Es beginnt mit der Isolierung allen jüdischen Lebens. Totales Arbeitsverbot – die Pflicht, den gelben Davidstern zu tragen – absolutes Ausgangsverbot – Verlust der eigenen Wohnung – Verlust allen Eigentums – Schaffung eines Ghettos, in dem alle Juden aus Wilna kaserniert werden.

Keine Privatsphäre mehr. Leben mit dutzenden Menschen auf engstem Raum und gleichzeitig der Beginn von Zwangsarbeit für deutsche Firmen. Essen nur noch für diejenigen, die arbeitsfähig sind. Kein Verlassen des Ghettos mehr für Familienangehörige. Und um Platz auf allerengstem Raum zu schaffen, pausenlose nächtliche Aktionen der NAZIS, in denen nach augenscheinlichem Zufallsprinzip ganze Häuser geräumt werden. Das Ziel der jüdischen Menschen, die man abtransportiert, ist der sichere Tod.

Während die Familie Weksler versucht zusammen zu bleiben und allen Aktionen aus dem Weg zu gehen, bildet sich im Ghetto erster jüdischer Widerstand. Man gräbt Verstecke unter den alten Wohnhäusern und versucht während der Aktionen dort Unterschlupf zu finden. Dies alles aus der Sicht eines verängstigten Mädchens zu erfahren macht sprachlos. Hunger, Todes- und Verlustangst prägen ihr Leben und nur ihre Mutter Raja hält die kleine Susie fest, wie ein Fels in der Brandung.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – NAZIS überall

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – NAZIS überall

Bis Mitte des Jahres 1943 geht dieser Terror unvermindert weiter, bis dem Massensterben eine neue Dimension verliehen werden soll. Die deutsche Wehrmacht muss sich Zug um Zug aus den besetzten Gebieten zurückziehen und so werden die Ghettos „liquidiert“ – das heißt aufgelöst. Massenselektionen entscheiden darüber, wer sofort zu sterben hat, oder wer in einem Transport in ein Konzentrationslager deportiert wird. Während Susie auf diese schreckliche Art und Weise fast ihre gesamte Familie verliert, greift ihre Mutter zu verzweifelten Tricks.

Kinder sind zum Tode verurteilt und so unternimmt Raja alles, um ihre Tochter bei der Selektion älter und größer erscheinen zu lassen. Als auch das scheitert besticht sie einen Wärter und trägt Susie in einem Rucksack über die Rampe in den vermeintlich rettenden Zug. Das Ziel heißt „Kaiserwald“und stellt als KZ die nächste Stufe der industriellen Vernichtung von Leben dar. Stundenlange Appelle in eisiger Kälte, mangelhafte Verpflegung, kaum medizinische Hilfe und willkürliche weitere Selektionen machen das tägliche Leben zum Ritt auf der NAZI-Rasierklinge.

Mehr als brutal und skrupellos agieren dabei die deutschen KZ-Wärterinnen – Blitzmädels genannt. Als die Front sich dem KZ nähert, folgt der letzte Schritt. Er führt die verbleibenden Insassen nach Stutthoff. Ein Vernichtungslager, das man nur durch den Schornstein verlassen würde… so die Begrüßung am ersten Tag. Als der Krieg für die NAZIS verloren scheint, räumt man auch dieses Lager und treibt die letzten tausend überlebenden Frauen in Eiseskälte auf einem Todesmarsch vor sich her.

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Die vorletzte Station

Dank meiner Mutter – Schoschana Rabinovici – Die vorletzte Station

Wie man das überleben kann? Vielleicht gibt der Lebensbericht von Schoschana Rabinovici Dank meiner Mutter“ (Fischer Schatzinsel) eine Antwort. Trotz aller Zufälle, die über Leben und Tod entscheiden, trotz der perfekten Systematik des Mordens legt die Autorin Zeugnis darüber ab, wie wichtig es ist, zusammen zu bleiben, zu kämpfen und sich nicht aufzugeben. Aus jedem Lichtstrahl, den man sieht, Kraft zu schöpfen und in jedem schmerzvollen Tag eine neue Chance zu sehen. Raja Weksler hat ihre Verantwortung als Mutter selbstlos gelebt. Bis an den Rand der Erschöpfung und fast bis zum eigenen Tod hat sie für ihr kleines Mädchen gekämpft. Dieses Bild gibt Hoffnung – auch im Angesicht millionenfachen Todes.

Die bleibende Traumatisierung ist enorm. Die Verletzungen in seelischer und körperlicher Hinsicht sind dramatisch. Und auch wenn von der ganzen Familie nur drei Menschen überleben, ist das kein Grund zur Freude. Es ist schmerzvoll, den Weg mit Susie Weksler zu gehen. Er macht wütend und öffnet Augen. Dieses Buch ist eines der wichtigsten Zeitzeugnisse, das ich bisher gelesen habe. Es ist eindringlich und äußerst hart. Und doch sollte es gerade von Jugendlichen gelesen werden.

Die Individualisierung des Erinnerns ist für uns der Königsweg „Gegen das Vergessen. Wenn man versucht, sich in Susie Weksler hinein zu versetzen, dann wird man alles unternehmen, damit dieses Unrecht nicht erneut geschehen kann. Und mit Susie zu gehen – von Wilna nach Kaiserwald über Stutthoff bis hin zum Todesmarsch – schärft den Blick auf die Dimension des gesamten Holocaust. Vergesst nicht. Lest. Diskutiert und nehmt dieses einzelne Schicksal stellvertretend für viele.Wir tragen keine Schuld – wir tragen Verantwortung für dieses Erinnern.

Dank meiner Mutter - Eine tragende Säule von "Hannah"

Dank meiner Mutter – Eine tragende Säule von „Hannah“

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