Der May ist gekommen… Hadschi Halef Omar im Wilden Westen…

Literatwo hat immer wieder über Schriftsteller geschrieben, deren Federn schon lange nicht mehr über Manuskriptseiten streichen, deren Stimmen verstummt und deren Ideen für künftige Geschichten mit ihnen gestorben sind.

David Foster Wallace, Charles Dickens, Mark Twain, Ernest Hemingway und viele andere große Autoren der Vergangenheit haben uns ihre Werke als Nachlass übergeben und bei jeder gelesenen Geschichte überkommt den Leser die traurige Erkenntnis, dass dieser Fundus immer kleiner wird. Man hält inne, wenn man die letzten Zeilen eines ihrer Bücher liest und die Sehnsucht erwacht, wie ein immerwährender Traum – verbunden mit der Frage: „Worüber würde er heute schreiben, wenn er noch unter uns wäre….?“

Ein trauriges Gefühl, auch wenn die alten Geschichten mit ihren Protagonisten uns bis heute beflügeln – die Sehnsucht bleibt – die Suche nach dem verstummten und so lieb gewonnenen typischen Stil, der unvergleichbaren Erzählweise und den schillernden Akteuren eines längst geträumten Autorenlebens.

Was aber nun, wenn jemand behaupten würde, eben diese Feder wieder aufzugreifen und das Erbe einer literarischen Legende antreten zu wollen, um quasi eine posthume Hommage entstehen zu lassen – und dies in der Sprache des hochverehrten Idols? Wie würde man darauf reagieren? Ein gewagtes Spiel – wir spielen mit…

5 Februar 1842 – 30 März 1912

Werfen wir einen gemeinsamen Blick auf Karl May. Klangvoll und bildbehaftet ist dieser Name. Er steht für unsere Jugendbücher, für Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und schließlich auch für jenen schier unauslöschlichen Hadschi Halef Omar. Kein anderer deutscher Schriftsteller hat es vermocht, sein grenzenloses Publikum im so untypischen Genre Western gepaart mit vermeintlicher Reiseliteratur in einer Art und Weise zu fesseln, wie er.

Seine Phantasie hat tiefe Spuren in der gesamtdeutschen Kultur hinterlassen – seine Akteure leben weiter und erfreuen sich in eigens organisierten Festspielen zunehmender Beliebtheit. Unter dem Pseudonym Karl Hohenthal schrieb Karl May ebenfalls – allerdings nicht mit der gleichen Wirkung. Doppelpseudonymisch ist er immer noch bei uns. Am 30. März vor 100 Jahren starb diese große deutsche Feder.

Und nun halte ich ein Buch in Händen, das so sehr nach dem großen Meister aussieht. Das Cover erinnert an die Cover meiner Jugend und der Autorenname lässt alle buchigen Frühwarnsystem Alarm schlagen. Da schreibt ein gewisser Karl Hohenthal einen Roman mit dem Titel

und das Titelbild zeigt unverkennbar die Helden der Vergangenheit auf einem Fleck – Winnetou, Old Shatterhand und Hadschi Halef Omar – ich bin neugierig… sehr sogar.

Schon auf den ersten Seiten stelle ich für mich fest, dass dies kein Experiment ist – kein Versuch, auf einer Welle zu reiten oder ein Trittbrett der Literatur zu besteigen. Dieses Buch ist eine gewachsene Liebeserklärung an Karl May. Der Autor – nun mehrfachpseudonymisch spiegelnd schreibend – erzählt eine Geschichte, die nur erzählt werden kann, wenn man tief im Werk von Karl May verhaftet ist, der ja selbst je nach globalem Schauplatz in die Rolle des Old Shatterhand oder des Kara Ben Nemsi geschlüpft ist. Nun muss Karl May zulassen, dass ein Autor der Moderne in alles schlüpft, was ihm und seiner Fantasie zur Verfügung steht.

Was wäre, wenn jener Kara Ben Nemsi im fernen Algier dringend benötigt würde? Was wäre, wenn sein treuer Gefolgsmann Hadschi Halef Omar in eine Zwangslage geriete, die nur einen Ausweg böte: nach Amerika zu reisen und genau dort nach jenem Kara zu suchen, wohl wissend, dass er sich dort Old Shatterhand nennt.

Was wäre, wenn die treuesten Gefährten jenes Doppelprotagonisten aufeinanderträfen – wie würden sie aufeinander reagieren? Jener unantastbare, fast sakrosankte Häuptling Winnetou und der ständig zu Übertreibungen neigende Hadschi Halef Omar? Ein niemals gedachter Gedanke – und nun wird er einem sprachgewaltigen Roman Realität. Er materialisiert sich in einer so typischen Karl May – Erzählung, in einer so lange vermissten Sprache, dass man nach wenigen Seiten nicht mehr glauben kann, dass nicht der alte Meister selbst hier geschrieben hat.

Mehrfachpseudonymisch in die Reihe der Großen - Karl Hohenthal

Diese Hommage ist kein Experiment – Karl Hohenthal (oder wie auch immer er heißen mag) legt den Liebhabern von Karl May eine Geschichte zu Füßen, die liebevoller nicht hätte geschrieben werden können. Hochachtung und Respekt gegenüber Karl May sind in jedem Kapitel fühlbar und die reine Qualität der Story ist so überzeugend, dass man dieses Spiel gerne mitspielt.

Hohenthal spielt auf höchstem Niveau und er gibt seine Leser am Ende frei – er bietet ihnen die Chance, den letzten Traum alleine zu leben und in den Gedanken von Karl May eine Reise zu beenden, die für viele seiner Fans völlig undenkbar war.

Wir werden jenen Schriftsteller in Leipzig treffen – keine Ahnung, wer er ist, keine Ahnung, ob er als Westmann oder Araber vor uns steht – keine Ahnung ob er den Henrystutzen bei sich hat oder ob gar Hatatitla oder Rih vor den Messehallen festgebunden ist. Und letztlich ist es nicht ausgeschlossen, dass jener legendäre Hadschi Halef Omar selbst vor uns steht und in seiner typischen Bescheidenheit ausruft: „Ungläubiger, wer sonst, wenn nicht ich – jener mit allmächtiger Eingebung gesegnete Weiseste unter der Sonne Arabiens – sollte diese Geschichte geschrieben haben?“

Der Autor von Hadschi Halef Omar im Wilden Westen im Interview mit Literatwo...

Vielleicht liegt die Lösung des großen medialen Geheimnisses aber auch darin begründet, dass in einer beispiellosen Form des literarischen Understatements diesmal nicht ein Autor, sondern das Buch an sich in den Vordergrund gestellt werden soll. Diesen Eindruck jedenfalls gewinnt man, wenn man die Ausstrahlung des ZDF-Nachtstudios vom 26. Februar 2012 verfolgt. Neben Jürgen von der Lippe sitzt dort mitnichten der allgemein als MayPseudonymjongleur hoch gehandelte Franz Xaver Kroetz, sondern der reale Autor des Romans…

Wir freuen uns einfach darauf, jemanden kennenzulernen, der literarisch zu lieben vermag – mit jeder Faser jedes einzelnen Wortes. Und wir werden sein Geheimnis verraten… genau hier

[Binea & Mr. Rail] Acht Minuten… im Gespräch mit Péter Farkas

Alles das entschädigte ihn aber nicht einmal annähernd
für seinen Verlust. 
Lesen war nämlich seine dritte Natur.

Und er war noch immer nicht so weit,
diesen dritten Teil seines Lebens

ohne das Gefühl eines herben
Verlustes zu verschmerzen.

Der Verlust der Lesefähigkeit
traf ihn wie eine überaus langsame,

tückische, aber unaufhaltsam
fort­schreitende Lähmung.

Das Sonnenlicht benötigt genau acht Minuten, bis es die Erde erreicht. Ein langer Weg. Genau acht Minuten würden wir in trügerischer Ruhe leben, wenn die Sonne bereits aufgehört hätte zu existieren. Acht Minuten der Ahnungslosigkeit würden uns bleiben, bevor die Dunkelheit alles Sein vernichtet. Acht Minuten in scheinbarer Helligkeit… Acht Minuten nur.

Péter Farkas erzählt in „Acht Minuten“ von einem dementen Ehepaar, dem genau diese acht Minuten bleiben, bevor sich der Mantel der Dunkelheit über einen langen gemeinsamen Lebensweg legt. Farkas zeichnet trotz Alter und Krankheit ein versöhnliches Bild von den letzten Momenten der Selbstbestimmung, beschreibt liebevoll die Augenblicke der letzten aufflammenden Erinnerungen der beiden Liebenden, denen nichts auf dieser Welt die Würde zu nehmen vermag und macht uns zu atemlosen Wegbegleitern der zunehmenden Verdunkelung.

Mit einem Klick zum Artikel auf dem Blog.Lovelybooks…

Den vollständigen Artikel könnt ihr auf dem Blog.Lovelybooks lesen. Es geht um ein besonderes Bild von Herlinde Koelbl, den Kampf gegen ein fremdbestimmtes Leben, ein sehr persönliches Bekenntnis von Raily, das intensive Gespräch mit Péter Farkas und einen kleinen Abschied….

Und letztlich geht es um Liebe und Würde…