Lachen machen…

Es war der letzte Mittwoch vor Heiligabend. Einer der wenigen magischen Tage in den letzten Wochen, an denen er ansatzweise das Gefühl hatte, irgendwie nützlich zu sein. Ein ganz klein wenig zumindest. Mit widerspenstig gegen ihn ankämpfendem Schirm betrat er den windgeschützten Eingangsbereich der Klinik, nickte der Dame am Empfangsschalter flüchtig zu und dachte ganz kurz, ein leichtes Kopfschütteln wahrgenommen zu haben… kurz…

In seinem Arztzimmer angekommen, lehnte er den triefnassen Schirm an die Wand und begann damit, sich langsam umzuziehen. Aus den Augenwinkeln heraus betrachtete er wehmütig die Zertifikate, die ihn scheinbar definierten. Approbationsurkunde, hippokratischer Eid, notfallmedizinische Kurse und Kongressbescheinigungen zeichneten das klar konturierte Bild eines Meisters seines Faches. Letztlich jedoch war es nur gerahmtes Papier. Der Notfall war jetzt er…

Er öffnete seinen Spind und entledigte sich seiner Alltagskleidung, zog die viel zu große Hose an, griff zu den beiden unterschiedlichen Schuhen, schlüpfte in den karierten Kittel und begann damit, sich zu schminken. Viel Weiß trug er auf, zog einen blutroten Rand um den Mund und malte ein wenig Rosa auf die Wangen. Er blickte in den Spiegel und war zufrieden mit sich. Keine Spur mehr von Falten oder Sorgen, kein Hauch mehr eines Zweifels – ein Clown, dem jetzt nur noch die Plastikglatze fehlte, um die Illusion vollständig zu machen.

Er versuchte ein Lächeln, erst zaghaft, dann etwas gewagter, aber mehr als das traurige Zerrbild eines Komikers konnte er nicht wahrnehmen. Egal – es würde sich einstellen. Das Lachen und die Leichtigkeit würden automatisch auftauchen – das war immer so, wenn er zweimal im Monat als Klinikclown unterwegs war und jonglierend durch die endlosen Flure stolperte. Lachen machen – das hatte er vor. So schwer es ihm auch selbst fiel. Das Lachen.

Sunny war mit ihren vierzehn Jahren wohl eine der jüngsten Dauerpatientinnen auf der 31. Ausgemergelt, magersüchtig, instabil war zu lesen… Worte. Ihre Gefühle konnte man nicht lesen. Essen unter Beobachtung, Rauswürgen wenn sie alleine war. Leben in einer Welt in die sie nicht passte – kleiner wollte sie werden, nicht auffallen bis zum Verschwinden. Spurlos wollte sie leben. „Das kriegen wir wieder hin“, so der Tenor der Ärzte, Therapeuten und ihrer Stiefeltern. Hinkriegen… Worte.

Ihre eigenen Worte schenkte sie nur ihrem Tagebuch. „Klinik, Tag 241. Am Ende… ich… keine Kraft mehr und die Zukunft? Was will die von mir? Nichts, denke ich. Das ist nicht meine Welt. Ist da draußen irgendjemand der zu mir hält?“ Worte… ihre eigenen. Sie schloss ihr Tagebuch – hart.

Genau in diesem Moment betrat er ihr Zimmer. Bewaffnet mit einer überdimensional großen Patientenakte, aus der ihm eine wohl zwei Meter lange Fieberkurve schlangengleich zu folgen schien, näherte er sich stolpernd ihrem Bett und lispelte „Daff kriegen wir wieder hin… efft kein Thema“ und blätterte wie wild in seinen Unterlagen, aus denen es jetzt Konfetti zu regnen begann. Sunny wollte nicht lachen – das wollte sie nie, aber jetzt bahnte sich wieder ein Gefühl seinen Weg nach draußen, das sie oft so sehr vermisst hatte. Sie kniff die Lippen fest zusammen und doch musste sie ein wenig prusten… nur ein ganz klein wenig… ein zartes erstes Lachen seit Tagen. Da war es. „Daff ifft lufftig… ffie lachen ja, Ffräulien Ffunny…“ meinte er feixend.

So erging es den meisten Patienten. Dr. Fuffel war unwiderstehlich. Ob Tagespatient mit gebrochenem Arm, Kurzzeitkranker auf Station oder Dauerpatient… jeder erlag seinem Humor und jeder freute sich auf die wenigen unbeschwerten Minuten mit dem „Facharzt für leicht erkennbare Krankheiten“, der seinen eigenen Namen nur unter einer Vielzahl gelispelter „Effs“ herausbekam. Luftballons säumten seinen Weg und Jonglierbälle, die der Schwerkraft zum Opfer fielen kullerten vor seinen ungeschickten Füßen über die Gänge der Klinik. Nur seine Plastiksonnenblume schien halbwegs normal zu sein, da sie sich ohne erkennbaren Sprachfehler mit ihm zu unterhalten schien. „Herr Doktor…sie haben in der Fieberkurve wieder zu schnell beschleunigt… tststs…“

Lachen machen… das konnte er wie kein Zweiter. Und Lachen konnte Sorgen vertreiben – zumindest für wenige Minuten, jedoch oft nachhaltiger, als manche Therapie oder eine Vielzahl von Medikamenten. Dabei war er ein ganz normaler Kassenclown… Humor ohne Rezept und doppelten Boden. Immer richtig dosiert – immer genau hinein in den Schmerz. Nur nicht in den Eigenen! Den traf er nicht. Und nach dem Lachen kam das Gespräch – und auch hier traf er den Schmerz. Nur nicht den Eigenen. Das Lachen war seine Tür zu den Menschen. Den Eingang zu sich selbst jedoch hatte er scheinbar zugemauert.

Schwer war es jetzt, kurz vor Weihnachten. Genau zu wissen, wo man die Feiertage zu verbringen hatte, war hart. Keine Entlassung. Therapie und Klinikalltag. Sunny war es egal. Ob hier oder woanders – egal. Es wartete niemand auf sie – sie war ein Problem und das hatten lieber alle vom Hals…. War eben so…

„Und? Hat`s gut getan?“, fragte Schwester Gabriela ein wenig neugierig, während sie Sunny beim Essen beaufsichtigte. „Was?“ „Na Fuffel! Du hast heute gelacht. Das sieht man nicht so oft… oder?“ „OK! Es war gut. Mehr als das. Wenn die Ärzte so wären wie dieser Spaßvogel, dann… Naja.. er ist – eben anders, halt. Und lustig!“

Beim Verlassen des Zimmers drehte sich Gabriela kurz um, dachte einen Moment darüber nach, ob sie sagen sollte, was ihr auf den Lippen brannte, zögerte und meinte dann: „Er ist Arzt. Hat es aber vermasselt. Irgendwie. Ein Kind hat er nicht durchgebracht – seitdem ist er wohl suspendiert und versteckt sich hier hinter dem Clown. Die haben ihn alle fallenlassen, wie eine heiße Kartoffel. Irgendwie passt er nicht mehr ins System, aber anders kann er wohl nicht!“ Sie schloss die Tür.

Er passt nicht in diese Welt. Fallenlassen? Er will sich verstecken. Gedankenflut. Sunny schlug ihr Tagebuch auf und las ihre letzten Zeilen. Wenn er nicht passte, warum war er noch da? Warum kämpfte er einen einsamen Kampf? Warum lag er nicht am Boden? Wie sah es in seinem Inneren aus – hinter der Kulisse…? Oh Gott… sie konnte es sich vorstellen….

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen – Gruppentherapie stand heute auf dem Programm und sie musste sich anziehen. Mühselig alles – weil nutzlos. „Hallo, ich bin die Sunny und kotze mein Leben weg.“ Ach sie war es so leid. Und auch noch in der Innenstadt. Ein kurzer Weg durch den Park und dann in die Trambahn einsteigen… wenigstens frische Luft. Für andere eine willkommene Abwechslung, für Sunny jedoch ein Schaufensterbummel der Illusion. Menschen, die zusammengehören und einkaufen gehen, normale Familien, lachend und Leute mit Jobs, Studenten und ach… eine Welt halt – aber nicht ihre. Definitiv nicht.

Am späten Nachmittag verließ sie die Klinik. Wie immer unter Aufsicht. Der festlich strahlende Tannenbaum auf dem Vorplatz erinnerte sie nur umso schmerzlicher an alles, was sie nicht hatte. Nur ein Mahnmal – keine schönen Gefühle.

Auch Fuffel verließ das Gebäude. Ein trauriger Clown auf dem Weg zum Kinderhaus. Aber wenigstens dort erwartete man ihn sehnsüchtig. Seine Ziehharmonika vor dem Bauch und die Plastiksonnenblume in der Hand schlenderte er gedankenverloren durch die Gartenanlagen der weiträumig angelegten Klinik. Kalt war ihm, aber umziehen würde sich nicht lohnen und Kälte machte aufmerksam und wach… das wusste er noch von Früher. Vom Rettungswagen. Was für eine Zeit….

Wie aus dem Nichts hörte er plötzlich quietschende Reifen, erahnte einen viel zu kurzen Bremsweg und hörte den markerschütternden Schrei einer Frau, dem das Geräusch eines dumpfen Aufpralls folgte. „Timmieeeeeee“ – diesen Ruf konnte man durch den ganzen Park hören. Alle Instinkte erwachten in Fuffel, er sprintete los, erreichte in Windeseile den Zebrastreifen und erfasste mit einem geschulten Blick das gesamte Ausmaß des vollendeten Dramas.

Ein überfahrenes Kleinkind, eine zusammenbrechende Mutter und Horden von gaffenden Schaulustigen, die sich am Schicksal eines Einzelnen zu ergötzen schienen.

Er schob sich durch die Menschen, kniete neben dem Jungen nieder und begann seine mehr als automatisierte Checkliste abzuspulen: Vitalfunktionen, Verletzungsmuster, Ansprechbarkeit… bis er es hörte. Das Murren und Raunen der Unbeteiligten. „Holt doch den Clown weg von dem Kind!“ „Fass den Jungen nicht an… das hier ist keine Manege…!“ „Unfassbar was der sich traut…!“ Irgendjemand zog ihn an seinen allzu bunten Rockschößen und die Mutter fauchte ihn nur an „Finger weg von Timmie“!

Bis ein energischer Ruf dem chaotischen Treiben Einhalt gebot! Wie ein Donnergrollen übertönte er die lärmende Menge: „Lasst den Mann arbeiten – er ist MEIN Arzt – MEIN Arzt – habt ihr das alle verstanden! Vertraut ihm … Lasst ihn….“

Fuffel blickte sich nur den Bruchteil einer Sekunde um und erkannte Sunny. Größer als sonst, sich selbst bewusst überstrahlte sie die ganze traumatische Szenerie und man wich zurück, murmelte Entschuldigungen und ließ sie zu ihm durch.

„Ich brauch` dich jetzt, Sunny… ich sag` dir was du tun kannst…“ Und dann schickte er ihre „Aufseherin“ zur Klinik – es waren nur knapp fünfzig Meter und sie sollte den Notarzt rufen. Von diesem Moment an funktionierte er – mit Sunny an seiner Seite. Und er hatte einen Kloß im Hals. Was hatte sie da gerufen? „Mein Arzt!“

Sie saßen noch lange im Wartehäuschen der Trambahnhaltestelle. Der Clown und das dünne Mädchen. Schweigend und nachdenklich. Sie hatte die Sonnenblume auf dem Schoß und er schüttelte nachdenklich seinen Kopf. Bis er ihn hörte. Professor Kallners Stimme war unverkennbar. Er war an den Unfallort geeilt und hatte Fuffel machen lassen – hatte sich nicht eingemischt, bis Timmie transportfähig war. „Das war ganz groß, Dr. Fufffel! Meinen Respekt!“

„Nein – bedanken sie sich bei Sunny. Danken sie dieser jungen Frau… Die ist groß. Sie hat den Orkan hier beruhigt und aus einem Clown wieder einen Arzt gemacht. Das haben andere genau andersrum betrieben.“

„Das kriegen wir wieder hin, Kollege“. Mit diesem Satz verschwand Kallner wieder in den Park. Zurück in sein medizinisches Reich. Er hatte das Gefühl, gerade sehr viel gelernt zu haben. Mehr als das.

Daff kriegen wir wieder hin… efft kein Thema“… Fluffel konnte einfach nicht anders und er spürte, wie sich Sunny neben ihm vor Lachen schüttelte. Sie hielt ihm die Blüte der Sonnenblume ins Gesicht und sah ihn verschmitzt an bevor sie das eine Wort aussprach, das auf einen Schlag zwei Leben veränderte:

„Versprochen?“

Gewidmet allen Klinikclowns, die täglich kranke Kinder „Lachen machen“ und
meiner tapferen Lena, die auch dann lacht, wenn es am Schwersten ist.

Arndt Stroscher

Mr. Rails Weihnachtsgeschichte

Sie hatten sich dem verschneiten Platz vorsichtig genähert, bedächtig fast. Als wollten sie es vermeiden die kleine Katze zu verscheuchen, die es sich hier gemütlich gemacht hatte. Sie waren nicht oft hier. Eigentlich nur an besonderen Tagen. Eher selten also, aber der heutige Tag war Grund genug, diesen stillen Ort gemeinsam aufzusuchen.

Hand in Hand

Sie standen Hand in Hand vor der graubraunen Wand, die an einigen Stellen von flackernden Kerzen umschmeichelt wurde, mit kleinen Bildern verziert war und auf der sich Namen und Zahlen in unterschiedlichen Schriftarten und Größen befanden. Es mögen vielleicht vierzig steinerne Kacheln gewesen sein, die diese unscheinbare Wand zu einem ganz besonderen Ort werden ließen. Besonders heute. Besonders für sie.

Sophie und Benjamin gingen nicht oft Hand in Hand durch ihr Leben. Nur an besonderen Tagen und an besonderen Orten – wie diesem. Ihr Blick war nicht auf die kleine Katze gerichtet, die sich zwischen den Grabkerzen vor der Urnenwand zusammengekuschelt hatte. Es war das wärmste Plätzchen für eine Straßenkatze. Mit Abstand der wärmste Platz.

Stumm betrachteten sie die beiden Buchstaben, deren Bedeutung sich nur ihnen erschloss. Keine Jahreszahl, kein Name, kein Geburtsdatum nur die aus Bronze getriebenen Initialen RS ließen darauf schließen, dass sich auch hinter dieser Kachel eine Urne befand. Aber eigentlich sahen sie auch nicht die Buchstaben – ihre Blicke schienen den Stein zu durchdringen und im inneren der kleinen Kammer etwas zu suchen.

Fünf Jahre waren vergangen, seit man ihren Großvater hier begraben hatte, wobei allein das Wort schon so falsch war, wie sein plötzlicher Tod. So falsch wie die Verbrennung seiner sterblichen Hülle. So falsch wie das kleine Gefäß, in dem all das zu ruhen schien, was vorher rastlos durch ein bewegtes Leben rauschte. Ebenso falsch wie die Entscheidung, der Nachwelt seinen Namen zu verschweigen und nur seine Anfangsbuchstaben auf der Steinplatte anzubringen, fast wie auf dem Grabmahl des unbekannten Soldaten.

...im Meer der Sorgen

Nichts war mehr richtig seit diesem Tag. Sie vermissten die Gespräche, das gemeinsame Lesen und besonders die ausgedehnten Wanderungen im heimischen Wald. Und sie vermissten seine riesige Hand, die in einer unermesslichen Zartheit über ihre Haare streichen konnte. Am Meisten jedoch fehlte sein Lachen. Es war ansteckend und heilsam. Er konnte Problemen und Sorgen ins Gesicht lachen. Einfach so.

Keine Krise hatte ihn jemals wirklich umgeworfen. Er lachte nur und sie zog sich zurück in das Meer der Nöte. Sein Lachen war die Ebbe gegen die Flut aller  Sorgen. Ja – so war er. Und er hat es ihnen beigebracht.

Er fehlte. Besonders heute. Besonders jetzt. Besonders ihnen.

Heiligabend. Stille Nacht. Weihnachten. Besonders schlimm – einfach so….

Für Dich

Zwei Kerzen noch, ein gemeinsamer Gruß und zwei rechte Hände die in unermesslicher Zartheit die beiden Buchstaben berührten, die doch so viel mehr bedeuteten, zwei Blicke zurück und zwei Gedankenflüge in eine längst vergangene Zeit. Mehr blieb ihnen nicht – aber es lag ihnen am Herzen. Besonders heute. Besonders jetzt. In ihrer gemeinsamen Erinnerung hörten sie ihren Großvater noch jedes Mal zum Abschied sagen:

„Vergesst das Lachen nicht!“

Zuhause angekommen freuten sie sich nun auf einen besinnlichen Abend, auf ihre Eltern und natürlich auch auf die lang ersehnten Geschenke. Obwohl sie nun beide keine Kinder mehr waren, Sophie hielt sich mit ihren 14 Jahren für fast volljährig und Benjamin empfand seine 19 Jahre als Blüte und Bürde seines jungen Lebens zugleich, hatte dieser Abend seinen Zauber nie verloren. Aus den jugendlichen Gesichtern strahlten kindliche Augen auf den von Elternhand geschmückten Baum. Kinderzauberstrahlen – unvergänglicher Glanz in allen Augen dieser Welt.

Was sie allerdings an diesem Heiligen Abend unter der Weihnachtstanne erwartete, war einfach unvorstellbar und mehr als rätselhaft. Ihre Eltern hatten einen irritierten Eindruck gemacht, als sie etwas von einer großen Überraschung andeuteten. Von einem Paket, das vorhin abgegeben worden sei und von einem seltsamen Absender, als wolle sich jemand einen üblen Scherz mit ihnen erlauben.

Für Euch...

Vor dem Baum, inmitten anderer Geschenke, lag ein ganz normales Paket. Kein Geschenkpapier, keine Verzierungen, nichts – nur die Aufschrift:

Für
Benjamin und Sophie Stein
Zum Weihnachtsfest
in fünf Jahren
Absender: Richard Stein

Sie stellten keine Fragen, sie wollten nichts wissen – gar nichts. Nicht in diesem Moment. Sie hatten die Handschrift ihres Großvaters sofort erkannt. Sophie hob das Paket behutsam auf, stellte es vorsichtig auf den Stubentisch und begann damit, es zu öffnen. Benjamin verharrte andächtig und legte zärtlich einen Arm um seine Schwester.

Sopherl, Benny

Zwei kleine, ebenfalls schmucklose Päckchen kamen zum Vorschein. Sie trugen nur die Aufschrift „Meinem großen Sopherl“ und „Für Benny“. Unter den Päckchen fanden sie einen Brief. Einen einzigen Brief nur, den Benjamin an sich nahm. Auf dem Umschlag stand in klarer starker Männerschrift geschrieben:

„Erst lesen, dann die Geschenke öffnen!“

Benjamin, der nun wieder Benny war legte den geöffneten Brief vor sich und begann daraus vorzulesen. Leise, mit etwas zittriger Stimme aber doch so, als würde ihr Großvater aus längst vergangener Zeit zu ihnen sprechen:

„Sopherl, Benny! Ich werde Euch nicht lange aufhalten. Ich weiß, dass Ihr es kaum erwarten könnt Eure Geschenke zu öffnen. Ihr seid immer so herrlich ungeduldig am Heiligabend.

Also: es begab sich zu einer Zeit…. (nein – das tue ich Euch wirklich nicht an)…,-)

Ich merke einfach, dass sich unsere Wege trennen. Ich fühle, dass meine Schritte langsamer werden und ich Euch gehen lassen muss. Das ist der Lauf der Welt und im Loslassen liegt das Wunder Eigenständigkeit begründet. Dieses Wunder mit Euch zu teilen wird mir nicht gelingen. Aber mich einfach mit meiner Vergänglichkeit abzufinden ist schwerer als ich dachte. Es gelingt mir nicht. Ich wäre so gerne Teil Eures Weges geworden.

Aber ich habe einen eigenen Weg gefunden, Euch an besonderen Tagen zu begleiten. Ein Zeichen zu schicken, dass ich dort, wo immer ich auch sein mag, ganz nah bei Euch bin. Denn Euch endgültig zu verlassen – nein – das schaffe ich nicht. Dafür seid Ihr mir zu wichtig. Und vielleicht habe ich das zu selten in meinem Leben gesagt, aber es ist nie zu spät: Dafür liebe ich Euch zu sehr. Und nun auf – ans Auspacken Eurer Geschenke. Nicht wundern bitte: Ich habe sie gestern gekauft, am 21. November 2004 und ich bin mir nicht sicher, ob sie noch zeitgemäß sind, wenn Ihr sie endlich in Händen haltet.

Am fünften Weihnachtsfest nachdem ich diesen gastlichen Ort verlassen habe, sollen sie Euch ans Herz gelegt werden und ich hoffe, das dauert noch eine Ewigkeit. Und wenn nicht, na dann sollte es eben so sein.

Wenn Ihr eines Tages merken solltet, dass es Zeit wird loszulassen, dann verpackt Eure Gefühle und Eure Liebe in ein kleines Bündel und sucht Euch einen Freund, der sie für Euch durchs Leben trägt. Bis der Zeitpunkt gekommen ist. Das macht es nicht einfacher zu gehen, aber ich fühle mich seitdem unsterblich stark mit Euch verbunden.

Opa.

PS: Vergesst das Lachen nicht.“

Unsterblich...

Sophie wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und murmelte vor sich hin: „Das war ungefähr einen Monat bevor er starb. Als hätte er es wirklich geahnt… Ach Opa…“ Sie gingen mit den Gefühlsbündeln ihres Großvaters auf ihre Zimmer. Der Inhalt sollte für immer ein Geheimnis bleiben. Etwas das nur für sie existierte. Unvergänglich und unsterblich wie das Geheimnis der Liebe.

Da Sophie und Benjamin die Beharrlichkeit ihres Großvaters immer noch als seinen wesentlichen Charakterzug zu schätzen wussten, war ihnen klar, dass dies nicht der letzte Brief, nicht die letzte Nachricht oder das letzte Zeichen aus der Vergangenheit bleiben würde. Er hatte eine Nabelschnur gefunden, die sie für alle Zeiten miteinander verband.

Man hörte Sophie und Benjamin an diesem Abend noch sehr oft herzhaft lachen… Sie hatten es nie vergessen.

Arndt Stroscher (Mr. Rail) im Dezember 2010

Frohe und gesegnete Weihnachten wünscht Literatwo…