[Ernst Jünger] Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Der Erste Weltkrieg spielt für AstroLibrium in diesem Jahr natürlich eine sehr große Rolle. So haben wir bereits zwei Werke irischer Autoren ausführlich vorgestellt und besprochen. John Boynes Jugendbuch So fern wie nah und Sebastian Barrys hochbrisanten Roman Ein langer langer Weg. Weitere fiktionale Texte zum Thema sind bereits gelesen und werden sukzessive in die Bücherkette „Gegen das Vergessen“ eingereiht.

„Das Mädchen und der Krieg“ von Jürgen Seidel, „Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther haben bleibenden Eindruck hinterlassen und werden in Wort und Bild gefasst. Und selbst der Briefroman „Eine Liebe über dem Meer“ spielt in weiten Teilen vor dem tragischen Hintergrund des ersten Weltenbrandes, der sich auf den Schlachtfeldern in Europa millionenfach seine Opfer suchte.

Wie ein geheimnisvoller roter Faden verbindet all diese Romane ein gemeinsames erzählerisches Element: Feldpostbriefe spielen eine große Rolle. Sie vermitteln den Daheimgebliebenen Eindrücke vom Leben an der Front, tragen Botschaften voller Sehnsucht und Hoffnungen zu den Frauen und Kindern die so sehr fehlen und sollen gleichzeitig beruhigen und Sicherheit vorgaukeln, wo keine Sicherheit zu finden ist.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Reales und Fiktion

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Reales und Fiktion

Die Plausibilität fiktionaler Texte lässt sich gut ermessen, wenn man im realen Leben nach den Vorbildern für solche Stoffe sucht. Gegen das Vergessen zu lesen und zu schreiben führte uns immer wieder in die Nähe der Tagebücher von Ernst Jünger. Sein Roman In Stahlgewittern gehört zu den wohl eindrucksvollsten Werken, in denen ein Augenzeuge der Gefechte seine Erlebnisse verarbeitet. Grundlage für die Präzision seiner Schilderung war das Kriegstagebuch, das Ernst Jünger endlos scheinende vier Jahre lang unter teilweise unsäglichen Bedingungen weiter geführt hat.

Hier finden sich viele Parallelen und Übereinstimmungen, die den Roman so greifbar und authentisch machen. Wie jedoch haben wir heute die zeitgleich geschriebenen Feldpostbriefe an seine Eltern und seinen Bruder zu bewerten? Sind sie authentisches Frontbild, Hilferuf, Spiegelbild der Ereignisse oder verfolgte Jünger mit ihnen ein gänzlich anderes Ziel?

Vor dem Hintergrund seiner Vita lassen die nun vom Klett-Cotta Verlag veröffentlichten Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 Ernst Jünger nicht nur in einem anderen Licht erscheinen. Nein – genau dies war seine Intention. Musste ihn der eigene Vater noch kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit diplomatischem Geschick aus einer jugendlichen Kapriole bei der Fremdenlegion (er galt dort als Deserteur) befreien, so konnte er diesem zuhause kaum noch unter die Augen treten. Die dominante Vaterfigur wirkte sich mehr als prägend auf das Leben der Familie Jünger aus.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger

Voller Stolz nahm er zur Kenntnis, dass Ernst sich freiwillig in den Krieg meldete und noch stolzer war er, als sein Sohn an der Front Karriere machte. Mehrfach verwundet, mehrfach ausgezeichnet öffnete sich dem jungen Ernst durch die hohen Verlustraten in seiner Kompanie sogar der Weg zur Offizierslaufbahn. Endlich etwas können, endlich Menschen die zu ihm aufschauen, endlich jemand sein – diese Gedanken müssen viel Raum in seinem Denken eingenommen haben, nachdem sein Weg bis zu diesem Zeitpunkt eher von Enttäuschungen geprägt war.

Und was blieb ihm in dieser Situation anderes übrig, als seinen unerschrockenen Kriegseifer voller Mut und Tapferkeit in den Briefen an seinen stolzen Vater zu dokumentieren. Da wo in den Tagebüchern Verwirrung, Angst und Schrecken herrschen, wird in den Feldpostbriefen eine sachliche Heroisierung des Schreibers selbst vollzogen:

„Endlich habe ich mal einen Gasangriff mitgemacht, oder vielmehr gleich 3 Stück, das ist alles halb so wild.“

„Auch das Schreien der Getroffenen, das Blut und das Hirn des Postens… konnte ich ruhig und lange ansehen.“

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Zeitzeugnisse

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Zeitzeugnisse

Solche und ähnliche Schilderungen erfüllten die Erwartungen des Vaters. Endlich hatte er den Sohn, den man vorzeigen konnte. Endlich hatte man jemanden, dessen man sich nicht zu schämen hatte. Die Briefe lesen sich wie Berichte aus einer anderen Welt, in der nur einer bestehen kann: Ernst Jünger. Die Namen der gefallenen Kameraden füllen seine Briefseiten, wohl um seine eigene Unsterblichkeit hervorzuheben. Keine Zeichen von Zweifel oder gar Verzweiflung, von Abstumpfung oder Seelenqual. All dies jedoch findet sich in seinen Tagebüchern – und die schrieb er für sich selbst.

Sind die Feldpostbriefe deshalb wertlos oder wenig lesenswert? Nein! Auf gar keinen Fall. Im Wissen um diesen Zusammenhang sind sie mehr als interessant und es beeindruckt zu sehen, wie sehr ein junger Mann im Gefecht seinem Vater entsprechen möchte. Nur die Briefe an seinen Bruder Friedrich Georg, dem er im Gefecht das Leben rettete, sprechen eine andere Sprache. Tief, poetisch und differenziert. Diese Gratwanderung ist literarisch einzigartig und lässt tief in die Seele des späteren Schriftstellers blicken.

Das Gesamtwerk Jüngers gewinnt durch diese Feldpostbriefe eine Dimension, die ich persönlich nicht mehr missen möchte. Das Vorwort des Herausgebers Heimo Schwilk ist geradezu meisterlich verfasst – und dazu brauchte er keine Enzyklopädie. Ihm reichen wenige Seiten um alles einzuordnen. Ich sage wahrlich meisterlich.

Feldpostbriefe an die Familie 1915 - 1918 - Ernst Jünger - Ein Gesamtwerk

Feldpostbriefe an die Familie 1915 – 1918 – Ernst Jünger – Ein Gesamtwerk

Und ganz am Ende sei es mir erlaubt, auf den wahren Hintergrund in den Briefen hinzuweisen. Er „outet“ sich selbst in den jeweils letzten Zeilen seiner Feldpostbriefe. Er zeigt sein wahres Bubi-Gesicht, wenn er anfängt aufzulisten, was man ihm doch bitte an die Front schicken möge. Hach wie herrlich weltfremd, wie abgehoben und verwöhnt der Junge doch war und wovon er nicht lassen konnte. Der harte Hund wird hier weich wie die heiß ersehnte Butter und die Bestellungen an Muttern erreichen von Brief zu Brief neue Höhepunkte…

Beispiele? Und hier gilt es zu erinnern… es geht um Wünsche aus dem Kampfgebiet… im Schützengraben verfasst… und genau dorthin möge man schnell liefern:

  • ein wöchentlich erscheinendes Insektenmagazin
  • Milch, Fruchtsaft, Likör, Cognac
  • 1 Fotoapparat
  • Bonbons, Pralinen
  • Tabak und Zigarren
  • Geld und nochmal Geld
  • Wurst, Konserven, Marmelade (bitte mal andere Sorten)
  • Reclam Hefte zur Berufswahl
  • Nadeln und Kleber zur Käferjagd
  • ½ Dutzend Mausefallen
  • 1 Koffer für den ganzen Krempel

Und als sei die Familie das Zentrallager für militärische Ausrüstung:

  • 1 Pistole (billig)
  • 1 Fernglas
  • 1 Messer
  • Pelzsocken, Handschuhe, Gamaschen
  • Stiefel, Koppel, die gute Mütze (usw…. usw…)

Müssen die Eltern erleichtert gewesen sein, als der Krieg endlich endete und ihre beiden Söhne weitgehend unversehrt überlebt hatten. Ernst Jüngers Feldpostbriefe – ein unverzichtbares Zeitdokument aus dem Ersten Weltkrieg, das man allerdings genau einordnen sollte.

Feldpostbriefe an die familie 1915 1918 ernst jünger erster weltkrieg

Fiktionale Texte sollten immer wieder darauf überprüft werden, ob die aufgeführten Feldpostbriefe authentisch sind. Die Zensur wütete auf beiden Seiten der Kriegsparteien. Ortsangaben und allzu große Zweifel am Erfolg wurden gnadenlos zensiert. Frohe Botschaften sollten die Heimat erreichen. Durchhalteparolen und nicht Angst oder Depression. Unzählige Briefe solchen Inhalts wurden verbrannt und erreichten ihre Empfänger niemals.

Wenn man die in den ersten beiden Absätzen aufgeführten Bücher aus dieser Perspektive betrachtet, dann ist es erstaunlich, dass ausgerechnet der Liebesroman „Eine Liebe über dem Meer“ die inhaltlich plausibelsten Feldpostbriefe beinhaltet. Sie hätten ihren Weg gefunden. Sie zeigen Zeichen von Zensur und verbergen ihre Botschaften zwischen den Zeilen.

„Letters from Sky“ – „Eine Liebe über dem Meer“ – nicht nur vor diesem Hintergrund mehr als ein Meisterwerk. Das steht für mich fest.

Zu allen Artikel zum Ersten Weltenbrand auf AstroLibrium

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So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und absoluter Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Abgründig – Arno Strobels Höllentrip für Jugendliche

Abgründig von Arno Strobel

Abgründig von Arno Strobel

Kinderkram… echt jetzt. Da darf man endlich mal weg von der Familie und raus in die freie Natur, endlich nicht bevormundet werden und das richtige Abenteuer genießen… und dann DAS!

Das coole Bergcamp Grainau entpuppt sich für ein zusammengewürfeltes Grüppchen Jugendlicher schon schnell als Lager für „betreutes Klettern“ und genau das hatte man eigentlich nicht vor. Hey.. in dem Alter will man was erleben und nicht auch noch in seiner Freizeit auf Kleinkinder aufpassen. Da hat man die mächtige Zugspitze vor Augen und soll im Camp schön brav ein wenig rumkraxeln. Geht nicht… geht gar nicht! Und als sie auch noch ihre Handys abgeben müssen ist das Maß der Bevormundung übergelaufen.

Abenteuerlust und der Wunsch, endlich etwas Richtiges zu erleben bringen zehn Jugendliche auf die Idee, endlich mal aus dem Alltag auszubrechen und das Weite zu suchen. Ralf kennt sich immerhin blind in der Gegend aus, ist schon volljährig, hat den ersten Abend im Camp mit Alkohol aufgelockert und hat einen guten Plan. Warum eigentlich nicht, fragen sich die Anderen und so setzt sich das Grüppchen klammheimlich aus der behüteten Umgebung ab.

Abgründig von Arno Strobel - Kontratsreich

Abgründig von Arno Strobel – Kontrastreich

Ihr Ziel: eine einsame Berghütte oberhalb der geheimnisvollen Höllentalklamm, einer dunklen und feuchten Gebirgsschlucht am Fuße des höchsten Berges Deutschlands… Unwichtige Ausrüstung schleppt man nicht mit. Wenn man Ralf Glauben schenkt, dann ist es ein Kinderspiel, die Hütte zu erreichen. Aber eben eines ohne Aufsicht durch besserwissende Erwachsene.

Und so geht es los in ein unglaubliches Abenteuer, das sie wohl nie vergessen werden.

  • 10 Jugendliche
  • 1 Ziel
  • 1 falsche Fährte
  • Keine Handys
  • Keine Bergausrüstung
  • 1 Schweizer Taschenmesser
  • 1 Taschenlampe
  • 3 Flaschen Wodka

Wäre doch gelacht, wenn das nicht rocken würde, und wenn man dann nicht was zu erzählen hätte vom stinklangweiligen Camp. Und das Wetter spielt auch noch mit. Was will man mehr… Und die Gruppe passt zusammen. Das merkt man doch schnell.

Wie sehr man sich täuschen kann – in jeder Beziehung.

Abgründig - Arno Strobel - Extreme Fallhöhe

Abgründig – Arno Strobel – Extreme Fallhöhe

Das Unglück scheint bereits vorprogrammiert, als das Wetter kippt. Die Höllentalklamm liegt hinter ihnen. Sie sind durchnässt und nun gibt es nur noch einen Weg, sich vor dem aufziehenden Sturm zu schützen… weiter nach oben… das ist kürzer und ungefährlicher als jetzt noch umzukehren. Und Ralf kennt sich aus… blind sogar.

Wie sehr man sich irren kann…

Und so findet sich die Gruppe am Ende ihrer Kräfte fernab ihres eigentlichen Weges in einer einsamen Berghütte wieder, während der Sturm unvermindert an Kraft zunimmt und an eine Flucht ins Tal nicht mehr zu denken ist. Es rächt sich, dass man diese Tour unterschätzt hat. Es rächt sich, dass man bis auf ein paar Flaschen Wodka und ein paar Erdnüsse nichts in den Rucksäcken hat. Es rächt sich, dass man dem Ältesten in der Gruppe vertraut hat.

Letztendlich kippt mit dem Wetter auch die Stimmung in der Gruppe. Angst macht sich breit und Schuldzuweisungen schießen aus dem Boden. Stress bahnt sich seinen Weg, wird zu Gewalt und schon bald beginnen die ersten Handgreiflichkeiten.

Abgründig - Arno Strobel - Naturgewaltig

Abgründig – Arno Strobel – Naturgewaltig

Am Morgen nach der ersten grauenvollen Nacht in der Einsamkeit fehlt ausgerechnet der selbst ernannte Anführer. Keine Spur mehr von ihm, bis auf eine Blutlache in der Hütte und Blutspuren in der nahen Umgebung. Keine Spur von ihm, bis auf die blutverschmierte Hand von Tim, dem Einzigen unter ihnen, der ein dunkles Geheimnis in sich trägt…

Kann es sein, dass er nachts…? Ist es möglich, dass Ralf ermordet wurde? Die Gruppe dreht hohl und es entsteht ein brutales Katz- und Mausspiel um die Suche nach dem Täter. Es wird eng für Tim und der Sturm hält sie fest umklammert in dieser Hütte des Grauens.

Bestseller-Autor Arno Strobel schreibt mit „ABGRÜNDIG“ (Loewe Verlag) zum ersten Mal einen Thriller für Jugendliche. Wer Strobel kennt, der weiß, dass er seine Leser ernst nimmt. Er gestaltet einen Plot, der tragfähig ist und fordert seine Leser zum aktiven Lesen auf. Die Spurensuche an seiner Seite wird von Seite zu Seite spannender und seine Protagonisten lassen ihre Masken im Angesicht drohender Gefahr immer mehr fallen.

Die Ruhigen ziehen sich zurück, die Aufbrausenden agieren mit Gewalt und die Unauffälligen beginnen an Kontur zu gewinnen. Erste zarte Gefühle der Mädchen für einige der Jungs verschärfen die Situation zusätzlich, denn Eifersucht, Todesangst und stürmische Isolation sind wirklich keine guten Rahmenbedingungen für das gemeinsame Überleben.

Abgründig - Literatwo vor Ort in im Höllental

Abgründig – Literatwo vor Ort in im Höllental

Arno Strobel gelingt es mit „Abgründig“ nicht nur jugendliche Leser zu fesseln, auch die Fans seiner Psychothriller kommen auf ihre Kosten. Der Bestseller-Autor überzeugt, weil er sich nicht verbiegt. Er biedert sich der neuen Zielgruppe nicht an, er setzt ihr etwas vor, an dem sie zu knabbern hat. Eine komplexe Gruppenstruktur, die sich in ihrer Dynamik mehrfach über den Haufen wirft; Konflikte die ungezielt aufbrechen und Gefühle, die sich ungefiltert Raum verschaffen. Nichts Neues für Heranwachsende – alles schon selbst erlebt… nur nicht in dieser Dimension und so findet wohl jeder Leser „seine“ Helden im Roman, mit denen er leidet, hungert und die Decke teilt.

Man wird schnell zum Außenseiter im wahren Leben… man wird es schnell in Abgründig… man wird schnell zum Sündenbock, aber eben auch genauso schnell zur Zielscheibe gezielter Beeinflussung durch selbst ernannte Anführer.

Uns hat Arno Strobel erreicht. Wir kennen die Region, in der er seinen Jugend-Thriller angesiedelt hat und wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, wie verloren man sich dort fühlen kann, wenn man sich selbst überschätzt. Die Handlung selbst kann überall spielen. Denn das Spiel mit der Angst in Verbindung mit der selbstzerstörerischen Dynamik einer Gruppe in akuter Lebensgefahr beschleunigt das reale Leben zu einem wahrhaftigen Höllentrip.

Abgründig ist tiefgründig… Strobel vom Feinsten.

Arno Strobel und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg

Arno Strobel – Ein langer gemeinsamer Weg – Ein Klick genügt…

Ach ja, bevor wir es vergessen… Der ABGRÜNDIGe Weg ist damit noch nicht am Ende angelangt.

Die Outdoor-Blogger von erlebnisabenteuerundmehr haben schon oft gemeinsam mit uns alpine Romane auf ihre Plausibilität geprüft und im Gegenzug für die in der Rezension verwendeten Höllental-Bilder ist natürlich eine Ausgabe des Romans in die Hände der Alpenspezialisten geraten.

Mal gespannt, was dabei rauskommt. Bei Marc Ritters neuem Zugspitz-Polit-Thriller „Kreuzzug“ kamen wir auf diese Art und Weise zu überraschenden Übereinstimmungen. Bleibt gespannt 😉

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry bewegend und wortgewaltig

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

In meinem Leserherzen bin ich schon immer ein Ire gewesen. Ich fühle mich zu Hause auf der ewig grünen Insel und bin fasziniert von der abwechslungsreichen Geschichte des gespaltenen Landes. Melancholisch ist mir zumute, wenn ich irischen Autorenfedern folge. In ihrer Sprache schwingt eine Sehnsucht mit, die ihnen von Generationen irischer Vorfahren in die Wiege gelegt wurde. Mit William Butler Yeats lasse ich mich gerne auf sentimentale Gedichtabende ein, mit Roddy Doyle begegnete ich vier wichtigen Frauen, John Boyne verlieh meinem Lesen grenzenlose Flügel und nun lädt mich Sebastian Barry ein, ihm zu folgen.

Ein langer, langer Weg aus dem Steidl Verlag ist eine ganz besondere Lese-Herausforderung für mich, erwarte ich doch bestimmt nach Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich einen Roman über den Ersten Weltkrieg, der heute in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Doch schon die Erzählperspektive und der Protagonist des mehr als episch anmutenden Schlachtengemäldes reizten meinen Lesedurst. Erstmals folge ich also – das grüne Kleeblatt im Herzen – einem jungen Iren auf die Schlachtfelder ins belgische Flandern der Jahre 1914 bis 1918.

Willie Dunne zieht in den Krieg – und er hat einen guten Grund, dies zu tun. Er wächst nicht mehr. Nun ist Willie Dunne kein Zwerg mit seinen 1,68 Metern, aber er wird wohl nie das erforderliche Gardemaß erreichen, das man benötigt, um Angehöriger der Polizei von Dublin zu werden. Er würde nie so werden, wie sein Vater. Doch nun bietet sich die große Chance auf Uniform und Ruhm… Willie Dunne zieht in den Krieg… frisch verliebt in seine Gretta und voller Illusionen im Gepäck.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Und nicht nur das. Er trägt die ganze Last der Geschichte Irlands im Tornister, denn für einen Iren ist dieser Krieg ein mehrschneidiges Schwert voller verborgener Feinde und Risiken. Für einen Iren ist eigentlich jeder Krieg ein Gefecht gegen seine eigenen Sehnsüchte. Denn Irland schickt seine Soldaten nicht als Söhne eines geeinten Landes auf die blutigen Schlachtfelder. Unter den königlich britischen Uniformen verbergen sich Soldaten, die zum Instrument innenpolitischer Bestrebungen gemacht werden.

Denn in den Reihen der britischen Streitkräfte sind irische Unionisten und Nationalisten zu finden. Die Einen voller Stolz und königstreu, ergeben mit dem Versprechen von ein wenig Selbstverwaltung im Gepäck und die Anderen, nach völliger Unabhängigkeit strebend und die historische Chance nutzend. Ihr Motto „Englands Probleme sind Irlands Chancen“. Beide Seiten Teil einer großen britischen Armee – beide Seiten in der Hoffnung, ihre Ziele mögen durch Loyalität im Krieg im anschließenden Frieden erfüllt werden. So trügerisch….

Willie Dunne ahnt nichts von alledem. Er wirft sich jugendlich naiv in die Schlacht und erlebt die Schrecken des Ersten Weltkrieges in voller Wucht. Menschenleben haben keinen Wert. Die Vernichtung vollzieht sich industriell und das Überleben wird zum reinen Glücksspiel. Als Willie Dunne zum ersten Mal den geheimnisvollen gelben Nebel auf sich zuströmen sieht, ahnt er zwar, dass die deutschen Gegner teuflisches im Sinn haben. Die unmenschliche Dimension des Gaskrieges verändert sein Denken jedoch für immer.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Da wo andere erblinden und ersticken, scheint sich sein Gesichtsfeld zu erweitern und aus Willie Dunne wird ein Mann der schlagartig erwacht. Dass dem gelben Gas des Feindes ein noch viel tödlicheres folgt, erkennt er zum ersten Mal auf einem kurzen Fronturlaub. Plötzlich sieht er sich in seiner Heimatstadt Dublin den Rebellen des Osteraufstandes gegenüber. Landsleuten. Iren.

Abseits vom Grabenkrieg in Flandern zwingt man ihn in der königlich britischen Uniform Flagge zu zeigen. Nach dem Gaskrieg das zweite Erwachen des Willie Dunne. Ein nachhaltiges erneut und völlig verändert kehrt er an die Front in Belgien zurück. Die Begriffe Freund und Feind verlieren ihre Kontur. Das ewige Warten auf die Briefe seiner Geliebten bringt ihn fast um, und sein Verständnis für die Aufständischen führt zu einem tiefen Zerwürfnis mit seinem Vater und entwurzelt ihn vollends. Ein entwurzelter Mensch hat keinen Halt – ein entwurzelter Soldat wird Treibgut.

Und wenn dazu noch der endlose Regen des Kriegsjahres 1917 die Schlachtfelder Belgiens ins Wasserflächen verwandelt, in denen Straßen und Wege nur noch zur Erinnerung werden, dann sind das Abgleiten, das Versinken und das Untergehen vorprogrammiert. Willie Dunne zog in den Krieg. Doch was er fand, war nicht das wonach er suchte. Kein Ruhm, keine Ehre und keine Menschlichkeit. Er fand viel mehr Feinde, als ein einzelner Mensch verkraften kann.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Sebastian Barry eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes. Als würde ein Krieg allein nicht reichen, wirft er den jungen Willie Dunne in ein Gefecht, das vielschichtiger und hinterhältiger nicht sein kann. Sebastian Barry hier „nur“ einen Schriftsteller zu nennen, würde in diesem inneren Zusammenhang seinem Roman nicht gerecht. Er malt seine Worte, er meißelt seine Sätze, er formt seine Kapitel zu sprachgewaltigen Wortkunstwerken, die der Dimension des Schreckens eine Ebene verleihen, die ihresgleichen sucht.

Wer Leid und Sehnsucht in der eigenen irischen Melodie voller Melancholie hören, fühlen und schmecken möchte, der kann an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer mit Willie Dunne jemanden kennenlernen möchte, mit dem man leiden, weinen, hoffen und verzweifeln möchte, der darf an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer eine neue Dimension des Schreibens „Gegen den Krieg“ nicht versäumen möchte, der muss sich auf den Weg machen.

„Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry ist ein wichtiger und bewegender Weg, den man gehen sollte. Die Sprachgewalt des irischen Autors macht sprachlos und doch erkennt man am Schicksal eines jungen Soldaten aus Dublin warum Irland auch heute noch alles andere als ein geeintes Land ist. Das grüne Kleeblatt ist gespalten – voller dunkler Lasten aus der Vergangenheit. Möge es Sebastian Barry gelingen, Verständnis zu wecken und Gefühl zum Bindeglied eines großen Traumes werden zu lassen.

Irland…. Ewig grün…

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt - ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt – ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Fokus von AstroLibrium: „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger, „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne, „Eins wollt ich dir noch sagen“ von Louisa Young und bald schon Jürgen Seidels „Der Krieg und das Mädchen“, sowie erneut John Boyne mit einem Jugendbuch „So nah wie fern“ . Ein Schwerpunktjahr hat gerade erst begonnen.

BLUTEIS – Marc Ritter setzt seinen Kreuzzug fort

Bluteis - Marc Ritter on the Rocks

Bluteis – Marc Ritter on the Rocks

Er hat es schon wieder getan. Kaum haben wir uns von den Kreuzzug“-Strapazen des letzten Jahres halbwegs erholt und die Geiselnahme von 5000 Touristen auf dem Gipfel der Zugspitze überlebt, da lässt es der etablierte Thrillerautor mit feinem Heimatbezug und politischem Scharfsinn schon wieder so richtig krachen. Er bricht das ewige Eis zwischen ihm und dem Liebhaber fulminanter Hochspannung, indem er es einfach zum Schmelzen bringt. Wie das geht? Ganz einfach mit einem terroristischen Szenario vom Allerfeinsten.

Das idyllisch-mondäne St. Moritz der Schönen und Reichen mit seiner winterlichen Schneelandschaft ist der Schauplatz von „Bluteis“, dem neuesten Thriller aus der literarischen Denkkammer des bayerischen Autors. Jährlich trifft man sich beim Stelldichein der Haute-Volée zum beliebten Sehen und Gesehen-werden. Das gehört zum guten Ton und nebenbei lassen sich prima Geschäfte abwickeln. Doch in diesem Jahr kommt es so anders, als man es erwarten könnte. Denn nicht nur VIPs sind im Ort, auch Staatschefs aus vielen Ländern, findet doch ausgerechnet der diesjährige Weltwirtschaftstgipfel in unmittelbarer Nachbarschaft statt.

Während über 1000 Politiker, Wirtschaftsgrößen und Promis aus aller Welt auf dem fest zugefrorenen St. Moritzsee das ebenso traditionelle wie legendäre Pferderennen beobachten, geschieht das Unfassbare. Eine Serie gezielter Explosionen lässt die Eisdecke des Schauplatzes zerbersten und in sich zusammenbrechen. Schlagartig versinken Sportler, Pferde, Zuschauer und Medienvertreter im eiskalten Wasser unter der vormals stabilen Eisdecke. Der Tod greift blitzschnell um sich. Erste Rettungshubschrauber treffen ein und versuchen zu retten, was zu retten ist.

Bluteis von Marc Ritter - Wirklichn eine Rettung für die VIPs?

Bluteis von Marc Ritter – Wirklich eine Rettung für die VIPs?

Einer der Hubschrauber konzentriert sich nur auf die Rettung der absoluten Mega-Vips, doch statt des erwarteten Fluges in nahe gelegene Kliniken, verschwindet die Maschine spurlos hinter den Gipfeln der Schweizer Berge. Ein terroristischer Akt der besonderen Güte, der sich eigentlich abgezeichnet hat. Wenn man die seltsamen Unfälle und Todesfälle kurz vor dem Pferderennen in anderem Licht besehen hätte, dann… Ja dann hätte man es vielleicht rechtzeitig erkennen können. Hat man aber nicht.

Nicht mal der terrorgestählte Sport- und Profifotograf Thien Hung Baumgartner, der urbayerische Prototyp eines vietnamesichen Garmisch-Partenkirchners, der durch seine wichtige Rolle im „Kreuzzug“-Anschlag auf den Zugspitz-Gipfel fast schon weltbekannt wurde, sieht einen Zusammenhang. Zu fokussiert ist er auf seinen aktuellen Auftrag. Die Schönen und Reichen in St. Moritz professionell abzulichten, um dem Flair der Veranstaltung die besondere Note der Unvergänglichkeit zu geben – das scheint sein einziges Ziel zu sein. Wäre da nicht seine eigenwillige Freundin Sandra…

Mittendrin statt nur dabei. Das scheint die Devise von Sandra Thaler zu sein, die ihren Freund aus mehreren Gründen nicht mehr gerne alleine lassen möchte. Erstens hat sie das Zugspitz-Inferno vor einem Jahr im Kopf, zweitens ist sie schwanger und drittens hat sie ihrem Freund niemals die Wahrheit darüber berichtet, welche Rolle sie damals wirklich am höchsten Berg Deutschands spielte. Und nun beginnt die Vergangenheit, sie beide gnadenlos einzuholen. Der Kreuzzug ist nicht beendet.

Bluteis von Marc Ritter - Tiefgang garantiert

Bluteis von Marc Ritter – Tiefgang garantiert

Und so kommt es, wie es kommen muss. Während sich das Eis des St. Moritzsees explosionsartig von der Oberfläche verabschiedet und der Plan der Terroristen zu greifen beginnt, werden in der gezielten „Rettungsaktion“ der Mega-VIPs nicht nur die anvisierten Opfer entführt. Auch Sandra Thaler ist an Bord der Maschine und der verzweifelte Thien Hung Baumgartner begibt sich, erneut nur mit seiner Kamera bewaffnet, auf die Suche nach der Frau seines Lebens.

Wo aber liegen die Ursachen für den Terroranschlag verborgen? Was veranlasst Extremisten dazu, einen ganzen See vom Eis freizusprengen, nur um die Mächtigsten der Welt in ihre Gewalt zu bekommen? Welche Interessen verfolgen sie und wie lauten ihre Forderungen? Sind es wirtschaftliche Interessen und wer kann sie nach dem Drama auf dem See noch stoppen?

Hier liegt die unfassbare Stärke des Autors Marc Ritter. Hier liegt der Unterschied zu einer Vielzahl von Thrillern, die dem geneigten Leser im Laufe seines Lebens über den Gänsehaut-Weg laufen. Marc Ritter springt in den Handlungsfäden zurück und legt uns mit Ghana ein Land zu Füßen, das von Armut und Ausbeutung gekennzeichnet ist. Ein Land, in dem das Leben der schwarzen Bevölkerung wertlos ist und zum Spielball westlicher Investoren und Spekulanten wird. Ein vergewaltigtes Land – vergewaltigte Menschen und ein junges Mädchen, dem die Wertlosigkeit ihres Lebens schonungslos vor Augen geführt wird.

Bluteis und Kreuzzug - Zwei aus einem Guss

Bluteis und Kreuzzug – Zwei aus einem Guss

Marc Ritter gelingt es, uns in einem Thriller die junge KISI ins Herz zu schreiben. Vor 30 Jahren von Weißen um alles gebracht – Ehre, Familie und Hoffnung – kehrt ebenjene Kisi nun wieder zurück. 30 Jahre später ist sie wieder da. Und sie kommt nicht allein an das Eis eines Sees in der Idylle der Schweizer Berge. Kisi hat gelernt. Ihre Lektion wird zu unserer.

Marc Ritter macht betroffen, wütend und sehr emotional. Er schreibt Thriller, aber wie er sie schreibt, das ist einerseits knallhart und andererseits mehr als subtil. Wir lesen Nachrichten über Flüchtlinge auf Lampedusa, über die Armut in der Dritten Welt und lassen die Fluten der Meldungen oftmals an uns vorbeirauschen. Marc Ritter springt in seinem Plot von einem zugefrorenen europäischen See in die tiefste Einöde Ghanas. Von der Welt der Reichen in die Welt der grenzenlosen Ausbeutung. Und so, wie er uns dorthin schreibt, spürt man seinen tiefen und aufrichtigen Protestschrei gegen die Ungerechtigkeit der Welt.

Er zeigt uns die wahren Opfer des Wohlstands und zwingt uns genau hinzuschauen. Keine Ahnung, was bei Marc Ritter packender ist. Der Thriller oder die schonungslose Suche nach den Ursachen des Bösen. Wir haben das Blut gesät. Marc Ritter zeigt uns, wie es auf grausame Weise auf dem Eis eines Sees geerntet wird. Er zeigt uns die Folgen der Saat – die Ernte scheint verdient. Er erzeugt keine Sympathie mit dem Terror – er gibt den Opfern eine Identität und veranschaulicht deren Motivation. Sie ist manchmal ehrenvoll. So wie der Roman dieses Schriftstellers.

Bluteis von Marc Ritter - Ein perfektes Weihnachtsgeschenk

Bluteis von Marc Ritter – Ein perfektes Weihnachtsgeschenk

Man kann „Bluteis“ lesen, ohne zuvor „Kreuzzug“ gelesen zu haben. Es ist ein eigenständiges und fesselndes Werk und aus unserer Sicht das perfekte Weihnachtsgeschenk für Liebhaber spannungsgeladener Literatur mit Tiefgang. Marc Ritter überzeugt auf der ganzen Linie und präsentiert erneut einen Thriller, den man als Ausnahmeerscheinung bezeichnen muss. Und doch setzt sich der Kreuzzug für Fans dieses Buches noch fort.

Einen kleinen Widerhaken hat Marc Ritter in das Ende des Zugspitz-Dramas eingebaut und wir hätten nie geglaubt, dass er nun, genau ein Jahr später, genau an diesem Haken zieht. Er sitzt unbewusst in unserer Leserseele und erst als wir den Zug spüren, wissen wir, wie fest uns der Schriftsteller an der Angel hat. Unfassbar, wie schön dieser Schmerz sein kann. Danke für dieses Erlebnis und danke für Kisi. Das muss gesagt werden. Glaubt uns!

BLUTEIS – Der RITTERschlag des Jahres für Thrillerfreunde!

marc ritter bluteis kreuzzug

Hundejahre – Günter Grass im „Land des Hechelns“

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Hundejahre in drei Büchern von Günter Grass

Es ist nicht nur der gemeinsame Lebensleseweg, der mich mit dem deutschen Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass verbindet – es ist nicht nur eine differenzierte Hassliebe, die uns aneinander kettet – es ist auch das immerwährende Gefühl, in jeder seiner Zeilen sowohl tiefste Inspiration, als auch bodenlose Provokation aufspüren zu können. Es sind Gefühle, wie Achtung, Ehrfurcht und Respekt gepaart mit dem sanften Kopfschütteln vor der Selbstleugnung und dem Verschleiern der eigenen Vergangenheit im Dritten Reich. Es sind Gefühle, wie unermessliche Freude, ihn zu lesen und tiefe Traurigkeit vor dem Moment, ihn nicht mehr lesen zu können.

Vehement habe ich ihn gegen seine Kritiker verteidigt und auch selbst erfahren müssen, was es bedeuten kann, für einen polarisierenden und nicht unumstrittenen Schriftsteller in den Ring zu steigen. Muss man erst sterben in diesem Land – diese Frage stellte ich mir öffentlich, als Günter Grass wegen seines Buches „Grimms Wörter“ ins Kreuzfeuer der Kritik gezogen wurde. Ausgerechnet wegen eines Buches, das für seine Leser und ihn selbst zu den harmlosesten zählt.

Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen – mit dieser Überschrift machte ich meinem Ärger über das jüngste Gedicht des großen Schriftstellers Luft, in dem er unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ allzu politisch einseitig wurde und sich in Ziel und Formulierung deutlich vergriff.  Einige Worte machten mich wütend, andere sprachlos und ein Satz trieb mir Tränen in die Augen:

Günter Grass - DANZIGER TRILOGIE

Günter Grass – DANZIGER TRILOGIE

Die Zeile: “Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte” macht mich traurig, weil ich ahne, dass der Stift bald versiegt sein wird. Ehrfurcht darf Triebfeder von Kritik sein… manchmal muss es so sein, wenn man liebt!

Umso größer ist die Freude, Zeuge einer wahren Grass-Rennaissance zu werden. Erleben zu dürfen, wie sich auch die kritischsten Zungen immer ausgewogener mit seinem Lebenswerk auseinandersetzen und dabei den jeweiligen situativen Kontext der Entstehung des jeweiligen Buches mit in ihre Betrachtung einfließen lassen. Grass ist zeitlos, aber die Dimension seines Schreibens darf nicht von der Ebene des realen gesellschaftlich-historischen Hintergrundes losgelöst werden.

Wie bei einem Tattoo fällt immer nur das augenfällige Muster ins Auge. Man begutachtet die Qualität und lässt sich die Aussage der Tätowierung erklären. Aber nur ganz selten betrachtet man die Haut, die darunter liegt. Selten sieht man, in welchem Alter die Hautzeichnung entstand und noch weniger interessieren die Lebensumstände, die zu dieser Entscheidung führten. Günter Grass ist gezeichnet und voller literarischer Narben. Jede in der Tiefe eines Romans. Ohne seine zerfurchte Haut anzusehen, werdet ihr die Aussagekraft der künstlerischen Muster seiner Bücher nie verstehen.

Hundejahre - Günter Grass im Land des Hechelns

Hundejahre – Günter Grass im Land des Hechelns

Für mich persönlich ist es ein ganz besonderes Jubiläum, auf den fünfzigsten Jahrestag der Veröffentlichung seines Romans „Hundejahre“ zurückblicken zu können. Dieses Buch findet seine literarische Einordnung in der so genannten „Danziger Trilogie“, die sich von der „Blechtrommel“ über die „Hundejahre“ bis zu „Katz und Maus“ erstreckt. Eine offene Trilogie, die durch den zeitlich linearen Verlauf vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geklammert ist und deren zentraler Schauplatz der Geburtsort des Autors, Danzig, ist.

Genau zu diesem Jubiläum präsentiert der Hausverlag des deutschen Nobelpreisträgers, Steidl, nun einen prachtvollen Schuber, der diesen wichtigen Roman über das Deutschland unter dem dunklen Stern des Nationalsozialismus in drei Bänden beinhaltet. Drei Bücher – Eine Geschichte. Eine ganz normale Männerfreundschaft, die von der Mitte der 1920er bis in die 1950er Jahre reicht, zeigt die Auswirkungen der politischen Umwälzungen, die Eduard Amsel und Walter Matern tief in ihren Sog bannen. Die Protagonisten sind Spiegel ihrer Zeit und durch diesen literarischen Kunstgriff werden die Lebensumstände der Menschen in dieser Epoche umso greifbarer.

Hundejahre in drei Büchern“ – welch ein edles Grass-bibliophiles Sammelstück, das nicht nur bei Grass-Jüngern einen gediegenen Platz im Bücherregal finden wird, vereint nicht nur die ursprüngliche und gewaltige Erzählung von Günter Grass, es ist auch angereichert mit den einzigartigen Illustrationen des Autors. Vielfältig talentiert überzeugt er auch immer wieder mit seinen bildlichen Interpretationen seiner eigenen großen Worte. „Die Hundejahre in einer neuen Dimension“ – anders kann man es nicht sagen. Und selbst für den gewachsenen Grass-Sammler ist es ein absolutes MUST HAVE (Anglizismus hin oder her).

Günter Grass und Mr. Rail - Eine Lebenssammlung

Günter Grass und Mr. Rail – Eine Lebenssammlung

Ich möchte mich nicht auf den Rezensentenirrweg begeben, Bücher der großen Danziger Trilogie in irgendeiner Art und Weise inhaltlich vorzustellen oder in ihrer Substanz zusammenzufassen, da sie aus meiner Sicht zum Allgemeingut der deutschen Literatur gehören und vielfach in geeigneter Form besprochen wurden. Was ich jedoch versuchen möchte, ist es, meinen Leseweg mit den Hundejahren zu skizzieren um zu verdeutlichen, wie nachhaltig dieser Roman im Gedächtnis haften bleibt.

Egal ob zur Schulzeit, oder nach intensivem Lesen in den letzten Tagen, die wichtigste Erkenntnis, die mich immer begleiten wird, ist meine Sicht auf den Titel des Romans. Hundejahre sind es, über die geschrieben wird. Hundejahre für ein ganzes Land, das den Rest der Welt in den Krieg zieht und NAZI-Deutschland war damals ein Land der Hunde. Austauschbar sind die Protagonisten – ersetzbar durch Hunde… Alle Protagonisten schlüpfen in das Fell der Tiere, die so sinnbildlich sein können für diese Zeit.

Ein Land des Hechelns… wild und unersättlich… Arm nach oben zum pawlowschen Sabberreflex.

Bluthunde, Spürhunde, Schweißhunde, Kampfhunde, kleine Kläffer, große gutmütige Hütehunde und letztlich die große Masse der Rudelhunde, die alles in der geduldeten Unterordnung ertragen, um ihren niedrigen Platz in der Nahrungskette zu bewahren. Rassehunde gegen den Rest der Meute, welches Bild könnte es besser treffen als dieses. Ein Stammbaum wird zum Lebensretter oder zum Todesurteil und das Rudel schaut zu. Tatenlos niemals, denn an der Jagd ist jeder Hund direkt beteiligt und man ernährt sich gemeinsam von der Beute. Hundejahre.

günter grass hundejahre in drei büchern spacers

Die beiden Hauptfiguren des Romans verkörpern dieses Bild auf beeindruckende Weise. Eduard Amsel der Halbjude ist Prügelknabe und „Underdog“ im wahrsten Sinne des Wortes, während Walter Matern die Rolle des Rassehundes spielt. Gewaltbereit und doch in seiner eigenen Empfindung nur Mitläufer, der die großen Zusammenhänge nicht erkennt. Und doch verändert das Dritte Reich die Freundschaft auf dramatische Art und Weise. Bis es in der Kanalisation zu einer folgenschweren Auseinandersetzung kommt und der Underdog wie eine Ratte behandelt wird.

Grass gelingt in „Hundejahre“ ein sehr faszinierendes Wechselspiel aus großer Erzählung und Spiegelbild auf die dunkelste Epoche dieses Landes. Alle Interpretationen zu seiner eigenen Vergangenheit im Dritten Reich werden mit den Schilderungen in den Hundejahren in Verbindung gebracht. Vielleicht hat er sich wirklich im Rudel versteckt und später lieber geschwiegen. Vielleicht hat er es sich zu leicht mit sich selbst gemacht. Mit diesem Roman hat es es sich nicht leicht gemacht. Nicht sich – nicht seiner Heimat – nicht dem Leser.

Der Steidl Verlag macht es uns pünktlich zum Weihnachtsfest des Jahres 2013 leicht, dieses epochale Meisterwerk in einer ganz besonderen Jubiläumsausgabe neu zu entdecken. Es ist ein großes Vergnügen in diese drei Bände einzutauchen und den Illustrationen des Autors zu folgen. Es ist ein großes Vergnügen, in der heutigen Zeit ein solches Gesamtkunstwerk der grass`schen Lebensbibliothek hinzufügen zu dürfen. Es ist ein Vergnügen, am Ende allen Lesens erneut festzustellen, wie groß die Verehrung ist. Oder ist es doch eine besondere Liebe?

Ja… ich gestehe… es ist Liebe…!

Günter Grass - Eine Begegnung

Günter Grass – Eine Begegnung

Am 20. November 2014 ist es soweit… wir sehen uns in München, Herr Grass!

Ein Wiedersehen in München - AstroLibrium und Günter Grass

Ein Wiedersehen in München – AstroLibrium und Günter Grass

Und nun geht es weiter mit den „Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass von einer ganz anderen Seite. Es lohnt sich nicht nur für Fans des großen Schriftstellers:

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar...

Mit einem Klick werden die Fundsachen sichtbar…

 

„Atlantische Fahrt“ von Ernst Jünger

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Auf nach Rio

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Auf nach Rio

Es ist nicht leicht dahergesagt, dass sich Autoren im Laufe ihres Lebens verändern und entwickeln. Sie reifen an ihren Werken oder eben an den Erlebnissen, die ihnen während des Schreibens an allen Ecken und Enden des kreativen Schaffens auflauern. Romantische Phasen schlagen hier ebenso ihre Wurzeln, wie traumatische Ereignisse. Sie schärfen den Blick und lassen Perspektivwechsel zu, die nicht möglich wären, würde der Schriftsteller im Glaskasten leben.

Ernst Jünger ist gerade in dieser Beziehung für seine Leser von besonderem Interesse. Seine epochalen Werke über den Ersten Weltkrieg gehören zu den meist gelesenen Büchern über jene Zeit. Sie öffnen die Augen für die fehlgeleitete kaiserliche Vaterlandsliebe und die Euphorie, mit der junge Männer mit wehenden Fahnen in den Untergang liefen. Antikriegsliteratur hat Jünger geschaffen. Nichts verherrlicht er. Nichts lässt er aus. Schonungslos geht er mit dem industrialisierten Morden in den Schützengräben um. Gaskrieg und Massensterben für einen Raumgewinn von wenigen Metern – Angst – Tod und Verstümmelung – all diese Themen packt er an und keines seiner Bücher scheint geeignet, Kriegs- oder Mordlust beim Leser reifen zu lassen.

Sein großes „Kriegstagebuch 1914 – 1918“ und die daraus abgeleitete Roman-Adaption „In Stahlgewittern schildern seinen eigenen Weg durch die Gräben, die anfänglich Frankreich und Deutschland trennten. Sie öffnen die Augen für das Abstumpfen des menschlichen Geistes, für die Verrohung des Kriegers und für die Brutalität im Umgang mit sich selbst und dem Feind. Pathos findet man wenig und die Begriffe wie „Ruhm“ oder „Ehre“ werden zu diffusen Trugbildern einer ordensgeschmückten Fantasie. Jünger schreibt seinen Leser in den Schützengraben hinein und überlässt ihm dort seinem Schicksal. Jeder ist sich selbst der Nächste. Überleben als Leseübung… Heftig.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Brasilien 1936

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Brasilien 1936

Wenn man sich die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges vorstellen mag, dann folge man den Erinnerungen Ernst Jüngers und stelle sich einen Acker vor, der wie eine Mondkrater-Landschaft von Geschossen mehrfach umgepflügt wurde. Kein Baum, kein Busch, keine Blumen, keine Tiere… Nur der Mensch – bis zu den Zähnen bewaffnet und der ohrenbetäubende Lärm einer Artillerie, deren einziges Trachten es ist, alles im Flächenbombardement erneut umzupflügen.

Jünger hat diesen Krieg überlebt. Glück muss es gewesen sein, denn dem eigenen Geschick konnte es nicht zu verdanken sein und Heldentum spielte bei der Erhöhung der Überlebenschancen eine eher untergeordnete Rolle. Glück rettete ihn und mit Glück rettete er das Leben seines Bruders Friedrich Georg. Er hat diese menschenunwürdigen Bedingungen überlebt und durch seine Verarbeitung des Erlebten und Erlittenen wohl auch selbst dafür gesorgt, auch mit unbeschadeter Psyche nach Hause zu kommen.

Sehr beeindruckende Werke. Ein intensiver Blickwinkel auf das monströse Geschehen und die Verwunderung, wie man das überstehen kann. Diese Gefühle bleiben nachhaltige Wegbegleiter seiner Leser. Umso interessanter ist es für uns, diesem Veteran des Ersten Weltkrieges knapp 18 Jahre später an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erneut zu begegnen. Diesmal bewaffnet nur mit seinen Sinnen und seinen Notizbüchern, denen er zeitlebens seine Erinnerungen anvertraut hat. Jünger… der große Diarist seiner Epoche! Folgen wir ihm einfach auf die „Monte Rosa“ und begeben wir uns mit ihm gemeinsam auf eine Fahrt, die für ihn wie ein Trugbild eines Traumes gewirkt haben muss.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Kreuzfahrt der Sinne

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Kreuzfahrt der Sinne

Unsere Route führt vom europäischen Kontinent, der noch vernarbt vom Krieg erscheint, in das ferne Brasilien des Jahres 1936. Rio de Janeiro! Was für ein Reiseziel, welche Destination für einen Beobachter wie Ernst Jünger. Aus der Asche Europas in die unerschöpfliche Blüte eines prosperierenden Landes. Von der zerfurchten Kraterlandschaft zum tropischen Regenwald. Folgen wir ihm und blättern in seinen Erinnerungen.

Atlantische Fahrt – Rio – Residenz des Weltgeistes heißt der schmale und doch so überaus inhaltsreiche Band aus dem Hause Klett-Cotta, in dem der Herausgeber Detlev Schöttker nicht nur den Extrakt der memorierten Erlebnisse Jüngers präsentiert, sondern den Lesern einen tiefen Einblick in die Hintergründe dieser Fahrt gewährt. Briefe an seinen Bruder und an Mitreisende, Rezensionen und Postkarten, sowie eine umfassende Betrachtung der Reise aus Sicht des Herausgebers runden das Leseerlebnis ab.

Zwei Monate sind wir mit Ernst Jünger an Bord des Hamburger Dampfers und erleben hierbei einen völlig verwandelten Autor. Ernst Jünger als Reiseschriftsteller? Bis zu diesem Zeitpunkt ein unvorstellbarer Gedanke. Aber man erkennt schnell, dass er genau der richtige Beobachte am richtigen Ort ist. Vor dem Hintergrund seiner apokalyptischen Erlebnisse auf baumlosem Grund übermannt ihn die schiere Vielfalt der Natur am Amazonas. Wer jemals bewegende Zeilen über die Schönheit von Flora und Fauna lesen möchte, der sollte es mit diesem Reisebericht versuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Das dritte Auge - Notizbücher

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Das dritte Auge – Notizbücher

Die folgenden Zeilen aus dem Reisebericht „Atlantische Fahrt“ sind exemplarisch für das wildromantische Hochgefühl, das Jünger Brasilien entgegenbringt. Diese Worte sind von ganz anderer Natur, wie diejenigen aus dem großen Krieg. Er ist verliebt, im Überschwang der Gefühle und folgt seinen Instinkten, die ihm diesmal nicht das Überleben sichern, sondern alle Sinne öffnen, um kein noch so kleines Detail zu vergessen.

„Hier äußert sich gewaltsam die Übermacht des Lebenstriebes, die der Betrachter auch gegen sich gerichtet fühlt.“

„Und damit wächst mächtig die Versuchung, einzustimmen in diesen Wirbel von Dunkelheit und Lichtern, sich mit ihm zu vermählen, ganz in ihm aufzugehen.“

„Hier hatte ich ganz deutlich, greifbar das Bewußtsein der Verzauberung. Im Zauberbanne liegen heißt: gelähmt sein, schlafen, träumen, während die eigentlichen Mächte sich enthüllen, sich wiegen wie Falter über uns.“

Die pure Lebenslust springt dem Leser in seiner Urgewalt entgegen. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, selbst mit Ernst Jünger durch den tropischen Regenwald zu wandern, Kolibris zu beobachten und die changierende Farbenpracht eines Chamäleons zu bewundern. Ernst Jünger steckt an und vermag es, all seine Liebe zum Gesehenen mit Worten zu transportieren. Brasilien – es ist leicht, ihm dorthin zu folgen. Es ist ein Vergnügen, nicht nur die Wildnis, sondern auch die im Wachstum befindlichen Metropolen zu besuchen.

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger - Eine Lesereise

Atlantische Fahrt von Ernst Jünger – Eine Lesereise

Und doch beschleicht den aufmerksamen Leser, aus welchem Land jener Ernst Jünger kommen muss. Aus welchem Land er stammt und was in diesem Land in den letzten Jahren politisch verändert wurde. Die Begegnungen mit Tieren und Gewächsen fällt ihm sichtbar leichter, als diejenigen mit den Menschen anderer Kulturkreise. Ob in Südamerika oder auf der Rückfahrt bei Landgängen in Casablanca spürt man, wie schwer er sich mit der Beschreibung von Menschen tut, die in Deutschland wohl schon 1936 schon nicht mehr geduldet gewesen wären.

Ein 14-jähriges brasilianisches Mädchen beschreibt er fast zaudernd und erstaunt, als sei es ein Halbwesen aus Mensch und Tier. Man fühlt sich an Jüngers Seite in diesen Momenten wie auf einer Völkerschau und betrachtet die fremden Wesen aus der Perspektive des zahlenden Publikums:

„Es war in ein langes Hemd gekleidet, das die Brüste bis zu den Füßen vom Körper abspreizten. Eine Welle von Behagen und instinktivem Leben strömte von diesem Wesen aus.“

atlantische fahrt ernst juenger spacer

Die politischen Strömungen der Jahre scheinen nicht spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Die Erkenntnis wächst jedoch von Tag zu Tag, welche Schönheit und Tiefe in den Menschen anderer Kontinente verborgen ist. Vielleicht der größte Gewinn seiner Reise. Einer Reise zu sich selbst. Jünger endet mit den Worten:

„Das Schiff fährt nun die Elbe hinauf. Ein frostiger Wind weht über das Promenadendeck , auf dem ich in den Nächten am Amazonas die anfliegenden Schwärmer beobachtete…“

Als Schwärmer kehrt Ernst Jünger nach Hause zurück. Nur wir wissen heute, dass es keine Reise nach dem großen Krieg war. Es war eine Reise zwischen den Kriegen und schon in wenigen Jahren sollte er wohl noch an so manchem Tag sehnsüchtig an den Amazonas denken… Und an die Lebenslust, die ihn wohl für immer prägte. Lesenswert – auch wenn dieser Reisebericht nicht zu Jüngers Hauptwerken zählt.

Ernst Jünger - Eine Werkschau bei Literatwo

Ernst Jünger – Eine Werkschau bei AstroLibrium- Ein Klick genügt

Ein Abend für Oda Schaefer – München im Oktober 2013

Oda Schaefer ist zurück - Eine Lesung im Lyrik Kabinett

Oda Schaefer ist zurück – Eine Lesung im Lyrik Kabinett

Am 27. Oktober 2013 lautete unsere Schlagzeile „Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich und voller Vorfreude schrieben wir über die anstehende Lesung aus Odas Werken im Münchener Lyrik Kabinett. Vielen Menschen aus Kultur und Gesellschaft ist es zu verdanken, dass wir am heutigen Tag voller Stolz auf neu publizierte Bücher der großen deutschen Lyrikerin blicken dürfen. Fast schon vergessen – nicht mehr verlegt und dann, ausgelöst durch den epischen Film „Poll“, geriet die Welt des Vergessens ins Wanken.

Wir Literatwos hatten uns seit jenem Film mit unseren Mitteln gegen das Vergessen gewehrt und mit vielen treuen Lesern an unserer Seite ist es uns gelungen, ein kleines Mosaiksteinchen in das komplexe Wandbild des Erinnerns einzufügen. Unser Blog war und ist unsere Waffe – Teamwork und Leidenschaft sind unsere Maxime und wir haben uns gerne in den Dienst einer Schriftstellerin gestellt, die wir so gerne kennengelernt hätten. Heute können wir sagen:

Oda ist wieder daund vielleicht sogar strahlender denn je, denn auf Einladung ihres Erben und „Vize-Enkels“ Titus Horst fanden sich weitere Wegbegleiter dieser literarischen Renaissance im gediegenen Ambiente und auf der Bühne des Lyrik Kabinetts ein, um mit einer stimmungsvollen Lesung das Motto der „Unvergessenen“ wahr werden zu lassen:

„Immer war ich – immer werde ich sein! Immer!“

Ein Abend für Oda Schaefer - Die Mitwirkenden

Ein Abend für Oda Schaefer – Die Mitwirkenden

Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt an jenem Montag, den 28. Oktober und 25 Jahre nach dem Tod Oda Schaefers spürten alle Anwesenden sofort, dass ihre lyrische Aura nichts von ihrem ursprünglichen und zeitlosen Zauber eingebüßt hat. Titus Horst präsentierte ein unfassbar tief angelegtes Kaleidoskop ihres Lebens – einen mehr als gelungenen und in sich geschlossenen Zyklus aus Lebenserinnerungen, flankiert durch ausgewählte Gedichte aus dem Lebenswerk der großen Autorin.

Titus Horst hatte sich an diesem Abend in die Rolle des lesenden Chronisten begeben und führte das aufmerksam lauschende Publikum mit unnachahmlicher Erzählstimme (mal Berliner Polizist; mal Oda selbst in all ihrem Hoffen und Bangen; aber dabei immer Titus selbst) in ein schillerndes Kaleidoskop eines Dichterlebens.

Er öffnete eine bisher verborgene Tür zu Oda Schaefer und ließ ihr höflich den Vortritt, wenn es darum ging, das Wort an uns zu richten. Oda war plötzlich mitten unter uns. Oda erzählte selbst, als sei Titus Horst eher Medium, denn Erzähler. Er berlinerte sich durch Haussuchungen im Dritten Reich; kindbettete sich ängstlich durch die unfassbaren Qualen einer werdenden Mutter und wurde ganz leise, als er von den letzten Monaten einer Frau berichtete, die ihm sehr am großen Herzen liegt.

Und mehr als bewegend stand er erschüttert in Horst Langes Worten am Rand einer frisch ausgehobenen Grube unter dem Zeichen des Hakenkreuzes und erschoss kaltblütig jüdische Opfer… bis sich ein zum Tode Verurteilter unerwartet umdrehte und dem Nazi-Täter in die Augen schaute, der dann sein Leben lang nur noch einen Satz zu denken vermochte: „Und da sah ich, dass das ein Mensch war“. Titus Horst hat seinen Bogen weit gespannt, Oda und ihren Ehemann Horst Lange umarmt und ihnen Raum gegeben, uns zu erklären, wie sie dachten. Tiefer geht es nicht…..

Von li. nach re.: Die Schauspieler Evelyn Plan &Titus Horst und Biographin Dr. Monika Bächer

Die Schauspieler Evelyn Plank & Titus Horst und Biographin Dr. Monika Bächer

Den wichtigen Episoden ihres Lebens – den Stationen eines langen und oftmals brutalen, aber nie hoffnungslosen Weges, stellte die Schauspielerin Evelyn Plank die Gedichte von Oda Schaefer zur Seite. Die Auswahl dieser Zeilen war so treffend, dass sie sich oftmals genau in die Momente einfügten, die Titus eben noch als Lebenserinnerungen Oda Schaefers rezitierte. Viele Kreise schlossen sich an diesem Abend – auch derjenige der Einordnung mancher Zeilen aus Odas Feder.

Ich weiß nicht, wie Oda selbst gelesen hätte. Ich weiß nicht, in welchem Rhythmus sie schrieb. Ich weiß nicht, in welcher Melodie sie dachte. Ich weiß nur eines: Evelyn Plank hat mit Ausstrahlung und Stimme gezaubert, denn nur so kann – nur so muss – und sicherlich hat Oda Schafer nur so geschrieben und gefühlt. Kokett; nachdenklich; tief traurig; aufrüttelnd; vehement; laut; leise; zart; verträumt; verliebt; leidend; trauernd… All das hat man im Vortag von Evelyn Plank erfühlen können.

Evelyn Plank hat unserem Gefühl von Oda Schaefer eine Dimension verliehen, die wir bisher nicht kannten. Eine große Persönlichkeit, die in der Eindringlichkeit der eigenen Texte durch die Nuancierung des gesprochenen Wortes eine Ebene erreicht, die man erlebt haben muss. Frau Plank… sie haben ihre Zuhörer und uns an diesem Abend berührt… im wahrsten Sinne des Wortes.

Oda Schaefer - Immer war ich - immer werde ich sein...

Oda Schaefer – Immer war ich – immer werde ich sein…

Als dann die Biographin Oda Schaefers das Wort ergriff, begann der schon einzigartige Abend erneut eine sehr bedeutende Wendung zu bekommen. Dr. Monika Bächer verfasste bereits im Jahr 2005 ihre Dissertation Oda Schaefer (1900 – 1988) – Leben und Werk, die 2006 im Aisthesis Verlag veröffentlicht wurde. Eine Biographie, die man mit Fug und Recht als DAS Standardwerk zur Lyrikerin Oda Schaefer bezeichnen muss.

Wir haben uns bisher noch nicht mit den wissenschaftlichen Hintergründen eines Lebens beschäftigt. Wir haben keine Ahnung von der Analyse prosaischer Texte, ihrer Einordnung oder Kategorisierung und heute wissen wir, dass wir es hätten tun sollen. Unfassbar lebendig erzählte Dr. Monika Bächer aus dem Leben Oda Schaefers und ließ ihre Erkenntnisse aus umfangreichen Recherchen derart zart in diese Betrachtung einfließen, dass man niemals geglaubt hätte, dass es hier um eine Dissertation geht. So lebendig und so spannend kann Wissenschaft sein… wir haben viel gelernt.

Dr. Monika Bächer zitierte aus Odas Briefen und zeigte eine völlig neue Seite der Autorin. Sie war im direkten Kontakt unglaublich humorvoll und kokett. Sie liebte die Natur, die sich in einer großen Schaffensphase zum zentralen Element ihres Werkes entwickelte und war eine bedeutende Vertreterin der sogenannten Trostliteratur. Und zu trösten hatte Oda in Anbetracht ihrer eigenen Vita immer wieder. Nicht zuletzt sich selbst. Ein Zitat blieb mir besonders in Erinnerung. Auf die Bitte eines Verehrers, ihm doch ein Bild von sich zu überlassen, antwortete sie:

„Ein Photo schicke ich nicht.
Ich bin zu hübsch – das irritiert sie nur!“

Literatwo & Oda Schaefer - Mehr als Worte

Arndt Stroscher & Gastgeber Titus Horst – Mehr als Worte für Oda

Und natürlich waren auch wir geladen. Einfache Blogger, die in diesem erlesenen Kreis von eloquenten Lyrikern und Dichtern, Prosaliebhabern und Wissenschaftlern über unsere Annäherung an Oda Schaefer berichten sollten. Wir auf der Bühne des Lyrik Kabinetts, na wer hätte das gedacht. Diesmal war es an mir, Literatwo zu repräsentieren, aber Bianca war schon zu Beginn der Lesung telefonisch mit Titus Horst verbunden und so schloss sich auch dieser Kreis an einem besonderen Abend.

WIR haben von unserem Weg mit Oda berichtet, den man in einer eigens verfassten Chronologie sehr gut nachlesen kann. Wir haben von unseren Weggefährten berichtet, von vielen Zufällen und auch ein wenig vom Schicksal und wir haben von unseren Lesern erzählt, ohne deren Interesse eine solche Artikelserie nicht entstanden wäre. Voller Dankbarkeit haben wir über unsere Freude berichtet, wie schön es mit Oda Schaefer auf der Dresdner Schriftgut 2012 war und wir haben über unsere Gefühle erzählt, die uns durchfluten, wenn wir Odas Zeilen lesen.

Und letztlich haben wir darüber berichtet, was für uns die Relevanz von Lyrik in der heutigen Zeit ausmacht. Oda Schaefer war eine zutiefst pazifistische Autorin, die sich selbst in ihrem Leben treu geblieben ist. Die Kontinuität ihres Schaffens steht heute für ihr Lebenswerk. Und wenn wir heute im Angesicht einer Frau, die zeitlebens immer wieder schwer krank war, ihren einzigen Sohn im Krieg verlor und als Ehefrau eines schwer traumatisierten Weltkriegsopfers ihr Schicksal meisterte, die eigenen Probleme im lyrischen Licht betrachten, dann geben uns folgende Zeilen immer wieder Halt, weil Oda gezeigt hat, dass sie mit Leben gefüllt, das Leben retten können:

Immer war ich –
Immer werde ich sein
IMMER

Oda Schaefer- DAS FINALE

Oda Schaefer- DAS FINALE

Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich

Oda Schaefer - Ein Kreis schließt sich

Oda Schaefer – Ein Kreis schließt sich

Es ist ein ganz besonderer Moment im Leben, wenn aus einem kleinen Artikel ein Herzensprojekt wird, das dann im Laufe der Zeit eine Dimension erreicht, die auch in der Rückschau einfach unfassbar erscheint. Am 11.  Februar 2011 schrieben wir unsere ersten Zeilen zu Oda Schaefer nieder. Nachdem wir den Film Poll im Kino gesehen hatten, versuchten wir verzweifelt eines der Bücher jener Deutschen Lyrikerin zu finden, deren Lebenserinnerungen als Grundlage für das epische Meisterwerk  dienten.

Unser Entsetzen war groß, als wir feststellen mussten, dass weder Oda Schaefers Auch wenn Du träumst, gehen die Uhrennoch irgendein anderes ihrer lyrischen Werke in der weiten Welt des Buchmarktes erhältlich waren. Völlig vergessen. Nicht mehr publiziert. Verlegt… im wahrsten Sinne des Wortes. Wir waren tief getroffen. Nach einem solch bewegten Leben aus dem Fokus des verlegerischen Interesses zu geraten, das hatte sie nicht verdient. Wirklich nicht.

Und so schrieben wir schon im Februar 2011 im Aufruhr unserer Emotionen einen Satz, an dessen Realisierung wir niemals glauben wollten. Aufgegeben haben wir jedoch nicht:

„Habent sua fata libelli – Bücher haben Schicksale – wir werden diesem Schicksal auf der Spur bleiben und so lange träumen, wie unsere Uhren gehen und wieder Bücher von Oda Schaefer publiziert werden. Das könnt ihr uns glauben!“

Oda Schaefer - Eine magische Lesung in München

Oda Schaefer – Eine magische Lesung in München

Was dann geschah ist ein Teil unserer Geschichte. Der Artikel erfreute sich großer Resonanz und wir blieben beharrlich am literarischen Ball. Viele Zufälle (oder nennen wir es einfach „Das Schicksal“) halfen uns immer weiter – von Artikel zu Artikel und von Zeile zu Zeile. Oda Schafer wurde im Internet beachtet, man las bei uns über sie und befreundete Antiquare berichteten uns über die steigende Nachfrage an ihren Werken. Ihre Bücher jedoch blieben Mangelware.

Unverhoffte Wegbegleiter schlossen sich uns an. Menschen, die Oda Schaefer persönlich kannten, teilten ihre Erinnerungen mit uns und die Aufmerksamkeit unserer Leser wuchs ständig. Clara Luisa Demar, eine Schweizer Künstlerin die Oda viel zu verdanken hat, schrieb emotionale Beiträge für Literatwo. Unter der Überschrift „Wörterkränze für Oda“ verfassten unsere Leser Gedichte des Erinnerns an Oda und letztlich öffnete sogar Odas Erbe Titus Horst die Tür zu ihrem Nachlass.

Und ebenjener Erbe Titus Horst wagte 2012 gemeinsam mit dem Avicenna Verlag den großen Schritt, zwei Bücher von Oda Schaefer neu zu verlegen. Wir wollten es kaum glauben, bis wir die Werke in Händen halten konnten. “Immer war ich. Immer werde ich sein“ und “Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren” erblickten das Licht der Welt und wir waren wohl nicht ganz unschuldig daran.

Oda Schaefer - Lesen geht nur, wenn es Bücher gibt

Oda Schaefer – Das offizielle Programm für den Abend

Getreu dem Motto „Wenn nicht jetzt – wann denn dann…“ wurde auf der Grundlage der steigenden medialen Aufmerksamkeit gewagt, was sich jahrelang niemand getraut hatte. Oda war wieder da. Und auf der Buchmesse „Schriftgut“ in Dresden trafen sich alle Protagonisten dieses Projektes und brachten Oda Schaefer einem breiten Publikum nahe. Was für ein Erfolg.

Der Kreis schließt sich nun in voller Schönheit. Am 28. Oktober 2013 zieht Oda Schaefer im Lyrik Kabinett München ein und 25 Jahre nach ihrem Tod wird ihrer in einer groß angelegten Lesung gedacht. Und lesen kann man nur, wenn es auch Bücher gibt! Habent sua fata libelli… Bücher haben Schicksale.  Der Beweis für diese These liegt nun auf der Hand und wir werden immer im Gefühl leben, diesem Schicksal ein wenig auf die Sprünge geholfen zu haben.

Oda würde sich sehr über den Besuch vieler Lyrik-Liebhaber bei ihrer Lesung freuen. Das Programm für diesen Abend ist gediegen und man wird viel über ihr Leben und ihr dichterisches Werk erfahren. Auch Literatwo ist eingeladen und wir werden über unsere Annäherung an Oda berichten. Eine besondere Ehre für uns – zweifellos – denn es ist schon außergewöhnlich, dass wir uns vor einem lyrischen Auditorium präsentieren dürfen und auf diesem Wege verdeutlichen können, welch breit gefächertes literarisches Spektrum wir zu bieten haben. Herzensspektren eben…

Oda Schaefer und Literatwo - Eine Wegbeschreibung

Oda Schaefer und Literatwo – Eine Wegbeschreibung

Im Folgenden ist unser langer Weg mit Oda Schaefer in seiner Chronologie zusammengefasst. Wir legen dem geneigten Leser unsere Artikel und ihre Bücher ans Herz. Oda Schaefer und Literatwo – eine mehr als schicksalhafte Begegnung! Der Kreis ist geschlossen!

„Ein Leben mit Oda – Wie alles begann“

Oda Schaefer – Mit Poll zurück aus dem Vergessen

Oda Schaefer – Was Vergessen wirklich bedeutet

Oda Schaefer – Unvergessen – Poll und mehr

Oda Schaefer - Plötzlich so nah

Oda Schaefer – Plötzlich so nah

„Der Weg zurück ans Licht“

Oda Schaefer – Eine Tür öffnet sich bei Titus Horst

Oda Schaefer – Ein Irdisches Geleit – Zuhause bei Oda Schaefer

Neuerscheinung... was für ein tolles Wort für Oda Schaefer 2012

Neuerscheinung… was für ein tolles Wort für Oda Schaefer 2012

„Das Finale“

Eilmeldung – Oda Schaefer wird wieder verlegt

Der Kreis schließt sich in München

Oda Schaefer- DAS FINALE

Oda Schaefer- DAS FINALE

„Der bleiche König“ von David Foster Wallace hält Hof in Deutschland

David Foster Wallace - Der bleiche König

David Foster Wallace – Der bleiche König

ENDLICH IST ES SOWEIT! Die deutsche Fassung des letzten Romans aus der Feder von David Foster Wallace „The Pale King ist ab dem 7. November 2013 in Deutschland verfügbar. Unendliche Stunden hat der geniale Übersetzer und Foster Wallace-Kenner Ulrich Blumenbach damit verbracht, das Romanfragment aus dem Nachlass des legendären Schriftstellers für uns lesbar zu machen und als Der bleiche König“ erscheint der Roman im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Und nun hält „Der bleiche König“ Hof in Deutschland. Sein Erscheinen wird vom Verlags-Hofstaat und dem königlichen Übersetzer weithin in die Lande getragen und die Botschaft dringt sehr vernehmlich durch den Blätterwald. Benötigte man früher Herolde, um die Ankunft eines Königs zu verkünden, so bedient sich die bleiche Monarchie völlig neuer dynastischer Methoden.

Eine eigens erstellte Facebook-Seite wartet auf die treuen Vasallen und ab dem 20. Oktober beginnt ein Social Reading-Event der besonderen Art im Internet. Es handelt sich hierbei um eine kollektive, öffentliche Lektüre von »Der bleiche König«, mit Autoren und David Foster Wallace-Kennern wie Rabea Edel, Elmar Krekeler, Clemens Setz, Stefan Mesch, Hilmar Schmundt, Guido Graf und Ulrich Blumenbach.

David Foszer Wallace - Der bleiche König - Hier geht es zum großen Lesen

David Foster Wallace – Der bleiche König – Hier geht es zum großen Lesen

Auch unsere individuelle Annäherung könnt ihr in einzelnen Lese-Impressionen, die wir in regelmäßigen Abständen unter einem Beitrag zu David Foster Wallace auf unserer Literatwo-Facebook-Seite bündeln, selbst nachempfinden. Von der Geschwindigkeit des Lesens über einen verschwitzten Protagonisten bis hin zu einer Reflexion über die fiktionalen Aspekte eines Vorwortes, das erst nach dem achten Kapitel im Roman auftaucht.

Mit einem Klick zur Lesereise

Mit einem Klick zu unseren Lesereise-Impressionen

„Der bleiche König“ (orig. The Pale King) – der literarische Gegenentwurf zu Der unendliche Spaß steht nun kurz davor, die weit tragende Botschaft des großen amerikanischen Gegenwartsautors auch bei uns von Haus zu Haus zu tragen. Es ist jener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom depressiven Leidensdruck seiner Krankheit und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand. XENOS

Es ist jener David Foster Wallace, der Literatwo durch ein kleines Kapitel über den Diebstahl eines künstlichen Außenherzens zu ewigem „Unendlichen Spaß“ miteinander verband. Er war ein Schriftsteller, der es vermochte in den unscheinbarsten Momenten eines Romans Wortgewalten zu entwickeln, die in ihrer Dimension und Bildkraft einzigartig waren und sind.

Ein fragmentarischer Roman und eine bewegende Frage... The Pale King

Ein fragmentarischer Roman und ein verwehrter Preis… The Pale King

Es ist jener David Foster Wallace, dem man im Jahr 2012 den Pulitzer-Preis verwehrte, was uns zu einer emotionalen Kolumne veranlasste. Damit diese Jury-Ignoranz nicht so ganz ins Gewicht fiel, hat man den Preis in besagtem Jahr in der Kategorie „Fiction“ einfach nicht vergeben. Eine vertane Chance und ein ewig dunkler Fleck auf der weißen Weste dieses Preises.

Es ist jener David Foster Wallace, der bei Auftragsarbeiten immer wieder eigene Wege ging und sowohl in Fragen des Hummerverzehrs, als auch des Spaßfaktors bei Kreuzfahrten völlig von der gewerblichen Vorstellung der zahlungskräftigen Auftraggeber abwich. Sich selbst blieb er dabei immer treu – das haben ihm seine Leser nie vergessen. Und es ist jener Schriftsteller, dessen Romane und Kurzgeschichten uns seit Jahren begleiten. Über die Artikelbilder kommt man sofort zur entsprechenden Buchvorstellung von Literatwo. Ein ganzer Foster Wallace-Kosmos ist so entstanden.

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat... Zwei Leben

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat… Zwei Leben

Nun folgt dem „Unendlichen Spaß“ mit dem „Bleichen König“ die unendliche Langeweile. Wo vormals Unterhaltungspatronen den Atem raubten und Tennisspieler an ihrer spannenden Laufbahn feilten, da stellt nun die schleichende Sachbearbeitung in einer Steuerbehörde das ultimative Stilmittel zur Entschleunigung des Leserwillens dar. Und das ist bei David Foster Wallace alles andere als langweilig.

Er hinterließ seine Frau, zwei Hunde und eine Garage voller Manuskript-Fragmente, die erst nach umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine letzten Worte als Schriftsteller – es sind gewaltige Worte und stellen ein großes literarisches Vermächtnis dar. In Amerika avancierte „The Pale King“ zum viel bejubelten Bestseller und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker streckten reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace - The Viking Poem - Ein Wikingergedicht

David Foster Wallace – The Viking Poem – Ein Wikingergedicht

Öffnen nun auch wir unsere Herzen und unseren Verstand für das letzte Buch von David Foster Wallace und erinnern wir uns immer wieder daran, mit welch kleinem Viking Poem die bestechende Karriere eines großen Autors im Alter von sechs Jahren begann.

Erinnern wir uns immer wieder daran, mit welchen Worten er bei seiner Abschlussrede Das hier ist Wasser den anwesenden Studenten des Kenyon Colleges durch einen fulminanten Perspektivwechsel ins Gewissen und ins Leben redete. Erinnern wir uns einfach…

Und im Erinnern dürfen wir seinem Ratschlag aus Good Old Neon gerne folgen. Er hat sich auch nie dafür geschämt:

 „Weinen sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken - David Foster Wallace

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – David Foster Wallace

Das letzte Kapitel seines Schaffens ist wahrhaft königlich und verdient alle Aufmerksamkeit. Der bleiche König wird mit Sicherheit polarisieren und spalten, zu Diskussionen anregen und für Kopfschütteln oder Begeisterung sorgen… Was will man mehr erwarten von einem Roman? Folgt seinem Hofstaat bei der Live-Lesung ab dem 20. Oktober und macht euch wenige Tage vor dem Verkaufsstart des Romans selbst ein Bild von dessen Inhalt. Diese Chance sollte man David Foster Wallace auch heute noch geben.

„Der bleiche König“ strahlt heller als je zuvor. Er ist nicht so bleich, wie man es vermuten könnte. Wir bekennen uns zu dieser Monarchie des Geistes und tragen die königlichen Fahnen vor uns her. Und auch wir werden uns zuschalten, wenn aus seinem neuen Buch gelesen wird. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen.

David Foster Wallace - Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

Oft fragen wir uns in diesen Tagen, was David wohl selbst von dem ganzen „Rummel“ gehalten hätte. Vielleicht wäre er ja auch gar nicht mit der Veröffentlichung seines fragmentarischen Manuskriptes als Buch einverstanden gewesen, weil er „The Pale King“ für unvollendet hielt.

Vielleicht hätte ihn der Zweifel am Erfolg seines Romans und an der Tragfähigkeit seiner Worte sogar wieder tiefer in die bestehenden Depressionen getrieben. Vielleicht hätte er sich tief in seiner Garage vergraben und bis zum letzten Moment im Feinschliff, markiert durch Smileys und Haftnotizen, seinem Werk die letzten Falten geglättet.

Vielleicht… wir werden es nie erfahren!

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Alles ist grün… faszinierende Kurzgeschichten aus der Feder von DFW

Im eigentlichen Sinne jedoch sind wir fest davon überzeugt, dass er sich riesig darüber gefreut hätte, auch fünf Jahre nach seinem Selbstmord nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Denn nur, wer keine Zeichen hinterlässt, läuft Gefahr aus der kollektiven Erinnerung zu verschwinden.

Genau an dieser Stelle gilt unser Wort: Immer im Herzen – immer im Sinn – unendlicher Spaß – unendliches Lesen… und sehr weit darüber hinaus. Danke David!

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Das hatte man sich anders vorgestellt… Am Beispiel des Hummers

Nun aber raus mit uns auf den medialen Roten Teppich und verneigt euch, um seiner bleichen Majestät zu huldigen. Verfolgt die öffentliche Lektüre. Diskutiert mit, kommentiert und lasst euch einfach überraschen, was Kiepenheuer & Witsch für den „Bleichen König“ in der literarischen Schatzkammer hat.

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Editorischer Nachtrag:

Der wohl magischste Moment im Leben eines Bloggers ist dann gekommen, wenn aus der Druckfahne eines Romans ein Buch wird und wenn sich alles zusammenfügt, was vorher aus losen Blättern bestand. Der bleiche König ist eine Augenweide…. Da hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch unserem David auch in Sachen Buchqualität ein Denkmal gesetzt. Es ist da und es ist ein Gesamtkunstwerk. Zur Rezension.

Ein Denkmal... und mehr als das...

Ein Denkmal… und mehr als das… Zur Rezension mit einem Klick