„Der bleiche König“ von David Foster Wallace hält Hof in Deutschland

David Foster Wallace - Der bleiche König

David Foster Wallace – Der bleiche König

ENDLICH IST ES SOWEIT! Die deutsche Fassung des letzten Romans aus der Feder von David Foster Wallace „The Pale King ist ab dem 7. November 2013 in Deutschland verfügbar. Unendliche Stunden hat der geniale Übersetzer und Foster Wallace-Kenner Ulrich Blumenbach damit verbracht, das Romanfragment aus dem Nachlass des legendären Schriftstellers für uns lesbar zu machen und als Der bleiche König“ erscheint der Roman im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Und nun hält „Der bleiche König“ Hof in Deutschland. Sein Erscheinen wird vom Verlags-Hofstaat und dem königlichen Übersetzer weithin in die Lande getragen und die Botschaft dringt sehr vernehmlich durch den Blätterwald. Benötigte man früher Herolde, um die Ankunft eines Königs zu verkünden, so bedient sich die bleiche Monarchie völlig neuer dynastischer Methoden.

Eine eigens erstellte Facebook-Seite wartet auf die treuen Vasallen und ab dem 20. Oktober beginnt ein Social Reading-Event der besonderen Art im Internet. Es handelt sich hierbei um eine kollektive, öffentliche Lektüre von »Der bleiche König«, mit Autoren und David Foster Wallace-Kennern wie Rabea Edel, Elmar Krekeler, Clemens Setz, Stefan Mesch, Hilmar Schmundt, Guido Graf und Ulrich Blumenbach.

David Foszer Wallace - Der bleiche König - Hier geht es zum großen Lesen

David Foster Wallace – Der bleiche König – Hier geht es zum großen Lesen

Auch unsere individuelle Annäherung könnt ihr in einzelnen Lese-Impressionen, die wir in regelmäßigen Abständen unter einem Beitrag zu David Foster Wallace auf unserer Literatwo-Facebook-Seite bündeln, selbst nachempfinden. Von der Geschwindigkeit des Lesens über einen verschwitzten Protagonisten bis hin zu einer Reflexion über die fiktionalen Aspekte eines Vorwortes, das erst nach dem achten Kapitel im Roman auftaucht.

Mit einem Klick zur Lesereise

Mit einem Klick zu unseren Lesereise-Impressionen

„Der bleiche König“ (orig. The Pale King) – der literarische Gegenentwurf zu Der unendliche Spaß steht nun kurz davor, die weit tragende Botschaft des großen amerikanischen Gegenwartsautors auch bei uns von Haus zu Haus zu tragen. Es ist jener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom depressiven Leidensdruck seiner Krankheit und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand. XENOS

Es ist jener David Foster Wallace, der Literatwo durch ein kleines Kapitel über den Diebstahl eines künstlichen Außenherzens zu ewigem „Unendlichen Spaß“ miteinander verband. Er war ein Schriftsteller, der es vermochte in den unscheinbarsten Momenten eines Romans Wortgewalten zu entwickeln, die in ihrer Dimension und Bildkraft einzigartig waren und sind.

Ein fragmentarischer Roman und eine bewegende Frage... The Pale King

Ein fragmentarischer Roman und ein verwehrter Preis… The Pale King

Es ist jener David Foster Wallace, dem man im Jahr 2012 den Pulitzer-Preis verwehrte, was uns zu einer emotionalen Kolumne veranlasste. Damit diese Jury-Ignoranz nicht so ganz ins Gewicht fiel, hat man den Preis in besagtem Jahr in der Kategorie „Fiction“ einfach nicht vergeben. Eine vertane Chance und ein ewig dunkler Fleck auf der weißen Weste dieses Preises.

Es ist jener David Foster Wallace, der bei Auftragsarbeiten immer wieder eigene Wege ging und sowohl in Fragen des Hummerverzehrs, als auch des Spaßfaktors bei Kreuzfahrten völlig von der gewerblichen Vorstellung der zahlungskräftigen Auftraggeber abwich. Sich selbst blieb er dabei immer treu – das haben ihm seine Leser nie vergessen. Und es ist jener Schriftsteller, dessen Romane und Kurzgeschichten uns seit Jahren begleiten. Über die Artikelbilder kommt man sofort zur entsprechenden Buchvorstellung von Literatwo. Ein ganzer Foster Wallace-Kosmos ist so entstanden.

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat... Zwei Leben

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat… Zwei Leben

Nun folgt dem „Unendlichen Spaß“ mit dem „Bleichen König“ die unendliche Langeweile. Wo vormals Unterhaltungspatronen den Atem raubten und Tennisspieler an ihrer spannenden Laufbahn feilten, da stellt nun die schleichende Sachbearbeitung in einer Steuerbehörde das ultimative Stilmittel zur Entschleunigung des Leserwillens dar. Und das ist bei David Foster Wallace alles andere als langweilig.

Er hinterließ seine Frau, zwei Hunde und eine Garage voller Manuskript-Fragmente, die erst nach umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine letzten Worte als Schriftsteller – es sind gewaltige Worte und stellen ein großes literarisches Vermächtnis dar. In Amerika avancierte „The Pale King“ zum viel bejubelten Bestseller und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker streckten reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace - The Viking Poem - Ein Wikingergedicht

David Foster Wallace – The Viking Poem – Ein Wikingergedicht

Öffnen nun auch wir unsere Herzen und unseren Verstand für das letzte Buch von David Foster Wallace und erinnern wir uns immer wieder daran, mit welch kleinem Viking Poem die bestechende Karriere eines großen Autors im Alter von sechs Jahren begann.

Erinnern wir uns immer wieder daran, mit welchen Worten er bei seiner Abschlussrede Das hier ist Wasser den anwesenden Studenten des Kenyon Colleges durch einen fulminanten Perspektivwechsel ins Gewissen und ins Leben redete. Erinnern wir uns einfach…

Und im Erinnern dürfen wir seinem Ratschlag aus Good Old Neon gerne folgen. Er hat sich auch nie dafür geschämt:

 „Weinen sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken - David Foster Wallace

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – David Foster Wallace

Das letzte Kapitel seines Schaffens ist wahrhaft königlich und verdient alle Aufmerksamkeit. Der bleiche König wird mit Sicherheit polarisieren und spalten, zu Diskussionen anregen und für Kopfschütteln oder Begeisterung sorgen… Was will man mehr erwarten von einem Roman? Folgt seinem Hofstaat bei der Live-Lesung ab dem 20. Oktober und macht euch wenige Tage vor dem Verkaufsstart des Romans selbst ein Bild von dessen Inhalt. Diese Chance sollte man David Foster Wallace auch heute noch geben.

„Der bleiche König“ strahlt heller als je zuvor. Er ist nicht so bleich, wie man es vermuten könnte. Wir bekennen uns zu dieser Monarchie des Geistes und tragen die königlichen Fahnen vor uns her. Und auch wir werden uns zuschalten, wenn aus seinem neuen Buch gelesen wird. Diese Chance lassen wir uns nicht entgehen.

David Foster Wallace - Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

Oft fragen wir uns in diesen Tagen, was David wohl selbst von dem ganzen „Rummel“ gehalten hätte. Vielleicht wäre er ja auch gar nicht mit der Veröffentlichung seines fragmentarischen Manuskriptes als Buch einverstanden gewesen, weil er „The Pale King“ für unvollendet hielt.

Vielleicht hätte ihn der Zweifel am Erfolg seines Romans und an der Tragfähigkeit seiner Worte sogar wieder tiefer in die bestehenden Depressionen getrieben. Vielleicht hätte er sich tief in seiner Garage vergraben und bis zum letzten Moment im Feinschliff, markiert durch Smileys und Haftnotizen, seinem Werk die letzten Falten geglättet.

Vielleicht… wir werden es nie erfahren!

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Alles ist grün… faszinierende Kurzgeschichten aus der Feder von DFW

Im eigentlichen Sinne jedoch sind wir fest davon überzeugt, dass er sich riesig darüber gefreut hätte, auch fünf Jahre nach seinem Selbstmord nicht in Vergessenheit geraten zu sein. Denn nur, wer keine Zeichen hinterlässt, läuft Gefahr aus der kollektiven Erinnerung zu verschwinden.

Genau an dieser Stelle gilt unser Wort: Immer im Herzen – immer im Sinn – unendlicher Spaß – unendliches Lesen… und sehr weit darüber hinaus. Danke David!

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Das hatte man sich anders vorgestellt… Am Beispiel des Hummers

Nun aber raus mit uns auf den medialen Roten Teppich und verneigt euch, um seiner bleichen Majestät zu huldigen. Verfolgt die öffentliche Lektüre. Diskutiert mit, kommentiert und lasst euch einfach überraschen, was Kiepenheuer & Witsch für den „Bleichen König“ in der literarischen Schatzkammer hat.

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Editorischer Nachtrag:

Der wohl magischste Moment im Leben eines Bloggers ist dann gekommen, wenn aus der Druckfahne eines Romans ein Buch wird und wenn sich alles zusammenfügt, was vorher aus losen Blättern bestand. Der bleiche König ist eine Augenweide…. Da hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch unserem David auch in Sachen Buchqualität ein Denkmal gesetzt. Es ist da und es ist ein Gesamtkunstwerk. Zur Rezension.

Ein Denkmal... und mehr als das...

Ein Denkmal… und mehr als das… Zur Rezension mit einem Klick

David Foster Wallace – Eine Kreuzfahrt, die ist lustig (oder?)

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich

David Foster Wallace und Auftragsarbeiten sind ein Kapitel für sich. Spätestens seit dem Buch Am Beispiel des Hummers sollte man nun wirklich wissen, was passiert, wenn man das „Wunderkind“ der US-amerikanischen Literatur dazu bewegt, seine Eindrücke für ein Magazin zu Papier zu bringen. So wurde aus der eigentlich beabsichtigten Gourmet-Empfehlung „FÜR“ den Hummer ein quicklebendiges Manifest gegen das Lebendkochen dieser anscheinend schmerzunempfindlichen Tiere.

Ihn im März 1995 auf ein Kreuzfahrtschiff zu entsenden, ihn zu einem Writer in Residence auf einem der modernsten Vergnügungsdampfer seiner Zeit zu machen und ihn dabei über das umfangreiche Verwöhnambiente an Bord schreiben zu lassen – nun – das war der ehrenwerte Ansatz des „Harpers Magazine“. Was daraus wurde: Die Mutter aller Kreuzfahrtbücher! Xenos

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich – Auf See

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Wiederum ein Manifest, allerdings diesmal eines gegen die programmatische Entmündigung der Passagiere eines solchen Rundum-Sorglos-Erlebnisses unter dem Motto:

„Your Pleasure is our Business“. Frei übersetzt: „Sie haben nicht den Hauch einer Ahnung, was gut für sie ist – es ist unser Job, ihnen das beizubringen – also halten sie endlich die Schnauze und lassen uns Profis nur machen!“

Wer jemals ein Buch von David Foster Wallace gelesen hat, für den ist es keine Überraschung, dass der gekonnte Perspektivwechsel eines seiner wesentlichen Stilmittel darstellt. Unsere kleine Werkschau der Bücher dieses, schon zu Lebzeiten legendären, Schriftstellers dokumentiert dies eindringlich. Spätestens seit seiner bahnbrechenden Abschlussrede vor Studenten des Kenyon Colleges mit dem Titel Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken hat er bewiesen, wie sehr der andere Blickwinkel die Wahrnehmung verändern kann – wie sehr der Perspektivwechsel Menschen verändern kann. Wohl seine größte Lebensleistung an diesem Tag im Innenhof einer Eliteschule!

Mit einem Klick zur Werkschau David Foster Wallace auf Literatwo

Doch folgen wir ihm doch einfach an Bord und überzeugen uns selbst davon, dass er diesmal gar keinen anderen Blickwinkel benötigt. Er muss nur aufmerksam beobachten und sich dabei stets vor Augen halten, wer er selbst ist:

Ein agoraphobisch veranlagter Mensch, der die unkalkulierbare Weite unbekannter Orte verabscheut und sich eigentlich nur in seinen vier Wänden wohl fühlt; ein mündiger Erwachsener, der in der Selbstbestimmung seiner Wunsch- und Traumwelten die wahrte Entfaltung des Geistes erkennt und letztlich ein Einzelgänger, der jeglichem Herdentrieb der menschlichen Rasse standhaft entsagen konnte. Bisher….

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant – Kabinenidylle

An Bord der Zenith wird aus David Foster Wallace zuerst einmal eine Gebindenummer. Ein Eincheckbündel – zu einem Paket geschnürt mit artgleichen Passagieren. Plötzlich von allen Verpflichtungen entbunden wird er in die Passivität des reinen Genießens gedrängt. Gepäck darf nicht mehr selbst getragen werden, den Anweisungen des Personals ist Folge zu leisten und für Ruhe bleibt keine Zeit, da unmittelbar mit dem Betreten der Kabine die Unterhaltungswelle und das übliche Seenotrettungsprogramm ihre volle Wirkung entfalten.

Und es funktioniert. David Foster Wallace beobachtet fortan die Herde der Mitreisenden: Ehemalige Individualtouristen, die sich das alles wirklich mal verdient haben – nun Teil einer amorphen Masse, in uniformen Bewegungen, Freizeitaktivitäten, Bekleidungsvarianten und gleichförmig am Fotoapparat hängend, um diese unvergesslichen Erlebnisse dauerhaft festzuhalten.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Touristenfragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den eigentlichen Wallace´schen Showdown.

David Foster Wallace – Luxuriöser Showdown an Bord der Zenith

Er selbst bei einem abendlichen Galadinner – bekleidet mit einem T-Shirt auf dem ein Smoking aufgedruckt ist. Er ist Fehl am Platz und beginnt, die Menschen zu bewundern, die genau dies nicht empfinden. Wallace deckt die Mechanismen der Unterhaltungsmaschine an Bord schonungslos auf, wirft einen ungeschönten Blick auf die dunklen Seite einer solchen Reise: Personal unter schonungslosem Servicedruck und fremde Städte, in denen die Kreuzfahrt beim Landgang  zum Kreuzzug mutiert.

Wallace schreibt einzigartig locker und unterhaltend – zielsicher und pointiert, wobei er seinen Lesern die wichtigste aller Fragen im Hirn verankert: Kann man nur im Zustand vollkommener Entmündigung entspannen und genießen? Und dies alles ohne schlechtes Gewissen gegenüber all jenen, die sich hierfür den Allerwertesten aufreißen?

Ich habe mich köstlich amüsiert und konnte mir gut vorstellen, in welche Fettnäpfe mein Lieblingsschriftsteller fast systematisch hineinplumpste. Ein Traumbuch für jeden, der Kreuzfahrten liebt und für diejenigen, die niemals einen Luxusliner betreten würden. Man muss eines mitbringen – man sollte nicht nur über andere, sondern auch über sich selbst herzhaft lachen können.

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant – Die Simpsons

Kommen wir am Ende des Artikels noch einmal zum Dress-Code zurück. Wir erinnern uns an David Foster Wallace und sein T-Shirt und vielleicht erinnern wir uns an die häufig gestellte Frage, was einen Menschen unabhängig von seinem Talent erst richtig populär macht.

Die Simpsons haben diesem Buch eine eigene Episode gewidmet und wenn man ganz genau hinschaut, dann sieht man ebenjenen völlig falsch gekleideten Schriftsteller im Salon des Kreuzfahrtschiffs. Man sagt nicht umsonst: Wenn du es bis zu Bart Simpson schaffst, dann bist du in den USA echt berühmt. Ich denke, das hätte David sehr gefallen….

Kreuzfahrtbücher – Auf den Spuren des Altmeisters David Foster Wallace

Eine kleine Welle von Kreuzfahrtbüchern ist pünktlich zur Reisezeit erschienen und blickt man alleine auf den Titel des Buches von Andreas Lukoschik: Schläft das Personal auch an Bord?, dann realisiert man schnell, dass David Foster Wallace schon vor mehr als 15 Jahren die Maßstäbe für dieses kleine Genre gesetzt hat.

Michael Meißners Logbook – Geheimnisse einer Kreuzfahrt aus dem Piepmatz Verlag kreuzt sehr erfolgreich auf den Spuren des Altmeisters und es ist mehr als erfreulich zu beobachten, dass aktuelle Autoren das tiefe Fahrwasser von David Foster Wallace nicht scheuen. In diesem Fall wird die Perspektive der Crew mit viel Humor eingenommen.

Es ist mehr als eine Randbemerkung wert, dass erst heute eine Postkarte von Sandra Vogel ins Haus piepmatzte, die mit folgenden Worten auf das Logbook neugierig macht:

Wir wünschen gute Fahrt und sind auch in Zukunft wieder dabei. Auch wenn David nicht mehr schreiben kann, es gibt noch viel zu entdecken… Leinen los…

David Foster Wallace und die Zenith… Längst Geschichte…

David Foster Wallace – Ein erstes Gedicht – The Viking Poem

David Foster Wallace – The Viking Poem – Ein Wikingergedicht

„Es gibt bei uns ein Sprichwort: Gib einem Mann genug Seil, und er erhängt sich.“ (D.F.W. -> 2007 Zeit-Interview)

„Ich wollte mir nicht unbedingt weh tun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles.“ (D.F.W. -> Unendlicher Spaß)

„Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“ (D.F.W. -> Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken)

„In Wahrheit ist das Sterben nicht schlimm, es dauert nur ewig lange.“ (D.F.W. -> Good Old Neon)

Es mag sein, dass David Foster Wallace schon zu Lebzeiten viele Spuren ausgelegt hat, die auf seinen Selbstmord im September 2008 hindeuten. Es mag sein, dass selbst seine treuesten Leser immer wieder versuchen, die schwere Erkrankung des Schriftstellers mit der Eloquenz seines Schreibens in Verbindung zu bringen. Xenos

Als „lebenslangen Kampf gegen sich selbst“ bezeichnen namhafte Kritiker sein literarisches Schaffen und seine Depressionen werden häufig für sein ausschweifendes, von Anmerkungen und „Errata“ flankiertes Schreiben verantwortlich gemacht.

David Foster Wallace – lachenschreiben

Aber ist es wirklich nur die tiefe Tragik im Leben dieses begnadeten Schriftstellers, die seine Qualität definiert? Können wir beim Lesen seiner Bücher jemals ausblenden, vor welchem Hintergrund sie entstanden sind?

Können wir sein Werk noch neutral und vorurteilsfrei bewerten– und vor allem ohne Mitleid?

Ich denke: Ja! In seinen Essays, Kurzgeschichten und Romanen gibt es ebenso viele hoffnungsvolle, fröhliche und lebensbejahende Zitate, wie vermeintliche Selbstmordankündigungen. Sein subtiler Humor und seine Begabung, als Professor für kreatives Schreiben nachhaltig und konstant auf seine Studenten einwirken zu können, lassen darauf schließen, dass David Foster Wallace trotz aller inneren Zerrissenheit die Kraft und Muße besaß, seine Fantasie zu übertragen.

Lachenschreiben – ich denke, das konnte er. Die Smileys auf seinen Manuskriptseiten sprechen eine deutliche Sprache!

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser – Mit einem Klick ins Aquarium

Seine positive Strahlkraft, seine charismatische Fähigkeit, Menschen zum Perspektivwechsel zu bewegen, sieht man wohl am deutlichsten in seiner magischen Abschlussrede vor Studenten des Kenyon-Colleges.

Das hier ist Wasser“ – eine Anstiftung zum Denken“ setzt Maßstäbe in der Betrachtung des Menschen und Schriftstellers. Diese Rede machte ihn zur Legende – er wurde zum tiefen Wasser – zum Lebenselixier einer jungen aufstrebenden Generation junger Autoren und Leser. Retten konnte ihn dies jedoch nicht.

Das Ende ist bekannt: Am 12.09.2008 wurde David Foster Wallace von seiner Frau in ihrem gemeinsamen Zuhause im kalifornischen Claremont tot aufgefunden. Erhängt. Kein Abschiedsbrief, keine sentimentale Videobotschaft, kein Grab. Er verschwand.

David Foster Wallace – Hard to fill – Mehr als eine Lücke

Er hinterließ eine Garage voller Manuskripte und Notizen, Smileys und Anmerkungen, Post-Its und kleinen Zeichnungen. Er hinterließ einen Mikrokosmos aus dem sein letzter Roman The Pale King konstruiert werden konnte. Er hinterließ seine Schuhe – „Hard to fill“ – so schwer zu füllen aus Sicht seiner Witwe Karen Green.

Und er hinterließ das früheste Zeugnis seines Schaffens. Ein Gedicht, das er im Alter von sechs Jahren verfasste. Sein erstes Werk, mit vollem Namen unterschrieben. Zeilen aus einer Zeit der unbeschwerten Jugend, Zeilen aus einem jungfräulichen Leben ohne jegliche Depression und Versagensangst eines Erwachsenen.

„The Viking Poem“:

Ein Gedicht ist ein Gedicht, ist ein Gedicht, könnte man sagen. Dies ist nicht nur ein Gedicht. Dies ist die Spur zu einem großen Künstler. Eine unbewusst ausgelegte Fährte voller Poesie, Rhythmusgefühl und Potential. Es ist mehr als das… verfasst im Alter von sechs Jahren… unglaubliches Talent…

Vikings oh! They were so strong,
Though there warriors won’t live so long.
For a long time they rode the stormy seas,
Whether there was a great big storm or a little breeze,
There ships were made of real strong wood
As every good ship really should.
If you were to see a viking today,
It’s best you go some other way.
Because they’ll kill you very well,
And all your gold they’ll certainly sell.
For all these reasons stay away,
From a viking every day.

David Foster Wallace

„Weinen sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“
(D.F.W. -> Good Old Neon)

Zur David Foster Wallace – Artikelserie auf AstroLibrium

Von Vorschauen, neuen Büchern, ganz viel Wasser und einem Interview

Nachrichten über Nachrichten… Die literawoische Villa kommt nicht zur Ruhe und ehrlich gesagt, will sie das auch gar nicht. Ganze LKW-Ladungen neuer Bücher sind einzusortieren und zu lesen, Vorschauen zu sichten, Interviews zu bearbeiten und der EBook-Reader läuft in manchen Stunden heiß…

Magisches Blättern schallt durch die Räume, Post-Its pflastern unseren Weg und alle inspirierenden Gedanken werden sofort zu Papier gebracht. Auch an den ruhigen Tagen des Lebens widmen wir uns ganz unserer Welt und schreiben darüber, damit wir die Tür für euch offen halten um Teil dieses literarischen Naturschutzgebietes zu sein…

Herzlich willkommen… Der Kaffee ist fertig 😉

The Pale King – David Foster Wallace – EBook

„Past the flannel plains and blacktop graphs and skylines of canted rust, and past the tobacco-brown river overhung with weeping trees and coins of sunlight through them on the water downriver, to the place beyond the windbreak, where untilled fields simmer shrilly in the A.M. heat….“

Es ist mal wieder soweit – aussteigen um einzusteigen… Es konnte ja nicht mehr lange dauern, bis ich mich in das ultimative Wagnis des unvollendeten letzten Romans von David Foster Wallace stürze. THE PALE KING – in der Originalfassung….

Es handelt sich hiebei genau um jenes Werk, dessen Manuskriptseiten man in der Garage Davids fand, nachdem er am 12. September 2008 seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Zu stark waren die Depressionen und auch die Versagensangst angesichts seines neuen Romans. Der große Gegenentwurf zu  Unendlicher Spaß wird auch bald in Deutschland erscheinen und ich taste mich langsam durch die poetische und manchmal unendlich langsam anmutende Sprache des Autors bis zu den Wurzeln seines Schaffens.

Den posthumen Pulitzerpreis hat man David Foster Wallace in diesem Jahr verweigert. Mehr dazu in der Kolumne zu „The Pale King“.

Die Foster Wallace Bibliothek komplettiert sich…

Das David Foster Wallace Regal bekommt darüber hinaus täglich neuen Zuwachs – auch in Dresden ist gestern ein Geburtstagsbuch eingetroffen:

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken vom Verlag Kiepenheuer & Witsch ist endlich in Buchform eingetrudelt… Es handelt sich hierbei um  jene legendäre Abschlussrede vor College-Absolventen, die David schier unsterblich machte. Das besondere Highlight diese kleinen Büchleins besteht darin, dass sowohl der englische Originaltext als auch die geniale Übersetzung abgedruckt sind. Warum ich es trotzdem für falsch halte, im Vorwort lediglich zu schreiben: „David Foster Wallace starb am 12. 09.2008“, habe ich im Artikel Anstiftung zum Denken ausführlich erklärt!

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich war wieder ein Versuch, den großen Schriftsteller für ein Projekt zu gewinnen… als Writer in Residence auf einem Kreuzfahrtschiff sollte er von den Vorzügen einer solchen Reise berichten. Seitdem ist die „Zenith“ untrennbar mit der unfassbaren Beobachtungsgabe des Autors verbunden. Er schrieb über über das Leben an Bord dieser „schwimmenden Hochzeitstorte“, über skurrile Passagiere, unvergessliche Landgänge und den Terror des Amüsierzwangs. Ich freue mich auf dieses Buch!

Dass nicht jede Auftragsarbeit zum gewünschten Ergebnis führt hatte David bereits deutlich unter Beweis gestellt. Am Beispiel des Hummers… lest selbst… Dieser Schuss eines Gourmet-Magazins ging nach hinten los… jedoch nicht für David und die Hummer!

Das wird ein schöner warmer Winter…

Wenn der Postmann zweimal klingelt… Unter diesem Titel könnte dieser kleine Absatz stehen! In München und Dresden ist das große Vorschau-Paket des Aufbau Verlages eingetroffen. Unsere Briefträger beginnen so langsam, uns auf die Watchlist der ungeliebten Kunden zu setzen, da sie ganz schöne Lasten für uns durch die Welt zu wuchten haben!

Na dann haben wir ja eine literatwoische Aufgabe, die so ganz zu uns passt…. Das Paket enthält nicht nur die Ankündigung der Bücher für einen kalten Winter… nein – das ist eine herzerwärmende Vernissage durch ein Verlagsprogramm und macht Hoffnung auf kuschelige Lesestunden. Wir werden ausführlich über viele Bücher berichten!

Wir stöbern und werden viele Themen für uns finden… Zum Beispiel strahlt uns das neue Werk über Mark Twain schon ganz besonders an… Den kennen wir nämlich schon sehr gut aus seinen Sommerwogen auf Literatwo!

Dieser Blick hinter die Kulissen wird begeistern…

Auch zur „Stadt der Bücher“ gibt es erfreuliche Neuigkeiten!

Dieses Buch ist ein literarisch – fotografisches Gesamtkunstwerk und wir wollten von Anja Bohnhof, dem „Auge“ des Projektes wissen, wie es war, all die Bücher in Kalkutta auf die analogen Platten zu bannen.

„College Street ist keine Straße, es ist kein Viertel und keine Hochschule; College Street ist das Versprechen, jedes Buch zu finden, das man begehrt.” (Ilija Trojanow)

Besonders unser Teamfotograf PATH (Peter Helbig) war natürlich sehr an den Hintergründen dieses Projektes interessiert und wir verdanken ihm eine Reihe mehr als interessanter Fragen von „Auge zu Auge“. Anja Bohnhof hat sie alle beantwortet – und nicht nur das.

Ein Blick hinter die Kulissen einer Profi-Fotografin in Kalkutta folgt bald! Wir können sogar Bilder veröffentlichen, die das Leben hinter der Kamera sehr anschaulich machen… Morgen dazu mehr…

Hier geht es dann morgen weiter – Stadt der Bücher – Hinter den Kulissen…

Und zu guter Letzt: Am 21. Mai 2012 ist es endlich soweit. Unter der Überschrift „Geschichte trifft Magie“ erscheint das große historisch-fantastische Epos der Erfolgsschriftstellerin Brigitte Riebe:

FEUER und GLAS – Der Pakt stellt hierbei den Auftakt einer zweiteiligen Fantasy-Reihe über die sechzehnjährige Milla und den geheimnisvollen jungen Gondoliere Luca dar. Venedig ist der farbenprächtige Rahmen für die magische Geschichte um Liebe, Vertrauen und Vergangenheit. Wir bleiben ihnen auf der Spur – egal, wohin ihr Weg sie führen mag. Literatwo ist gefesselt!

Es bleibt nur eine Frage: Wem kann man noch trauen in dieser Welt des beginnenden 16. Jahrhunderts? Eigentlich niemandem, gäbe es da nicht eine Katze namens Puntino, die Milla und Luca immer wieder zusammenführt und einen natürlichen Instinkt für Wahrheit zu besitzen scheint…

Es wird magisch und spannend… Feuer und Glas….

David Foster Wallace – Literatwo und „Unendlicher Spaß“

David Foster Wallace – Unendlicher Spaß – endlich hier angekommen

Drei Jahre sind inzwischen vergangen und es wird Zeit, einen Blick zurück zu werfen und intensiv darüber nachzudenken, was jener Klotz von Buch, jenes Mammutwerk Unendlicher Spaß von David Foster Wallace bei mir langfristig ausgelöst hat. Und nicht nur bei mir alleine. Xenos

Im Jahr 2009 war es eine bewusste Leselebensentscheidung, dieses Buch zu lesen. Es galt als „en vogue“ und bei näherer Betrachtung konnte man feststellen, dass viele Leser, die sich in ihrem Umfeld mit diesem weißen Ziegelstein zeigten, diesen lediglich als intellektuelles Statussymbol bei sich trugen – gelesen hatten es nicht viele. Geredet hat plötzlich jeder darüber.

Das sollte mir so nicht passieren. Ich entschied mich dazu, alle Lesepläne über Bord zu werfen und mich dann doch für insgesamt mehr als zwei Monate aus dem Vielleser-Leben abzumelden und in einem Werk zu versinken, das so viel Tiefe bot, dass man in diesem Bermudadreieck der US-amerikanischen Literatur verschwinden konnte.

Nichts ist lebendiger, als die Rezension von einst – nichts ist eindringlicher als die Zeilen unmittelbar nach dem Schließen des letzten Kapitels – nach dem Lesen des letzten Satzes und nach dem letzten Atemhauch mit „Unendlicher Spaß“. Hier sind sie nun… umgebettet aus meinem ehemaligen kleinen Literaturcafé in das moderne und gediegene Ambiente unserer literatwoischen Villa. Diese Zeilen gehören hierhin. Sie sind ein Muss…. Ohne sie macht vieles keinen Sinn… sehr vieles…

David Foster Wallace – Unendlicher Spaß – Rezension 2009

Hier liegen sie nun gestapelt, vorwurfsvoll schmollend neben mir.

“Die Karte meiner Träume” unter dem “Winter in Maine”, zwischen “Limit” aber über “2666” und scheinen miteinander zu kommunizieren. Sie lachen und wollen Recht behalten – sie schauen mich an als wollten sie jetzt sagen “Siehst Du – wenn Du auf “Unendlicher Spaß” verzichtet hättest, dann wären wir jetzt Teil Deines Lebens, unsere Bilder wären die Deinen“ und sie fragen, „Na Raily, hat es sich gelohnt auf uns zu verzichten, uns zwei Monate lang zu ignorieren?”

Und ich frage mich, ob sie Recht haben.

„Unendlicher Spaß“ ist die Geschichte einer modernen amerikanischen Gesellschaft, die unter einem grauen Schleier aus Kommerz, Sucht, Ablenkung und Oberflächlichkeit versinkt, und in der sich das Individuum nur in tiefer von Versagensangst bedingter Depression oder durch Drogenabhängigkeit der brutalen Realität entziehen kann.

Dieses Amerika ist nicht mehr imperialistisch – nein im Gegenteil – Experialismus ist die Maxime des außenpolitischen Handelns. Eigene Gebiete werden dem Nachbarn Kanada aufgezwungen, um dann jenseits der eigenen Grenzen aus diesen ehemaligen US-Gebieten riesige Mülldeponien entstehen zu lassen. Aktivistengruppen ersinnen einen einzigen, erfolgversprechenden Plan um ihr Land zu befreien und den großen Nachbarn mit seinen eigenen Waffen endgültig zu besiegen.

Der angehende Tennisprofi Hal Incandeza erlebt den zermürbenden Leistungsdruck in der vom Doping verseuchten Tennisakademie in Boston. Sein Bruder Orin ist vor diesem Druck geflohen und hat nach einer Affaire mit der schönsten Frau der Welt, Joelle, nie mehr rechten Boden unter die Füße bekommen. Ihr Vater James hat kurz vor seinem Selbstmord einen Film mit ebenjener Joelle produziert.

Die Unterhaltungspatrone (so werden diese DVDs sehr passend bezeichnet) heißt “Unendlicher Spaß” und man sagt dem Film nach, dass er den Betrachter in eine tödlich endende Abhängigkeit versetzt. Seit James` Suizid gilt der Film als verschollen.

Die Kanadischen Freiheitskämpfer, durch misslungene Mutroben an ihre Rollstühle gefesselt, setzen alle verfügbaren Hebel in Bewegung, um in den Besitz dieser Patrone zu gelangen und der amerikanischen Gesellschaft durch Veröffentlichung im Kabelnetz den unterhaltsamen letalen Fangschuss zu versetzten.

Sie ziehen ihr Netz eng und enger, bis letztlich nur der direkte Zugriff auf die unmittelbar am Film Beteiligten und die Familie des Regisseurs zum Masterplan reift.

Ja – ich frage mich am Ende des Buches, ob mein Stapel der ungelesenen Schätze Recht hat. Ich habe mir durch das Lesen des “Unendlichen Spaßes” quasi selbst die Patrone an den Kopf gesetzt, bin der Unterhaltung erlegen und habe anderen Werken dauerhaft entsagt.

Ich versank in den Bildern, kann nicht mehr an Mikrowellengeräten vorbeigehen ohne darüber nachzudenken, wie man sich darin umbringen kann; denke bei Frauen mit Designer-Handtaschen an transplantierte Außen-Kunstherzen, die von einem Dieb gestohlen werden könnten; sehe in Rollstuhlfahrern potenzielle Anarchisten; lache bei dem Gedanken, dass es auf der Welt zu einem gegeben Zeitpunkt immer nur eine klar begrenzte Anzahl an Erektionen gibt; bekomme die fatale Geschichte mit dem Besen einfach nicht mehr aus dem Kopf und ich weiß Schönheit jetzt wie folgt zu definieren:

“… als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen.“

Ich bin der Sucht erlegen – ich kann das Buch nicht empfehlen, nur davor warnen. Man muss wissen auf was man sich einlässt und es dann mit jeder Faser des Geistes tun. Wenn man sich einlässt, dann erwartet den Leser von David Foster Wallace ein Meilenstein moderner Literatur.

Ich bin auf Entzug und werde versuchen, bei meinen verschmähten Büchern Zuflucht zu finden. Was ich nun brauche ist ein Marschflugkörper von einem Beruhigungsmittel…

David Foster Wallace und was er für immer verändert hat… Zwei Leben

Es war um mich geschehen. Die aufgezwungene Enthaltsamkeit kam mir vor, wie ein mehrwöchiger Aufenthalt in einem Kloster – kein Buch weit und breit und nur David Foster Wallace in meinem Kopf. Je mehr sich der Inhalt verfestigte, umso weniger Gespräche konnte ich über das Buch führen, denn außer ein paar „Abbrechern“ fand ich niemanden, der die Dimension dieses Werkes mit mir teilen konnte oder wollte. „Unendlicher Spaß“ hat mich schrecklich einsam gemacht. Mitleidvolle Kommentare zu meiner „Einkehr“ erreichten mich auch auf Lovelybooks und in einem Zustand geistiger Isolation begab ich mich zu meiner ersten Buchmesse in Frankfurt.

Nur ein Ziel vor Augen – den KiWi – Verlag und ein „fast“ unverkäufliches Exemplar einer kurzzeitig erhältlichen Ausgabe „Über Unendlicher Spaß“ zu ergattern. Was dann geschah, ist aus heutiger Sicht nur als magisch zu bezeichnen. Ich begegnete einem Menschen, der nicht eine Zeile in diesem Buch gelesen hatte und doch ebenfalls auf der Suche nach dem kleinen Taschenbuch-Kleinod war. Warum auch immer. Ein kurzes Gespräch hat gereicht. Ich konnte nicht anders, als die Bedeutung des Romans auf eine kurze Episode zu komprimieren. Mehr Zeit war nicht.

Ich erzählte von einer jungen Frau, die ein transplantiertes Außen-Kunstherz in einer Designerhandtasche mit sich herumtrug. Verbunden mit jenem lebenswichtigen künstlichen Organ lediglich durch ein paar unbedeutende Kabel. Ich erzählte von jenem Taschendieb der ihr diese Tasche von der Schulter riss und sie nach enttäuschtem Blick auf den, für ihn, so wertlosen Inhalt, ein paar Straßenzüge weiter in einen Müllcontainer warf. Ich erzählte von jener Frau, die auf der Straße liegend den eigenen Herzschlag dumpf und monoton aus diesem Container vernahm, während sie herzlos starb…. All das erzählte ich.

Bianca war meine Zuhörerin. Und ohne je eine Zeile in „Unendlicher Spaß“ gelesen zu haben (und dies danach auch jemals zu tun), war es so als hätte ich ihr in wenigen Sätzen das gesamte Buch erzählt. Es scheint mir noch heute, als wüsste sie um jede Seite, um jeden Satz und jedes Bild in diesem Roman. Der Rest ist Geschichte.

2009 – Der Beginn – Das erste Treffen – Das Ende 2014 – Zum Artikel

Nur aus diesem Grund sind wir gemeinsam hier… diese Episode war der Beginn unserer Lese-Lebensgemeinschaft. Literatwo entstand auf diese Art und Weise. Jedoch „unendlich“ war der Spaß nicht….

Was für eine Erfüllung es dann war, schließlich das kleine limitierte Taschenbüchlein in Händen zu halten, verstehen wohl nur wahre biblioman veranlagte Leseratten. David Foster Wallace hatte sich in meinem Geist eingenistet und ich beschäftigte mich fortan intensiv mit seinem Leben und seinem Werk. Wahre Bücherketten löste „Unendlicher Spaß“ aus und hier bei Literatwo ist jedes dieser Bücher verewigt worden. Eine kleine Artikelübersicht findet ihr genau hier

In memoriam… 21.2.62 – 12.9.08

Mein Dank gilt immer wieder den Verlagen Kiepenheuer & Witsch und Rowohlt, die unabhängig von Verkaufszahlen und Markterfolg die Fahne dieses Autors hoch halten. Ohne ihre Bemühungen, wären seine Geschichten nicht dauerhaft in unseren Regalen beheimatet. Und dies auch noch dreieinhalb Jahre nach seinem tragischen Selbstmord…

Entschuldigt, wenn ich so oft von ihm schreibe… aber ich kann nicht anders… es ist ein Muss… Das letzte Kapitel schreibt „Der bleiche König“ im Jahr 2014 und mit diesem letzten Roman aus seiner Feder, endet nicht nur sein Schreiben…

Der bleiche König - Mit einem Klick zur Rezension

Der bleiche König – Mit einem Klick zur Rezension und mehr… Ende und Neubeginn

Die gesamte Werkschau:

Eine Lesekette – ausgelöst von „Unendlicher Spaß“

David Foster Wallace – The Pale King – eine Kolumne

David Foster Wallace – Eine Kolumne

Es sind schwere Tage für Fans von David Foster Wallace. Vielleicht sind es sogar schwere Tage für die Anhänger der US-amerikanischen Literatur im Allgemeinen. Ja, vielleicht ist dies so. Zweifellos jedoch sind es schwere Tage für mich, da ich etwas fühle, das ich mir seit Davids Selbstmord im Jahr 2008 niemals vorstellen wollte.

Es ist noch dunkler geworden.

Durch seinen tragischen Freitod wurde mir das literarische Herz herausgerissen. Seitdem trage ich, um in Davids eigenen Bilderwelten zu bleiben, ein transplantiertes Außenkunstherz in einer Designerhandtasche mit mir durchs Leben – nur durch eine künstliche Lebensader für alle Zeiten mit meinem Körper verbunden. Und nun kommt ein dahergelaufener Straßendieb vorbei, entreißt mir die Handtasche und wirft sie, für wertlos und inhaltsleer befunden, in den nächstbesten Müllcontainer. Meinen Herzschlag höre ich nur noch leise und blechern in weiter Ferne, während es beginnt dunkel zu werden.

Eine herzlose letzte Nacht… Xenos

David Foster Wallace – Die Wortwolke meines Leselebens

Mein Bücherherz

…versorgte meinen Organismus mit dem lebenswichtigsten Elixier, ohne das ich verdorrt wäre, wie ein Baum in der Wüste. Mit Phantasie. Mit regelmäßigen Stößen pumpte es Ideenbilder und Wortfluten in meinen Geist und hielt mich so am Leben. Meine Träume und Hoffnungen waren durch Leseadern mit diesem Herzen verbunden.

Die größte Kammer meines Leselebensherzens bewohnte David Foster Wallace. Seine Gedanken bereicherten mich täglich, halfen mir, die Perspektive zu wechseln und Wege zu beschreiten, die mich nicht spurlos am Sandstrand der Weltliteratur wandeln lassen würden. Mit seinen Büchern wurde Am Beispiel des Hummers aus meinem Lesen ein Unendlicher Spaß, der mich ein „Kleines Mädchen mit komischen Haaren“ finden ließ, die mir seit Jahren zuflüstert Alles ist grün. Am Ufer meines Büchermeers rief er mir zu: Das hier ist Wasser und stiftete mich so zum Denken an. Er war der unglaublich neue „Besen im System“, der in mir so gut gefegt hatte, dass die entstandene Leere durch ausgewählten Inhalt ersetzt wurde.

Seit Jahren kehre ich nun die letzten Reste seiner Geschichten und Fragmente zusammen, um die Sprachlosigkeit zu überwinden, in die er sich selbst am 12. September 2008 begab. Am Ende seines Weges – am Ende seiner Depression – am Ende der Wirkung aller Medikamente und wohl auch am Ende seines Schaffens. Es ist der Tag, an dem mein Bücherherz gebrochen wurde.

David Foster Wallace – Lebensbücher- Herzensbücher

Das Kunstherz

…hält mich seither am Leben. Das teure Implantat aus der intensivliterarischen Abteilung des KiWi-Verlages wurde von meinem Körper nicht abgestoßen und pocht gewaltig. Der Umstand, dass ich es in einer Designertasche tragen muss, belastet mich wenig, da sie Platz genug für Herz und Bücher bietet. Das Organ enthält alle genetischen Fingerabdrücke meines vormaligen Herzens und nährt mich mit Hoffnung. Es hält mich mit sanften Stößen am Leben und unser gemeinsames Ziel war es, auf „The Pale King“ zu warten – genau bis zu diesem Tag nicht ideen- und phantasielos am Leseleben vorbeizutreiben.

Als großer Gegenentwurf zum „Unendlichen Spaß“ mäanderten die Manuskriptseiten, Post-Its und Notizzettel zu diesem Roman in der Garage des Anwesens von David Foster Wallace. Die Langeweile sollte das Leitmotiv des Werkes sein und was wäre da besser geeignet gewesen, als die langatmige Karriere junger Menschen in der amerikanischen Steuerbehörde.

Dieser Nachlass wurde gesichtet, geordnet und zu dem zusammengefügt, was David zu Lebzeiten nicht vollenden konnte. Zu einer Vernissage durch ein unfertiges Buch. Und doch strahlen die Botschaften und Lehren, die Weisheiten und der Stil auch aus diesem Roman heraus in unser Leben hinein. Wallace`s Protagonisten, die zuvor am unendlichen Spaß zugrunde gingen, sollten jetzt in der langweiligen Realität des Lebens zur Basis des Seins zurückfinden.

Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – David Foster Wallace

Dafür sprechen die Aussagen seiner zur Legende gewordenen Rede „Das hier ist Wasser. Den Alltag überleben, so lautete seine zentrale Botschaft. Er selbst hat dies nicht geschafft.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“

Die Designertasche

… verbirgt etwas sehr wertvolles. Hoffnung. „The Pale King wird irgendwann auch in deutscher Sprache erscheinen – das kann dauern. Solange schlägt mein Kunstherz in jener Tasche, die seit wenigen Wochen das Logo des begehrten Pulitzerpreises trägt. David Foster Wallace hatte es tatsächlich geschafft, für die „Longlist“ nominiert zu werden und, noch erstaunlicher, die Leser brachten „The Pale King“ auf die letzte, aus drei Büchern bestehende „Shortlist“.

In dieser Tasche lag also nun zusammen mit meinen literarischen Hoffnungen auch der Wunsch nach posthumer Würdigung dieses Ausnahmeschriftstellers. Was für eine Chance – und sie würde nie wiederkehren. Hoffnung und Wunsch… beides ließ mich atmen und leben, träumen und fliegen…

Seit meinem Interview mit dem Pulitzerpreisträger 2010 Paul Harding (Tinkers) weiß ich, was diese Auszeichnung bewirkt, was sie verändert, was dieser Ritterschlag kulturell bedeutet. In einem Atemzug mit Hemingway genannt zu werden… was für ein Traum…

Der Dieb

…jedoch schleicht um die Ecke und versetzt der US-amerikanischen Literatur und damit auch David Foster Wallace den Todesstoß. Nicht auszeichnungswürdig müssen die drei Romane gewesen sein – nicht der Erwähnung wert – nichts wert. Ohne Begründung wurde bekanntgegeben, dass erstmals seit 35 Jahren der Pulitzerpreis in der Kategorie „Fiction“ nicht vergeben wird.

Vielleicht hätte er gelacht… – David Foster Wallace

Pulverisiert – alle Hoffnungen – zerstoben der Glaube, einem der größten Autoren seiner Generation endlich einen bedeutenden Preis verleihen zu können – vertan die Chance, insgesamt zu dokumentieren, dass die Romane unseres Jahrhunderts auszeichnungswürdig sind. Vorbei…

Gestohlen – für inhaltsleer befunden – und weggeworfen – eine Tasche mit schlagendem Herzen… wie fatal…

Leben um Dunkeln

…ist nicht leicht. Das Kunstherz schlägt ein wenig leiser als vor ein paar Tagen. Die Hoffnung auf die deutsche Fassung und das Sehnen nach dem wohl letzten Lebenszeichen des Autors geben mir Luft. Doch fühle ich mich beraubt. Wir werden nie einen Maßstab für die Auszeichnung eines Romans erfinden können, aber wir können wohl ermessen, was ein Lebenswerk charakterisiert. Es muss Menschen bewegen, sie zu Diskussionen veranlassen, von Interesse sein und eine Einzigartigkeit vorweisen, die den Unterschied zur Masse definiert. All dies hat David Foster Wallace erfüllt.

2008 – Kann ein Schriftsteller populärer sein in den USA? David Foster Wallace

Letztlich scheiterte das Pulitzer „Board“ an David Foster Wallace, wie dieser an seinem letzten Buch scheiterte. So unvollendet wie das Werk, klafft in der langen Liste der Preisträger eine nicht behebbare Lücke, die für mich immer die Aufschrift „The Pale King“ tragen wird. Hatte David Foster Wallace nur sich selbst getötet, so kann es sein, dass diese Nichtvergabe des Pulitzerpreises mit einem Genickschuss für die Literatur eines ganzen Landes gleichzusetzen ist.

Ich sitze in Gedanken oft in Davids Garage. Ich wüsste gerne, was er von alledem gehalten hätte. Vielleicht hätte er mich für meine Zeilen ausgelacht. Vielleicht hätten seine Depressionen ein Lachen nicht mehr zugelassen. Vielleicht hätte er sich gefreut zu hören, was seine Worte den Menschen bedeuten. Vielleicht hätte ich ihn auch gar nicht gefragt, sondern einfach nur geschwiegen und auf mein Herz gehört.

Es ist dunkler als früher – viel zu dunkel eigentlich…

Es ist eine herzlose Nacht… und doch kann man es noch ein wenig hören… ganz leise…

Bummbumm Bummbumm Bummbumm

Nicht verstummt… ganz und gar nicht… Der bleiche König ist da! 

Und endlich ist es soweit: „Der bleiche König„, das letzte Werk aus der Feder von David erscheint am 7. November 2013 mit einer umfangreichen medialen Vorbereitung… und hier geht es zur umfangreichen Rezension auf Astrolibrium.

Der bleiche König - Mit einem Klick zur Rezension

Der bleiche König – Mit einem Klick zur Rezension

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Denken: „Das hier ist Wasser“

David Foster Wallace wurde 2005 darum gebeten, vor Absolventen des Kenyon College eine Abschlussrede zu halten. Ein sonniger Tag erwartete die zukünftigen ehemaligen Studenten im Innenhof des Colleges. In schwarze Roben gehüllt und mit Doktorhüten auf den Köpfen erwarteten sie in Anwesenheit ihrer Familien den Auftritt des wohl stimmgewaltigsten amerikanischen Schriftstellers der Moderne – David Foster Wallace. XENOS

Sie alle kannten die Magie von „Unendlicher Spaß, sie alle wussten von der Sprachgewalt seiner Kurzgeschichten, wie Alles ist grün oder Am Beispiel des Hummers, und doch ahnte niemand, was er genau an diesem Tag zu sagen hatte. Gespannte Erwartung machte sich auf dem Platz und in den Gesichtern der Absolventen breit. Wer erwartet hatte, einen dem Anlass entsprechend gekleideten Eliteautor zu erleben, der wurde schnell eines Besseren belehrt.

Den Talar des Ehrenredners nur lose übergeworfen, sodass er bei jedem Satz über die hängenden Schultern nach unten bis zu den Ellenbogen rutschte, die Haare lang und wirr, stand er mit seinem Manuskript bewaffnet am Rednerpult der altehrwürdigen Eliteschule.

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser…

Gebannte Stille.

Was dann folgte ist heute Legende! David Foster Wallace erhob die Stimme und beseitigte mit den ersten Sätzen den künstlichen Horizont, der das menschliche Denken bestimmt. Mit wenigen einfachen didaktischen Parabeln verschob er Perspektiven, lenkte das egozentrische Denken der jungen Menschen in die Richtung einer empathisch geprägten Weltsicht und veränderte mit einem Schlag, mit einer einzigen Rede die „Standardeinstellungen“ des menschlichen Geistes. Seine Anstiftung zum Denken erhob sich über den Status einer „normalen“ Abschlussrede – sie gilt heute als Pflichtlektüre für amerikanische Schulabsolventen und ist eines der meistzitierten Werke des Autors.

Dabei bleibt unser David Foster Wallace in einer erfreulich wenig schulmeisterlichen Position. Er lebt vor über was er schreibt, kein erhobener Zeigefinger, kein „ich weiß das besser“ und nicht eine Spur von der Frustration eines Erwachsenen, der seinen Zielen hinterher jagt – nichts davon überlagert die hellsichtigen Aussagen.

Fische – eine didaktische Parabel von David Foster Wallace

Er sieht sich nicht als der alte weise Fisch, der kopfschüttelnd darüber urteilt, warum die jungen Fische keine Vorstellung vom sie umgebenden Lebenselixier haben. Er sah sich nie in dieser Rolle. Diejenigen, die ihn an diesem Tag erlebt haben urteilten anders. Tief bewegt und aufgerüttelt schrieben sie Artikel oder berichteten im Internet – und unisono war zu vernehmen: „He was the old fish“. Die mit Sicherheit emotionalste Reaktion eines Studenten lautete „He is the water…“.

Erstmals in deutscher Sprache… erstmals und zumindest für den Moment ausschließlich als EBook verfügbar, aber ab Mai auch als Taschenbuch bei KiWi. Eine kurze Rede… nicht viele Seiten zu lesen, aber eine beeindruckende Möglichkeit, sich in die Denkwelt eines David Foster Wallace zu begeben. Eine beeindruckende Möglichkeit, in seine Seele zu blicken und zu erleben, mit welcher Verve er versucht, seine Botschaft zu vermitteln.

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit, und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.“

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser

Eine Rede ist eine Rede ist eine Rede, könnte man meinen. Wenn man jedoch mit der Biografie von David Foster Wallace verwachsen ist, dann stimmen seine Worte nachdenklich – und mehr als das. Am Ende aller Depression erhängte sich David Foster Wallace 2008 – am Ende seines Weges sah er nur diesen Ausstieg. In der Abschlussrede werden wir bereits 2005 Zeugen als er formuliert:

„Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen. Und in Wahrheit sind die meisten dieser Selbstmörder eigentlich schon tot, lange bevor sie den Abzug drücken.“

Bei diesen Zeilen war mein Lesen an einem Punkt angelangt, der kein „Weiter“ mehr zuließ. Mein Lesen hatte David Foster Wallace erreicht und mein Kopf stellte sich die Frage, an welchem Tag er wirklich starb. Lest sein Vermächtnis… träumt seinen Traum… lasst euch auf seine Denkwelt ein… er hat es so sehr verdient – ihr habt es verdient.

Ich hätte viel darum gegeben, ihn erleben zu können – an jenem magischen Tag 2005 im Vorhof des Kenyon College. Ich hätte sehr viel darum gegeben. Es ist wichtig für mich, ihn zu lesen. Ich freue mich auf den Mai, wenn ich das Buch in Händen halten darf und ich kann es kaum erwarten, bis sein letzter Roman „The Pale King“ endlich übersetzt ist.

Ich lehne mich jetzt zurück und höre ihm ein wenig zu. Es ist fast so, als sei ich mitten unter den Schülern – es ist fast so, als hätte ich ihn ein wenig gekannt… es ist fast so, als wäre er noch…der Mann mit dem rutschenden Talar… der Mann, dem man so gar nicht ansehen konnte, was in ihm tobte… und welche Welt er erfand….

Und mit Verlaub liebe Freunde vom KiWi-Verlag – diese Bemerkung tobt in mir seit ich „Das hier ist Wasser“ beendet habe: im kurzen Nachwort zu schreiben „David Foster Wallace verstarb am 12. September 2008“ ist vor dem Hintergrund seines Lebenswerkes und der Signalwirkung seiner Rede schlichtweg falsch. Er verstarb nicht – er beging Selbstmord. Dies zu erwähnen ist ein Muss, wenn man die Rede bis ins letzte Detail verstanden hat und hofft, dass sich neue Leser dem Phänomen Foster Wallace nähern wollen.

Es ist noch Zeit bis Mai… es ist noch Zeit, dies im Nachwort des Buches zu erwähnen. Er hat sich erhängt…. Einen Grund dafür erwähnt er in dieser Rede….

Mit einem Klick zur neuen Kolumne – David Foster Wallace

Und endlich ist es soweit: „Der bleiche König„, das letzte Werk aus der Feder von David erscheint am 7. November 2013 mit einer umfangreichen medialen Vorbereitung…

Willkommen in Deutschland. Euer Majestät

Willkommen in Deutschland, Euer Majestät! Ein Klick genügt…

Am Beispiel des Hummers – David Foster Wallace

Man stelle sich folgende Ausgangssituation vor:

Das renommierte kulinarische Fachmagazin „Gourmet“ beauftragt einen ebenso renommierten Schriftsteller (in diesem Falle den aufgehenden Stern am amerikanischen Literaturfirmament David Foster Wallace), eine kleine und feine Reportage über das größte Hummerfestival der Welt – das Maine Lobster Festival – zu schreiben.  Natürlich verspricht sich der feinschmeckende Auftraggeber eine stilistisch wohlgeformte und einzigartige Lobeshymne auf diesen Tempel des modernen Lebensgefühls bei gleichzeitiger Hervorhebung der Vorzüge der Haute Cuisine [ot kɥiˈzin] . Und dies eben „Am Beispiel des Hummers“.

All dies stelle man sich vor. Xenos

Man stelle sich darüber hinaus den beauftragten Autor vor.

David Foster Wallace hatte 1996 mit dem Unendlichen Spaß einen Sensationserfolg aufs literarische Parkett gelegt und gehörte unumstritten zu den hoffnungsvollsten englischsprachigen Autoren. Trotzdem war es nicht ausschließlich die Kreativität, die sein treuer Lebensbegleiter war. Depression – die dunkle Seite der Phantasie – hatte ihn seit Jahren fest im Griff. Mal intensiver, mal mit ein wenig gelockertem Griff um die schreibende und fühlende Seele. Jedoch – sie war immer da…. immer….

Genau sieben Jahre später, als der Unendliche Spaß schon endlich zu werden schien, nahm David diesen Auftrag bereitwillig an und begab sich voller Tatendrang nach Maine. Sein Leben war im Lot und er stand kurz vor dern Pforten der Ehe mit der  Malerin Karen Green.

David Foster Wallace begann vor Ort mit seinen Recherchen – unvoreingenommen und fasziniert vom Thema. Es hummerte in ihm und sein Essay beginnt mit einer umfassenden Betrachtung zur kulinarhistorischen Geschichte des „Lobsters“. Er schildert den Aufstieg eines Armeleuteessens zur Gourmetlebensader und erläutert die wachsende regionale und globale Bedeutung des Hummer-Festivals in Maine. Er schildert die Vielzahl von Zubereitungsmethoden, durch die der Hummer erst zu dem wird, was sich sehnsüchtige Feinschmeckergaumen von ihm erwarten.

All dies schreibt er virtuos und dezidiert… unvoreingenommen wie gesagt, bis zu jenem Punkt, der alles ändert.

Im Angesicht des weltgrößten Hummerkochtopfs (The World Largest Lobster Cooker) beginnt das Werk zu kippen – genau an diesem Punkt beginnt der Autor das Objekt seines Essays mit anderen Augen zu betrachten und die neue Perspektive setzt bei einer elementar wichtigen Erkenntnis ein. Haben doch alle bekannten Zubereitungsmethoden der modernen Hummerküche eines gemeinsam:

„Ein Detail, das offenbar so selbstverständlich ist, dass es in den meisten Kochbüchern nicht einmal erwähnt wird: Der Hummer kommt lebend in den Topf!“

Foster Wallace wäre nicht Foster Wallace, wenn sich nicht genau an dieser Stelle die Tür zu einer anderen Welt öffnen würde. Er reflektiert ungeschönt die abstrusen menschlichen Vermutungen über die angebliche Schmerzunempfindlichkeit anderer Lebewesen. Er analysiert systematisch alle Argumente, die uns den Weg öffnen, Tiere bei lebendigem Leib zu kochen und es stellen sich ihm (und dem nicht abgebrühten Leser) die Nackenhaare auf, wenn er den Todeskampf des verzweifelten Hummers beschreibt.

Ein Artikel für das Gourmet-Magazin ist dies nicht mehr – kann es nicht mehr sein und wird es nie werden. Thema verfehlt, könnte man sagen. Jedoch nur, wenn man sich anderes vom amerikanischen Autor erwartet hatte! Nur dann, wenn man keine neue Erkenntnis erwartete – und die hat es gewaltig in sich!

Hierfür benötigt er keine Enzyklopädie – David Foster Wallace vermag es, auf genau 64 Seiten das Kaleidoskop unserer Wahrnehmung um 360 Grad zu drehen, um dann im finalen Schritt eine weitere Umdrehung folgen zu lassen. Nicht mehr der Hummer steht danach alleine im Fokus der ethischen Schlussbetrachtung…. es ist eben alles nur „Am Beispiel des Hummers“ erzählt.

David Foster Wallace nahm sich am 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien, das Leben. Die tiefen Depressionen hatten ihn fest im Griff, eine stationäre Elektrokrampftherapie war wirkungslos verpufft und der begnadete Schriftsteller sah wohl keinen anderen Ausweg mehr, als dauerhaft im Meer der dunklen Wellen zu versinken. Uns bleiben seine Werke, vom „Unendlichen Spaß“ bis hin zu seinen Kurzgeschichten… wenigstens das bleibt… wenigstens das….

David Foster Wallace – Alles ist grün

David Foster Wallace hat mein Leben verändert. Er hat dies mit seinem Opus Magnum Unendlicher Spaß nachhaltig bewirkt. Die 1648 Seiten dieses Romans haben meinem Leseverhalten eine qualitative Vollbremsung verpasst, die so erhaben erschien, dass sie noch heute nachwirkt. Dies alles habe ich damals in meiner Rezension zu verarbeiten versucht und sie heute erneut zu lesen, macht mich nachdenklich. Jedes Wort von einst steht immer noch vor meinem geistgen Auge und hat Bestand! Xenos

David Foster Wallace hat auch mein Schreiben verändert – er hat mich aufmerksamer gemacht und mir auf der Buchmesse in Frankfurt 2009 einen Menschen geschenkt, ohne den dies hier alles nicht möglich wäre. Die Anfänge von Literatwo liegen in einem Gespräch über ein gestohlenes Kunstherz verborgen.  Es war der Beginn eines unendlichen Spaßes…

Zur Rezension – David Foster Wallace – Unendlicher Spaß

Heute erneut ein Buch des Schriftstellers in Händen zu halten, der sich 2008 am Ende eines von Depressionen gemarterten Lebensweges mit eigener Hand aus selbigem befördert hat, lässt in mir die Hoffnung aufkommen, dass er in uns weiterlebt. Dass uns seine unentdeckten Zeilen, seine frisch übersetzten Geschichten mit einer Faszination erfüllen, die heute ihresgleichen sucht.

Alles ist grün liegt neben mir. Fünf Erzählungen aus dem Band „Girl with Curious Hair“ aus dem Jahr 1989 haben mein Leserherz im Sturm erobert und wieder die einzigartige Stimmung ausgelöst, die ich 2009 beim Lesen des „Unendlichen Spaßes“ empfand. Und jede dieser Geschichten zeigt mir mit welch narrativer Wucht David Anlauf genommen hat um sein späteres Meisterwerk zu formen.

Rezensieren fällt auf dieser Gefühlsebene schwer… aber den Versuch darf ich wagen… seid ein wenig nachsichtig mit mir…

Alles ist grün

„Mayfly, sag ich, mein Herz ist bis zum Mond und wieder zu dir zurück, aber ich bin achtundvierzig.“

Auf nur drei zarten Seiten lernen wir Mayfly kennen, zweifeln an ihrer Glaubwürdigkeit und erliegen doch trotzdem ihrer grenzenlosen Faszination. Ein mutiger Blick durch ein Fenster, der Versuch eines Mannes, sich von ihr loszumachen und einen Weg zu finden, der sich richtig anfühlt. Und dann sagt sie nur ein paar Worte, die alles zum Wanken bringen.

„Alles ist grün“, sagt sie. „Schau mal, wie grün alles ist, Mitch.“

Wallace genügen drei Seiten. Sie hätten ihm immer genügt und doch bin ich dankbar, dass er später noch 1648 unendliche Seiten beschrieb… Und dass gerade diese Geschichte dem Buch seinen Namen geben durfte empfinde ich als passend. Alles ist grün… scheint es mir zuzurufen…

Zum Glück verstand sich der Vertriebsrepräsentant auf HLW

Eine Fingerübung des brillanten Autors, möchte man meinen. Wenige Seiten nur und doch ein kleiner deskriptiver Meilenstein.

Zwei Menschen, die sich lediglich über ihren Beruf und den damit verbundenen Status definieren lassen und ein Gebäude, das seine Bestimmung dem Lauf der Zeit anpasst. Abends nicht mehr geschäftig, nicht mehr beherrscht von Führungskräften – die Hierarchie der Firma dominiert nicht länger die Anordnung der Räume – ein Raumseufzen macht sich breit und doch gibt es zwei leitende Mitarbeiter, die diesen Rhythmus zu durchstoßen scheinen.

Am Ende karrierefördernder Überstunden begegnen sich diejenigen, deren Begegnung im ganz normalen Arbeitsalltag völlig ausgeschlossen ist, in der Tiefgarage. Statussymbolbeschildert und einsam waret sie auf den Ausklang des Tages – nicht jedoch auf eine dramatische Konfrontation – nicht auf den hämmernden Rhythmus einer Herz-Lungen-Wiederbelebung.

Keine Fingerübung – und wenn, dann eine filigrane…

„Nur auf die Bedürfnisse zweier Leben ausgerichtet, rief er unter dem allen wieder und wieder um Hilfe.“

Hier und dort

Warum lebt man sich auseinander? Wo liegen die Gründe für veränderte Gefühle und warum kann meist einer der Beteiligten nicht loslassen und klammert psychotisch an den Resten der gemeinsamen Zeit? Zwei Menschen in einer außergewöhnlichen Fiktionstherapie im berührenden Versuch eine Wahrheit zu ergründen, die für beide Bestand haben könnte. Ein verzweifelnder Bruce, für den sich das Hier und Dort dramatisch verschiebt und eine Frau, die erleben muss, dass ihr wertvollstes Geschenk den ersten Schritt zur Entfremdung bedeutete.

Wallace spielt mit seinen Dialogen und Bildern. Mit ihm wird Nähe gefährlich und Entfernung zur Sucht. Wer im Hier alles findet, der strebt nach dem Dort… ohne das Hier loslassen zu können…

„Ihre Fotografie schmeckt bitter. Kann sich bitte mal melden, wer mir glaubt, dass ich ihr Foto küsse?“

Der letzte Satz aus „Infinite Jest“ als Tattoo auf dem Arm eines wahren Lesers…

Sag nie

Auf nicht mal dreißig Seiten entfaltet Wallace den komplexen Kosmos zweier Familien. Seit ewigen Zeiten miteinander befreundet finden sich die Alten am Ende ihrer Wege in Vertrauter verwitweter Zweisamkeit. Übrig geblieben im Meer der Zeit und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Jugend im Taumel zu beobachten. Niemand kann verhindern, dass sich der verheiratete Lenny in die spanische Freundin seines Bruders verliebt und seine Ehe am südländischen Vollblut misst.

Nichts kann gegen sie bestehen, weder das Lachen seiner Frau, noch die gemeinsame Verantwortung für Kinder und Leben. In einem halben Brief an „Geliebte Väter und Lehrer“ versucht Lenny nicht zu erklären oder zu verteidigen – nein, er teilt sich der Welt mit. Unmissverständlich in seiner doktoralen Diktion. Distanziert und sich selbst näher als jemals zuvor. Die Reaktion seines Bruders sieht er voraus – wie sein Leben mit jener männerverzehrenden Versuchung an seiner Seite.

Charaktere, die uns auf nur wenigen Seiten ans Herz wachsen, als würden wir sie seit ewigen Zeiten kennen. Eine Kurzgeschichte die den Wunsch entstehen lässt, mehr zu lesen… Diesen Wunsch hat uns der Autor im Unendlichen Spaß erfüllt. Nicht was die Personen betrifft – den Stil seiner Wortgewalt hat er in den Opus Magnus gerettet, auch wenn er selbst nicht mehr zu retten war!

„Zimtmädchen, gewürzte Sahne, Honig zum Küssen, schmilz heiß um meine Hüfte.“

Westwärts geht der Lauf des Weltreichs

Warum dachte ich sofort an „Vierzig Wagen westwärts“ – warum sah ich schon vor dem Lesen Menschenmassen gen Westen pilgern? Adaption, Vorahnung oder einfach nur Zufall? Ich werde das nie erfahren. Was mich dann jedoch beim Lesen der umfangreichsten Geschichte des Buches ereilte, kann man sich vorstellen.

Collision, Illinois, so der metaphorisch anmutende Name des verträumten Städtchens, das hier in den Mittelpunkt einer der typischsten Wallace-Erzählungen rückt. Ein Großinvestor plant die Vereinigung aller Schauspieler, die jemals in einem der 6659 Werbespots des Fastfoodriesen McDonalds aufgetreten sind. Aller Schauspieler, wohlgemerkt. Und so kommt es, dass sich insgesamt mehr als 44000 ehemalige Kinderdarsteller, Werbeschauspieler und arbeitslose Clowns auf den Weg in den Westen machen.

Das Ziel dieser Vereinigung? Ganz einfach – ein neues Franchise-Unternehmen mit dem tänzerisch klingenden Namen „Juxhouse“ soll durch diese Aktion in die Startlöcher des amerikanischen Disco-Marktes geschoben werden.

Unter ihnen, im Strudel der Ereignisse zwei Teilnehmer eines Creative-Writing-Seminars einer Wirtschaftsschule. Sie geben sich den Risiken und Vergnügungen der Populärkultur hin, die sie selbst gerne so nachhaltig verändern würden. Die Erkenntnisse fluten ihren Verstand. Sie erkennen,

„… dass das Leben nicht nur als nicht Jugendfrei eingestuft werde, sondern oft genug gar nicht in den Vertrieb gelange. Sei halt zu langsam.“

Systematische Systemkritik, populärkulturelle Demaskierungs-Literatur und das gewagte Entwickeln zukünftiger Fiktionsautomatismen kennzeichnen diese postmoderne Erzählung.

Die Protagonisten werden im Strudel aufgesaugt – fast bis zur Unkenntlichkeit zermahlen und doch lebt man in der Hoffnung, dass sie den Kreislauf stoppen können. „Wallace lesen ist wie Achterbahnfahren mit verbundenen Augen.“ Hier hat er gerade mal fulminant Anlauf genommen um die späteren Unterhaltungspatronen in das Magazin des Unendlichen Spaßes zu laden und zur Zündung zu bringen. Ein Muss für Fans des Megatalents.

Eine Geschichte zieht die nächsten Erzählungen nach sich… literarische Kettenreaktionen gibt es nur bei High-End-Autoren. Ich muss mehr herausfinden. Ich möchte das „Kleine Mädchen mit den komischen Haaren“ kennenlernen und endlich erfahren, wie ein Hummer sich fühlt, wenn sich das Badewasser als Kochtopf herausstellt…

Ich muss… und habe schon bestellt… Morgen kommen Bücher…

ZUR KOMPLETTEN WERKSCHAU DAVID FOSTER WALLACE