[Binea & Mr. Rail] Acht Minuten… im Gespräch mit Péter Farkas

Alles das entschädigte ihn aber nicht einmal annähernd
für seinen Verlust. 
Lesen war nämlich seine dritte Natur.

Und er war noch immer nicht so weit,
diesen dritten Teil seines Lebens

ohne das Gefühl eines herben
Verlustes zu verschmerzen.

Der Verlust der Lesefähigkeit
traf ihn wie eine überaus langsame,

tückische, aber unaufhaltsam
fort­schreitende Lähmung.

Das Sonnenlicht benötigt genau acht Minuten, bis es die Erde erreicht. Ein langer Weg. Genau acht Minuten würden wir in trügerischer Ruhe leben, wenn die Sonne bereits aufgehört hätte zu existieren. Acht Minuten der Ahnungslosigkeit würden uns bleiben, bevor die Dunkelheit alles Sein vernichtet. Acht Minuten in scheinbarer Helligkeit… Acht Minuten nur.

Péter Farkas erzählt in „Acht Minuten“ von einem dementen Ehepaar, dem genau diese acht Minuten bleiben, bevor sich der Mantel der Dunkelheit über einen langen gemeinsamen Lebensweg legt. Farkas zeichnet trotz Alter und Krankheit ein versöhnliches Bild von den letzten Momenten der Selbstbestimmung, beschreibt liebevoll die Augenblicke der letzten aufflammenden Erinnerungen der beiden Liebenden, denen nichts auf dieser Welt die Würde zu nehmen vermag und macht uns zu atemlosen Wegbegleitern der zunehmenden Verdunkelung.

Mit einem Klick zum Artikel auf dem Blog.Lovelybooks…

Den vollständigen Artikel könnt ihr auf dem Blog.Lovelybooks lesen. Es geht um ein besonderes Bild von Herlinde Koelbl, den Kampf gegen ein fremdbestimmtes Leben, ein sehr persönliches Bekenntnis von Raily, das intensive Gespräch mit Péter Farkas und einen kleinen Abschied….

Und letztlich geht es um Liebe und Würde…

Benjamin Stein „REPLAY“ – wir spulen mal vor und zurück…

Replay liegt vor uns. Benjamin Stein hat es geschrieben. Es ist nicht unser erstes Buch aus seiner Feder, es ist nicht unsere erste Begegnung mit unserem „STEIN der Weisen“, es ist nicht unsere erstes Mal. Die Leinwand führte uns einst zusammen, verband uns durch ein Buch der vielen Lesewege und gipfelte in einem magischen Interview am Karfreitag 2010.

Benjamin Stein hat unser gemeinsames Lesen geprägt, wie kaum ein anderer Autor. Über kein anderes Buch haben wir so kontrovers und doch so liebevoll kritisch gesprochen. Und nun liegt Replay vor uns. Wir wissen, auf was wir uns einlassen. Wir drücken den blibliophilen Reset-Knopf in unseren Hirnen und begeben uns auf literarisches Neuland.

Replay… Literatwo spult mal vor und zurück… aber ganz langsam…

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Totalitäre Systeme kennzeichnen sich dadurch, dass sie Informationen beschaffen müssen und das perfide Wunderwerk Macht funktioniert durch Überwachung und die Transparenz der Untertanen. Musterbeispiel: George Orwell – Überwachungskameras bis zum Erbrechen und jede Bewegung wird von Staatsorganen überwacht. Musterbeispiele: Geheime Staatspolizei und STASI. Der totalitäre Staat glänzt durch Abhören und ausspionieren. Niemand kann sich dem entziehen.

Würden wir uns freiwillig in eine Diktatur des Geistes begeben und wer würde gegen diese Entwicklung ankämpfen, wenn es so wäre? Sind wir auf dem Weg, uns selbst transparent zu machen und ist es uns dabei vollkommen egal, welcher „Apparat“ im Hintergrund unser Leben ausspioniert?

Benjamin Stein beantwortet diese Frage mit JA – wir begeben uns freiwillig in die Welten des Internets, geben freiwillig Foren wie Facebook unser Geheimstes Preis, sei es öffentlich oder in Chatforen. Wir schreiben freiwillig Mails und transferieren unser Geld online. Und was interessiert uns, welcher Anbieter im Hintergrund sitzt und die Daten auswertet? Wir vertrauen auf das Gute im Menschen.

Diktatoren von einst würden sich die Finger lecken nach einem solchen Volk. Unternehmen von heute mutieren zu Monopolisten und drohen Machtstellungen zu erreichen, die man sich vielleicht im Moment nicht so recht vorstellen kann.

Benjamin Stein visioniert weiter. Er überwindet als Chefentwickler eines Kommunikationsgiganten die Hardware eines Smartphones und erfindet einen Chip. Dieser wird dem Kunden eingepflanzt und leistet Erstaunliches. Sämtliche Features moderner Kommunikation funktionieren durch gedankliche Konzentration. Die Realität verändert sich, indem man vollkommen unabhängig von Geräten Filme anschauen kann, Musik hören und seine täglichen Geschäfte abwickelt. Und das Größte daran – auch das eigene Gedächtnis kann man zurückspulen bis zu dem Punkt, der besonders schön war. So lässt sich der Protagonist des Romans jeden Morgen von seinem schönsten sexuellen Erlebnis wecken. Was für ein Start in den Tag.

Niemand muss den Chip besitzen – es ist freiwillig, aber die Lust und die Begierde des Menschen machen dieses neue Medium bald zum Weltstandard. Nichts geht mehr ohne ihn – Fahrzeuge lassen sich nur starten, wenn man ihn besitzt, der öffentliche Nahverkehr kann nur von Gechipten genutzt werden, Bankgeschäfte und das gesamte Leben werden gedanklich abgewickelt. Natürlich mit einem Großkonzern in der Hinterhand.

Wer ist Herr der Gedanken, wer ist Herr der Gefühle und welche Bilder sehe ich, weil ich sie mir ausgesucht habe oder werden sie mir vorgegeben? Wo endet und wo beginnt die Diktatur des Geistes, in die sich die Menschheit freiwillig begibt? Unser Protagonist erwacht eines Morgens mit den schönsten Gefühlen an eine aufregende Nacht – nur – was schaut unter seiner Bettdecke heraus? Ein Huf… was soll das und kann es wirklich sein eigener ehemaliger Fuß sein?

Alles halb so schlimm, wäre er nicht selbst der Erfinder des Chips… Er müsste es doch wissen.

Stein orwellt sich durch die selbst gewählte Zukunft des Menschen. Nicht absurd, nein, greifbar ist das Bild das er erzeugt. Dabei erzeugt er ein Bild, das ihm selbst fremd sein muss. Dreidimensionale Welten für Menschen, denen das Stereosehen nicht gegeben ist. Hier kokettiert Stein mit seinem eigenen Schicksal und schreibt sich selbst in eine Zukunft der Weitsicht. Ob diese neue Dimension das Opfer der Selbstaufgabe wert ist? Ob diese Zukunft nicht besser mit verschlossenen Augen zu ertragen wäre? Dies beantworten wir selbst beim Lesen von Replay.

Apple und Facebook sind nur die Paten solcher Visionen – Benjamin Stein ist ihr Vater. Er ist streng und verlangt viel. Wer ihm folgen will, sollte sich auf eine Reise in eine denkbare Zukunft vorbereiten und weiterdenken…

Ganz für sich… oder gemeinsam – so wie Literatwo…

Mit einem Klick zur literatwoischen Empfehlung: REPLAY

„Flucht“ mit Cassia & Ky

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„Als hätten die Vögel deinen Namen in den Himmel geschrieben.“

Dieses magische Zitat aus Ally Condies „Die Auswahl“ beendete im letzten Jahr unsere gemeinsame Rezension auf Literatwo. Dieser Satz war allerdings nicht das Ende aller Hoffnungen auf eine baldige Fortsetzung eines Buches, das wir zu unserem Gewinner des Lesejahres 2011 gekürt haben. Und dies aus bestem Grund und mit den guten Füllern unterschrieben.

Bestimmung, Liebe und der Beginn eines fast aussichtslosen Kampfes gegen ein allmächtiges System – diese Faktoren haben uns zu Weggefährten von Cassia werden lassen. In einer Gesellschaft der Zukunft wird sie „gepaart“ – eine von der Regierung arrangierte Partnerschaft soll ihren zukünftigen Lebensweg bestimmen. Dabei kann sie nicht klagen, fällt die Wahl doch ausgerechnet auf ihren besten Freund Xander. Keine unliebsamen Überraschungen und das System wird wohl wissen, was es tut. Diese Form von Ehevermittlung dient dem Überleben der Gesellschaft und die Partner sind nach Veranlagung, Erbmaterial und weiteren Parametern ausgewählt. Das System irrt nicht. Niemals…

Allerdings muss Cassia schon bald feststellen, dass etwas nicht passt. Die offizielle Ankündigung des Systems zeigt mitnichten ihren Freund Xander. Sie sieht für einen kurzen Moment ein anderes Gesicht… kein unbekanntes. Ihre Gedanken beginnen zu fliegen. Kann es sein, dass es einen anderen Mann gibt, der besser zu ihr passt? Kann es sein, dass Xander nicht für sie bestimmt ist? Das Geheimnisvolle beginnt Cassia in seinen Bann zu ziehen.

Freundschaft und Liebe passen nicht zusammen – diese Erkenntnis gräbt sich ebenfalls in ihrem Herzen ein, da es ihr nicht gelingt, mehr für Xander zu empfinden. Dieses Mehr, das ein Leben an der Seite eines Mannes erträglich macht. Cassia begibt sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Gesicht ihrer Bestimmung.

Als sie Ky zum ersten Mal bewusst begegnet ist sie fasziniert und eine unbekannte Sehnsucht ergreift Besitz von ihrer Phantasie. Ky wird das Mehr in ihrem Leben. Aber diese Partnerschaft ist nicht im Sinne des Systems. Ky steht außerhalb der Gesellschaft – geächtet, weil seine Familie nicht untertänig genug war. Keine gute Grundlage für ein gemeinsames Leben. Die Nagelprobe beginnt, als Ky in die Provinzen geschickt wird, um dort die Grenzen des Systems gegen Feinde zu verteidigen

„Als hätten die Vögel deinen Namen in den Himmel geschrieben.“

Seine liebevollen Worte gehören Cassia – seine letzten Gedanken vor der Abreise gelten ihr. Kann sich eine Bestimmung erfüllen? Oder werden beide zum Opfer des Systems? Diese Fragen liegen vor uns, seit wir „Die Auswahl“ geschlossen haben….

Nun geht die Reise weiter. Die Flucht ist gerade angekommen und lebhaft sehen wir den Inhalt des ersten Teils vor unseren Augen. Zu tief hat sich die Geschichte eingebrannt, zu emotional war die Beziehung zwischen Cassia und Ky und zu bohrend waren all die Fragen, auf die wir Antworten suchen.

Die Flucht – der Name scheint Programm. Cassia durchstößt die Kugel, die sie scheinbar behütet, aber auch gefangen hält und ihr Schrei nach Freiheit und Selbstbestimmung gipfelt in dem Wunsch, Ky zu finden. Ihr Weg führt sie in die entlegenen Provinzen des Systems. Feinde bekämpfen… wozu sollte Ky das tun? Und von welchen Feinden ist hier die Rede? Wer kann ernsthaft daran denken, dass ein solch menschenfreundliches System noch Feinde hat? Fragen, die Cassia nicht mehr loslassen.

Und trotzdem kommt sie zu spät…denn auch Ky ist auf der Flucht…

„Als hätten die Vögel deinen Namen in den Himmel geschrieben.“

Vielleicht wird der Himmel ihnen den Weg weisen – vielleicht wird die Bestimmung sie wieder vereinen und vielleicht gelingt es ihnen, gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Literatwo hat gepackt. In die Provinzen werden wir reisen – nur mit leichtem Gepäck… wir halten Ausschau nach Worten am Himmel und als Wegweiser dient uns „Die Flucht“ von Ally Condy…. Ab dem 20. Januar könnt ihr uns begleiten, der Weg ist gefährlich, die Feinde sind unbekannt und wir wagen den großen Schritt auf den Spuren von Cassia und Ky….

Wir erzählen euch von unserer Reise, wenn wir unseren Weg nach Hause wiederfinden… Wenn… Es liegt ein langer erwartungsvoller Weg vor uns und wir wissen bereits jetzt, dass er nicht mit „Der Flucht“ enden wird. Jetzt aber los…

HHhH – Ein Buchtitel?!

Himmlers Hirn heißt Heydrich_Laurent Binet_Literatwo

Außergewöhnlich – bereits das Cover zieht unsere Blicke an.
Außergewöhnlich – auch der Titel mit seinen vier Buchstaben, drei große und ein kleiner.
Außergewöhnlich – auch sein Inhalt, denn der Autor schreibt sein Buch, während der Leser es liest.
Außergewöhnlich – und doch so bekannt ist der Inhalt seines Werkes.

HHhH

Ein Buchtitel bestehend aus vier gleichen Konsonanten? Richtig gelesen. HHhH… Himmlers Hirn heißt Heydrich, ein geflügeltes Wort der französischen Resistance wird hier zum programmatischen Aufmacher. Ungewöhnlich der Titel, ungewöhnlich das Buch – in jeder Beziehung.

Der Roman ist in Frankreich erschienen und dies ist allein schon deshalb eine Bemerkung wert, da der Franzose sprachlich den Buchstaben H nicht beherrscht. Wie mag es sich angehört haben, wenn in einer kleinen französischen Huchhandlung nach diesem Roman gefragt wurde? Denn diese vier Buchstaben prangten auf der Originalausgabe, ist der deutsche Spottspruch doch im Französischen ebenso bekannt und  eingänglich, wie sämtliche Anglizismen in unserer Sprache.

Der historische Plot ist wohl schnell erzählt.

Reinhard Heydrich, rassenideologischer Vordenker und Initiator aller technischen Fragen der „Endlösung“, Erfinder der Verfahrensweise eines realisierbaren „Genozids“ an der jüdischen Bevölkerung Europas wird im Jahre 1942 in Prag auf offener Straße erschossen. Die Attentäter rekrutieren sich aus der Gruppe nach England emigrierter Exiltschechen, die einzig zum Zweck des Widerstands ihr Heimatland infiltrieren.

Schnell erzähltein Fallschirmabsprung in der Gegend von Prag, Unterschlupf in Prag, Auskundschaften der Routinewege des Platzhalters des großen Diktators und „Rums“ – Attentat… Die Operation Anthropoid ist erfüllt und das dramatische Ende der „Terroristen“. Alles bekannt, keine Frage bleibt offen. Das ganze wurde beschrieben, vertont und verfilmt. Also – ein Buch von vielen zu einem bekannten Thema….

Dachten wir… und damit lagen wir falsch… so falsch…

Was der Autor Laurent Binet mit diesem Roman vorlegt ist wohl eines der absolut ungewöhnlichsten Bücher, das in den letzten Jahren den Weg zu uns gefunden hat. Ein Buch im Buch, da er in vielen eingeschobenen und verwobenen Kapiteln nicht nur den Handlungsfaden spinnt, sondern auch die Entstehung des Romans in äußerst skurriler Art und Weise in das gesamte Geflecht mit einwebt. Er beantwortet sich selbst die Frage, warum dieses Buch überhaupt geschrieben wird, er erliegt Täuschungen und Fehlinterpretationen, die er selbst im Fortlauf der Geschichte einräumt und korrigiert und er vergleicht sein Schaffen mit all Jenen, die sich diesem Thema zuvor genähert haben. Sensationell. Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell und Vaterland von Robert Harris begegnen uns auf der Suche nach der Wahrheit, verzerren diese, unterstreichen sie und lassen uns dann doch wieder mit Binet alleine. Die Bücher reden miteinander…. Wie immer…

Binea hat während des gemeinsamen Verfassens dieser Rezension ein passendes Bild für diese literarisch außergewöhnliche und teilweise etwas groteske Vorgehensweise formuliert:

„Sagenhaft was Laurent Binet mit mir macht… wie bei einem Fußballspiel, welches man kennt und in der Wiederholung sieht, geht er mit meinem Empfinden um. Ich kenne das Ziel, kenne den Tatverlauf und doch ist die Spannung vorhanden, aber er möchte nicht schnell zum Ziel kommen, spielt den Wortball in den Rückraum, dann ein Stück nach vorne, wechselt über die komplette Wortseite um etwas Lesezeit heraus zu holen, passt dann wieder nach vorne, beschleunigt ungemein, um dann kurz vor dem finalen Tor doch noch kurz zu stoppen, damit sich der Leser bereit machen kann für das was kommt…

Das tut Laurent Binet nicht nur für den Leser, sondern auch für sich… ein Gleichtakt… bei dem keiner den Schlusspfiff möchte…

Einerseits begleiten wir in einer top-geheimen Kommandoaktion die tschechischem Attentäter, erfahren Hintergründe aus ihrem Leben, als würden sie uns Rechenschaft ablegen – andererseits sitzen wir neben dem Schriftsteller und erleben sozusagen live, an welchem Tag und wo er diese tiefe Erkenntnis erlangte. Wir werden zum Teil des Rechercheteams und auch Teil der Geschichte. Und dabei lässt uns der Autor allen Spielraum, selbst zu denken, selbst Schlüsse zu ziehen und räumt dabei ein, auch nicht immer den 100%ig richtigen Weg gefunden zu haben. Geschichte wird lebendig und das Prag zweier unterschiedlicher Perioden erwacht vor unseren Augen. Litertwo blickt tief…

Zeitgeschichte zum Anfassen – eine Geschichte der Zeit – es wurde Zeit für diese Geschichte.

Heydrich hallt nach. Das Attentat verblasst in der Weltgeschichte, als hätte es nie stattgefunden. Der Technokrat der Massenernichtung hat über seinen Tod hinaus den Maßstab der Vernichtung definiert. Zuletzt mussten wir feststellen, dass sein Name sogar 1944, also zwei Jahre nach seinem Tod, im KZ Auschwitz bei zwei 10jährigen Zwillingsschwestern das Synonym für Tod, Leid und Verlust der gesamten Familie bedeutete. Sie gerieten dort an den Arzt Josef Mengele, dessen Taten erst durch den Vordenker Heydrich ermöglicht wurden.

Heydrich und Mengele… zwei Namen – nur zwei Namen… unter dem Dach des Nationalsozialismus allerdings skrupellose Henker der Neuzeit.

Ein Lesesamstag zu diesem Buch ist tiefschürfend.

Literatwo empfiehlt….

Kann Ursula Poznanski mit Saeculum Erebos übertreffen?

Saeculum -

Saeculum – U. Poznanski

Erebos hat uns vor einem Jahr komplett überzeugt. Mr. Rail und ich haben das Spiel mitgespielt und wir konnten Erebos einfach nicht entkommen.

Wir waren gefangen, wir konnten das Buch kaum aus der Hand legen, wir mussten immer wieder darüber reden.

Wir haben uns komplett in Frau Poznanskis Hände begeben und waren durch ihre Wortgewalt und die wahnsinnige Spannung machtlos, wir konnten nicht entkommen.

Wir haben das Buch beide besprochen und haben damit weitere Buchliebhaber mit dem Spielvirus infiziert.

Der Virus ist immer noch ansteckend, also Vorsicht!

Mr. Rail setzt mit seinen Worten die Nadel an, durch die Erebos in den Blutkreislauf gelangt und meine Worte intensivieren die Blutverteilung und wirken hochgradig ansteckend. 

Mit großen Erwartungen haben wir uns ins Rollenspiel Saeculum begeben. Ein weiteres Spiel, diesmal ohne PC, sondern in der freien Natur. Hätte es Erebos nicht für uns gegeben, wäre unsere Messlatte nicht so hoch gewesen. Die Höhe von Erebos hat Ursula Poznanskis nicht mehr übersprungen. Warum das Buch aber immer noch deutlich höher springt als bei anderen Autoren, könnt ihr in unseren Rezensionen lesen. Entscheidet selbst, ob ihr an diesem Spiel teilnehmt und euch in den Wald begebt oder lieber in der städtischen Sicherheit bleibt.

Saeculum – so heißt der neue Roman der Erebos Autorin Ursula Poznanski. Ganz in schwarz-weiß gehalten, weckt das Buch absolute Neugier und Vorfreude auf den Inhalt. Die Äste ranken sich bereits auf dem Cover und greifen nach dem Leser. Die Hände des Waldes strecken sich weit aus, um Leser und Protagonisten zu umfassen.

Saeculum bedeutet Jahrhundert. Wir leben im 21. Jahrhundert, doch die Mitspieler des Live-Rollenspiels namens Saeculum versetzen sich ins 14. Jahrhundert, ins Mittelalter zurück. Das Rollenspiel ist beliebt im Kreis der jugendlichen Mittelalterfans und bald soll wieder ein neues beginnen. Das Organisationsteam hat bereits schon einen geheimen Ort ausgesucht, denn ganz legal ist dieses Spiel nicht, in dem die Mitspieler fünf Tage lang unterwegs sind, ohne Gegenstände aus der heutigen Zeit.

Saeculum – Bastian weiß bisher noch nichts von diesem Spiel. Er ist zum ersten Mal mit auf dem Mittelaltermarkt in Köln. Wegen Sandra ist er da, denn sie hat es geschafft, den Medizinstudenten von seinem Schreibtisch zu entführen. Bastian war zuvor noch nie auf so einem Markt und blickt sich skeptisch, aber interessiert um. Sandras Freunde, sind ihm leicht suspekt. Iris hat eine kunterbunte Frisur und ist zurückhaltend,  Lisbeth ist wunderschön, hat aber ständig ihren Freund Georg neben sich, der jeden Schritt von ihr beobachtet, und Paul ist stark, wie er in einem Schaukampf beweist, aber nicht richtig einzuordnen. Doro ist eine Wahrsagerin und scheint die Zukunft voraus sehen zu können, jeder hat etwas Seltsames an sich. Einzig sympathisch scheinen Warze und Steinchen zu sein, mit denen er gleich ins Gespräch kommt.

Saeculum – ein neues Abenteuer wird beginnen und Sandra möchte unbedingt, dass Bastian dabei ist. Etwas Abwechslung würde ihm sicherlich gut tun und sie hätte ihn gern bei sich, denn sie würde sich durch ihn sicherer fühlen. Da er Sandra mag, kann er ihren Wunsch kaum ausschlagen und erklärt sich sofort bereit dabei zu sein. Seine mittelalterliche Ausstattung kauft er sich prompt und seine Vorfreude auf die Natur beginnt zu steigen. Über Pfingsten findet das Rollenspiel statt und Bastian legt freiwillig seine Unilektüre beiseite. Ein merkwürdiger warnender Anruf erreicht ihn kurz vor der Abfahrt und auch sein Vater, der ihn immer nur aufsucht, wenn er ihn zum Vorzeigen irgendwo braucht, erscheint plötzlich. Doch Bastian hat die Nase gestrichen voll von seinem Vater und weist ihn ab.

Saeculum – es geht los, der Zug setzt sich in Bewegung und fünf Tage brechen an. Fünf Tage mit seinen neuen Freunden im Mittelalter. Fünf Tage Natur, Freiheit und Abenteuer. Doch bereits am Zielort wird Bastian mit Unerwartetem konfrontiert und der komplette erste Tag entwickelt sich vollkommen anders, als er es sich, genau wie scheinbar alle anderen auch, vorgestellt hatte. Ein Mitspieler verschwindet und eine Botschaft taucht auf, die nicht aussichtsreich klingt.

Mein Fazit:

Saeculum – ein wahrlich packender Roman, der in eine vergangene Zeit führt, finde ich. Anfangs heißt es, den Überblick nicht verlieren, denn Frau Poznanski bringt jede Menge Namen und Charaktere auf den ersten Seiten sprichwörtlich ins Spiel. Rasend schnell plustert sich der Roman auf, es gilt ein breites Faktenspektrum im Auge zu behalten. Aufmerksamkeit muss die ganze Zeit beim Lesen bewahrt werden, denn die Ereignisse überschlagen sich und jeder der Mitspielenden muss genau analysiert werden. Ein packendes Rennen gegen die Zeit beginnt und der Spannungsbogen wird immer straffer gespannt. Ursula Poznanski greift in ihrem neuen Thriller vor allem die Themen Freundschaft und Zusammenhalt auf. Als Leser ist man mittendrin im Geschehen und muss selbst die Nerven bewahren und fragt sich, wie weit man für andere gehen und wie man selbst in solchen Situationen entscheiden würde.

Saeculum – ein mehr als lesenswerter Jugendthriller mit gut konstruiertem Plot, geheimnisvollen Charakteren, bei denen jeder Leser selbst den Tiefgang suchen muss und dem ein Entkommen zwischen den Seiten kaum möglich ist.

Railys Fazit:

Meisterlicher Spannungsaufbau, flüssiger Schreibstil und die grandiose Verkettung von Handlungsgeflechten kennzeichnen diesen spannungsgeladenen Roman, findet Mr. Rail. Die Szenerie ist bildhaft und packend gewählt und ich werde nie wieder einen Mittelaltermarkt betreten können, ohne an Saeculum zu denken. Ich werde nie wieder meine Brille aufsetzen, ohne darüber nachzudenken, dass ihr Verlust auch der Verlust meiner Orientierung sein könnte – und sei es nur in einem Rollenspiel, in dem ich sie nicht tragen dürfte. All dies hat mich begeistert.

Im Vergleich zu Erebos hatte ich jedoch auch so meine Probleme mit der Plausibilität des Plots. Während in Erebos jeder Teilnehmer am „Spiel“ in einzigartiger Art und Weise in das Spiel aufgesogen wurde, kann ich in Saeculum nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet eine junge Frau an einem solchen Rollenspiel teilnehmen sollte, deren reales Leben durch Flucht und Angst gekennzeichnet ist. Abwechslung vom Alltag und Abenteuerlust als Motivation -ok – das glaube ich gerne. Aber jemand, der auf der Straße lebt, wird wohl kaum freiwillig in den Wald gehen, um das Erlebnis des Schlafens in der freien Natur mit anderen zu teilen.

Bei der Vielzahl der Charaktere, die zudem blasser ausgefallen sind, als diejenigen in Erebos, hat die Autorin an einer für mich entscheidenden Weggabelung ihres Romans eine Person schlicht und ergreifend vergessen – ihre weitere Zukunft im Buch wurde für mich danach nur noch zum Rätsel. Erebos ist Maßstab und Weltrekordhöhe – Saeculum ist hoch genug für die Bestsellerlisten, sehr hoch, hat aber  nicht das erhoffte Erebosformat.

  Saeculum

 Broschiert – 496 Seiten

 14,95€

 Loewe Verlag

Tote Mädchen lügen nicht…

Literarisches Teamwork … Buch- und Hörbuchbesprechung von Literatwo

Wir können nichts verändern, was wir jemals angerichtet haben. Unbedachte Verletzungen und gezielte Schmährufe kommen oft leicht von den Lippen, besonders wenn man sich in einer Gruppe versteckt. Die Folgen sind oftmals fatal. Unkalkulierbar. Binea und ich haben uns diesem Thema schon mehrfach gewidmet. Diesmal begeben wir uns gleichzeitig in ein Buch. Binea liest – ich höre. Und unmittelbar danach haben wir alle Karten auf den Tisch gelegt.

Impressionen, Gefühle, Inhalt, Wirkung und anhaltende Botschaft des Romans Tote Mädchen lügen nicht haben uns dazu veranlasst, dem Buch in Print- und Audiofassung ein besonderes Augenmerk zu schenken. Eine Teambesprechung der literatwoischen Art eben. Binea fängt mal an… ein Anfang ohne Ende 😉

Tote Mädchen lügen nicht – das Buch aus Bineas Sicht…

Am Ende des Buches liegt Hannah Bakers Liste neben mir. Von Kassettenseite zu Kassettenseite habe ich alle Namen aufgelistet und Verbindungslinien zwischen ihnen gezogen. Wenn ich mir die Namen ansehe und daran denke, was diese Personen gesagt oder getan haben, kann ich ihren letzten Schritt, sich das Leben zu nehmen, nachvollziehen. Eine Lawine hat sie überrollt, der sie einfach auf Dauer nicht standhalten konnte, vor allem nicht, wenn die Lawine immer größer und schneller wird.

In mir toben Emotionen. Ich bin traurig, wütend, fühle Hass, aber auch Hilflosigkeit. Hannah war ein Mädchen, das fest im Leben gestanden hätte, wenn diese Menschen nicht diese unauslöschbaren Einschnitte in ihr Inneres gefügt hätten. Ein Buch, das einem selbst bewusst macht, was Sätze, die man ganz unbewusst sagt in anderen Menschen auslösen können. Auch Sätze, die man bewusst sagt, oder Handlungen, die man bewusst begeht, um bei einem anderen Menschen etwas zu bewegen, waren hier der Hauptauslöser. Oft werden bei diesen auch noch so kleinen Mobbingattacken nicht die Folgeschäden, die man damit auslösen könnte, bedacht.

„Niemand von uns weiß genau, wie viel Einfluss wir auf das Leben der anderen haben. In der Regel gibt es keine konkreten Hinweise, uns so machen wir einfach weiter, ohne unser Verhalten zu überdenken.“

In Hannahs Fall stauen und stapeln sich diese bewussten und unbewusst ausgelösten Handlungen und gesagten Sätze so sehr, dass kein Platz für mehr in ihrem Leben für weitere ist. Hervorgerufen von Menschen, die sich Freunde oder zumindest Klassenkameraden und Bekannte nennen. Der Kuss, der nicht echt war, die Freundschaft die keine war, fehlende Anerkennung, eine Abstimmungsliste und vieles mehr, ließen Hannah verzweifeln.

Ein Buch, das von Jugendlichen gelesen werden muss oder sogar gleich mit in den Unterrichtsstoff aufgenommen werden sollte. Es bietet ein großes Diskussionspotenzial und öffnet die Augen. Der ganze Plot des Romans sticht für mich bereits aus der Masse hervor. Der Autor hat diese Grundidee mehr als brillant umgesetzt und mit einem nachvollziehbaren und Emotionen auslösenden Inhalt bestückt. Das Buch ist in einer Art Dialogform geschrieben, bei der sich die Gedanken von Clay Jensen und Hannahs Stimme auf der Kassette abwechseln. Dabei ist der Teil, der von der Kassette abgespielt wird, in kursiv gedruckt, um den Leser nicht zu verwirren. Gerade diese Dialogform macht das Buch lebendig, als ob man selbst die Playtaste gedrückt hätte und bei Hannas Worten in Gedanken antwortet.

Ein Päckchen ist der Anfang vom Ende, denn dieses hat Hannah nach ihrem Tod, an den ersten von insgesamt 13 Menschen losgeschickt. Sieben Kassetten mit 13 besprochenen Seiten. Auf den Kassetten hat sie ganz bewusste Anweisungen zur Handhabung geben und jeder ist gezwungen ihr Aufmerksamkeit zu schenken, sie anzuhören, vom ersten bis zum letzten Wort. Jeder wird, wenn er an der Reihe ist, erfahren, was er selbst dazu beigetragen hat, dass Hannah nun nicht mehr unter den Lebenden ist. Wenn derjenige oder diejenige dann weiß warum, sollen die Kassetten an den oder die Nächste weiter gesendet werden. Auch wenn man dies aus Angst oder Scham nicht tut, hat Hanna vorgesorgt und abgesichert, dass diese Kette nicht unterbrochen werden kann.

Clay Jensen durchfährt eine Gänsehaut, als er ihre Stimme hört und gleichzeitig fragt er sich, warum er diese bekommen hat. Ein Irrtum wahrscheinlich, da er sich nicht vorstellen kann, wo sein persönlicher Fehler liegt. Clay muss nun alle Seiten anhören und vor allem er will diese auch anhören. Er hat den Tod von Hannah nicht verkraftet und auch eine Art Neugier in sich, da er gern die Frage des Warums beantwortet hätte. Als Clays Mutter ihn stört, zuckt er wie auch der Leser selbst zusammen, jede Unterbrechung löst ein eigenartiges Gefühl aus. Als ob man ertappt wurde bei etwas Verbotenem, aber auch aufgrund der Spannung ist jede Unterbrechung eine Qual.

Als ob man gejagt wird, als ob es jetzt, wo Hannah tot ist, immer noch um Zeit geht oder etwas verhindert werden kann, liest bzw. hört man, um alle Gründe zu kennen. Bei diesem Buch darf man einfach nicht unterbrochen werden. Clay Jensen und der Leser hören gebannt Hannahs Worte, laufen zu den benannten Plätzen und bauen innerlich eine große Spannung der Zerrissenheit auf, denn Hannah ist tot und wird tot bleiben.

Jay Asher hat mich mit seinem Roman begeistert und beeindruckt. Das Buch ist die Empfehlung für Jugendliche und auch für Erwachsene. Ich glaube nach diesem Buch hat sich in einem selbst, in seiner Sicht, so einiges verändert und gedreht.

Ein bewegender Roman über ein Mädchen das sich nirgendwo mehr sicher fühlte, ganz zuletzt wurden sogar ihre Gedanken der Lächerlichkeit preisgegeben.

Was Raily beim Hören passierte… Tote Mädchen lügen nicht…

Inhaltlich trifft Binea den buchigen Nagel wie immer auf den Kopf… wir sind uns so sehr einig darüber, dass dieses Werk sehr wichtig ist und aus dem Mainstream zum Thema Mobbing deutlich heraussticht. Ich habe es nicht gelesen. Ich habe es gehört und obwohl ich kein Hörbuchfan der ersten Stunde bin, ist mir hier etwas passiert, das mich mehr als begeistert hat.

Zwei Klasse-Sprecher, eine Geschichte und im Mittelpunkt ein Kassettenrecorder, wie ich ihn selbst noch von früher kannte. Was ist besser geeignet für die Audiofassung eines Romans – dachte ich. Ich ließ mich in die Geschichte fallen und lauschte der Einleitung. Ein Beginn wie in jedem Hörbuch – mir wird vorgelesen. So wie immer – ich muss mich konzentrieren – so wie immer und dann kommt ein Geräusch, dass mich innehalten lässt.

Es ist das Geräusch, mit dem der Recorder beginnt, das erste Band abzuspielen. Hannahs Stimme ertönt… kräftig und doch verletzt. Ich erfahre schnell, dass dies ihre letzten Worte sind – letzte Worte auf 13 Seiten von 7 Kassetten. Ihre Abrechnung mit den Schuldigen an ihrem Freitod. Ich schaudere. Das ist kein Hörbuch… ich bin selbst mittendrin. Ich schaue mich um, ob mir jemand zuhört – habe fast ein schlechtes Gewissen, Hannahs intimsten Moment zu belauschen. Den Moment, in dem sie mit der Welt um sich herum abschließt.

Anklicken und reinhören in die Audiofassung auf Audible…

Wenn jemals ein Hörbuch eine einzigartige Daseinsberechtigung hatte, dann dieses. Wenn jemals das Hörbuch wichtiger und eindrucksvoller sein kann, als seine Romanvorlage, dann dieses. Und wenn man jemals lieber hören als lesen möchte – dann bitte hier! Ein unvergesslich unmittelbarer Eindruck von der großen Geschichte eines toten Mädchens, das nicht zur Lüge fähig ist.

Auch Binea musste sich dann schließlich in das Hörbuch wagen… zum Abschluss unserer Reise durch diese magische Geschichte rundet ihre Meinung auch meinen Eindruck vom Hörbuch ab:

Auch ich als Nicht-Hörbuchfan muss betonen, dass man unbedingt den Versuch wagen sollte, reinzuhören. Die Stimmen sind sehr deckungsgleich zu meinen Kopfstimmen, die ich während des Lesens hatte. Clay Jensen wird von Robert Stadlober und Hannah Baker von Shandra Schadt gesprochen. Ich habe es nach dem Buch gehört und dadurch, dass Clay auch hört, macht es die Geschichte noch authentischer. Vor allem die Geräusche wenn Clay das Tonband unterbricht oder wieder zum Laufen bringt, erzeugen das Gefühl wirklich neben ihm zu sitzen.

Ihr habt nun die Wahl, ob euch Hören oder Sehen vergehen soll. Egal wozu ihr euch entscheidet, die Geschichte ist groß. Greift zum Buch oder zum MP3-Player… Hauptsache ihr verinnerlicht den letzten lauten Hilferuf eines Mädchens, dem die Umwelt fast keine Chance gegeben hat.

Ein internationales Thema….

Bücher die gemeinsam begeistern:

Wer das Eine mag, wird das Andere lieben - und umgekehrt...

Wer das Eine mag, wird das Andere lieben – und umgekehrt…

Nur mal EBEN lesen…

Vor wenigen Stunden erst haben wir in unserem Artikel Die Liga der Bücher einen gewagten Vergleich angestellt und die literarische Leidenschaft auf die Fußballplätze dieser Welt gespiegelt. Über Auf- und Absteiger haben wir berichtet, vom drohenden Lizenzentzug wegen sportlicher Wertlosigkeit und vom Meistertitel 2011.

Unser wahres Anliegen war es jedoch, darauf aufmerksam zu machen, wer in dieser Bücherwelt zu den Meistern unserer Herzen zählt.

Robert Eben gehört zweifellos in diese literatwoische Ehrenliga. Lange haben wir über seinen Roman gesprochen, haben gezweifelt, gelacht und auch geweint. Wir waren kritisch und offen… wir haben uns fallenlassen und wurden aufgefangen. Ein Roman ohne doppelten Boden und mit einem Autor, der Aufmerksamkeit verdient. Biancas Worte treffen den Kern unserer Lesereise und ich kann sie nur mit dem guten Füller unterschreiben.

Heute betritt er unser Spielfeld. Der Ball liegt zum Anstoß bereit und wir sitzen bequem im VIP-Bereich unseres eigenen Stadions. Es wäre schön, wenn heute ausverkauft wäre – es wäre schön, mit euch gemeinsam jeden gelungenen Pass zu feiern und mitfiebern zu können. Kommt einfach herein und fliegt mit. Die Vögel am Horizont breiten ihre sanften Schwingen aus…

Nur mal EBEN lesen wollten wir Literatwos und öffneten gemeinsam Robert Ebens Roman „Die Vögel am Horizont“.

Nur eben mal, doch dann fanden wir uns in Prag wieder. Clemens allerdings, hätte sich auch nicht träumen lassen, dass er auf seiner Recherchereise bis in die tschechische Hauptstadt kommt und das in Begleitung einer Frau. Er arbeitet freiberuflich und befand sich vorerst in einem Dorf nahe der deutschen Grenze, im Böhmerwald. Als Reporter sollte er sich die Gegend anschauen um über den Zustand des Waldes und über die dort lebenden Menschen berichten. 20 Jahre war es her, als sich der politsche Systemwechsel, samtene Revolution genannt, vollzog. Clemens war nicht sonderlich begeistert von dieser Aufgabe, dennoch froh über jedes Angebot, versuchte er sich in die Materie zu begeben. Er musste dies auch, der Jahrestag rückte näher und es blieb ihm nichts anderes übrig, als endlich mit der Dokumentation zu beginnen. Der Auftrag kam ihm trotz des Themas sehr gelegen, da er es liebt, sich in der Tschechischen Republik aufzuhalten, er die Sprache gern spricht und einige ruhige Tage verleben kann um zu entspannen.

In Deutschland wartet seine Freundin Johanna auf ihn, doch eine Sehnsucht verspürte er nicht, fühlte sich ihre Beziehung doch eher wie eine Freundschaft an. Er vermisste sie nicht, er fühlte sich frei und gönnte sich sogar einige Bordellbesuche. Als er in der Pension den Abend ausklingen ließ, trat Kristyna in die Wirtsstube. Eine wunderschöne Frau, die seinen Blick auf sich zog. Am nächsten Morgen sah er sie wieder und er begann ein Gespräch mit ihr. Kristyna war auf dem Weg zurück nach Prag, wo sie als Kindergärtnerin arbeitet und ihre freien Tagen waren leider nun vorbei. Allerdings war das Gespräch zwischen ihnen in vollem Gange und spontan fragte Kristyna ihn, ob er sie nach Hause fahren möchte.

Clemens liebt Prag und seine Arbeitswut hielt sich immer noch in Grenzen, ein paar Tage mehr konnte und wollte er verschmerzen. Diese wunderschöne und lebenslustige Frau musste er näher kennenlernen, schien sie doch genau das Gegenteil von seiner jetztigen Freundin zu sein. Er hatte ein gutes Bauchgefühl, ein kleiner Anflug von Schmetterlingen breitete sich bei ihm aus, als er sich mit ihr für den nächsten Tag verabredete. Beide genossen es, ihre Zeit miteinander zu verbringen. Kristyna schien sich in sein Herz zu schleichen, wie er sich in ihres. Er genoss es einfach sie glücklich zu machen, ihre strahlendes Gesicht zu sehen und einfach den Moment zu leben, egal was er kostete.

Ausleben, lieben, genießen, den Tag mit Sonne im Gesicht und dieser Frau zu verbringen. Clemens Dokumentation und auch seine Freudin Johanna rückten immer mehr in den Hintergrund, er befand sich auf einer Welle des Glücks die sich immer mehr aufzutürmen schien, ohne das ein Zusammenbruch in Sichtweite war. Kristyna stellte ihm ihre Freunde vor, er begann bei ihr zu übernachten und beide konnten sich nicht vorstellen wieder voneinander getrennt zu sein.

Doch Kristyna hat Clemens bisher etwas mehr als wichtiges verschwiegen, das Auswirkungen auf ihr komplettes Leben und ihre Liebesbeziehung hat. 

Berührt, ruhig, nachdenklich, sprachlos und doch innerlich entspannt bin ich – kaum zu beschreiben. Tief in Gedanken zwischen Liebe und Tod, lass ich Tränen kullern, einfach so. Robert Eben schreibt gefühlvoll und in einer Art, die Entspannung beim Leser hervorruft. Der rote Faden im Buch ist zu Anfang dünn und blass. Der Leser soll sich mit der Umgebung des Protagonisten und vielen Details seiner Gedankenwelt vertraut machen. Ganz langsam soll er sich an den Worten entlang hangeln und spüren wie der rote Faden immer dicker und stärker wird, wie die Beziehung von Clemens und Kristyna.

„Die Vögel am Horizont“ fliegen sehr emotionale Schleifen, setzen zum Sturzflug an und gleiten stellenweise im Tiefgang dahin. Ihre Flügel schlagen zart und langsam, dann wieder wild und schnell, die Flügelspitzen berühren dabei unterschiedliche Himmelsschichten. Liebe, Trauer, Schmerz, Freiheit, Kummer, Sorge, Lebenslust und auch Diskriminierung. Ein breites Spektrum entfaltet Robert Eben.

Ein Nachtrag zur Technik….

Uns hat etwas gefehlt in „Die Vögel am Horizont“. Uns war es an manchen Stellen zu einfach gestrickt, zu geradlinig. Der zweite Handlungsstrang um den Protagonisten Clemens hätte noch mehr geöffnet werden können, tiefere Einblicke geben können. Es hat uns was gefehlt…

DACHTEN WIR…! Bis uns in einem Telefonat zum Buch die Erkenntnis traf….

Genauso musste es sein… Es gab keine Alternative… Der zweite rote Faden entspricht der Moldau. Ereignislos fließt sie durch Prag. Jeder Blick auf den Strom zeigt augenscheinlich nur dahinfließendes Wasser. Nicht mehr. Ebenso treibt Clemens durch sein eigenes Leben. So lange, bis er an einem unbekannten Ufer anlandet und feststellt, dass ihm sein Lebenswasser schon bis zum Hals steht.

Robert Eben ist es mit diesem Kunstgriff gelungen, das Leben an der Seite von Kristyna zu einer solchen Besonderheit zu machen. Nur so können wir verstehen, dass die Liebe Hürden und Grenzen zu überwinden vermag und aus dem ruhigen Strom des eigenen Lebens eine wahre Wildwasserfahrt macht. Rafting mit Eben, eben….

Bücher schenken zu Weihnachten? Eine Empfehlung

Zum Artikel… einfach scrollen – zum 9. Türchen hier klicken…

Es ist soweit. Die Zeit eilt in Riesenschritten in Richtung Weihnachtsfest und unser literatwoisches Adventstürchen Nummer 9 wurde heute Morgen geöffnet. So langsam wird es Ernst und die Weihnachtsgeschenke müssen eingekauft werden! Mit umfangreichen Wunschzetteln bewaffnet hasten wir durch die weihnachtlich geschmückten Geschäfte und suchen die großen und kleinen Präsente für den Gabentisch.

Das Spektrum ist gigantisch, vom Hightech-Herzenswunsch bis zum Verlegenheitsgeschenk. Alles ist dabei.

Man kann und wird allerdings auch BÜCHER schenken. Damit diese literarischen „Christkindchen“ nicht in die Kategorie „Der hat schon alles – da hol ich halt das Buch zur Krawatte“ fällt, möchten wir euch Bücher empfehlen, die es einfach verdient haben, unter dem Tannenbäumchen zu liegen. Phantasievoll und weihnachtlich geht es zu in diesen Schätzen – nur das letzte kleine Wunderwerk hat so gar nichts mit den festlichen Tagen zu tun, gilt aber als zeitloser Geheimtipp für alle Menschen, die ihr Herz in Büchern verloren haben!

Es gibt Bücher, die man gerne selbst geschrieben hätte und es gibt Bücher, die aufzeigen, was man in den letzten Jahren hätte tun können, wenn man so kreativ und phantasievoll wie ihr Autor gewesen wäre. Tolkiens „Briefe vom Weihnachtsmann“ gehört zweifelsohne in beide Kategorien. Der Schöpfer von Mittelerde hat nicht nur uns mit einer ganz eigenen Welt beschenkt und damit die Grundlagen zur modernen Fantasy gelegt, auch seinen eigenen Kindern hat er etwas ganz Besonderes gewidmet: Den Traum vom Weihnachtsmann – eine niemals enden wollende Reise in das Reich des Nordpols, der Heimstatt des großen Wunscherfüllers.

Jahr für Jahr schrieb Tolkien seinen Kindern liebevoll illustrierte Briefe vom Weihnachtsmann. In krakeliger Schrift (es ist ja schweinekalt im Polargebiet) und mit liebevollsten Worten meldet er sich jährlich zu Wort und erzählt ihnen Geschichten und Persönliches – spricht von den großen und kleinen Problemen des pünktlichen Schenkens, entschuldigt sich für große und kleine Verspätungen und umschmeichelt die kleine Familie Tolkien mit einer dauerhaft spürbaren Wärme.

Im Buch sind viele dieser Briefe und Zeichnungen abgedruckt. Es ist ein wertvolles Buch – inhaltlich und in seiner Gestaltung. Es regt an, es Tolkien gleich zu tun und den eigenen Kindern den Glauben an den Weihnachtsmann so lange es eben geht zu erhalten. Es regt zu einer Reise in die Phantasie an und ist somit nicht nur für Tolkienliebhaber ein unverzichtbares Geschenk.

Eine Traumreise der Nachhaltigkeit – eine Reise in eine Welt an die wir den Glauben vielleicht schon zu lange verloren haben.

„Briefe vom Weihnachtsmann“
Gebunden, 112 Seiten
18,85 Euro
Klett-Cotta

Ein perfekter Gegenentwurf zur Tolkienschen Betrachtung ist das „Lichterkettenmassaker“ von Stefan Albus. Ein Buchtitel wie ein Paukenschlag, versehen mit dem Bild eines kopfüber an einer funkelnden Weihnachtsbaumbeleuchtung baumelnden und zappelnden Nikolauses. Stefan Albus – ebenjener Autor der mit seinem kontemplativ informativen Werk „Santiago liegt gleich um die Ecke“ für Furore sorgte, ebenjener Autor, der sich während seiner Pilgerreise so intensiv mit der Motivation einer Glaubensreise auseinandersetzte – ebenjener Stefan Albus zeigt sich hier von seiner ganz anderen Seite.

Was haben wir gelacht. Weihnachten von seiner lustigen, tragikomischen, satirisch sarkastischen und doch sympathisch verschrobenen Seite. Albus lässt nichts aus.

Kein Auge bleibt trocken und in jeder der kleinen Geschichten finden wir uns schmunzelnd wieder. Wir alle wundern uns, wenn die Weihnachtsware wieder einmal schon im September die Sonnenmilch aus den Auslagen der Supermärkte verdrängt; wenn Rettungssanitäter verzweifeln, da sie pausenlos alarmiert werden um scheinbar strangulierte Menschen von Dächern und Balkonen zu retten, die sich dann als Weihnachtsdeko-Nikoläuse herausstellen; über den verschwindend geringen Alkoholgehalt der ständig überteuerten Glühweinportionen an Glühpilzbeheizten Weihnachtsmarktständen; über den Kampf der natürlichen gegen die künstlichen Plastikweihnachtsbaumlebensphilosophien; über die FernsehLEIDENschaften des mehrteilerverwöhnten Publikums, dem nur noch werbeunterbrochene Einteiler präsentiert werden (* siehe Outtake am Ende des Artikels), und nicht zuletzt über die Essgewohnheiten unserer Freunde, die zu Weihnachten Tiere in den Ofen schieben, die sie nichtmal im Biologiebuch ihrer Kinder wiedererkennen würden

Liebevoll unterzieht Stefan Albus das Weihnachtsfest einer pointiert zeitgemäßen Analyse und lässt uns entspannt Vergleiche zu unseren eigenen Ritualen ziehen. Er hat ja so Recht, der Herr Albus und wir lachen immer noch herzhaft, haben aber auch einiges aus diesem Buch gelernt. Zum Beispiel, warum die Nordmanntanne ihren Namen trägt und eigens für Weicheier gezüchtet wird;-)

Lachenswert… öhm lesenswert!

„Das Lichterkettenmassaker“
Paperback, 176 Seiten
9,99 Euro
Gütersloher Verlagshaus

Zuletzt ein perfektes Geschenk für Groß und klein, das niemals ein Weihnachtsbuch war und auch keines sein wird. Und trotzdem passt es einfach so schön auf jeden festlich geschmückten Gabentisch. Wir haben über das Buch berichtet und stellen seither fest, dass dieser Artikel in unserem Blog über den Suchbegriff „Die große Wörterfabrik“ speziell vor Weihnachten immer wieder gesucht und gefunden wird. Nicht ohne Grund.

Die zeitlos schöne Geschichte, die Aussagekraft und die Einmaligkeit der Illustrationen lässt die ruhigen Tage der Weihnachtszeit in einem anderen Licht erstrahlen. Tausendfach verschenken wir gute Wünsche, sagen wie sehr wir jemanden mögen und dass wir an ihn denken. Was jedoch, wenn wir uns diese Worte nicht mehr leisten könnten? Was jedoch, wenn Worte Luxus wären? Was jedoch, wenn wir feststellen würden, dass die Worte von denjenigen, die sie bezahlen können sinnlos verschwendet werden?

Der Wert unserer Sprache wird hier zum Spiegelbild unseres Lebens – und dies in einer der liebevollsten Geschichten über Zuneigung und das zarte Flämmchen der Liebe, die jemals geschrieben wurde. Ein Buch für Jung und alt – ein Vorlese- und Selbstlesebuch.

Ein Buch zum Vorlesen und Selbstleben. Ein Lebensbuch!

Die große Wörterfabrik
Gebunden, 40 Seiten
13,90 Euro
Mixtvision Verlag

Ihr habt die Wahl – oder ihr kauft euch gleich alle drei Bücher zum Fest. Das wäre eine lachenswert nachhaltige Traumreise in einem Lebensbuch… Und was kann man mehr verlangen…? Wir wünschen eine gesegnete Vorweihnachtszeit und auch weiterhin viel Spaß mit der literatwoischen Adventsrätselaktion…

Wir sehen uns… 

Postscriptum

Outtake“ zu Stefan Albus und dem Lichterkettenmassaker:

Just an jenem Tag, als ich das Fernsehmärchenmehrteilerkapitel im Lichterkettenmassaker gelesen hatte, in dem der Autor darauf hinweist, dass einzig das legendäre Fernsehmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ mit mindestens 14 Ausstrahlungsterminen zum Weihnachtsfest als Relikt unserer guten alten Mehrteiler übriggeblieben ist und ich darob lachend den Kopf schütteln musste geschah das Folgende:

Einer meiner Mitarbeiter erschien laut jubelnd im Dienst und präsentierte allen Kollegen voller Stolz die frisch erstandene Luxusedition ebenjenes Märchens mit ca. 5 DVDs und dem Aschenbrödel-Original-Schmuck. Ich legte still und heimlich meinen „Albus“ mit Lesezeichen daneben und verschwand schmunzelnd…

Der Rest ist Firmengeschichte 😉

Der Beweis – ein märchenhaftes Lichterkettenmassaker…

Das zweitbeste Glück – Margrit Schriber im Aufwind

Ein kurzes Leben voller Träume – Leny Bider

Margrit Schriber zieht uns immer wieder in ihren Bann.

„Das zweitbeste Glück“ in der Hand zu halten fühlt sich gut an, denn wir ahnen schon vorher, was uns passieren wird. Margrit Schriber taucht tief nach Wortperlen, fädelt Perle an Perle zu einer Kette um diese dann in die Hand des Lesers zu legen. Am passenden Ort zum Buch, für uns der literatwoische Schriber-Salon, schlugen wir den Roman auf und betraten die Welt der Leny Bider.

Julie Helene Bider ist tot. Erschossen. Selbstmord. Am 07. Juli 1919. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges.

Nicht in ihrem Zuhause erlosch ihr bewegtes Leben, sondern in einem Hotelzimmer. Sie liebte es, in Pensionen und Hotels zu leben, sie brauchte kein Zuhause. Ihre Mutter war schon vor langer Zeit an Krebs gestorben, nun auch starb ihr Vater Jakob. Von da an gab es nur noch sie und ihren berühmten Bruder Oskar. Ein Flieger, ein Pilot, ein angesehener Flugpionier den scheinbar keiner vom Himmel holen kann, ein perfekter Himmelsstürmer. So eine Himmelstürmerin wollte auch sie werden. Nicht in einem Flugzeug, aber als Schauspielerin auf einer Bühne.

„Wenn ich nur einmal auftreten dürfte und nach geendigtem Spiel gefeiert würde. Nur dieser Wunsch.“

Eine junge Frau im Internat – interniert – gefangen…

Ein Wunsch der weder zeit- noch standesgemäß zu sein schien. Eine Actrice werden zu wollen entsprach fast einem Skandal im familiären Umfeld. Man kämpfte dagegen an und internierte Leny in Internaten. Ihren Geist konnte niemand bändigen – nichts konnte ihre Gedanken und Wünsche im Zaum halten…

Sie brach aus. Sie sprengte ihre Fesseln um ein eigenes Leben im Glanz führen zu können. Dabei immer im Blick: Die Erfolgsgeschichte ihres Bruders, der als einer der ersten Schweizer Piloten den Ruf eines Nationalhelden genoss. Glanz und Strahlkraft – das war die Welt des Oskar Bider.

Julie Helene Bider, später unter dem Künstlernamen Leny Harold bekannt, stand ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders. Und doch vermochte sie sich in seinem Glanz zu sonnen. Die Geschwister galten gleichsam als Traum- und als Skandalpaar, um das sich viele Gerüchte rankten. Nun trauert sie…

Um ihren geliebten Bruder, den sie so sehr verehrte, der ihre Seele war. Und kurz nach ihm ist auch Leny tot, ihr junges Leben hat sie mit einem Schuss aus ihrem Revolver, den sie bei sich trug, beendet. Sie hat diesen Revolver nur einsetzten wollen, wenn ihr Bruder doch irgendwann vom Himmel fallen sollte. Aus Angst vor diesem Tag, wurde er zu ihrem Begleiter, genau wie das Tagebuch, welches sie bei sich trug, welchem sie sich oft anvertraute. Der Tag des Absturzes von Oskar Bider war der letzte Tag im Leben seiner Schwester.

Das vertraute Geschwisterpaar gehört der Vergangenheit an, wenige Stunden nur trennen den gemeinsamen Todeszeitpunkt.

Der große Bruder – Oskar Bider – ein Nationalheld…

Margrit Schriber lässt den Leser der rebellischen, aufmüpfigen Leny begegnen. Dem verwöhnten Prinzesschen ihres Vaters. Eine Göre, ein Weibsbild, ein Luder, welches den Drang hat berühmt zu werden, anders zu sein als alle anderen Frauen in der Gesellschaft. Sie ist nur auf sich bedacht, versucht das Größtmögliche für sich herauszuholen und sich einen Namen zu schaffen.

Der Anfang war ein Stummfilm, ihr richtiger Durchbruch gelang ihr als Schauspielerin im ersten großen Schweizer Kinofilm „Bergführer“. Dabei blickt sie selten nach rechts und links, ihr Tunnelblick galt sich, neben ihrem Vater und ihrem Bruder, selbst.

Erstmals prangte ihr Name auf den Plakaten der jungen Kinogeschichte – erstmals stand sie selbst im Rampenlicht und erstmals fühlte sie sich am Ziel ihrer Träume!

Große Momente – Seite an Seite – gelebte Träume…

Der biografische Roman hat den gewohnten schriberisch Tiefgang, die Wortperlen sind wunderschön und lösen gewaltige Fluten an Bildern aus. Margrit Schriber schreibt sich endgültig in die erste Reihe der nationalen Geschichtenerzähler ihres Heimatlandes. Die Bedeutung der aufstrebenden Luftfahrt, die Rolle im Ersten Weltkrieg und das traditionelle Frauenbild prägen den Rahmen der Geschichte – die Lebendigkeit der Charaktere lassen ein Diorama lebendiger Historie entstehen.

Margrit Schriber ist nie so neutral wie ihre Heimat – aber sie ist der erzählerische Inbegriff für die Schweiz!

Von technischer Einmaligkeit ist der Kunstgriff der Erzählperspektive. Dabei hat sie zwei Romanfiguren eingebracht, die sie sprechen lässt, die einen Zugang zu Leny hatten, auch wenn es nicht der üblich vermutete Zugang ist. Die Geliebte von Lenys Vater, die von Leny gehasste Pariserin, beleuchtet das wilde Leben der Hauptprotagonistin.

Aber vor allem ihr Sohn gibt dem Roman den emotionalen Herzschlag. Der Sohn der Leny abgöttisch liebt und verehrt, der Junge, der Mann, der Kavalier, der unerfüllt hoffende Kamelienblütenschicker. Sie und ihr Sohn sind lebenslang an ihrer Seite, haben ein Auge auf sie und vor allem er schenkt ihr die Liebe, die sie nie wollte. Und doch war er so wichtig – er spielte die Rolle des stillen Verehrers – und ohne ihn wäre ihr Glanz nicht so strahlend gewesen, wie wir ihn heute wahrnehmen.

Der gemeinsame Weg endet am 7. Juli 1919 – Ein Absturz und ein Schuss…

Margrit Schribers schriftstellerische Note ist auch in diesem Werk unverkennbar. Der Roman beginnt nicht mit dem Leben der Leny, sondern mit dem tragischen Tod, der in wiederkehrendem Rhythmus die einzelnen Kapitel einleitet. Von diesem wird in das lebendige Leben der Protagonistin zurück geschrieben. Eine Struktur die dem Leser zu einem leichten Einstieg in den historischen Roman verhilft.

Ein Thema mit dem die Autorin Geschichte schreibt, nicht nur historisch, sondern eine berührende, dramatische und vor allem emotional nachdenklich machende Geschichte aus der Geschichte der zwei berühmten Schweizer.

Wunderschöne Lebensleseperlen aus dem Hause Schriber

Margrit Schribers Bücher begleiten uns durch unser Leseleben – ihre Perlen werden bei uns gesammelt und liebevoll aufbewahrt. Vom Mittelalter schreibt sie sich nun so langsam in unsere Zeit. Greifbar und fühlbar erleben wir die Aufbruchstimmung der Schweiz nach dem ersten großen Krieg. Wir sind gespannt, wie weit sich die große Schweizerin noch nach vorne schreibt. In unseren Herzen hat sie dies bereits erreicht.

Und die schönste Leseperle aus ihrer Feder liegt tief verborgen in einer gut geschützten Auster…. Danke dafür, Margrit…

Die Qual der Wahl brachte uns „Die Auswahl“

Eigentlich ist und sollte es nicht schwer sein, den richtigen Lesestoff in unserem großen Bücherkosmos zu finden. Nur manchmal ist der besagte Kosmos so groß, dass man vor Bücherwald die einzelnen Bücher nicht mehr sieht oder besser zu viele Bücher sieht. Das Leben bestimmt, mit welchem Buch die eigene Lesezeit beginnt und mit welchem sie enden wird. Aber was ist mit der Leselebensmitte? In dieser haben wir die Qual der Wahl und unsere Lesefreunde haben auf diese oftmals großen Einfluss. Man kann sagen, wir kamen über die Qual der Wahl, die eigentlich keine ist, zur Auswahl. Humanist und Claudia-Marina haben uns keine Wahl gelassen, uns täglich von „Der Auswahl“ von Ally Condie erzählt und den finalen Stoß gab uns Die Buchkolumnistin, in dem sie uns die Bücher mehr oder weniger in die Hand drückte. Für uns beide Literatwo´s hieß es also: keine Wahl, keine Qual, sondern die Auswahl 😉

Zu Anfang sei gesagt, dies war genau der richtige Schritt, die richtige Beeinflussung und wir beiden haben die Zeit genossen, auch in dem Wissen – es geht weiter… Band zwei und Band drei werden folgen. Danke an unsere Bücherfreunde – ihr habt uns im Griff und daher gibt es für alle unsere „Auswahl“. Cassia ist die Protagonistin, das Mädchen um die sich bisher der erste Band der Trilogie dreht. Sie ist der Mittelpunkt, hat wenig „Wahl“, viel „Qual“ und dies ist die Zusammensetzung der „Auswahl“. Rechts und links von ihr stehen an dieser Stelle wir beide, als leidenschaftliche – begeisterte – emotionale Leser und Rezensenten.

„Geh nicht gelassen“

Mich zieht es, mich zieht es sehr. Mich zieht es in die ruhige „Leseblase“, in der ich innerlich verbunden bin und in der ich eine ganze Weile bleiben möchte, manchmal länger, als es Bücher hergeben. Ich lese nicht mit zwei Augen, ich lese mit vier Augen und genau das macht das Magische in der Leseblase aus. Dieser Leseblase. Der Leseblase der zwei Leben.

Und dann treffe ich Cassia. Sie hatte nie eine Wahl. Nie. Aber sie hatte Glück, dachte sie jedenfalls eine lange Zeit. Mit 17 Jahren ist es dann soweit. Die Paarung steht an. Die Funktionäre und das System haben für sie ihren idealen Lebenspartner ausgewählt. Gemeinsam mit Xander, ihrem Freund, mit dem sie aufgewachsen ist, sowie ihrer und seiner Familie fahren sie zum Paarungsbankett, um dort zu erfahren, mit welchem Partner sie an ihrer Seite das Leben verbringen werden. Beide sind nervös und haben ihre ganz eigenen Wünsche und Hoffnungsgedanken, wen sie mit 21 Jahren heiraten werden. Und dann flackert auf dem dunklen Bildschirm endlich der Kandidat auf, der für Cassia bestimmt wurde.

Alle halten die Luft an, denn es ist Xander. Eigentlich ist es fast unmöglich, dass der Lebenspartner aus der näheren Umgebung stammt und auch noch ausgerechnet derjenige ist, mit dem Cassia fast jeden Tag zusammen ist. Ihr Herz springt, Xanders Herz springt, besser hätte es nicht kommen können. Beide haben, ohne es sich zu vorher zu gestehen, Liebe füreinander entwickelt und empfunden und nun können sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Wie es üblich ist, bekommen beide einen Mikrochip mit, auf denen die Daten ihrer Partner sind, damit sie sich vor dem ersten beaufsichtigten Treffen ein Bild voneinander machen können und erfahren, welcher Charakter hinter ihrem zukünftigen Lebenspartner steht. Beide benötigen diesen nicht wirklich und Cassia legt den Chip erst mal beiseite. Doch dann beschließt sie sich, obwohl sie Xander kennt, doch sein Foto anzusehen. Sie erstarrt, denn auf dem Bild ist nicht er, sondern Ky zu sehen, ein Außenseiter, aber ein auch nicht wirklich Unbekannter für sie. Dann sieht Cassia nichts mehr und ist verwirrt. Ihre Gefühle fahren Achterbahn, sie ist verwirrt und hat viele Fragen, die ihr nur ein Funktionär beantworten könnte. Gibt es im sonst so geordneten Lebenssystem doch Fehler? Scheint ein anderer Mann für ihr Leben bestimmt zu sein? Cassia muss es herausfinden, wobei dies nicht einfach werden wird und keine Fehler erlaubt sind und erst recht keine Rebellion.

„Denn mit jeder Minute, die man mit jemanden anderem verbringt, schenkt man ihm einen Teil des eigenen Lebens und nimmt dafür einen Teil von seinem.“

Ally Condie hat eine Welt erschaffen, in der alles vorprogrammiert ist. Der Tag, an dem man sterben wird, ist bekannt, das Essen wird zugeteilt, je nachdem wie viele Kalorien für ein gesundes Leben benötigt werden, es gibt drei verschiedene Notfalltabletten, die Kleidung ist vorgeschrieben und der Tag wird für jeden individuell gestaltet und geplant. Krankheiten gibt es nicht mehr, keine Arbeitslosigkeit, kein Fehlen von irgendwas, jeder Bewohner soll sich wohl fühlen und ein Leben, in dem es ihm gut geht, führen. Eine Welt, die sich komplett von unserer unterscheidet und ganz besonders macht. Ein Jugendbuch, ein Buch für Erwachsene, ein Buch für Menschen mit Gefühl, tiefen Gefühlen. Wer hier hinter dem aufwendig gestalteten Buchdeckel eine abgedroschene Geschichte erwartet mit Charakteren, die er überall findet, und vielleicht noch mit einer vorhersehbaren Liebesgeschichte ohne Besonderheiten rechnet, ist hier auf dem Holzweg. Auch wer denkt, Ally Condie kann nicht mit Spannung oder zu wenig Handlung überzeugen, wird eines besseren belehrt. Sie schaffte es mich absolut zu überzeugen, vor allem hat sie in ihrem Roman neben dem vorhandenen Spannungsbogen die Gefühle und Emotionen nicht zu kurz kommen lassen. Die Gefühle, die in mir ausgelöst wurden, waren übermächtig, nicht vergleichbar mit meinen Gefühlen, die ich gegenüber anderen Romanen aus dem Genre Dystopie hatte.

„Zwei Leben.“

Für mich ein Buch, das bei mir im Herzen und nicht nur bei mir, wie ich es beim Lesen ganz persönlich fühlen konnte, einen Ehrenplatz bekommen wird. Ein Buch, das mit vier Augen gelesen wurde, ein Buch, das Emotionen auslöst und immer wieder meine Augen zum Tränen brachte. Ein Buch, das für mich über den Buchdeckel hinausgeht, weil viele Charakterzüge, Worte, Denkweisen und Gefühle auch in der Realität vorhanden sind. So geht es sicher auch Ally Condie und ich möchte wissen, was sie noch alles zu erzählen hat. Xander, Cassia und vor allem auch Ky möchte ich bald wieder treffen, ihre Geschichte bis zum Schluss kennen.

Diese Zeilen gehören für mich persönlich zur „Auswahl“ dazu. „Schau in den blauen Himmel, siehst du den Schmetterling? Er fliegt deinen Namen, genau wie die Schmetterlinge in meinem Bauch.“

DIE AUSWAHL von Allie Condie – exklusiv auf Literatwo…

Idyllisch kommt es daher. Das perfekte Gesellschaftssystem der nahen Zukunft. Mehr als vorteilhaft für die Menschen, die sich ihm unterwerfen. Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand sind die Garantien von denen man profitiert, wenn man zu dem ein oder anderen kleinen Zugeständnis in der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bereit ist.

Kleine Zugeständnisse wie gesagt – nichts Besonderes, wirklich nicht. Die Gesundheit der Bevölkerung ist das wichtigste Gut der Gesellschaft. Zentral angeliefertes Essen, überwachte sportliche Betätigungen und ein wenig Offenheit in privaten Belangen – naja – es könnte schlimmer sein.

Der programmierte Tod mit 80 – dafür jedoch die Garantie, bis zu diesem Tag nicht zum Pflegefall zu werden – echt – kein großes Thema, kann man sich doch gediegen von seinen Freunden und Verwandten verabschieden. Wirklich unproblematisch.

Die zentral arrangierte Partnerschaft mit irgendjemandem aus dem Land, der aufgrund intensiver wissenschaftlicher Analysen am Besten zu einem selbst passt. Na, da wird das Erbmaterial wenigstens nicht zufällig verschleudert, sondern zum Wohle des Systems und der Zukunft einer gesunden Menschheit eingesetzt. Und Liebe? Na – die ist eher sekundär, wird sich aber ganz bestimmt einstellen, da die „Auswahl“ einfach perfekt ist. Nichts ist dem Zufall überlassen und an den Partnerschaften im eigenen Umfeld sieht man ja, wie gut das alles funktioniert. Das System macht ja keine Fehler.

Mehr oder weniger jedenfalls.

Die Zeremonie der Paarung hat große Tradition im Land und Mädchen und Jungen im paarungsfähigen Alter können es kaum erwarten, ihren Lebenspartner präsentiert zu bekommen. Inklusive eines kleinen Computer-chips mit den wissenswerten Informationen über den baldigen Lebensgefährten.

Kassia ist aufgeregt. Auch ihr großer Tag ist gekommen. Nervosität vor dem Unbekannten, dem Wagnis und all den Risiken, jedoch fasziniert vom Gedanken einen Partner zu finden, sitzt sie mit ihren Eltern und ihrem besten Freund in der Zeremoniehalle und wartet auf ihr Urteil. Ach wie romantisch…

Doch dann beginnt das Rad des Systems zu schlingern. Eine kaum spürbare Unwucht bringt den traditionellen Ablauf aus dem Gleichgewicht. Kassias Partner ist kein Unbekannter. Ausgerechnet mit ihrem besten Freund Xander soll sie ihr Leben teilen. Ein Traum – blindes Verständnis und keine Unbekannte in der Gleichung. Was will man mehr? Kein Umzug und kein verordnetes Kennenlernen – nichts! Außer der Tatsache, dass so etwas noch nie zuvor passiert ist, kommen die zukünftigen Gefährten doch ausschließlich aus anderen Orten. Vorheriges Kennen ausgeschlossen.

Was soll’s! Der Spatz in der Hand wird reichen für das Leben und die Liebe zur bestehenden Freundschaft hinzuzufügen, scheint unproblematisch. Kassia erhält den Chip mit den wichtigen Informationen zu einem Menschen den sie besser kennt als das System – und nur aus reiner Neugier wirft sie einen Blick auf die Informationen.

Doch sie sieht einen anderen Jungen. Für den Bruchteil einer Sekunde nur, sieht sie ein anderes ebenso bekanntes Gesicht. Was, wenn das System sich geirrt hat? Was wenn ihr Freund doch nicht ihr idealer Partner ist? Was, wenn das System tatsächlich Fehler macht?

In Kassia erwachen längst unterdrückte Instinkte. Hoffnung, Sehnsucht, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein bahnen sich ihren Weg und sie begibt sich auf die Suche nach dem Jungen, der mehr sein muss als ein Irrtum.

Ky… magische Anziehungskraft besitzt der Name, das Bild und der Mensch. Kassia kann nicht anders und sitzt unversehens zwischen allen Stühlen. Ihr Konflikt: Sicherheit im System gegen inneren Aufruhr und die offene Herausforderung einer dunklen Seite, die sie in ihrer Gesellschaft noch nie am eigenen Leib erfahren hat. Sie ahnt nur, dass es sie gibt – wie in jedem System.

Emotion pur…. Gesellschaftsutopie pur…. Dystopie pur… Unter-haltung pur… und es geht weiter….

Ein kleiner Schuss dieser Gefühlswelten zwischen Menschen hätte den „Tributen von Panem“ sehr gut getan. Ein kleiner Schuss dieser nachvollziehbaren inneren Konflikte nur hätte Wunder gewirkt. In der „Auswahl“ wirkt diese Emotion wie ein Wunder.

„Mein Herz wird immer deinen Namen fliegen. Ich werde einen Weg finden, um mich in die Lüfte zu erheben,… und ich werde dich finden.“

Unsere „Auswahl“ in Form unserer Rezensionen sind euch nun bekannt, diese findet ihr auch unter unseren Lovelybooks Profilen – Mr. Rail – und – Binea -. Wie würdet ihr euch fühlen, was löst dieses Buch in euch aus, welche Auswahl würdet ihr treffen, wenn ihr könntet und zu welchem Partner passt ihr am Besten? Eine Auswahl an Fragen, die uns während und nach dem Lesen auch selbst beschäftigten. Ein grandioses Buch hat oft über die Grenzen des Buchdeckels noch eine „Zusatzwelt“. Diese gibt es in der amerikanischen, wie auch in der deutschen Form in Gestalt einer Website. Ein Eintauchen in die Onlinewelt der „Auswahl“ hält die Spannung bis zum nächsten Band aufrecht. Das Buch, die Autorin, die Bewegung, die Artefakte – hier ist die Auswahl groß. Vor allem ist es hier möglich, seinen optimalen Partner (via Facebookfreunde) bestimmen zu lassen.

Die Auswahl ist groß, die Entscheidung wird fallen – das System entscheidet!

„Das System sagt wen du lieben sollst – aber was sagt dein Herz?“