[Und immer wieder Du] Esther Schweins im Buchmesse-Interview

Esther Schweins im Interview mit Literatwo

Esther Schweins im Interview mit Literatwo

Es war sehr unruhig auf der Leseinsel der Audioverlage. Die Leipziger Buchmesse 2014 hatte erneut alle Rekorde gebrochen und auch an diesem Samstag durchfluteten zahllose Büchermenschen die Messehallen. Konnte man hier Gedichte von Erich Fried vortragen? Konnte man hier die einzigartige Stimmung der aktuellen Random House Audio Produktion Erich Fried – Wieder und immer wieder, wieder du“ mit musikalischer Untermalung vor mehreren hundert Zuhörern entfalten?

Oh ja.. man konnte – und wie man dies konnte.

Schauspielerin Esther Schweins verzauberte gemeinsam mit Christoph Grube und seinen Musikern vom Projekt Wortschatz nicht nur die direkten Zuhörer, sondern sie sorgten gemeinsam dafür, dass sich eine unsichtbare Glocke aus zarten Liebesworten voller Harmonie über diesen Teil der Messehalle senkte und alle Menschen einschloss.

Wortkunst, geniale Interpretation und wundervolle Musik sorgten für ein Messeerlebnis der emotionalen Art. Ein anschließend mit Esther Schweins geführtes Exklusivinterview vermischt sich für uns noch heute mit der Atmosphäre dieser besonderen Veranstaltung. Wir mögen und können das nicht mehr trennen und so entstand dieser Artikel quasi als Wortspur einer besonderen Begegnung.

Erich Fried - Wieder und immer wieder Du - Esther Schweins

Erich Fried – Wieder und immer wieder Du – Esther Schweins / Christoph Grube

Die Stimme von Esther Schweins verleiht den Worten Erich Frieds wahre Zauberflügel. Sie umhüllt jeden Satz mit einer liebevollen Wärme aus Zuneigung und umschmeichelt die Herzen der Zuhörer. Wie kann man sich in eine solche Rolle fallen lassen, was macht für Sie die Herausforderung aus, Hörbuchsprecherin zu sein…? Das wollten wir gleich fragen… aber zuerst mussten wir gut zuhören.

Wo keine Freiheit ist
Bist du die Freiheit
Wo keine Würde ist
Bist du die Würde
Wo keine Wärme ist
Keine Nähe von Mensch zu Mensch
Bist du die Nähe und die Wärme
Herz der herzlosen Welt

Frau Schweins, in Ihrer besonderen Rolle als Hörbuchsprecherin verzichten Sie, im Gegensatz zu Ihrer schauspielerischen Tätigkeit, auf jegliche optisch-visuelle Präsenz. Weder Gestik noch Mimik unterstreichen das gesprochene Wort und auch Ihr Aussehen spielt eigentlich keine Rolle. Ist dies ein bewusster Verzicht oder eher eine große Chance?

Es ist nicht nur eine Chance, sondern ein absoluter Zugewinn. Ich habe eigentlich erst sehr spät die Liebschaft mit meiner Sprechstimme begonnen und dabei entdeckt, welches Spektrum es gibt, was meine Stimme kann und auf diesem Weg habe ich wirkliche Freude daran entwickelt. Ich sitze irrsinnig gerne im Studio oder auf der Bühne und lese vor.

Die Vorbereitung bei Film oder Theater verläuft sicherlich völlig anders. Wo sehen Sie die größten Unterschiede?

Als Schauspieler verlasse ich den Masken- oder Kostümbus und bin die Figur – die Rolle! Beim Lesen bin ich nicht nur eine Figur, sondern das Ensemble, indem ich die Tonlage, die Stimmlage oder das Tempo verändere. Je mutiger ich mich in diese Klaviatur vortaste, umso großartiger wird es. Dabei bin ich ja auch nicht alleine. Vieles wird mit dem Regisseur und dem Team entwickelt und es ist eine so schöne konzentrierte künstlerische Arbeit, die mich absolut gefangen nimmt.

esther Schweins wieder und immer wieder du erich fried 2

Liebesworte und Gefühle werden plötzlich greifbar und wir sehen im weiten Rund niemanden, der sich der Stimmung entziehen kann. Frieds Gedichte erreichen die Herzen und die Stimmen von Esther Schweins und Christoph Grube dienen als Brücke, die genau bis zu den Toren jedes einzelnen Zuhörers reicht. Wir wollten und mussten mehr erfahren… gleich…

Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle als Hörbuchsprecherin?

Es gibt unglaublich viele logische Erweiterungen des Betätigungsfeldes der Schauspielerei. Die Stimme zu nutzen ist eine der großartigen Möglichkeiten für einen Künstler, der Kreativität von Schriftstellern Leben einzuhauchen. Das Schönste ist für mich dann erreicht, wenn der Autor oder die Autorin Gefallen am Ergebnis findet. Beim Teufelsgrinsen von Annelie Wendeberg haben wir genau diesen Punkt erreicht. Es ist schön zu hören, dass eine Schriftstellerin das Gefühl hat, Ihr Buch im wahrsten Sinne des Wortes zu erleben!

Die unterschiedlichen Spektren Ihrer Stimme genießen zu dürfen ist faszinierend. Wie würden Sie sich als Vorleserin ganzer Bücher und Interpretin von Gedichten selbst beschreiben?

Ich bin da noch auf einer Entdeckungsreise, die bei „Shrek“ als Prinzessin Fiona beginnt und jetzt bei Erich Fried angekommen ist. Ich bin selbst sehr gespannt, was da noch kommt…

Esther Schweins im Gespräch... Literatwo tief bewegt

Esther Schweins im Gespräch… Literatwo tief bewegt

Esther Schweins scheint sich zu sammeln, sich zu wappnen. Sie verharrt, schließt die Augen, faltet die Hände und beginnt langsam und mit brechender Stimme ein letztes Gedicht. „Das Schwere“ und obwohl es ihr nicht leicht fällt, empfindet man keine Schwere. Wir weinen… und wir haben das Gefühl, dies zu dürfen. Schleusen gehen auf und der Zauber zieht ein. Wie macht sie das? Und was bewegt sie selbst?

Die Landschaft sehen
und die Landschaft hören
und nicht nur hören und sehen
die eigenen Gedanken
die kommen und gehen
beim Denken an die Landschaft
an die Landschaft ohne dich
oder an dich in der Landschaft

Sie eben auf der Bühne zu erleben war mehr als bewegend. Beim letzten Gedicht von Erich Fried „Die Schwere“ befanden Sie sich in einem offensichtlich sehr emotionalen Zustand. Wir hatten das Gefühl, dass Sie der Inhalt extrem bewegt. Wir hatten absolute Gänsehaut, als Ihre Stimme brach… Gibt es dafür einen Grund?

(Lange Pause…) Tatsächlich ist es so, dass auf Mallorca am Montag der Lebenspartner eines meiner sehr engen Freunde freiwillig in den Tod gegangen ist und ich im Studio schon die Bedeutung dieses Gedichtes anders gesehen habe, als es auf den ersten Blick erscheint. Es geht nicht nur um eine endende Liebschaft. Für mich heißt es, nach einer Vielzahl von Lebenserfahrungen zu wissen, was es heißt in einer Landschaft zu stehen und diese durchsetzt von den Bildern und Gefühlen eines Menschen zu begreifen, den man verloren hat.

So sehr wissend, jetzt einen Menschen an meiner Seite zu haben, der nun so sehr darum ringen muss diese Landschaft zu erobern, ohne darin seinen Liebsten zu sehen.

Ich kann das heute. Auf einer Bühne stehen und wissen, dass alle Menschen im Publikum Ihre persönlichen Geschichten und Wunden mit sich bringen. Ich versuche in dem was ich tue, den Rahmen nicht zu verlassen, sondern kann eine Emotion tragen lassen und weiß, dass ich nicht das „Gesetz breche“. Maria Stuart soll nicht auf der Bühne weinen. Das Publikum soll unten weinen!

Und doch ist es legitim, Worte eines Dichters mit den eigenen Erlebnissen und Emotionen zu verbinden und auf den Weg zu schicken.

Wir glauben nicht, dass Sie das Gesetz gebrochen haben, aber wir haben schon gespürt, dass Sie sich vor diesem Gedicht richtig gesammelt haben – haben wir das richtig beobachtet?

Absolut. Mir wurde erst am Donnerstag klar, dass dieses Gedicht heute dabei ist und mir war klar, dass ich mich innerlich „warm anziehen muss“. Ich bin so froh, dass es gelungen ist, weil es… (bricht ab)…. ach ja… weil es eben auch für ihn ist….

esther Schweins wieder und immer wieder du erich fried

Wortschatz, Christoph Grube und Esther Schweins fühlen, was ihnen gelungen ist. Sie erkennen das Erkennen in den Augen der Menschen und es muss ein wundervolles Gefühl sein, diese Gefühle schweben zu lassen. Eine wundervolle Berufung mit vielen Facetten und Herausforderungen. Niemand schämt sich seiner Emotionen… unfassbar und doch fassbar zugleich.

Aber
du bist
wiedergekommen
Du
bist wieder
gekommen
Du

Ist es nicht schön, diese Möglichkeit der Widmung und damit auch der Verarbeitung als Künstler zu haben? Ein wahrer Traumberuf… oder?

Absolut! Für mich ist es ein Segen, das so tun zu können und auch zu dürfen. Der Beruf selbst ist schon ein Segen. Und ich kann sogar nützlich sein damit, weil es andere nicht laut sagen dürfen. Es ist für mich völlig in Ordnung, dass ich meine Erfahrungen mit aufnehme und in ein großes Projekt mitbringe, um anderen Menschen Türen und Tore zu sich selbst zu öffnen.

Und das nicht nur Zuhörern, die dies aus reinem Vergnügen tun, sondern ganz besonders auch Menschen, für die Hörbücher eine ganz besondere Rolle spielen, weil sie noch nicht oder nicht mehr gut lesen können, oder vielleicht sogar blind sind. Ich stelle es mir unglaublich anstrengend vor, ein ganzes Buch mit den Fingerkuppen erfühlen zu müssen – wie viel entspannter muss es da sein, auch mal zuhören zu können.

Dabei ist es echter Luxus, dass ich mir die Geschichten noch nicht mal selbst ausdenken muss. Ich muss sie „nur“ umsetzen… lacht!

Wir empfinden diese Umsetzung durch Sie als eigene großartige Kunstform!

Sie dürfen das sagen!

Welche zukünftigen Projekte werden uns bald Hören und Sehen vergehen lassen.

Oh, da kommt vieles… ich werde wahrscheinlich das neue Buch von Christiane F. einlesen und bald beginnen die Dreharbeiten zu einem neuen Rosamunde Pilcher Film. Ich freue mich schon sehr auf den Dreh in Cornwall.

Esther Schweins überzeugend und natürlich

Esther Schweins überzeugend und natürlich

Am Ende der Veranstaltung auf Esther Schweins zu treffen war für uns ein ebenso großes Erlebnis. In sich ruhend und entspannt begegneten wir einer Frau, die in aller Ernsthaftigkeit und Liebe einer Berufung zu folgen scheint. Die Atmosphäre des Gesprächs bleibt unvergessen. Witz und Gefühl gehen Hand in Hand bei ihr und Erich Fried hätte keine bessere Botschafterin finden können.

Ich bin zu groß geworden
für die kleine Liebe
ich bin zu klein geworden
für die große Liebe
und zu müde
um die Augen offen zu halten
und zu unruhig
für den Schlaf

Welche Frage würden Sie gerne einmal in einem Interview beantworten, einziges Problem… Ihnen hat noch niemals jemand die entsprechende Frage gestellt?

Haben Sie den Mann eben gesehen, der hier entlang gegangen ist? Den mit dem riesigen Ohrschmuck? Also wenn sie mich fragen würden, ob ich mir so was antun würde….

Frau Schweins, uns fällt da ganz spontan eine letzte Frage ein. Vielleicht haben Sie den Mann eben gesehen, den mit dem auffälligen Ohrschmuck… käme so etwas für Sie in Frage?

(Lacht herzhaft) ABSOLUT nicht!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Literatwo dankt Esther Schweins für das Gespräch

Literatwo dankt Esther Schweins für das Gespräch

Bei der Präsentation von „Erich Fried – Wieder und immer wieder, wieder du“ agierten Esther Schweins und Christoph Grube mehr als brillant und in unglaublicher Harmonie. Dabei trugen Sie nicht nur die Gedichte vor, die Sie auch auf der CD lesen, sondern auch jene, deren prominente Interpreten nicht in Leipzig waren. Hannelore Elsner, Hannes Jaennicke, Wolfgang Niedecken (BAP), Christian Berkel, Katja Riemann und viele andere sind auf der CD zu hören. Ein Genuss, der jedes Herz erreicht.

„Wieder und immer wieder, wieder du“ ist eine Hommage an den großen Liebeslyriker Erich Fried und eine Liebeserklärung an die Liebe selbst! Hört, genießt und weint ein wenig mit uns…

Hier eine exklusive Hörprobe…

(Wir danken unserer guten Freundin und Wegbegleiterin Theresa Engel für die wunderbaren Fotos, die für uns so viel mehr festgehalten haben, als man eigentlich sieht!)

Esther Schweins - Buchmesse Leipzig 2014

Esther Schweins – Buchmesse Leipzig 2014

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Robin Sloan

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Robin Sloan

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Robin Sloan

Seit vielen Jahren schon sind wir auf der Suche nach den großen Geheimnissen des Lebens. Unzähligen Autoren sind wir auf unseren Lesewegen gefolgt und haben viel auf uns genommen, um die sagenhaften Mysterien der Welt zu enträtseln.

Doch immer wieder beschäftigten uns dabei folgende Fragen: Was wären die Romane „Der Name der Rose“ und das „Foucaultsche Pendel“ ohne Umberto Eco und was wären die „Illuminati“ oder „Inferno“ ohne Dan Brown? Wie würde die Suche nach dem bibliophilen Heiligen Gral der Neuzeit ohne William von Baskerville oder Robert Langdon aussehen?

Sie wäre wohl authentisch und verständlich. Sie wäre geprägt vom akribischen, teilweise staubigen und ernsthaften Erforschen der historischen Geheimnisse ohne wilde Verfolgungsjagden und nicht zu entschlüsselnde Ungereimtheiten – ohne das zwingende Erfordernis, sich mit wissenschaftlicher Sekundärliteratur bewaffnet auf die Lesereise zu begeben. Sie wäre zugänglich und greifbar. Die Suche allein würde zur Lebensaufgabe – sie würde nur einen Namen tragen:

Mr. AJAX PENUMBRA

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Rund um die Uhr

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Rund um die Uhr

Folgt uns doch einfach und ihr werdet selbst erleben, dass man einen solchen Roman schreiben kann, ohne den Leser durch die Mangel der Kabbala oder in die Fänge explosiver CIA / Mossad / KGB Agenten zu hetzen. Ihr müsst nur durch diese eine Tür… seht ihr sie?

BUCHHANDLUNG PENUMBRA – 24 STUNDEN GEÖFFNET

Zugegeben, diese kleine und besondere Buchhandlung im heutigen San Francisco wirkt ein wenig angestaubt. Auch ist ihr Sortiment nicht sonderlich vielseitig, aber der hintere Teil des Ladens wartet mit einer unfassbaren Überraschung auf.

Das stellt auch der arbeitslose Webdesigner Clay Jannon fest, der sich hier auf eine Stellenanzeige bewirbt und vom Besitzer der Buchhandlung direkt eingestellt wird. Penumbra weist ihm die Nachtschicht zu und Clay hat sich zuerst mit den wichtigsten Regeln seiner Jobbeschreibung vertraut zu machen:

  1. Nicht verspäten – nicht früher gehen
  2. Die Bücher in den Regalen nicht durchblättern
  3. Die Bücher nicht lesen oder inspizieren
  4. Die Bücher den Kunden nur holen – mehr nicht
  5. Jede Transaktion präzise protokollieren
Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Das Geheimis

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Das Geheimis

Clay wird schnell klar, dass hier etwas absolut nicht in Ordnung ist. Die Kunden kaufen die Bücher nicht, sie leihen sie nur aus und der dreistöckige Turm im hinteren Teil der Buchhandlung beherbergt in seinen meterhohen und nur über riesige Leitern erreichbaren Regalen ausschließlich unlesbare riesige Folianten.

Allen Verboten zum Trotz wirft er einen heimlichen Blick in diese Buchschätze und erkennt nur unzusammenhängende Buchstabenreihen. Und ebenso seltsam wie die Bücher sind auch die Kunden, die Penumbra anzieht. Sie wirken rastlos, getrieben und ungeduldig, wenn sie eins der großen Bücher zurückbringen, um sich gleich mit dem nächsten Folianten auf den Weg zu machen.

Clay analysiert ihr Verhalten und entdeckt nicht nur ein Muster, dem jeder zu folgen scheint. Er entdeckt auch, dass hier eine auserlesene Gesellschaft von Lesern einem uralten Geheimnis auf der Spur zu sein scheint. Und dies mit den traditionellen Mitteln des Lesens, Notierens und Verstehens.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Google im Einsatz

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Google im Einsatz

Was wäre, wenn man die moderne Computertechnik auf das ewige Geheimnis ansetzt, das bis in die Anfänge der Buchdruckkunst reicht? Könnte man ein Rätsel lösen, an dem sich Generationen von Gelehrten seit Jahrhunderten verhoben hatten? Da trifft Clay auf die junge Kat und wie der Zufall es will, oder das Schicksal es vorgesehen hat, arbeitet sie bei GOOGLE. Gemeinsam mit ihr, einigen Freunden aus alten Tagen und dem Besitzer der Buchhandlung geht man das Wagnis ein, gegen die oberste Regel der Suche zu verstoßen.

Keine technischen Hilfsmittel – nur der Verstand sollte lösen was unlösbar scheint. Und nun bedient man sich via GOOGLE eines Netzwerks aus Computern, das weltumfassend ist. Wird man dem großen Geheimnis auf die Spur kommen und wie reagiert der innerste Zirkel des Suchenden auf diesen gewagten Schritt?

Das müsst ihr nicht googeln… Das könnt ihr lesen. Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra von Robin Sloan (Blessing Verlag) ist kein geheimes oder gar ein okkultes Machwerk. Es besteht nicht nur aus Buchstabenreihen, es ist sogar mehr als greifbar, plausibel und verständlich. Dem Autor gelingt es durch seinen Kunstgriff, den Gegenstand der Geheimnisse rein fiktiv zu halten, dass man als Leser niemals das Gefühl hat, weniger zu wissen als die Protagonisten.

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra - Eile mit Weile

Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra – Eile mit Weile

Man ist lesend immer auf der Höhe der Mysterien und wird von Seite zu Seite mehr mit der großen Liebe zur Literatur, zur Buchdruckkunst und einem Lebensrätsel konfrontiert, das typografischer und schöner nicht sein könnte. Ein Roman, der bis zum Ende zu 100 % funktioniert, aufgeht und keine Frage offen lässt.

Wir Literatwos haben lange Nächte bei Penumbra zugebracht und gute Freunde von uns haben nachts draußen vor der Buchhandlung Schmiere gestanden, damit uns nichts passiert. Julia und Heike haben uns immer gewarnt, wenn Gefahren drohten und letztlich haben wir es geschafft. Wir haben nicht nur das Geheimnis gelöst, wir bezeichnen uns seit diesem Buch stolz als Penumbrianer. FESTINA LENTE – Eile mit Weile, so das Mantra der im Geheimen Suchenden ist auch unser Motto geworden.

Wir wollten nichts überstürzen und sind nicht überstürzt worden. Wir haben den langen Atem einer unendlichen Suche tief eingeatmet und so viel gelernt über das Leben und das Lesen.

Ein gemeinsamer Ausflug in die (leider nur als EBook verfügbare) Vorgeschichte Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Eine Zeitreise zurück zu den Anfängen der persönlichen Suche des geheimnisvollen Buchhändlers bringt uns ins San Francisco des Jahres 1969 und lässt uns diesen Mann besser verstehen.

Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra - Robin Sloan

Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra – Robin Sloan

Penumbra bekam zum Beispiel von seinen Eltern nie Geschenke zu seinem Geburtstag, sondern immer Bücher bekannter Schriftsteller, und zwar immer an deren  Geburtstag… Welch schöner Gedanke….

Penumbras erste Suche beginnt mit seiner Recherche nach dem Ursprung der Buchhandlung und führt ihn in die Zeit des legendären Goldrauschs an Bord der William Gray. Mit Goldgräbern beladen und von allen guten Geistern verlassen wurde aus dem Schiff die erste Buchhandlung der aufstrebenden Stadt… bis sie mit all ihren Schätzen versenkt wurde…

Genau an der Stelle, an der man 1969 mit umfangreichen Grabungen beginnt. FESTINA LENTE… Eile mit Weile – so lautet auch hier das Kennwort, um Zugang zum Hafenbecken zu erlangen…. Erlebt selbst, was er dort findet und ob ihr die Kurzgeschichte vor oder nach der Buchhandlung lest – das ist euch überlassen – sie nimmt dem Roman nichts, sie beschenkt ihn mit vielen Bildern.

Wir waren dabei. 1969 und vor kurzer Zeit. Wir fühlen uns als Teil der Geschichte. Wir waren in der Buchhandlung und haben die Nachtschicht dort übernommen. Wir haben dort unsere wahre Profession gefunden und sind nun PENUMBRIANER auf Lebenslesezeit. Ein wundervoller Roman, der euch manche Hektik und manches Kryptische vergleichbarer Bücher vergessen lässt. Im Jugendbuchbereich hat es uns in Gedanken sehr an die Ausgangssituation der „Scanner“ erinnert und hier haben wir für uns ein magisches Bindeglied entdeckt.

Aber Mr. Penumbra und seine Freunde werdet ihr so schnell nicht vergessen. FESTINA LENTE

Mr. Penumbra - Eine Buchhandlung und eine Entdeckung

Mr. Penumbra – Eine Buchhandlung und eine Entdeckung

Editorial: Biancas atmosphärische Fotos der Bibliothek des Trinity Colleges in Dublin zeigen deutlich, dass damals bei Literatwo weder Kosten noch Mühen gescheut wurden, diesen Artikel entsprechend fachgerecht zu untermalen…

Mit einem Klick zu mehr Büchern über Bücher

Mit einem Klick zu mehr Büchern über Bücher

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der Erste Weltkrieg

So fern wie nah - John Boyne - Alfie und der große Krieg

So fern wie nah – John Boyne – Alfie und der große Krieg

Alfie Summerfield feiert seinen Geburtstag. Mit fünf Jahren kann man sich später nicht mehr so genau an alles erinnern. Aber genau diesen Geburtstag würde er niemals in seinem Leben vergessen. Wir schreiben den 28. Juli 1914. Mit Alfie feiert noch etwas sein Wiegenfest. Etwas Gewaltiges und Mörderisches, das sein Leben für immer verändern sollte.

Der Erste Weltkrieg schlüpft mit einem Donnergrollen aus seinem brüchigen Ei und Alfies London beginnt in einer Wechselstimmung aus Angst und Kriegsbegeisterung zu taumeln und in sich zu wanken. Man erwartet Kriegsfreiwillige, die im Kampf gegen das Deutsche Kaiserreich ihre Heimat zu schützen hatten.

Mit dem Gedanken „Weihnachten ist sicher alles vorbei“ wird nun auch aus Alfies Vater einer jener Soldaten, die mit gemischten Gefühlen, aber treu ergeben in den Kampf ziehen. Fortan sieht Alfie alles anders. Er sieht die Menschen anders, die geblieben sind.

Er sieht Männer, die sich nicht freiwillig melden und unter enormen Druck geraten. Man drückt ihnen allerorten weiße Federn in die Hand – nur Feiglinge haben dieses Symbol verdient. Er sieht Familien, die vertrieben werden. Alfie mag nicht glauben, dass sich sein Umfeld so dramatisch verändert.

So fern wie nah - John Boyne - Alfie hat Angst

So fern wie nah – John Boyne – Alfie hat Angst

Alfie hat nur noch Angst, dass seinem Vater etwas passieren könnte. Die Briefe von der Front erreichen die Familie seltener und aus einem Weihnachtsfest werden mehrere… Alfie beginnt zu verzweifeln.

„Der Krieg geht nie zu Ende“, schrie Alfie und beugte sich vor. „Er geht ewig weiter.“ „Das stimmt nicht“, sagte Margie. „Eines Tages muss er zu Ende gehen. Wie bisher jeder Krieg. Sonst könnte ja kein neuer ausbrechen“…

Und doch leistet auch er seinen Beitrag, verdient sich als Schuhputzer ein wenig Geld und begegnet Menschen, die einen anderen Blick auf den Krieg haben. Er trifft auf Ärzte, die sich um die verwundeten Heimkehrer kümmern, auf Politiker, die schwer an der Verantwortung tragen und immer wieder auf sich sorgende Frauen, die mit ängstlichem Blick die langen Verlustlisten in den Zeitungen verfolgen.

Vier Jahre vergehen – vier Jahre ohne Vater und die Lebenszeichen werden seltener. Alfies Mutter beruhigt ihn immer wieder und wiegt ihn in Sicherheit. Vater sei in geheimer Mission unterwegs und könne nicht schreiben. Die Briefe des Vaters zeigt sie ihm nicht mehr, allzu verstörend hatte sich sein Schreiben verändert. Doch Alfie weiß, wo er zu suchen hat und liest die nicht mehr für ihn bestimmten Zeilen.

So fern wie nah - John Boyne - Multimedial

So fern wie nah – John Boyne – Multimedial

„Hilf mir, Margie, bitte. Hilf mir. Sie haben gesagt, bis Weihnachten ist es vorbei. Aber sie haben nicht gesagt, welches Weihnachten. Wo ich hinschaue, sehe ich nur….“

In einem letzten Brief von der Front zeigt sich, dass Schreckliches passiert sein muss. Verzweiflung ist in jeder Zeile zu lesen und von dem Mann der auf das Signal „Bleibt wo ihr seid und dann los“ todesverachtend die Schützengräben zum Sturm verlassen hatte ist nichts mehr übrig.

Als keine Zeichen mehr kommen, vermutet Alfie, dass sein Vater nicht mehr am Leben ist. Bis am Bahnhof einer seiner Kunden eine Mappe verliert, in der er die Dienstnummer seines Vaters erkennt und nun weiß er auch, wo er zu suchen hat. In einem Heim für traumatisierte Soldaten.

Alfie macht sich auf den Weg zu seinem Vater… Alfie hatte bisher still gehalten aber nun musste er handeln. Mit seinen zarten neun Jahren verlässt er seinen Schützengraben und begibt sich auf eine eigene Mission – und dabei ist er nicht allein. Eine gewisse Marian Bancroft fährt zufällig in die gleiche Richtung, um mehr über die traumatisierten Männer zu erfahren. Ihr Bruder Will ist auch im Krieg.

So fern wie nah - John Boyne - Eine literarische Einheit

So fern wie nah – John Boyne – Eine literarische Einheit

John Boyne… es ist wieder John Boyne, der uns mit einem Jugendbuch berührt. Seite an Seite mit ihm haben wir viele junge Protagonisten erlebt, mit Alfie wächst uns erneut ein Junge ans Herz, dessen Wagemut wir nur bewundern können. Sein kindlicher Blick auf das London des Ersten Weltenbrandes ist Boyne so authentisch gelungen, wie man es erwarten konnte. Alfie hofft, bangt, verzagt und wagt einen alles entscheidenden Schritt – voller kindlicher Naivität und Illusion.

Alfie zu folgen ist ein großes Leseabenteuer. Ein unverfälschter John Boyne in meisterlich emotionaler Verfassung. Ein großes Antikriegsbuch mit einem großen kleinen Antihelden, der uns durch seine Augen die Tränen in die unseren treibt. Ein Junge, der durch seine Hoffnung die Zuversicht an das Unmögliche am Leben hält… Es wäre doch gelacht, wenn er nicht noch mehr am Leben halten würde.

Lest bitte dieses Buch… “Stay Where You Are And Then Leave”, so der Originaltitel… bleibt wo ihr seid und dann los… dieser Befehl mag euch Lesern gelten… raus mit euch und hinein in die Wirren eines unsäglichen Krieges.

John Boyne gelingt mit So fern wie nah (Fischer Verlag) mehr als man auf den ersten Blick vermutet. Ihm gelingt, was in bei uns Deutschland nicht einmal von der vielschichtigen Verlagslandschaft zur Kenntnis genommen werden möchte. Diesen Blick können unabhängige Blogger journalistisch werfen, denn es wäre absolut fatal, nicht auf die grandiose Konstruktion des Romans hinzuweisen.

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne mit einer Widmung für meinen damaligen Blog

John Boyne schrieb vor zwei Jahren mit Das späte Geständnis des Tristan Sadler (Piper) einen tief angelegten Erwachsenenroman über den Ersten Weltkrieg. Homosexualität an der Front, Totalverweigerung und Angst im Krieg, sowie die standrechtliche Erschießung aus Eifersucht standen im Vordergrund dieses unfassbar tiefen Romans. Ein gewisser Tristan Sadler beichtet der Schwester seines Kameraden Will, was wirklich geschah. Für Marian Bancroft bricht daraufhin nicht nur ihre Welt zusammen.

Wer erfahren möchte, woher die tiefe Traumatisierung von Alfie Summerfields Vater rührt, wer erfahren möchte, was wirklich geschah (denn dies blendet das Jugendbuch aus) der MUSS Tristan Sadler lesen und er wird sich wundern, wem er in Frankreich an der Front begegnet. Wer Tristan Sadler gelesen hat, der MUSS „So fern wie nah“ lesen, denn nur diesen Lesern wird die unfassbare Aussagekraft der Feldpostbriefe bewusst.

Kein Verlag mag gerade auf diese Verbindung hinweisen – wir tun es… Es ist unsere journalistische Pflicht den Fans von John Boyne gegenüber. Dies ist auch die Chance für den gut informierten Buchhandel, zusammenzuführen was zusammengehört. Legt die Bücher nebeneinander und informiert eure Kunden. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, möge der geneigte des Englischen mächtige Leser das EBook Rest Day lesen, um sich zu wundern, wem er dort am Heiligabend-Lagerfeuer an der französischen Front begegnet.

Wer Romane so vielschichtig konstruiert, hat tiefe Gefolgschaft über sein Gesamtwerk verdient! Dank an meinen Herzensautor John Boyne für die Urgewalt des Erwachsenenromans, die Naivität des All-Age-Jugendbuches und die desillusionierende Stimmung an einem Heiligabend im Ersten Weltkrieg. Wir ziehen alle Hüte!

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Kompetent gesprochenes Hörbuch

Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Nun habe ich ja schon vieles erlebt in meinem Leserleben. Große Fantasy-Abenteuer, völlig groteske Geschichten und wundervoll erzählte Lügenmärchen. Dass man es jedoch wagt, die Geschichte der Fliegerei völlig neu zu erzählen, und das auch noch für ein kindliches Lesepublikum, das ist mir völlig neu.

Aber fangen wir doch der Einfachheit halber ganz vorne an. Über die Eroberung der Lüfte macht man keine Späße, das ist ein ernsthaftes und wissenschaftlich gesichertes Terrain. Otto Lilienthal, die Gebrüder Wright und auch der Schweizer Pilot Oskar Bider haben nicht ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um nun mit ein paar (zugegeben wundervollen) bunten Pinselstrichen in einem Bilderbuch (und was für einem) von der Landkarte der Luftfahrtgeschichte gewischt zu werden.

Wir halten also eindeutig fest: nach den Vögeln, den Eulen, Bienen und Fledermäusen war es der Mensch, der den dreidimensionalen Raum für sich eroberte. Was für eine Glanzleistung des Geistes, der Inspiration und des Wagemutes. Daran sollten Kinder immer denken, wenn sie ein Flugzeug sehen – immer.

Alles andere ist Humbug, bleibt Humbug und wird immer Humbug bleiben…!!!!!

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Außer vielleicht… man ist ein richtiger Büchermensch und dabei auch noch ein ewig jung gebliebener. Ich bin ein wahres Lesekind und werde es immer bleiben… Jedes neue Buch trifft mich als Erstleser – jedes neue Buch ist wie die Entdeckung einer neuen Welt – jedes neue Buch hat etwas geheimnisvolles und oft auch ein wenig verbotenes. Und dieses Buch hat mich wieder richtig zum Kind werden lassen:

Lindbergh – die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus von Torben Kuhlmann (Nordsüd Verlag).

Vergessen wir einfach alles, was wir (überflüssigerweise) über die moderne Luftfahrt gelernt haben und gönnen uns einen Moment absoluter Buchmagie und Bilderbuchfaszination. Man nehme das großformatige Bilderbuch zur Hand, atme einmal tief durch und… zu spät… schon passiert… wir sind drin…

Hamburg… vor vielen, vielen Jahren. Menschen verreisen mit den ersten Automobilen, der Dampflokomotive, oder mit den neuen Ozeanriesen, wenn sie denn über den großen Teich möchten. Ein neues Zeitalter hat begonnen, aber nicht nur für den Menschen. Auch andere Erfindungen machen vor dem normalen Leben nicht Halt.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Nehmen wir zum Beispiel die innovative Mausefalle, die aus der großen Hafenstadt an der Nordsee im Kopfumdrehen eine fast mäusefreie Stadt macht. Mag der eingespannte Käse noch so verführerisch sein, eine Maus kann widerstehen und genau diese Maus wird die Geschicke der Weltgeschichte für immer verändern. Glaubt ihr jetzt nicht, aber wartet nur ab.

Unsere kleine Maus ist nämlich die gescheiteste Maus der Welt und verzweifelt nicht an der zunehmenden Vereinsamung. Vielleicht sind die Artgenossen ja gar nicht tot, sondern mit den großen Schiffen ins gelobte Land gefahren – Amerika… das ferne Land der Auswanderer. Sie beginnt darüber nachzudenken, wie sie ihnen folgen kann. Der Hafen wird von Mausefallen, Katzen und Menschen hermetisch abgeriegelt und fast hätte sie aufgegeben.

Wäre da nicht der geniale Mäusegeistesblitz gewesen. Es gab ja Fledermäuse… nahe Verwandte und vielleicht konnte unsere Maus ja die Natur kopieren und sich einen Flugapparat bauen, mit dem es ihr gelänge, den Ozean zu überqueren.

Sie beginnt zu zeichnen, zu planen, zu sammeln und bald schon folgen erste Flug- und Gleitversuche mit dem Prototypen eines mausgelenkten Luftfahrzeuges. Aller Anfang ist schwer und erst nach einer Vielzahl von Versuchen scheint das Unmögliche möglich. Dampfgetrieben, ultraleicht und präzise in der Balance… startbereit – anschnallen – und los könnte es gehen.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Wenn die Maus ihre Rechnung nicht ohne die wahren Herren der Lüfte gemacht hätte. Hamburgs Eulen können und wollen diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen und versuchen mit allen Mitteln, der Maus auf die Spur zu kommen. Wird die Flucht gelingen, wird sie unbeobachtet bleiben und was geschieht, wenn unsere fliegende Maus entdeckt wird?

Lest und schaut selbst. Und danach lehnt euch zurück und überdenkt die Geschichte der heutigen Luftfahrt erneut. Wer, wenn nicht diese intelligente Steampunkmaus hätte eine bessere Motivation gehabt, sich in die Lüfte zu erheben. Der Mensch sicherlich nicht – der hatte doch wirklich nichts vor den Mausefallen zu befürchten… also… scharf nachgedacht… das hier ist die Wahrheit… eine Pioniertat allererster Güte.

Die Geschichte allein ist liebevoll kurios, unglaublich, sympathisch, märchenhaft, verspielt und luftig leicht wie ein Mäuselooping im Nachthimmel über dem Atlantik. Was der Autor und Illustrator Torben Kuhlmann allerdings neben seinen Worten bildlich in Szene gesetzt hat sprengt den Rahmen jeglicher Erwartung an ein modernes Kinder-Bilderbuch. Es sind lebendige, warme, detailverliebte und tiefe Gemälde, die eine eigene Geschichte erzählen. Sie schmiegen sich an den Text und erwecken die Stadt, ihre Katzen, Eulen und Menschen zu perspektivischem Leben und faszinieren in einer Dimension die ihresgleichen sucht.

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Lindbergh von Torben Kuhlmann

Torben Kuhlmann ist der einzig wahre Pionier der Lüfte. Mit ihm zu entschweben ist ein zeitlos gigantisches Abenteuer – vielleicht eines der wahrhaftig letzten großen Abenteuer unserer fantasielosen Zeit. Wer einmal mit der Maus im Cockpit saß, wer einmal ihren Augen folgte und wer einmal die Schwerelosigkeit an ihrer Seite spürte wie einen warmen Luftzug einer unvorstellbaren Reise, der glaubt an sie… oder möchte es zumindest…!

Dieses Kinder-Bilderbuch ist kein Kinder-Bilderbuch – das ist der große Denkfehler an der Geschichte. Es ist ein gebundener Traum für alle Menschen, deren Phantasie noch nicht völlig verloren ist. Begeisterungsfähige Erwachsene werden dieses Buch begeisterungsfähigen Kindern vor Augen führen und ihnen gemeinsam mit Torben Kuhlmann den größten Bären (die größte Maus) der Geschichte der Luftfahrt aufbinden… Herrlich die Augen der Kleinsten erstaunen zu sehen – herrlich die Augen der Großen strahlend zu wissen. Eine Galerie der Phantasie für jedes Alter.

Warum das Buch allerdings Lindbergh heißt, das solltet ihr selbst erlesen, erblicken und erfühlen. Ihr werdet staunen…

„Lindbergh“ wurde vor wenigen Tagen von der Stiftung Lesen mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet – und womit? Mit Recht! Ihr solltet euch das nicht entgehen lassen. Es wäre schade drum. Versprochen. Und nun ab in die Lüfte mit uns….

Lindbergh von Torben Kuhlmann - Ab in die Luft

Lindbergh von Torben Kuhlmann – Ab in die Luft

Und endlich hat das Warten ein Ende… Nach dem tranatlanischen Flug graben wir uns jetzt mit Torben Kuhlmann ein und erleben in der Maulwurfstadt was es heißt, wenn es eng wird in den Stollen unter den Maulwurfshügeln…

Ab nach unten mit uns - Mit einem Klick in die Maulwurfstadt

Ab nach unten mit uns – Mit einem Klick in die Maulwurfstadt

Vor dem Fest – Saša Stanišić

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Ein perfektes Lesefest

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Ein perfektes Lesefest

Nachdenklich stehe ich vor dem Ortsschild eines kleinen Dorfes im Herzen der Uckermark. „Fürstenfelde“ – liest sich gut, fühlt sich auch gut an, doch schon beim ersten vorsichtigen Schritt in Begleitung des Schriftstellers Saša Stanišić bemerke ich, wie mich die Stimmung der kleinen Gemeinde Zug um Zug mehr gefangen nimmt. Vor dem Fest (Luchterhand Literaturverlag), so heißt sein Roman über jenes fiktive Dorf und schon mit dem Titel trennt er die Geschehnisse in ein Davor, Danach und Jetzt fein säuberlich auf.

Fürstenfelde (Einwohnerzahl – ungerade):

  • gefangen im „Früher“
  • eingegrenzt durch ein klares „Unter UNS“
  • charakterisiert durch Traditionen, die nicht mehr der Zeit entsprechen
  • niemals befreit von den uralten Geschichten und Legenden
  • verfangen im „Jetzt“
  • ungläubig gegenüber dem „Morgen“

Begeben wir uns gemeinsam mit ihm nach Fürstenfelde – ins Jetzt und saugen ein klein wenig von der eigentümlichen Atmosphäre der ländlichen Abgeschiedenheit in uns auf. Lassen wir uns auf den Ort und die Menschen ein, um verstehen zu können… und später mitfeiern zu dürfen… beim Fest. Vielleicht sind wir als Leser dazu eingeladen… Vielleicht.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Zeit der Legenden

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Zeit der Legenden

Die tiefe Melancholie des Kleinbürgertums ist ständig greifbar. „Ewig Gestrige“, die niemals richtig in der Gegenwart angekommen sind, Perspektivlose, so könnte man die Bewohner von Fürstenfelde vielleicht treffend beschreiben. Wozu auch ankommen? Die Zukunft stirbt seit der Wende beharrlich aus – das Morgen hat keinen Zuwachs.

Demoskopisch klaustrophobisch wird das gesamte Leben durch das „Wir werden immer weniger“ bestimmt. Der Kreis der Dorfgemeinschaft wird kleiner, überschaubarer und die wenigen zugezogenen „Neuen“ gehören nicht dazu… Zu hermetisch hat sich die Glocke über dem Dorf geschlossen.

Die Menschen, denen wir hier begegnen sind einzigartige Charaktere, gezeichnet von der Geschichte des Ortes und gleichzeitig sind sie selbst auch diejenigen, die das Bild selbst unverfälscht gestalten.

Die Kunstmalerin, Frau Kranz, die in den 70 Jahren ihres Schaffens eine Chronik des Dorfes in Öl entstehen ließ. Der tiefe Einblick, den sie gewährt liegt in der Magie ihrer Philosophie begründet. „Sie sieht ihr Dorf nicht, sie weiß es“, so schreibt man über sie. Sie erschafft Gemälde, weil Bilder nichts vergessen und nun, kurz vor dem großen Fest möchte sie, so nachtblind sie auch ist, ein weiteres „Gemälde des Zeitergehens“ erschaffen. Mit Staffelei und Pinsel bewaffnet watet sie nachts in den See, um etwas zu vollenden, das sie als unvollendet betrachtet.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Der Fährmann ist tot

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Der Fährmann ist tot

Herr Schramm, der ehemalige Oberstleutnant der NVA, der Ex-Offizier der vor der Wende nur über die Haltung zu definieren war und heute an einem „Haltungsschaden“ leidet. Hin- und hergerissen zwischen erfolgloser Partnervermittlung, Selbstmord sofort oder auf Raten, interessiert er sich im Schwerpunkt nur noch für die Form seines finalen Abgangs. Mit dem Auto gegen einen Baum oder doch lieber den verzweifelten Versuch unternehmen, Zigaretten aufzutreiben? Seine Bemühungen kurz vor dem Fest sind ebenso skurril, wie erfolgreich. Seine Brautwerbung ist einzigartig: „Es ist schön hier bei uns, aber nicht so schön, wie woanders!“

Johann, der junge Glöckner-Lehrling, der versucht die drei Glocken des Dorfes in Harmonie zu versetzen. Glocken, die so viel mit der langen Geschichte von Fürstenfelde gemeinsam haben. Jene alte Glocke, die seit Urzeiten läutet und die beiden neuen, die nicht so recht mit ihr in Einklang zu bringen sind. Die Glocken versinnbildlichen den Zustand des Dorfes so sehr. War der Glockenturm früher in der unbeleuchteten Nacht „ein Leuchtturm aus Klang“, so wird sein Geläut heute nur noch sehr unregelmäßig wahrgenommen. Johann kämpft dagegen an und staunt nicht schlecht, als die Glocken am Morgen vor dem Fest nicht mehr dort sind, wo sie sein sollten.

Viele dieser Menschen sind Archetypen ihres Schlages und doch sind sie so typisch, wie wir sie als Besucher von Fürstenfelde gerne erleben wollen. Es sind nicht die einzigen Exemplare dieser einzigartigen Art. Wir lernen einige von ihnen kennen und werden wohl niemanden mehr vergessen. Den Briefträger, der zu DDR-Zeiten die Post noch lesen konnte bevor er sie verteilte; den Besitzer einer Garage, die heute zum informellen Treff und einzigen Lokal des Ortes mutiert ist; die Läuferin, die kurz vor dem Fest zum Abschied noch einmal ihr Dorf umlaufen möchte, was ihr fast gelingt… und den Fährmann, dessen Tod jeder offen betrauert, weil er der Gemeinschaft Halt und Richtung gab. Der Steuermann scheint von Bord zu sein…

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Wortgewaltige Bilder

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Wortgewaltige Bilder

Doch über all diesen Menschen steht die Geschichte dieses Dorfes, die sich in Zeitscheiben in Richtung des großen Festes bewegt. Die Zeitlosigkeit erhält eine neue Dimension und verwoben mit den alten Legenden und Urahnen der heutigen Bewohner, bekommt manche Handlung einen neuen Sinn. Das Dorf weiß alles. Das Dorf vergisst nicht und wie das kollektive Gedächtnis über alle Generationen hinweg lebt das Dorf sein eigenes Leben.

Stanišić schrieb definitiv keinen Wenderoman… Er schrieb eine zutiefst deutsche Dorfgeschichte, die sich sanft in das Wellental der eigenen Vergangenheit einbettet. Er konfrontiert uns mit schrullig sympathischen Menschen und ihrer Geschichte, die sie selbst nicht mehr kennen. Wir gehören von Seite zu Seite mehr zu ihnen und versuchen Zusammenhänge zu finden, die uns Verständnis vermitteln.

Die geschickte Konstruktion des Romans, Legenden mit heutigen Bildern im Wechsel auftauchen zu lassen, vermittelt dem Besucher von Fürstenfelde das Gefühl, den Bewohnern immer einen Schritt voraus zu sein. Ob wir sie vor dem großen Fest, das einem Schließen des ewigen Kreises gleichzusetzen ist, einholen werden bleibt fraglich. Ob wir sie einholen wollen, liegt an uns.

Sich auf Anderes und Andere einlassen, verstehen wollen, die Sinne öffnen und unter der Oberfläche nach dem großen Ganzen suchen… diese Fähigkeiten setzt Stanišić in uns frei. Wir verknüpfen seine Bilder zu einem großen Wandteppich, der mehr zeigt, als wir anfänglich gedacht hätten. Bilder in einer Sprachkunst, die in einem deutschen Roman nicht häufig auftaucht.

Vor dem Fest - Saša Stanišić - Buchdetails mit einem Klick

Vor dem Fest – Saša Stanišić – Buchdetails mit einem Klick

Stanišić ist mit seinem Roman „Vor dem Fest“ für den Buchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und jedes Wort, jede Zeile und jeder Absatz rechtfertigen diese Nominierung. Vielleicht wird „Vor dem Fest“ auf dem großen Fest der Literatur ja zum Fest für den genialen Wortschöpfer. Wir würden es diesem Buch wünschen.

Kommt auch ihr zum Fest. Ihr werdet es sicher nicht bereuen und habt die einmalige Chance, euch ein wenig selbst finden. Vielleicht seid ihr dann auch Teil des letzten Gemäldes der Malerin, die sich – knietief im Wasser stehend – „auserinnert“ fühlt, als sie den letzten Pinselstrich auf die Leinwand haucht. Vor dem Fest ist nach dem Fest. Auch für die Fähe auf dem Buchcover. Aber das ist eine Geschichte in der Geschichte für ganz besondere Lesefüchse 😉

Ich erzählte von Saša Stanišić – Lena (14) malte seine Menschen „Vor dem Fest“

Seit Leipzig feiere ich dieses Fest, denn „Vor dem Fest“ ist tatsächlich mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichnet worden. Ich gratuliere von ganzem Herzen 😉

Ich finde dich – Harlan Coben thrillert knallhart und romantisch

Ich finde dich - Harlan Coben - Ein Versprechen

Ich finde dich – Harlan Coben – Ein Versprechen

„Glauben Sie an Liebe auf der ersten Blick? Ich auch nicht. Ich glaube allerdings an die große, mehr als rein körperliche, Anziehung auf den ersten Blick.“

„Ich glaube, dass man sich gelegentlich – ein, vielleicht zwei Mal im Leben – ungestüm, ursprünglich und unmittelbar zu einem Menschen hingezogen fühlt – stärker als durch Magnetismus. So war es mir mit Natalie ergangen.“

So beginnt die Geschichte von Jake Fisher. Obwohl der Begriff „Beginn“ hier nicht sonderlich glücklich gewählt ist, da mit dieser Liebeserklärung an die Frau seines Lebens auch schon alles endet. Die schönste Zeit seines Lebens und das Vertrauen in die Unerschütterlichkeit der eigenen Gefühle werden in einer kleinen romantischen Hochzeitskapelle zu Grabe getragen.

Jake Fisher muss mit ansehen, wie die große Liebe seines Lebens einen anderen Mann heiratet. Unverhofft und plötzlich kam das Ende der Beziehung mit Natalie. Auf dem Höhepunkt der Gefühle brach der Auftrieb unter seinen Tragflächen ab und ließ ihn tief fallen. Eine Begründung für das Ende gab es nicht. Nur die Einladung zur Hochzeit – wohl um ihm das ultimative Ende des Höhenfluges zu verdeutlichen.

Den todbringenden Worten „Es ist aus, Jake“ folgt eine Aufforderung, die dem Betroffenen keinerlei Spielraum mehr lässt. Der bodenlose Absturz trägt die Aufschrift:

„Versprich es mir, dass du uns nicht folgst, nicht anrufst und nicht einmal eine E-Mail schickst. Versprich mir, dass du uns in Ruhe lässt.“

Ich finde dich- Harlan Coben - Sechs Jahre

Ich finde dich- Harlan Coben – Sechs Jahre

Und Jake verspricht es – hoch und heilig, obwohl er innerlich daran krepiert. Hoch und heilig krepiert. Sechs Jahre hält er sich an sein Versprechen. Sechs lange Jahre, in denen er seine gesamte Energie in die Karriere als College-Professor investiert. Er könnte stolz auf sich sein, doch das wäre ein Gefühl und Gefühle sind ihm fremd. Nur die Sehnsucht kennt er noch. Sechs Jahre vergehen…

Bis Jake die Todesanzeige des Mannes liest, der damals alles zerstörte. Natalies Ehemann! Verstorben! Galt Jakes Versprechen noch? War er noch daran gebunden? Innerlich toben seine Gefühle und er beschließt es zu brechen. Vielleicht hatte er noch diese eine Chance… Vielleicht, wenn er Natalie nur sehen dürfte… Vielleicht. Er zögert nicht und fährt zur Beerdigung von Natalies Mann.

Der Kreis schließt sich. Erneut eine kleine Kapelle. Erneut ein Ende im Angesicht des allmächtigen Herrn – aber diesmal vielleicht wieder ein Anfang für ihn. Doch anstatt Natalie als trauernde Witwe am Sarg ihres Mannes zu sehen, findet Jake dort eine völlig wildfremde Frau vor.

Seine Gefühle laufen Amok. Wo war die Frau seines Lebens? Mit wem war sein toter Rivale denn jetzt verheiratet und warum hatte Natalie niemals Kontakt zu Jake gesucht, wenn ihre Ehe gescheitert war? Er weiß nur eines mit Sicherheit. Er ist sich der tiefen Aufrichtigkeit seiner Gefühle für Natalie bewusst. Er definiert sein Sehnen am Schmerz der Sehnsucht und er hat sechs Jahre nichts falsch gemacht.

Ich finde dich - Harlan Coben - Aber jetzt...

Ich finde dich – Harlan Coben – Aber jetzt…

Doch nun beginnt er verzweifelt nach Natalie zu suchen „ICH FINDE DICH – so lautet sein neues Mantra, dem er fortan alles unterordnet. Der Verlust hat ein emotionales Mängelexemplar aus ihm gemacht – es wird Zeit, sich selbst zu heilen und das Glück zu suchen. Wo immer Natalie auch sein mag.

Jake Fisher macht sich auf den Weg und er wird fündig. An mehreren Stellen. Doch was er findet bringt ihn selbst in jeder Beziehung in Lebensgefahr.

Wir reden hier über einen Thriller. Tatsächlich – und zwar über einen Thriller, der auch Anhängern von rasanter und nicht gerade unblutiger Action alles abverlangen wird. Nervenaufreibende Cliffhanger und sehr abgründige Wendungen und Tempowechsel zeichnen dieses psychologisch facettenreiche Verwirrspiel geradezu aus. Die zugrunde liegende Handlung ist komplex und nachvollziehbar – will sagen – die Story geht auf… und sie trägt den Leser wie eine Thrillerlawine bis zur letzten Seite.

Aber kann ein Thriller auch knallhart romantisch sein? Darf er das sogar? Ich denke ja und unterschreibe diese Aussage gleich mit dem guten Füller. Harlan Coben gelingt ein Bravourstück an emotional getragener Dramatik. So kann nur ein Autor schreiben, der in den tiefen seiner Sehnsucht genau weiß, was die Liebe mit dem Leben anstellen kann. „Ich finde Dich“ ist ein großer Sehnsuchts-Thriller. Nicht verkitscht, nicht pathetisch… einfach wundervoll vollkommen.

Ich finde dich - Harlan Coben - Auf Lügen gebaut... (Originalcover)

Ich finde dich – Harlan Coben – Auf Lügen gebaut… (Originalcover)

Jeder, der die wahre Liebe in seinem Leben gefunden hat, weiß dies nach „Ich finde dich“ erneut zu schätzen und jeder, der den Begriff Sehnsucht in seine Seele gebrannt mit sich trägt wird verstehen, was und warum Jake Fisher dazu treibt, sein gesamtes Leben auf den Kopf zu stellen.

Er hat nicht verlernt, seinen Gefühlen zu trauen und wagt alles. Vielleicht ist dies die große Botschaft eines ausgezeichneten Thrillers. Wenn du weißt, wo dein Herz wohnt, dann ist es absolut jedes Risiko wert den großen Geheimnissen des Lebens auf den Grund zu gehen.

Erst dann schaut man hinter die Fassade dessen, was sich eigentlich nur als große Lebenslüge zeigen wollte. Erst dann blickt man der Wahrheit ins Gesicht, ob sie einem gefällt oder nicht.

MIR HAT DIE WAHRHEIT IN „ICH FINDE DICH“ von Harlan Coben (Page & Turner) GEFALLEN… sie hat mich sogar einige Tränen gekostet, was bei Thrillern recht selten geschieht.

Ich finde dich - Harlan Coben - Ein Thriller für jeden Geschmack

Ich finde dich – Harlan Coben – Ein Thriller für jeden Geschmack

Editorischer Nachtrag: Das Originalcover zum Originaltitel „Six Years“ hätte mir persönlich sehr gut für die deutsche Ausgabe gefallen. Es ist wesentlich intensiver mit Handlung und Romanstimmung des Buches verbunden, als die kleinen Hütten, die zwar am Rande vorkommen, aber keinen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen haben. Den Händen wäre dies gelungen…

Ich vermisse Dich - Harlan Coben - Mehr als ein Buch

Ich vermisse Dich – Harlan Coben – Mehr als ein Buch

Aktualisierung 15. Mai 2015:

Auf den Tag genau vor einem Jahr habe ich meine kleine literarische Sternwarte aus der buchigen Taufe gehoben und den ersten Artikel als “AstroLibrium” veröffentlicht. Seitdem hat sich sehr viel getan in dieser kleinen Welt und ich habe vielen Menschen zu danken, die mir dabei geholfen haben, diesen Weg zu meinem Weg zu machen, mich nicht zu verlaufen und pure Lesenfreude versprühen zu dürfen. Allerdings beruht meine Auswahl des heute hier vorgestellten Thrillers keinesfalls auf reinem Zufall.

Zwei Bücher verbinden am heutigen Tag mein Lesen und Schreiben mit der langen Zeit, die ich gemeinsam mit Bianca lesen, schreiben und fliegen durfte. Beide Titel sind die Metaphern meiner Gefühlslage, wenn ich ein Jahr nach dem Pusteblumentag auf Literatwo diesen Artikel mit der alten Heimat verlinke. Ich vermisse Dich. Ich finde Dich. Auch wenn diese Zeilen natürlich absolut nichts mit den beiden Thrillern selbst zu tun haben mögen, sie gehören genau hierhin, denn manchmal sind Bücher mehr als nur Bücher.

Manchmal sind sie das Leben….

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon überlebt die Nazi-Diktatur in Berlin

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Eine Überlebensgeschichte

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Eine Überlebensgeschichte

Wenn es mir gestattet ist, möchte ich dieser Buchpräsentation eine völlig neue Einleitung voranstellen. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich Zitate der verfolgten Halbjüdin Marie Jalowicz Simon im Berlin der Nazi-Diktatur direkt mit meiner persönlichen Erkenntnis des Tages verknüpfen. Ich habe lesend viele Notizen verfasst und meine eigenen Gedanken sind eine starke Verbindung zu dieser wahren Lebensgeschichte eingegangen. Ich möchte diese Verknüpfung nicht mehr trennen… wenn es mir gestattet ist

Untergetaucht von Marie Jalowicz Simon (Fischer Verlag) ist ein in vielfacher Hinsicht mehr als außergewöhnliches Buch voller Stärke, Ironie und verzweifelter Hoffnung. Wenn es mir gestattet ist, möchte ich den Faden dieser Lebensgeschichte genau dort aufnehmen, wo er mir in die Hände gelegt wurde. Und ich möchte damit eine Verbindung zu der Frau herstellen, die ihn unter Lebensgefahr für uns alle geknüpft hat.

Wenn es mir gestattet ist, dann würde ich sehr gerne unmittelbare Lehren ziehen, damit ich noch besser fühlen und verstehen kann. Damit ich gezielter verhindern kann. Damit ich besser erinnern kann. Ich tauche mit unter… anders geht es nicht… Folgt ihr mir?

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - In Gefahr

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – In Gefahr

„Und dann lernte ich etwas für mein späteres Leben: In einer abnormen Situation darf man sich nicht normal benehmen. Man muss sich anpassen.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn man dich schon als „Unverschämtes Judengesindel“ beschimpft, während du dich „freiwillig“ zur Zwangsarbeit anmelden musst, verhalte dich nicht auch noch freundlich und zuvorkommend. Sei anders! Zeige Stärke.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie überlebt hätte? In ihrer scheuen und einfältigen Art hatte sie eine so rührende Anmut, dass sie später für viele Jahre zu meiner persönlichen Toten wurde.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn du dir unter der unvorstellbaren Zahl verfolgter und ermordeter Juden nichts vorstellen kannst, dann klammere dich an ein einziges Gesicht. Niemand kann sich unter abstrakten Zahlen individuelle Schicksale vorstellen und nur „persönliche Tote“ helfen dir, am Leben zu bleiben.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Dann ging die Tür auf, sie war draußen, und ich dachte: Unvergesslich! Da haben zweihundert Frauen in unermesslicher Sehnsucht nur ein Wort gedacht: FREIHEIT. Es war ein Chor, der absolut geräuschlos lauter dröhnte als die lärmendste Nazi-Propaganda.“

Berlin 1940. Erkenntnis des Tages: Wenn es gilt Solidarität zu zeigen, muss dies nicht laut geschehen. Gemeinsam stark sein bedeutet nicht zu schreien. Wenn eine von euch aus dem Kreislauf der Vernichtung fliehen kann und ausreisen darf, dann zeigt ein vielstimmiges Schweigen. Missgönne nicht – wachse an der Sehnsucht und überlebe.

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Für mich war dieses Spiel sehr wichtig, denn ich lernte selbstbewusst aufzutreten, auch denen gegenüber, vor denen wir eigentlich in ständiger Angst lebten. Und das sollte mir auf meinem ganzen Weg durch die Nazi-Zeit noch helfen.“

Berlin 1942. Erkenntnis des Tages: Verstecke dich auf keinen Fall hinter deinem Judenstern. Konfrontiere die Machthaber mit ihren Gesetzen und stell dich hilflos. Frage einen Polizisten nach dem Weg durch Berlin und schüttle dann nur noch beharrlich den Kopf und weise darauf hin, dass du die empfohlenen Straßen nicht betreten darfst und dir öffentliche Verkehrsmittel verboten sind. Wenn der Polizist dann entnervt sagt: „ Macht doch diesen Scheißstern ab, steigt in die U-Bahn und fertig ist die Laube“, dann hast du gewonnen. Es ist mehr als ein Sieg. Du hast Zweifel gesät…

untergetaucht_marie jalowicz simon_spacer

„Und so wurde ich aus der Kartei des Arbeitsamtes gelöscht, weil ich die Frechheit hatte, den Behörden mitzuteilen, dass ich bereits deportiert sei.“

Berlin 1941. Erkenntnis des Tages: Jedes System lässt sich mit seinen eigenen Waffen schlagen. Die nationalsozialistische Ideologie basierte auf der althergebrachten deutschen Bürokratie. Kannst du diese auch nur einmal überlisten, wirst du für immer verschwunden sein. Frei….UNTERGETAUCHT – mitten in Berlin… auch wenn damit deine Probleme erst richtig beginnen.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Dunkle Jahre

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Dunkle Jahre

Wisst ihr nun, was ich damit meinte, einen Faden dort aufzunehmen, wo das Schicksal eines Menschen ihn im kollektiven Wissen um die Geschichte vieler Menschen versteckt hat? Wisst ihr nun, warum ich direkt folgern möchte? Die aufgeführten Zitate  aus ihrem Buch charakterisieren Marie Jalowicz Simon in besonderer Weise. Sie charakterisieren ihren Überlebenswillen, ihren Mut und ihren weiteren Lebensweg.

Das Untertauchen am 22. Juni 1942 war der bewusste Schritt in die Illegalität. Mit gerade einmal 20 Jahren entzieht sich Marie der Verhaftung durch die GESTAPO, der die unmittelbare Deportation gefolgt wäre. Illegal… welch abstruses Wort für die Halbjüdin Marie angesichts einer Diktatur, in der millionenfacher Völkermord legalisiert wurde – einer brutalen Diktatur, die den Holocaust offen propagierte und  vollzog.

„Untergetaucht“ erzählt eine beeindruckende Lebensgeschichte, der ich hier nicht vorgreifen möchte. Maries Weg ist auf eine besondere Art und Weise einzigartig, da am 22. Juni 1942 eine Odyssee durch ihre Heimatstadt begann. Versteckt, verborgen, obdachlos, auf Unterstützung angewiesen, ständig in Lebensgefahr, mitten im Krieg, rationierte Nahrungsmittel nur für registrierte Nicht-Illegale – so sehen sie aus die Rahmenbedingungen einer Flucht durch eine Stadt, in der man aufgewachsen ist.

Untergetaucht - Marie Jalowicz Simon - Lebensmut

Untergetaucht – Marie Jalowicz Simon – Lebensmut

Dass Marie Jalowicz Simon nicht zu „meiner persönlichen Toten“ des Holocaust wurde, ist nicht nur ihr eigener Verdienst. Opferbereitschaft und Mut, intellektuelles Abstraktionsvermögen in hoffnungslosen Situationen und die Fähigkeit zur zielgerichteten Selbstaufgabe haben Marie ihr persönliches Überleben geschenkt. Sie erlebte ihr Berlin schließlich als „Umschlagplatz“, jenen Ort, an dem Hoffung in Zuversicht umschlägt! Der Preis, den sie zahlte, war hoch. Der Preis einiger Menschen, die ihr mutig zur Seite standen war höher.

Taucht mit Marie unter und nehmt ihren Faden auf. Er kann Leben retten und Augen öffnen. Folgt Literatwo erneut nach Berlin. Vielleicht begegnet ihr auf den Straßen jener „illegalen“ jungen Frau oder vielleicht einem kleindeutschen Ehepaar, das in lautem Protest für den sinnlos gefallenen Sohn Postkarten des Widerstandes verteilt. Vielleicht sind sie sich persönlich begegnet… damals in ihrer Stadt… die Eine „Untergetaucht“, die Anderen mit dem Ausspruch „Jeder stirbt für sich allein“ auf den zum Tode verurteilten Lippen. Sie lebten im gleichen Viertel einer dunklen Stadt…

Was am Ende bleibt von diesem Buch? Die magische und zeitlose Erkenntnis einer jungen Frau, die am Tag ihres Auftauchens im Angesicht sowjetischer Truppen voller Stolz für sich behaupten konnte: „Ich hatte mich nicht zu ergeben!“ Allein dieser Satz sollte Mut machen und Ansporn sein, das eigene Leben voller Standhaftigkeit und gegen alle Widerstände der Zeit leben zu wollen. Dieser Wille hat Marie Jalowicz Simon gerettet.

Wieder Berlin mit Falladas "Jeder stirbt für sich allein"

Wieder Berlin mit Falladas „Jeder stirbt für sich allein“

Abgründig – Arno Strobels Höllentrip für Jugendliche

Abgründig von Arno Strobel

Abgründig von Arno Strobel

Kinderkram… echt jetzt. Da darf man endlich mal weg von der Familie und raus in die freie Natur, endlich nicht bevormundet werden und das richtige Abenteuer genießen… und dann DAS!

Das coole Bergcamp Grainau entpuppt sich für ein zusammengewürfeltes Grüppchen Jugendlicher schon schnell als Lager für „betreutes Klettern“ und genau das hatte man eigentlich nicht vor. Hey.. in dem Alter will man was erleben und nicht auch noch in seiner Freizeit auf Kleinkinder aufpassen. Da hat man die mächtige Zugspitze vor Augen und soll im Camp schön brav ein wenig rumkraxeln. Geht nicht… geht gar nicht! Und als sie auch noch ihre Handys abgeben müssen ist das Maß der Bevormundung übergelaufen.

Abenteuerlust und der Wunsch, endlich etwas Richtiges zu erleben bringen zehn Jugendliche auf die Idee, endlich mal aus dem Alltag auszubrechen und das Weite zu suchen. Ralf kennt sich immerhin blind in der Gegend aus, ist schon volljährig, hat den ersten Abend im Camp mit Alkohol aufgelockert und hat einen guten Plan. Warum eigentlich nicht, fragen sich die Anderen und so setzt sich das Grüppchen klammheimlich aus der behüteten Umgebung ab.

Abgründig von Arno Strobel - Kontratsreich

Abgründig von Arno Strobel – Kontrastreich

Ihr Ziel: eine einsame Berghütte oberhalb der geheimnisvollen Höllentalklamm, einer dunklen und feuchten Gebirgsschlucht am Fuße des höchsten Berges Deutschlands… Unwichtige Ausrüstung schleppt man nicht mit. Wenn man Ralf Glauben schenkt, dann ist es ein Kinderspiel, die Hütte zu erreichen. Aber eben eines ohne Aufsicht durch besserwissende Erwachsene.

Und so geht es los in ein unglaubliches Abenteuer, das sie wohl nie vergessen werden.

  • 10 Jugendliche
  • 1 Ziel
  • 1 falsche Fährte
  • Keine Handys
  • Keine Bergausrüstung
  • 1 Schweizer Taschenmesser
  • 1 Taschenlampe
  • 3 Flaschen Wodka

Wäre doch gelacht, wenn das nicht rocken würde, und wenn man dann nicht was zu erzählen hätte vom stinklangweiligen Camp. Und das Wetter spielt auch noch mit. Was will man mehr… Und die Gruppe passt zusammen. Das merkt man doch schnell.

Wie sehr man sich täuschen kann – in jeder Beziehung.

Abgründig - Arno Strobel - Extreme Fallhöhe

Abgründig – Arno Strobel – Extreme Fallhöhe

Das Unglück scheint bereits vorprogrammiert, als das Wetter kippt. Die Höllentalklamm liegt hinter ihnen. Sie sind durchnässt und nun gibt es nur noch einen Weg, sich vor dem aufziehenden Sturm zu schützen… weiter nach oben… das ist kürzer und ungefährlicher als jetzt noch umzukehren. Und Ralf kennt sich aus… blind sogar.

Wie sehr man sich irren kann…

Und so findet sich die Gruppe am Ende ihrer Kräfte fernab ihres eigentlichen Weges in einer einsamen Berghütte wieder, während der Sturm unvermindert an Kraft zunimmt und an eine Flucht ins Tal nicht mehr zu denken ist. Es rächt sich, dass man diese Tour unterschätzt hat. Es rächt sich, dass man bis auf ein paar Flaschen Wodka und ein paar Erdnüsse nichts in den Rucksäcken hat. Es rächt sich, dass man dem Ältesten in der Gruppe vertraut hat.

Letztendlich kippt mit dem Wetter auch die Stimmung in der Gruppe. Angst macht sich breit und Schuldzuweisungen schießen aus dem Boden. Stress bahnt sich seinen Weg, wird zu Gewalt und schon bald beginnen die ersten Handgreiflichkeiten.

Abgründig - Arno Strobel - Naturgewaltig

Abgründig – Arno Strobel – Naturgewaltig

Am Morgen nach der ersten grauenvollen Nacht in der Einsamkeit fehlt ausgerechnet der selbst ernannte Anführer. Keine Spur mehr von ihm, bis auf eine Blutlache in der Hütte und Blutspuren in der nahen Umgebung. Keine Spur von ihm, bis auf die blutverschmierte Hand von Tim, dem Einzigen unter ihnen, der ein dunkles Geheimnis in sich trägt…

Kann es sein, dass er nachts…? Ist es möglich, dass Ralf ermordet wurde? Die Gruppe dreht hohl und es entsteht ein brutales Katz- und Mausspiel um die Suche nach dem Täter. Es wird eng für Tim und der Sturm hält sie fest umklammert in dieser Hütte des Grauens.

Bestseller-Autor Arno Strobel schreibt mit „ABGRÜNDIG“ (Loewe Verlag) zum ersten Mal einen Thriller für Jugendliche. Wer Strobel kennt, der weiß, dass er seine Leser ernst nimmt. Er gestaltet einen Plot, der tragfähig ist und fordert seine Leser zum aktiven Lesen auf. Die Spurensuche an seiner Seite wird von Seite zu Seite spannender und seine Protagonisten lassen ihre Masken im Angesicht drohender Gefahr immer mehr fallen.

Die Ruhigen ziehen sich zurück, die Aufbrausenden agieren mit Gewalt und die Unauffälligen beginnen an Kontur zu gewinnen. Erste zarte Gefühle der Mädchen für einige der Jungs verschärfen die Situation zusätzlich, denn Eifersucht, Todesangst und stürmische Isolation sind wirklich keine guten Rahmenbedingungen für das gemeinsame Überleben.

Abgründig - Literatwo vor Ort in im Höllental

Abgründig – Literatwo vor Ort in im Höllental

Arno Strobel gelingt es mit „Abgründig“ nicht nur jugendliche Leser zu fesseln, auch die Fans seiner Psychothriller kommen auf ihre Kosten. Der Bestseller-Autor überzeugt, weil er sich nicht verbiegt. Er biedert sich der neuen Zielgruppe nicht an, er setzt ihr etwas vor, an dem sie zu knabbern hat. Eine komplexe Gruppenstruktur, die sich in ihrer Dynamik mehrfach über den Haufen wirft; Konflikte die ungezielt aufbrechen und Gefühle, die sich ungefiltert Raum verschaffen. Nichts Neues für Heranwachsende – alles schon selbst erlebt… nur nicht in dieser Dimension und so findet wohl jeder Leser „seine“ Helden im Roman, mit denen er leidet, hungert und die Decke teilt.

Man wird schnell zum Außenseiter im wahren Leben… man wird es schnell in Abgründig… man wird schnell zum Sündenbock, aber eben auch genauso schnell zur Zielscheibe gezielter Beeinflussung durch selbst ernannte Anführer.

Uns hat Arno Strobel erreicht. Wir kennen die Region, in der er seinen Jugend-Thriller angesiedelt hat und wissen aus eigener leidvoller Erfahrung, wie verloren man sich dort fühlen kann, wenn man sich selbst überschätzt. Die Handlung selbst kann überall spielen. Denn das Spiel mit der Angst in Verbindung mit der selbstzerstörerischen Dynamik einer Gruppe in akuter Lebensgefahr beschleunigt das reale Leben zu einem wahrhaftigen Höllentrip.

Abgründig ist tiefgründig… Strobel vom Feinsten.

Arno Strobel und Literatwo - Ein langer gemeinsamer Weg

Arno Strobel – Ein langer gemeinsamer Weg – Ein Klick genügt…

Ach ja, bevor wir es vergessen… Der ABGRÜNDIGe Weg ist damit noch nicht am Ende angelangt.

Die Outdoor-Blogger von erlebnisabenteuerundmehr haben schon oft gemeinsam mit uns alpine Romane auf ihre Plausibilität geprüft und im Gegenzug für die in der Rezension verwendeten Höllental-Bilder ist natürlich eine Ausgabe des Romans in die Hände der Alpenspezialisten geraten.

Mal gespannt, was dabei rauskommt. Bei Marc Ritters neuem Zugspitz-Polit-Thriller „Kreuzzug“ kamen wir auf diese Art und Weise zu überraschenden Übereinstimmungen. Bleibt gespannt 😉

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry bewegend und wortgewaltig

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

In meinem Leserherzen bin ich schon immer ein Ire gewesen. Ich fühle mich zu Hause auf der ewig grünen Insel und bin fasziniert von der abwechslungsreichen Geschichte des gespaltenen Landes. Melancholisch ist mir zumute, wenn ich irischen Autorenfedern folge. In ihrer Sprache schwingt eine Sehnsucht mit, die ihnen von Generationen irischer Vorfahren in die Wiege gelegt wurde. Mit William Butler Yeats lasse ich mich gerne auf sentimentale Gedichtabende ein, mit Roddy Doyle begegnete ich vier wichtigen Frauen, John Boyne verlieh meinem Lesen grenzenlose Flügel und nun lädt mich Sebastian Barry ein, ihm zu folgen.

Ein langer, langer Weg aus dem Steidl Verlag ist eine ganz besondere Lese-Herausforderung für mich, erwarte ich doch bestimmt nach Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ nicht wirklich einen Roman über den Ersten Weltkrieg, der heute in der Lage ist, Maßstäbe zu setzen. Doch schon die Erzählperspektive und der Protagonist des mehr als episch anmutenden Schlachtengemäldes reizten meinen Lesedurst. Erstmals folge ich also – das grüne Kleeblatt im Herzen – einem jungen Iren auf die Schlachtfelder ins belgische Flandern der Jahre 1914 bis 1918.

Willie Dunne zieht in den Krieg – und er hat einen guten Grund, dies zu tun. Er wächst nicht mehr. Nun ist Willie Dunne kein Zwerg mit seinen 1,68 Metern, aber er wird wohl nie das erforderliche Gardemaß erreichen, das man benötigt, um Angehöriger der Polizei von Dublin zu werden. Er würde nie so werden, wie sein Vater. Doch nun bietet sich die große Chance auf Uniform und Ruhm… Willie Dunne zieht in den Krieg… frisch verliebt in seine Gretta und voller Illusionen im Gepäck.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Und nicht nur das. Er trägt die ganze Last der Geschichte Irlands im Tornister, denn für einen Iren ist dieser Krieg ein mehrschneidiges Schwert voller verborgener Feinde und Risiken. Für einen Iren ist eigentlich jeder Krieg ein Gefecht gegen seine eigenen Sehnsüchte. Denn Irland schickt seine Soldaten nicht als Söhne eines geeinten Landes auf die blutigen Schlachtfelder. Unter den königlich britischen Uniformen verbergen sich Soldaten, die zum Instrument innenpolitischer Bestrebungen gemacht werden.

Denn in den Reihen der britischen Streitkräfte sind irische Unionisten und Nationalisten zu finden. Die Einen voller Stolz und königstreu, ergeben mit dem Versprechen von ein wenig Selbstverwaltung im Gepäck und die Anderen, nach völliger Unabhängigkeit strebend und die historische Chance nutzend. Ihr Motto „Englands Probleme sind Irlands Chancen“. Beide Seiten Teil einer großen britischen Armee – beide Seiten in der Hoffnung, ihre Ziele mögen durch Loyalität im Krieg im anschließenden Frieden erfüllt werden. So trügerisch….

Willie Dunne ahnt nichts von alledem. Er wirft sich jugendlich naiv in die Schlacht und erlebt die Schrecken des Ersten Weltkrieges in voller Wucht. Menschenleben haben keinen Wert. Die Vernichtung vollzieht sich industriell und das Überleben wird zum reinen Glücksspiel. Als Willie Dunne zum ersten Mal den geheimnisvollen gelben Nebel auf sich zuströmen sieht, ahnt er zwar, dass die deutschen Gegner teuflisches im Sinn haben. Die unmenschliche Dimension des Gaskrieges verändert sein Denken jedoch für immer.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Da wo andere erblinden und ersticken, scheint sich sein Gesichtsfeld zu erweitern und aus Willie Dunne wird ein Mann der schlagartig erwacht. Dass dem gelben Gas des Feindes ein noch viel tödlicheres folgt, erkennt er zum ersten Mal auf einem kurzen Fronturlaub. Plötzlich sieht er sich in seiner Heimatstadt Dublin den Rebellen des Osteraufstandes gegenüber. Landsleuten. Iren.

Abseits vom Grabenkrieg in Flandern zwingt man ihn in der königlich britischen Uniform Flagge zu zeigen. Nach dem Gaskrieg das zweite Erwachen des Willie Dunne. Ein nachhaltiges erneut und völlig verändert kehrt er an die Front in Belgien zurück. Die Begriffe Freund und Feind verlieren ihre Kontur. Das ewige Warten auf die Briefe seiner Geliebten bringt ihn fast um, und sein Verständnis für die Aufständischen führt zu einem tiefen Zerwürfnis mit seinem Vater und entwurzelt ihn vollends. Ein entwurzelter Mensch hat keinen Halt – ein entwurzelter Soldat wird Treibgut.

Und wenn dazu noch der endlose Regen des Kriegsjahres 1917 die Schlachtfelder Belgiens ins Wasserflächen verwandelt, in denen Straßen und Wege nur noch zur Erinnerung werden, dann sind das Abgleiten, das Versinken und das Untergehen vorprogrammiert. Willie Dunne zog in den Krieg. Doch was er fand, war nicht das wonach er suchte. Kein Ruhm, keine Ehre und keine Menschlichkeit. Er fand viel mehr Feinde, als ein einzelner Mensch verkraften kann.

Ein langer, langer Weg - Sebastian Barry

Ein langer, langer Weg – Sebastian Barry

Vor diesem historischen Hintergrund entwickelt Sebastian Barry eine menschliche Tragödie ungeahnten Ausmaßes. Als würde ein Krieg allein nicht reichen, wirft er den jungen Willie Dunne in ein Gefecht, das vielschichtiger und hinterhältiger nicht sein kann. Sebastian Barry hier „nur“ einen Schriftsteller zu nennen, würde in diesem inneren Zusammenhang seinem Roman nicht gerecht. Er malt seine Worte, er meißelt seine Sätze, er formt seine Kapitel zu sprachgewaltigen Wortkunstwerken, die der Dimension des Schreckens eine Ebene verleihen, die ihresgleichen sucht.

Wer Leid und Sehnsucht in der eigenen irischen Melodie voller Melancholie hören, fühlen und schmecken möchte, der kann an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer mit Willie Dunne jemanden kennenlernen möchte, mit dem man leiden, weinen, hoffen und verzweifeln möchte, der darf an diesem Roman nicht vorbei gehen. Wer eine neue Dimension des Schreibens „Gegen den Krieg“ nicht versäumen möchte, der muss sich auf den Weg machen.

„Ein langer, langer Weg“ von Sebastian Barry ist ein wichtiger und bewegender Weg, den man gehen sollte. Die Sprachgewalt des irischen Autors macht sprachlos und doch erkennt man am Schicksal eines jungen Soldaten aus Dublin warum Irland auch heute noch alles andere als ein geeintes Land ist. Das grüne Kleeblatt ist gespalten – voller dunkler Lasten aus der Vergangenheit. Möge es Sebastian Barry gelingen, Verständnis zu wecken und Gefühl zum Bindeglied eines großen Traumes werden zu lassen.

Irland…. Ewig grün…

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt - ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Brennpunkt – ein Klick genügt

Der Erste Weltkrieg im Fokus von AstroLibrium: „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger, „Das späte Geständnis des Tristan Sadler“ von John Boyne, „Eins wollt ich dir noch sagen“ von Louisa Young und bald schon Jürgen Seidels „Der Krieg und das Mädchen“, sowie erneut John Boyne mit einem Jugendbuch „So nah wie fern“ . Ein Schwerpunktjahr hat gerade erst begonnen.

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta verwirrt uns…

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Apokalyptisch

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Apokalyptisch

Die Apokalypse – Der Weltuntergang. Immer wieder ist dieses Szenario ein beliebtes Romanthema, das den geneigten Leser tief in seinen Bann zieht. Was tun, wenn sich von jetzt auf gleich alles ändert? Wie handeln, wenn man in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird und hat man ausreichend vorgesorgt für den Fall der Fälle? Ein reizvolles Sujet, dem sich Schriftsteller aus aller Welt mal mehr, mal weniger meisterhaft widmen.

Am Anfang war das Ende von Stefan Casta aus dem Hause Sauerländer zeigt schon im Titel, worauf wir uns in diesem Jugendroman einzustellen haben. Alles beginnt da, wo unsere Vorstellung endet – genau an der Schnittstelle zum normalen Leben – dort wo wir unseren Halt verlieren und ins Bodenlose zu stürzen drohen.

Eine idyllische Welt erwartet uns augenscheinlich nicht, denn schon die Einleitung des Romans ist ein rätselhafter Wegweiser zur Geschichte von vier Jugendlichen, die hier rekonstruiert wird. Halbdokumentarisch anhand von Tagebüchern und gefundenen Videofilmen möchte uns der Bewohner des Seniorenheimes Vogelnest die Ereignisse der Vergangenheit näher bringen. Und schon beginnt der so genannte „Hänfling“ seine Erkenntnisse mit uns zu teilen… Er fühlt sich selbst noch in der Geschichte gefangen:

„Und obwohl dies alles vor langer Zeit geschehen ist, kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Oder: als geschähe es jetzt. Es ist, als bewegte sich die Zeit immer im Kreis, immer im Kreis.“

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Zeitrelativität

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Zeitrelativität

Eine intensivere Sogwirkung kann man kaum besser konstruieren, denn der Spannungsbogen ist schon bis zum Anschlag gedehnt, bevor wir die Protagonisten des Romans so richtig kennen lernen. Und noch bevor sie auftreten, wissen wir, dass sie selbst nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Geschichte zu erzählen. Nur indirekt ist dies möglich. Nur durch jenen Hänfling, der uns Einblick gewährt in Worte und Bilder, über die er verfügt.

Vier ganz besondere Jugendliche, die gemeinsam die Kulturschule Vogelnest besuchen, entführen uns in ein verstörendes Szenario. Als Mitglieder eines Geheimbundes namens „Der grüne Zirkel“ sind ihre Sinne für alles Außergewöhnliche geschärft, aber was nun geschieht übersteigt selbst ihre Vorstellungskraft. Die Tage verändern sich und steigende Temperaturen beginnen dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Gewächshausatmosphäre dominiert das tägliche Leben. Erinnerungen an die normalen Tage vor der Hitzeperiode beginnen zu verschwimmen und die Sehnsucht nach dem unbeschwerten Leben wächst ins Überdimensionale.

Judit beschreibt diese seltsamen Tage in ihren Aufzeichnungen als ein Wechselbad der Gefühle. Die von ihr besonders geliebten Wochentage, wie Samstag oder Sonntag, haben ihre Bedeutung verloren. Alles verschwimmt im Einheitsbrei der Hochtemperatur und nur der Schutz vor der Hitze steht im Vordergrund. Ein Leben innerhalb des Hauses oder in der Schule ist die Folge und hat so gar nichts mehr mit einer befreiten Jugend zu tun.

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Sehnsuchtstage

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Sehnsuchtstage

Doch das war nur der zarte Anfang, der gleichzeitig das Ende symbolisiert, denn die Hitze wird nach unsäglich langem Warten endlich vom Regen abgelöst. Endlich… ein gar nicht passendes Wort, denn genau das geschieht nicht. Der Regen endet nicht und weitet sich zu einer Sintflut aus, die alles mit sich reißt. Auch die vier Freunde Judit, David, Dinah und Gabriel, die sich auf der Veranda ihrer Schule befinden, als diese zur Arche Noah für sie mutiert, sich vom Gebäude losreißt und ungesteuert ins Nirgendwo abdriftet.

Und genau so driften diese vier Jugendlichen ihrem persönlichen Weltuntergang entgegen. Völlig unvorbereitet und nur mit scheinbar unnützen Gegenständen gewappnet. Unter anderem mit einer Videokamera, die Zeugnis ablegen kann über das Ende, das dem Anfang folgt. Endlich erreichen sie Land und doch ist es nicht das Land der Rettung, das sie freudig erwartet. Zerstört ist alles, vernichtet alles Leben und schier im Stillstand befindlich. Utopische Bilder begegnen ihnen in den unbewohnten teilweise zerstörten Häusern von einst.

Das Drama beginnt sein Tempo ins Unermessliche zu steigern, als sie bemerken, dass sie nicht alleine sind. Sie sind in Gefahr und wissen doch so wenig… aber sie sind einfallsreich, jung und voller Überlebensmut.. Ob sie dies retten kann?

Am Anfang war das Ende - Stefan Casta - Allein ist man nie

Am Anfang war das Ende – Stefan Casta – Allein ist man nie

Ein durchaus viel versprechender Apokalypse-Auftakt, der den Leser mit unvermindertem Tempo durch die Handlung treibt. Immer auf der Suche nach den Ursachen und Konsequenzen, folgt man atemlos den ausgelegten Spuren des Autors. Wie lose Enden einer diffusen Idee präsentiert er immer wieder Ansätze, die mit der Verschiebung von Zeitebenen oder der Zeitgleichheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Verbindung gebracht werden können. Aber jedes Mal, wenn eine Idee zu tragen beginnt, verliert sie sich in widersprüchlichen Geschehnissen im Roman. Irgendwann verlieren sich in traumgleichen Sequenzen selbst die leisesten Spuren und schließlich ist es selbst dem geneigtesten Leser recht egal, warum hier gerade was passiert.

Am Ende steht man mit ratlosem Unverständnis der Schlüsselsituation des Romans gegenüber, die an fehlender Plausibilität kaum zu überbieten ist. Auch in Gesprächen mit anderen Lesern des Romans hat sich der Eindruck verfestigt, dass jeder am Ende dieses Jugendromans die Anzahl der Fragezeichen über dem Leserhirn kaum zählen konnte. Gerade Jugendlich ab 12 (!) dürften neben den reinen Verlustangstgedanken, die vom Roman transportiert werden, hier an den Rand des Vorstellungsvermögens gelangen.

Eine Story voller Potential und wundervoller Gedankengänge – ein Roman mit tief angelegten Charakteren und gespickt mit spannungsgeladenen Bildern verpufft in der schieren Unverständlichkeit... Es findet sich im Buch kein Hinweis auf eine Fortsetzung, die es aber nach kurzer Recherche im Internet doch (zumindest in Schweden) geben soll…

Ich habe Bianca zum ersten Mal gebeten, ein Buch nicht zu lesen. Und ich bereue diesen Ratschlag nicht.

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse

Literarischer Bücherdialog zum Thema Apokalypse – ein Klick genügt

Zum Thema Weltuntergang und Jugend bietet sich der Roman „Ein Jahr voller Wunder“ von Karen Thompson Walker zum direkten Vergleich an… Diese Bücher haben vieles gemeinsam und unterscheiden sich doch wesentlich… Ich habe eines von beiden verstanden 😉