St. Alban – Lesenacht zum Welttag des Buches 2014

St. Alban im Zeichen des Welttages des Buches

St. Alban im Zeichen des Welttages des Buches

Für mich stand der diesjährige Welttag des Buches, neben einer Bücherverlosung auf Facebook, ganz im Zeichen einer Lesenacht im Kinderheim St. Alban am Ammersee. Am 26. April war es nun endlich soweit und die Vorfreude auf unseren zweiten Abend war auf beiden Seiten wohl sehr groß. Die Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren waren neugierig auf neue Bücher und die Neuigkeiten, die wir von der Buchmesse in Leipzig mitgebracht hatten.

Zwei große Themen hatten wir uns selbst vorgegeben. „SELECTION“ und St. Alban – das ist eine ganz eigene Geschichte, die mich vor wenigen Tagen zum Raily-Experiment veranlasst hatte, denn ich wurde tatsächlich von den Jugendlichen im Kinderheim dazu verführt, die ersten beiden Teile dieser Trilogie zu lesen. Ich wollte auf Augenhöhe sein, wenn wir über die Fortsetzung diskutieren… und ich war es! Und wie ich das war…

Darüber hinaus wollten wir den aktuellen Roman Letztendlich sind wir dem Universum egal vorstellen und herausfinden, wie das besondere Thema und die ungewöhnliche Ausgangssituation der Story bei Jugendlichen ankommen. Täglich in einem neuen Körper erwachen, sich in immer neuen Rollen zurechtfinden und sich dabei auch noch unsterblich verlieben. Wir waren fest davon überzeugt, dass wir mit diesem Buch einen perfekten Roman für Jungs und Mädels in diesem Alter im Gepäck haben.

St. Alban - Lesenacht mit besonderen Themen

St. Alban – Lesenacht mit besonderen Themen

Also nehmt bitte Platz, kuschelt euch aufs große Lesesofa, legt euch in einen gemütlich Lese-Sitz-Sack, sucht euch ein paar weiche Lesekissen aus und folgt uns in eine lustige, emotionale und facettenreiche Lesenacht. Nehmt am großen Casting von Selection teil und drückt euch selbst die Daumen, dass unser Universum es euch erlaubt, morgen in eurem eigenen Körper wach zu werden.

Wer weiß, was nach solchen Lesenächten passiert und ob auch jeder Prinz seine Prinzessin findet, oder O-Ton gestern Abend: „Gibt doch auch Jungs die gerne Prinzen finden würden!“ (Warum nicht…)

Der Einstig in „Selection“ war denkbar einfach. Ich erzählte kurz von meinem Experiment, die Bücher selbst zu lesen und von den sehr lustigen Kommentaren in der S-Bahn, als man mich mit diesen Covern in der Hand beobachtete. Als sich das Gelächter langsam beruhigte, war natürlich die Freude über „Die Elite“ groß, die Fortsetzung hatte dank des Sauerländer Verlages den Weg ins Kinderheim gefunden. Aber nicht nur das. Auch die besonderen Lesezeichen, die Grit Kästing mir für diesen Abend geschickt hatte, ernteten ein bewunderndes „Aaaaahhhh“ und „Oooohhh“ und die Begeisterung war groß.

St. Alban und Selection Spiegel und Lesezeichen

St. Alban und Selection Spiegel und Lesezeichen

Sofort wurden Lesezeichen mit Selection-Taschenspiegeln vereint… denn – unglaublich, aber wahr – einige der jungen Damen hatten sich diese Spieglein auf dunklen Kanälen (auch Buchhandlung genannt) schon besorgt und präsentierten die kleinen Schmuckstücke voller Stolz. Es musste nur eine Frage gestellt werden, um eine lange und wundervolle Diskussion in Gang zu setzen: „Was hat euch an Selection gefallen?“

Acht Selection-Leserinnen waren anwesend und die Aufzählung der positiven Seiten dieser Trilogie nahm kein Ende. Sympathien, wundervolle Zitate, traumhafte Situationen und alle nur denkbaren Gefühle, die das Lesen begleiten wurden ins Feld geführt und endlich konnte ich mitreden. Es ist mehr als nachvollziehbar, warum dieser Roman seine Leserinnen (und mich) fesselt und nicht mehr los lässt. Man nimmt selbst eine der Rollen ein und versucht sich vorzustellen, wie man selbst handeln und denken würde. Und wem man letztlich sein Herz schenkt.

Die Vorfreude auf den letzten Teil ist enorm und als ich das Cover des Schlussbandes „The One“ präsentierte, war die Begeisterung zu fühlen. Das weiße Kleid, der Titel und der Blick von America Singer auf dem Buchcover – all das verleitete uns dazu, über das mögliche Ende zu spekulieren. Und die Information, dass bereits im Herbst ein besonderes Buch erscheint, um die Wartezeit zu verkürzen, rief mehr als Begeisterung hervor.

Selection... Wir haben das Ende erfunden... Und was für ein Cover

Selection… Wir haben das Ende erfunden… Und was für ein Cover

Selection – StoriesKurzgeschichten aus Sicht von Aspen Leger und Prinz Maxon mit viel Hintergrundmaterial werden auch im Sauerländer Verlag erscheinen und ich hatte das englische Original schon dabei, um einen ersten Einblick zu ermöglichen. Die Zukunft der Lesenächte in St. Alban scheint gesichert, denn Selection wird uns noch länger beschäftigen. Wir haben gestern übrigens „unser“ Ende der Trilogie erfunden und wir werden überprüfen, ob die Autorin den Gedanken folgen möchte. So sieht es aus:

  • America Singer heiratet Prinz Maxon Shreave
  • Aspen Leger stirbt
  • Das Kastensystem im Königreich wird abgeschafft
  • König Clarkson Shreave stirbt
  • Die Rebellion bricht in sich zusammen

Und als wir das alle gemeinsam und vielstimmig so beschlossen hatten, meldete sich eine einzelne Stimme zu Wort und sagte nur: „Oder vielleicht doch ganz anders…“ (Wir hoffen inständig, dass der Roman nicht mit diesen magischen Worten endet!)

Es bleibt festzuhalten, dass Selection eine absolut beeindruckende Jugendbuchreihe ist, die ihre Leserinnen (und mich) tief in die Handlung saugt und nicht mehr los lässt. Die sozialkritische Botschaft kommt an und die Charaktere binden emotional. Was will man mehr von einem Buch? Wir werden bald die Kurzgeschichten lesen und dann das weiße Traumkleid zu finalen Showdown anziehen… (ich bevorzuge jedoch Hosen!).

Dem Universum ist St. Alban bestimmt nicht egal

Dem Universum ist St. Alban bestimmt nicht egal

Im zweiten Teil der St. Alban-Lesenacht widmeten wir uns einem Jugendbuch, das seine Leser erst finden sollte. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan aus dem Hause Fischer FJB hat uns bereits in seinen Bann gezogen und nachhaltig beschäftigt. Auch lange nachdem wir das Buch geschlossen haben, denken wir darüber nach, was es bedeuten würde, täglich in einem neuen Körper zu erwachen, sich täglich in ein neues Leben zu finden und dabei zu wissen, dass man nur einen Tag bleiben kann, bevor die Reise weitergeht.

Nachdem ich einige Passagen vorgelesen und die Rahmenhandlung beschrieben hatte, sprudelten bereits die Fragen und Vermutungen. Allein der Gedanke, dies könnte wirklich passieren, verleitet zu Gedankenspielen und fordert interessante Gespräche heraus. In welchem Körper möchte man gerne erwachen – in welchem auf keinen Fall? Was, wenn man sich dann verliebt und jemanden davon überzeugen muss, dass nur das wahre Innere zählt und Äußerlichkeiten täuschen?

All diese Fragen kamen sofort auf und entfachten eine Diskussion um ein Buch, das nun gerade in St. Alban gelesen wird. Drei Exemplare wurden uns, zusätzlich zu einer großen Bücherkiste fürs Kinderheim, vom Fischer Verlag zur Verfügung gestellt und so ist gewährleistet, dass nicht nur gelesen, sondern auch zeitgleich weiter diskutiert werden kann.

St. Alban - Eine Bücherkiste und entspannte Leser

St. Alban – Eine Bücherkiste und entspannte Leser

Am Ende der Lesenacht heißt es, Danke zu sagen. Danke an Bianca, ohne die dies alles nicht möglich wäre, auch wenn sie die Lesenacht in Dresden begleiten muss. Du warst dabei. Danke an die Verlage Fischer FJB und Sauerländer, ohne die wir nur Salzstangen zum Besprechen gehabt hätten und Danke an Grit Kästing für eine tolle Lesezeichen-Überraschung. Und Danke an unsere Leser, die alle Kids von St. Alban ins Herz geschlossen haben und uns mit Rat und Tat unterstützen..

Und natürlich Danke an Schwester Anna und die Kids von St. Alban für die tollen Gespräche, eure Offenheit und den großen Bücherspaß, den wir in euren heiligen Hallen genießen dürfen. Am 29. Mai machen wir weiter. Gemeinsam mit Peggy Steike geht es dann um ein sehr wichtiges Thema. Der Holocaust in Wort und Bild… ein gemeinsames Projekt.

Bis dann 😉

SELECTION und DIE ELITE von Kiera Cass

Selection von Kiera Cass - Du hast keine Wahl

Selection von Kiera Cass – Du hast keine Wahl

Ich denke, ich sollte eine kleine Geschichte erzählen, bevor ich mich der inhaltlichen Seite der Trilogie „SELECTION“ von Kiera Cass widme. Wir haben uns in den letzten Jahren mit vielen dystopischen Mehrteilern beschäftigt und sind von Legend“ und „Die Auswahl“ schließlich über „Die Tribute von Panem“ letztlich bis zur „Bestimmung“ gekommen, um immer wieder festzustellen, dass jede dieser Reihen ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen hat.

Als dann „Selection“ von Kiera Cass in meinem Briefkasten landete, war mir angesichts des Covers und des Klappentextes schnell klar: „Das ist nichts für mich – ein reines Mädchenbuch und dann auch noch ein buchiges Revival der Bachelor-Casting Show!“ Ich wollte mir die Zeit nicht nehmen und ich vermutete, dass diese Trilogie in der vergleichenden Betrachtungen mit den oben genannten Büchern nur verlieren kann. Also – Finger weg, Raily.

Aber ich hatte die Hoffnung, dass dieses Buch seine Leser findet und so nahm ich es mit in „unser“ Kinderheim St. Alban, das wir seit geraumer Zeit nicht nur mit neuen Kinder- und Jugendbüchern „füttern“, sondern auch mit kleinen feinen Leseabenden erfreuen. Die unmittelbare Rückkopplung junger Menschen hat bei dieser Gelegenheit schon zu tiefen Erkenntnissen geführt und dem Lesen neue Schübe verliehen. Und was soll ich sagen… seitdem Selection in der kleinen Bibliothek des Kinderheims steht, höre ich bei jedem Besuch nur diesen Buchtitel. Immer wieder…

Selection von Kiera Cass - Du bist eine von vielen

Selection von Kiera Cass – Du bist eine von vielen

„So toll… Ich hab es verschlungen… Einfach traumhaft… Wann geht es endlich weiter?“ Und ich habe es nicht gelesen und konnte nicht mitreden. Was also blieb mir übrig, als auch selbst mal einer Empfehlung zu folgen. Einer sehr vielstimmigen und beharrlichen in diesem Fall. Ich wollte herausfinden, was so besonders an Selection ist und wagte lesend das „Raily-Experiment“. Und glaubt mir… mit diesen Büchern unter dem Arm als Mann im Alter von 52 Jahren S-Bahn zu fahren – DAS IST EIN EXPERIMENT!

Die Ausgangssituation der Trilogie ist so einfach wie bestechend plausibel. Nach dem letzten großen Krieg hat sich das Königreich Illeá eine Gesellschaftsform gegeben, die das Überleben der Bevölkerung in schlimmen Zeiten sichern sollte. Es existieren acht Kasten und in jeder dieser sozialen Schichten erfüllt man beharrlich seine Aufgaben. Die erste Kaste ist dem Königshaus vorbehalten und in der achten Kaste befinden sich Tagelöhner und das, was man den Bodensatz der Gesellschaft nennen könnte.

Wechsel innerhalb der Kasten sind kaum möglich. Jedenfalls nicht nach oben. Soziale Aufstiege kennt das System kaum und selbst wenn man jemanden heiraten möchte, der in einer niedrigeren Kaste eingestuft ist, dann muss man halt absteigen, um sich seinen Traum vom gemeinsamen Leben zu erfüllen. Und doch hat sich das feine Königshaus eine einzige wundervolle Möglichkeit ausgedacht, die Menschen bei Laune zu halten. Die Hochzeit des männlichen Thronfolgers wird nicht arrangiert, sondern er darf sich seine Gemahlin aus Mädchen aller 35 Provinzen selbst aussuchen. Ein CASTING für ein besseres Leben.

Selection von Kiera Cass - Die Elite - Du bist dabei

Selection von Kiera Cass – Die Elite – Du bist dabei

35 perfekte Mädchen aus fast allen sozialen Schichten (natürlich keine Achter) und 1 Prinz – das „Bachelor“-Prinzip mit dem großen Ziel vor Augen, sich selbst und die eigene Familie in die höchste Kaste zu katapultieren. Was für eine Chance für jede Einzelne und welch großes Konfliktpotential, wenn die künftigen Prinzessinnen aufeinander losgelassen werden. Und natürlich auch auf den armen Prinzen, für den es gilt, herauszufinden, wer ihn wirklich liebt oder wer lediglich nach Krone und Aufstieg trachtet! Es bleibt nicht viel Zeit, dies herauszufinden.

Möge das Casting beginnen. Und wir lernen sie endlich so richtig kennen. Die Heldin unseres Romans. America Singer, Musikerin und Angehörige der 5. Kaste. Mittelschicht also, bildhübsch und ambitioniert. Ein Mädel, das weiß was es will und sich aus Verantwortungsgefühl für ihre Familie zum Casting bewirbt. Sie möchte ihren Eltern wenigstens für kurze Zeit den Traum vom Königshaus ermöglichen, obwohl sie den Prinzen mit Sicherheit nicht heiraten würde. Aber bewerben kann man sich ja mal, so dachte sie zumindest.

Als dann die Kandidatinnen bekannt gegeben werden, ist es keine Überraschung, dass ausgerechnet „unsere“ America zum Kreis der 35 Mädchen aus dem Königreich gehört. Das musste ja so kommen und bevor sie richtig kapiert, was geschieht, sieht sie sich dem Casting, der weiblichen Konkurrenz und dem attraktiven Prinzen ausgesetzt. Na dann mal ran an den Speck, könnte man meinen. Nutze deine Chance America und versuche dein Glück zu machen, so wollen wir ihr zurufen, als sie für die Zeit des Castings im Palast einzieht… Das würden wir gerne rufen, wäre es nicht so kompliziert…

Selection von Kiera Cass - Deine einzige Chance

Selection von Kiera Cass – Deine einzige Chance

Es könnte doch wirklich ihre große Chance sein. Der einzige Weg zu einer besseren und traumhaften Zukunft. Sie müsste nur ihre Konkurrentinnen ausstechen… Wäre da nicht…

  • jener junge Mann aus der 6. Kaste, in den sie unsterblich verliebt ist
  • ein Prinz, der ihre Gefühle völlig durcheinander bringt
  • ein Leben als zukünftige Königin, das sie nicht leben möchte
  • eine Revolution, die immer näher rückt und das Königshaus bedroht
  • Rivalinnen, mit denen sie sich mehr als eng befreundet und letztlich
  • ihr eigenes Herz, das ihr täglich neue verwirrende Streiche spielt

Kiera Cass überzeugt auch im zweiten Teil „Die Elite“ von Seite zu Seite mehr, sie schöpft das gesamte Potential der Rahmensituation aus, entwickelt fühlbar plausible Charaktere und lässt ihre Leser in Situationen eintauchen, die das Spektrum von Selection immer tiefer spürbar machen. Das Casting wird zum Selbsterfahrungstripp der jungen America und jeder neue Tag stellt sie vor neue Herausforderungen. Sie hat nur ein Herz zu verschenken und genau dieses kleine Herz ist so zerrissen, wie nie zuvor. Sie macht es uns leicht, ihrer America zu folgen – sie macht es uns leicht, alle Prüfungen mit ihr zu bestehen, aber sie macht es uns allen schwer, eine Entscheidung zu treffen. Es ist eine Prüfung des Herzens… eine wirklich harte Prüfung!

Wenn man nun unser eigenes Leben mit der Ausgangssituation von Selection vergleicht, dann stimmt ihr mir sicherlich zu, dass sich die meisten Leserinnen deshalb mit America Singer identifizieren können, weil sie sich selbst irgendwo im Mittelfeld des Kastensystems einordnen. Niemand fühlt sich sonderlich privilegiert oder unermesslich reich und die Chance, einen Prinzen heiraten zu können leuchtet wie ein silberner Hoffnungsschimmer am Horizont.

Selection von Kiera Cass - Du hast nur ein Herz zu verschenken

Selection von Kiera Cass – Du hast nur ein Herz zu verschenken

Was aber, wenn dieser Roman auf junge Mädchen trifft, die sich selbst in der allerletzten Kaste sehen? Elternlos, aus nicht eben besten und sicheren Verhältnissen und mit Perspektiven, die manchmal eher zum Weinen sind? Was geschieht, wenn dieser Roman von Mädchen gelesen wird, die das Gefühl haben, bei einem solchen Casting noch nicht mal in die Vorauswahl zu kommen? Verpufft dann die romantische und hoffnungsvolle Botschaft des Romans?

Keineswegs… und das hat mich mehr als überrascht. Gerade die Jugendlichen im Kinderheim St. Alban haben diese Geschichte inhaliert und durch Kiera Cass das Gefühl vermittelt bekommen, alleine durch das Erlesen der Geschichte auf Augenhöhe zu sein. Teil der Elite… Die eigenen Chancen nutzend, und die eigene Persönlichkeit in die Waagschale des Lebens werfend, den Traum vom selbst bestimmten Leben träumen zu können. Das ist ein großes Buch, dem dies gelingt. Wahrlich.

Am 26. April werden viele Mädels im Kinderheim sich freuen, dass die ersehnte Fortsetzung von Selection bei ihnen einzieht. Unser Leseabend anlässlich des Welttags des Buches 2014 gehört zu einem ganz wichtigen Teil der Elite im Roman und der Elite, die vor ihm sitzt und ihm entgegen fiebert. Und nun kann ich endlich mitreden, denn sie haben es geschafft, mich zum Lesen einer Geschichte zu verführen, die ich ohne sie nicht entdeckt hätte. Hier geht es zum Bericht und nun warten wir gemeinsam auf den letzten Teil warten.

Selection - Der Traum von Samt und Seide - Hier geht es bald weiter...

Selection – Der Traum von Samt und Seide – Hier geht es bald weiter…

Unser besonderer Dank gilt dem Sauerland Verlag für die großzügige Bereitschaft, das Kinderheim St. Alban zu einem wichtigen Teil des Königreichs Illeá zu machen.

„Dann mach ich eben Schluss“ – Endstation Baum

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér

Wenn ich in der Jugendbuchabteilung einer guten Buchhandlung nach einem Roman greife, dann erwarte ich sowohl vom Sprachstil, von der Komplexität der Handlung, vom Alter der Protagonisten und vom Thema, dass sich jugendliche Leser hier in besonderer Weise angesprochen fühlen.

Gerade bei aktueller Literatur für junge Leser, die sich mit den wichtigen Themen Stress, Leistungsdruck in der Schule, Gruppendynamik, Selbstfindung, Mobbing und Erwachsenwerden beschäftigt, hoffe ich immer wieder darauf, Bücher zu finden, die Jugendlichen hilfreiche Bilder vor Augen führen, Halt geben und Orientierungshilfe sein können.

Als Musterbeispiel sei hier „Tote Mädchen lügen nicht“ von Jay Asher aufgeführt. Mehr als intensiv und ohne große Umwege wird hier einer Gruppe Jugendlicher gezeigt, welches Ausmaß an Verantwortung jeder einzelne für den Selbstmord einer Mitschülerin trägt. Lapidare und oberflächliche Bemerkungen führen in offensichtlich ausweglosen Situationen zum finalen Totalkollaps. Eine bestechende Aussage, die haften bleibt und an der junge Menschen wachsen können. Diejenigen, die leiden und diejenigen, die lästern und einengen.

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér

Als ich den Roman „Dann mach ich eben Schluss von Christine Fehér las, dachte ich im falschen Lesealter gelandet zu sein. Die Ausweglosigkeit eines jungen Menschen wird in diesem beeindruckenden und tief angelegten Roman fast ausschließlich von Erwachsenen verursacht. Gleichaltrige Freunde setzen dem persönlichen Horrorszenario in weiten Teilen jeweils das I-Tüpfelchen auf und bringen das Fass zum Überlaufen, das Eltern und Lehrer beharrlich geflutet haben.

„Dann mach ich eben Schluss“ ist kein ein reines Jugendbuch, das man zur Pflicht-Schul-Lektüre erheben sollte. Es ist ein psychologisch meisterhaft gezeichnetes Lehrstück für Eltern und Lehrer – es kann rettender Indikator zum rechtzeitigen Erkennen lebensgefährlicher Rückzugsgefechte Jugendlicher sein und es zeigt in unfassbarer Eindringlichkeit, wie viele Möglichkeiten der Hilfe es gegeben hätte, einen sich abzeichnenden Selbstmord zu verhindern.

Dieses Fazit vorangestellt soll auch Erwachsene dazu verleiten, diese Buchvorstellung intensiv zu lesen und dieses Jugendbuch für sich selbst als Pflichtlektüre zu entdecken. Es kann in seiner Schonungslosigkeit die Augen öffnen und entfaltet seine volle Wirkung nur dann, wenn Jung und Alt darüber in Dialog treten können. Und um reden zu können, sollte man die gleiche Sprache sprechen. Versucht es mit diesem Buch… Es hilft, diese Sprache zu finden.

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér – Aufprall

Schon auf den ersten Seiten des Romans enden wir dort, wo wir eigentlich nicht enden wollten. Wir enden frontal an einem Baum, hören die hektischen Rufe des Rettungspersonals und bekommen so langsam mit, was hier geschehen ist. Vier Jugendliche im Auto auf der Rückfahrt von einer Party. Endstation Baum. Drei von ihnen überleben teilweise schwer verletzt, der Fahrer selbst stirbt.

Maximilian Rothe, 18 Jahre alt – keinen Tropfen Alkohol im Blut, keine Drogen, übersichtliche Strecke, kein Grund, die Gewalt über den Wagen zu verlieren. Und doch – ein scheinbar gezielter Einschlag mit dem Auto im Baum. Fahrerseite. Tod. Schnell kommt die Frage auf, ob es Absicht, ob es Selbstmord gewesen sein könnte.

Aber wer macht denn so was? Mit seiner Schwester Natalie, seiner Freundin Annika und seinem besten Freund Paul im Auto? Allein, Max kann nicht mehr antworten und einen Abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen. Aber ein ganzes nicht gelebtes Leben liegt hinter ihm und es beginnt die Suche nach den Anzeichen dafür, dass es ihm nicht mehr lebenswert genug war.

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér – Vorzeichen

Hätte man Augen gehabt, um zu sehen – hätte man Ohren gehabt, um zu hören – hätte man Empathie gehabt, sich in ihn hineinzuversetzen – man hätte nicht lange suchen müssen. Die Gründe für das Scheitern eines jungen Lebensentwurfs lagen nicht im Verborgenen. Sie hüllten Max Rothe ein, wie ein für alle sichtbarer Schleier aus Verzweiflung und Scheitern.

Und nun kommen alle zu Wort. Nacheinander, fein sortiert, Schwester, Freunde, Eltern, Lehrer und aus all diesen Perspektiven ergibt sich ein Mosaikbild von Maximilan Rothe. Eines mit vielen Rissen zwischen den einzelnen Steinchen. Risse, die jeder für sich hätte erkennen können und müssen. Hätte man… hätte man doch nur… dann hätte man ihn erkannt:

Den hochbegabten Zeichner, der jeder von ihm skizzierten Figur ein Leben einzuhauchen vermochte, das die Wahrheit des Charakters in allen Facetten zeigt und der doch nicht zeichnen durfte.  Der väterlichen Vorgabe hatte er zu folgen. Mit aller Strenge. Stundenlanges beaufsichtigtes Mathe-Pauken im Wohnzimmer, Lernen bis zur Verzweiflung und bis zum nächsten Blackout. Vater gab vor – Max hatte sich zu fügen. Volljährig hin oder her.

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér – Mathewahn

Dieser Anzug passte ihm nicht. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben und doch nahm die Bevormundung mit subtilen Mitteln und knallharten Drohungen kein Ende. Leben im falschen Film. So muss er sich vorgekommen sein. Und das nicht nur zuhause. Die Schule engte ihn ein. Mathematik und Wissenschaft da, wo er Kreativität brauchte, wie ein Fisch das Wasser. Ein Vertretungslehrer, der ihn in der Abi-Prüfung frontal gegen die Wand laufen ließ, raubte Maximilian die letzte Luft zum Atmen.

Sein einziger Vertrauter – der einzige Erwachsene dem er glaubte, sein Tutor und Klassenlehrer plötzlich krank – Totalausfall, nachdem Max` Vater ihn für das Versagen seines Sohnes mitverantwortlich gemacht hatte. Infarkt. Gesundheit am Arsch und der Rettungsanker für Max verloren.

Seine Schwester Natalie, intensiv mit sich selbst beschäftigt und eher in der Lage, sich gegen den Vater zu behaupten, lebte ihr Leben und erkannte die Enge im Leben ihres Bruders nur oberflächlich und zu spät. Seine Freundin Annika, immer bestrebt aus Max das zu machen, was man einen vorzeigbaren Freund nennt. Verändern wollte sie ihn. Täglich korrigierte und forderte sie, mäkelte und nahm. Sie gab wenig – nicht einmal Halt. Paul, sein bester Freund, ein wichtiger Mensch im Leben von Max. Jemand zu dem er aufblickte. Einserschüler, Mathe-Genie und siegessicherer Sonnenschein. Zu weit weg, wenn es drauf ankam. Zu oberflächlich, wenn Max sich zu öffnen versuchte und zu egoistisch, um sich in seine Lage zu versetzen.

Dann mach ich eben Schluss - Christine Fehér

Dann mach ich eben Schluss – Christine Fehér – Portraits

Niemand kommt für sich selbst zum Ergebnis, er hätte erkennen oder verhindern können. Niemand gesteht sich dies zu, bis jeder eine Papprolle erhält. Der Inhalt öffnet nicht nur die Augen. Der Inhalt verändert das Selbstbild eines jeden, denn es sind Bilder, die Max gemalt hat. Portraits seines Vaters, seiner Freundin, Portraits der Lehrer… Keine Selbstbildnisse, sondern Momentaufnahmen der vernichtenden Wirkung von Menschen auf jemanden, den sie nicht so hätten malen können, weil sie ihn nie richtig sahen. Maximilian Rothe.

Es ist die pure Ironie des Schicksals, dass nur ein Mensch ihn richtig erkannte, so wie Max selbst wahrgenommen werden wollte. Es gab nur diesen einen Menschen, aber auch dieser stand der Entwicklung hilflos gegenüber. Seine einzige wahre und doch heimliche Liebe, von der niemand ahnt, dass sie diejenige ist, die am meisten verloren hat. Auch sie kommt zu Wort. Ganz am Ende… Delia

Christine Fehér schreibt ihren Lesern ins Herz. Sie beschönigt nicht, spricht eine klare Sprache, spricht von Schuld und Mitschuld, von Unvermögen und Teilnahmslosigkeit. Sie spricht aber auch von großer Liebe und von der Ausweglosigkeit eines Lebens, das nicht einmal die Liebe zu retten vermag.

Ein erwachsenes Buch für Menschen, die verstehen wollen. Eines für Jugendliche allemal, auch wenn sie nach dem Lesen wenig ändern können. Diese Verantwortung liegt allein bei uns. Eltern, Pädagogen, Erwachsenen. Diese Verantwortung kann man uns nicht nehmen und wir können sie nicht abstreifen. Ansonsten stehen wir eines Tages vor einem Grab… und stellen uns die dämlichste Frage aller Fragen: WARUM?

Wer das Eine mag, wird das Andere lieben - und umgekehrt...

Wer das Eine mag, wird das Andere lieben – und umgekehrt…

Nachdem dieser brillante Roman im Jahr 2014 mit dem renommierten Jugendbuchpreis Buxtehuder Bulle ausgezeichnet wurde, war es mir ein besonderes Vergnügen, Christine Fehér auf der Frankfurter Buchmesse exklusiv interviewen zu dürfen. Hier geht es zum Messegespräch über Jugendbücher, Bullen, ein gut gehütetes Geheimnis und vieles mehr.

Mit einem Klick zum Interview

Mit einem Klick zum Interview

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und absoluter Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Alles von John Boyne auf AstroLibrium – HIER

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Nun habe ich ja schon vieles erlebt in meinem Leserleben. Große Fantasy-Abenteuer, völlig groteske Geschichten und wundervoll erzählte Lügenmärchen. Dass man es jedoch wagt, die Geschichte der Fliegerei völlig neu zu erzählen, und das auch noch für ein kindliches Lesepublikum, das ist mir völlig neu.

Aber fangen wir doch der Einfachheit halber ganz vorne an. Über die Eroberung der Lüfte macht man keine Späße, das ist ein ernsthaftes und wissenschaftlich gesichertes Terrain. Otto Lilienthal, die Gebrüder Wright und auch der Schweizer Pilot Oskar Bider haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um nun mit ein paar (zugegeben wundervollen) bunten Pinselstrichen in einem Bilderbuch (und was für einem) von der Landkarte der Luftfahrtgeschichte gewischt zu werden.

Wir halten also eindeutig fest: nach den Vögeln, den Eulen, Bienen und Fledermäusen war es der Mensch, der den dreidimensionalen Raum für sich eroberte. Was für eine Glanzleistung des Geistes, der Inspiration und des Wagemutes. Daran sollten Kinder immer denken, wenn sie ein Flugzeug sehen – immer.

Alles andere ist Humbug, bleibt Humbug und wird immer Humbug bleiben…!!!!!

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Außer vielleicht… man ist ein richtiger Büchermensch und dabei auch noch ein ewig jung gebliebener. Ich bin ein wahres Lesekind und werde es immer bleiben… Jedes neue Buch trifft mich als Erstleser – jedes neue Buch ist wie die Entdeckung einer neuen Welt – jedes neue Buch hat etwas geheimnisvolles und oft auch ein wenig verbotenes. Und dieses Buch hat mich wieder richtig zum Kind werden lassen:

Lindbergh – die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus von Torben Kuhlmann (Nordsüd Verlag).

Vergessen wir einfach alles, was wir (überflüssigerweise) über die moderne Luftfahrt gelernt haben und gönnen uns einen Moment absoluter Buchmagie und Bilderbuchfaszination. Man nehme das großformatige Bilderbuch zur Hand, atme einmal tief durch und… zu spät… schon passiert… wir sind drin…

Hamburg… vor vielen, vielen Jahren. Menschen verreisen mit den ersten Automobilen, der Dampflokomotive, oder mit den neuen Ozeanriesen, wenn sie denn über den großen Teich möchten. Ein neues Zeitalter hat begonnen, aber nicht nur für den Menschen. Auch andere Erfindungen machen vor dem normalen Leben nicht Halt.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Nehmen wir zum Beispiel die innovative Mausefalle, die aus der großen Hafenstadt an der Nordsee im Kopfumdrehen eine fast mäusefreie Stadt macht. Mag der eingespannte Käse noch so verführerisch sein, eine Maus kann widerstehen und genau diese Maus wird die Geschicke der Weltgeschichte für immer verändern. Glaubt ihr jetzt nicht, aber wartet nur ab.

Unsere kleine Maus ist nämlich die gescheiteste Maus der Welt und verzweifelt nicht an der zunehmenden Vereinsamung. Vielleicht sind die Artgenossen ja gar nicht tot, sondern mit den großen Schiffen ins gelobte Land gefahren – Amerika… das ferne Land der Auswanderer. Sie beginnt darüber nachzudenken, wie sie ihnen folgen kann. Der Hafen wird von Mausefallen, Katzen und Menschen hermetisch abgeriegelt und fast hätte sie aufgegeben.

Wäre da nicht der geniale Mäusegeistesblitz gewesen. Es gab ja Fledermäuse… nahe Verwandte und vielleicht konnte unsere Maus ja die Natur kopieren und sich einen Flugapparat bauen, mit dem es ihr gelänge, den Ozean zu überqueren.

Sie beginnt zu zeichnen, zu planen, zu sammeln und bald schon folgen erste Flug- und Gleitversuche mit dem Prototypen eines mausgelenkten Luftfahrzeuges. Aller Anfang ist schwer und erst nach einer Vielzahl von Versuchen scheint das Unmögliche möglich. Dampfgetrieben, ultraleicht und präzise in der Balance… startbereit – anschnallen – und los könnte es gehen.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Wenn die Maus ihre Rechnung nicht ohne die wahren Herren der Lüfte gemacht hätte. Hamburgs Eulen können und wollen diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen und versuchen mit allen Mitteln, der Maus auf die Spur zu kommen. Wird die Flucht gelingen, wird sie unbeobachtet bleiben und was geschieht, wenn unsere fliegende Maus entdeckt wird?

Lest und schaut selbst. Und danach lehnt euch zurück und überdenkt die Geschichte der heutigen Luftfahrt erneut. Wer, wenn nicht diese intelligente Steampunkmaus hätte eine bessere Motivation gehabt, sich in die Lüfte zu erheben. Der Mensch sicherlich nicht – der hatte doch wirklich nichts vor den Mausefallen zu befürchten… also… scharf nachgedacht… das hier ist die Wahrheit… eine Pioniertat allererster Güte.

Die Geschichte allein ist liebevoll kurios, unglaublich, sympathisch, märchenhaft, verspielt und luftig leicht wie ein Mäuselooping im Nachthimmel über dem Atlantik. Was der Autor und Illustrator Torben Kuhlmann allerdings neben seinen Worten bildlich in Szene gesetzt hat sprengt den Rahmen jeglicher Erwartung an ein modernes Kinder-Bilderbuch. Es sind lebendige, warme, detailverliebte und tiefe Gemälde, die eine eigene Geschichte erzählen. Sie schmiegen sich an den Text und erwecken die Stadt, ihre Katzen, Eulen und Menschen zu perspektivischem Leben und faszinieren in einer Dimension die ihresgleichen sucht.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Torben Kuhlmann ist der einzig wahre Pionier der Lüfte. Mit ihm zu entschweben ist ein zeitlos gigantisches Abenteuer – vielleicht eines der wahrhaftig letzten großen Abenteuer unserer fantasielosen Zeit. Wer einmal mit der Maus im Cockpit saß, wer einmal ihren Augen folgte und wer einmal die Schwerelosigkeit an ihrer Seite spürte wie einen warmen Luftzug einer unvorstellbaren Reise, der glaubt an sie… oder möchte es zumindest…!

Dieses Kinder-Bilderbuch ist kein Kinder-Bilderbuch – das ist der große Denkfehler an der Geschichte. Es ist ein gebundener Traum für alle Menschen, deren Phantasie noch nicht völlig verloren ist. Begeisterungsfähige Erwachsene werden dieses Buch begeisterungsfähigen Kindern vor Augen führen und ihnen gemeinsam mit Torben Kuhlmann den größten Bären (die größte Maus) der Geschichte der Luftfahrt aufbinden… Herrlich die Augen der Kleinsten erstaunen zu sehen – herrlich die Augen der Großen strahlend zu wissen. Eine Galerie der Phantasie für jedes Alter.

Warum das Buch allerdings Lindbergh heißt, das solltet ihr selbst erlesen, erblicken und erfühlen. Ihr werdet staunen…

„Lindbergh“ wurde vor wenigen Tagen von der Stiftung Lesen mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet – und womit? Mit Recht! Ihr solltet euch das nicht entgehen lassen. Es wäre schade drum. Versprochen. Und nun ab in die Lüfte mit uns….

Lindbergh von Torben Kuhlmann - Ab in die Luft

Lindbergh von Torben Kuhlmann – Ab in die Luft

Und endlich hat das Warten ein Ende… Nach dem tranatlanischen Flug graben wir uns jetzt mit Torben Kuhlmann ein und erleben in der Maulwurfstadt was es heißt, wenn es eng wird in den Stollen unter den Maulwurfshügeln…

Ab nach unten mit uns - Mit einem Klick in die Maulwurfstadt

Ab nach unten mit uns – Mit einem Klick in die Maulwurfstadt

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon überlebt die Nazi-Diktatur in Berlin

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Eine Überlebensgeschichte

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Eine Überlebensgeschichte

Wenn es mir gestattet ist, möchte ich dieser Buchpräsentation eine völlig neue Einleitung voranstellen. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich Zitate der verfolgten Halbjüdin Marie Jalowicz Simon im Berlin der Nazi-Diktatur direkt mit meiner persönlichen Erkenntnis des Tages verknüpfen. Ich habe lesend viele Notizen verfasst und meine eigenen Gedanken sind eine starke Verbindung zu dieser wahren Lebensgeschichte eingegangen. Ich möchte diese Verknüpfung nicht mehr trennen… wenn es mir gestattet ist

Untergetaucht von Marie Jalowicz Simon (Fischer Verlag) ist ein in vielfacher Hinsicht mehr als außergewöhnliches Buch voller Stärke, Ironie und verzweifelter Hoffnung. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich den Faden dieser Lebensgeschichte genau dort aufnehmen, wo er mir in die Hände gelegt wurde. Und ich möchte damit eine Verbindung zu der Frau herstellen, die ihn unter Lebensgefahr für uns alle geknüpft hat.

Wenn es mir gestattet ist, dann würde ich sehr gerne unmittelbare Lehren ziehen, damit ich noch besser fühlen und verstehen kann. Damit ich gezielter verhindern kann. Damit ich besser erinnern kann. Ich tauche mit unter… anders geht es nicht… Folgt ihr mir?

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - In Gefahr

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – In Gefahr

„Und dann lernte ich etwas für mein späteres Leben: In einer abnormen Situation darf man sich nicht normal benehmen. Man muss sich anpassen.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn man dich schon als „Unverschämtes Judengesindel“ beschimpft, während du dich „freiwillig“ zur Zwangsarbeit anmelden musst, verhalte dich nicht auch noch freundlich und zuvorkommend. Sei anders! Zeige Stärke.

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„Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? In ihrer scheuen und einfältigen Art hatte sie eine so rührende Anmut, dass sie später für viele Jahre zu meiner persönlichen Toten wurde.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn du dir unter der unvorstellbaren Zahl verfolgter und ermordeter Juden nichts vorstellen kannst, dann klammere dich an ein einziges Gesicht. Niemand kann sich unter abstrakten Zahlen individuelle Schicksale vorstellen und nur „persönliche Tote“ helfen dir, am Leben zu bleiben.

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„Dann ging die Tür auf, sie war draußen, und ich dachte: Unvergesslich! Da haben zweihundert Frauen in unermesslicher Sehnsucht nur ein Wort gedacht: FREIHEIT. Es war ein Chor, der absolut geräuschlos lauter dröhnte als die lärmendste Nazi-Propaganda.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn es gilt Solidarität zu zeigen, muss dies nicht laut geschehen. Gemeinsam stark sein bedeutet nicht zu schreien. Wenn eine von euch aus dem Kreislauf der Vernichtung fliehen kann und ausreisen darf, dann zeigt ein vielstimmiges Schweigen. Missgönne nicht – wachse an der Sehnsucht und überlebe.

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„Für mich war dieses Spiel sehr wichtig, denn ich lernte selbstbewusst aufzutreten, auch denen gegenüber, vor denen wir eigentlich in ständiger Angst lebten. Und das sollte mir auf meinem ganzen Weg durch die Nazi-Zeit noch helfen.“

Berlin 1942. Erkenntnis des Tages: Verstecke dich auf keinen Fall hinter deinem Judenstern. Konfrontiere die Machthaber mit ihren Gesetzen und stell dich hilflos. Frage einen Polizisten nach dem Weg durch Berlin und schüttle dann nur noch beharrlich den Kopf und weise darauf hin, dass du die empfohlenen Straßen nicht betreten darfst und dir öffentliche Verkehrsmittel verboten sind. Wenn der Polizist dann entnervt sagt: „ Macht doch diesen Scheißstern ab, steigt in die U-Bahn und fertig ist die Laube“, dann hast du gewonnen. Es ist mehr als ein Sieg. Du hast Zweifel gesät…

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„Und so wurde ich aus der Kartei des Arbeitsamtes gelöscht, weil ich die Frechheit hatte, den Behörden mitzuteilen, dass ich bereits deportiert sei.“

Berlin 1941. Erkenntnis des Tages: Jedes System lässt sich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf der althergebrachten deutschen Bürokratie. Kannst du diese auch nur einmal überlisten, wirst du für immer verschwunden sein. Frei….UNTERGETAUCHT – mitten in Berlin… auch wenn damit deine Probleme erst richtig beginnen.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Dunkle Jahre

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Dunkle Jahre

Wisst ihr nun, was ich damit meinte, einen Faden dort aufzunehmen, wo das Schicksal eines Menschen ihn im kollektiven Wissen um die Geschichte vieler Menschen versteckt hat? Wisst ihr nun, warum ich direkt folgern möchte? Die aufgeführten Zitate  aus ihrem Buch charakterisieren Marie Jalowicz Simon in besonderer Weise. Sie charakterisieren ihren Überlebenswillen, ihren Mut und ihren weiteren Lebensweg.

Das Untertauchen am 22. Juni 1942 war der bewusste Schritt in die Illegalität. Mit gerade einmal 20 Jahren entzieht sich Marie der Verhaftung durch die GESTAPO, der die unmittelbare Deportation gefolgt wäre. Illegal… welch abstruses Wort für die Halbjüdin Marie angesichts einer Diktatur, in der millionenfacher Völkermord legalisiert wurde – einer brutalen Diktatur, die den Holocaust offen propagierte und  vollzog.

„Untergetaucht“ erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte, der ich hier nicht vorgreifen möchte. Maries Weg ist auf eine besondere Art und Weise einzigartig, da am 22. Juni 1942 eine Odyssee durch ihre Heimatstadt begann. Versteckt, verborgen, obdachlos, auf Unterstützung angewiesen, ständig in Lebensgefahr, mitten im Krieg, rationierte Nahrungsmittel nur für registrierte Nicht-Illegale – so sehen sie aus die Rahmenbedingungen einer Flucht durch eine Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Lebensmut

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Lebensmut

Dass Marie Jalowicz Simon nicht zu „meiner persönlichen Toten“ des Holocaust wurde, ist nicht nur ihr eigener Verdienst. Opferbereitschaft und Mut, intellektuelles Abstraktionsvermögen in hoffnungslosen Situationen und die Fähigkeit zur zielgerichteten Selbstaufgabe haben Marie ihr persönliches Überleben geschenkt. Sie erlebte ihr Berlin schließlich als „Umschlagplatz“, jenen Ort, an dem Hoffung in Zuversicht umschlägt! Der Preis, den sie zahlte, war hoch. Der Preis einiger Menschen, die ihr mutig zur Seite standen war höher.

Taucht mit Marie unter und nehmt ihren Faden auf. Er kann Leben retten und Augen öffnen. Folgt Literatwo erneut nach Berlin. Vielleicht begegnet ihr auf den Straßen jener „illegalen“ jungen Frau oder vielleicht einem kleindeutschen Ehepaar, das in lautem Protest für den sinnlos gefallenen Sohn Postkarten des Widerstandes verteilt. Vielleicht sind sie sich persönlich begegnet… damals in ihrer Stadt… die Eine „Untergetaucht“, die Anderen mit dem Ausspruch „Jeder stirbt für sich allein“ auf den zum Tode verurteilten Lippen. Sie lebten im gleichen Viertel einer dunklen Stadt…

Was am Ende bleibt von diesem Buch? Die magische und zeitlose Erkenntnis einer jungen Frau, die am Tag ihres Auftauchens im Angesicht sowjetischer Truppen voller Stolz für sich behaupten konnte: „Ich hatte mich nicht zu ergeben!“ Allein dieser Satz sollte Mut machen und Ansporn sein, das eigene Leben voller Standhaftigkeit und gegen alle Widerstände der Zeit leben zu wollen. Dieser Wille hat Marie Jalowicz Simon gerettet.

Wieder Berlin mit Falladas "Jeder stirbt für sich allein"

Wieder Berlin mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

Abgründig – Arno Strobels Höllentrip für Jugendliche

Abgründig von Arno Strobel

Abgründig von Arno Strobel

Kinderkram… echt jetzt. Da darf man endlich mal weg von der Familie und raus in die freie Natur, endlich nicht bevormundet werden und das richtige Abenteuer genießen… und dann DAS!

Das coole Bergcamp Grainau entpuppt sich für ein zusammengewürfeltes Grüppchen Jugendlicher schon schnell als Lager für „betreutes Klettern“ und genau das hatte man eigentlich nicht vor. Hey.. in dem Alter will man was erleben und nicht auch noch in seiner Freizeit auf Kleinkinder aufpassen. Da hat man die mächtige Zugspitze vor Augen und soll im Camp schön brav ein wenig rumkraxeln. Geht nicht… geht gar nicht! Und als sie auch noch ihre Handys abgeben müssen ist das Maß der Bevormundung übergelaufen.

Abenteuerlust und der Wunsch, endlich etwas Richtiges zu erleben bringen zehn Jugendliche auf die Idee, endlich mal aus dem Alltag auszubrechen und das Weite zu suchen. Ralf kennt sich immerhin blind in der Gegend aus, ist schon volljährig, hat den ersten Abend im Camp mit Alkohol aufgelockert und hat einen guten Plan. Warum eigentlich nicht, fragen sich die Anderen und so setzt sich das Grüppchen klammheimlich aus der behüteten Umgebung ab.

Abgründig von Arno Strobel - Kontratsreich

Abgründig von Arno Strobel – Kontrastreich

Ihr Ziel: eine einsame Berghütte oberhalb der geheimnisvollen Höllentalklamm, einer dunklen und feuchten Gebirgsschlucht am Fuße des höchsten Berges Deutschlands… Unwichtige Ausrüstung schleppt man nicht mit. Wenn man Ralf Glauben schenkt, dann ist es ein Kinderspiel, die Hütte zu erreichen. Aber eben eines ohne Aufsicht durch besserwissende Erwachsene.

Und so geht es los in ein unglaubliches Abenteuer, das sie wohl nie vergessen werden.

  • 10 Jugendliche
  • 1 Ziel
  • 1 falsche Fährte
  • Keine Handys
  • Keine Bergausrüstung
  • 1 Schweizer Taschenmesser
  • 1 Taschenlampe
  • 3 Flaschen Wodka

Wäre doch gelacht, wenn das nicht rocken würde, und wenn man dann nicht was zu erzählen hätte vom stinklangweiligen Camp. Und das Wetter spielt auch noch mit. Was will man mehr… Und die Gruppe passt zusammen. Das merkt man doch schnell.

Wie sehr man sich täuschen kann – in jeder Beziehung.

Abgründig - Arno Strobel - Extreme Fallhöhe

Abgründig – Arno Strobel – Extreme Fallhöhe

Das Unglück scheint bereits vorprogrammiert, als das Wetter kippt. Die Höllentalklamm liegt hinter ihnen. Sie sind durchnässt und nun gibt es nur noch einen Weg, sich vor dem aufziehenden Sturm zu schützen… weiter nach oben… das ist kürzer und ungefährlicher als jetzt noch umzukehren. Und Ralf kennt sich aus… blind sogar.

Wie sehr man sich irren kann…

Und so findet sich die Gruppe am Ende ihrer Kräfte fernab ihres eigentlichen Weges in einer einsamen Berghütte wieder, während der Sturm unvermindert an Kraft zunimmt und an eine Flucht ins Tal nicht mehr zu denken ist. Es rächt sich, dass man diese Tour unterschätzt hat. Es rächt sich, dass man bis auf ein paar Flaschen Wodka und ein paar Erdnüsse nichts in den Rucksäcken hat. Es rächt sich, dass man dem Ältesten in der Gruppe vertraut hat.

Letztendlich kippt mit dem Wetter auch die Stimmung in der Gruppe. Angst macht sich breit und Schuldzuweisungen schießen aus dem Boden. Stress bahnt sich seinen Weg, wird zu Gewalt und schon bald beginnen die ersten Handgreiflichkeiten.

Abgründig - Arno Strobel - Naturgewaltig

Abgründig – Arno Strobel – Naturgewaltig

Am Morgen nach der ersten grauenvollen Nacht in der Einsamkeit fehlt ausgerechnet der selbst ernannte Anführer. Keine Spur mehr von ihm, bis auf eine Blutlache in der Hütte und Blutspuren in der nahen Umgebung. Keine Spur von ihm, bis auf die blutverschmierte Hand von Tim, dem Einzigen unter ihnen, der ein dunkles Geheimnis in sich trägt…

Kann es sein, dass er nachts…? Ist es möglich, dass Ralf ermordet wurde? Die Gruppe dreht hohl und es entsteht ein brutales Katz- und Mausspiel um die Suche nach dem Täter. Es wird eng für Tim und der Sturm hält sie fest umklammert in dieser Hütte des Grauens.

Bestseller-Autor Arno Strobel schreibt mit „ABGRÜNDIG“ (Loewe Verlag) zum ersten Mal einen Thriller für Jugendliche. Wer Strobel kennt, der weiß, dass er seine Leser ernst nimmt. Er gestaltet einen Plot, der tragfähig ist und fordert seine Leser zum aktiven Lesen auf. Die Spurensuche an seiner Seite wird von Seite zu Seite spannender und seine Protagonisten lassen ihre Masken im Angesicht drohender Gefahr immer mehr fallen.

Die Ruhigen ziehen sich zurück, die Aufbrausenden agieren mit Gewalt und die Unauffälligen beginnen an Kontur zu gewinnen. Erste zarte Gefühle der Mädchen für einige der Jungs verschärfen die Situation zusätzlich, denn Eifersucht, Todesangst und stürmische Isolation sind wirklich keine guten Rahmenbedingungen für das gemeinsame Überleben.

Abgründig - Literatwo vor Ort in im Höllental

Abgründig – Literatwo vor Ort in im Höllental

Arno Strobel gelingt es mit „Abgründig“ nicht nur jugendliche Leser zu fesseln, auch die Fans seiner Psychothriller kommen auf ihre Kosten. Der Bestseller-Autor überzeugt, weil er sich nicht verbiegt. Er biedert sich der neuen Zielgruppe nicht an, er setzt ihr etwas vor, an dem sie zu knabbern hat. Eine komplexe Gruppenstruktur, die sich in ihrer Dynamik mehrfach über den Haufen wirft; Konflikte die ungezielt aufbrechen und Gefühle, die sich ungefiltert Raum verschaffen. Nichts Neues für Heranwachsende – alles schon selbst erlebt… nur nicht in dieser Dimension und so findet wohl jeder Leser „seine“ Helden im Roman, mit denen er leidet, hungert und die Decke teilt.

Man wird schnell zum Außenseiter im wahren Leben… man wird es schnell in Abgründig… man wird schnell zum Sündenbock, aber eben auch genauso schnell zur Zielscheibe gezielter Beeinflussung durch selbst ernannte Anführer.

Uns hat Arno Strobel erreicht. Wir kennen die Region, in der er seinen Jugend-Thriller angesiedelt hat und wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, wie verloren man sich dort fühlen kann, wenn man sich selbst überschätzt. Die Handlung selbst kann überall spielen. Denn das Spiel mit der Angst in Verbindung mit der selbstzerstörerischen Dynamik einer Gruppe in akuter Lebensgefahr beschleunigt das reale Leben zu einem wahrhaftigen Höllentrip.

Abgründig ist tiefgründig… Strobel vom Feinsten.

Arno Strobel und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg

Arno Strobel – Ein langer gemeinsamer Weg – Ein Klick genügt…

Ach ja, bevor wir es vergessen… Der ABGRÜNDIGe Weg ist damit noch nicht am Ende angelangt.

Die Outdoor-Blogger von erlebnisabenteuerundmehr haben schon oft gemeinsam mit uns alpine Romane auf ihre Plausibilität geprüft und im Gegenzug für die in der Rezension verwendeten Höllental-Bilder ist natürlich eine Ausgabe des Romans in die Hände der Alpenspezialisten geraten.

Mal gespannt, was dabei rauskommt. Bei Marc Ritters neuem Zugspitz-Polit-Thriller „Kreuzzug“ kamen wir auf diese Art und Weise zu überraschenden Übereinstimmungen. Bleibt gespannt 😉

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta verwirrt uns…

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Apokalyptisch

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Apokalyptisch

Die Apokalypse – Der Weltuntergang. Immer wieder ist dieses Szenario ein beliebtes Romanthema, das den geneigten Leser tief in seinen Bann zieht. Was tun, wenn sich von jetzt auf gleich alles ändert? Wie handeln, wenn man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird und hat man ausreichend vorgesorgt für den Fall der Fälle? Ein reizvolles Sujet, dem sich Schriftsteller aus aller Welt mal mehr, mal weniger meisterhaft widmen.

Am Anfang war das Ende von Stefan Casta aus dem Hause Sauerländer zeigt schon im Titel, worauf wir uns in diesem Jugendroman einzustellen haben. Alles beginnt da, wo unsere Vorstellung endet – genau an der Schnittstelle zum normalen Leben – dort wo wir unseren Halt verlieren und ins Bodenlose zu stürzen drohen.

Eine idyllische Welt erwartet uns augenscheinlich nicht, denn schon die Einleitung des Romans ist ein rätselhafter Wegweiser zur Geschichte von vier Jugendlichen, die hier rekonstruiert wird. Halbdokumentarisch anhand von Tagebüchern und gefundenen Videofilmen möchte uns der Bewohner des Seniorenheimes Vogelnest die Ereignisse der Vergangenheit näher bringen. Und schon beginnt der so genannte „Hänfling“ seine Erkenntnisse mit uns zu teilen… Er fühlt sich selbst noch in der Geschichte gefangen:

„Und obwohl dies alles vor langer Zeit geschehen ist, kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Oder: als geschähe es jetzt. Es ist, als bewegte sich die Zeit immer im Kreis, immer im Kreis.“

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Zeitrelativität

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Zeitrelativität

Eine intensivere Sogwirkung kann man kaum besser konstruieren, denn der Spannungsbogen ist schon bis zum Anschlag gedehnt, bevor wir die Protagonisten des Romans so richtig kennen lernen. Und noch bevor sie auftreten, wissen wir, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Geschichte zu erzählen. Nur indirekt ist dies möglich. Nur durch jenen Hänfling, der uns Einblick gewährt in Worte und Bilder, über die er verfügt.

Vier ganz besondere Jugendliche, die gemeinsam die Kulturschule Vogelnest besuchen, entführen uns in ein verstörendes Szenario. Als Mitglieder eines Geheimbundes namens „Der grüne Zirkel“ sind ihre Sinne für alles Außergewöhnliche geschärft, aber was nun geschieht übersteigt selbst ihre Vorstellungskraft. Die Tage verändern sich und steigende Temperaturen beginnen dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Gewächshausatmosphäre dominiert das tägliche Leben. Erinnerungen an die normalen Tage vor der Hitzeperiode beginnen zu verschwimmen und die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben wächst ins Überdimensionale.

Judit beschreibt diese seltsamen Tage in ihren Aufzeichnungen als ein Wechselbad der Gefühle. Die von ihr besonders geliebten Wochentage, wie Samstag oder Sonntag, haben ihre Bedeutung verloren. Alles verschwimmt im Einheitsbrei der Hochtemperatur und nur der Schutz vor der Hitze steht im Vordergrund. Ein Leben innerhalb des Hauses oder in der Schule ist die Folge und hat so gar nichts mehr mit einer befreiten Jugend zu tun.

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Sehnsuchtstage

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Sehnsuchtstage

Doch das war nur der zarte Anfang, der gleichzeitig das Ende symbolisiert, denn die Hitze wird nach unsäglich langem Warten endlich vom Regen abgelöst. Endlich… ein gar nicht passendes Wort, denn genau das geschieht nicht. Der Regen endet nicht und weitet sich zu einer Sintflut aus, die alles mit sich reißt. Auch die vier Freunde Judit, David, Dinah und Gabriel, die sich auf der Veranda ihrer Schule befinden, als diese zur Arche Noah für sie mutiert, sich vom Gebäude losreißt und ungesteuert ins Nirgendwo abdriftet.

Und genau so driften diese vier Jugendlichen ihrem persönlichen Weltuntergang entgegen. Völlig unvorbereitet und nur mit scheinbar unnützen Gegenständen gewappnet. Unter anderem mit einer Videokamera, die Zeugnis ablegen kann über das Ende, das dem Anfang folgt. Endlich erreichen sie Land und doch ist es nicht das Land der Rettung, das sie freudig erwartet. Zerstört ist alles, vernichtet alles Leben und schier im Stillstand befindlich. Utopische Bilder begegnen ihnen in den unbewohnten teilweise zerstörten Häusern von einst.

Das Drama beginnt sein Tempo ins Unermessliche zu steigern, als sie bemerken, dass sie nicht alleine sind. Sie sind in Gefahr und wissen doch so wenig… aber sie sind einfallsreich, jung und voller Überlebensmut.. Ob sie dies retten kann?

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Allein ist man nie

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Allein ist man nie

Ein durchaus viel versprechender Apokalypse-Auftakt, der den Leser mit unvermindertem Tempo durch die Handlung treibt. Immer auf der Suche nach den Ursachen und Konsequenzen, folgt man atemlos den ausgelegten Spuren des Autors. Wie lose Enden einer diffusen Idee präsentiert er immer wieder Ansätze, die mit der Verschiebung von Zeitebenen oder der Zeitgleichheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht werden können. Aber jedes Mal, wenn eine Idee zu tragen beginnt, verliert sie sich in widersprüchlichen Geschehnissen im Roman. Irgendwann verlieren sich in traumgleichen Sequenzen selbst die leisesten Spuren und schließlich ist es selbst dem geneigtesten Leser recht egal, warum hier gerade was passiert.

Am Ende steht man mit ratlosem Unverständnis der Schlüsselsituation des Romans gegenüber, die an fehlender Plausibilität kaum zu überbieten ist. Auch in Gesprächen mit anderen Lesern des Romans hat sich der Eindruck verfestigt, dass jeder am Ende dieses Jugendromans die Anzahl der Fragezeichen über dem Leserhirn kaum zählen konnte. Gerade Jugendlich ab 12 (!) dürften neben den reinen Verlustangstgedanken, die vom Roman transportiert werden, hier an den Rand des Vorstellungsvermögens gelangen.

Eine Story voller Potential und wundervoller Gedankengänge – ein Roman mit tief angelegten Charakteren und gespickt mit spannungsgeladenen Bildern verpufft in der schieren Unverständlichkeit... Es findet sich im Buch kein Hinweis auf eine Fortsetzung, die es aber nach kurzer Recherche im Internet doch (zumindest in Schweden) geben soll…

Ich habe Bianca zum ersten Mal gebeten, ein Buch nicht zu lesen. Und ich bereue diesen Ratschlag nicht.

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse – ein Klick genügt

Zum Thema Weltuntergang und Jugend bietet sich der Roman „Ein Jahr voller Wunder“ von Karen Thompson Walker zum direkten Vergleich an… Diese Bücher haben vieles gemeinsam und unterscheiden sich doch wesentlich… Ich habe eines von beiden verstanden 😉

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Elisabeth Zöller vergisst nicht

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens

„Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens “ von Elisabeth Zöller
Eine Jugendbuchvorstellung nicht nur für Erwachsene.

anton oder die zeit des unwerten lebens spacer

Das Deutschland des Jahres 1938 war aus heutiger Sicht ein dunkles Land voller menschenverachtender Gedanken. Bürger, die nicht ins System der Machthaber passten, wurden durch sogenannte „Rassegesetze“ einfach zu „Nicht- oder Untermenschen“ erklärt, schrittweise ihrer Rechte beraubt und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Massenmobbing würde man das heute nennen. Es traf zuerst die Deutschen mit jüdischem Glauben. Die Nationalsozialisten stellten all jene an den Rand der Gemeinschaft, die nicht ins ideologische Bild passten.

Die Verbote griffen immer weiter um sich. Juden durften nicht mehr in Kinos gehen, keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, bestimmte Straßen nicht mehr betreten, mussten ihre Wohnungen verlassen und durften nur noch in Gegenden wohnen, in denen andere Juden angesiedelt wurden. Die Signalwirkung auf andere Bewohner des Landes war enorm. Man wusste, dass ein einziger Fehler ausreichen würde, um auch alle Rechte zu verlieren. Und wer wollte das schon riskieren?

Also befolgte man die Verbote. Man kaufte nicht in Geschäften jüdischer Kaufleute ein, bediente keine jüdischen Kunden, behandelte keine jüdischen Kranken und wunderte sich nicht, wenn jüdische Mitbürger verschwanden. Man entwickelte sich zu einem Volk der Zuschauer und war doch aktiv an all den Schritten beteiligt, die man für richtig hielt, um das eigene Volk stärker zu machen, als es jemals war. Die Angst ging um und als die Machthaber bemerkten, wie gut ihre Terrorherrschaft funktionierte, nahm man auch andere Menschen ins Visier, die nicht ins Bild vom „starken Deutschen“ – vom „Arier“ – passten.

Man begann, alle behinderten Menschen zu „unwertem Leben“ zu erklären!

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens - Unfassbare Pläne

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Unfassbare Pläne

1938 ist Anton gerade einmal sechs Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Münster. Eine „gute deutsche Familie“, wie man es damals so sagen würde. Der Vater ist Beamter und eigentlich hat man nichts zu fürchten. Wäre da nicht ein Unfall gewesen, der Antons Leben von einer Sekunde auf die andere verändert hatte. Der Kopf war verletzt worden und nun ist Anton anders als vorher. Der rechte Arm ist gelähmt und mit seiner Sprache ist auch nicht alles so wie es sein sollte. Anton stottert und hat jegliches Gefühl für sich und seinen Körper verloren.

„Anton kannte sein Ich nicht mehr!“

Eine typische deutsche Mitläuferfamilie. Keine Nazis, aber auch nicht bereit, etwas gegen das schreiende Unrecht im Land zu tun. Brav lernt Antons Schwester für die Schule die „Rassenlehre“ und so bekommt man sehenden Auges mit, was den Juden geschieht. Und doch wächst die Angst um die eigene Zukunft, da Antons Eltern zu realisieren beginnen, dass nach den Juden nun die Menschen auf die Liste kommen, die durch Krankheiten anders sind. Behinderte werden zunehmend als „Schädlinge für die Volksgemeinschaft“ und „unnütze Esser“ angesehen.

Dabei ist Anton alles andere als unnütz. Mathematisch hochbegabt und als kleines Zeichentalent freut er sich darauf, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Auch wenn das mit dem Schreiben noch nicht gut funktioniert und das Stottern bestimmt Probleme machen würde. Da sein Onkel Lehrer ist, wird das schon alles gut gehen – so denkt man sich die Zukunft schön. Wie sehr man sich in dieser dunklen Zeit täuschen konnte!

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Demütigend

Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens – Demütigende Spiele

Für Anton beginnt schon am allerersten Schultag der Kampf ums Überleben, denn seine Schultüte ist prall gefüllt mit dem Hass von Lehrern und Mitschülern, die schon so tief im Glauben an ihren Führer Adolf Hitler gefangen sind, dass es ihnen als Pflicht erscheint, Anton zu quälen und ihm zu zeigen, dass er nicht dazugehört! Er ist es nicht wert – er ist unwertes Leben!

So wird Anton zum Spielball all jener, die nicht den Mumm haben sich zu wehren und auch zur Zielscheibe derer, die den Vorgaben der Diktatur blind folgen. Anton wird von Lehrern geprügelt, auf dem Schulhof von Mitschülern misshandelt und erlebt, was in den Familien seiner Schulkameraden vor sich geht. Dort sitzt man abends in gemütlicher Runde beisammen und spielt ein Brettspiel, das aus heutiger Sicht mehr als unglaublich ist. „Juden raus“ heißt es und kommt es nur darauf auf, die kleinen jüdischen Spielfiguren aus der Stadt zu vertreiben.

Über allem steht die ganz klar ausgesprochene Drohung, dass wenn man mit den Juden fertig sei, auch die Behinderten an die Reihe kommen. Der Zweite Weltkrieg fordert auch in Münster seinen Tribut. Essen wird rationiert und für Anton bleibt statt der geliebten Buchstabensuppe oft nur ein Teller mit warmer Wasserbrühe. Immer wieder muss er an den Begriff vom „unnützen Esser“ denken und begreift, dass er in Gefahr ist. Endlich beschließen seine Eltern zu handeln… Spät, aber sie lehnen sich auf.

1943 starten sie die Geheimsache Anton….

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Hunger

Anton – Copyright der beiden Bilder im Rahmen – Frau Bianca Raum

Nach „Vaters Befehl oder Ein deutsches Mädel“ ist dies bereits das zweite Jugendbuch „Gegen das Vergessen“ aus der Feder von Elisabeth Zöller, das uns mehr als betroffen macht. Biancas Artikel zu diesem Buch spricht eine sehr deutliche Sprache!  „Wutlesen“ – anders kann man es nicht nennen, wenn man in die wahre Geschichte von Anton eintaucht und sich vor Augen hält, was im nationalsozialistischen Deutschland möglich und selbstverständlich war.

Der blinde Glaube an eine wahnsinnige Ideologie und die Angst, selbst ins Visier genommen zu werden, sorgten dafür, dass gegenüber dem „unwerten Leben“ jegliches Mitgefühl ausgeschaltet wurde und niemand mehr gewillt war, sich in die Gefühle der Betroffenen hinein zu versetzen. Mitgefühl, Mitleid oder Hilfsbereitschaft wurden systematisch ausgeschaltet und jeder war sich selbst der Nächste. Und für viele muss es einfach toll gewesen sein, sich an den „Sündenböcken“ der Gemeinschaft austoben zu dürfen!

Empathie wurde zum großen Fremdwort dieser Zeit!

Elisabeth Zöllers Bücher leisten einen wichtigen Beitrag, um einer Wiederholung solcher menschenverachtender Ereignisse vorzubeugen. Sie öffnet ihren Lesern die Augen und appelliert mit jedem Wort, jedem Satz und jedem Kapitel, nicht blind zu sein und sich aufzulehnen, wenn es darum geht für andere Menschen einzustehen. Was damals im Großen geschah, kann sich heute im Kleinen vollziehen. In der Klassengemeinschaft, in Gruppen und im Freundeskreis. Lasst dies nicht zu, denn dort wo das kleine Unrecht blüht, kann das große Unrecht Wurzeln schlagen. Haltet die Augen auf… lest… und handelt, dort wo ihr es könnt.

Die bewusste Blindheit von einst führte zum wohl unglaublichsten Massenmord der Weltgeschichte.

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens - Lessons learned

Anton oder die Zeit des unwerten Lebens – Lessons learned

Das Lesen von „Anton oder Die Zeit des unwerten Lebens(Fischer Schatzinsel) war schwer, es war erhellend, es hat wütend gemacht, Hoffnung vermittelt und die Augen geöffnet. Es ist ein wichtiges Buch für mich. Wenn man lesend seine Tochter im Rollstuhl durch die Weltgeschichte schiebt und realisiert, wie Freunde, Schule und Vereine im Umfeld heute reagieren, dann ist es nicht zuletzt Autoren wie Elisabeth Zöller zu verdanken, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir haben heute viel gelernt und vieles ist nicht mehr vorstellbar.

Der Begriff „unwertes Leben“ gehört nicht mehr zu unserem Sprachgebrauch – er darf auch nie wieder einen Platz in unseren Köpfen und Herzen einnehmen.

Holocaust-Gedenktag 2014 – „Hanas Koffer“ von Karen Levine

Hanas Koffer von Karen Levine - Das nie gelebte Leben der Hana Brady

Hanas Koffer von Karen Levine – Das nie gelebte Leben der Hana Brady

„Die Vergangenheit wirft ihren Schlagschatten auf gegenwärtiges und zukünftiges Gelände. Vergegenkunft nannte ich später meinen Zeitbegriff…“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

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Seit wir gemeinsam „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust schreiben, werden wir Literatwos ständig mit diesem zeitlosen Zeitbegriff konfrontiert, da wir den historischen Schlagschatten des Erinnerns gerade in Büchern immer wieder spüren. Manchmal sind es Namen, oftmals Orte und immer wieder auch Gegenstände, die uns einholen und den Blick in die Vergangenheit richten lassen. Einer dieser Gegenstände ist ein Ring, über den ich vor kurzem schrieb. Jener Ring eines gefallenen Soldaten, der nun in meinen Händen liegt und damals alles veränderte: Weihnachten 1944…

Schlagschatten… Aus ihnen möchten wir selbst täglich lernen und anderen Menschen immer wieder vor Augen führen, dass sich Automatismen der Vergangenheit nur dann wiederholen können, wenn wir sie bis heute nicht verstehen. Erinnern heißt für uns auch Verhindern! Im Schreiben hier, in Gesprächen mit Freunden und im Dialog mit Jugendlichen an Schulen.

Wir wollen nicht vergessen und versuchen anhand ausgewählter Literatur, ganz besonders aus dem Bereich Jugend- und Kinderbuch, konstant dem Erinnern ein Gesicht zu geben. Wenn ihr das Gestern vergesst, werdet ihr das Morgen nicht bewusst erleben!

Hanas Koffer von Karen Levin - Dem Erinnern einen Namen geben

Hanas Koffer von Karen Levin – Dem Erinnern einen Namen geben

So öffnen wir anlässlich des Holocaust Gedenktages 2014 einen ganz besonderen Koffer. Er gehörte einst einem kleinen jüdischen Mädchen und ist augenscheinlich der letzte Gegenstand, der an dessen Existenz erinnert. Ansonsten ist er absolut leer. So wie die Erinnerung. Die Geschichte dieses Koffers beginnt vor langer Zeit mit der Deportation einer gewissen Hana Brady. Aber eigentlich beginnt seine Geschichte vor wenigen Jahren in Tokio….

Hanas Koffer“ von Karen Levine (Ravensburger)

Fumiko Ishioka wurde 1998 Leiterin eines kleinen Museums in Tokio. Die Mitarbeiter des „Tokyo Holocaust Center“ hatten sich zur Aufgabe gesetzt, japanische Schulkinder über die Verfolgung und Vernichtung millionenfachen Lebens in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland zu informieren. Fumiko traf sich mit Überlebenden und war von Anfang an bestrebt, dem Museum mehr Leben zu verleihen und den Kindern das Erinnern näher zu bringen. Erst im Jahr 2000, und nach vielen erfolglosen Versuchen, erhielt sie ein Paket aus dem „Auschwitz-Museum“.

Der Inhalt: Ein Kinderstrumpf und ein Schuh, ein Kinderpullover, ein Behälter mit der Aufschrift ZYKLON B und ein Koffer, der mit den Worten „Hana Brady, 16. Mai 1931 – Waisenkind“ gekennzeichnet war. Hanas Koffer. Und obwohl dieser Koffer unscheinbar aussah, öffnete er mit seiner bloßen Anwesenheit die Tür zu seiner vergessenen Besitzerin. Die japanischen Kinder hatten endlich ein greifbares Zeichen aus der Zeit des Holocaust – sie erkannten, dass jene Hana ebenfalls ein Kind war, als sie mit 13 Jahren in Auschwitz ankam. Und so rückte jenes unbekannte und gesichtslose Mädchen in den Mittelpunkt einer intensiven Spurensuche.

Hanas Koffer von Karen Levine - Mit Hanas Augen

Hanas Koffer von Karen Levine – Mit Hanas Augen

Inspiriert von den Fragen der Kinder und unterstützt durch eine kleine Gruppe von Schülern, die sich selbst „Die kleinen Flügel“ nannten, begann Fumiko Ishioka auf eigene Faust zu recherchieren. Reisen nach Auschwitz und Theresienstadt, Besuche in einigen Museen und Archiven brachten sie dem unbekannten Mädchen Schritt für Schritt näher. Sie entdeckte Zeichnungen mit Hanas Unterschrift, die während des Aufenthaltes in Theresienstadt entstanden sein mussten und jedes neue Detail diente als Triebfeder für weitere Reisen „Gegen das Vergessen“.

Der Koffer war der Auslöser. Die Aufschrift, das einzige greifbare Indiz und doch ließen sich die japanischen Schüler und die Leiterin des kleinen Holocaust-Museums nicht entmutigen. Der Durchbruch gelang, als man eine Liste fand. Eine jener berüchtigten Listen der Nazis, auf denen sie Namen und Zielorte der deportierten Juden dokumentierten und auf der Liste mit Hanas Namen fand sich ein zweiter Name… der ihres Bruders Gerorge. Und das Besondere an diesem Namen: er war nicht abgehakt worden, was vielleicht bedeutete, dass er Auschwitz nie erreicht hatte.

Konnte das bedeuten, dass er den Holocaust überlebt hatte? Konnte es sein, dass er vielleicht noch lebt?

Am Ende aller Recherchen steht ein Brief Fumikos nach Kanada. Der Adressat ein gewisser George Brady und der Inhalt eine aufrührende Bitte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, wenn er tatsächlich der Bruder von Hana wäre. Nun konnte man in Japan nichts weiter tun, als zu warten und zu hoffen, dem Geheimnis des Koffers endlich einen bedeutenden Schritt nähergekommen zu sein.

Hanas Koffer - Die kleinen Flüge - weltumspannend

Hanas Koffer – Die kleinen Flüge – weltumspannend

Karen Levine beschreibt in ihrem bewegenden Buch „Hanas Koffer“ die Geschichte dieser Spurensuche auf beeindruckende Art und Weise. Sie nähert sich der Neugier der Kinder in Tokio ebenso behutsam an, wie jener kleinen Hana, der die ganze Spurensuche galt. Das Ergebnis ist berührend, verstörend und hoffnungsvoll zugleich. Denn das Wunder trat tatsächlich ein. George Brady antwortete und er schrieb nicht nur einen emotionalen Brief an die Kleinen Flügel, er legte auch die Geschichte seiner Schwester und einzigartige Bilder von Hana bei. Er öffnete sein Herz und seine Geschichte für die Kinder, die seine Schwester nicht vergessen wollten.

Und so öffnet sich auch für uns Leser die Lebensgeschichte einer verfolgten Familie, die zur falschen Zeit am falschen Ort lebte. Einer jüdischen Familie, die in die Fänge der Nazis geriet und dem Holocaust gnadenlos ausgeliefert war. Das Schicksal der beiden Geschwister trifft den Leser auf jeder Seite ins hilflose Herz und doch zeigt das Buch, dass nur das Vergessen das endgültige Todesurteil für ein Menschenleben bedeutet. Die Kleinen Flügel und Fumiko Ishioka haben ihre Schwingen über die Welt ausgebreitet und einem vergessenen Schicksal ein Gesicht gegeben – Karen Levine hat dieser Geschichte in einer für Kinder ab 10 Jahren angemessenen Form einen ewigen Platz in unserer Erinnerung gegeben. Der Ravensburger Verlag hat eigens Unterrichtsmaterial zum Buch veröffentlicht und es ist für uns einer der größten Anwärter auf die Bezeichnung: Pflichtlektüre!

Hana Brady war erst 13, als sie am Ende ihres kurzen Lebens in Auschwitz vergast wurde. Sie gehört zu den vielen Millionen Opfern eines unvorstellbaren Massenmordes und sie hatte noch so viel Leben vor sich, das nicht gelebt werden durfte. Doch sie hatte einen Wunsch: sie wäre so gerne Lehrerin geworden und hätte gerne Kinder unterrichtet. Dieser Wunsch wurde ihr von einer Museumsleiterin, den Kleinen Flügeln, vielen Kindern weltweit und einer vorzüglichen Autorin erfüllt. Hana lehrt die Kinder der Welt, dass sich Auschwitz nicht wiederholen darf. Ihr Koffer reist durch die Welt und erzählt ihre Geschichte.

Die Sinnlosigkeit des Sterbens in Vergessenheit wurde diesem kleinen Mädchen genommen. Es war die vielleicht schwerste Last, die Hana Brady zu tragen hatte.

Hanas Koffer - Gegen das Vergessen

Hanas Koffer – Gegen das Vergessen

„So wird meine Rede zwar ihren Punkt finden müssen, doch dem Schreiben nach Auschwitz kann kein Ende versprochen werden, es sei denn, das Menschengeschecht gäbe sich auf.“

Günter Grass „Schreiben nach Auschwitz“ – 13. Februar 1990

Diesem zeitlos magischen Satz unseres Literatur-Nobelpreisträgers schließen wir uns lebenslänglich an. Dem Erinnern neue Dimensionen, dem Gedenken Farbe und Flügel verleihen, und dies nicht nur im Internet sondern auch im Dialog mit der Jugend von heute, dem haben wir uns verschrieben. Wir danken an dieser Stelle unseren Wegbegleitern und allen Verlagen, die dieses ehrgeizige Projekt bereits seit mehr als drei Jahren mit unfassbarem Engagement unterstützen.

Literatwo schreibt weiter „Gegen das Vergessen“ der Opfer jeglicher Verfolgung aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen. Wir kämpfen mit unseren Waffen für das aufrechte Gedenken an die Opfer des Holocaust und erinnern an jene, deren Auslöschung ideologisches Programm war und ist. Wir gehören keinem Menschengeschlecht an, das sich aufgegeben hat… Wir sind gerade erst aufgestanden!

Arndt Stroscher & Bianca Raum Literatwo

Literatwo "Gegen das Vergessen" - Eine Lebensaufgabe

„Gegen das Vergessen“ – Eine Lebensaufgabe

Ein mehr als persönlicher Nachtrag sei nach diesem persönlichen Text noch gestattet. Das Schicksal hat Hana Brady noch mehr als nur durch dieses Buch mit Literatwo verbunden. Ebenso wie bei Bianca fällt Hanas Geburtstag auf einen 16. Mai. Nur eben genau 54 Jahre, bevor auch Bianca das Licht der Welt erblickte. Dieser Geburtsagsverbundenheit wird zukünftig bei uns an jenem magischen Tag dadurch gedacht, dass wir Hanas Wiegenfest bei uns feiern. Leider hat sie nicht viele Geburtstage feiern können, aber wir werden es ihr schön machen.

Versprochen, Hana…

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Juni 2014 – „Hanas Koffer“ tritt eine Reise „Gegen das Vergessen“ an! Werdet Teil des Projekts und begrüßt das Buch bei euch zu Hause… und es kommt nicht allein!

Hanas Koffer - Mit einem Klick zu Lesereise - Seid dabei...

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